Oliver Parkins - Patrick L. Blockum - E-Book

Oliver Parkins E-Book

Patrick L. Blockum

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Beschreibung

Als ein Wanderzirkus nach Fairie’s Willow kommt, wird das Leben des elfjährigen Oliver und seines besten Freundes Alfie schlagartig auf den Kopf gestellt. Sprechende Eichhörnchen, magische Welten, Oliver kann es gar nicht glauben, doch der vermeintliche Zirkusdirektor und Sonderling Alfonso Panzini zeigt den beiden Freunden einen Weg in das geheimnisvolle Königreich Carsalen. Zusammen betreten sie das Land hinter den Sternen, treffen auf wundersame Gestalten und begeben sich auf den Pfad einer alten Prophezeiung. Ist Oliver wirklich der Auserwählte, der das Land von finsteren Mächten befreien soll?

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Seitenzahl: 338

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Patrick L. Blockum

Oliver Parkins

Erster Teil: Die Entdeckung von Carsalen

PATRICK L. BLOCKUM

OLIVER PARKINS

DIE ENTDECKUNG VON CARSALEN

1. Auflage 2018

© 2018 by Verlag A TREE & A VALLEY

Inh. Stefan Funcke

Hannah-Arendt-Str. 3–7

35037 Marburg

 

 

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Alle Rechte vorbehalten.

 

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München

Umschlagillustration: Kate Oleska

Kartenillustration: Nandi Renner

Lektorat: Regine Weisbrod

 

ISBN: 978-3-947357-04-8

ISBN Print: 978-3-947357-03-1

 

 

www.verlag-atav.de

Mit Dankbarkeit widme ich dieses Werk meinen Eltern,

Karl-Heinz und Hildegard, meinen Anverwandten

sowie meinen Freunden Reinhold und Elona und im gleichen Maße allen anderen FreundInnen,

die mich ob meines Vorhabens nicht für verrückt erklärten.

Inhalt

INTRO

KAPITEL 1: EIN UNGLAUBLICHER SONNTAG

KAPITEL 2: PANZINIS STANDUHR

KAPITEL 3: ANKUNFT IN CARSALEN

KAPITEL 4: DIE KÖNIGLICHE AUDIENZ

KAPITEL 5: DREI KLINGEN IM TEMPELHOF

KAPITEL 6: EINE UNHEIMLICHE BEGEGNUNG

KAPITEL 7: DIE SÖLDNER DES SCHIELENDEN BÄREN

KAPITEL 8: ZURÜCK IN DIE SÜMPFE UND HOCH HINAUS

KAPITEL 9: DER KÖNIGLICHE RAT

KAPITEL 10: DIE SCHLACHT IN DEN WOLKEN

KAPITEL 11: DIE VERLASSENEN INSELN

KAPITEL 12: IM AUFTRAG DER KÖNIGIN

„Durch Licht und Schatten wird er kommen

aus Ländern, die vom Kampf zerrissen;

beherzt im Sinn und reich an Mut.

So wandelt er auf Sternenbahnen

und bald auf finst’ren Pfaden.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Aus den Chroniken der Stadt Fermeron, 23. Foliant

Priesterliches Stadtarchiv

Intro

Der helle Gang des Seniorenheims lag weit vor ihm. Es roch nach frisch gewienerten Böden und nach Fish and Chips. Seine Füße zitterten schon seit einiger Zeit.

„Pa! Pa!“, schrie eine Stimme aus dem Zimmer zu seiner Rechten.

Es war Mrs Dundy, die wie immer stets darum bemüht war, ihren Raum und die wenigen Habseligkeiten, die sich darin befanden, so sauber zu halten, dass ihr freilich längst verstorbener Vater keinerlei Anstoß daran nehmen würde.

Mr OliverParkins humpelte rasch an Mrs Dundys Tür vorbei, um die alte Dame nicht unnötigerweise zu erschrecken. Dabei wäre er fast mit Schwester Elisabeth zusammengestoßen, die gerade ihren Spätdienst angetreten hatte.

„Hoppla, Mr Parkins“, lachte sie herzlich. „Nicht, dass Sie sich ein blutiges Näschen holen!“

„Vielleicht wären wir ja so einander nähergekommen!“, gab der alte Mann lächelnd zurück.

„Möglicherweise ein andermal!“, kicherte die Schwester und winkte ihm noch einmal zu, ehe sie in Mrs Dundys Zimmer verschwand, um ihr wie immer eine tadellose Haushaltsführung zu bescheinigen.

Mr Parkins grüßte die freundliche Mrs Harlem, die mit ihrem Rollator seinen Weg kreuzte. Sie sah ihm lächelnd hinterher, während er sich auf den Weg zu seinem Zimmer am Ostende des Flurs machte. Mrs Harlem war eine seiner Lieblingsmitbewohnerinnen. Für gewöhnlich trafen sie sich jeden Sonntag gegen vier Uhr nachmittags zu Keksen und Tee, immer abwechselnd in ihrem und seinem Zimmer. Sie erzählte ihm dann gern von ihrer Vergangenheit als Souffleuse im London Palladium – von den Schauspielern, die sie nicht mochte und denen sie deshalb gelegentlich den Text vorenthalten hatte, und auch von jenen, für die sie manchmal ein klein wenig mehr empfunden hatte als bloße Kollegialität. Mr Parkins hörte ihr stets mit einem wissenden Lächeln auf den Lippen und hervorragend geschauspielertem Interesse zu – und das wusste Mrs Harlem auch, denn sie war ja vom Fach.

Mit bebenden Händen hantierte der alte Mann in seiner Hosentasche umher, bis er endlich den Schlüssel fand. Es dauerte, bis er das Schloss erwischt hatte, dann drehte er den Schlüssel zweimal herum und entriegelte die Tür. Mit einem leisen Knarren schwang sie auf und Mr Parkins stand in seinem Zimmer. Er blickte sich um und tastete nach seinem Gehstock, den er, auch wenn es das Pflegepersonal nicht eben gerne sah, bei seinen Spaziergängen auf den Gängen und im Garten des Heimes stets in seinem Zimmer ließ.

Der Raum war großzügig eingerichtet. Ein mittelgroßer Lehnstuhl aus Eschenholz befand sich in der linken hinteren Ecke vor einem kleinen Tisch und eine gewaltige Standuhr, verziert mit feinen handgearbeiteten Linien, befand sich an der rechten Wand, unmittelbar gegenüber der Eingangstür. Der Boden war mit einem aufwendig geknüpften Teppich ausgelegt, der an manchen Stellen schon etwas ausgefranst war, und in dem hölzernen Wandregal standen ein paar kunstvoll gefertigte Figürchen von Clowns, Zirkustieren und anderen fremdartig anmutenden Wesen nebeneinander aufgereiht.

