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Viele in der älteren Generation Deutschlands kämpfen nach Jahren harter Arbeit um ein würdiges Dasein in der Gesellschaft und in der Familie. Oft sind sie zur Last geworden und werden sogar abgeschoben in ein Heim oder eine Residenz im Ausland. Eine Entwicklung, die uns alle angeht. Erfährt Theresa Kanter in diesem Roman ein ähnliches Schicksal? Eine plötzliche Einladung des Sohnes, den Urlaub gemeinsam in Thailand zu verbringen, wirft bei ihr viele Fragen auf. Was steckt hinter dem plötzlichen Sinneswandel ihrer Familie? Sie stimmt zu, ohne zu ahnen, was sie in Thailand erwartet. Dem Autor ist es gelungen, in seinem Roman alles zu vereinen, was es für eine unterhaltsame Lektüre braucht: Spannung, Authentizität, starke Charakter eine große Liebe. Ob es auch ein Happy End gibt. Lesen Sie selbst.
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Seitenzahl: 192
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Ein Erlebnis im privaten Umfeld und die Erkenntnis, wenig oder gar nichts für den Menschen tun zu können, der durch das Raster einer würdigen Altenpflege fällt, weckten in mir den Wunsch, darüber zu schreiben. Zwanzig Millionen Pensionäre und Rentner stellen nicht nur politisch ein Gewicht dar. Viele von ihnen wollen – entgegen des gängigen Vorurteils – der jüngeren Generation eben gerade nicht zur Last zu fallen.
Dennoch hegen nicht wenige Alte begründete Ängste, nach aufopfernden Jahren harter Arbeit und Kindererziehung ausgedient zu haben, als Ballast ins Abseits abgeschoben zu werden. Sei es in ein Altenheim oder – wie im Handlungsablauf meines Romans – in eine Residenz im Ausland. Für die Betroffenen eine Horrorvorstellung.
Peter-Magnus Schoas war beinahe sein halbes Leben in der Automobilbranche beschäftigt, bis er die Entscheidung traf, frühzeitig auszusteigen und in das Privatleben zu wechseln. Er fand, das Leben sei zu kurz, um über ein »Vielleicht« nachzudenken. Das neue Lebensgefühl, endlich frei zu sein, erfüllte ihn mit Enthusiasmus und Energie und dem Wunsch, seinen neuen Lebensabschnitt nach seinem Gusto zu gestalten. Dazu gehörte zunächst der Umzug in die Nähe des Bodensees. Neben den gemeinsamen Reisen mit seiner Frau frönt er nun vor allem seiner großen Leidenschaft: Romane schreiben. Inmitten der Bodensee-Idylle entstanden bereits »Das grüne Kostüm« und »Das Dekret«.
Twielfeld 3 e+f
D-78247 Hilzingen
+49 7731 38 28 900
Prolog
Kapitel I: Kurfürstendamm
Kapitel II: Das Trio im Kläuschen
Kapitel III: Die Partnersuche
Kapitel IV: Die Konspiration
Kapitel V: Die Reise
Kapitel VI: Ein Umzug folgt dem anderen
Kapitel VII: Die Residenz
Kapitel VIII: Mai Tai
Kapitel IX: Die Einladung
Kapitel X: Die Entführung
Kapitel XI: Die Suche
Kapitel XII: Der Kommissar
Kapitel XIII: Alberts Vergangenheit
Kapitel XIV: Freie Nächte
Kapitel XV: Zentrale Linh
Kapitel XVI: Das Gefängnis
Kapitel XVII: Die Befreiung
Kapitel XVIII: Das Spiel ist zu Ende
Kapitel XIX: In der Klinik
Kapitel XX: Zu Hause
Dämmerlicht im Gästezimmer löst bei Theresa Kanter leichte Lustlosigkeit aus, partout möchte sie sogleich das Bett verlassen. So früh am Morgen schwächelt das Licht, das durch einige Spalten der herabgelassenen Rollläden als schroffe Lichtstreifen auf die wellende Gardine fällt. Seitlich am Fenster steht ein dunkler Klotz von Schrank, der bis in die Ecke des Zimmers reicht. Sie blinzelt in das diffuse Grau hinein und reibt sich die Augen, als wollte sie damit das Dunkel vertreiben. Die Nacht war kurz gewesen, es mag am Geräuschpegel von der Straße gelegen haben, der sie störte und der zunehmend stärker auch jetzt ins Zimmer drängt.
