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Die letzte Zuflucht
»Der Tod ist nicht das Ende« war einst ein Satz, der Hoffnung und Trost spendete, doch diese Zeiten sind endgültig vorbei. Seit sich das Omega-Virus mit rasender Geschwindigkeit auf der Erde verbreitet hat, ist daraus eine düstere Wirklichkeit geworden: Die Toten kriechen aus ihren Gräbern und machen Jagd auf die Lebenden. Pater Xavier Church sieht es als seine Pflicht an, die wenigen Menschen, die die Plage bisher überlebt haben, an einen sicheren Ort zu bringen – falls er in einer Welt, die inzwischen den Toten gehört, noch so einen Ort findet …
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Seitenzahl: 531
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das Buch
»Der Tod ist nicht das Ende« war einst ein Satz, der Hoffnung und Trost spendete, doch diese Zeiten sind endgültig vorbei. Seit sich das Omega-Virus mit rasender Geschwindigkeit auf der Erde verbreitet hat, ist daraus eine düstere Wirklichkeit geworden: Die Toten kriechen aus ihren Gräbern und machen Jagd auf die Lebenden. Pater Xavier Church sieht es als seine Pflicht an, die wenigen Menschen, die die Plage bisher überlebt haben, an einen sicheren Ort zu bringen – und der einzige Ort, auf den diese Bezeichnung noch zutreffen könnte, scheint der vor San Francisco auf Grund gelaufene Flugzeugträger der US Marine zu sein. Kaum ist seine kleine Herde allerdings auf dem Wrack angekommen, müssen sie feststellen, dass in der Welt der Zombies jede noch so kleine Überlebenschance bitter erkämpft werden muss …
Die Omega-Days-Reihe im Heyne-Verlag:
Erster Band: Die letzten Tage
Zweiter Band: Schiff der Toten
Der Autor
John L. Campbell wurde in Chicago geboren und besuchte verschiedene Universitäten in North Carolina und New York. Seine Kurzgeschichten wurden bereits in zahlreichen Magazinen veröffentlicht, bevor er mit Omega Days seinen ersten Roman schrieb. Er lebt mit seiner Familie in der Nähe von New York.
www.twitter.com/HeyneFantasySF
JOHN L. CAMPBELL
OMEGA DAYS
Schiff der Toten
Roman
Deutsche Erstausgabe
WILHELM HEYNE VELAG
MÜNCHEN
Titel der Originalausgabe
OMEGA DAYS –SHIP OF THE DEAD
Deutsche Übersetzung von Norbert Stöbe
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Deutsche Erstausgabe 3/2017
Copyright © 2014 by John L. Campbell
Copyright © 2017 der deutschsprachigen Ausgabe by
Wilhelm Heyne Verlag, München,
in der Verlagsgruppe Random House GmbH,
Neumarkter Straße 28, 81673 München
Redaktion: Sven-Eric Wehmeyer
Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,
unter Verwendung von shutterstock/Mila Croft, Andrey Yarlov
Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
ISBN: 978-3-641-19858-9V001
Dieses Buch ist den Männern und Frauen der
US Navy und insbesondere den Offizieren und der Besatzung
des Flugzeugträgers CVN-68 gewidmet.
Euch allen, die ihr der Heimat und der Familie so fern seid,
danke ich.
Für Linda, wie immer
Seelenversammlung
1
Rosa Escobedo hätte bei ihrem Kollegen bleiben, hätte ihre Mutter beschützen sollen. Sie hätte versuchen sollen, ihrer Einheit Meldung zu erstatten. Sie hatte nichts dergleichen getan und war stattdessen um ihr Leben gerannt. Das lastete auf ihr wie ein schweres Kreuz, das sie seit jenem furchtbaren Tag mit sich herumschleppte.
An jenem Tag hatte Jimmy Albright die Sirene eingeschaltet, ein gellendes Wuuh-aah. Er steuerte den Rettungswagen nach links und dann gleich wieder scharf nach rechts, als er einen BMW überholte, der trotz des Blaulichts nicht angehalten hatte. Er folgte zwei Wagen des San Francisco Police Department vom Typ Crown Victoria und bretterte durch den dichten Verkehr auf dem Embarcadero.
»Ich sag ja nur, so kann’s nicht weitergehen, Rosie.« Er rauchte im Wagen, ein schwerer Verstoß gegen die Vorschriften der Rettungskräfte. Der Filter klemmte ihm zwischen den Zähnen, während er das schwere Gefährt wie einen Sportwagen steuerte. Sein rotes Haar war kurz geschoren, und er war groß gewachsen, langgliedrig und hatte sehnige, muskulöse Arme. »Du verausgabst dich.«
Die beiden Streifenwagen überholten rechts und links einen Alhambra-Getränkelaster, und Jimmy schloss mit gellenden Sirenen zum flachen Heck auf, stieß aus dem rechten Mundwinkel eine Rauchwolke aus und lenkte dann nach rechts. Mit über siebzig Stundenkilometern zog er im Abstand von fünfzehn Zentimetern an der Stoßstange des Trucks vorbei. Jimmys Partnerin zuckte auf dem Beifahrersitz nicht einmal zusammen. Nach drei Jahren im selben Wagen war sie immun gegen seine Fahrkünste.
»Ich hab’s im Griff«, sagte Rosa. Sie war fünfundzwanzig, dunkelhaarig und attraktiv, was jedem Cop, Sanitäter und Feuerwehrmann, dem sie begegnete, zwangsläufig sofort ins Auge stach. Die meisten baten sie um ein Date. »Wenn’s mir zu viel wird, fahre ich irgendwas runter.«
»Ja, klar.« Er trat kurz auf die Bremse und schoss eine Ausfahrt hinab.
Obwohl es Mitte August war, standen die Fenster offen, und Rosa ließ den Arm heraushängen und schaute zu, wie die Stadt vorbeizog. »Du willst nur, dass ich mit dem Tanzen aufhöre.« Sie schaute ihn nicht an.
Mit quietschenden Reifen schwenkte er nach links, fuhr unter dem Highway durch und jagte den beiden Streifenwagen über die abendlichen Straßen hinterher. »Wir wollen doch nicht schon wieder so eine Unterhaltung führen?«, sagte er. »Darauf wollte ich nicht hinaus.«
Sie warf ihm einen Blick zu. »Genau darauf läuft es hinaus.«
Jimmy schnippte den Zigarettenstummel aus dem Fenster und schnaubte angewidert, wie es Leute tun, wenn sie schon wieder einen ausgetretenen Pfad beschreiten müssen. »Wenn du mich fragst, ob ich will, dass du aufhörst, dich für Fremde auszuziehen …«
»Ich tanze!« Unter dem gebügelten weißen Uniformhemd und der dunkelblauen Cargohose steckte der feste, wohlgeformte Körper einer Tänzerin, der ohne die Silikonimplantate auskam, welche die meisten Mädchen in ihrem Teilzeitjob für nötig hielten. Jimmy wusste, was sich unter der Uniform befand, doch das war inzwischen Vergangenheit, was das Thema noch schwieriger machte.
»Ja, um eine Stange, während du dich nackig machst. Willst du, dass ich dich anlüge? Nein, das gefällt mir nicht.«
»Siehst du? Ich hab’s dir ja gesagt.« Sie lächelte triumphierend und drohte ihm mit dem Zeigefinger. »Ich hab’s gesagt.«
»Aber …« Er bremste, bevor er bei Rot über eine Kreuzung fuhr. »Ich weiß, du willst nicht aufhören, weil du zu viel Geld damit verdienst, und ein Medizinstudium ist teuer.«
»Genau!« Rosa brannten die Wangen. Sie sprach mit Jimmy nicht gern über diesen Teil ihres Lebens. Er stand ihr zu nahe, aufgrund des Jobs und wegen ihrer kurzen, aber angenehmen Beziehung, die sie in beiderseitigem Einverständnis beendet hatten, weil es sie bei der Arbeit zu sehr ablenkte. Und doch war er der Einzige, mit dem sie reden konnte. Es hätte ihre Mutter umgebracht, davon zu erfahren, und ihre in Sacramento lebende Schwester konnte sich kaum auf eine Unterhaltung konzentrieren, da ihre fünf Kinder ständig um ihre Aufmerksamkeit bettelten. Rosa hatte keinen Freund; dafür fehlte ihr die Zeit. Insgeheim bezweifelte sie, dass ein anständiger Typ – abgesehen von Jimmy – eine Stripperin zur Freundin wollte. Tänzerin, verbesserte sie sich.
»Genau!«, rief Jimmy, grinste und boxte sie quer durch die Fahrerkabine gegen den Arm, wobei er beinahe ein parkendes Auto gestreift hätte.
Rosa lachte und boxte ihn zurück. »Du kannst ja so blöd sein.«
»Ich weiß. Deshalb karre ich auch meinen White-Trash-Arsch in diesem Wagen durch die Gegend. Du hingegen bist nicht blöd, und du brauchst den Job nicht. Deshalb solltest du damit aufhören.«
Es wurde still im Wagen, und Rosa blickte ihn an, während Jimmy den Streifenwagen durch eine Gegend mit vier- und fünfstöckigen Gebäuden folgte. Im Erdgeschoss waren Läden, darüber Wohnungen. In der Ferne, noch ein paar Straßenblocks entfernt, funkelten die roten Lichter der Feuerwehr von San Francisco. Der Leitstellendisponent hatte gemeint, es gebe Verletzte, aber kein Feuer.
»Jimmy …« Ihre Stimme klang jetzt weicher.
