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Gelegentliche Hitzewallungen sind für Claudia das geringste Problem. Wesentlich größere Sorgen bereitet ihr der Umstand, dass ihr Exmann sich wieder zu verheiraten gedenkt und dass eine ihrer Töchter schwanger ist, aber den Namen des Kindsvaters nicht preisgeben möchte. Claudia gibt sich allerdings nicht so schnell geschlagen und beschließt, dem geheimnisvollen Vater ihres Enkelkindes selbst auf die Spur zu kommen. Dabei läuft allerdings nicht alles nach Plan….
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Seitenzahl: 340
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Gertraud Sayer
Oma im Info-Stau
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Kapitel 1: Vorösterliche Frohbotschaft
Kapitel 2: Heißer Kaffee und wirre Träume
Kapitel 3: Monday Morning
Kapitel 4: Zu viel Obst für Nele
Kapitel 5: Lydias Rache
Kapitel 6: I’m so sorry
Kapitel 7: Neles Überraschung
Kapitel 8: Es grünt so grün…
Kapitel 9: Pictures
Kapitel 10: Rosarot statt himmelblau
Kapitel 11: Rosarot und himmelblau
Kapitel 12: Hundstage
Kapitel 13: Katzenjammer
Kapitel 14: Veränderungen
Kapitel 15: Großeltern auf Probe
Kapitel 16: Wer Sonne sucht, wird Sonne finden…
Kapitel 17: Es geht los!
Kapitel 18: Finale
Impressum neobooks
Zum Buch:
Gelegentliche HitzewallungensindfürClaudia das geringste Problem. Wesentlich größere Sorgen bereitet ihr der Umstand, dass ihr Exmann sich wieder zu verheiraten gedenkt und dass eine ihrer Töchter schwanger ist, aber den Namen des Kindsvaters nicht preisgeben möchte. Claudia gibt sich allerdings nicht so schnell geschlagen und beschließt, dem geheimnisvollen Vater ihres Enkelkindes selbst auf die Spur zu kommen. Dabei läuft allerdings nicht alles nach Plan….
Die Autorin:
G. A. Sayer studierte Germanistik und Geschichte an der KF-Universität in Graz. Die zweifache Mutter und Großmutter zweier Enkelkinder lebt mit ihrem Mann in einem bescheidenen Anwesen südlich der steirischen Landeshauptstadt.
Lektorat:
Ursula Kainz Peter Sayer
Coverbild:
Peter Semlitsch
Inhaltsverzeichnis
Kapitel 1: Vorösterliche Frohbotschaft
Kapitel 2: Heißer Kaffee und wirre Träume
Kapitel 3: Monday Morning
Kapitel 4: Zu viel Obst für Nele
Kapitel 5: Lydias Rache
Kapitel 6: I’m so sorry
Kapitel 7: Neles Überraschung
Kapitel 8: Es grünt so grün…
Kapitel 9: Pictures
Kapitel 10: Rosarot statt himmelblau
Kapitel 11: Rosarot und himmelblau
Kapitel 12: Hundstage
Kapitel 13: Katzenjammer
Kapitel 14: Veränderungen
Kapitel 15: Großeltern auf Probe
Kapitel 16: Wer Sonne sucht, wird Sonne finden…
Kapitel 17: Es geht los!
Kapitel 18: Finale
Sting trällerte seinen Herzschmerz durch das Radio in mein Wohnzimmer. Es war Mitte März. Ich trat hinaus auf den Balkon meiner Eigentumswohnung, die ich mir nach der Scheidung von Heinz gekauft hatte.
Die Luft war lau, der Winter war ein milder gewesen, und jetzt bahnte sich ein freundlicher Frühling an. Die Sonne schien von einem kitschig blauen Himmel, die Vögel zwitscherten und in den Vorgärten der Einfamilienhäuser in unserer Straße eierte es vorösterlich vor sich hin.
Auf Palmkätzchenzweigen, Forsythien und anderem Grünzeug baumelten bunt bemalte Kunstwerke in Vorfreude auf das Osterfest links und rechts oder nur links oder nur rechts neben den Eingangstüren der Häuser, und putzige Häschen aus Porzellan oder Plastik luden gebetene und ungebetene Gäste freundlich ein, näher zu kommen. In den Beeten daneben blühten bereits Krokusse in allen Farben und Schneeglöckchen um die Wette; ein paar Narzissen gab es auch, und an ganz geschützten Plätzen konnte man sogar schon die ersten Tulpen bewundern.
Ich räkelte mich und zog die frische Morgenluft in meine verrauchten Lungen – nun ja, so ganz verraucht waren sie ja nicht mehr; vor drei Wochen hatte ich mir dieses gesundheitsschädigende Laster nämlich abgewöhnt –, als mein Mobiltelefon läutete. So eilte ich zurück ins Wohnzimmer und kramte das Gerät aus meiner Handtasche.
„Claudia Geiger, wer stört?“ meldete ich mich.
„Ich bin’s, Mama, Sunny. Wir treffen uns heute vis à vis von Neles Wohnung in dem neuen Café, das vor zwei Wochen eröffnet hat. Du kommst doch, oder?“, fragte mich Sonja, meine Jüngste.
Am Samstagmorgen mit meinen drei Töchtern gemeinsam zu frühstücken war eine lieb gewordene Tradition, die nur ungern eine von uns vieren verpasste. Wir trafen uns jeden Samstag in einem anderen Lokal, und jedes Mal durfte eine andere von uns vieren den Treffpunkt aussuchen.
An diesem Wochenende war meine Tochter Nele an der Reihe, sich um die Lokalität für unser samstägliches Frühstück zu kümmern, und dass sie nicht weit laufen oder fahren wollte, war für uns alle nicht überraschend. Nele ist nämlich die Bequemste meiner drei Töchter. Der Umstand, dass es jetzt ein Café gegenüber ihrer Wohnung gab, war für sie ein ausgesprochener Glücksfall. Für uns versprach er wenig Abwechslung, denn es war kaum anzunehmen, dass sie in Zukunft jemals eine andere Lokalität auswählen würde als „ihr“ Café.
„Natürlich komme ich wie immer um halb zehn“, versprach ich. „Ich freue mich auf euch!“
„Gut“, meinte Sonja und kicherte ins Telefon, was überhaupt nicht ihrem Naturell entsprach. Sonja war nämlich, obwohl sie die Jüngste meiner drei Sprösslinge war, die absolut Ernsteste, Vernünftigste, Zielstrebigste und Verantwortungsbewussteste. „Ich glaube nämlich, Nele möchte dir etwas sagen.“
Diese Eröffnung machte mich neugierig. Was wollte Nele mir sagen? Hatte sie schon wieder den Job aufgegeben? War sie wieder einmal auf der Suche nach einer neuen Arbeit?