Gegen Morgen erst fand Theresa vollkommen überdreht in den Schlaf und empfindet nun, seit wenigen Minuten wach, alle denkbaren Defizite, besonders bleierne Müdigkeit in den Knochen. Ihrem Gefühl nach ist es noch mitten in der Nacht. Wie sie es von ihrem Haus in Friedrichshagen gewohnt ist, hatte sie nachts das Fenster aufgestellt gelassen und bekam postwendend die Quittung, permanent vagabundierende Geräusche ins Zimmer. Entnervt hatte sie irgendwann das Kissen über den Kopf gezogen, um schließlich, es graute bereits der Morgen, doch noch das Fenster zu schließen.
Den Aufenthalt bei den Kindern empfindet sie nicht nur heute als unbehaglich, auch bei früheren Besuchen lag ihr dieses Gefühl von Missbehagen quer im Magen, und die Ursache, weshalb das so ist, kennt sie nur zu gut. Doch sicher verstärkt auch der Traum, der sich heute Nacht wieder in ihr Inneres eingeschlichen hat, dieses unwohl Gefühl. Abwartend starrt sie in das Einheitsgrau der Decke und versucht damit, die letzten Schatten des Traumes aus dem Gedächtnis zu verdrängen. Es will ihr nicht gelingen, ihre Jugend kriecht in schemenhaften Zügen erneut in die Erinnerung, verhängnisvolle Bilder aus ihren Jugendtagen schwirren ihr im Kopf herum. Sie zeigen ein junges Mädchen im geblümten Kleid, mit Rüschchen am Kragen, und roten Schuhen. An den langen Zöpfen erkennt sie das Muster, das nur ihre Mutter knüpfen konnte. Damals war sie einfach glücklich gewesen, sie hatte kokettiert, war mit ihren Schuhen wie eine Ballerina durch das elterliche Haus getanzt. Doch der Tanz endete jedes Mal an der Treppe, an deren Ende sich ein schwarzes Loch auftat, in das sie hinabstürzte. Die wachen Augen einer Schulfreundin begleiteten sie dabei, beklemmend und unheilvoll, sie tauchten mit ihr in die Finsternis hinab.
Berührt von der Erinnerung schließt Theresa die Augen, als könnte sie damit den unangenehm starrenden Augen der Freundin aus dem Traum entgehen. Ein wenig beruhigt sie die Erkenntnis, dass die Freundin aus den Kindertagen längst tot ist.
Unwillig über den aufwallenden Krach von der Straße schlägt sie die Steppdecke zur Seite, stellt die Füße auf das kalte Parkett und tastet nach dem Rollladengurt am Fenster. Sie zieht daran und sogleich strömt die Kühle des Februarmorgens am aufgestellten Fenster vorbei, bläht die Gardine wie die Segel eines Bootes, sobald es eine Böe erfasst. Sie zieht sie zur Seite, streckt befreiend die Hände zur Decke und beobachtet dabei den heraufkommenden Morgen an der gegenüberliegenden Häuserflucht.
