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Warum man mit Wut im Bauch und Omas Weihnachtslikör in der Birne besser keine Wunschzettel schreibt, was es mit dem neuen Nachbarn und dem Hawaii-Arzt auf sich hat — und wie unterschiedlich die Folgen eines Gesprächs unter vier Augen sein können. Fünf skurrile Geschichten, die über manchen Irrweg am Ende doch zum Fest der Liebe führen.
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Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Omas Weihnachtslikör
Sicher ist sicher
5 Weihnachten – und 1 Notfall
Schicksalsfäden
Einmal Himmel!
Anhang: Rezepte
Eierpunsch
Vanillekipferl
Omas Weihnachtslikör
Lebkuchenschnitte
Gans mit Rotkohl und Kartoffelklößen
Der Zufall ist der Wink des Schicksals
Hilde Stift
Widerwillig dekorierte ich meine Wohnung, damit es wenigstens so schien, als ob ich in Weihnachtsstimmung wäre. Den mannshohen Holz-Nikolaus, den er ausgesägt hatte und der, an der Flurwand lehnend, auf einen Anstrich wartete, verarbeitete ich zu Anmachholz für den Kamin meiner Oma.
Die Sternenlichterkette, deren eisig leuchtendes Blau mir so gut gefiel, hatte er heimlich besorgt, um mich damit zu überraschen. Ich zerschnitt sie und spülte die Kabelstrippen Stück für Stück das Klo herunter. Ich weiß, so etwas sollte man nicht tun. Doch extreme Situationen verleiten zu unüberlegten Handlungen. Außerdem war diese eigenwillige Entsorgungsmethode eine reine Selbstschutzmaßnahme. Ansonsten hätte ich ihn womöglich noch mit dem Kabel erdrosselt.
Das französische Metallbett wurde ebenfalls von mir deformiert. Vor einigen Jahren hatte ich einen Schweißer-Kurs belegt. Der sollte mir nun zugutekommen. Stundenlang tobte ich meine Wut mit dem Schweißbrenner an dem Metall aus. Der Schrotthändler schaute zwar verständnislos, trotzdem lud er den Haufen Altmetall dankend auf seinen Kleinlaster.
Qualm zog aus der Küche. Ich lief zum Herd, so ein Mist, mein Eierpunsch ging in Flammen auf. Der Topf flog vom Herd aus in die Spüle. Ich öffnete das Fenster. Wo ich einmal hier war, konnte ich auch beginnen, die Plätzchen zu backen. Den Teig hatte ich schon am Vorabend vorbereitet. Ich holte ihn aus dem Kühlschrank und wickelte ihn aus der Frischhaltefolie. Oma freute sich doch immer so über meine Vanillekipferl. Also sollte sie welche bekommen, so wie jedes Jahr.
Ich schmiss den Teig wie einen Punchingball immer wieder auf den Küchentisch und schlug anschließend laut artikulierend auf die Kugel aus Backzutaten ein. Ich war mir nicht sicher, ob es dem Plätzchenteig gut bekam, verdroschen zu werden. Eigentlich hatte ich mir diese Art des Aggressionsabbaus von meiner Oma abgeschaut. Sie verwendete dafür Hefeteig. Ich ließ von dem unschuldigen Mehlklumpen ab, der sich, vermutlich durch die falsche Handhabung, in einen buttrigen, klebrigen, Fäden ziehenden Haufen Etwas verwandelte.
Daraus Vanillekipferl zu formen, würde Strafarbeit gleichen. Ich bestreute also die Tischplatte mit Mehl und versuchte den weichen Butterhaufen mit dem Etwas zu vermischen. Die neu entstandene klebrige Teigkugel in der Hand, zielte ich wieder auf die Spüle, um den Teig mit Schmackes neben dem angebrannten Topf zu entsorgen. Nur knapp verfehlte ich das Spülbecken. Der Teigbatzen flog geradewegs aus dem offen stehenden Fenster.
Mein Blick wanderte zur Küchentür. Da hing er. Der Arsch. Der Arsch mit Ohren. Ich fand ihn recht gelungen. Ein aus Pappmaché nachempfundener Hintern, mit Ohren und einem Gesicht. Seinem Gesicht.