Nele hatte noch nie in ihrem Leben – sie war jetzt dreißig – irgendetwas zu Ende gebracht. Nach der Matura hatte sie zuerst zwei Semester lang Archäologie studiert, dann zwei Semester Kunstgeschichte, ein Semester nur Geschichte – ohne Kunst, drei Semester Germanistik und noch ein Semester Medizin.
Danach hatte sie erkannt, dass sie für ein Studium nicht geschaffen war, und beschlossen, ihrem Vater nicht mehr auf der Tasche zu liegen, obwohl ihr Heinz sicherlich noch länger ihre abwechslungsreichen Studien finanziert hätte – schon allein deshalb, weil er glaubte, mit Geld all das kompensieren zu können, was er als Vater versäumt hatte.
Seither versuchte sich Cornelia in diversen Jobs: als Kellnerin in einem Café, als Küchenhilfe in einem Vorstadtgasthaus, als Aushilfskraft in einer Kinderkrippe und als Lagerarbeiterin in einem Baumarkt. Danach war sie zwei Jahre – so lange hatte sie es vorher nirgendwo ausgehalten – wieder als Aushilfskraft in einer Gärtnerei beschäftigt gewesen, wobei sie sich gar nicht ungeschickt angestellt hatte und von ihrem Chef ihres „grünen Daumens wegen“ mehrmals gelobt worden war. Vor einem Monat hatte sie die Gärtnerei verlassen, weil sie in der Rezeption eines Fitness-Centers einen besser bezahlten Job bekommen hatte.
Was sie wirklich gut konnte, war Malen, und diesem Hobby frönte sie in ihrer Freizeit wie eine Besessene. Allerdings verkaufte sie nur selten eines ihrer zahlreichen Kunstwerke und sie gab sie – meiner Meinung nach – viel zu preiswert her. Warum sie nie versucht hatte, auf der Kunstuniversität aufgenommen zu werden, war mir ein Rätsel.
Nele war auch aus anderen Gründen mein Sorgenkind. Sie hatte zwar eine prima Figur, obwohl sie wie ein Scheunendrescher Unmengen von Nahrungsmitteln in sich hinein stopfen konnte, aber sie verstand es nicht, ihre Schlankheit und ihre Weiblichkeit durch eine passende Kleidung in Szene zu setzen.
Sie kaufte nur in Dritte-Welt-Läden oder Secondhandshops ein und trug meistens weite, bunte Kleider oder Schlabberhosen, die ihre weiblichen Formen verhüllten, anstatt sie zu betonen. Wenn sie ab und zu enge Jeans anhatte, so ergänzte sie dieses hübsche Kleidungsstück garantiert mit einem unmöglich aussehenden weiten T-Shirt.
Ihre wallende, kastanienbraune Haarmähne – die Lockenpracht hatte sie von mir und meiner Mutter geerbt, nur dass sie bei ihr noch viel ausgeprägter war als bei uns – fasste sie sehr oft lieblos mit einer Haarklammer zusammen.
Und natürlich war sie auch beziehungsmäßig nicht so unterwegs, wie ich es mir für meine Kinder wünschte. Keiner ihrer Flirts hatte bisher so lange gehalten, dass sie es für passend erachtet hätte, uns einen Kerl einmal vorzustellen.
Was mich auch störte, war der Umstand, dass sie noch immer keine eigene Wohnung besaß und sich in einer Art WG eine zugegebenermaßen schöne, geräumige Altbauwohnung im Zentrum der Stadt mit einem arbeitslosen Langzeitstudenten namens Jan, der seit sechzehn Semestern Italienisch und Geschichte studierte, teilte. Obwohl dieses „Reich“ Jans betuchten Eltern gehörte, war es Nele gelungen, das größte und schönste Zimmer für sich zu beanspruchen, und ihr Mitbewohner hatte auch nichts dagegen, dass der geräumige Vorraum von meiner Tochter als Atelier genutzt wurde.
Im Vergleich zu Cornelia waren meine anderen beiden Töchter einfach „Vorzeigekinder“.
Sonja war ohnedies nur seriös, arbeitete nach einem Studium, das sie in Mindestzeit absolviert hatte, als Lehrerin für Französisch und Englisch in einem Gymnasium südlich der Stadt und lebte seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr mit ihrer Jugendliebe Stefan, der ebenfalls Lehrer – für Mathematik und Physik – geworden und fast so seriös wie meine Tochter war, in einem Reihenhaus am Stadtrand, das die beiden schon käuflich erworben hatten.
Und Margit, genannt Maggy, war mit ihren dreiunddreißig Jahren die Älteste meiner drei Töchter. Sie hatte – nicht in Mindestzeit, aber auch recht flott – Medizin studiert, arbeitete in einem kleinen Krankenhaus als Assistenzärztin und lebte mit Hannes, einem etwas langweiligen Maschinenbauingenieur, im Südwesten der Stadt in einer geräumigen, hellen Eigentumswohnung. Sie wollte einmal in die Fußstapfen ihres Vaters treten und nach dessen Pensionierung seine Praxis übernehmen.
Ich trat, einen dicken Keks mampfend – ich esse nämlich immer, wenn ich das Gefühl habe, irgendetwas entgleitet meiner Kontrolle – und das Mobiltelefon in meiner Hand haltend, noch einmal auf meinen mit Primeln bestückten, ebenfalls vorösterlich geschmückten Balkon, zupfte an den Blumen herum und hakte nach: „Was will Nele mir sagen?“
„Das musst du sie schon selber fragen“, war Sonjas nüchterne Antwort und ihre Stimme hatte wieder den für sie so typischen seriösen Ton, der keinen Widerspruch duldete.
„Bis später, Mama“, sagte sie noch, und schon war das Gespräch beendet.
So blieb mir also nichts anderes übrig, als mich bis zum Treffen mit den jungen Damen zu gedulden, was allerdings überhaupt nicht meinem Naturell entsprach. Ich bin nämlich ziemlich neugierig und kann unangenehm nervös werden, wenn eine neue Nachricht nicht in jenem Tempo, das ich mir vorstelle, zu mir durchdringt.
Weil so ein schöner, sonniger Frühlingstag war, wollte ich mir meine Laune aber nicht verderben lassen und beschloss, mich in Gelassenheit zu üben.