Der trübe Schein der Deckenlampe ließ das ganze Zimmer in einem etwas düsteren Licht erscheinen. Dem alten Mann machte das nur wenig aus. Er war ohnehin in letzter Zeit zunehmend müder geworden. Manchmal war er so müde, dass er nicht mehr recht zwischen Wachen und Schlafen zu unterscheiden vermochte. Dann ließ ihn jedes noch so kleine Geräusch aufschrecken und er hatte das Gefühl, jemand komme ihn besuchen. Ein gewisser Jemand, mit dem er eine lange, lange Zeit verbracht hatte; der ihn viel gelehrt hatte. Ein gewisser Jemand, der ihm wie ein guter Freund und Vater geworden war.

Mr Parkins lächelte mild, als er das einzige Bild betrachtete, das an seiner Wand hing. Die gerahmte Fotografie war schon ein wenig fleckig. Er wusste nicht einmal genau, wo das Bild aufgenommen worden war. Darauf zu sehen war ein hochgewachsener Mann mit mediterranem Aussehen, mit viel Temperament in den feurigen Augen und mit einer markanten Hakennase. Das breite Lächeln offenbarte blendend weiße Zähne. Die langen schwarzen Haare waren in einer Weise gelockt, wie Mr Parkins es nur von noch viel älteren Bildern kannte. Gekleidet war der Mann in einen vornehm anmutenden Rock, dessen Farbe man allenfalls schätzen konnte, und den gewaltigen weißen Rüschen an seinen Ärmeln entwuchsen schmale Hände mit langen, beringten Fingern. Auf dem Arm hielt der Mann ein kleines Löwenbaby. Die andere Hand reichte er einem Schimpansen, der direkt in die Linse der Kamera starrte. Im Hintergrund reckten langhalsige Giraffen ihre Köpfe aus den Käfigen.

Als Mr Parkins die Augen schloss, glaubte er, den Zirkus wieder riechen zu können. Den Duft von frischen Mandeln, von kandierten Früchten und von anderen Leckereien, den Geruch von Tieren und nassem Heu.

Zur Rechten des Südländers stand ein kleiner Junge von etwa elf Jahren, der fröhlich lachte und winkte. Im Hintergrund befand sich ein gewaltiges Zirkuszelt. Fahnen wehten im Wind und eine große Traube bunter Ballons war an einem Pfahl vor dem Eingang befestigt. Als Mr Parkins den Jungen genauer betrachtete, stutzte er. Ein merkwürdiges Tier saß ihm da auf der Schulter! Es schien sich um ein Eichhörnchen zu handeln, das auf eine eigentümliche Weise fast menschlich wirkte. Der alte Herr schloss die Augen und atmete tief durch. Als er sie wieder öffnete, war das Tier verschwunden und der Mund des Jungen wieder geschlossen. Er blickte fast ein wenig nachdenklich zur Seite. Der alte Mann konnte kaum atmen, so schnell schlug ihm das Herz.

Ein Klopfen brachte Mr Parkins wieder aus seinen Gedanken und zurück ins Hier und Jetzt. Er fuhr herum, atmete tief durch und ließ sich dann mit einem leisen Seufzer in seinen Sessel fallen.

„Herein!“, rief er halblaut und ein Mann in weißer Kleidung betrat das Zimmer. Er hatte sich einen eigenen einfachen Stuhl mitgebracht. „Mr Halpenny!“, rief der alte Mann erstaunt. „Ich dachte, Ihre Schicht wäre längst zu Ende. Gehen Sie doch nach Hause und erholen Sie sich nach Ihrem harten Arbeitstag. Man hat es nicht leicht mit unseresgleichen, nicht wahr?“

Der Pfleger lachte leise. „An Sie kann man sich ganz gut gewöhnen, glaube ich.“

„Gibt es denn einen besonderen Grund, warum Sie mich noch einmal aufsuchen?“, fragte Mr Parkins und blickte ihn durch die Gläser seiner Hornbrille an. Seine Augen erschienen durch sie betrachtet wie riesige Murmeln, welche sich in aufkeimender Unsicherheit ruckartig hin- und herbewegten. Er fühlte sich nicht wohl, wenn Dinge sich änderten. Das war nicht gut und eigentlich hätte Mr Halpenny das auch wissen müssen.

„Ich muss mit Ihnen reden, Mr Parkins“, sagte Halpenny. „Sie wirken in letzter Zeit noch ein wenig vergesslicher als ohnehin schon. Wir müssen uns über eine neue Medikamenteneinstellung unterhalten.“

„Habe ich Ihnen jemals von meinen Abenteuern mit Mr AlfonsoPanzini erzählt?“, fragte Mr Parkins leise und ignorierte Halpennys Anliegen vollständig. „Er besaß einen Zirkus, müssen Sie wissen. Und er bereiste einst Fairie’s Willow …“ Er stockte und Tränen stiegen in ihm auf.

Mr Halpenny zögerte kurz und legte dann die Hand auf den Arm seines Schützlings. „Nein. Ich hatte ja bereits vermutet, dass Sie vielleicht einmal ein Artist oder irgendetwas in der Art gewesen sein müssen, weil mir dieses Foto hier aufgefallen ist. Wer ist der Junge neben dem Mann? Sind Sie das?“

„Ich war dieser Junge …“, gab der Senior gedankenverloren zurück und nahm das ihm angebotene Taschentuch mit einem dankbaren Blinzeln entgegen.

„Und der Mann? Ist er Italiener?“, wollte Halpenny wissen. „Hatten Sie eine besondere Beziehung zu ihm?“

„Allerdings! Mr AlfonsoPanzini ist einer der großartigsten und wagemutigsten Männer der Welt. Und er ist kein Italiener. Er kommt aus einem … aus einem ganz anderen Land. Aus einem sehr großen Land. Sie können sich nicht vorstellen, wie groß es ist, Mr Halpenny. Sie sollten es einmal besuchen, dann könnten Sie’s bestätigen.“

„Ist das so?“, fragte Halpenny amüsiert und lehnte sich grinsend zurück.

Mr Parkins griff nach einer Thermoskanne und goss sich daraus einen Schluck Tee ein. „Er war für mich wie ein Vater, müssen Sie wissen.“

„Das ist schön. Ich freue mich darauf, morgen mehr von Ihnen zu erfahren.“ Er stand auf, nahm den mitgebrachten Stuhl wieder an sich und wandte sich zum Gehen.