Nach über zehn Jahren glücklicher Beziehung war der Mann, den ich geliebt hatte wie keinen anderen, aus meinem Leben geschieden. Das war nun fast auf den Tag genau vier Wochen her. Um meiner ehemals großen Liebe die Kosten für ein teures Umzugsunternehmen einzusparen, legte ich beim Packen selber Hand an. Er zog es vor, durch Abwesenheit zu glänzen. Was mich nicht davon abhielt, mir ein Paar Einweghandschuhe überzustreifen und seine Garderobe samt Schuhen, ausschließlich teure, namhafte Designer-Marken, in die von mir bereitgestellten Säcke zu schmeißen. Seine Schallplattensammlung, bestehend aus seltenen Liebhaberstücken, sowie alle Gegenstände, die entweder aus seiner Hand gekommen oder jemals mit ihm in Berührung gewesen waren, bis auf seinen Zahnputzbecher samt Zahnbürste, hatte ich achtlos in Kartons gefurcht. Die Kisten und Säcke brachte ich in ein Kaufhaus, das sich über Sachspenden finanzierte, um mit dem erwirtschafteten Erlös karitative Einrichtungen zu unterstützen. Seine wertvolle Münzsammlung verteilte ich in verschlossenen Briefumschlägen, zu gleichen Teilen, an die Obdachlosen am Bahnhofsvorplatz und in der Fußgängerzone. Selbstverständlich steckte in jedem der Umschläge eine seiner Visitenkarten. So hatten die Beschenkten wenigstens die Möglichkeit, ihm ihren Dank gleich persönlich vor Ort, in seiner Kanzlei, auszusprechen.
Die Umsetzung dieses von mir einstimmig verabschiedeten Mehrheitsentscheids befreite mich zumindest von einem Teil der materiellen Altlasten. Das Hab und Gut des Arschs widerte mich ohnehin nach seinem offensichtlich sehr befriedigenden Alleingang in unserem Metallbett nur noch an.
Leider konnte ich nicht in Erfahrung bringen, ob ihm meine spontane, bürgernahe Hilfsaktion ebenso ans Herz gegangen war wie mir. Er sollte sich nie wieder bei mir melden.
Bis auf eine Fotografie erinnerte mich so bereits wenige Tage nach seinem Abgang nichts mehr in der Wohnung an ihn. Um meine Trauer herunterzuspülen, öffnete ich eine Flasche von Omas Weihnachtslikör. Nach einem einstündigen Weinkrampf wusste ich auch seine abgelichtete Fratze sinnvoll zu verwerten. Omas Weihnachtslikör setzte ein ungeahntes handwerkliches Geschick in mir frei, und meine Finger flutschten wie von Geisterhand durch die breiige Masse aus Kleister, Pappe und alten Zeitungen, die ich angesetzt hatte. Zuerst formte ich einen Hintern ganz nach meinem Geschmack. Darauf setzte ich eine Visage, die ich nach der Vorlage seines Fotos frei aus der Hand modellierte. Dieses Kunstwerk stellte meinen diesjährigen Adventskalender dar. Ein vorweihnachtliches Geschenk an mich selbst.
Nachdem ich den Arsch fertiggestellt hatte, schnitt ich das besagte Foto in vierundzwanzig kleine Schnipsel. Zuerst saß ich ziemlich ratlos vor dem Ergebnis meiner Art der Bildbearbeitung. Nachdem ich auch die zweite Flasche fast vollständig intus hatte, waren sowohl meinem Ideenreichtum als auch meinen Rachegelüsten keine Grenzen mehr gesetzt. Ich beschriftete jeden einzelnen Schnipsel mit einem neongelben Textmarker. Die restliche Nacht habe ich über der Kloschüssel verbracht. Am nächsten Morgen, als der Arsch ausgetrocknet war, versah ich ihn mit vierundzwanzig goldenen Häkchen, an die ich kleine goldene Organza-Säckchen hing. Nun steckte in jedem dieser Säckchen ein zusammengefalteter, beschrifteter Schnipsel.