Um meine Stimmung wieder anzuheizen, drehte ich das Radio ab und schob eine CD von Konstantin Wecker in den Player. „Wenn der Sommer nicht mehr weit ist“ passte viel besser zu so einem lauen, sonnigen Tag als der Weltschmerz von Sting.
Ein Blick auf die Uhr verriet mir, dass ich mich langsam herrichten musste. Hurtig begab ich mich in mein Schlafgemach, trällerte fröhlich den Wecker-Song mit und öffnete meinen Kleiderschrank. Was sollte ich anziehen? Das Treffen mit meinen drei Töchtern war immer auch eine kleine Modeschau. – Nele in ihren sackartigen Kleidern machte dabei klarerweise nicht mit.
Nachdem ich zwei Hosenanzüge, ein Kostüm, drei Kleider und zwei Röcke mit Blusen auf mein vereinsamtes Doppelbett geworfen hatte, entschied ich mich – zunächst – für ein Dirndl, und das nur, weil ich es schon zwei Jahre nicht mehr getragen hatte und weil das freundliche Wetter so „dirndlmäßig einladend“ war. Doch gleich bereute ich es, dass ich schon zwei Kekse „vorgefrühstückt“ hatte, und nahm mir vor, wieder regelmäßig joggen zu gehen, denn das Kleid war unbequem eng.
Also wählte ich, nachdem ich mich aus diesem Panzer befreit, noch einmal meinen Schrank durchwühlt und zwei weitere Kleider und einen Rock aufs Bett geworfen hatte, meinen neuen dunkelblauen Hosenanzug und eine weiße Bluse als Outfit für den Vormittag mit meinen Kindern. So sah ich wenigstens seriös genug aus, um meiner störrischen Tochter – falls es nötig werden sollte – gehörig den Kopf zu waschen.
Das Chaos auf meinem Bett musste – wie so oft – aus Zeitmangel noch eine Weile darauf warten, wieder von mir beseitigt zu werden. Und auch im Wohnzimmer, wo ich gestern Abend noch ein paar Zeitschriften durchgeblättert und dazu ein Glas Wein getrunken hatte, sah es aus, als hätte ich es soeben erst verlassen, um schlafen zu gehen.
Ich nahm einen weinroten Schal aus dem Schrank, bändigte meine Lockenmähne mit einem im gleichen Ton gehaltenen Haarband, schlüpfte in meine farblich dazu passenden High Heels, schnappte mir meine Handtasche und wollte gerade meine Wohnung verlassen, als neuerlich das Telefon klingelte.
Zum zweiten Mal an diesem Vormittag kramte ich dieses unverzichtbare Gerät hervor und ziemlich genervt, weil ich wieder einmal recht spät dran war, meldete ich mich:
„Geiger, wer stört schon wieder?“
„Hier auch Geiger“, flötete Heinz, mein Ex, ins Telefon. „Hast du die Mädels heute schon getroffen?“
Ich rollte die Augen: Er wusste doch, dass wir uns samstags immer um halb zehn Uhr trafen. Was sollte daher diese dämliche Frage?
„Nein, aber ich bin gerade unterwegs zu unserem gemeinsamen Frühstück und spät dran, also fass dich kurz!“, motzte ich ihn wenig freundlich an, während ich mit meiner freien, also nicht das Handy umklammernden Hand meine Wohnungstüre schließen wollte, durch ein Exemplar der achtlos herumliegenden Schuhe aber daran gehindert war. Ich gab der störenden Fußbekleidung einen Tritt, dass sie ins Innere der Wohnung zurück segelte, und sperrte zu.
„Ach so, dann weißt du also noch nichts“, tat er geheimnisvoll.
„Was soll ich wissen? Sonja hat schon während ihres Anrufs so eine eigenartige Anspielung gemacht, dass mir Nele etwas sagen möchte. Also spuck aus, was ich wissen sollte! Ich hab’s nämlich eilig“, herrschte ich ihn ungeduldig an, während ich auf den Lift wartete, der mich nach unten befördern sollte.
„Wieso Nele? Alle drei wissen es schon, aber …. nun ja … ich wollte ja sowieso, dass du es von mir erfährst und nicht von den Kindern…. aber…. ich werde …. also …. ich muss …. also …. ich will …. also …. Tanja und ich …. naja, vielleicht hätte ich es dir persönlich sagen sollen ... aber irgendwie hat es nie gepasst … also … du bist ja auch immer so schnell draußen aus der Praxis …. aber wurscht, irgendwann musst du es ja doch erfahren.“
Er räusperte sich.
„Kannst du jetzt bitte endlich zur Sache kommen?“, sagte ich scharf. „Ich habe dir schon gesagt, ich bin in Eile.“
„Also …. also Tanja und ich …. also …. also wir werden im Sommer …. also …. also wahrscheinlich Ende August …. also heiraten“, brachte er mühsam hervor.
Das war ja eine großartige Nachricht! Dabei hatte der Tag so schön und freundlich angefangen! Schon war ich in Versuchung, noch einmal zurück in die Küche zu eilen und mir einen weiteren Keks in den Mund zu stopfen. Aber da fiel mir zum einen mein enges Dirndlkleid ein, zum anderen war der Lift endlich da, deshalb verzichtete ich darauf.
Ich empfand wirklich nichts mehr für meinen Exmann, rein gar nichts, um genau zu sein. Uns verbanden nur die berufliche Nähe und der Umstand, dass wir Eltern dreier großartiger Töchter waren. Aber dass er jetzt diese Tussi ehelichen wollte, die nur um drei Jahre älter als Maggy war, empfand ich einfach als geschmacklos und unsagbar peinlich.
Heinz war ein seriöser, fast sechzigjähriger Mann, bereits ergraut, und seine ehemals dichten dunklen Haare waren so schütter geworden, dass er sie nur ganz kurz tragen konnte. Er hatte ein Wohlstandsbäuchlein, und das, obwohl er allen seinen etwas fülligeren Patienten einreden wollte, sie seien „zu klein“ geraten für ihr Gewicht. Und er hatte drei erwachsene Töchter!
Und jetzt wollte er tatsächlich diese Tussi …. diese sechsunddreißigjährige Tussi, die locker seine Tochter sein könnte …. heiraten! Ich konnte es einfach nicht fassen!
Zudem mochte ich diese unmögliche Person überhaupt nicht. Sie war schon seit einigen Jahren, um genau zu sein seit neun Jahren die Sprechstundenhilfe und gleichzeitig die neue Flamme von Heinz und deshalb – also aus dem ersten Grund – hatte ich mit ihr natürlich auch immer wieder zu tun.