„Warten Sie!“, rief der alte Mann und erhob sich ungewöhnlich schnell. „Wissen Sie eigentlich, woher ich damals gekommen bin?“

Halpenny drehte sich um. „Wir haben Sie an der Küste von West Penwith aufgegriffen, wo Sie orientierungslos umhergeirrt sind. Sie hatten keine Papiere bei sich und auch keine Verwandten, mit denen wir hätten Kontakt aufnehmen können. Alles, was Sie mit sich führten, waren ein Rucksack, gefüllt mit sechs Flaschen Rum, und eine Eintrittskarte für einen Zirkus, auf welcher Ihr Name stand. So haben Sie uns jedenfalls bestätigt, dass Sie Mr Oliver Walden Parkins sind. Sie haben Ihr Geburtsdatum mit dem 21. Juni 1906 angegeben. Weitere Informationen konnten wir nicht über Sie einholen. Sie wurden daraufhin als Mündel des Staates aufgenommen und hierhergebracht. Sie hatten in jeder Hinsicht Glück, mein alter Freund.“

„Und glauben Sie nicht, dass ich Ihnen bei Ihren Fragen weiterhelfen kann?“, erwiderte Mr Parkins ein wenig spitz.

Der Pfleger schüttelte lächelnd den Kopf. „Das kann ich mir kaum vorstellen. Wir haben Sie mehrfach vergeblich dazu befragt.“

„Nun, ich glaube, meine Erinnerung kehrt zurück. Ich entsinne mich wieder etlicher Einzelheiten. Mal sehen, was ich daraus zusammenschustern kann.“

„Tatsächlich?“, flüsterte Halpenny und kam langsam wieder auf ihn zu. Dann stellte er seinen Stuhl ab und setzte sich abermals dem alten Mann gegenüber.

Als OliverParkins aufschaute, glitzerten Tränen in seinen Augen. „Sie sind ein guter Mensch, Mr Halpenny. Ihnen will ich erzählen, was mir damals im Jahre 1917 widerfahren ist. Es ist eine recht lange Geschichte, will ich meinen. Aber sie muss erzählt werden, auch wenn Sie mir vermutlich kein Wort davon glauben werden. Das allerdings wäre wahrhaft ein Jammer.“

„Sie haben bestimmt eine Menge durchgemacht“, meinte Halpenny und schenkte ihm einen mitfühlenden Blick. „Das waren sicher schwierige Zeiten. Der Krieg … Ich kann mir vorstellen, dass das alles nicht einfach war.“

„Da haben Sie recht“, antwortete Mr Parkins bedächtig, „aber der Krieg war in meinem Fall eindeutig Nebensache. Jedenfalls der Krieg, den Sie im Sinn haben. Es gab allerdings noch einen anderen Krieg, der zur gleichen Zeit woanders tobte.“

Halpenny stutzte. „Na schön …, es ist ja nicht so, dass zu Hause irgendetwas auf mich warten würde. Lassen Sie hören …“

Mr Parkins goss sich noch einmal Tee nach. Dann griff er nach einer seiner Rumflaschen und genehmigte sich einen großzügigen Schuss. „Die Geschichte, die ich Ihnen jetzt erzählen werde, sollte Licht ins Dunkel bringen und zumindest mir eine ungeheure Last vom Herzen nehmen.“ Er nahm sich aus einer alten Pinienholzschachtel eine lange Zigarre heraus und steckte sie sich umständlich mit einem großen Streichholz an. Dann bat er Halpenny, das Fenster zu öffnen, um frische Luft herein- und den Rauch abziehen zu lassen.

„Sind Sie bereit, die Grenzen zwischen Raum und Zeit verschwimmen zu lassen?“

Der Pfleger nickte lächelnd. „Bitte, fangen Sie an!“

1

Ein unglaublicher Sonntag

Der heiße Sommer und die damit verbundene Missernte hatten die Lebensmittelversorgung in Fairie’s Willow nahezu vollständig zum Erliegen gebracht. Zudem waren viele der Männer und Söhne nach Frankreich beordert worden oder befuhren die Nordsee, um gegen die U-Boote des Deutschen Kaiserreichs ins Gefecht zu ziehen, sodass die Felder nur unzureichend mit Arbeitskräften bewirtschaftet werden konnten.

Zu Friedenszeiten war Fairie’s Willow eine Kleinstadt wie jede andere gewesen. Eingebettet zwischen den Äckern, etwa acht Meilen vor den Toren Londons, war sie ein lebens- und liebenswerter Ort. Die Menschen dort waren gottesfürchtig und arbeiteten hart, um ihre Familien durchzubringen. Sie verstanden es, auch in der Begrenztheit ihrer Mauern, einigermaßen gut zu leben und sich an den einfachen Dingen zu erfreuen. In der Regel wurde man hier zu Hause geboren und verbrachte dort auch den Rest seiner Tage. Abwechslung bot das alljährliche Herbstfest, das in diesem Jahr wegen der mangelnden Ernte ausfallen musste. Das drückte zusätzlich auf die Stimmung. Vor allem die Kinder, die sich auf die Süßigkeiten, die Musikkapelle, das Spielprogramm und den Jahrmarkt gefreut hatten, wussten nun gar nicht, wie sie ihre freie Zeit während des Spätsommers verbringen sollten.

So ging es auch Mrs Parkins und ihren drei Kindern Sue, Ann-Mary und Oliver. Leander Parkins, der Familienvater, war als Soldat in Frankreich, um die dortigen Verbündeten zu unterstützen.

„Der Kanal ist nur etwa zwanzig Meilen breit“, hatte er seiner Familie beim Abschied gesagt. „Wir sind also gar nicht so weit voneinander entfernt, nicht wahr?“ Dies waren die letzten Worte, die Oliver und seine beiden Schwestern von ihm gehört hatten. Zudem kam seit zwei Monaten kein Brief mehr von ihm an.

An diesem Abend saß die Familie wieder einmal bei Steckrübeneintopf zusammen – das einzige Gemüse, was sie noch auf den Tisch bekamen. Es gab sie gekocht, gedünstet, gebraten, gegrillt, gewürfelt oder überbacken. Schweigend würgten sie ihr karges Mahl hinunter. Oliver konnte seiner Mutter nicht in die Augen schauen. Er ertrug ihren zunehmend traurigen Blick nicht. Als er nach dem Essen aufstehen wollte, hielt sie ihn zurück.

„Dein Lehrer kam gestern vorbei. Er sagt, deine Noten hätten sich verschlechtert …“

Oliver drehte den Kopf zur Seite, um die Gardinenpredigt, die nun unweigerlich folgen musste, klaglos über sich ergehen zu lassen.