Mein Schädel dröhnte. Omas Weihnachtslikör hat eine Umdrehungszahl, mit der man locker ein Kettenkarussell antreiben könnte. Ich hatte keinen blassen Schimmer, was ich in meinem Schöpfungswahn auf diese Schnipsel geschrieben hatte. Nachschauen wollte ich nicht, das wiederum hätte mich der Vorfreude beraubt. Bis zum ersten Dezember war es nicht mehr lange. Meine Nachbarin schaute ziemlich dumm aus der Wäsche, als sie in meiner Küche stand und nach einem Pfund Zucker fragte. Sie schluckte mehrmals. Bis Weihnachten würde ich als Babysitter nicht mehr in Frage kommen.
Ein Blick zur Uhr, kurz vor sieben. Ein typischer Montagmorgen. Hektisch eilte ich aus der Tür. Abrupt blieb ich stehen. Ich hätte den Arsch beinahe vergessen. Langsam ging ich durch die Diele, zurück in die Küche. Ich musste den ersten Sack öffnen. Unsicher hielt ich den Schnipsel in der Hand. Sollte ich wirklich wagen, den Zettel sofort zu lesen, oder lieber erst nach Feierabend? Was würde mich erwarten? Ich konnte mich nur noch schemenhaft an die tobende Wut in mir erinnern, als ich diese Zettel beschriftet hatte. Mein Magen krampfte sich leicht zusammen. Was für ein Humbug, jetzt oder gleich. Das Leben war kein Wunschkonzert, also brachte ich es sofort hinter mich.
»Fahre einen Einkaufswagen einem Kerl in die Hacken!«
Die grellen Buchstaben stachen mir in die Augen. Die krakelige Schrift entzifferte ich eindeutig als die meine. Mir wurde klar, dass auch die weiteren Säckchen keine Spaziergänge würden.
Ziellos schob ich meinen Einkaufswagen vor mir her. Der Supermarkt war gut besucht. Ich fuhr die Fleischtheke ab. Nein, hier war es zu auffällig. Außerdem standen Mütter mit ihren Kindern an. Ich konnte unmöglich vor Kindern einen solchen Gewaltakt ausführen. Ich hatte die Wahl, den Einkaufswagen einfach stehen zu lassen und mich zu verdünnisieren. Wieso hatte ich mir auch nur so einen Schwachsinn ausgedacht? Und das alles wegen diesem Arsch.
Das war das Stichwort: Arschgesicht, du sollst Buße tun für das, was du mir angetan hast!, ging es mir durch den Kopf. Ich überlegte nicht lange und gab dem Wagen einen kräftigen Stups. „Ahh“, hallte ein lauter Schmerzschrei durch den Gang mit Waschpulver, Hygieneartikeln und Verhütungsmitteln. Der Kerl hatte gerade ein Päckchen buntfarbiger Kondome an sich genommen und es dezent in seinem Einkaufswagen unter die anderen Einkäufe geschoben, als ich ihn erwischte.
So schnell ich nur konnte, ergriff ich die Flucht. Ich war sehr zufrieden mit mir, denn es traf bestimmt den Richtigen, wie ich aus seinem Einkauf voreilig schloss. Als ich zu Bett ging, meldete sich mein Gewissen zu Wort. So stolz wie ich mich nach der Attacke auch gefühlt hatte, der arme Mann im Supermarkt konnte doch für die Schmerzen, die mir der Arsch zugefügt hatte, rein gar nichts. Bei dem Gedanken, morgen das zweite Säckchen zu öffnen, drehte sich mir der Magen um.
»Ohrfeige einen Kerl, linke Wange, rechte Wange!«
Mir wurde schwarz vor Augen. Wie betrunken war ich denn nur gewesen? Das würde ich niemals fertigbringen! Ich saß in der überfüllten Straßenbahn. Den ganzen Tag habe ich an den Arsch gedacht und abgewogen, was besser für mich ist: zu tun, was ich volltrunken auf den Schnipsel geschrieben hatte – oder es zu lassen. Ich entschied mich für Ersteres. Als letzter Akt des Loslassens. Hier sollte es passieren, im überfüllten Abteil, kurz bevor ich ausstieg. Ich stellte mich rechtzeitig in der Schlange vor den Türen an. Aus den Augenwinkeln beobachtete ich, wie sich ein Aktenkofferträger erhob und den Platz hinter mir einnahm. Der Waggon ruckelte. Mein Hintermann hatte offenbar Mühe, das Gleichgewicht zu halten, und griff mir an den Po. Wahrscheinlich, um nicht umzufallen. „Was für eine Unverschämtheit“, schrie ich dankbar auf. Dann klatschte es, einmal links und einmal rechts. Die Türen sprangen auf und ich verschwand im Menschengewühl. Das war ja ganz einfach gewesen, und der Unbekannte hatte mir sogar ein Alibi geliefert.
»Trete einem Kerl in die Weichteile!«
Das wurde ja immer besser. Ich hielt den Schnipsel, den ich aus dem dritten Säckchen gefischt hatte, in der Hand. Abwechselnd schaute ich auf den Arsch und auf die von mir geschriebenen Zeilen. Es war sicher nicht fair, meine Rachegelüste an wildfremden Männern auszuleben. Andererseits hatte sich der Arsch wie ein Feigling vom Acker gemacht. Wo sollte ich denn hin mit meinem Frust?
Eine riesige Menschentraube schob sich durch die Innenstadt. Ich mittendrin. Heute hatte ich nur kurz an den Arsch gedacht und entschied mich, meinen Auftrag spontan auszuführen. Die Temperaturen waren über Nacht gefallen und auch tagsüber immer noch weit unter dem Gefrierpunkt. Kaum hatte das Streusalz das Eis auf den engen Gassen der Fußgängerzone in Matsch verwandelt, gefror es auch schon wieder. Es war spiegelglatt. Jeder Schritt musste wohl bedacht sein.
Da passierte es. Ich kam ins Schlittern. Verzweifelt versuchte ich die Balance zu halten. Vergeblich. Mir glitten die Beine weg. Um nicht auf meinen Allerwertesten zu fallen, ruderte ich mit den Armen nach vorne. Abwechselnd baumelten meine Beine dazu in der Luft. Immer noch steuerte ich mit beiden Armen dagegen, um einen Sturz zu vermeiden. Ich sah einen Mann auf mich zukommen. Seine Pudelmütze hatte er tief ins Gesicht gezogen und den wollenen Schal mehrmals um den Hals geschlungen. Seine Aufmerksamkeit galt den weihnachtlich dekorierten Schaufenstern. Deshalb bekam er von meiner Luftakrobatik nichts mit. Mein rechtes Bein schoss erneut in die Höhe und traf ihn genau zwischen die Beine. Ich bekam wieder Boden unter die Füße und suchte das Weite.
„Hallo Oma.“
„Hallo, mein Kind, was für eine nette Überraschung“, öffnete Oma mir die Tür.
Ich folgte ihr mit der Keksdose unter dem Arm in die Küche.
„Sind die für mich?“
Nach dem heutigen so erfolgreich ausgeführten Adventsauftrag hatte ich einen zweiten Versuch gestartet, für Oma zu backen. Ich setzte mich.
Oma stellte zwei Tassen frisch aufgebrühten Kaffee auf den Tisch. „Dann wollen wir doch gleich mal kosten“, öffnete sie die Keksdose. Mit geschlossenen Augen schob sie sich ein Vanillekipferl in den Mund. „Wundervoll, das ist ja wie Weihnachten.“ Oma hatte die Gabe, sich auch über Kleinigkeiten wie ein Kind zu freuen. „Wie wäre es mit einem Gläschen Weihnachtslikör?“
„Danke Oma, für mich nicht.“ Ich wollte nicht riskieren, auf noch mehr Dummheiten zu kommen. Man wusste bei Omas Weihnachtslikör nie, wie er aufs Gemüt schlägt.
„Wie du meinst.“ Sie holte eine angebrochene Flasche aus dem Vorratsschrank. „Ich habe noch eine auf Reserve, die kannst du dir gerne mitnehmen“, lächelte sie mir zu. Ich fragte mich, ob Oma nach dem Genuss ihres Likörs ähnlich komische Anwandlungen bekam.