Heinz war praktischer Arzt und wir hatten so etwas wie eine Praxisgemeinschaft: Ich arbeitete im selben Gebäude, in dem er ordinierte, als Physiotherapeutin und bekam auch die meisten Patienten von ihm überwiesen. Diese berufliche Nähe erwies sich aber nach der Scheidung immer wieder als problematisch, vor allem, weil mir die Tussi dadurch zwangsläufig jeden Tag mehrmals über den Weg lief. Und so wenig, wie ich sie mochte, so wenig mochte sie mich. Und sie machte vor allem keinen Hehl daraus, dass sie mich unsympathisch fand.
Besonders störte sie der Umstand, dass ich noch Geiger hieß, sie aber (noch) nicht.
Sie hieß Tanja Siharsch. Also, Siharsch würde ich um nichts in der Welt heißen mögen. Wenn sie sich irgendwo vorstellte oder in der Ordination das Telefon bediente und sagte: „Guten Tag, hier Praxis Doktor Geiger, Sie sprechen mit Frau Siharsch“, dann musste sie immer das „H“ in ihrem Namen ganz besonders betonen, um nicht unhöflich zu wirken.
Ich an ihrer Stelle hätte meinen Namen schon längst auf Sicharsch oder Sischarsch oder am besten Meier oder Müller oder Schmied ändern lassen, um solche Peinlichkeiten zu vermeiden. Noch besser wäre natürlich Sitzarsch oder gleich Spitzarsch. Der Name würde doch tatsächlich zu ihrem spitz zusammenlaufenden Hinterteil passen,
Irgendwie musste ich jetzt jedoch auf das pikante Geständnis meines Exmannes reagieren. Ich bemühte mich, mir meinen Unmut über diese Angelegenheit nicht anmerken zu lassen, als ich sagte:
„Na, dann wünsche ich euch beiden recht viel Glück!“
Einen sarkastischen Unterton dabei zu vermeiden, gelang mir freilich nicht.
Ich drückte Heinz missmutig weg, öffnete die große Eingangstüre im Erdgeschoss und ging zu meinem Smart, denn um ein öffentliches Verkehrsmittel zu benutzen oder mit dem Rad zu fahren, war ich definitiv zu spät dran. Dabei ging mir noch einmal mein Telefonat mit Heinz durch den Kopf:
Wieso hatte er gesagt, >ich muss<? War die Tussi am Ende gar schwanger? Das wäre ja noch peinlicher! Da hatte der Mann drei erwachsene Töchter im Alter von dreiunddreißig, dreißig und achtundzwanzig Jahren und wurde womöglich noch einmal Vater! Musste er sich so zum Affen machen? Mir konnte es ja egal sein, aber unsere Töchter könnten daran Anstoß nehmen. Zumindest das sollte ihm zu denken geben.
Und warum hatte Sunny gemeint, Nele müsse mir etwas sagen? Dass Heinz die Siharsch heiraten wollte, hätte mir Sunny ebenso gut sagen können. Heinz hatte doch behauptet, alle drei Mädels wüssten Bescheid. Irgendwie kam mir das alles sehr seltsam vor.
Als ich das Café um zehn nach halb zehn betrat, saßen meine drei Sprösslinge bereits an einem Tisch. Auf den Tellern, die vor ihnen standen, türmten sich Brötchen, Schinken, Käse und Eier, und auf einer weiteren Platte, die in der Mitte des Tisches stand, waren leckere Mehlspeisen aufgeladen. Daneben dampfte Kaffee in bauchigen Tassen und drei Gläser, gefüllt mit Orangenjuice, befanden sich ebenfalls auf der reichlich gedeckten Tafel. Dass sie an mich gedacht und den von mir so begehrten Tomatensaft organisiert und bereit gestellt hatten, empfand ich als besonders liebenswürdig.
„Hallo, Mama“, sagten alle drei im Chor und Nele, die trotz ihrer Exaltiertheit die Herzlichste von allen war, stand auf und küsste mich, „Mamilein, mein liebes Mamilein, schön, dass du hier bist“ murmelnd, zuerst auf die linke, dann auf die rechte Backe und drückte mich ganz fest an sich.
Sunny und Maggy schienen in ein Gespräch vertieft zu sein, denn außer ihrem flüchtig hingeworfenen „Hallo, Mama“ nahmen sie keine Notiz von mir. Wahrscheinlich überlegten sie schon, was sie zu der dämlichen Hochzeit ihres Vaters anziehen sollten.
Ich nahm Platz, nippte an meinem Tomatengetränk und beobachtete meine Töchter. Ich war stolz auf sie, denn sie waren wirklich gut geraten und hübsche junge Frauen geworden.
Nele hatte wieder – wie könnte es anders sein – ein weites, buntes Kleid an und trug ihre kaum zu bändigende Lockenmähne zur Abwechslung offen. Ihr Gesicht hatte an diesem Tag einen ganz besonderen Glanz und ihre Wangen waren leicht gerötet.
Sunny war wie immer wie aus dem Ei gepellt. Sie trug ein mintgrünes Kostüm mit weißer Bluse und hatte ihre dichten, glatten, brauen Haare wie gewohnt zu einem kunstvollen Knoten im Nacken drapiert, was ihr seriöses Wesen noch unterstrich. Sie und Nele sahen einander sehr ähnlich. Beide hatten ein schmales Gesicht mit hohen Backenknochen, ein kleines Näschen und große, mandelförmige, dunkle Augen.
Natürlich war auch Maggy ein hübsches Persönchen, sie hatte aber etwas härtere Gesichtszüge als ihre jüngeren Schwestern. Sie trug ihr ebenfalls dunkelbraunes Haar, seit ich zurück denken konnte, als Pagenkopf frisiert. Heute war sie mit Jeans, einer orangen Bluse und einem creme-weißen Blazer bekleidet.
Maggy war ein äußerst praktisch denkender Mensch, den nichts aus der Ruhe bringen konnte. Sie liebte ihren Beruf und ihren langweiligen Hannes und stand mit beiden Beinen im Leben. Ein Laster hatte sie allerdings, und das, obwohl sie Medizinerin war: Sie war eine leidenschaftliche Raucherin.
Ich stand auf, holte mir eine Tasse Kaffee und bestaunte das wirklich großartige Buffet. Allerdings hatte mir die Neuigkeit, die Heinz mir aufgetischt hatte, irgendwie den Appetit verdorben. Lustlos klatschte ich ein Brötchen und etwas Schinken auf meinen Teller und nahm mir ein weiches Ei.