»Ist mein voller Ernst. Sieh dich doch mal an, Rosie. Du hast den Pre-Medicine-Bachelor in Rekordzeit gemacht, du bist im Begriff, ein Medizinstudium zu beginnen, und du hast mir hundertmal gesagt, wie viel Arbeit auf dich wartet. Dann hast du auch noch eine Einberufung zur Navy-Reserve bekommen. Und tanzen, um das alles zu bezahlen? Du hast keine Zeit, dich hier mit mir rumzutreiben.«
Sie runzelte die Stirn. Damit hatte sie nicht gerechnet. »Ich sammle hier praktische Erfahrungen. Da roste ich nicht ein.«
Jimmy schaute finster drein. »Das ist Bockmist. Du solltest deine Nase in Bücher stecken, Doc. Du solltest keine Toten von der Straße abkratzen und dich nicht um Schusswunden, Junkies mit Überdosis und missbrauchte Kinder kümmern. Bis zum Arsch in menschlichem Dreck«, schloss er brummelnd.
So hatte sie ihn noch nie reden gehört, so leidenschaftlich und fast schon wütend. Ihr Herzschlag geriet einen Moment lang aus dem Takt. »Ich bin gern mit dir unterwegs.«
»Ach ja? Vielleicht bist du doch nicht so schlau.«
Sie waren in Rincon Hill, ganz in der Nähe von Folsom. Der Wagen hielt hinter einem Streifenwagen. Die Officer eilten bereits zu einer Menschenansammlung vor dem Gebäude. Für die Insassen des Rettungswagens sah es so aus, als kämpften mehrere Feuerwehrleute mit einem Mob von Zivilisten. Die Scheinwerfer des Feuerwehrwagens malten tanzende Schatten an die Backsteinwand.
»Warte«, sagte Jimmy und legte Rosa die rechte Hand aufs Bein, als sie nach draußen springen wollte. Verblüfft beobachteten sie, wie ein Zivilist einen Feuerwehrmann beim Kopf packte und ihm ein Ohr abbiss. Jemand schrie, und ein zweiter Feuerwehrmann warf sich in den Kampf und schwang eine Axt. Die Cops zogen die Waffen, feuerten und trafen einen dicken Mann mit Muskelshirt in Brust und Bauch. Der Mann zuckte nicht mal zusammen, sondern schlurfte ihnen entgegen, rempelte den einen Cop an und warf ihn zu Boden. Er biss ihm das Ohr ab, dann machte er sich über das Gesicht her. Der Feuerwehrmann mit der Axt spaltete ihm den Schädel. Der Kollege des gestürzten Cops hielt dem Dicken die Pistole ans Ohr und drückte ab, dann wälzte er sich zur Seite und rief: »Sanitäter!«
Rosa sprang aus der Beifahrertür und lief nach hinten, wo sie sich mit Jimmy traf. Gemeinsam öffneten sie die Doppeltür und schnappten sich die orangefarbenen Notfalltaschen. Plötzlich drückte Jimmy sie gegen einen der Türflügel und rückte dicht an sie heran, womit er sie überraschte. »Sei vorsichtig.«
Sie löste sich ungeduldig von ihm. »Auf geht’s«, sagte sie und lief zu dem Cop, der neben seinem zusammengebrochenen Kollegen hockte, die Hand auf die Stelle gedrückt, wo sich dessen Ohr befunden hatte. Er fluchte in einem fort und blickte zwischen seinem stöhnenden Kollegen und dem Feuerwehrmann mit der Axt hin und her, der brüllte wie ein rasender Wikinger und soeben einen weiteren Zivilisten niedergeschlagen hatte. Zwei Asiatinnen klammerten sich an seine Beine und bissen ihn in Knie und Schenkel. Andere Cops waren nicht zu sehen, trotz des zweiten Streifenwagens.
Rosa ließ dicke, dunkelrote Latexhandschuhe über ihre Hände schnappen, ging neben den beiden Cops in die Hocke und öffnete die Tasche. »Ich übernehme«, sagte sie, drückte dem Verletzten eine dicke Kompresse an den Kopf und drängte seinen Kollegen mit der Schulter weg. Der Cop starrte sie einen Moment lang blinzelnd an, dann ging er zu dem tobenden Feuerwehrmann und hob die Dienstwaffe.
Als Jimmy Albright die Waffe sah, wich er nach links aus und rannte zur Treppe eines angrenzenden Gebäudes, wo ein weiterer Feuerwehrmann in Embryonalhaltung in einer Blutlache am Boden lag. »Bin schon da, Kumpel.« Er stellte die Tasche ab, kniete sich hin und streifte die Handschuhe über.
Rosas Cop versuchte sich aufzusetzen und knirschte mit den Zähnen. »Der Scheißtyp hat mir ein Ohr abgebissen. Marco! Wo bist du, verdammt noch mal?«
Marco näherte sich langsam dem axtschwingenden Feuerwehrmann und schoss einer der Asiatinnen, die sich in dessen Bein verbissen hatte, aus nächster Nähe in den Kopf. Sie brach knurrend zusammen, doch die Kugel durchdrang den Kopf und zerschmetterte dem Feuerwehrmann das Knie. Brüllend fuhr er herum, holte mit der Axt aus und durchtrennte zur Hälfte den Hals des Cops, dessen Kopf auf einmal schief saß. Als der Cop auf die Knie fiel, schlug er ihm mit einem zweiten Hieb den Schädel ab und brüllte etwas Unverständliches. Das zerschmetterte Knie gab nach, und die andere Frau kroch an ihm hoch, bis sie ihn in den Hals beißen konnte.
»Marco!«, schrie der am Boden liegende Cop, während Rosa versuchte, ihn aufs Pflaster niederzudrücken.
»Er macht seinen Job«, sagte sie. In der Ferne hörte sie Sirenen und das Geknatter eines Helikopters. »Wie läuft’s, Jimmy?«
Keine Antwort.
Sie schaute hoch. Jimmy lag auf dem Rücken, mit geweiteten, leeren Augen, und ein blutverschmierter Feuerwehrmann hockte über ihm, riss ihm Innereien aus dem Leib und schob sie sich in den Mund.
»Jimmy!« Sie schnellte hoch und lief zu ihm. Der Feuerwehrmann schaute mit glasigen gelben Augen hoch und knurrte. Jimmy zuckte. Rosa rief seinen Namen, lief zurück zum Cop und riss ihm trotz seines Protests die Neun-Millimeter aus dem Holster. Sie schaute nach, ob sie geladen war, dann entsicherte sie die Waffe. Nach ihrem Irakeinsatz als Navy-Sanitäterin bei den Marines kannte sie sich damit aus. Sie ging zu dem Ding, das an ihrem Freund fraß. »Scheißkerl«, flüsterte sie und schoss ihm in die Stirn.
Ihr Partner verkrampfte sich erneut und stieß einen Schrei der Erleichterung aus, als sie neben ihm auf die Knie fiel. »Ich bin da, Jimmy.« Sie brach in Tränen aus. »Ich bin bei dir, Schatz.«
Rechts von ihr ertönte lautes Stöhnen. Als Rosa den Kopf wandte, sah sie den axtschwingenden Feuerwehrmann auf dem zerschmetterten Knie auf sich zuhumpeln, sein Hals eine klaffende rote Wunde, aus der ein Teil der Speiseröhre heraushing. Die Asiatin, die ihn zerfleischt hatte, torkelte ihm hinterher, und dann tauchten weitere Gestalten auf, Feuerwehrmänner und Zivilisten und einer der Cops aus dem leeren Streifenwagen, alle mehr oder weniger zerfleischt. Sie taumelten hinter einem Müllcontainer und einem der großen roten verchromten Trucks hervor. Ihr Blick richtete sich auf den abgehackten Kopf des Cops, der auf dem einen Ohr lag und sie mit trübem Blick anschaute. Sein Mund mahlte lautlos und schnappte ins Leere.
Rosa wandte sich ab und rannte los.
Der Cop mit dem abgetrennten Ohr hatte sich auf die Ellbogen gestützt und sah, was los war. »Jesus Christus!« Er tastete nach der an seinem Unterschenkel festgeschnallten Pistole und feuerte vier Schüsse ab, traf den einen und verfehlte den anderen, doch sie ließen sich einfach nicht aufhalten. Er richtete sich auf und lief ins abendliche Zwielicht.
Rosa sprang in den Rettungswagen, ohne die Türen zu schließen, und blickte dem wegrennenden Cop nach. Sie dachte daran, dass die Marines geschworen hatten, niemals jemanden zurückzulassen. Diese Philosophie hatten sie auch den Sanitätern eingebläut, die sie »Doc« nannten. Allerdings hatte damals Krieg geherrscht, und das hier war ein Albtraum aus der Hölle, der düsteren Fantasie eines Drogensüchtigen entsprungen.
Und doch hatte Jimmy sich bewegt.
Nein, mit diesen Verletzungen konnte er unmöglich noch am Leben sein. Ebenso wenig wie all die anderen.
Im nächsten Moment klatschte jemand seine blutverschmierte Hand gegen die Windschutzscheibe, und sie schrie auf. Sie klemmte die Pistole zwischen Oberschenkel und Beifahrersitz, wendete mit zweimaligem Zurücksetzen und gab Gas. Mit tränenüberströmtem Gesicht betete sie zur Heiligen Mutter Gottes.
Ein Polizeihubschrauber – einer der wenigen, die nach der Flottenreduzierung vor ein paar Jahren übrig geblieben waren – schwebte langsam über der Main Street entlang. Dann hielt er an und richtete den Scheinwerfer auf den Rettungswagen, der mit eingeschaltetem Blaulicht und offener Hecktür am Straßenrand stand.
Rosa saß auf dem Fahrersitz, die Knie an die Brust gezogen, die Arme um den Oberkörper geschlungen, und schaukelte weinend vor und zurück. Jimmy war tot. Sie hatte ihn zurückgelassen, und er war tot. Sie war weggelaufen. Ihr Schluchzen füllte die Fahrerkabine aus, in der nicht lange zuvor zwei Stimmen zu hören gewesen waren. Sie presste den Kopf an die Knie und zitterte am ganzen Leib. Der Scheinwerfer wanderte weiter. Niemand kam.