Die Sonne müht sich zwischen den Dächern hervor, setzt den Morgen in ein betörendes Licht und wirft blinzelnd ein Orangerot auf die von Taubendreck befleckten Kamine und tristen Dachziegel. Das Licht weckt ihre Sinne auf besondere Weise, lässt die Reste ihres Traums verblassen. Für Theresa ist es ein kleiner Wink, wenigstens einen sonnigen Tag für sich zu haben, der, wenn sie so darüber nachdenkt, auch innerhalb der Familie ein solcher sein sollte. Gerade darüber hegt sie jedoch berechtigte Zweifel, denn die Spannungen des gestrigen Abends sind ihr noch gegenwärtig. Ernüchternd denkt sie über die garstige Diskussion nach, die ihr jetzt unter die morgendlichen Gedanken kriecht und ihr die Stimmung verdirbt.
Ein Luftzug vom Fenster zaust das Haar und die Kälte fächelt den feinen Nebel aus dem Atem an die Scheibe. Sie lächelt darüber, malt ein kleines Herz in die beschlagene Fläche und wischt sogleich mit der Hand darüber, denn ein Herz kann sie gegenwärtig an niemanden verschenken. Theresa ist jetzt siebenundsechzig und schiebt die Müdigkeit in den Knochen dem Alter zu. Selbst das kurze Ziehen am Gurt ist ihr schwer gefallen. Tief saugt sie den kalten Hauch der Metropole auf, der ein wenig das Odeur der Stadt trägt, von den Abgasen tausender Kamine, vom Stickstoff und Schwefelgehalt unzähliger Auspuffrohre und dem teerhaltigen Asphalt der Straße. Ein bisschen ist auch Sehnsucht an ihr Zuhause dabei, an die Müggelspree, die nur wenige Kilometer und eine unruhige Nacht entfernt das Tal entlang mäandert.
Es bedarf nur dieses einen Moments, um mit den Gedanken dort zu sein, im Gestade der Erinnerungen an ihren geliebten Mann Albert. Sein Fortgehen hatte sie beinahe an die Grenzen der psychischen Belastbarkeit gebracht. Die vertrauten Gesichtszüge tauchen vor ihr auf, die, wenn er lachte, einen untrüglichen Anteil an Zärtlichkeit enthielten. Sie strahlte nicht nur aus seiner Iris, sondern setzte sich in den sternförmigen Falten der Augenwinkel fort. Seine ohnehin schlanke Statur, die im letzten Jahr vor seinem Tod eine dramatische Wandlung erfuhr, den Körper von innen in den Zustand der Vergänglichkeit verwandelte, vermochte sie nur in Gedanken zu berühren. So hat sie ihn nicht verloren, und sie weiß nicht, auf welche Weise sie der Augenblick der Erinnerung in Schach hält, wie die Stunden, Tage, die längst enteilt, sich ihr entzogen. Im Laufe der Zeit ist der Atem bei den Gedanken daran gleichmäßiger geworden, wenn sie in die Erinnerung abschweift, und sie belasten sie nicht mehr, da all diese abstoßenden Eindrücke aus der Vergangenheit immer mehr verblassen. Die Bilder, die schönen wie die unheilvollen, auch die Art, während die Krankheit voranschritt, mit dieser Maske von Hilflosigkeit, die an ihm zerrte wie stetiger Wind am ausgedörrten Hain.
Der Lärm der Straße, der im Takt der Verkehrsampel pulsiert, dringt in den heraufziehenden Tag. Keine fünfzig Meter weiter am Ende der Allee zum Adenauerplatz steht eine Ampel. Der Rot-gelb-grün Wechsel leuchtet zwischen dem blattlosen Astwerk der Alleebäume herüber und trägt die Botschaft einer politischen Koalition in sich. Sie nimmt es als gutes Omen, während ein Fahrzeug nach dem anderen über den Kurfürstendamm dröhnt, mit kreuz und quer dahineilenden Erdenbürgern und martialisch anmutenden Verkehrsmitteln. Jetzt bekommt sie ein Gefühl davon, was sie an ihrem Zuhause als Stille kennt. Sie seufzt leise: »Ja, och dette is Berlin« und muss sich selbst eingestehen, ein Teil dieser lebhaften Stadt zu sein. Sie liebt sie, wenn auch mit gemächlicher Gangart, entsprechend ihrem Alter. Zugleich kommt es ihr in den Sinn, dass bei gelegentlichem Bummel am Alexanderplatz das Empfinden zum Lärm ein ganz anderes ist. Gerade dort, wo Tag und Nacht der Verkehr erbarmungslos seinen Atem in die Stadt pulsiert.