Sunny und Maggy tuschelten geheimnisvoll, als ich wieder auf unseren Tisch zusteuerte. Und nachdem ich mich gesetzt hatte, grinsten sie mich an, als würden sie für ein Werbeplakat für Zahncreme posieren.
„Was ist los mit euch beiden?“, fragte ich, während ich vorsichtig mein Ei köpfte.
„Mit uns ist gar nichts los“, antworteten sie im Chor, als ob sie es eingeübt hätten, „aber Nele muss dir etwas sagen.“
„Nele muss mir gar nichts sagen“, erwiderte ich, und nun war ich es, die breit grinste und ganz langsam, indem ich mir jedes Wort förmlich auf der Zunge zergehen ließ, hinzufügte: „Ich weiß es nämlich schon.“
„Du weißt es schon? Aber woher?“, staunten sie, und weg war ihr Zahnpasta-Grinsen. Jetzt rissen sie nur noch Augen und Münder auf.
„Heinz hat es mir gesagt“, erwiderte ich. „Er hat angerufen, als ich gerade losfahren wollte. Er wollte mir diese Hiobsbotschaft persönlich überbringen.“
„Was hat Papa dir gesagt?“, fragte nun Nele, die sich zum ersten Mal an diesem freundlichen Morgen ins Gespräch einbrachte. Bisher war sie, abgesehen von ihrer herzlichen Begrüßung, nur damit beschäftigt gewesen, den Berg von Nahrungsmitteln, den sie auf ihrem Teller aufgetürmt hatte, zu vertilgen. Momentan biss sie genüsslich in ein Schokoladencroissant und knabberte dazu ein Essiggurkerl. Naja, über Geschmack ließ sich bekanntlich streiten; das bewies meine Nele ja auch, was ihren Kleidungsstil betraf.
„Was soll er mir schon gesagt haben? Dass er Tanja Siharsch im Sommer heiraten wird“, antwortete ich. „Aber ihr wisst ja ohnehin Bescheid. Und sicher seid ihr zu dieser Traumhochzeit auch eingeladen.“
„Ach das!“, rief Maggy nun – fast erleichtert – aus. „Das haben wir gar nicht gemeint. Es gibt nämlich noch ganz andere Neuigkeiten.“ Und an Nele gewandt fuhr sie fort: „Nun sag’s ihr schon, du kleiner Feigling!“
Ich blickte von Maggy zu Nele, von Nele zu Sunny, von Sunny wieder zu Maggy und dann noch einmal zu Nele und verstand gar nichts. Was sollte Nele mir sagen? Hatte sie womöglich tatsächlich wieder den Job gewechselt oder gar gekündigt, ohne einen neuen zu haben, und war nun eine arbeitslose Hobbymalerin, die sich mit einem arbeitslosen Langzeitstudenten eine Wohnung teilte?
Aber Nele sagte gar nichts. Sie kramte nur umständlich in ihrer riesigen Handtasche und zog ein Kuvert heraus, das sie mir über den Tisch reichte.
„Du bist gekündigt worden“, warf ich ihr vorwurfsvoll an den Kopf, „und du hast noch keinen neuen Job.“
„Na, schau doch rein in das Kuvert, ehe du vorschnell urteilst!“, forderte mich meine Tochter auf.
„Du hast ein Stipendium für die Kunstuniversität“, rätselte ich – diesmal ohne Vorwurf in der Stimme – weiter.
Nele schüttelte genervt den Kopf, wischte sich eine Lockensträhne aus dem Gesicht, rollte die Augen – das hatte sie schon als kleines Mädchen getan, wenn sie mit ihrer Mutter, also mit mir, nicht einverstanden gewesen war – und meinte: „Ich sag gar nichts! Mach’s einfach auf und schau, was drinnen ist!“
Vorsichtig lugte ich in den Umschlag. Ein Schwarzweißbild war drinnen. Ich bekam weiche Knie. War Nele etwa krank? War dies ein Röntgenbild? Vor Entsetzen krampfte sich mein Magen zusammen, mein Herz drohte stehen zu bleiben, und was sich vor meinem geistigen Auge abspielte, möchte ich gar nicht wiederholen.
Ganz behutsam und mit zitternden Händen zog ich das Bild aus dem Umschlag und betrachtete es. Es war kein Röntgenbild, es war aber so etwas Ähnliches wie ein Röntgenbild. Es war eine Ultraschallaufnahme.
Ich blickte vom Bild zu Nele, von Nele wieder zum Bild und schließlich wieder vom Bild zu Nele. Und als ich mich einigermaßen gefasst hatte, stellte ich die dämlichste Frage, die man in einer solchen Situation stellen konnte: „Bist du etwa schwanger?“
Genau so dämlich, aber belustigt grinsend, antwortete meine Tochter: „Aber nein, Mamilein, wo denkst du hin? Was du auf dem Bild siehst, ist ein Frosch. Ich habe einen Frosch verschluckt, und der Onkel Doktor hat ihn fotografiert.“
Mir war in diesem Moment überhaupt nicht nach Scherzen zumute, und deshalb sagte ich vorwurfsvoll: „Cornelia, nimm mich bitte nicht auf die Schaufel!“
„Ich muss dich doch auf die Schaufel nehmen, wenn du so bescheuert fragst“, konterte meine Tochter, und dann fuhr sie fort: „Natürlich bin ich schwanger. Oder denkst du, ich leihe mir Ultraschallbilder aus, um dich an der Nase rumzuführen? Freust du dich denn nicht? Du wirst endlich Großmutter.“
Und Sunny und Maggy kicherten (auch Sunny kicherte!) begeistert: „Und wir werden Tanten. Ist das nicht cool? Wir müssen gleich eine Flasche Sekt bestellen, um darauf anzustoßen.“
Ich konnte die Euphorie, die meine Kinder ob dieser Tatsache an den Tag legten, absolut nicht nachvollziehen. Wie stellte Nele sich das vor? Wie wollte sie sich bei ihrem Lebenswandel um ein Kind kümmern? Wie wollte sie für so ein kleines, unschuldiges Wesen Verantwortung übernehmen, wenn sie nicht einmal imstande war, Verantwortung für ihr eigenes Leben zu übernehmen? Sie jobbte mal da, mal dort und hatte noch nicht einmal einen festen Freund.
Oder vielleicht doch? Wenn es da ein Kind gab, dann musste es doch zwangsläufig auch einen Vater geben. Hatte ich da irgendetwas verpasst?