„Einfach köstlich“, nippte sie schwärmend. „Auf einem Bein steht es sich schlecht.“ Langsam goss sie nach. „Du glaubst nicht, was ich heute Nachmittag erlebt habe.“
Ich mampfte hungrig von meinen mitgebrachten Plätzchen. Oma prostete sich selber zu.
„Was denn, Omi?“
„Wo soll ich nur anfangen? Ach ja, ich bin gemütlich durch die Stadt geschlendert. Es ist ja alles so schön weihnachtlich dekoriert. Ich mag diese festlichen Schaufenster für mein Leben gern.“
Oma besaß ebenfalls die Gabe, sehr ausschweifend zu erzählen und vom Wesentlichen abzukommen. „Na ja, ich laufe jedenfalls bis zum Schokoladentempel. Du weißt doch, dieses herrliche Geschäft, indem ich immer diese Schokoladenraspel kaufe, für den Kakao, den du so gerne magst.“
„Hm“, schmatzte ich. Es würde noch eine Weile dauern, bis sie auf den Punkt kommt.
„Dieses Schaufenster fasziniert mich jedes Jahr wieder aufs Neue.“
Ich schaute gelangweilt in die Dose und überlegte, ob es nicht unverschämt war, Oma die Kekse wegzufuttern.
„Hörst du mir überhaupt zu, Kind?“
„Sicher Omi, du stehst vor dem Schaufenster …“
„Ach ja, ich stehe also vor dieser prächtig geschmückten Schaufensterscheibe und betrachte die ausgestellten Leckereien. Da schreit plötzlich jemand hundserbärmlich auf.“
Erschrocken sehe ich von den Plätzchen hoch.
„Vor mir geht ein Mann mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Knie.“
„Ach ja?“, tat ich gespielt erstaunt.
„Ja, und stell dir vor, unter den Schaulustigen tritt doch tatsächlich ein Arzt nach vorne.“ Oma nippte kurz an ihrem Glas. „Ich finde es ja eine unmögliche Eigenart, stehen zu bleiben und sich am Leid anderer zu ergötzen.“
Mir war der Appetit vergangen. Ich schob die Plätzchendose weg. „Ein Arzt, sagst du?“
„Ja. So ein glücklicher Zufall“, sie unterbrach sich und trank zur Abwechslung von ihrem Kaffee. „Ein Bild von einem Mann.“
„Wer? Der Arzt?“
„Ja, der auch“, rollte Oma die Augen. „Die beiden tuschelten hastig hin und her. Ich musste mir erst die Mütze über die Ohren klappen, um etwas verstehen zu können.“ Oma schenkte sich noch einmal nach. „Ich habe gehört, wie dieser junge Mann dem anderen, also dem Arzt sagte, man habe ihm in die…“ Sie streckte mir den Kopf entgegen und sah mich mit gesenktem Blick streng an. „Du weißt schon“, stockte sie, „In die … getreten. Ein höchst peinlicher Vorfall für den Armen. Der Arzt meinte, um sicherzugehen, dass keine bleibenden Schäden zurückbleiben …“
„Schäden?“, unterbrach ich sie mit trockener Kehle. Jetzt brauchte ich auch einen Schluck. In einem Zug leerte ich Omas Glas.
„Ich dachte, du wolltest nicht, egal …“ Wieder beugte sie sich ganz nah zu mir heran, um fast beschwörend fortzufahren. „In der Klinik soll festgestellt werden, ob seine Zeugungsfähigkeit nach dem Tritt noch intakt ist.“
Ich verschluckte mich. Das hatte ich nicht gewollt. „Wer hat ihn denn getreten?“
„Das habe ich nicht mitbekommen. Außerdem stecke ich meine Nase nicht in andrer Leute Angelegenheiten.“
Wie gerne hätte ich Oma gebeichtet, dass der Arsch die Schuld an diesem Vorfall trägt. Als ich am Morgen darauf den vierten Schnipsel gelesen hatte, wusste ich nicht mehr ein noch aus.
»Schütte einem Kerl ein Glas Bier ins Gesicht!«