Sie schüttelt über den Lärm nachdrücklich den Kopf und kommt in Gedanken zur Entscheidung ihres Sohnes, ausgerechnet diese Ecke Berlins für sein Heim ausgewählt zu haben. Sicher wird ein Grund die Nähe zur Schule für die beiden Kinder gewesen sein, aber Theresa hätte niemals die Umgebung des Kurfürstendamms gewählt. Der Gedanke an die Ruhe und Abgeschiedenheit in ihrem Haus in Friedrichshagen, mit Blick in den angrenzenden Stadtwald, beruhigt sie ungemein. Die U-Bahn-Station erreicht sie in weniger als zehn Minuten, und es ist für sie relativ bequem, am Alexanderplatz umzusteigen. Das Auto hat sie nach dem Tod von Albert verkauft, da es in der Stadt bequemere Verkehrsanbindungen gibt, die sie vollauf zufrieden stellen. Albert hatte das Auto meistens für sich beansprucht und war, solange sie zusammenlebten, der Stadtmensch.
Manchmal, wenn sie morgens die alte Kaffeemühle zwischen die Beine klemmt und auf banale mittelalterliche Art die Kurbel dreht und das Kaffeepulver aus der kleinen Holzlade duftet, dann schweifen ihre Gedanken weit zurück bis zu jenem Nachmittag, an dem sie und Albert das Haus in Friedrichshagen das erstes Mal erblickten. Der erste Eindruck, sagten sie sich, sei das Wichtigste. Sie erinnert sich als wäre es heute an diesen Tag, an dem Albert nach der Arbeit mit dem Motorrad ankam, einer Horex, mit der er auch zur Arbeit in die Fabrik fuhr. Mit ihr holte er sie an diesem Tag zur Besichtigung ab. Albert lehnte seine Maschine an die Straßenlaterne, der Fußraster war in den vergangenen Tagen abgebrochen, und kam mit langsamen Schritten auf Theresa zu.
Den Helm unter den Arm geklemmt ruhte sein Blick auf dem Haus. Beide standen sie mit der vorweggenommenen Freude vor dem zukünftigen Zuhause da, sein Arm ruhte auf den Schultern seiner Frau, jeder war auf seine Weise in Gedanken versunken. Sie, mit dem Kind unter dem Herzen, sah den sonnigen Garten, den Schatten unter den Obstbäumen, wo ihr Kind einmal spielen sollte. Er mit dem skeptischen Blick des Handwerkers und der Aussicht auf viele Stunden Arbeit, die zweifelsohne auf sie zukommen würden. Doch beide verliebten sich auf unausgesprochene Weise in die einzigartige Lage und die großartige Aussicht hinunter zur Spree. Theresa bewunderte außerdem die Schönheit der Natur ringsum, die unverbaute Wiese, den würzigen Geruch der Holunderbüsche am Waldsaum, die hoch stehenden Gräser und den Flaum vom blühenden Mädesüß. Gänzlich übersah sie die renovierungsbedürftige Fassade, die verwilderten Obstbäume im Garten, die dringend einen Schnitt benötigten, sowie den verwitterten hölzernen Gartenzaun. Es ist das letzte Haus in der Straße, knapp am Rande des Stadtwalds. Die Minuten, in denen sich Haus und Grundstück ins Gedächtnis einprägten, erleichterten ihnen die Entscheidung zum Kauf.