Mein Magen hatte sich wieder einigermaßen entkrampft, und so tat ich, was ich in Situationen, denen ich mich nicht gewachsen fühle, immer tue: Ich mampfte gierig mein Brötchen, löffelte mein Ei und schlürfte meinen Kaffee, wobei ich mir zu allem Überfluss noch Zunge und Gaumen verbrannte.
Währenddessen schossen so viele verschiedene Gedanken durch meinen Kopf, dass ich gar nicht mitbekam, was ich da eigentlich aß. Als ich den letzten Bissen hinunter gewürgt hatte, wandte ich mich wieder an meine schwangere Tochter und fragte sie direkt auf den Kopf zu:
„Und wer ist der Vater?“
„Das geht niemanden etwas an“, antwortete Nele trotzig wie ein Backfisch.
Und ob mich das etwas anging! Ich wusste jetzt schon, dass ich alles nur erdenklich Mögliche daransetzen würde, um herauszubekommen, wer meine Tochter geschwängert hatte. Das wäre ja noch schöner: Zuerst hätte da Mister Unbekannt das Vergnügen gehabt, und wenn es darum ging, Verantwortung zu übernehmen, sollte er verschont bleiben? Was war das bloß für ein Tag?! Zuerst die Hiobsbotschaft von Heinz und nun auch noch das! Ich hatte ein Gefühl, als ob mein Gehirn anschwellen wollte.
„Ich glaube, ich brauche jetzt eine Zigarette. Maggy, hast du eine für mich?“, fragte ich meine Älteste finster.
„Aber Mama, du hast doch mit dem Rauchen aufgehört“, mischte sich Sunny vorwurfsvoll ein, „und außerdem wolltest du, soweit ich mich erinnern kann, schon seit längerer Zeit unbedingt Enkelkinder bekommen. Immer wieder hast du uns mit deiner Sehnsucht nach einem Baby genervt und deine Freundinnen beneidet, die schon Kinderwägen mit den kleinen Bälgern ihrer Töchter durch die Gegend schieben. Jetzt freu dich doch!“
Maggy hingegen schob mir ihre Zigarettenpackung und ein Feuerzeug über den Tisch und sagte ganz einfühlsam: „Ich denke, Mama muss sich erst an den Gedanken gewöhnen. Lassen wir ihr doch etwas Zeit!“
Ich schnappte mir die Packung, stapfte aus dem Lokal an die frische Luft, bemerkte gerade noch, dass Sunny mit dem Satz „Ich lass uns jetzt eine Flasche Sekt servieren“ aufsprang und Richtung Bar eilte, zündete mir eine von Maggys Zigaretten an und zog den Rauch tief in meine Lungen.
Wahrscheinlich hatte meine Älteste recht und ich musste wirklich erst alles verdauen. Aber was es heute zu verdauen gab, war schon ein bisschen zu viel für einen empfindlichen Magen. Zuerst hatte mir Heinz die Siharsch-Tussen-Vermählung präsentiert. Wie sollte ich mit diesem schwanzgesteuerten Affen jemals wieder ein seriöses Gespräch führen oder als ernst gemeintes Elternpaar mit ihm öffentlich auftreten, falls eine unserer drei Töchter doch einmal gedachte zu heiraten, wenn er so blöd war, auf diese geld- und renommégeile Zicke reinzufallen? Aber eigentlich verblasste meine Empörung über diese Eheschließung angesichts der Tatsache, dass ich nun Großmutter werden würde.
Diese Offenbarung brachte meine gesamte „neue“ Zukunftsplanung ins Wanken: Ich hatte lange mit meinem Schicksal gehadert, als meine Ehe mit Heinz in die Brüche gegangen war. Aber irgendwann war es mir gelungen, mir ein schönes Leben als Single-Lady nicht nur vorzustellen, sondern ein solches auch zu genießen.
Was meinen tatsächlich geäußerten Wunsch, Großmutter zu werden, betraf, hatte ich mich inzwischen damit abgefunden, dass sich meine „seriösen“ Töchter Maggy und Sunny damit noch Zeit lassen wollten. – Und damit, dass mich Nele zur Oma machen würde, hatte ich sowieso nie gerechnet.
Ich sah in dem Umstand, derzeit noch „enkellos“ zu sein, sogar eine Chance für mich selbst: Ich hatte eine hübsche Wohnung, keine Verantwortung für eigene kleine Kinder mehr, keine übertriebene Affenliebe niedlichen Enkerln gegenüber (seit sie Großmutter war, weigerte sich meine Nachbarin Anita strikt, länger als eine Woche zu verreisen), genug Geld, um schöne und interessante Urlaube nicht nur zu planen (denn weiter war es mit Heinz nie gekommen), sondern tatsächlich auch anzutreten, und genügend Zeit, um mich endlich wieder ab und zu mit meinen ältesten Freundinnen Silvia und Anna, die ich schon seit meiner Kindheit kannte, zu treffen.
Ich konnte mir meine Freizeit einteilen, wie ich wollte, ohne auf irgendjemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Ich ging ab und zu ins Kino, ins Theater oder in eine Ausstellung, betrieb mehr oder weniger regelmäßig ein wenig Sport, indem ich joggte oder mit dem Rad fuhr, und verbrachte viele Stunden lesend auf meiner Couch, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben oder mich meines Müßigganges wegen rechtfertigen zu müssen.
Ich ließ in meiner chaotischen Art die Dinge in meiner Wohnung einfach auch ein paar Stunden liegen, ohne dass mir jemand meine Schlampigkeit vorwerfen konnte, und räumte erst dann auf, wenn es mir selber in den Kram passte oder wenn mir mein eigenes Chaos zu viel wurde.
Einzig mein Sexualleben war nach der Scheidung im wahrsten Sinne des Wortes unbefriedigend. Denn im Alter von sechsundfünfzig Jahren findet man nicht mehr so leicht einen Partner, der zu einem passt, und schnelle Flirts oder gar One-Night-Stands waren zwar schon vorgekommen, waren für mich aber nicht unbedingt erstrebenswert. Sex ohne Liebe war für mich vergleichbar mit Pasta asciutta ohne Parmesan: schon pikant, aber das gewisse Etwas fehlte.