Ein paar Straßenblocks vom Gemetzel entfernt, wartete sie eine Viertelstunde, bis ihre Tränen versiegt waren und ihre Hände nicht mehr zitterten. Dann rief sie ihre Mutter an, doch es ging niemand ran. Sie stieg aus, schloss die Hecktür und kletterte wieder auf den Fahrersitz.
Das Funkgerät plärrte in einem fort – Notrufe und Codemeldungen, aufgeregte Stimmen, die Verstärkung, Rettungshubschrauber, Polizisten und Waffen anforderten. Manchmal waren im Hintergrund Schüsse zu hören. Und Schreie. Der Disponent funkte Jimmys und Rosas Einheit an, um sie zu einem weiteren Notfall zu schicken. Rosa antwortete nicht.
Die Main war eine Einbahnstraße, und sie fuhr mit eingeschaltetem Blaulicht und gellender Sirene durch den Mission District. Hier wirkte alles ganz normal; die Menschen, die unterwegs waren, wussten nichts von dem Wahnsinn, den sie hinter sich gelassen hatte. An der Kreuzung Market Street musste sie jedoch anhalten. Die Polizei stellte gelbe Schranken auf, die Straße war mit Streifenwagen verstopft, und alle blickten zum hell erleuchteten Eingang der Embarcadero-U-Bahn-Station. Jeder Polizist hatte ein Gewehr dabei. Einer bemerkte sie aus dem Augenwinkel und winkte sie zu sich.
Rosa hatte keine Lust, sich in irgendetwas verwickeln zu lassen, deshalb fuhr sie langsam weiter, lenkte den Wagen um eine Sperre herum und hielt auf die Straße an der anderen Seite der Kreuzung zu. Sie hatte ein Drittel des Weges zurückgelegt, als Menschen aus dem Stationseingang strömten. Es waren Hunderte, überwiegend in Geschäftskleidung, die einmal sauber und gebügelt gewesen war. Jetzt war sie zerrissen und blutig. Sie taumelten und torkelten auf die Kreuzung hinaus, obwohl die meisten schwere Fleischwunden aufwiesen. Andere hatten verdrehte Gliedmaßen oder einen Arm oder ein Bein verloren.
Zwei Tränengasgranaten flogen in den Pulk hinein. Die Menschen drängten weiter, und es kamen immer mehr nach. Über Megafon wurde ein Befehl erteilt, dann zuckte Rosa zusammen, als Gewehre und Pistolen auf die Menge abgefeuert wurden.
Sie wurde nicht langsamer.
Weitere Schüsse, dann schwärmte die Menge aus, schwappte über die Absperrungen und wogte den Streifenwagen entgegen. Die Cops zogen sich zurück, als die abgerissenen, blutigen Pendler wie eine Wand herandrängten, stöhnend, nach allem greifend und beißend, was sich bewegte. Rosa gab Gas und schoss über die Kreuzung. Eine junge Frau – das halbe Gesicht war abgerissen, der Unterkiefer fehlte – in einem grauen Businesskostüm, das einmal elegant gewesen war, taumelte vor ihren Wagen. Sie prallte mit einem dumpfen Geräusch gegen den Kühlergrill und wurde weggeschleudert. Die Sanitäterin biss sich auf die Lippen, ohne den Fuß vom Gas zu nehmen.
Der Verkehr staute sich auf der Gegenfahrbahn, als Rosa die Drumm Street entlangfuhr, dann bog sie zweimal links ab zur Pine Street, einer weiteren Einbahnstraße, die schnurgerade durch die City führte. Über Funk wurde immer noch nach Hilfe gerufen, einige weinten, und der Disponent rief alle verfügbaren Einheiten der Polizei und der Nationalgarde zur Market Street, von der sich Rosas Rettungswagen gerade mit Vollgas entfernte.
Sie schaltete das Funkgerät aus.
Auf der nächsten Kreuzung hatte es einen Unfall gegeben. Sie wich ihm aus, blickte starr geradeaus und weigerte sich, die benommenen, blutverschmierten Gesichter anzusehen, die ihr fassungslos hinterherschauten, als sie weiterfuhr, ohne auch nur zu verlangsamen. In der Montgomery Street blockierten zwei Streifenwagen die Fahrbahn, Soldaten sperrten die Pine Street mit Stacheldraht ab. Rosa schaffte es hupend, sich durchzumogeln. Ein paar Minuten später kam sie an einem Park vorbei. Schattenhafte Gestalten verfolgten torkelnd einen Obdachlosen, der einen vollgestopften Einkaufswagen über den Rasen und die Baumwurzeln schob. Sie kamen ihm immer näher.
Unmittelbar hinter dem Stockton Tunnel näherte sie sich dem Ende eines Staus. Einen halben Straßenblock entfernt brannte ein Wohnhaus und färbte den frühen Abend orangerot. Rosa stellte die Sirene wieder an und bahnte sich einen Weg zur nächsten Kreuzung, fuhr mit zwei Rädern auf den Gehsteig und bog hinter dem Feuer wieder auf die Pine Street ein.
Ihre Mutter ging noch immer nicht ans Telefon, und sie wählte die Nummer noch dreimal, immer mit dem gleichen Ergebnis. Als das Handy plötzlich zirpte, nahm sie den Anruf an, ohne hinzusehen.
»Unteroffizier Escobedo, bitte.«
»Am Apparat.«
»Hier spricht der wachhabende Offizier vom CINCPAC-Hauptquartier. Ihre Reserveeinheit wurde einberufen, und Sie haben Befehl, sich unverzüglich im Oakland Middle Harbor auf der USNSComfort zu melden. Bestätigen Sie den Befehl, Unteroffizier.«
Rosa atmete tief durch. »Ich soll mich unverzüglich im Oakland Middle Harbor auf der USNSComfort melden. Verstanden.«
»Ausgezeichnet, Unteroffizier.« Die Verbindung wurde unterbrochen.
Rosa widerstand dem Impuls, das Handy gegen die Windschutzscheibe zu schmettern. Sie fluchte leise. Der Rettungswagen hatte Pacific Heights erreicht. Sie wandte sich nach Norden, schaltete das Blaulicht aus und fuhr zum Haus ihrer Mutter. Als die Scheinwerfer die Szenerie erhellten, wurde sie langsamer.
Fahrbahn und Gehwege waren mit Koffern, Kleidung und Kartons übersät. Ein einziges Auto parkte am Straßenrand, wo es normalerweise schwer war, einen Parkplatz zu finden. Die gepflegten dreistöckigen Häuser waren hell erleuchtet, doch hinter keinem der Fenster war eine Bewegung zu erkennen.
Rosa hielt vor dem Haus ihrer Mutter, stieg aus und schob die Automatikpistole hinter den Hosenbund. In der Ferne hörte sie Sirenen und Helikopterknattern, doch hier war es ruhig. Sie stieg die Treppe hoch. Die Haustür stand offen, auf dem Küchentisch lag eine Nachricht.
Rosa,
die Army bringt uns mit Trucks vor den Unruhen in Sicherheit. Wir fahren nach Presidio und sollten bald wieder zu Hause sein. Mein Handy geht nicht, habe vergessen, es zu laden. Ich rufe dich bald an.
Alles Liebe, Mom
Rosa trat wieder auf die Straße und hielt auf dem Gehweg an, als sie einen Soldaten bemerkte, der vor dem Kühlergrill stand, die Arme schlaff herabhängend, von einer Seite zur anderen schwankend. Er trug keine Waffe und keinen Helm, und im Scheinwerferlicht sah sie, dass er an einer Hand statt der Finger nur abgekaute Stummel hatte. Seine Uniform war verkohlt, und trotz der Entfernung roch er verbrannt.
Der Soldat hob den Kopf, seine leeren Augen funkelten im Scheinwerferlicht. Er gab einen klagenden Laut von sich und setzte sich in Bewegung. Er bewegte sich ähnlich wie die Personen an der Einsatzstelle, an der Jimmy ums Leben gekommen war. Das Wort Seuche kam ihr in den Sinn. Rosa lief nach rechts, der Soldat schwenkte herum und wollte ihr folgen, geriet am Bordstein aber ins Stolpern. Als sie genügend Abstand hatte, zog Rosa die Automatik, nahm Schusshaltung ein und packte die Waffe mit beiden Händen. »Halten Sie Abstand.«
Der Soldat stöhnte und ging weiter.
Rosa feuerte zweimal und traf ihn im Bauch. Der Mann zuckte, hielt aber nicht an. Sie feuerte erneut und zielte diesmal auf sein Herz, doch der Soldat taumelte weiter, noch schneller als zuvor. Er hob die Arme und fauchte.
Panzerweste, dachte sie, hob die Waffe weiter an und schoss ihm ins Gesicht. Der Soldat brach zusammen und regte sich nicht mehr. Kurz darauf saß Rosa wieder im Rettungswagen und fuhr auf der Divisidero Street Richtung Norden. Dies war der kürzeste Weg zum Armeestützpunkt am Presidio Park. Was immer vor sich ging, sie hatte nicht die Absicht, ihre Mutter einem provisorischen Flüchtlingslager anzuvertrauen.
Vier Straßenblocks weiter begriff sie, dass ihre Überlegungen hinfällig waren.
Der Konvoi der vier Army-Trucks und der Humvee-Eskorte hatte auf einer Kreuzung gehalten. Drei der großen Fahrzeuge brannten und hüllten die Gegend in ein gespenstisches orangefarbenes Licht. Ein Dutzend Tote lagen auf der Fahrbahn inmitten von Patronenhülsen, welche die tanzenden Flammen reflektierten. Weitere verkohlte Gestalten mit fehlenden Gliedmaßen und tödlichen Verletzungen taumelten über die Straße.
Andere torkelten auf der Ladefläche eines brennenden Trucks umher.
Eine Person fiel heraus und landete auf der Fahrbahn. Haar und Kleidung brannten lichterloh, die versengte Haut warf Blasen. Das Wesen kroch zum Rettungswagen und hob den Kopf, aufgrund der Hitze schälten sich die Lippen von den Zähnen. Als es die Hand ausstreckte, erkannte Rosa das silberne Armband, das ihre Mutter nie mehr abgelegt hatte, seit sie es von ihrer fünfzehnjährigen Tochter geschenkt bekommen hatte.
Rosas Wohnung lag nur sechs Straßenblocks vom Haus ihrer Mutter entfernt, und als sie dort ankam, hatte sie sich beinahe erfolgreich eingeredet, dass die Person, die aus dem Truck gestürzt und brennend über die Fahrbahn gekrochen war, nicht Marta Escobedo gewesen war. Es konnte nicht sein. Es hätte bedeutet, dass Rosa weggefahren war, ohne wenigstens zu versuchen, ihr zu helfen, und sie hätte ihre Mutter niemals im Stich gelassen. Dies hatte sie der Arbeit an der Stange im Glass Slipper Gentlemen’s Club zu verdanken: die Fähigkeit, die unangenehmen Aspekte des Lebens, die lüsternen Gesichter und die Angebote der Betrunkenen vom Bühnenrand zu verdrängen und die Scham abzuschütteln, die sie jedes Mal empfand, wenn sie tanzte.
Auch in dieser Gegend war es ruhig, die Straßen und Gehwege waren menschenleer. Rosa ließ den Motor an, als sie hineinging. Es gab keine Mitbewohnerin, die sie hätte stören können, denn sie lebte allein. Sie zog sich rasch um: blaue Tarnuniform und Kappe, Kampfstiefel, die Abzeichen der Navy-Sanitäterin am Kragenspiegel. Der Seesack war bereits gepackt und wartete im Schrank, gefüllt mit Wäsche und Kulturbeutel. Minuten später saß sie wieder im Wagen. Sie hatte darauf verzichtet, die Haustür abzuschließen, denn sie rechnete nicht damit, hierher zurückzukehren.
Rosas Toyota Corolla Baujahr 2007 stand in einer kleinen Garage hinter der Wohnung, doch sie ließ ihn stehen. Das Blaulicht und die Sirene des Rettungswagens würden sie leichter an eventuellen Hindernissen vorbeibringen. Sie fuhr zurück in die Stadt, auf die Bay Bridge zu.
Die Radiosender brachten ständig Nachrichten, in denen von Unruhen und Plünderungen die Rede war, und es wurde von bestialischen Überfällen in der ganzen Stadt berichtet. Polizeisprecher versicherten der Öffentlichkeit, sie hätten die Lage unter Kontrolle, doch als Rosa gegen Mitternacht durch das Zentrum von San Francisco fuhr, stellte sie fest, dass dies nicht der Wahrheit entsprach. Gebäude brannten, und niemand tauchte auf, um sie zu löschen; Streifenwagen rasten an Unfallstellen vorbei, während die Opfer ihnen benommen hinterherwinkten; Plünderer waren unterwegs. Kleine und bisweilen auch größere Gruppen schlugen Schaufenster ein, brachen Türen auf und entschwanden mit der Beute in der Dunkelheit der Nacht.
Irgendwann musste Rosa wegen eines weiteren Unfalls anhalten. Als sie nach einer Umfahrung Ausschau hielt, lief ein Halbwüchsiger mit einer Strickmütze auf den Rettungswagen zu, in beiden Händen je eine Sprühdose. Er kam vor der Windschutzscheibe rutschend zum Stehen, schüttelte die Dosen, wackelte mit der Zunge und rief etwas Unverständliches. Er schaffte es, eine rote Linie auf das Beifahrerfenster zu sprühen, dann lehnte Rosa sich mit der Automatik aus der Fahrertür und schoss vor seinen Füßen in den Asphalt. Der Typ jaulte wie ein getretener Hund und lief weg.
In der Nähe der Fell Street hielt sie wieder an. Diesmal wurde die Straße von einem Müllauto blockiert, der Fahrer hatte sich neben einem der Räder auf alle viere niedergelassen und übergab sich schluchzend. Der Reifen hatte einen jungen Mann überrollt und zerquetscht. Doch er bewegte sich noch, sein Mund ging auf und zu, und mit der einen Hand tastete er nach dem Hemdsärmel des Fahrers.
Der Fahrer bemerkte den Rettungswagen. »Helfen Sie ihm!«
Unwillkürlich langte Rosa zum Türgriff, um hinauszuspringen. Plötzlich fiel jemand von einem der Gebäude zur Rechten und krachte aufs Dach eines Nissan Altima. Die Scheiben barsten. Der Mann fiel aufs Straßenpflaster und kroch auf dem Bauch auf den Müllwagenfahrer zu. Zwei weitere Personen stürzten herab; die eine wurde auf dem Gehweg zerschmettert, die andere begrub den schluchzenden Fahrer unter sich und tötete ihn auf der Stelle.
Ihre Fähigkeit zur Gedankenabspaltung schaltete sich ein und verhinderte, dass sie sich mit dem Geschehen auseinandersetzte. Es war kindisch und dumm, mit Verdrängung auf eine gefährliche Realität zu reagieren, doch insgeheim wusste sie, dass alles andere in den Wahnsinn geführt hätte. Deshalb verschloss sie die Gedanken an Jimmy und ihre Mutter und das übrige Grauen dieser Nacht in einem Winkel ihres Bewusstseins und konzentrierte sich darauf, aus der Stadt hinauszugelangen. Sie würde sich in Oakland melden und mit Arbeit betäuben, würde in der festgefügten militärischen Ordnung aufgehen.
An der Auffahrt zum Highway 101, der sie zur Bay Bridge führen würde, bekam sie eine Lektion in Sicherheit und Ordnung erteilt. Der Verkehr staute sich in alle Richtungen, die Fahrzeuge hupten. Auf der Auffahrt rollte gerade ein M1-Kampfpanzer von einem Flachbettauflieger, davor errichteten Soldaten eine Sandsackbarrikade. An der rechten Seite richteten mehrere Feuerwehrleute im Schein des Blaulichts einen Hochdruckschlauch auf eine Gruppe von Leuten, welche die Brücke zu erreichen versuchten. An der linken Seite rollte ein Marine LAV-25, ein achträdriges Panzerfahrzeug mit kleinem Geschützturm und Bushmaster-Kettenkanone Kaliber 25 Millimeter, langsam auf die Straßensperre zu.
Ein Mann und eine Frau, beide blutverschmiert, torkelten davor umher. Das LAV überrollte sie, ohne langsamer zu werden, und zerquetschte sie mit seinen großen Rädern.
Rosa schaltete Blaulicht und Sirene ein in der Hoffnung, man würde ihr Platz machen, sodass sie sich durch eine weitere Straßensperre hindurchmogeln konnte. Die Fahrzeuge bewegten sich nicht von der Stelle, doch der Geschützturm des Panzers schwenkte in ihre Richtung, während er noch zurücksetzte, und richtete die riesige Mündung der 120-Millimeter-Kanone auf Rosas Windschutzscheibe.
Bei diesem Anblick hätte sie sich beinahe in die Hose gemacht, und sie schaltete eilig in den Rückwärtsgang, wendete und fuhr in der Richtung, aus der sie gekommen war, bis zur Mission Street. Dort wandte sie sich zum Wasser und zur Fähranlegestelle am Rand des Embarcadero.
Kurz nach eins fuhr sie auf den Parkplatz, ließ den Rettungswagen auf einer Brandschneise stehen, nahm den Seesack und eilte ins Gebäude. Überall waren Soldaten und Cops, und vom Hauptterminal ertönte der bereits wohlbekannte Lärm: Hilferufe und die Schmerzensschreie der Verwundeten. Der hohe Raum hallte wider vom Gebrüll und dem Stöhnen. Es roch nach Blut und Antiseptika.
Ein Mann in einer graugrünen Tarnuniform, mit struppigem Silberhaar und Arztkittel, sah Rosa sowie das Abzeichen an ihrem Kragen und zeigte auf sie. »Sanitäterin! Kommen Sie her!«
Rosa ließ den Seesack fallen und lief zu ihm.
2
»Wie lange waren Sie dort?«, fragte Xavier.
Rosa steuerte das Boot der Hafenpatrouille durch die Bucht. Die Scheibenwischer kämpften gegen den Regen an. Ihr Blick wanderte zwischen dem Bugfenster und der grünen Anzeige des Oberflächenradars hin und her. Es wunderte sie, dass sie sich dem Mann, dem sie eben erst begegnet war, geöffnet hatte. Er war Mitte vierzig, hatte kurzgeschorenes Haar, sein Oberkörper bildete ein V mit imponierenden Muskeln, und sein braunhäutiges Gesicht wurde von einer länglichen Narbe verunziert. Auf den ersten Blick wirkte er furchteinflößend. Die Sanftheit seiner Augen aber zog sie an. In gewisser Weise erinnerte er sie an Jimmy, der ein wirklich guter Zuhörer gewesen war und nicht nur ständig auf eine Gelegenheit zum Reden gewartet hatte wie die meisten Menschen. In seiner Nähe hatte sie das Gefühl, nichts sei wichtiger als das, was sie zu sagen hatte. Dieses Gefühl hatte ihr bislang nur ein einziger Mensch vermittelt – ihr geliebter Onkel, der Gott sei Dank gestorben war, bevor all das passiert war.
»Wochen«, antwortete sie. »Ich habe die Übersicht verloren. Die Tage verschmelzen miteinander.«
Sie dachte an das große Fährterminal, das in ein Traumazentrum umgewandelt worden war. »Es war ein Albtraum. Wir haben versucht zu helfen, aber gegen das Fieber ließ sich einfach nichts ausrichten. Jeder, der gebissen worden war, starb, ganz gleich, was wir unternahmen, und dann verwandelten sie sich. Alle. Wir haben Sanitäter und Ärzte an unsere eigenen Patienten verloren, ehe wir merkten, was los war.«
Xavier versuchte sich vorzustellen, was sie erlebt hatte. Sich das Grauen zu vergegenwärtigen fiel ihm leicht. Schwerer fiel ihm die Vorstellung, was sie durchgemacht hatte, ohne dass man es ihr anmerkte. Ihre psychischen Wunden waren verborgen, aber sie mussten vorhanden sein. Wie hätte es anders sein können?
Sie fuhr fort. »Eine Zeit lang exekutierten die Soldaten jeden, der gebissen worden war. Die Ärzte drehten durch und wollten, dass sie damit aufhörten, und ein Armeearzt bedrohte sie gar mit der Waffe. Um ein Haar wären wir uns im Terminal gegenseitig an die Gurgel gegangen. Aber es war sowieso egal. Wir konnten die Gebissenen nicht retten.«
Während das Boot die flachen Wellen durchteilte, hielt Rosa aufmerksam Ausschau und schilderte ihm das Grauen, das sie erlebt hatte. Xavier hörte nur zu; seine eigenen Erlebnisse behielt er für sich. Rosa berichtete von Menschen in Schutzanzügen, von Soldaten, die Plünderer erschossen, von brennenden Gebäuden und explodierenden Fahrzeugen, von einem Helikopter, der plötzlich vom Himmel stürzte und irgendwo in Telegraph Hill aufprallte und dessen Feuerball über die Dächer aufstieg. Sie erzählte vom Exodus der Schiffe und kleineren Boote aus der San Francisco Bay und ihrem Versuch, vom Dach des Fährterminals aus Funkkontakt mit ihnen herzustellen. Keines der Boote aber hatte sie abgeholt.
Rosa berichtete von den Toten, die bisweilen zu Tausenden durch die Straßen schwärmten und unerbittlich gegen das Terminal anbrandeten, während die Soldaten aus allen Türen und Fenstern feuerten, sodass sie schon meinte, das Knallen werde niemals aufhören. Dann wieder verschwanden die Toten, ohne dass die verbarrikadierten Überlebenden gewusst hätten, wo sie abgeblieben waren. Sie schilderte den unheimlichen Anblick ihrer Silhouetten, die sich durch den Nebel bewegten, ihr einsames Stöhnen, das durch leere Straßen hallte.
Ihre Wangen waren inzwischen nass von Tränen, und Xavier legte ihr seine große Hand auf die Schulter. Sie schüttelte sie nicht ab. »Mit der Zeit wurden die Leute im Terminal immer weniger«, sagte sie. »Bei den Angriffen gab es natürlich Tote. Und wenn die Straßen frei waren, zogen die Cops und Soldaten los, um nach Vorräten und Überlebenden zu suchen. Die meisten kehrten nicht zurück. Die Ärzte machten sich bei Nacht davon und nahmen Nahrung und Waffen mit.« Sie wischte sich die Augen. »Aber nicht der ältere Arzt, der mich anfangs gebeten hatte, ihm zu helfen, und der die anderen Soldaten mit der Waffe bedroht hatte. Er war Colonel. Der hat sich nicht weggeschlichen. In einer Besenkammer hat er sich die Pistole in den Mund gesteckt und dafür gesorgt, dass er nicht wiederkehrt.«
Ihre Stimme bebte, doch sie kämpfte gegen die Tränen an. »Nach einer Weile waren nur noch eine Handvoll Leute übrig.« Sie wies mit dem Kinn auf das schwangere Paar und Darius. »Es gab auch kaum noch Patienten. Wenn sie sich verwandelten, habe ich mich um sie gekümmert.«
Rosa schwieg eine Weile, und da waren nur das Brummen des Motors und das flüsternde Trommeln des Wassers auf Fiberglas. Xavier blickte auf die Bucht hinaus und schämte sich auf einmal dafür, dass er sich in den vergangenen Wochen selbst bemitleidet hatte, als wäre er der Einzige, der diesen Albtraum durchlebte.
Das Gesicht der jungen Frau hellte sich unvermittelt auf. »Einer meiner Patienten war ein Cop, ein berittener Officer oder wie man das nennt. Er und seine Einheit waren auf Patrouille und trafen auf eine Horde von Toten. Er bekam Fieber, wies alle Symptome auf, aber zu dem Zeitpunkt ließen die Ärzte Tötungen erst dann zu, wenn die Leute sich verwandelt hatten.«
»Wenn er Fieber hatte«, fragte Xavier, »woher wissen Sie dann, was aus ihm geworden ist?«
Sie lächelte. »Weil er es geschafft hat! Er hat es überlebt. Die Ärzte sprachen von einem schwelenden Verlauf, wenn jemand, der gebissen worden war, überlebte. Meistens starben sie, aber es kam vor.«
Xavier überlegte. War das ein Anlass zur Hoffnung? Oder würde am Ende nur eine umso größere Enttäuschung stehen?
Rosa lachte. »Als er genesen war, hat er sich als Erstes nach seinem Pferd erkundigt, können Sie sich das vorstellen?« Ihr Lachen ging in Schluchzen über.
Xavier hielt sie fest umarmt. »Was wurde aus dem Officer?«
Nach einer Weile antwortete sie mit tonloser Stimme: »Als er wieder gehen konnte, zog er los. Hat gemeint, er wolle nach seiner Frau und den Kindern suchen. Er kam dreißig Meter weit, dann rissen sie ihn zu Boden.« Sie wandte sich ab, jedoch nicht ruckartig. »Sie haben ihn zerfleischt, und ich konnte nur tatenlos zusehen.«
Das Boot traf auf ein paar steilere Wellen und vollführte heftige Nickbewegungen. In der Windschutzscheibe wurde Alameda größer. Der Himmel war eine brodelnde Masse dunkelgrauer und schwarzer Wolken, der Regen wurde heftiger. Darius und dem schwangeren Paar wurde es zu viel, und da von dem Neuankömmling auf dem Boot anscheinend keine Gefahr ausging, zwängten sie sich zwischen Xavier und Rosa hindurch und stiegen in die kleine Bugkabine hinunter.
»Woher haben Sie das Boot?«, fragte Xavier und klopfte mit den Fingerknöcheln auf das Fiberglas.
»Wir haben es erst heute Morgen gefunden«, antwortete sie. »Es trieb in einer der Fährbuchten. Es war niemand an Bord. Da war bloß eine Menge Blut, aber der Tank war noch halb voll.« Sie zuckte mit den Achseln. »Ich schätze, meine seemännische Grundausbildung zahlt sich jetzt aus.«
Der Priester lächelte. »Zu meinem Glück. Nochmals danke.« Nachdem er Alden verloren hatte – den Lehrer mit dem Herzfehler, Xaviers letzter Freund auf Erden –, hatte er sich von Totenschwärmen in den Yachthafen von San Francisco drängen lassen. Die Toten waren ihm über einen schmalen Steg entgegengeschwärmt, und es hatte ganz danach ausgesehen, als würde er einen Montierhebel schwingend zu Boden gehen. Dann war Rosa mit dem Boot aufgetaucht und hatte ihm das Leben gerettet. Als er auf dem Deck stand, hatte Darius versucht, ihn zu erschießen, doch das Gewehr war ungeladen gewesen, und zu einem zweiten Schussversuch war es nicht gekommen.
»Dass wir Sie gefunden haben, war Zufall«, sagte Rosa achselzuckend. »Wir haben nach einer Treibstoffpumpe gesucht, und dann wollten wir nach San José fahren. Angeblich gibt es dort ein Flüchtlingszentrum.« Sie zeigte nach vorn. »Vermutlich ist das Gerücht nach einer Helikoptersichtung aufgekommen, was meinen Sie?«
»Kann schon sein.«
»Sind Sie wirklich Priester?« Sie hätte ihn gern nach der großen, furchteinflößenden Narbe gefragt, mit der er wie ein Bandenmitglied aussah, doch sie wollte nicht unhöflich sein und verkniff sich ein Lächeln. Auch wenn die Welt unterging, war Höflichkeit noch immer eine Tugend.
»Ja … ich glaube schon.« Als sie fragend eine Braue hob, sagte er: »Sind Sie wirklich eine Sanitäterin und Navy-Reservistin, die sich auf ein Medizinstudium vorbereitet und ihre Ausgaben mit exotischem Tanz finanziert?«
Sie lachte. »Da kommt wohl einiges zusammen. Sie klingen wie Jimmy. Er … war mein Kollege im Rettungswagen.« Rosa musterte ihn von der Seite. »Wollen Sie mir einen Vortrag halten, meine Art zu tanzen sei sündig und so weiter, Pater?«
»Belassen wir’s bei Xavier, okay? Es steht mir nicht zu, darüber zu urteilen, womit andere Menschen sich ihren Lebensunterhalt verdienen. Mich interessiert eher Ihre medizinische Ausbildung.« Er erzählte ihr, er sei als Marine in Somalia gewesen, und die Soldaten hätten größten Respekt vor den Sanitätern gehabt. Er verschwieg, dass er damals zwei Jungs erschossen hatte, die noch zu jung für die Grundschule gewesen waren. Sie waren mit AK-47 bewaffnet gewesen und hatten Xavier und dessen Kameraden töten wollen, deshalb hielten die meisten diese Tat für gerechtfertigt, doch für einen von Schuldgefühlen gequälten jungen Marine war das nur ein kleiner Trost. Seine Unfähigkeit, sich damit abzufinden, hatte das Ende seiner militärischen Laufbahn bedeutet.
Rosa erzählte ihm, sie sei mit ihrer Einheit ein Jahr lang im Irak gewesen, und obwohl weibliche Sanitäter nicht auf Patrouille durften und die Sanitätsstation in einem »sicheren« Gebiet lag, seien irgendwann Aufständische eingedrungen, und sie habe zusammen mit den Männern das Feuer erwidert.
»Hat die Navy Ihnen dafür die Kampfeinsatz-Bandschnalle verliehen?«
Sie nickte.
»Also semper fidelis – immer treu.« Das brachte sie zum Lächeln, und der Priester lächelte zurück. »Wollen Sie nicht wenigstens versuchen, mich Xavier zu nennen?«
»Das dürfte mir schwerfallen«, sagte sie. »Ich bin katholisch.«
Xavier nickte. »Strengen Sie sich an. Ich werde Sie Doc nennen, wenn’s Ihnen recht ist.«
»Klar«, sagte Rosa. Sie zeigte zum Ufer, ein dunkler Streifen vor dem Hintergrund der Unwetterwolken. »Der Heli ist an der Westseite der Insel runtergegangen, dort, wo die Flugstation der Navy liegt. Irgendwo vor uns befinden sich die Kais, an denen die Schiffe festgemacht haben und wo jetzt die Hornet liegt. Wir können dort anlegen und zu Fuß zum Flugfeld gehen.«
Xavier nickte. »Und die Toten?«
»Wenn die Lage unsicher ist, können wir am Ufer entlangfahren«, antwortete Rosa, »und vielleicht an irgendwelchen Felsen festmachen und uns zum Zaun durchkämpfen.«
»Klingt gut. Und wenn es zu viele sind …?«
»Dann schaffen wir unseren Arsch zurück aufs Boot«, sagte sie abschließend.
»Okay, Doc, was erwarten Sie von mir?«
»Sagen Sie Darius, er soll Ihnen das Gewehr und Ersatzmunition geben. Er soll’s mir nicht übel nehmen, aber das ist in den Händen eines ehemaligen Marine besser aufgehoben als bei einem Soziologieprofessor, der es nicht schafft, einen vor ihm auf dem Deck liegenden Mann zu töten«, sagte Rosa, womit sie auf den Moment anspielte, als Xavier aus dem kalten Wasser der Bucht an Bord geklettert war. Er hatte heftig gezittert, und Darius hatte geglaubt, er sei infiziert. Er hatte gezielt und gefeuert, aber nicht bedacht, dass dies seine letzte Patrone war. Xavier hatte ihm die Waffe abgenommen, und Rosa hatte über seine Selbstbeherrschung gestaunt, denn sie hatte erwartet, dass er den Professor zusammenschlagen und über Bord werfen würde. Sie zwinkerte, womit sie bewies, dass sie ihren Humor nicht verloren hatte. »Nach der Begegnung an Deck«, sagte sie, »dürfte er wohl keine Schwierigkeiten machen.«
So war es auch. Unter wortreichen Entschuldigungen gab er die Waffe und die halb volle Munitionsschachtel ab. Xavier lächelte ihn an und sagte, er solle sich entspannen, worauf Darius mit sichtlicher Erleichterung reagierte. Als der Priester wieder an Deck kam, zeigte Rosa zur Zehn-Uhr-Position.
»Allein sind wir jedenfalls nicht«, sagte sie.
Vor ihnen lag die Einfahrt der Hafenanlage. Die Silhouetten der stillgelegten Kreuzer und Zerstörer wurden überragt von der viel größeren USSHornet, einem Flugzeugträger aus dem Zweiten Weltkrieg, der inzwischen als Museum diente.
Von links näherte sich dicht am Ufer entlang ein Lastkahn der kleinen Bucht, der schwarze Dieselabgase ausspuckte. Wenn sie die momentane Geschwindigkeit beibehielten, würden beide Boote die Mündung der kleinen Bucht gleichzeitig erreichen. Auf dem Deck des Kahns drängten sich zahlreiche Menschen um einen blauen Truck. Sie alle blickten mit Waffen in Händen dem Patrouillenboot entgegen.
3
Evan Tucker lenkte den schwer beladenen Wartungskahn am Südrand der alten Navy-Flugbasis entlang und hielt am felsigen Ufer Ausschau nach einer geeigneten Stelle zum Anlegen. Er war fünfundzwanzig und gut aussehend, hatte blaue Augen und schwarzes Haar, das ihm bis zum Kragen reichte. Er trug eine ausgewaschene Jeans, Jeansjacke und Arbeitsstiefel und sah aus wie ein umherreisender Schriftsteller, der davon träumte, den großen amerikanischen Roman zu schreiben. In den Wochen seit dem Ausbruch der Seuche hatte er sich vom Vagabunden zum Anführer entwickelt.
Auf dem Deck hockten Calvin und die Family und suchten wie viele andere hinter dem gepanzerten Bearcat Schutz vor dem Regen. Calvin, ein typischer Hippie in den Fünfzigern, mit australischem Buschhut und schwer bewaffnet, hatte es bislang geschafft, die Family am Leben zu halten. Die Family war eine Mischung aus freigeistigen Verwandten und Freunden, die wie Zigeuner lebten. Da sie weniger als andere von modernen Annehmlichkeiten abhängig waren, konnten sie sich unter den veränderten Umständen besser behaupten.
Maya schmiegte sich an Evan an, den Kopf auf seine Schulter gelegt. Ihre schweigsame Nähe hatte eine beruhigende Wirkung auf ihn, genau das, was er brauchte. Sie war ein paar Jahre jünger als er, hatte langes, dunkles Haar und saphirblaue Augen. Maya war von Geburt an taubstumm, doch ihr und dem jungen Schriftsteller bereitete es keine Probleme, ihre Gefühle auszutauschen. Calvin, ihr Vater, billigte die Beziehung.
Das Boot schaukelte heftig, die Wellen trafen in regelmäßigen Abständen auf die rechte Seite des Rumpfs. Hier draußen herrschte raue See, der kräftige Wind überschüttete sie mit Regenböen, und Evan wurde daran erinnert, dass dieser lange, flache Kahn nur für ruhige Hafengewässer gebaut worden war. Er musste langsam fahren, damit sie nicht kenterten, und das wiederum verlängerte die gefährliche Fahrt und erhöhte die Wahrscheinlichkeit einer Katastrophe.
Obwohl die knappe Flucht vor der bösartigen Horde der wandelnden Toten vom Oakland Pier noch keine Stunde her war, kam es Evan so vor, als habe das alles in einem anderen Leben stattgefunden. Jetzt ging es allein darum, den Kahn auf Kurs zu halten, ein Kentern zu verhindern, durch die Fenster des Steuerhauses Ausschau zu halten und darum zu beten, dass am Ufer etwas anderes auftauchte als Felsen, Zaun und Unkraut.
Nach einer weiteren Stunde langsamen Tuckerns, als Evan vom Kampf mit dem Steuerruder bereits Arme, Schultern und Halsmuskeln schmerzten, tauchten in der Ferne Strukturen im Regen auf. Als der Kahn näher kam, stellte sich heraus, dass es sich um zwei große Betonpiers handelte, an denen graue Kriegsschiffe und ein alter Flugzeugträger festgemacht hatten. Evan lachte vor Erleichterung auf, und Maya umarmte ihn von hinten. Links von den Piers befand sich ein großes rechteckiges Hafenbecken, umgeben von einer Betonmauer. In der Nähe der Einfahrt schwamm eine Boje mit einem verrosteten gelben Schild und der Aufschrift WASSERFLUGZEUGE sowie einem Pfeil, der zum Becken wies. Evan drosselte den Motor noch mehr, während an Deck Rufe erklangen. Da der Panzerwagen ihm die Sicht verdeckte, konnte er nicht erkennen, was los war, doch dann tauchte Calvins Bruder Dane vor dem Fenster auf. Der blonde Pferdeschwanz reichte ihm bis weit in den Rücken, bewaffnet war er mit einem Repetiergewehr.
»Von rechts nähert sich ein Boot. Sieht aus wie ein Polizeiboot.«
»Seid vorsichtig«, sagte Evan. »Ich fahre zum Hafenbecken.«
»Verstanden.« Dane verschwand.
Das Schaukeln ließ nach, als Evan die Boje passiert hatte und auf einen langgestreckten Kai zuhielt, der weniger verfallen wirkte als der Rest. Boote hatten keine angelegt. Um eine kleine Werft herum waren mehrere weiße Gebäude gruppiert. Das einzige Boot in Sicht war ein altes Charterboot in lausigem Zustand, das auf Metallständern aufgebockt war. Der Motor lag in Einzelteilen auf einem Sperrholztisch.
Dane tauchte wieder am Fenster auf. »Das ist eindeutig ein Polizeiboot, aber ich glaube, es sind keine Cops an Bord. An Deck sind nur ein paar Leute zu sehen, und sie haben angefangen zu winken. Sie fahren hinter uns her.«
»Behalte sie im Auge«, sagte Evan, der sich noch immer nicht ganz daran gewöhnt hatte, Befehle zu erteilen. »Und postiere ein paar Bewaffnete im Bug. Ich nähere mich dem Kai ganz langsam, und du musst mich warnen, wenn ihr irgendwelche Drifter seht. Ich will euch nicht zum zweiten Mal in eine Todesfalle steuern.«
»Calvin kümmert sich schon darum.« Dane verschwand wieder.
Evan musterte die Umgebung. Die alten Kriegsschiffe befanden sich jetzt weit rechts, und unmittelbar vor ihnen mündete eine Zugangsstraße auf den Kai. Verfallene gleichartige Gebäude, von denen die Farbe abblätterte, säumten die andere Straßenseite. Nichts bewegte sich, niemand rief. Das war aber nur ein schwacher Trost. Er dachte an den alten Zombie, der am Zaun gerüttelt hatte. Dieser Drifter war bestimmt nicht der einzige auf der Insel.
Er nahm das Gas weg und ließ das Boot auslaufen. Es prallte heftiger gegen den Kai als beabsichtigt. Mehrere Leute wurden umgeworfen, doch zum Glück stürzte keiner ins Wasser. Unter lautem Knirschen kam das Boot zum Stillstand, und der Steg erbebte und splitterte, während Evan fluchte, denn er fürchtete, die Holzkonstruktion zu zerlegen. Er wünschte, das Boot hätte eine Bremse gehabt, doch er konnte nur den Motor ausschalten. Die linke Bugseite prallte gegen einen massiven Holzpfeiler, und das Boot kam ruckartig zum Stillstand, was weiteres Geschrei auslöste. Mehrere Hippies machten das Boot fest, andere sprangen mit Gewehren bewaffnet auf den Steg und schwärmten aus, während Eltern ihren Kindern an Land halfen.
»Wir kümmern uns um den Bock!«, rief Dane zum Steuerhaus, worauf mehrere Männer die Harley Road King auf den Steg wuchteten. Ein anderer ging ein Stück voraus Richtung Land.
Carney, einer der beiden von San Quentin entflohenen Gefangenen, holte Evan ein und hielt ihn auf. Sie hatten bereits in Oakland kurz miteinander gesprochen. »Ich habe Ihren Namen nicht verstanden. Sind Sie der Anführer der Gruppe?«
Evan schüttelte den Kopf und deutete auf Calvin, der seiner Frau Faith und ihren Kindern half. »Ich bin Evan, bloß ein Mitläufer.« Er stellte Maya vor.
»Hm, ja.« Der Mann zeigte auf einen großen, muskulösen Wikinger von einem Mann, bedeckt mit Knasttätowierungen und mit langem blonden Haar, mit dem er sich jahrelang die Zelle geteilt hatte. »Das ist TC. Ich bin Carney.« Ihre letzte Daueradresse ließ er aus. »Wir werden den brauchen«, sagte er und deutete mit dem Daumen auf den Bearcat, dessen Motor im Leerlauf tuckerte.
Evan musterte erst den Truck und dann den schmalen Steg. Auf einmal kam er sich blöd vor. »Okay. Irgendwo muss hier eine Bootsrampe sein. Ich lasse den Kahn aufsetzen, dann könnt ihr runterfahren.« Er übersah die Aufschrift »CALIFORNIA D.O.C« auf der Seite des Trucks – Kalifornische Strafvollzugsbehörde.
Carney nickte und ging zum Truck zurück. TC lächelte den Schriftsteller an. Evan erwiderte das Lächeln nicht, ohne zu wissen, weshalb. Er half Maya an Land, dann löste er die Leinen.
»Ich komme mit«, sagte Calvin, der am Bug stand, die Hände entspannt auf das Sturmgewehr gelegt, das er an einem Riemen um den Hals trug. Regenwasser tropfte von der Krempe seines Buschhuts. Er hatte die Aufschrift des Trucks bemerkt und sie sogleich mit den beiden großen, tätowierten Männern in Verbindung gebracht. »Wenn diese Burschen ihren Willen durchsetzen wollen, solltest du besser nicht alleine sein.« Calvin sah nicht Evan an, sondern TC.
Das Lächeln des Häftlings gefror, ein unangenehmes Funkeln trat in seine Augen.
An der anderen Seite des Stegs hatten kurz nach dem Lastkahn Rosa und Xavier festgemacht. Das Anlegemanöver der Navy-Reservistin war reibungslos vonstattengegangen. Sie vertäuten gerade das Boot, während die Passagiere im strömenden Regen zu den Hippies eilten.
»Mir ist nicht ganz wohl dabei, das Boot ohne Bewachung zurückzulassen«, sagte Rosa leise, mit Blick auf die unerwarteten Gefährten.
»Nehmen Sie die Schlüssel mit«, sagte der Priester. »Wenn mit dem Helikopter alles klargeht, kommen wir eh nicht zurück.« Er hängte sich das Gewehr um und kletterte an Land. Rosa schulterte eine orangefarbene Nylontasche und folgte ihm.
Calvin bemerkte das aufgeprägte rote Kreuz auf ihrer Tasche. »He, sind Sie Ärztin?« Als Rosa mit den Achseln zuckte, zeigte er auf den gepanzerten Bearcat. »Da drin liegt ein schwerkrankes Mädchen. Könnten Sie mal nach ihr sehen?«
TC warf Calvin einen Blick zu, den der in der Fahrerkabine sitzende Carney bemerkte. Diesen Blick kannte er von seiner Zeit im Staatsgefängnis, und für die Person, dem er galt, bedeutete er nichts Gutes.
»Ich komme mit«, sagte Xavier und kletterte hinter Rosa auf den Kahn. Carney stieg aus der Fahrerkabine und geleitete sie zur Hecktür, öffnete sie und deutete auf die junge Frau, die gefesselt und geknebelt auf der Ladefläche lag. Calvin gesellte sich zu ihnen. Der Dieselmotor des Kahns kam auf Touren, und Evan legte vom Steg ab.
Die Sanitäterin sah ein Mädchen – eigentlich eine Frau, vermutlich unter zwanzig – auf dem Boden liegen, an Händen und Füßen gefesselt, der Mund zugeklebt. Bekleidet war sie mit einer Mischung aus Tarnanzug und Zivilklamotten. Rosa kletterte in den Wagen, hockte sich neben sie und vergewisserte sich, dass Knebel und Plastikfesseln intakt waren. Die Unruhe und der Schweiß waren typisch, und sie nahm die Hitze wahr, die von ihr ausstrahlte. »Wann wurde sie gebissen?«
»Ich glaube nicht, dass sie gebissen wurde«, sagte Carney. »Sie hatte Gehirnmasse und Blut im Gesicht, auch im Mund und in den Augen.«
»Keine Bisse?« Rosa streifte Gummihandschuhe über, packte eine Chirurgenschere aus und zerschnitt damit die Kleidung der jungen Frau. Bisswunden fand sie keine. »Wann war das?«
»Heute Morgen«, antwortete Carney. »In Oakland. Wir haben sie aus ’ner Kirche geholt, wo sie Scharfschützin gespielt hat.« Dann erinnerte er sich an die vielen Toten auf der Straße und ihre Treffsicherheit. Vielleicht hatte sie gar nicht gespielt. »Seitdem ist sie in diesem Zustand.«
Rosa sah auf die Uhr. Wegen der dunklen Wolken, die den letzten Rest Tageslicht verjagten, waren die Ziffern schwer zu erkennen, außerdem gab es auf der Ladefläche kein Deckenlicht, das sich einschaltete, wenn Türen geöffnet wurden. Es war ungefähr neun. »Hat sie sich übergeben?«
»Nicht dass ich wüsste«, antwortete Carney. Er blickte sich nach TC um, der jedoch nicht zu sehen war.
Rosa schüttelte den Kopf. »Das ist auch unwahrscheinlich. Hätte sie sich mit dem Knebel übergeben, wäre sie vermutlich erstickt.«
Carney sah wieder in den Wagen. »Sie ist krank, sie hat bestimmt das Virus.« Er zeigte auf sie. »Der Knebel bleibt, wo er ist.«
»Nichts dagegen«, sagte Rosa. Sie hob beide Lider der jungen Frau an. Das rechte Auge war klar, der Augapfel weiß, das linke wies eine milchige, gelbliche Farbe auf. Beide Pupillen waren vergrößert und bläulich getrübt, als wäre sie am Star erkrankt. Sie nahm eine Decke von einem Karton Erdnussbutter und legte sie auf das Mädchen. »In zwölf bis fünfzehn Stunden wissen wir mehr«, sagte sie und kletterte wieder nach draußen. »Wir sollten sie im Auge behalten. Wenn sie anfängt, sich zu übergeben, müssen wir ihr den Knebel abnehmen und die Atemwege freilegen.«
Carney schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Ahnung, wieso ich sie überhaupt mitgenommen habe. Sie wird sich verwandeln. Also, was soll’s?«
»Doc, was werden wir in zwölf bis fünfzehn Stunden wissen?«, fragte Xavier.
»Ob sie durchkommt«, antwortete Rosa. »Es könnte sich um den schwelenden Verlauf handeln, den ich erwähnt habe, hervorgerufen durch infizierte Körperflüssigkeit anstatt durch einen Biss. Binnen vierundzwanzig Stunden erholt sich der Betroffene, oder er stirbt.«
Niemand sagte etwas, und das Boot schaukelte kaum merklich.
»Sie meinen, es könnte sein, dass sie überlebt«, sagte Carney. »Wie stehen ihre Chancen?«
Rosa hob die Schultern. »Nicht gut. Ich hatte nur mit wenigen Fällen zu tun, und davon hat einer überlebt.« Sie blickte zum Mädchen. »Ich bleibe bei ihr, wenn’s Ihnen recht ist.«
Carney nickte.
»Wie heißt sie?«
»Keine Ahnung«, antwortete Carney und ging am Truck entlang. Der Priester, die Sanitäterin und der Hippie wechselten Blicke, dann stellten sie sich einander vor. Calvin berichtete ihnen von der Odyssee nach Oakland und wie Evan zu ihnen gestoßen war. Xavier mochte Calvin auf Anhieb und fühlte sich zu dem umgänglichen, selbstsicheren Mann hingezogen. Er war jemand, von dem die Menschen Antworten und Führung erwarteten, und der Priester vermutete, dass es gut war, einen wie ihn in einer solchen Krise zur Seite zu haben.
Nach wenigen Minuten hatten sie eine Bootsrampe erreicht. »Ich lege an!«, rief Evan aus dem Steuerhaus. Dann erbebte das Boot auch schon und rutschte auf die geneigte Betonfläche. Carney fuhr mit dem Bearcat, den sie aus dem Gefängnis entwendet hatten, auf die Zugangsstraße neben der Lagune.
Kurz darauf stieß die große Hippiefamilie zu ihnen, nachdem sie die Verkaufsautomaten für Snacks und Erfrischungsgetränke an der Wartungsstation für Yachten aufgebrochen hatten. Ein bärtiger junger Mann namens Mercury schob Evans Harley neben den Bearcat, während Xavier und Rosa sich der Gruppe anschlossen. Kurz darauf tauchte auch Carney auf, doch TC blieb im Truck. Sie musterten aufmerksam die leeren Gebäude. Unter dem Regenhimmel dunkelte es rasch.
»Wenn mich mein Orientierungssinn nicht trügt«, sagte Evan, »ist der Helikopter dort drüben gelandet.« Er zeigte nach Nordosten, zur anderen Seite der Lagune. Dort waren Lagerhäuser und Hangars in grauen Reihen angeordnet, manche durch Straßen voneinander getrennt. Alle Fenster waren dunkel.
Rosa nickte. »Der Flugplatz liegt dort hinten.« Als mehrere Leute sie ansahen, sagte sie: »Ich komme aus San Francisco und bin in der Navy. Hier war ich noch nie, aber die Anlage ist nicht geheim. Und sie ist groß. Wenn wir heute noch nachsehen wollen, sollten wir gleich aufbrechen. Es wird dunkel.«
»Vielleicht sollten wir bis morgen warten«, schlug Faith vor, die ihre beiden zehn- und zwölfjährigen Söhne an den Händen hielt. »Bei Nacht sind wir nie unterwegs.« Ihr von den Jahren auf der Straße geprägtes Gesicht, normalerweise freundlich und einladend, wirkte angespannt und besorgt.
»Das macht niemand gern«, meinte Evan und blickte in die Runde. Alle schüttelten den Kopf. »Aber sollen wir das Risiko eingehen, dass der Helikopter wieder verschwindet, bevor wir ihn erreichen?« Erneutes Kopfschütteln.
»Er hat recht«, sagte Calvin. »Wir bleiben dicht beieinander, die Waffe in der Hand.« Der Hippie blickte Carney an. »Kommen Sie mit?«
Nach kurzem Zögern nickte Carney.
»Vielleicht könnten Sie langsam vor uns herfahren und das Gelände ausleuchten?«
Ein weiteres Kopfnicken.
Calvin zeigte sich zufrieden. »Habe gesehen, dass Sie über eine Menge Feuerkraft verfügen. Wenn Sie die Waffen verteilen würden …«
»Wir sind noch keine Trinkkumpane«, entgegnete der Sträfling und schürzte die Lippen. »Sagen Sie Ihren Leuten, sie sollen sich dicht beim Truck halten, dann sehen wir, was passiert.«
»Ich fahre voraus«, sagte Evan und stieg mit Marla auf die Harley. Xavier und Rosa gingen zum Heck des Bearcat, und ein paar Minuten später rückte die Gruppe langsam in den verlassenen Marinestützpunkt vor. Die Heckleuchte und das Knattern von Evans Road King verschwanden in der Abenddämmerung.
In der Fahrerkabine des rumpelnden Bearcat blickte Carney seinen Zellenkumpan an. TC grinste ihn bloß an, pflanzte die Stiefel aufs Armaturenbrett und öffnete eine Dose Red Bull.
4
Der Marinestützpunkt Alameda – der jetzt Alameda Point genannt wurde – war 1997 geschlossen worden. Davor waren auf dem 1000 Hektar großen Gelände Marineflugzeuge und Schiffe der Pazifikflotte stationiert gewesen. Es gab ein Straßennetz von fünfzig Kilometern Länge und dreihundert Gebäude, darunter Hangars, Werkstätten und Kasernen, Verwaltungsgebäude und Häuser für die Unterbringung der Familien sowie die dazugehörige Infrastruktur: Geschäfte, Kinos, Friseurläden, Esslokale, Wäschereien und Freizeitzentren.
Nach der Schließung hatte es mehrere Versuche mit Wohnbebauung gegeben. Schließlich gab es hier, mitten in einem dicht besiedelten Gebiet, unerschlossene Grundstücke am Meer. Jedes Mal hatten sich die Finanziers wieder zurückgezogen – oder waren darum gebeten worden –, deshalb war das Gelände geprägt von Verfall und unvollständigen Abrissaktionen. Noch immer war schweres Gerät neben Haufen von Kies und zerbrochenen Ziegelsteinen abgestellt. Die Umnutzung des Stützpunkts war auf zahlreiche Schwierigkeiten gestoßen. Es gab Probleme mit verseuchtem Boden und verschmutztem Grundwasser. Bei einer Deponie in der südwestlichen Ecke war man auf PCBs gestoßen, deren Beseitigung gewaltige Investitionskosten erfordert hätte. Des Weiteren gab es Bedenken wegen möglicher Überflutungen und Gefährdung der Tierwelt sowie diverse juristische Probleme. Bestehende Pachtverträge waren zu berücksichtigen, und ein hartnäckiger Geschichtsverein hatte teure Anwälte engagiert und war entschlossen gewesen, keinen Zentimeter zu weichen. Das Museum der Marineluftwaffe, das auch den Flugzeugträger Hornet aus dem Zweiten Weltkrieg zu seinem Bestand zählte, hatte sich bei dem Versuch, das wertvolle Gelände einer neuen Nutzung zuzuführen, als würdiger Gegner erwiesen.
Ganz verlassen war der alte Stützpunkt nicht. In einigen Gebäuden waren Fitnessclubs, Designstudios, Tech-Firmen, Auktionshäuser oder Nachtclubs untergebracht, darunter auch die Ausbildungsstätte der Feuerwehr von Alameda. Mehrere Realityshows wie Angies Waffenschmiede wurden auf den alten Startbahnen gedreht, da man hier ungehindert mit Schusswaffen hantieren konnte. Für einen Kinofilm hatte man einen Flugzeugabsturz inszeniert. Ein anderes Filmstudio hatte einen Kreiskurs rund um das Flugfeld gebaut, um eine Verfolgungsjagd zu drehen.
Die meisten der dreihundert Gebäude aber standen leer und verfielen in der salzigen Meeresluft. Die höhlenartigen Hangars beherbergten Tauben und Seemöwen; zwei- und dreistöckige Kasernen waren umgeben von braunem Rasen, aus den Rissen in den Gehwegen und im Asphalt wuchs Unkraut. Vandalen hatten Fenster eingeworfen und die einstmals schmucklosen, gleichartigen Gebäude mit Graffiti beschmiert.
Als das Gelände noch als Marinestützpunkt diente, war es eingezäunt gewesen und der Zaun bewacht worden. Jetzt, Jahrzehnte nach der Schließung, war der Zaun vielerorts beschädigt; Neugierige hatten ihn zerschnitten oder beiseitegezogen, an anderen Stellen war er verrostet und zusammengesackt, oder Bulldozer und Schuttlaster hatten ihn niedergewalzt. Die Straßen, die zu den Wohnhäusern führten, waren abgesperrt, und auf den Schildern stand »Keine Durchfahrt«.
Das Gelände des Marinestützpunkts Alameda war nicht sicher. Trotz der abgeschiedenen Lage gab es auch hier Tote.
Calvin und dessen Gruppe folgten in dichtem Pulk dem Bearcat, der langsam durch die abendlichen Straßen fuhr. Sie hielten nur einmal an, als sie auf drei Anhänger stießen, die, beladen mit Rasenmähern und Werkzeug, am Straßenrand standen. Sie sammelten ein, was sie brauchen konnten: Spaten, Heckenscheren, Handsägen und Sicheln. In ihrer abgerissenen Kleidung glichen sie mit diesen primitiven Waffen einem mittelalterlichen Heerhaufen, der hinter einer Belagerungsmaschine in den Krieg zog.
Auf der Ladefläche des Trucks saß Xavier auf einer Bank und beobachtete Rosa, die neben der infizierten jungen Frau kniete, ihr mit einem feuchten Tuch die Stirn kühlte und hin und wieder ihren Puls maß. Er hätte für das Mädchen beten sollen, doch das tat er nicht. Er hatte Rosa gesagt, er sei Priester, aber stimmte das wirklich? Als er dem sterbenden Alden beistand, hatte er gedacht, er sei vielleicht doch nicht vom Glauben abgefallen und könne zurückgewinnen, was er verloren hatte. Als der Tote ihn in San Francisco auf dem Kai bedrängte, hatte er gebetet, aber bedeutete das etwas? Oder war es bloß ein Reflex, eine Angewohnheit? Er hatte keine umwerfende Offenbarung erlebt, hatte nicht gespürt, wie Gott in sein Leben zurückgekehrt war. Als Rosa das Patrouillenboot an den Kai von Alameda steuerte, hatte er mit angelegtem Gewehr bereitgestanden, nicht, weil er sich vor den Toten, sondern vor den bewaffneten Fremden fürchtete, die vor ihnen mit dem Boot angelegt hatten – vor seinen Mitmenschen.
Nein, er war kein Priester. Und jetzt war er auch noch ein Lügner.
Er fragte sich, was sie mit dem am Boden liegenden Mädchen machen sollten. Wahrscheinlich würde sie sich verwandeln, und man müsste sich ihrer entledigen. Wer würde es tun? Wäre er dazu imstande? Nicht, solange es Hoffnung gab, Gottes Gnade zurückzuerlangen. Er machte sich außerdem Gedanken über die Männer in der Fahrerkabine. Sie kamen ihm nicht wie Vollzugsbeamte vor. Vermutlich waren sie irgendwo auf den Van gestoßen, hatten ihn sich unter den Nagel gerissen und unterwegs mit Beutegut beladen. Sie hatten eine harte, gefährliche Ausstrahlung, die ihm bekannt vorkam, und er vermutete, dass das Panzerfahrzeug und die beiden Männer vom selben Ort kamen. Sie würden ein Auge auf sie haben müssen.