Heute, nach vielen Jahren und fast ebenso vielen familiären Veränderungen, ist Sohn Alex seinen Vater in so vielen Dingen ähnlich geworden. Sein aufbrausender Charakter, sicherlich ein beträchtliches Stück von den Genen des Vaters. Sie legt den Schlafanzug über den Stuhl, zieht Leggins über und wählt einen leichten Pullover mit Rollkragen. Innerlich bereitet sie sich vor für die Dinge, die hinter der Tür auf sie warten, sie zupft einen Faden vom Ärmel, atmet tief aus und verharrt mit der Hand auf der Türklinke. Bei dem Gedanken an ihren Sohn ist ihr sofort wieder eingefallen, wie er sie vor zwei Tagen anrief und bat, am Wochenende zu ihnen zu kommen, um über eine Neuigkeit zu reden, die sie betreffe. Seine Stimme klang dabei geheimnisvoll, als nähre er eine gewisse Erwartung, sodass sie, auch wegen der sonst so seltenen Kontakte zur Familie, eine Zusage machte.
Martha, die Schwiegertochter deckt den Tisch im Esszimmer, als Theresa aus dem Gästezimmer kommt. Sie ist alleine und ganz in die Vorbereitung versunken. Der Morgenmantel, der ihre schlanke Figur unterstreicht, und die plüschigen violetten Hausschuhe an den Füßen lassen sie älter wirken. Die dunklen Haare im Gesicht vermitteln einen etwas ungepflegten Eindruck. Für einen kurzen Moment stutzt Theresa, erinnert sich jedoch sofort daran, dass es ja Wochenende ist und die Enkel am Samstag schulfrei haben. Meist sind sie bis Mittag im Zimmer und mit den neuartigen Smartphons beschäftigt. Von dort kommt noch kein Geräusch.
»Guten Morgen, Theresa.«
Die Stimme der Schwiegertochter ist emotionslos und drückt im Wesentlichen die Zurückhaltung gegenüber Theresa aus.
»Setz dich, ich mache dir gleich ‘nen Kaffee.«
Sie verteilt Kaffeetassen und Löffel auf dem Tisch, verharrt etwas unschlüssig und überlegt.
»Wenn ich es recht im Kopf habe, trinkst du ihn mit Milch aber ohne Zucker«, meint sie mit einem fragenden Seitenblick.
»Ebenso einen schönen Morgen, Martha«, sagt Theresa und nickt zu Martas Erinnerungsvermögen. »Den Kaffee möchte ich genau so«, antwortet sie bestimmend. »Was für ein wundervoller Tag«, fügt sie hinzu und meint damit die Sonne, die durch das Fenster auf den Küchenboden ein verschobenes Viereck wirft.
Anscheinend ist die Schwiegertochter nicht besonders an einem Gespräch interessiert, hantiert stattdessen geräuschvoll am Kaffeeautomaten, der piepsend und mit Gerassel seine Arbeit aufnimmt. Zumindest einen Vorteil haben die Maschinen ja, urteilt Theresa gedanklich, sie sind verdammt schnell – und bekommt auch schon den fertigen Kaffee hingestellt.
Aber der handgebrühte bei sich zu Hause ist ihr doch angenehmer, weil sie dabei den Geruch der gemahlenen Kaffeebohnen und die Zeremonie der Zubereitung so mag. Außerdem hat sie ja ausreichend Zeit dazu und führt die Art der Zubereitung auch nach dem Tod ihres Mannes fort.
»Alex schläft heute wohl länger?«, fragt sie vorsichtig in die Stille hinein, nachdem sie einen ersten Schluck aus der Tasse genommen hat.
»Damit liegst du vollkommen richtig«, antwortet Martha mit einem nichts sagenden Seitenblick. »Wenigstens das Wochenende gehört uns gemeinsam, und ich habe an den beiden Tagen den Morgen ganz für mich. Da kann ich einmal die Woche so richtig meiner Leidenschaft, dem Nichtstun, frönen und den Tag verbummeln.«
Vermutlich entschuldigt sie auf diese Weise ihre legere Bekleidung. Theresa nimmt die Antwort mit Skepsis auf. Sie vermutet, dass das geheimnisvolle Getue vom Vorabend wohl am Kaffeetisch besprochen wurde. Gestern, als sie kurz vor dem Abendbrot ankam, rückten beide damit nicht heraus. Es war ihnen wohl wichtiger gewesen, von den Vorzügen altersgerechter Wohnungen zu reden. Ein Stapel Glanzprospekte einer Wohnanlage lag auf dem Tisch, ausgerechnet in Spandau, eine Gegend, die einerseits nicht ihren Geschmack trifft, andererseits findet sie es unverschämt, dass ihr Besuch für das Thema ausgenützt wird.
In diesen Moment wird sie von dem Gedanken abgelenkt, da eine Tür hinter ihr schließt. Alex kommt aus dem Badezimmer und betritt mit schlurfenden Schritten die Küche. Ein freches T-Shirt mit dem Aufdruck »Ik bin en Berliner« bedeckt die stattliche Wölbung seiner Mitte. Die häufigen Geschäftsessen lassen den Ring um die Hüfte stetig anwachsen. Seine Haare sind glatt nach hinten gekämmt, der Geruch eines aufdringlichen Rasierwassers erfüllt den Raum.
»Na, ihr zwei Frühaufsteher«, begrüßt er die Frauen. Er fasst Martha an der Taille und drückt ihr einen Kuss an die Wange.
»Guten Morgen, Mutter. Ich hoffe, du hattest eine angenehme Nacht?«
Die Antwort birgt ein gerüttelt Maß Unmut in der Stimme der Angesprochenen.
»Guten Morgen erst mal. Angenehm ist gut«, antwortet sie mit leichter Ironie. »Du weißt ja, ich kann bei dem Lärm nicht gut schlafen. Ich habe das Gefühl, es wird von Mal zu Mal lauter in der Straße. Schrecklich, ich könnte mich nie daran gewöhnen.«
Sofort wird ihr bewusst, dass diese Bemerkung dem lange schwelenden Konflikt zwischen ihr und Alex erneut nährt. Die Quittung bekommt sie postwendend.
»Ja, du hast recht«, kommt bissig die Antwort. »Wir hätten es gerne auch etwas ruhiger, können uns aber eine verkehrsberuhigte Lage nicht leisten. Du kennst ja die Wohnsituation und die Preise in Berlin. Ich möchte nicht wieder mit dem Thema beginnen, aber du bist ja nicht bereit, aus dem Häuschen in eine Wohnung zu ziehen.«
Seine Worte verströmen jenen hässlichen Unterton, den Theresa in letzter Zeit bei passender Situation zum Thema Haus zu schlucken hat. Sein Seitenblick zu Martha spricht Bände. Theresa schweigt zur dräuenden Kontroverse und ignoriert wie so oft die Anspielung. Wenigstens an diesem Morgen will sie den Disput nicht weiter anheizen. So setzt sich Alex, nun etwas friedfertiger, an den Tisch.
»Ja, an den Wochenenden beginnt die Stadt erstaunlich früh zu leben.«
Es klingt wie ein Tatbestand, den es ohnehin nicht zu ändern gibt. Erneut rasselt die Kaffeemaschine und Martha stellt Kaffee und Zucker für Alex auf den Tisch. Dann ist für einen Moment angespannte Ruhe, nur das helle Klingen der Löffel in den Kaffeetassen übertönt den wellenden Verkehrslärm. Theresa wird das Gefühl nicht los, dass der schwelende Konflikt noch in der Luft liegt, will aber ihrerseits partout nicht den schönen Morgen mit dem Thema Haus zerstören. Sie schweigt, weil sie erneut befürchtet, dass es, wie bei den letzten Treffen, in ein hässliches Streitgespräch ausartet. Alex räuspert sich, als hätte er einen Kloß im Hals, und sieht dabei seine Frau an.
»Mutti, wir machen Urlaub«, platzt es dann aus ihm heraus.
Ohne dass sie es möchte, klingeln Alarmglocken in Theresas Gedanken. Zu selten nimmt Alex das Kosewort »Mutti« in den Mund, als dass seine spontane Ankündigung die Angesprochene nicht aufhorchen ließe. Das »Wir« hat wohl auch seine Bedeutung, deshalb antwortet sie mit unterdrücktem Desinteresse.
»Schön für euch, ihr macht öfters Urlaub, soll ich in eurer Abwesenheit die Blumen in der Wohnung gießen? Aber das kann ja wohl nicht der Grund sein, dass ihr mich herbestellt habt!« Ein leicht vorwurfsvoller Ton begleitet ihre Stimme.
»Nein, Mutter, ich meine nicht nur uns, sondern wir alle fünf zusammen.«
Für Theresa kommt die Antwort eine Spur zu schnell, und die Überraschung darüber klammert sich wie eine Zwangsjacke um die Brust, sodass es ihr die Sprache verschlägt. Sie schluckt die innere Erstarrung herunter und fängt sich sofort in den Gedanken, dass es nicht ihre Schuld traf, dass die letzten Urlaube getrennt verbracht wurden. Oft haben die Kinder ihre Ferien in Waging am See verbracht, aber sie mit allen möglichen Ausflüchten ausgeladen. Jetzt, wo sie sich allmählich darauf eingestellt hat und ihre Reisen alleine unternimmt, soll es auf einmal ohne sie nicht gehen?
Vorwurfsvoll und doch unsicher, wie sie der neuen Situation begegnen soll, sieht sie zuerst Alex an und dann in die teilnahmslosen Augen der Schwiegertochter. Verlegen führt Theresas die Tasse an den Mund und trinkt zitternd einen Schluck daraus.
»Was habt ihr geplant, und wohin soll die Reise gehen?«, gibt sie reserviert die Frage zurück.
»Thailand, Theresa«, antwortet Martha überraschend. »Diesmal fliegen wir nach Thailand. Die Kinder sind darüber ganz aus dem Häuschen.«
Theresa blickt erstaunt in die Augen ihrer Schwiegertochter, die Alex die Antwort vorwegnahm. Sie kann es sich denken, dass die Kinder sich freuen, denn so ein Land besucht man nicht alle Tage. Misstrauen, das sich wie ein Schakal in die Überlegungen einschleicht, hat sie keinesfalls gegenüber dem Land, es betrifft mehr die überfallartige Ankündigung und die Ungewissheit, was man ihr verschweigt!
Ängste vor derart langen Flügen drängen sich auf, eine Thromboseattacke während des Flugs nach Ägypten ist ihr noch gut in Erinnerung. Und überhaupt, warum ausgerechnet Thailand? Wenn sie Flüge mit den Freundinnen unternimmt, dann kommt allerhöchstens Paris oder, wie unlängst, der Flug nach London in Betracht. Sie hat gewaltigen Horror davor, zu lange in schmale Sitze eingeengt, erneut eine der schmerzhaften Thrombosen zu bekommen. Bedenken darüber kann sie nicht verbergen, zu deutlich stehen die Anzeichen in ihrem Gesicht, als hätte sie jemand mit Wechselgeld betrogen. Der Sohn begreift die Absicht der Mutter, sein Vorhaben zu unterlaufen, und lenkt das Gespräch geschickt auf die Airline.
»Sieh mal, Mutter, ich kenne deine Ängste, aber darüber musst du dir keinerlei Sorgen machen. Ich habe bei der Airline angefragt und sie sicherten zu, dass bei Kontinentalflügen der Thai Airways alles bestens organisiert ist, inklusiv besonders bequemer Sitze, die bei langen Flügen erhebliche Vorteile bringen. Auch die Auskunft über Thrombosegefahren hat mich beruhigt, dort kennt man das Problem, und sie stellen spezielle Stützstrümpfe zur Verfügung. Für den Notfall sind medizinisch ausgebildete Stewards an Bord.« Seine Worte beschwören förmlich die Mutter, auch die, um welch schönes Land es sich bei Thailand handelt, das er von verschiedenen Geschäftsreisen kennt. Er vergisst nicht zu erwähnen, dass zur geplanten Reisezeit zudem das verträglichste Klima für Europäer herrscht. An dieser Stelle spielt der Sohn seine größte Trumpfkarte aus und stößt den Stachel tief in den Zwiespalt der Mutter.
Er zapft damit die Goldader an, die ihres Stolzes zum beruflichen Status des Sohnes, und weiß, wie so oft, dass er damit die Zustimmung erreichen wird. Vergessen sind die Sorgen vor dem Abitur und die vielen Überredungskünste des Vaters, dass die hoffnungslos scheinende Hürde dann doch überwunden wurde und dafür ein Bummeljahr in Frankreich winkte. Nach dem verspäteten Studiengang im Stahlbau gelang ihm der Einstieg in eine Firma für Aluminiumfertigung.
Nun fügt er fast belanglos hinzu, dass seine Firma ihn erneut nach Thailand beordert hat und die Familie wegen der Länge seiner Abwesenheit mitreisen kann. Der glückliche Umstand, dass die Reise in den Ferien der Kinder liegt, hebelt die Bedenken der Mutter gänzlich aus und drängt das Problem ihrer körperlichen Schwächen in den Hintergrund. Der Gedanke, dass sie im vergangenen Jahr ihr Englisch aufgefrischt hat, stimmt sie insgeheim froh, löscht jedoch nicht ihre letzten Zweifel. In zwei Monaten soll es so weit sein. Ihren letzten Einwand, die Pflanzen im großen Garten könnten vertrocknen, zerstreut der Sohn mit der Bemerkung, dass mit dem launischen Aprilwetter genug Nässe zu erwarten ist.
»Du siehst, Mutter, es ist für alles gesorgt.«
»Gut, ihr beiden Quälgeister, ich bin nicht abgeneigt, lass es mir aber noch durch den Kopf gehen.«
Auch das letzte Schlupfloch der wankelmütigen Mutter schließt Alex mit dem Einwand, der Urlaub sei schließlich ein vorweggenommenes Geburtstagsgeschenk, und gibt ihr damit den Gnadenstoß. Erleichtert sehen die beiden sich an, als Theresa zustimmend nickt.
Während der Rückfahrt am Nachmittag, sitzt Theresa im Abteil der U-Bahn und sieht interessiert zwei jungen Fahrgästen zu, die am Cottbusser Tor mit reichlich Gepäck in das Abteil drängen. Das Mädchen, sie mag kaum zwanzig sein, hält krampfhaft die Riemen einer übergroßen Tasche über der Schulter, der Begleiter bemüht sich einen grell glänzend lackierten Koffer mit Aufklebern der Pyramiden von Gizeh über den Einstieg zu bugsieren. Schwer atmend, aber mit Erleichterung in den Gesichtern, lassen sie sich auf die Bank gegenüber fallen. Theresa kann es sich nicht verkneifen, die beiden anzusprechen.
»Na, ihr zweh«, fragt sie im Berliner Dialekt, nachdem sie die beiden eine Weile beobachtet hat, »habt wohl ne lanje Reise vor, wa?«
Unwillkürlich fällt ihr die Ankündigung der Kinder von heute Morgen ein und sie stellt sich lebhaft vor, was die beiden Enkel wohl alles für die Reise mitschleppen werden.
»Nee, Omachen, sind bloß ene Woche in Mallorca«, ist die knappe Antwort.