Es hätte eigentlich alles gut sein können, so wie es war. Und nun sollte alles anders kommen, als ich es mir vorgestellt hatte. Ich zündete mir eine zweite Zigarette an und überlegte fieberhaft, wer denn der Vater meiner Enkelin, denn es war für mich selbstverständlich, dass meine Tochter ein Mädchen zur Welt bringen würde, sein könnte:
Als erster potentieller Kandidat kam mir Jan, der arbeitslose Langzeitstudent, in den Sinn. Nele verstand sich blendend mit ihm, betonte aber immer wieder, dass er nur ein guter Freund sei. Aber so abwegig war der Gedanke nicht, dass die beiden nach dem Genuss einer Flasche guten Weines und in Anbetracht der Tatsache, dass sie beide vielleicht an einem gewissen Notstand litten, einmal eine rauschende Liebesnacht miteinander verbracht hatten.
Als Nächster fiel mir Neles ehemaliger Chef, der Gärtner, ein, der meine Tochter mehrmals ihres grünen Daumens wegen gelobt hatte. Vielleicht hatte er noch andere Qualitäten meines Kindes geschätzt und womöglich seine Position als ihr Vorgesetzter schamlos ausgenutzt. Mir graute vor der Vorstellung, was meine arme Nele unter solchen Umständen möglicherweise mitgemacht hatte. So gesehen war es kein Wunder, dass sie wieder den Job gewechselt und die Anstellung im Fitness-Studio angenommen hatte.
Aus diesem kam – soviel ich wusste – niemand in Betracht, denn ihre neuen Kollegen waren allesamt weiblichen Geschlechts, und auch die Leitung des Studios oblag einer Frau.
Was ich nicht wusste, war natürlich, mit wem Nele sonst noch freundschaftlich oder irgendwie anders verkehrte, denn sie hatte mir ja bisher keinen ihrer Kurzzeitschwärme vorgestellt.
Vielleicht sollte ich einmal Neles bester Freundin Susi auf den Zahn fühlen. Susi wusste bestimmt mehr. Aber das musste ich geschickt angehen, denn anders würde ich mit Sicherheit nichts in Erfahrung bringen. Die beiden kannten einander schon seit frühester Kindheit, und wenn es darauf ankam, hielten sie zusammen wie Pech und Schwefel. Außerdem war es sehr schwierig, an Susi heranzukommen, denn sie lebte und arbeitete im Norden der Stadt, weshalb ich sie nie rein zufällig traf.
Ich drückte meine zweite Zigarette aus und wankte – wegen des ungewohnten Nikotingenusses ziemlich unsicher – zurück ins Lokal und zu dem Tisch, an dem meine drei Kinder einträchtig saßen und Sekt schlürften, um auf das fragwürdig-freudige Ereignis anzustoßen.
„Was ist los mit dir, Mamilein?“, fragte mich Sunny. „Du wackelst ja schon, obwohl du noch gar nichts getrunken hast.“ Und schon stellte sie mir ein Glas Sekt vor die Nase. So ausgelassen erlebte ich meine Jüngste sonst nie.
Lustlos nippte ich an dem mir zugeteilten alkoholischen Getränk, beteiligte mich aber nicht an dem Gespräch, das meine Kinder angeregt führten. Es drehte sich natürlich ums Baby, aber ich bekam nicht einmal mit, worum es im Detail ging.
Das nächste Gesprächsthema betraf die Hochzeit von Heinz. Doch darüber wollte ich eigentlich nichts mehr hören, und deshalb stand ich auf, schlüpfte in meinen Blazer, den ich mir einer gehörigen Wallung wegen abgestreift hatte, und verabschiedete mich:
„Tut mir leid, Kinder, aber ich habe Kopfschmerzen. Ich fahre jetzt nachhause und lege mich eine Weile hin.“
Und zu Nele gewandt sagte ich noch:
„Ich komme am Montag am Nachmittag zu dir und bringe dir etwas Obst mit. Du musst dich jetzt vitaminreich ernähren.“
„Ja, Mamilein, ich freue mich auf dich. Aber übertreibe es nicht mit dem Obst! Ich kann schon selbst für mich sorgen“, erklärte sie mir.
Wir verabschiedeten uns herzlich wie immer und ich verließ das Lokal und ging zu meinem Smart. Ich war noch immer so verwirrt, dass ich eine Weile überlegen musste, wo ich ihn geparkt hatte.
Im Auto erst fiel mir ein, dass ich nicht einmal nachgefragt hatte, wann denn das freudige Ereignis, also die Geburt, stattfinden würde. Ich wurde nun Großmutter und hatte keine Ahnung, wann meine eigene Tochter ihren Entbindungstermin hatte!
Als ich bereits gestartet hatte, überlegte ich, wer noch davon wissen könnte, dass Nele schwanger war. Ihren Schwestern hatte sie ihr süßes Geheimnis früher anvertraut als mir, das lag auf der Hand. Aber hatte sie Heinz auch schon eingeweiht? Wusste er bereits, dass er Großvater wurde? Dann wusste er es früher als ich – die eigene Mutter?! Das war schon ein starkes Stück. Jetzt kämpfte ich sensible Kuh doch glatt mit den Tränen. Denn ich hatte mir immer vorgestellt, dass ich die Erste sein würde, die von den Kindern einmal eingeweiht werden würde, dass es da ein süßes Geheimnis gab, wenn es denn so weit war.
Der nächste Gedanke, der mir kam, setzte mir so sehr zu, dass ich beinahe eine rote Ampel übersehen hätte – ich musste so scharf bremsen, dass die Reifen quietschten: Wenn Heinz schon Bescheid wusste, dann war die Siharsch als zukünftige Stiefmutter sicher auch informiert. Das versetzte mir einen Stich ins Herz und ich konnte meine Tränen nun wirklich nicht mehr zurückhalten.
Verärgert über mich selber und meine dämliche Sensibilität bog ich in meine Straße ein, parkte den Smart, wischte meine Tränen weg, wobei ich natürlich die Wimperntusche verschmierte, und lief – wie ein trauriger Clown aussehend – in meine Wohnung. Ich schälte mich aus meinem Ausgeh-Outfit und warf mich aufs Bett. So gern hätte ich mich ein wenig ausgeruht, aber ich fand keinen Schlaf.
Also zog ich Jogginganzug und Laufschuhe an und setzte mein Vorhaben vom frühen Morgen in die Tat um: Ich ging laufen. Das tat mir im Normalfall immer gut, egal, wie groß die Probleme waren, die sich vor mir aufgetürmt hatten. Doch heute wollte sich der gewohnte Erfolg nicht einstellen: Etwas ausgepowert bog ich eine dreiviertel Stunde später wieder in meine Straße ein, aber das Gedankenchaos in meinem Kopf hatte sich noch immer nicht gelegt.