„Sieh mich an, wenn ich mit dir rede!“, sagte seine Mutter scharf.

Widerwillig blickte er ihr in die Augen.

„Was soll ich nur mit dir anfangen, Oliver? Haben wir es nicht schon schwer genug? Ich weiß ja, dass dich diese ganze Situation belastet. Wir leben nun mal in schwierigen Zeiten. Doch es wird anders werden. Wenn der Krieg erst einmal vorbei ist …“

„Der Krieg!“, entfuhr es Oliver. „Du redest von nichts anderem mehr. Und seit einer Ewigkeit ernähren wir uns nur noch von diesen verdammten Rüben!“

„Red nicht so dumm daher!“, fauchte seine Mutter zornig. „Weißt du eigentlich, wie sehr die Lebensmittelpreise gestiegen sind in letzter Zeit?“

Verlegen sah Oliver zu Boden.

„Das wollte ich nicht“, seufzte sie jetzt. „Es ist nur … ist schon gut. Ich hätte dich nicht so anfahren dürfen.“ Sie ging um den Tisch herum und nahm ihn in die Arme. „Ich möchte nur, dass auch du deinen Beitrag für unser Land leistest, wenn wir die Trümmer beseitigt haben. So, wie Papa den seinen leistet. Doch zunächst musst du dich ein wenig mehr in der Schule anstrengen.“

„Wann wird der Krieg endlich vorbei sein?“, fragte Oliver und blickte über die magere Schulter seiner Mutter hinweg ins Leere.

„Ich weiß es nicht, mein Schatz“, flüsterte sie und nahm seine Hand. So verharrten sie für einige Zeit, dann lächelte sie. „Räum bitte noch den Tisch ab. Sue und Ann-Mary haben wieder einmal alles stehen gelassen. Danach kannst du nach oben gehen.“

Oliver tat, wie ihm geheißen, und verließ danach schnell das kleine Wohnzimmer. Erst auf der Treppe bemerkte er, dass ihm Tränen die bleichen Wangen herunterrannen.

Im Flur des ersten Stocks fiel sein Blick auf die Tageszeitung, die dort auf der Kommode lag.

Panzinis Circus – die vielleicht größte artistische Darbietung Englands gastiert in Fairie‘s Willow. Nur zwei Wochen lang!

Stirnrunzelnd nahm Oliver die Zeitung in die Hand.

Erleben Sie die Wunder der Illusion, entdecken Sie Tiere und Menschen aus aller Herren Länder und lassen Sie sich vom Zauber der darstellenden Künste in eine Welt jenseits aller Vernunft entführen. Mr Alfonso Panzini zeigt Ihnen Dinge, die Sie Ihres Verstandes berauben werden! Erleben Sie Voldo, den Barbaren und stärksten Menschen des bekannten Universums. Lassen Sie sich von Tasthan, dem Affen, und seinen Streichen begeistern …!

Oliver nahm die Zeitung an sich und ging in sein Zimmer. Dort ließ er den Blick noch einmal über die Anzeige schweifen. Anschließend warf er das Blatt achtlos zu Boden. Seine Gedanken wanderten wie so oft zu seinem Vater. Wo mochte er sich in diesem Moment wohl befinden? Und wieso schrieb er ihnen keine Briefe mehr? War er womöglich schon tot? Dann wäre er der Mann im Haus und würde sich um alles kümmern müssen; seine Mutter und seine beiden kleinen Schwestern eingeschlossen. Er mochte gar nicht daran denken!

Der Wellensittich, den er von seiner Mutter geschenkt bekommen hatte, als sie noch nicht ganz so knapp bei Kasse gewesen waren, wurde unruhig. Er hörte ihn in seinem Käfig flattern und fiepen. Gähnend stand er auf und öffnete das winzige Türchen.

„Matthew! Hattest wohl heute noch keinen Freigang, was?“, flüsterte Oliver.

Der Vogel flog im Zimmer hin und her und ließ sich schließlich auf der hohen Schirmlampe nieder.

„Komm wieder herunter“, bat Oliver. „Da oben hast du nichts verloren!“

Der Vogel flog tatsächlich wieder herab und hockte sich auf die Zeitung, die Oliver zu Boden geworfen hatte. Der Junge zuckte zusammen. Er war sich sicher gewesen, dass sie mit der Titelseite nach unten gelegen hatte. Doch nun sah er die Zirkusanzeige wieder obenauf. Er schloss die Augen und atmete tief durch. Schließlich öffnete er sie wieder.

Die Zeitung schien lebendig geworden zu sein. Die Blätter wirbelten wild durcheinander und jede Seite schien ausschließlich für den Zirkus zu werben. Große Bilder zierten die Seiten mit Tieren und lachenden Kindern. Und immer wieder tauchte das Gesicht eines südländisch wirkenden Mannes auf. Mit dunklen Augen schien er Oliver direkt in die Seele zu blicken. Matthew kreischte angstvoll auf, dann verschwand er schimpfend und zeternd wieder in seinem Käfig.

Wenige Sekunden später lag die Zeitung wieder so auf dem Boden, wie Oliver sie hatte fallen lassen. Er schüttelte den Kopf. Was war das gewesen? Hatte ihn das viele Nachdenken jetzt endgültig verrückt gemacht? Er kroch ins Bett und rollte sich unter der Decke zu einer Kugel zusammen. Alles drehte sich. Für den Bruchteil einer Sekunde sah er sich selbst in einer Zwangsjacke, umringt von ein paar gutmütig dreinblickenden Schwestern. Er schüttelte den Kopf und musste grinsen. Diese Vorstellung erschien ihm beinahe noch verrückter als das Erlebnis von eben selbst. Er spitzelte noch einmal unter seiner Bettdecke hervor und sah zu seiner Beruhigung, dass nun auch Matthew wieder friedlich auf seiner Stange saß. Dann schloss er die Augen und schon bald darauf war er eingeschlafen.

… Er befand sich als einziger Zuschauer in einer riesigen Manege. Nicht weniger als sieben Mittelstangen waren vonnöten, um die gewaltige Plane über seinem Kopf zu heben. Hunderte von mit Schnörkeln verzierten Lampen und Laternen waren an der Decke und an den Zeltwänden angebracht und ließen sie grellbunt aufleuchten. Oliver fürchtete sich ein wenig. Er ahnte, dass er träumte. Doch dies alles wirkte unwirklich und real zugleich. Als er sich noch einmal umschaute, nur um festzustellen, dass er wirklich alleine war, ertönte ein mächtiger Paukenschlag.

Und jetzt kamen sie alle: Eine bunte Schar verschiedenster Gestalten und Tiere stürmte die Manege. Durch zahllose Zelteingänge strömten sie herein und mit einem Mal war die sandbedeckte Fläche in der Mitte der Manege vollgestopft mit Requisiten aller Art. Elefanten standen bald auf den Hinterbeinen, bald abwechselnd auf einem Vorder- sowie einem Hinterbein und schließlich nur noch auf den Vorderbeinen. Ein Äffchen kam auf Oliver zu – in einer knallroten, winzigen Uniform mit goldenen Manschettenknöpfen. Auf dem Kopf trug es ein Hütchen, ähnlich dem eines Hotelpagen. Das Tier nahm den Hut vom Kopf und verbeugte sich tief vor ihm.

„Willkommen in Mr Panzinis Welt!“, verkündete der Affe und ließ die Augen rollen. Schließlich zwinkerte er ihm zu und sprang davon. Oliver sah ihn kurz darauf am Trapez herumtollen.

Abenteuerlich geschminkte Clowns trieben derbe Scherze, traten einander in den Hintern, stellten sich Beine und bewarfen sich mit übelriechenden Dingen wie altem Fisch, stinkendem Käse und ähnlichen Sauereien. Artisten in glitzernden Kostümen schwangen sich über Olivers Kopf hinweg und viele von ihnen stürzten mit atemberaubender Geschwindigkeit dem Boden entgegen, ehe sie von einem quer durch den ganzen Raum gespannten Netz aufgefangen wurden. Einige dieser wilden Burschen und Mädchen schienen geradezu durch die Maschen des Netzes hindurchzufallen. Sie prallten auf dem sandigen Boden auf und standen kurz darauf unversehrt wieder auf den Beinen.

Auch Zauberer führten Kunststücke vor. Kaninchen, Katzen, winzige Hunde mit zerknautschten Gesichtern und selbst Marder und Eichhörnchen zogen sich gegenseitig aus langen, spitzen Hüten und Zylindern hervor. Zu dem ganzen Spektakel spielte eine Zirkuskapelle eine ziemlich schräge Musik.

Nach einem weiteren Paukenschlag verstummten alle und verschwanden mit raschelnden Kostümen ebenso schnell, wie sie gekommen waren wieder durch die Zelteingänge.

Oliver erschrak, als sich ihm von hinten eine Hand auf die rechte Schulter legte. Vorsichtig wandte er den Kopf. Braune, fast schwarze Augen starrten ihn an und ein mit rotem Lippenstift geschminkter Mund lächelte breit. „Du weißt ja sicher, wer ich bin“, sagte der kuriose Mann mit einer erstaunlich hellen Stimme. Sie hatte einen schwachen italienischen Akzent.

„Sie … Sie sind Mr Panzini, nicht wahr?“, stammelte Oliver.

„Gut erkannt! Bist ein helles Bürschchen, o ja! Ein sehr helles Bürschchen! Hast du meine Zaubershow schon einmal erlebt, Oliver?“

Woher kannte dieser Mann seinen Namen? Oliver schüttelte den Kopf. „Nein, Sir.“

„Das ist ein großes Problem.“ Der seltsame Mann nahm seine Hand wieder von Olivers Schulter und ging um den Jungen herum. Dann beugte er sich zu ihm herunter und sah ihm direkt ins Gesicht. „Nein, du kannst es nicht sein. Du siehst … anders aus!“ Er richtete sich auf und ging langsam rückwärts. Schließlich verschwand er in einem der Zelteingänge und verschmolz mit der Dunkelheit, die sich nun im ganzen Zelt ausbreitete und auch Oliver vollends einhüllte …

Als Oliver am nächsten Morgen die Augen öffnete, schien Sonnenlicht durch das Fenster. Der Junge blinzelte in den hellen Schein und stand seufzend auf. Was für ein verrückter Traum war das denn gewesen?

Nach dem Frühstück ging er mit seinen Schwestern nach draußen. Sie wunderten sich wegen des Umtriebs, der an diesem Sonntagvormittag herrschte. Menschen aller Stände, vom Arbeiter bis zum Anzugträger, gingen mit Schirmmützen und Melonenhüten auf den Köpfen nebeneinander her, unterhielten sich und lachten. Alle sprachen aufgeregt über ein Thema: Der Zirkus war gekommen!

Auf den Litfaßsäulen prangten Plakate, die für Panzinis Circus warben. Eine große Anzahl von Tieren war darauf zu sehen, Clowns und Artisten. Und in der Mitte lächelte Panzini selbst. Olivers Magen krampfte sich zusammen. Es war derselbe Mann, den er bereits am Abend zuvor in der verrückt gewordenen Werbezeitung gesehen hatte. Derselbe Mann, dem er in seinem Traum begegnet war. Wurde er wirklich verrückt? Im nächsten Moment schüttelte er den Kopf. Natürlich nicht! Er hatte den Kerl in der Zeitschrift gesehen und folgerichtig auch von ihm geträumt. Und dies war nur eine Litfaßsäule. Punkt.

„Was ist denn los, Oliver?“, wollte Sue wissen.

„Nichts“, murmelte Oliver. Seine Schwester zuckte mit den Schultern und hüpfte voraus. Aber Ann-Mary gab nicht so leicht auf. „Du hast doch über irgendetwas nachgedacht, oder?“

„Ach komm“, sagte Oliver seufzend. „Ich will einfach nur meine Ruhe haben und mir den Zirkus ansehen. Wenigstens, solange er noch aufgebaut wird – wenn wir uns schon die Vorstellung nicht leisten können.“ Bevor seine Schwester antworten konnte, kam ein schwarzhaariger Junge auf die drei Geschwister zugeschlendert. Es war Alfie, Olivers bester Freund. Die beiden Jungen begrüßten sich mit einem kameradschaftlichen Handschlag und zu viert gingen sie weiter Richtung Festplatz.

Olivers Herz schlug schneller, als er das bunte Zelt zwischen den grün belaubten Bäumen hindurchscheinen sah. Es war wirklich ein beeindruckend großes Zelt, welches angesichts der vielen Stangen, Seile und Fahnen zugleich zerbrechlich wirkte. Vor dem Zirkuszelt befanden sich etwa ein Dutzend kleinerer Zelte und Planwagen. Dazwischen wuselten die Zirkusarbeiter. Sie waren in grobe Hemden und robuste Hosen gekleidet. Ihre muskulösen Unterarme glänzten vom Schweiß, und ihre Gesichter waren von der harten Arbeit gezeichnet. In vielen Mündern steckten Zigarren oder Pfeifen.

Je näher die Kinder an die Tierzwinger herankamen, desto lauter wurde es. Hunde bellten und Affen kreischten in ohrenbetäubender Lautstärke. Aus einem großen Käfig langte ein dicker, grauer, lederartiger Rüssel heraus und bemächtigte sich der Melone eines Herrn. Dieser begann daraufhin unflätig zu fluchen und konnte dennoch nur hilflos zusehen, wie sein Hut wieder in der Dunkelheit des Zwingers verschwand. Oliver, seine Schwestern und Alfie konnten sich nur mit Mühe das Lachen verkneifen und machten sich schnell aus dem Staub.

„War das ein echter Elefant?“, wollte Sue wissen, als sie außer Hörweite des Mannes waren.

„Natürlich!“, antwortete Oliver. „Für einen aus Holz war der ja wohl zu lebendig.“

Alfie klatschte in die Hände. „Sieh einer an! Mr OliverParkins hat einen wirklich brillanten Spruch von sich gegeben!“

Oliver streckte ihm die Zunge heraus.

Vor einer kleinen Bühne blieben sie stehen. Auch hier drängten sich die Menschen dicht aneinander. Was für ein Spektakel mochte dort wohl stattfinden? Ein Mann mit gewaltigen Muskelbergen stand inmitten zahlreicher trapezförmiger Gewichte. Der Herr daneben mit Weste, Fliege und Golfermütze musste schreien, um den Lärm der Zuschauer zu übertönen: „Ich präsentiere Ihnen, meine Damen und Herren, den stärksten Mann der Welt! Das ist Voldo, der Barbar! Beachten Sie den wohlgeformten Bizeps und den noch viel wohlgeformteren Trizeps! An alle Damen: Dieser junge Herr ist noch nicht vergeben! Und an alle Herren: Sie werden nichts dagegen unternehmen können! Denn dieser Mensch ist eindeutig zu stark für Sie!“

Die Zuschauer brachen in lautstarkes Gelächter aus. Dann legte Voldo los. Er begann mit den mittelschweren Gewichten. Die Stirn legte sich in Falten und ihm brach der Schweiß aus. Dann kamen die beiden kleinsten an die Reihe und der Athlet hatte augenscheinlich auch hier große Probleme, sie anzuheben. Die Adern traten wie blaue Würmer hervor und er atmete schwer. Schließlich schüttelte er den Kopf und gab auf. Nun widmete er sich den größten Gewichten. Mit Leichtigkeit ergriff er das erste und warf es grinsend hinter sich, wo es einen Planwagen halb zertrümmerte. Die Zuschauer schraken kollektiv zusammen und brachen eine Sekunde später in stürmischen Jubel aus. Auch die vier Kinder klatschten begeistert mit.

„Gehst du heute Abend in die Vorstellung?“, fragte Alfie seinen Freund.

„Keine Zeit dafür“, entgegnete Oliver trocken und wahrheitswidrig.

Alfie zog die Augenbrauen hoch. „Was? Du hast am Sonntagabend keine Zeit? Was hast du denn so Wichtiges vor?“

„Könntest du aufhören, ihn so mit deinen Fragen zu löchern?“, fuhr Ann-Mary dazwischen. „Du hast doch gehört, dass er keine Zeit hat. Warum lässt du ihn nicht in Ruhe?“

Oliver drehte sich verärgert zu seiner Schwester um. „Ich kann durchaus für mich alleine sprechen, Ann-Mary!“ Mit diesen Worten ließ er seine Geschwister und seinen Freund zurück und verschwand in der Menge.

Er wollte jetzt nur noch alleine sein und sich insgeheim ein wenig selbst bemitleiden. Dafür, dass er wohl auf absehbare Zeit kaum in den Genuss kommen würde, eine solche Zirkusvorstellung zu genießen. Er flüchtete sich in den kaum tröstlicheren Gedanken, dass er ja ohnehin noch nie in einem Zirkus gewesen war und so auch nie herausfinden würde, was ihm wohl dabei entging. Sicherlich waren all die Wunder und Berichte, von denen man in den Zeitungen las, übertrieben. Doch bald schon drang ihm erneut der scharfe Geruch des Dungs von Tieren aus aller Herren Länder in die Nase und das erlebnishungrige Kind in ihm begann erneut lautstark zu protestieren.

Doch bevor Oliver das Festgelände verließ, erregte ein Zelt seine Aufmerksamkeit. Es war in dunklen Farben gehalten und erinnerte an ein großes Indianertipi. Ohne nachzudenken, näherte er sich dem halb aufgeschlagenen Eingang und wagte einen Blick in das Innere des Zeltes.

Zu seiner Überraschung stand eine gewaltige, rundum verzierte und lautstark tickende Standuhr an der hinteren Zeltwand. Das Ziffernblatt trug neben den Zahlen von eins bis zwölf noch weitere Zeichen, deren Bedeutung Oliver nicht kannte. Zwei kleinere Kommoden befanden sich rechts und links vom Zelteingang. Teils waren ihre Schubladen aufgezogen und mit allerlei Krimskrams gefüllt. Auf einem großen Eichentisch lagen etliche Bücher und Karten. Erst jetzt entdeckte Oliver den Schemen einer Gestalt an einem einfachen Schreibtisch. Es war ein kleiner untersetzter Mann mit einem riesigen Zylinder auf dem Kopf, der emsig die darauf liegenden Dokumente zu studieren schien. Er wandte Oliver den Rücken zu und hatte ihn wohl noch nicht bemerkt.

Leise versuchte Oliver, sich wieder davonzustehlen, doch schon nach wenigen Schritten ließ ihn eine ziemlich scharfe, krächzende Stimme zusammenzucken. „Hey, Junge! Was trollst du dich vor dem Zelt des Direktors herum?“

Oliver rutschte das Herz in die Hose. Er blieb stehen und drehte sich langsam um. Der untersetzte Mann stand mit purpurrotem Gesicht vor seinem Schreibtisch und stemmte beide Fäuste in die Seiten.

„I-Ich … ich d-dachte –“, stotterte Oliver.

„Anscheinend wohl eher nicht!“, unterbrach ihn der dicke Kerl grob. „Verschwinde von hier! Dieses Zelt geht dich nichts an! Komm heute Abend wieder, wenn die Vorstellung beginnt. Dann kann ich dir eine Karte verkaufen. Bis dahin ist das hier für dich tabu! Verstanden?“

Der Junge nickte hastig. „Ist notiert!“ Er erntete noch ein missbilligendes Kopfschütteln, dann wurde der Eingang ruckartig zugezogen. Oliver atmete erleichtert aus und verließ langsam das Festgelände.

Oliver war noch immer reichlich verstört, als er wieder auf der Straße stand, die zurück zum Stadtkern führte. Was hatte er sich bloß dabei gedacht? Er war doch sonst nicht so unvorsichtig! Am besten würde er jetzt nach Hause gehen. In seinem Zimmer würde er tun und lassen können, was er wollte. Er würde die eingerahmte Ein-Dollar-Note betrachten, mit George Washington auf der linken und dem Symbol des United States Department of the Treasury auf der rechten Seite, die ihm sein Onkel Anfang des Jahres aus Chicago geschickt hatte, und sich darüber ärgern, dass er nicht in den Zirkus gehen konnte. So würde nur ein weiterer todlangweiliger Sonntag ins Land ziehen. Seine Mutter würde Steckrüben auftischen und sie würden die Mahlzeit wieder schweigend verzehren. Sie würden das Radio aufdrehen und den üblichen Swing hören sowie die ernüchternden Kriegsberichte. Unweigerlich würde er wieder an seinen Vater denken müssen, der gerade irgendwo in Frankreich war und seinen Dienst tat. Er würde auf den Platz seines Vaters blicken und nichts weiter sehen als einen leeren Stuhl. Für gewöhnlich verblasste die Erinnerung dann wieder für den Moment, nur um am nächsten Morgen beim Frühstück erneut aufzuflammen.

Er schlenderte über die sonnenbeschienene Straße. Nach einer Weile blieb er stehen und blickte nach Westen. Unmittelbar hinter den Häusern erstreckten sich Wiesen, die von Scheunen, kleinen Hütten, Abzugsgräben und kleineren Gehöften gesprenkelt waren. Der Junge blickte sich noch einmal um und hörte aus der Ferne den Trubel der Menschenmenge. Dann wandte er sich traurig den Weiden zu. Er verließ die Straße, um noch ein wenig durchs Gras zu streifen, und schon bald stand er knöchelhoch im gewachsenen Klee.

Fasziniert betrachtete Oliver die vielfältigen Blumen und hielt Ausschau nach den Tieren in Wald und Feld. Seine Mutter tadelte ihn immer, wenn er im Winter halbverhungerte Wühlmäuse und Igel mit nach Hause brachte, um sie in seinem Zimmer durch die kalte Jahreszeit zu bringen. All dies änderte jedoch nichts an seinen naturwissenschaftlichen Ambitionen. Er durchstreifte weiterhin die Landschaft rund um Fairie’s Willow. Manches Mauseloch und manchen Maulwurfhügel kannte er inzwischen besser als den einen oder anderen Bewohner des kleinen Städtchens. Schließlich setzte er sich mitten ins Gras und ließ sich auf den Rücken sinken. Er betrachtete die Wolkenflocken, die über den strahlend blauen Himmel zogen. Oliver erkannte in ihnen Blüten, Gesichter und Gestalten. Verträumt schloss er die Augen und lauschte den noch schwach herüberwehenden Klängen der Festmusik.

Ein Rascheln zur Rechten seines Kopfes weckte ihn aus seinen Träumereien. Träge wandte er sich um. Ein Eichhörnchen blickte ihn mit dunklen Knopfaugen an. Doch es schien nichts gemein zu haben mit jenen Tierchen, welche in den Ästen der Eichenbäume entlang der Barnet Street herumtollten. Vielmehr glaubte er, etwas Menschliches im Blick des Eichhörnchens erkennen zu können. Tatsächlich blickte es den Jungen mit interessiertem, geradezu durchdringendem Gesichtsausdruck an, legte das Köpfchen schief, stieß einen kurzen, kehligen Laut aus und verzog den Mund … zu einem Grinsen! Weiße Nagezähne blitzten unter dem Schnurrhaar hervor. Dann huschte es wieder aus seinem Blickfeld.

Oliver war wie vom Donner gerührt. Hatte das Tierchen ihn tatsächlich gerade angegrinst? Für gewöhnlich waren Eichhörnchen so scheu, dass sie sich einem Menschen kaum auf zehn Schritte näherten. Dieses hingegen hatte sich unmittelbar neben seinem Gesicht postiert. Oliver rief sich warnend in Erinnerung, dass solch ein Verhalten auch auf Tollwut hindeuten konnte. Alarmiert richtete er sich auf. Das Tier stand nun neben seinen Füßen und betrachtete neugierig seine Halbschuhe.

Und dann geschah das Unglaubliche: Es winkte Oliver mit einer Pfote zu und legte wieder dieses dreiste Lächeln auf. Der Junge schüttelte den Kopf. Jetzt war es wohl passiert. Er war nicht mehr ganz richtig im Kopf. Während er tief Luft holte, ließ er das Lebewesen keine Sekunde mehr aus den Augen. Das Tier winkte noch einmal und verschwand zwischen den Gräsern.

Oliver sprang auf. Ob das eben Erlebte nur seiner Phantasie entsprungen oder tatsächlich geschehen war … in keiner Weise würde er einer echten Gefahr ausgesetzt sein, wenn er dem Eichhörnchen folgte. Es war nur ein kleines Nagetier – andererseits hatte sich Alice wohl dasselbe gedacht, als sie dem Kaninchen in seinen Bau folgte …

Er lief dem Tier hinterher. Immer wieder sah er den rostbraunen Schatten zwischen den Blumen auftauchen und verschwinden. Das Eichhörnchen bewegte sich schnell, doch sobald Oliver für einen Augenblick nicht Schritt halten konnte, blieb es stehen und schien zu warten, bis er wieder aufgeholt hatte. Immer wieder ließ es diesen kehligen Laut hören und winkte.

Das Eichhörnchen führte ihn geradewegs zurück zum Festgelände. Bald schon erreichten sie die ersten Buden und Zelte. Das Nagetier jagte zwischen den Ständen hindurch und der Junge erntete einige befremdliche Blicke seitens der Besucher. Schließlich fand er sich vor dem indianerartigen Zelt wieder, in dem er den dicken Mann aufgestört hatte. Das Eichhörnchen blieb vor dem zugezogenen Eingang stehen, drehte sich um und winkte ihm abermals zu. Der Strick, mit dem das Zelt zugeschnürt worden war, wurde wie von unsichtbarer Hand gelockert, sodass sich der Eingang einen dünnen Spalt weit öffnete.

Der Junge schüttelte langsam den Kopf und hob ablehnend die Hände. Das Tier legte die Stirn in Falten und winkte nun noch energischer mit beiden Pfoten. Als Oliver weiterhin keine Anstalten machte, ihm zu folgen, zuckte das Eichhörnchen mit den Schultern, verdrehte entnervt die Augen und huschte durch den Spalt ins Zelt hinein, woraufhin der Eingang sich wieder verschloss. War das gerade wirklich passiert? Oliver ging langsam rückwärts, den Blick fest auf das Zelt gerichtet, und stieß dabei gegen eine Dame mit einem Sektglas in der Hand. Ein guter Teil des edlen Tropfens wurde quer über den Boden verteilt.

„Hey! Hast du keine Augen im Kopf?“, stieß sie verärgert hervor.

„Tut mir leid“, murmelte Oliver und ging rasch weiter. Auf gar keinen Fall wollte er sich noch eine weitere Standpauke anhören müssen. Er wollte nur noch nach Hause.

Als er endlich wieder die Hauptstraße erreicht hatte, wurde er von Alfie eingeholt. „Wo bist du denn gewesen?“, fragte sein Freund. Als Oliver nicht gleich antwortete, fuhr er fort: „Hör mal, wenn ich vorhin irgendetwas Falsches gesagt habe, dann tut es mir leid.“

„Mach dir keine Sorgen. Es hat nichts mit dir zu tun.“

„Womit denn?“

„Nichts Wichtiges“, erwiderte Oliver. „Ich bin nur ein wenig durcheinander. Ich habe gerade ein Eichhörnchen gesehen …“

„Davon gibt es hier Tausende. Warum bringt dich das so aus der Fassung?“

„Es hat sich wie ein Mensch verhalten und ist dann in einem der Zirkuszelte verschwunden.“

„Das war bestimmt ein dressiertes Tier. Vermutlich hat das Personal nicht aufgepasst“, meinte Alfie lachend.

„Das ist Blödsinn! Glaubst du im Ernst, ein Zirkus würde Eichhörnchen für Geld vorführen? Niemand interessiert sich für diese kleinen Tierchen.“

„Wir könnten ja einfach mal nachsehen, oder?“

„Bist du wahnsinnig?“, entfuhr es Oliver. „Wenn wir erwischt werden …, dann landen wir noch bei der Polizei! Und meine Mutter hat echt schon genug Sorgen.“

„Jetzt mach mal halblang. Wir sprechen hier von Zelten! Wie oft sind wir schon in irgendwelche Häuser eingestiegen? Erinnerst du dich an das Herrenhaus auf dem Scarborough Peek?“

„Das war verlassen. Da hätte uns niemand erwischen können“, meinte Oliver.

„Irrtum! Die Bewohner waren im Urlaub. Ich habe drei Pfund Pfefferminzbonbons mitgehen lassen – und keiner hat etwas bemerkt.“

„Du hattest behauptet, es stünde leer! Wenn ich gewusst hätte, dass du dort einbrechen willst, wäre ich sicher nicht mitgekommen!“

„Es hat uns doch beiden Spaß gemacht, oder? Aber jetzt lass uns überlegen, wie wir herausfinden können, was das für ein furchteinflößendes Biest war, dem du da vorhin begegnet bist.“

Oliver sah sich kurz um und seufzte. „Also gut! Ich schätze, während der Vorstellung könnten wir es vielleicht versuchen.“

Alfie grinste zustimmend und winkte ihm noch zu, ehe er an seiner Wohnungstür klingelte.

Als Oliver nach Hause kam, grüßte er kurz seine Mutter und verschwand sogleich in seinem Zimmer. Matthew schien sich ganz gut erholt zu haben. Er begrüßte den Jungen mit einem fröhlichen Pfeifen.

Oliver schüttete Körner in den kleinen Trog im Käfig und beobachtete den Vogel dabei, wie er sich zwitschernd auf die Mahlzeit aus Sesam und Sonnenblumenkernen stürzte. Dann nahm Oliver die Dollarnote zur Hand und betrachtete sie. Ein leises Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als er wieder einmal zu träumen begann. In seinen Gedanken konnte er ein Indianer sein oder Huckleberry Finn und ein freies, sorgloses Leben genießen.

Der Ruf seiner Mutter schreckte ihn aus seinen Wunschwelten auf. „Oliver! Komm auch herunter. Ich habe eine Überraschung für euch!“

Oliver hob erstaunt die Augenbrauen. Wann hatte es das letzte Mal so etwas wie eine Überraschung gegeben? Möglicherweise, als sein Vater verkündet hatte, dass er nach Frankreich gehen würde. Doch nun schien es völlig anders. Seine Mutter hatte sich eindeutig fröhlich angehört!

Im Wohnzimmer standen auch Sue und Ann-Mary, und Mrs PatriciaParkins lächelte zum ersten Mal seit langer Zeit. „Sie waren nicht ganz billig, aber ich habe sie trotzdem gekauft!“ Sie hob die Hand – und hielt vier Kärtchen zwischen ihren Fingern.Panzinis Circus war in geschwungenen Lettern darauf zu lesen und jede einzelne Karte war handschriftlich mit einem ihrer Namen versehen.

„Ich habe eure Namen darauf geschrieben. Für den Fall, dass ihr sie verliert. Wenn es noch ein paar ehrliche Menschen auf dieser Welt gibt, dann bekommt ihr sie zurück.“

Oliver und seine Schwestern umarmten ihre Mutter stürmisch.

„Wann gehen wir denn zur Vorstellung?“, fragte Ann-Mary aufgeregt.

Mrs Parkins lächelte. „Gleich nach dem Abendessen, mein Schatz.“

Sue machte einen Luftsprung, dass ihre Zöpfe nur so durch die Luft flogen. „Danke, Mama! Vielen, vielen, vielen Dank!“, rief sie und setzte sich sofort an den Esstisch.

„Wenn das nur immer so funktionieren würde“, gab ihre Mutter lachend zurück.

Das Abendbrot verlief in selten ausgelassener Stimmung. Danach warfen sich alle in Schale. Oliver zog seinen besten – weil einzigen – Anzug an. Es würde ein Festabend der ganz besonderen Art werden. Wie sehr Oliver mit diesem Gedanken recht behalten würde, ahnte er zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht.

2

Panzinis Standuhr

Der Festplatz glich einem Hexenkessel. Noch viel mehr Menschen als am Nachmittag drängten sich mit strahlenden Gesichtern um die Buden und das Zirkuszelt.

Mrs Parkins nahm ihren Kindern das Versprechen ab, eine halbe Stunde vor Vorstellungsbeginn am Zelteingang zu sein, und ließ sie dann auf eigene Faust die Umgebung erkunden.

Oliver schlüpfte durch die Menschenmassen und traf prompt wieder auf Alfie.