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Loslassen lernen. Sollte das die erhabenste Lehre sein, die ich am Ende meines Lebens ziehen kann? Ich bin Ole, ein praxiserfahrener, wenn auch selbsternannter Therapiehund und gleichzeitig das Lebewesen mit den wohl tiefgründigsten Gedanken, die ein jemand wie meinereins überhaupt haben kann. Als ichgerade zwei dicke Kartoffeln groß war, hätte niemand, vor allem ich nicht, gedacht, dass ich später einmal eine ganze neunköpfige Familie zusammenführen und -halten würde. Integrationsmanagement! Damit auch andere eine Chance auf ein erfülltes FamilienLeben erhalten können, möchte ich mithilfe meines Menschenfreundes »ThomasSchatzi« mein gesamtes bisheriges Leben mit euch teilen. Von Bänderrissen, ersten und einzigen Schwimmversuchen und verrückt gewordenen Kühen bis hin zu allerlei Tipps zur unauffälligen Menschenführung für meine Hundefreunde, Ein paar Weisheiten über unser Hundedasein und unbekannte Fakten über das Verhalten unserer Spezies in den unterschiedlichsten Zusammenhängen sind die Stammwürze meiner Erzählungen. Oder wusstet ihr Menschen, dass wir Hunde telepathisch mit euch verbunden sein können? Wie würden wir es sonst wohl anstellen können, ausgerechnet immer dann Gassi gehen zu wollen, wenn es draußen gerade regnet und ihr so gar keine Lust habt? Spaß muss sein! Und den haben wir. Tja, da gibt es so einiges, was ihr nicht wisst ...
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Seitenzahl: 268
Veröffentlichungsjahr: 2020
Impressum
1. Auflage 2020
© Spirit Rainbow Verlag
UG haftungsbeschränkt
www.spirit-rainbow-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten
Printed in Germany
Gestaltung, Druck und Vertrieb:
Druck- & Verlagshaus Mainz
Süsterfeldstraße 83
52072 Aachen
www.verlag-mainz.de
Abbildungsnachweis (Umschlag):
https://pixabay.com/de/photos/hund-haustier-tier-süß-familie-1384887/
ISBN-10: 3-948108-02-1
ISBN-13: 978-3-948108-02-1
e-Book:
ISBN-10: 3-948108-13-7
ISBN-13: 978-3-948108-13-7
Liebe Leserinnen und Leser,
es mag Ihnen etwas seltsam erscheinen, dass ich, ein Berner Sennenhund, geboren 2010 am bayrischen Ammersee, das Vorwort zu dieser Fibel schreibe. Dazu später etwas mehr. Was jedoch vor allem gesagt werden muss, um Missverständnisse oder Fehldeutungen auszuschließen, ist Folgendes:
Dieses Buch ist eine Mischung aus Realität und Fiktion. Es ist also sowohl tatsächlich als auch erfunden. Es ist meine ganz spezielle Hunde-Sicht auf die letzten achteinhalb Jahre meines Lebens in meiner Familie, welches noch nicht zu Ende gelebt ist. Es sind Eindrücke, die für mich real sind und waren. Ob dieselbe Realität auch anderen zuteilwurde, kann ich nicht sagen. Alle Namen der auftretenden Akteure sind selbstverständlich geändert und alle Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind einerseits gewollt und andererseits so verschleiert, dass direkte Rückschlüsse auf diese nicht möglich sein sollten. Es ging mir hier vor allem darum, mich und meine Reifeprozesse zum »Ehrenamtlichen Therapiehund« darzustellen, damit andere Hunde und/oder Menschen gelegentlich davon profitieren können. Deshalb der Name »Fibel« (Lehrbuch) im Untertitel.
Diese Entwicklungen gingen keineswegs gradlinig vonstatten. Wie Sie sich unschwer vorstellen können, erlebte ich dabei Sprünge nach vorne und derbe Rückschläge in meiner Entfaltung. Manches Mal schoss mein Ego weit über das Ziel hinaus und manchmal war ich zu defensiv. Doch insgesamt gedieht, wie durch ein Wunder, alles so, dass es sich heute harmonisch und ausbalanciert anfühlt. So wie ich denke und fühle, so ist der Text geschrieben.
Ich habe das Buch meinem Rudelführer und lieben Menschenfreund Thomas Mateo diktiert. Es war eine geistige Verschmelzung und telepathische Diktion meinerseits, da mir mit meinen klobigen Pfoten das Schreiben leider nicht möglich ist. Der Schreiber ist also nur für die Rechtschreibung, nicht aber für den geistigen Inhalt verantwortlich zu machen. Er wusste zwar, dass ich mich seiner Fähigkeiten bediente, aber er versuchte nie, irgendeinen stilistischen Einfluss auf mich auszuüben. Es war zu Anfang sehr schwierig, ihn davon zu überzeugen, dass wir auf dieser unhörbaren Ebene überhaupt miteinander kommunizieren können Er hatte, wie übrigens fast alle Menschen, die Fähigkeit der geistigen Verschmelzung nicht mehr aktuell auf dem Schirm. Wir mussten sie also bei ihm und für ihn gemeinsam rückentwickeln. Nun weiß er es besser und kann damit umgehen.
Ich wünsche Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, dass Sie meine autobiographischen Ausführungen genießen und vielleicht sogar ein paar Passagen finden, die Sie so berühren, dass Sie eine kurze Weile nachdenklich die Augen schließen und sich dem Träumen und Sinnen hingeben. Vielleicht versuchen Sie sogar, auch einmal telepathisch mit Ihrem Hund zu kommunizieren, was ich geradezu genial fände. Vor allem aber wünsche ich Ihnen Spaß beim Lesen und bedenken Sie, dass manchmal Dinge passieren, die man nicht voraussehen kann und/oder will! Lassen Sie sie geschehen!
Viel Freude, Ihr Ole.
Gewidmet meinen Mensch-Freunden und den Resten meiner Ursprungsfamilie.
»Existiert der Traum? Gibt es den Nicht-Traum? Ein Traum ist ein Traum, ist eine Träumerei im Traum? Was wäre, wenn unser ganzes Leben nur ein Traum wäre? Was wäre, wenn wir nur der Traum eines anderen Träumenden wären? Wessen Traum wäre das dann eigentlich und wo schläft der Träumer? Und funktionierte das auch umgekehrt? Sind die Personen, Tiere und anderen Wesen in unseren Träumen irgendwo anders wirklich und können sie dort träumen? Existieren wir alle nur als Träume und/oder Träumer in Träumen anderer Träumer? Und plötzlich träumen alle nur noch?!
Existiert die Zeit? Zukunft ist noch nicht – existiert sie? Gegenwart wird, indem man sie spürt, zur Vergangenheit – existiert sie? Vergangenheit ist die Erinnerung an eine Zeit der Gegenwart – die vielleicht nie existiert hat – kann sie also existieren? Ist die Zeit etwa eine geschwindelte Erfindung der Menschen, um die Angst vor dem Ewigen zu vertreiben? Wenn jeder seine eigene Zeit hat – gibt es denn dann die gemeinsame Zeit überhaupt? Wie kann man so überheblich sein, messen zu wollen, was für jeden anders ist? Kann es im Ewigen einen Zeitpunkt geben, an dem man lebt?
Existiert eine Erleuchtung? Oder ist Erleuchtung nur so etwas wie ein erzwungenes Zeitphänomen der jeweiligen Gegenwart? Ist Erleuchtung die Rückkehr in die eigene und allgegenwärtige Ewigkeit aller Wesen? Der lange Weg der verirrten Seele zurück zum ewigen Licht? Und können Erleuchtete mit Tieren reden? Oder Tiere mit ihnen?«
Wo habe ich das alles nur gehört oder gelesen? Wer hat es mir zugeflüstert? Wie kam es bei mir an? Das frage ich mich seit einiger Zeit unablässig, während ich weiterschreibe. Und ich verdächtige Ole, unseren Hund. Aber war es wirklich unser Hund, der mich auf diese Fragen brachte? Hatte er mir das alles zugeflüstert? Aber wann? Ich kann mich nicht erinnern.
»Wer sich oder anderen solch existentielle Fragen stellt, der wird sich und/oder andere mit einer komischen, kosmischen Welt konfrontieren, die wahrscheinlich niemand begreifen kann, der es denkend und nachsinnend probiert. Solche elementaren Fragen führen einen unwiderruflich an die intellektuellen Grenzen menschlicher Geistesschöpfungen und Inspirationen. Über den nebeligen Rand der menschlichen Intelligenz hinaus. Ins diffuse Reich des Spirituellen. Des Nicht-Denkbaren. In die Bereiche der heiligen Matrix allen Lebens. Dafür allerdings seid ihr Menschen leider noch nicht weit genug. Doch es gibt Unterstützung. Seid gewiss.«
Hatte das mein Hund mir gerade eben zugeraunt? Schreibe ich nur auf, was mein Hund mir diktiert? Bin ich eine Art Übersetzer? Ein Transformator? Ein Träumer im Hundetraum? Wessen Prolog schreibe ich eigentlich?
»Was sind schon banale Annahmen und denkbare Zustände im Anblick der jetzt real existierenden Wirklichkeit, der täglich um sich selbst herum rotierenden Wirklichkeit, die man nur selten begreifen und noch seltener greifen kann? Und am Rand des Unbegreiflichen steht da tatsächlich die wirkliche Wahrheit und wartet auf die Erleuchteten? Wenn sie sie denn sehen und hören und spüren wollen! Wer kann das denn begreifen, erspüren, erfühlen, erhören und erblicken?«
Nun ja, mein Hund, der scheint etwas begriffen zu haben. Jedenfalls denkt er ganz selbstverständlich darüber nach. Im Gegensatz zu mir. Nur, wie macht er das? Meine Erklärung ist ganz einfach: Dieser Hund ist ein Phänomen! Klar gibt es Dutzende oder gar Hunderte, vielleicht sogar Tausende von Beispielen, wo kluge Hunde ihre dumpfbackigen Besitzer – oder sagen wir besser: Begleiter – vor Gefahren bewahrt haben. Sogar vor Lebensgefahren. Manchmal retten sie ganze Gruppen von Menschen. Sie buddeln in Schneemassen oder sie laufen hunderte Kilometer, wenn es sein muss, um Hilfe zu holen. Sie riechen das Feuer der Vulkane bereits, da sehen und spüren wir es noch lange nicht und sie spüren das herankommende Erdbeben, lange bevor unsere sensiblen Seismographen ausschlagen. Und dennoch: Meistens wird es in der Öffentlichkeit ignoriert. Heruntergespielt. Verflacht. Es ist nur ihr Instinkt, sagen die einen. Sie spüren halt die Gefahr früher als wir und sie sind zum Retten geboren, sagen die anderen. Na sowas! Sie stehen direkt mit dem Großen Geist in Verbindung und haben sich den jeweiligen Begleiter auf Erden schon im Jenseits ausgesucht, meinen die Spirituellen. Und die Hundetrainer behaupten: Diese Tiere sind nichts als unsere Freunde und deshalb verhalten sie sich auch so! Alles automatisch, instinktiv und nicht etwa gelenkt und bewußt. Sie können nicht anders. Sie brauchen das. Als Retter von uns Menschen wurden sie geboren. Alles für uns Menschen. Wow! Wieso eigentlich?
Mein Hund ist sehr sensibel und leicht eingeschnappt, sogar beleidigt. Wenn ich nicht sofort tue, was er möchte, dann hilft er mir, mich zu verbessern. Er setzt sich vor mich hin und schaut mich aus seinen rehbraunen Augen aufmerksam und konzentriert an. Solange, bis er erhält, was er verdient. Er ist geduldig wie ein Stein. Buddha lässt grüßen. Er verändert nicht etwa seine oder meine Welt, sondern nur mein Bewusstsein. Er wartet in seiner unendlichen Hilfsbereitschaft ab, bis ich verstanden habe, was er möchte. Manchmal kippt er seinen puscheligen Kopf dabei ein wenig seitlich ab. Vielleicht nach rechts, vielleicht nach links. Das ist egal. Immer ist es ein spürbarer Motivationsschub, den er abgibt. Extrinsisch. Damit ich weiterkomme im Leben und nicht weiter erstarre in meiner gesellschaftlichen Konformität und banalen Struktur.
Ein anderes Mal hilft er meinen unwissenden Kindern. Sie sind aufgeregt und verzweifelt, weil sie von mir oder meiner Frau nicht immer gleich bekommen, was sie unbedingt haben möchten. Sie zetern und schimpfen ganz schrecklich. Sie stampfen mit den Füßen und ärgern sich ganz furchtbar. Sie rennen aufgeregt schluchzend in den Garten. Dort sitzt der große Hund. Er wiegt fast 50 Kilogramm. Mittendrin sitzt er und schaut. Wenn er sie kommen sieht, kommt sein bester Trick, der immer funktioniert. Dann schmeißt er sich augenblicklich auf den Rücken und hält ihnen seinen weichen, befellten Bauch entgegen. Er streckt seine zottelig behaarten Beine nach oben in den Himmel, so als wollte er die gute Energie des Kosmos empfangen und weitergeben. Wenn sie ihn sehen, dann laufen sie laut weinend auf ihn zu und fangen an, ihn zu streicheln und zu herzen. Sie jammern und schluchzen, während sie ihn durchwuscheln. Und nach wenigen Augenblicken strahlen und lachen sie wieder. Sie nennen ihn beim Namen. Sie flüstern ihm ihr Leid und er bleibt ganz ruhig auf dem Rücken liegen, hat die Augen geschlossen und hört genüßlich schnaupend zu. Geheimnisse. Aufmerksam und hingebungsvoll hört er ihnen zu, während er es auch ein wenig genießt, dass sie ihn streicheln beim Klagen. Win-Win.
Mein Hund ist eigentlich unser aller Hund. Wir sind eine ganz normale Familie mit einem Hund. Durchschnittsfamilie. Naja, fast: Zwei Erwachsene, sieben Kinder und der Hund. Der Hund ist nun über 8 Jahre alt und topfit. In Menschenjahren ist er 8 x 8,6 Jahre alt, sagt meine Frau. Das wären dann so circa 68 Jahre. Etwas älter als ich und um einiges älter als meine Frau. Und viel älter als unsere Kinder. Die Älteste ist gerade mal 17 und die Jüngste ist 11 Jahre alt. Der Rest liegt irgendwo dazwischen. Mehr oder minder pubertär. Schwierig, lustig, ängstlich und oft auch wütend. Wir leben zusammen in einer verflixten Tausendsassa-Welt mit ziemlich schwierigen, vollgestopften Zeiten. Umbruchzeiten. Digitale Revolution und so. Überforderungsgefährdet. Die Kinder und auch wir primitive Erwachsene wissen nicht immer, wie es weitergehen soll und wird und kann. Und überhaupt. Es gibt so viele unterschiedliche, gute und traurige, Informationen und Ablenkungen. Überall ist nirgends und selbst die abgelegensten Gegenden der Welt werden andauernd in unser Bewusstsein gezerrt und mit Informationen beregnet.
Wir wissen Dinge aus Polynesien und Australien, aus den USA und aus China, obwohl wir selbst hier in Mitteleuropa leben. In Deutschland. Auch politische Sachen und sogar Revolten aus dem fernen Afrika oder dem regnerischen Südamerika oder aus Korea, der geteilten Halbinsel, sind uns nicht verborgen. Wir haben Online-Freundschaften mit Japanern und Eskimos, obwohl wir noch nie dort waren, wo die leben und vielleicht auch nie dorthin gelangen. Wir chatten einfach mal mit ihnen, weil wir Zeit haben. Im Internet. In unterschiedlichen Sprachen. Elektronisch angepasst und voller bizarrer Irrtümer. Deutsch, Englisch, Spanisch, Japanisch, Chinesisch, Koreanisch. Nein, nein, wir haben diese Sprachen nicht etwa alle gelernt, sondern wir haben schlicht nur Übersetzungsprogramme im Internet, online, und die übersetzen für uns unsere Texte in die fremden Sprachen. Das ist sehr angenehm, selbst wenn wir nicht sicher sein können, dass das, was wir eigentlich ausdrücken möchten, auf der anderen Seite der Welt auch so verstanden wird, wie wir es sagen wollten. Denn manchmal kommen Antworten aus dem Internet zurück, die passen so gar nicht auf unsere klugen Bemerkungen. Doch das ist zweitrangig. Wichtig ist alleine das Chatten! Freunde überall. Klicks. Likes. Follower. Wir sind eine große globale Familie geworden. Was für eine überirdische Freude! Irgendwie könnte man fast glauben, die Menschen hätten es endlich geschafft. Friede und Freunde überall auf der Erde. Ein ganz großes, gemeinsames Einverständnis allenthalben. Heile Welt dank Online-Datennetz. Der elektronische Weltfrieden. Endlich Frieden und kein Krieg mehr. Krieg gab es viel zu lange.
Wenn da nur die alltäglichen Irrtümer und die Missverständnisse nicht wären. Manchmal haben wir das dumpfe und zugleich absurde Gefühl, vor allem dann, wenn der elektrische Strom ausfällt oder wir irgendwie keinen Empfang aus dem Internet haben, dass wir sehr alleine sind. So alleine, dass wir auch einsam sagen könnten. Dann blicken wir auf von unseren elektronischen Unterstützern und schauen verwundert um uns herum und staunen ängstlich. Wo sind denn all die anderen Menschen neben uns geblieben? Die Nachbarn, die Schulfreunde, die Arbeitskollegen? Alles ist so still und so ruhig. Man hört ein Kleinflugzeug brummen und das Rauschen der nahen Autostraße. Doch sehen tut man nichts und niemanden. Keine einzige Menschenseele im Sichtfeld. Wenn nur die Verbindung gleich wieder da ist und wir nachfragen oder nachschauen können, was da denn wirklich los war oder ist. Beängstigend. Einsam. Seltsam.
In solchen Fällen kommt manchmal ganz spontan der Hund zur Hilfe: Er sieht unsere ängstliche Verwunderung und die aufkeimende Panik und was tut er? Er erhebt sich aus seiner bequemen und schläfrigen Liegeposition, seine Lieblingsstellung, und trottet langsam auf uns zu. Er hält kurz vor uns an und schaut ohne einen Ton von sich zu geben nach oben. Er legt seinen Kopf ein wenig schief. Dann lächeln wir vielleicht leise und das ist sein Zeichen. Er kommt ganz nah an uns heran und legt seine feuchte Nase in unseren Schoß. Er schaut treuherzig in unsere wirren Augen und fiept ein wenig. Dann ein leises Schnauben. Fast wie ein kleines Niesen. Dann ein etwas größeres, längeres Fiepen. Ein kurzes Rülpsen. Ein sanfter Augenaufschlag, dem man nicht widerstehen kann. Er tritt zurück. Einen kleinen Schritt nur. Das genügt. Die Nase verlässt unseren Schoß und wir erheben uns wie in einer Hypnosetrance. Und schon schweift unser Blick umher auf der Suche nach seiner Leine. Wir finden sie und es kann losgehen. Tänzelnd und schwanzwedelnd läuft er vor uns her zum nahen Gartentor. Wir verlassen mit ihm im Schlepptau das Grundstück und wir lassen alle Furcht und alle Ängste im Garten und im Haus zurück. Der Hund begleitet uns aus unserer digitalisierten Furcht hinaus. Und wir nennen uns »Herrchen«! Ha! Aufgepasst! Denn sind wir wirklich der Herr in dieser Beziehung? Der Schlauere von beiden? Der Bestimmer?
Sollten unsere Kinder mal ganz ruhig und still sein, dann ist das in der Regel ein Warnsignal. Denn leise und still ist es bei uns eigentlich nie. Außer wenn Medienzeit ist. Die mussten wir einführen, damit der Medienkonsum nicht ausufert. Unsere Kleinen bekommen, wenn sie 13 Jahre alt sind, ein eigenes Handy. Eigentlich zu früh, meinen wir. Das ist viel zu spät, sagen die Kinder. Die anderen Kinder in ihrem Alter hätten bereits ab der ersten Klasse eines. Manche schon im Kindergarten. Nur unsere nicht! Typisch. Wir sind die neuen Rabeneltern. Ignoranten! Wir achten auf ihren digitalen Konsum geradeso wie auf ihr Essverhalten. Rückständig. Deshalb gibt es auch nur noch zugeteilte Süßigkeiten in unserem Haus. Süßes nur nach Obst. Wer kein Stück Obst isst, der kriegt auch nichts Süßes. Eine Zumutung finden unsere Kinder. Terror und Unterdrückung finden sie. Sie wissen viel besser als wir, was ihnen fehlt und ihnen guttut. Energydrinks zum Beispiel und Kaugummis bis zum Abwinken. Das ist recht und gut. Äpfel, Tomaten und Co., klares Wasser und gute Fruchtsäfte – igitt.
Unsere Kinder haben eine »Ich-mag-nicht-Liste«. Eine »Ich-mag-nicht-Liste« darf nur genau drei bedeutsame Nahrungsmittel beinhalten, die vom jeweiligen Kind nicht gegessen werden möchten. Soweit, so gut. Bei sieben Kindern gibt es also theoretisch die Möglichkeit, dass insgesamt 21 unterschiedliche Nahrungsmittel bei uns Zuhause nicht von jedem gemocht werden. Für mich, den Lebensmittellogistiker und Ästheten der Familie, eine Gratwanderung durch den Einkaufsladen.
»Das braucht ihr doch gar nicht zu machen«, sagen die Sieben, wenn wir uns mal darüber beschweren, dass die Lebensmittel auf der »Ich-mag-nicht-Liste« schon wieder geändert werden sollen oder ohne unser Wissen geändert wurden. Statt Tomaten kommen jetzt Eier drauf, statt Wurst kommen also Radieschen dran. Statt Tee kommt Tomatensaft und Auberginen und Pilze mag sowieso niemand.
»Pfui deibel! Lasst uns doch einfach essen, was wir mögen!«, sagen sie. »Kümmert euch nicht drum.« »Und was ist mit den Nährwerten?«, fragen wir.
»Ach, hört doch auf!«, sagen sie. »Alter Hut. Vorsintflutlich. Uncool!«
Unser Hund allerdings, der nimmt alles Essbare, was abfällt und ihm angeboten wird. Er ist nicht pienzig. Er sieht unsere Hand mit dem Dargebotenen, er schnuppert daran und dann nimmt er es ganz vorsichtig in den Mund. Geruchsprobe, Geschmacksprobe. Aufnahme. Niemand soll von einer etwaigen Gier seinerseits verletzt werden. Er hat im Laufe der Jahre nur eine einzige Abneigung offenbart und zwar gegen Erdbeeren. Gerade Erdbeeren, die alle anderen lieben! Gut für uns. Ob er das absichtlich macht? Um uns wenigstens dieses Obst ganz für uns alleine zu lassen? Vorstellbar ist das!
Denn unser Hund ist ein ganz empathischer und sensibler Kerl von einem Zentnerkoloss. Groß, dunkel und zottlig. Aufmerksam und respektvoll. Achtsam und authentisch. Er ist nicht nur ein guter Esser, sondern auch ein echter Kumpel und guter Zuhörer. Furchtlos und furchteinflößend. Doch das nur bei denen, die ihn nicht kennen. Ansonsten sollten sich alle leichtgewichtigen Menschen, die er ins Herz geschlossen hat, davor hüten, von seiner spontanen Zuneigung und seiner überschäumenden Liebe erdrückt oder gar umgeworfen zu werden. Und das meine ich wortwörtlich! Du solltest einen weiten Ausfallschritt machen, wenn er angerannt kommt, um dich zu begrüßen. Einen Fuß nach vorne, einen quer nach hinten. Ein bisschen in die Knie gehen, federn und dich so auf den Aufprall vorbereiten. Er meint es nicht böse, wenn er so angerast kommt. Er will dir nur zeigen, dass er dich ganz besonders schätzt oder mag. Und er kann dabei ziemlich umwerfend sein. Also versuche nicht den Helden zu spielen und lässig dazustehen. Das bringt nur blaue Flecken auf dem Allerwertesten! Und wenn du dann liegst, steht er freudig schnaufend direkt über dir und seine buschige Rute dreht sich wie ein Propeller. Rundherumundrundherum. Immer im Kreis von links nach rechts. Und wenn du ganz viel Glück hast, dann schleckt er dir übers Gesicht. Vor Freude, nicht aus hygienischen Gründen. Er will dich dadurch nicht etwa darauf aufmerksam machen, dass du um den Mund oder die Nase herum schmutzig bist. Oder noch nicht richtig gewaschen nach der letzten Nacht, dem letzten Essen. Nein, er macht das aus reiner Freude. So wie ein Buddha ständig lächelt. Aus reiner Glückseligkeit. So steht er über dir und freut sich. Er ist einfach zum Knuddeln, der »Kleine«! Und es scheint, als sei er stets bemüht, es dir recht und besser zu machen. Deine dunklen Stimmungen zu erhellen.
Ole ist ein echt komischer Name für einen Berner Sennenhund-Rüden. Ole ist eher nordisch. Nicht hochalpin. Er hätte Seppi oder Jupp heißen können oder Maxerl oder Wolfi, aber doch nicht Ole. Es war eine Freundin, die ihm den unpassenden Namen gegeben hat, nachdem unserer Familie keiner eingefallen war. Wir hatten wochenlang Zeit zum Nachdenken und nix ist uns eingefallen. Und so heißt er jetzt also Ole, wie ein bärtiger Seemann oder ein verwegener Norweger oder beides. Manchmal kichern die Leute, wenn sie hören, wie wir ihn rufen. Uns ist das egal und dem Ole, dem ist das auch wurscht. Er hört auf seinen Namen und schaut, wenn man ihn ruft. Er hört aber auch noch auf Bärli, Purzel und Struppsi. Gerade eben wie die Kinder und wir drauf sind. Er kommt allerdings nur, wenn er das auch möchte. Er lässt sich nicht so gerne gängeln. Vor allem nicht, wenn er gerade an einer besonders delikaten Stelle schnuppert. Er hat eine riesige und immer feuchte Nase. Und mit der schnuppert er für sein Leben gern. Das ist auch so etwas, was ihn wirklich auszeichnet: die Schnuppergeduld, die er hat. Er kann wirklich minutenlang an einem einzelnen Grashalm schnuppern. Mit einer solchen Leidenschaft den einzelnen Halm nach oben und dann wieder nach unten abschnuppern, als wären dort die besten Düfte der ganzen Welt auf zwanzig, grünen Zentimeter konzentriert. Selbstvergessen rauf und runter und nochmal von der anderen Seite und an der Spitze und an der Wurzel. An einem einzelnen Grashalm! Also wirklich, das kann gar nicht sein, dass so ein klitzekleiner Grashalm so viele intensive Düfte in sich vereint, denken wir kopfschüttelnd. Auch wenn er von der schönsten, tollsten und wohlduftensten Hündin weltweit angepinkelt worden wäre, so wäre doch der Duft irgendwann mal verflogen und aufgesaugt. Denken wir. Aber Ole, der denkt nicht so. Der denkt gar nicht. Der genießt, solange es eben geht! Ja, das ist er! Er ist ein echter Genießer, das kann man wirklich sagen. Und er ist stur wie ein alter Esel, wenn man irgendwann mal weitergehen möchte und anfängt an ihm zu ziehen und zu zerren. Das mag er gar nicht. Mit aller Kraft seiner grandiosen 50 Kilogramm stemmt er sich gegen das Weggezogen-werden. Und wenn es dann endlich doch gelingt, dass er weitertrottet, dann schaut er so verträumt, dass man allen Frust über ihn sofort wieder vergisst. Und man ist versöhnt.
Das alles in allem ist es halt, was ihn zu einem perfekten »Blitzableiter« macht: Er versöhnt dich mit dem Leben im Allgemeinen und im Speziellen. Er genießt es, wenn er helfen kann. Er ist ganz in seinem Element, wenn sein Dasein von anderen für deren Zwecke genutzt wird. Er fühlt sich nicht missbraucht oder sowas. Nein, er sieht dann total zufrieden, ja, glücklich aus, wenn andere ihm ihre Sorgen und Nöte offenbaren. Für unsere Familie ist das wie ein Wunder, so einen guten und selbstlosen Freund und Begleiter zu haben. Einen Mittler zwischen den unterschiedlichen Welten und Ansichten. Einen immer willkommenen, okay, manchmal auch sturen Weggefährten, auf den man zählen kann. Wirklich hundertprozentig zählen kann. Unsere Kinder freuen sich immer, wenn sie ihn sehen. Und das ist kein Wunder, denn der Hund ist ihr emotionaler »Neutralisator«. Ja, das ist mein voller Ernst! Denn wenn sie mal zu viel Energie getankt oder zu viel Wut aufgestaut haben oder wenn sie sich bei den Erwachsenen nicht durchsetzen konnten, was manchmal vorkommt, dann muss stets der Ole herhalten. Er liegt nur da und sie kommen und sie kuscheln sich in sein Fell und vergessen dabei den ganzen Stress. Indem sie ihn streicheln, streicheln sie ihre eigene Seele.
Meine Frau und ich, wir sind uns voll und ganz darüber im Klaren, dass wir viel Glück im Leben gehabt haben. Wir haben ein gutes Auskommen. Wir haben sieben stramme Halbwüchsige und einen gnadenlos egomanischen und gleichzeitig total selbstlosen Helfer als Hund, der nichts unversucht lässt, um Friede und Freude zu verbreiten Wir haben ein geräumiges Haus mit einem kleinem Park und ein paar Autos, weil ständig jemand woanders hingefahren werden muss. (Ich habe mir sogar schon mal überlegt, ob wir nicht zusätzlich noch eine kleine Taxizentrale eröffnen sollten. Dann könnten wir die komplette Fahrerei für und mit uns von der Steuer absetzen!) Auch Ole fährt sehr gerne rum. Er hat schon als Welpe, damals war er in etwa zwei dicke Kartoffeln groß, seine ersten Reiseerfahrungen gesammelt, als wir ihn von seiner Mutter bekamen und abholten. Da war er ganze sieben Wochen alt und niemand hätte damals vermutet, was in ihm steckt. Nicht nur gewichtsmäßig meine ich, sondern auch mental und emotional und spirituell und so. Niemand hätte sich ausmalen können, dass dieses kleine, haarige Wesen einmal eine ganze Familie zusammenhalten würde. Mit und notfalls auch gegen ihren Willen. Wurscht. Echt egal. Eine wahrhafte Integrationsfigur. Ein Mediator. Ein Moderator. Ein Coach. Ein Bewusstmacher und Begleiter. Ein Freund und Helfer. Ein kompletter Überflieger. Ein tierischer Therapeut. Und das bedeutete schon immer, dass keiner gegen ihn anstinken konnte. Wenn er nicht wollte, dann wollte er nicht und wenn er etwas unbedingt möchte, dann hat er es sich ertrotzt. Man kann sich kaum vorstellen, was ein solcher Hund alles in Bewegung setzen kann, wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat.
Hört sich unwahrscheinlich an, werden manche sagen, und doch, meine lieben Leserinnen und Leser: Alles, was ich aufgeschrieben habe, entspricht der reinen Wahrheit. Ich musste nichts erfinden. Alles liegt und lag glasklar und unverfälscht vor meinem inneren, höchst subjektiven Auge. Niemand kann sich vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn so ein harmloses, sensibles Tier die emotionale Macht in einer chaotischen Familie übernimmt. Wie es sich anfühlt, wenn jemand Fremdes, Hinzugekommenes, die Familie so für sich einnimmt, dass für den Vater und die Mutter kaum mehr etwas übrig bleibt an Liebe oder Zuneigung oder wenigstens Beachtung. Ole war und ist natürlich vollkommen unschuldig daran, aber wenn er mich anschaut, dann weiß ich nicht recht: Ist es Schadenfreude oder einfach der Glanz des Erleuchteten in seinen rehbraunen Augen?
Meine liebe Frau und ich selbst, wir waren schon immer recht experimentierfreudig. Und neugierig. Manchmal hatte ich sogar schon den Eindruck, dass wir vielleicht ein wenig naiv waren. Leichtgläubig und leichtsinnig. Nicht was das Sexuelle anbelangte, sondern eher was unsere Zukunft betraf. Wir liebten und lieben uns und das war und ist gut und genug. Und wir haben sieben Sprößlinge. Unsere chancenreiche Familie eben. Und irgendwann kam dann halt einer von uns Neunen auf die Idee, einen kleinen Hund anzuschaffen. Einen Welpen. Eine Katze hatten wir da schon. Kira. Sie war uns bei einem Ausflug zugelaufen. Völlig unterernährt und verwildert. Zwei Schneidezähne fehlten. Sie wurde von uns hochgepäppelt und umsorgt und geliebt und langsam kam sie in der Familie an. Das war ein Jahr vor Ole gewesen. Ein tierisches Testjahr sozusagen. Alle hatten begriffen, dass es auch Mühe und Verantwortung bedeutet, ein Tier in unserer Mitte zu haben. Essen geben, Katzenklo saubermachen, bürsten, usw. … Man musste sich kümmern, sonst lief das Tier einfach zum nächsten Nachbarn. Und wir schafften es ganz gut, Kira zu halten, auch wenn sie sich immer mal wieder in anderen Häusern etwas zu essen schnorren ging. Und den Kindern, den machte die freigehende Katze Spaß. Sie war die große Trösterin, wenn die bösen Eltern, also wir beide, mal nicht so funktionierten wie die Kinder es sich wünschten. So also wurde Kira zur Schmusekatze und alle waren recht zufrieden.
Und dann, ein Jahr später, kam sozusagen zwangsläufig die Idee mit dem Hund auf. Was soll ich sagen? Wir hatten uns etliche Bilder von Hunden angesehen und auch auf der Straße immer mal wieder sehnsüchtig nach vorbeilaufenden Bellern geschaut und uns gefragt, ob der oder die auch für uns passen würde. Aber niemand von uns wäre damals auf die Idee gekommen, dass wir einmal einen Riesenkerl von einem Hund haben würden! Schon gar nicht, weil wir sonst befürchtet hätten, dass die eher kleine Kira wegen der schieren Größe eingeschnappt gewesen wäre. Und außerdem hatten wir damals auch noch nicht den geräumigen SUV, um einen solchen Brocken, wie Ole einer ist, zu transportieren. Daher gingen wir eher von etwas Mittelgroßem aus. Struppig, graubeige, Promenadenmischung. Handzahm und leicht zu befördern. Wenig mühevoll für Mensch und Tier. Alles hätte gut gehen können, wenn wir nicht irgendwann und ganz zufällig einen Berner Sennenhund gesehen hätten. Er lief uns bei einem Spaziergang über den Weg. Zufall, Fügung? Keinen Schimmer. Über den Weg gelaufen ist auch ein wenig salopp gesagt und stimmt auch nicht ganz. Er war an der Leine bei einem stämmigen Mann, der seine gute Not hatte, den Hund davon abzuhalten, sich seine speicheltriefenden Lefzen an unseren Kleidern zu trocknen. Er war derart verschmust und liebesbedürftig, das musste einfach schiefgehen. Und so war es auch. In den nächsten Wochen dachten wir nur noch in Berner-Sennenhund-Dimensionen. Und irgendwann dann spuckte das Internet einen Züchter am fernen Ammersee aus, der gerade einen neunköpfigen Wurf meldete. Anruf, Terminvereinbarung, alles in den Bus und los ging die weite Reise zu Ole. Immerhin 250 Kilometer von Württemberg zum Ammersee ins unbekannte Land. Ein Abenteuer für alle und ein gelungener Zeitvertreib! Bis heute hallt das nach, was damals seinen Anfang nahm. Und unsere Reise ist noch nicht zu Ende. Zum Glück für alle!
So, und ab hier soll Ole selbst erzählen, wie, was und warum alles genauso geworden und gekommen ist, wie es kam und noch immer kommt. Nur eins noch:
»Jeder Mensch sollte eine Weile mit einem Hund leben!«
Als mich mein Vater zum ersten Mal sah, da wandte er sich sichtlich betroffen an meine Mama und lächelte schief. Das bedeutet in der Hundesprache so viel wie: »Glaubst du wirklich, den schmächtigen, kleinen Rotzer kriegen wir durch und eventuell sogar verkauft?«. Meine Mutter muss wohl mutig und trotzig, so wie sie halt auch immer schon gewesen war, zurückgeschaut haben, was so viel hieß wie: »Du hast ihn gezeugt. Ich habe ihn nur ausgetragen!«.
Was kann man von einem Leben, auch wenn es nur ein kurzes Hundeleben ist, das so traurig beginnt, in Zukunft noch erwarten? Ich war, gelinde gesagt, zutiefst erschüttert über die Gedanken meines Vaters, die ich deutlich hören konnte. Wie konnte er mich, seinen stolzen Fünftgeborenen nur so verächtlich finden? Ich war zwar klein wie ein zu kurz geratener Maulwurf und meine Augenlider waren noch so müde und untrainiert, dass ich sie ständig geschlossen hielt, doch ist das ein Grund für solch eine vorschnelle und ungehobelte Feststellung?
Er selbst war nicht gerade das, was man als lebhaft und agil oder gar als lebenslustig oder -fähig hätte bezeichnen können. Wären da nicht der stolze Bernhardiner Onkel Franz und meine zugewandte Mutter, eine starke und stattliche Berner Sennenhündin, gewesen, hätte mein frustrierter Vater nichts erreicht im Leben. Er war ein echter Schlappschwanz, der sich gerne aufspielte, aber so gut wie nichts auf dem Kasten hatte. Er lag den ganzen Sommer lang immer vollkommen ermattet im zugigen Schatten unter der großen Linde und schaute gelangweilt in die Umgebung. Im kaltfeuchten Winter wechselte er ins Haus neben den eisernen Schwedenofen. Meist dachte er an gar nichts. Und er bewegte sich nur, wenn Mama läufig war und zu ihm kam, damit er für Nachwuchs sorgen konnte. Selbst die natürlichste Sache auf der ganzen Welt schaffte er nur mit gewissenhafter Anleitung. Und dieser blöde Hundekerl sah auf mich kleinen Wurm verächtlich herab. Ungerecht war das! Verdammt fies. Leider konnte ich mich in meinem damaligen, winzigen Zustand nicht wirklich gegen solche bösen Gedanken wehren.
Onkel Franz hingegen war der aufmerksame Wachhund auf dem Hof, auf dem ich zur Welt gekommen war. Er war und ist bis heute mein einziges Vorbild. Er war riesig, verständnisvoll und voller Zuneigung zu allem, was da kreuchte und fleuchte auf dem bäuerlichen Hof. Er wirkte machtvoll, furchteinflößend und stets wachsam, war aber, sobald man ihn näher kannte, mild, klar und aufmerksam. Er hatte das gewisse Etwas, das man braucht, um ein von allen respektierter Hund zu sein. Seine körperliche Statur und seine empathische Größe passten perfekt zueinander. Er war sensibel und äußerst konsequent. Er erklärte mir die Welt und ließ nichts unversucht, um Ehre, Respekt und Höflichkeit in mir wachsen zu lassen. Er ließ keine noch so winzige Lektion aus, um mir beizubringen, dass jeder Hund ein ganz besonderer Hund sei. Jeder für sich ein eigener Kosmos. Wir mussten hier auf dem Hof in engen Verhältnissen zusammenleben. Er kannte alle Kniffe und Tricks, um die Streiterei, die es immer mal wiedergab, zu entschärfen. Und meine Mama hätte besser daran getan, zu ihm zu gehen, wenn es um die Nachwuchszeugung ging. Doch das wollten die Bauern, bei denen wir wohnten, nicht dulden. Es ginge ihnen um eine reine Zucht, sagten sie oft. Und darüber hinaus fand Mama Onkel Franz in seiner Riesenhaftigkeit leider sowieso nur hässlich.
»Die drei Z: zu nett, zu süß und zu hässlich«, sagte sie immer. »Da kann ich einfach nicht stillhalten. Da muss ich weglaufen. Fliehen.« Das war zwar tragisch für die Hundewelt und den hündischen Nachwuchs, aber der Bauer, auf dessen Hof wir lebten, der fand das ganz toll von unserer Mama.
»So kann wenigstens kein Mischling entstehen. Die alte Hündin hat ganz schön was auf dem Kasten. Sorgt für Sortenreinheit!«, hörte man ihn öfter sagen. Mein Vater war ebenfalls ein Berner Sennenhund und deshalb waren wir ziemlich begehrt bei den Menschen außerhalb unseres Hofes und er konnte hohe Preise erzielen, wenn er uns einzeln oder als Pärchen verkaufte.