Als ich zurückkam, stand meine Nachbarin Anita auf ihrem Balkon und zupfte an ihren Blumen herum. Es schien mir fast so, als ob sie mich abgepasst hätte.
„Hallo Clau!“, rief sie mir zu. Sie war zum Glück die einzige Person in meinem Bekanntenkreis, die auf die wirklich bescheuerte Idee gekommen war, meinen Namen dermaßen zu verunglimpfen. Alle halbwegs normal tickenden Menschen nannten mich Claudia oder wenigstens Claudi (meine Kindheitsfreundinnen Silvia und Anna und vor langer Zeit Heinz - zumindest wenn ich Heinzi zu ihm gesagt hatte). „Komm doch auf einen Kaffee vorbei, Kurt hat heute Dienst auf der Wache!“, forderte sie mich auf.
Große Lust hatte ich nicht, den restlichen Nachmittag bei meiner Nachbarin zu verbringen, aber vielleicht würde sie mich ja auf andere Gedanken bringen. Ich war schon nahe daran zu sagen: „Ich gehe nur schnell unter die Dusche, dann komme ich zu dir rüber“, als mir im letzten Moment doch noch eine – wenn auch nicht besonders glaubwürdige – Ausrede einfiel, die ich ihr zubrüllte:
„Tut mir leid, Anita, aber ich muss heute unbedingt noch ein paar Eier ausblasen und bemalen. Sonja hat beschlossen, auch einen Osterstrauß vor ihrer Eingangstüre zu platzieren.“
Ich hatte noch nie zuvor in meinem Leben eine solche Tätigkeit durchgeführt, weil ich sie einfach unappetitlich fand, und malen konnte ich schon überhaupt nicht. Dafür fehlte mir schlichtweg das Talent. Trotzdem war ich froh, mit dieser kleinen Notlüge meinen Nachmittag gerettet zu haben, denn ich konnte mir lebhaft vorstellen, wie dieser bei meiner Nachbarin verlaufen wäre:
Sie wäre auf die Neuigkeiten, die mich beschäftigten, überhaupt nicht eingegangen, womöglich wäre es mir nicht einmal gelungen, sie loszuwerden, sondern hätte, ohne auch nur einmal tief Luft zu holen, einen Redeschwall über das Großmutterdasein über mich ergossen und die Vorzüge ihrer Enkelkinder in den höchsten Tönen gepriesen, sodass ich spätestens nach drei Minuten abgeschaltet hätte.
Schnell huschte ich ins Treppenhaus, um nicht doch noch im letzten Moment von Anita verhaftet werden zu können, und nahm den Lift, der mich zu meiner Wohnung in den dritten Stock transportierte.
Nach einer ausgiebigen Dusche wollte ich ein Buch lesen, konnte mich aber angesichts der vielen Neuigkeiten, die ich heute erfahren hatte, nicht konzentrieren. Auch der Versuch, einen Film im Fernsehen anzuschauen, scheiterte kläglich.
Also putzte ich das Badezimmer und die Toilette, beseitigte das Chaos in der Küche, im Wohnzimmer und auf meinem vereinsamten Doppelbett und schlichtete sogar die in der Diele herumliegenden Schuhe in den Schrank. Dann räumte ich noch meinen Kleiderschrank um, indem ich die wirklich warmen Wintersachen höher und die sommerlichen Shirts erreichbarer platzierte, und buk einen Kuchen, den ich am nächsten Vormittag meinen Eltern vorbeibringen wollte. Dabei konnte ich ihnen gleich die Nachricht, dass sie Urgroßeltern werden würden, präsentieren – wenn sie nicht ohnehin schon zu dem Kreis der Eingeweihten gehörten.
Als es endlich Abend wurde, machte ich mir eine Flasche Rotwein auf, holte die Fotoalben mit den Kinderaufnahmen meiner Töchter hervor, blätterte in einer sehr sentimentalen Stimmung darin und gab mich den Erinnerungen an die Zeit, als meine Mädchen noch klein gewesen waren, hin. Dazu hörte ich mir, um nicht wieder sentimentaler Weise heulen zu müssen, mindestens drei Mal die „13 schmutzigen Lieder“ von Georg Danzer an, und dann noch einige Male den >new orleans alptraum stomp<, das erste Lied auf dieser CD.
Nach dem ersten Glas Wein löste sich endlich die Spannung, die sich im Laufe des Tages in mir aufgebaut hatte, und ich sah alles, was ich an diesem Tag an unerfreulichen Neuigkeiten erfahren hatte, ein wenig lockerer.
Nach dem zweiten Glas Wein überlegte ich mir, ob ich noch einmal meine Wohnung verlassen und mir – entgegen meinem strikten Vorsatz, nicht mehr zu rauchen – eine Packung Zigaretten besorgen sollte. Das unterließ ich dann aber einerseits aus Bequemlichkeit, anderseits aus Sorge um meine Gesundheit.
Stattdessen schenkte ich mir ein drittes Glas Wein ein und nahm mir fest vor, noch einmal ein ernstes Wörtchen mit Cornelia zu sprechen: Sie musste den Namen des Kindsvaters einfach bekannt geben, egal ob es Jan oder der lüsterne Gärtner oder ein mir völlig Unbekannter war. Wenn nicht, würde ich persönlich dieses Geheimnis lüften, das schwor ich mir.
Nach dem vierten Glas Wein und nachdem ich nun endlich alle alten Fotoalben durchgeblättert hatte, stellte ich mir vor, wie ich stolz meinen Freundinnen erzählen würde, dass ich nun auch Großmutter wurde, und wie ich mit meiner im Kinderwagen schlafenden Enkeltochter durch den Park spazieren würde, wie ich ihr das Fläschchen geben würde, wie ich sie wickeln würde, wie ich ihr viele rosarote und geblümte Kleidchen mit dazu passenden rosaroten und geblümten Hütchen kaufen würde, wie ich mit ihr Puppen spielen und Kinderlieder singen würde und wie ich ihr Geschichten erzählen und Märchen vorlesen würde und wie sie ihre zierlichen Ärmchen um mich schlingen und „Ich hab dich sooo lieb, Omilein“ sagen würde.
Nach dem fünften Glas Wein war es halb elf Uhr, ich war müde und ziemlich beschwipst – so viel Alkohol trank ich nämlich normalerweise nicht – und beschloss ins Bett zu gehen. Ich schlief in dieser Nacht aber äußerst unruhig und hatte wirre Träume. An zwei davon konnte ich mich sogar noch am nächsten Morgen erinnern:
