Olivengarten - Ulrike Eifler - E-Book

Olivengarten E-Book

Ulrike Eifler

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Beschreibung

Olivengarten ist alles andere als ein idyllisch anmutender Erzählband. Olivengarten ist der literarische Einblick in das Griechenland des 21. Jahrhunderts, in dem die Krise hart aufschlägt und das Leben der Menschen dramatisch verändert. Wunderbare Prosa, die kein Blatt vor den Mund nimmt und zeigt, wie politisch Literatur sein kann und sein muss, wenn der Alltag aus den Fugen gerät.

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Seitenzahl: 65

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Inhalt

Die Preisträgerin

Olivengarten

Drei Löffel

Solidarität

Richtig und Falsch

Im Rinnstein

Die Kladde

Alle gemeinsam

Die Preisträgerin

Zögernd nahm Maja den Umschlag aus dem Briefkasten und stieg langsam die Stufen zu ihrer Wohnung empor. Ihre Schritte hallten schwerfällig im Treppenhaus wider. Ungewöhnlich ungelenk stocherte sie den Schlüssel in das Türschloss. Mit einem kaum hörbaren Klicken sprang die Wohnungstür auf. Maja ließ die Tasche fallen und streifte im Gehen die Schuhe von den Füßen. In der Küche kochte sie Kaffee und warf zwischendurch immer wieder einen misstrauischen Blick auf den Umschlag, so als könne sie nicht glauben, dass dieser dort wirklich lag. In filigraner Schnörkelschrift war ihre Adresse auf das blütenweiße Papier gedruckt worden. Als der Kaffee endlich durchgelaufen war, öffnete sie behutsam das Kuvert. Sie genehmigte sich einen großen Schluck, zögerte kurz, faltete das Schreiben schließlich auseinander.

Der nächste Schluck schmeckte bitter. In dem Brief gratulierte ihr der Verlag Durchblick zum erfolgreichen Abschneiden beim diesjährigen Literaturwettbewerb. Aus über dreitausend Zuschriften hatte die von ihr eingereichte Geschichte Abgründe den ersten Platz belegt. Man freue sich, ihr mitteilen zu dürfen, dass sie ein sechsmonatiges Schreibstipendium in einer direkt am Meer gelegenen Zweizimmerwohnung in Zinnowitz auf Usedom gewonnen habe. Sie könne das Stipendium zu einem Zeitpunkt ihrer Wahl antreten. Ihre Geschichte werde zudem in einer erstklassigen Anthologie mit hochklassigem Einband erscheinen. Maja warf einen Blick auf das hochwertige Briefkuvert und stellte sich eine in Leder gebundene und mit goldenen Lettern verzierte Ausgabe vor. Ein Gedanke, der ihr gefiel.

Maja legte den Brief aus der Hand. Die offizielle Preisverleihung sollte in vierzehn Tagen stattfinden. Sie öffnete die Balkontür und atmete tief durch. Kalte Novemberluft flutete den Raum. Dicke Regentropfen platschten gegen das Balkongeländer und flitzten an den gusseisernen Stäben hinunter. Maja wusste nicht, ob sie sich freuen oder ob sie deprimiert seine sollte. Sechs Monate Usedom! Das war ein Traum! Sie sah sich in einer kleinen Wohnung am Schreibtisch sitzen und endlich ihren Erstlingsroman schreiben. Seit Jahren wollte sie darin den arbeitslosen Maurer Kolja Amok laufen lassen. Gegen seinen früheren Chef in der Leiharbeitsfirma, gegen den Sachbearbeiter im Kreisjobcenter und gegen die Tatsache, dass alle seine Kumpel vor der Armut und dem Verfall ihrer mecklenburgischen Heimatstadt in die alten Bundesländer flohen. Die peitschenden Stürme, die aufschäumende Gischt, die laut gegen den Strand krachenden Wellen und ein wolkenverhangener Ostseehimmel wären die perfekte Kulisse für Koljas Wut. Eine Wut, die auch Maja oft spürte. Wenn sie sich morgens um Viertel vor sechs zum Frühdienst ins Seniorenheim schleppte und dann Herrn Brandler eine halbe Stunde später aus dem Bett werfen musste, obwohl sie doch wusste, dass er trotz seiner 89 Jahre gern lange schlief. Oder wenn sie Frau Kubitzke rasch das Frühstückstablett ins Zimmer schob und keine Zeit hatte für die Geschichten, die die alte Dame so spannend zu erzählen vermochte.

Seit dreizehn Jahren arbeitete Maja nun schon in diesem Haus. Sie liebte die alten Menschen. Sie irrten manchmal orientierungslos durch die Gänge, zeigten stolz ganze Fotoreihen ihrer Enkel und Urenkel und wussten mit glänzenden Augen von Zeiten zu berichten, die Maja nur aus dem Geschichtsbuch kannte. Doch immer öfter fragte sie sich, was die Arbeit in der Altenpflege von der Fließbandarbeit an der Supermarktkasse unterschied und was für eine Gesellschaft das war, die so mit ihren greisen Menschen umging. Jetzt hatte Maja die Möglichkeit, für sechs Monate diesem tristen Alltag zu entfliehen. Sechs Monate, in denen sie sich ihre Wut und ihre Verzweiflung von der Seele schreiben konnte. Sechs Monate – sie musste nur noch zugreifen…

Die Kälte riss Maja aus ihren Gedanken. Ihre Socken hatten sich voll Regenwasser gesogen. Sie war durchgefroren, als sie wieder in die Küche trat und die Balkontür hinter sich schloss. Sie streifte die nassen Socken von den Füßen, schüttete den kalten Kaffee ins Spülbecken und ließ Badewasser ein. Maja hatte einen Entschluss gefasst.

Nur zwei Wochen später war Maja auf dem Weg in die Stadtgalerie. Ungeduldig wartete sie am Kastanienring auf die Grünphase. Als die Ampel von Rot auf Gelb umsprang, gab sie viel zu schnell viel zu heftig Gas. Die Reifen quietschten beim Davonfahren. In der Kastanienstraße bremste sie langsam ab und suchte nach einem geeigneten Parkplatz. Die Kunst des Einparkens hatte sich ihr auch nach fünfzehn Jahren Führerschein noch nicht erschlossen. Wieder einmal kam sie sich vor wie eine Verkehrslegasthenikerin. Endlich entdeckte sie eine Lücke, in die sie vorwärts hineinrollen konnte. Perfekt, freute sich Maja. Sie zog die Handbremse an, nahm Schlüssel und Handtasche und machte sich auf den Weg.

Schon nach wenigen Minuten hatte sie den Eingangsbereich der Stadtgalerie erreicht. Der Verlag hatte das Foyer geschmackvoll ausgeschmückt. Etwa zwanzig Stehtische waren mit Seidentüchern und raffinierten Blumengestecken ausgerichtet. Ebenso der Bühnenbereich. Das Mikrofon am Stehpult glänzte im Scheinwerferlicht. Lokale Buchhändler säumten den hinteren Teil des Foyers.

„Frau Hartmann, ich freue mich, sie endlich persönlich kennen zu lernen.“

Der Verlagsleiter begrüßte sie überschwänglich. Sein Händedruck war weich und unverbindlich, seine Stimme genauso ölig wie sein Haar. Jede Strähne schien sorgfältig mit Haarwachs zurückgelegt. Unweigerlich musste Maja an jene filigranen Schnörkel auf dem blütenweißen Umschlag denken. Zwei Lokalreporter eilten auf sie zu und bestürmten sie mit Fragen.

„Ich würde es vorziehen, wenn ich Ihnen nach der Preisverleihung für ein Interview zur Verfügung stehen könnte“, entgegnete Maja höflich.

Sie verschwanden und der Verlagsleiter begann ausschweifend auf sie einzureden. Was er sagte, vernahm Maja nicht. Sie konnte nur fasziniert auf seinen Mund starren, der sich ohne Pause zu bewegen schien. Fast war sie versucht, das Batteriefach zu suchen, so sehr erinnerte sie dieser ohne Unterlass redende Verlagsleiter an das trommelnde Duracell-Häschen aus einem älteren Werbespot.

Nach einer halben Ewigkeit in den Fängen dieses redseligen Mannes begann endlich die Preisverleihung. Voll des Lobes über die literarische Tiefenschärfe und die Wortgewandtheit einer begabten und vielversprechenden Autorin, von der man gewiss in naher Zukunft noch einiges hören werde, hielt er seine Laudatio auf die Preisträgerin Maja Hartmann. Lächelnd überreichte er Maja schließlich einen überdimensionierten symbolischen Reisegutschein und einen Blumenstrauß. Sechs Monate Usedom. Jetzt hatte Maja ihn in der Hand, den Traum aller Hobbyschriftsteller. Blitzlichtgewitter brachen flackernd und klickend über die herein. Dann trat sie an das Mikrofon und fühlte, wie sich mindestens einhundertfünfzig Augenpaare erwartungsvoll auf sie richteten. Maja spürte das wärmende Scheinwerferlicht. Ihre Zunge lag schwer und trocken im Mund. Sie blickte den Verlagsleiter an, der sie mit seinem breiten Grinsen wohl zu ermutigen schien. Sekunden vergingen, in denen nichts geschah.

„Sehr geehrter Herr Verlagsleiter Bausewein, meine Damen, meine Herren…“, begann Maja mit brüchiger Stimme. „Ich habe nachgezählt: Ich schreibe seit meinem fünfzehnten Lebensjahr, also seit achtzehn Jahren. Ich habe in dieser Zeit 522 Gedichte, 187 Kurzgeschichten, unzählige Essays und drei Theaterstücke geschrieben. Das meiste davon ist unveröffentlicht und wird es aller Wahrscheinlichkeit auch bleiben. Ich habe an 72 Literatur- und an 24 Lyrikwettbewerben teilgenommen. meine Themenpalette ist vielfältig, denn die Themen liegen auf der Straße.“ Maja schaute in interessierte Gesichter. Ihre Stimme wurde fester. „Die letzte Kurzgeschichte, die ich einreichte, war eine Geschichte über eine junge Frau, die in Griechenland lebt. Vor der Krise war sie eine engagierte und beliebte Lehrerin. Heute ist sie arbeitslos, weil auf Druck der Troika mehr als dreitausend Schulen geschlossen wurden. Zwölf Monate lang hat sie zumindest Arbeitslosengeld erhalten. Doch das ist jetzt ausgelaufen. So etwas wie Sozialhilfe gibt es nicht mehr in Griechenland und die junge Frau weiß manchmal nicht, wie sie ihre achtjährige Tochter satt bekommen soll. Ihr Mann war schwer nierenkrank. Er starb an dieser Krankheit, mit der man hier in Deutschland noch etliche Jahre weiterleben kann. Er starb, weil das junge Paar die Dialyse nicht mehr bezahlen konnte.“

Unverändert wohlwollend blickten die Zuhörer sie an und Maja fuhr fort.