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Eine ländliche Gegend unweit der Stadt Klausenburg. Seit 1920 gehört die frühere ungarische Provinz zu Rumänien. Ende der 40er Jahre soll Schluss sein mit Elend und Rückständigkeit. Die bäuerliche Wirtschaft wird nach sowjetischem Vorbild kollektiviert, Dörfer und Siedlungen plattgemacht.
Vilmos, ein nachdenklicher, belesener Gärtner, der Rosen liebt und den die Frauen mögen, macht im Stalinismus Karriere, halb gegen seinen Willen. Aus seinem wilden Garten wird ein Versuchsgelände für Obstsorten und international wettbewerbsfähige Rosenzüchtungen, die dem isolierten Ostblockland Anerkennung verschaffen sollen.
Die Geschichte wird von vier Figuren erzählt – jede in ihrer unverwechselbaren Stimme geradezu physisch präsent. Da ist Kali, die junge Bäuerin, die ihrem prügelnden Mann davonläuft und als Dienstmädchen bei Vilmos lebt; da sind Annuska, eine 16-jährige Halbwaise, die sich in Vilmos verliebt, und ihre Schwester Eleonora, die ins Kloster geht und den politischen Säuberungen zum Opfer fällt.
Schweigen und erpresstes Geständnis, Lebensbeichte und Selbsterkenntnis, diese obsessiven, stockenden, eruptiven Redeformen machen den Reiz des Romans aus. Dank der sensationellen Übersetzung von Terézia Mora wird das neue Meisterwerk der ungarischen Gegenwartsliteratur auch auf Deutsch zum Ereignis.Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 1405
Veröffentlichungsjahr: 2022
Andrea Tompa
Omertà
Buch des Schweigens
Roman
Aus dem Ungarischen von Terézia Mora
Suhrkamp
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eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2022
Der vorliegende Text folgt der Erstausgabe, 2022.
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Umschlaggestaltung: Hermann Michels und Regina Göllner
Umschlagfoto: Regina Göllner
eISBN 978-3-518-77240-9
www.suhrkamp.de
Omertà
Buch des schweigens
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Informationen zum Buch
Cover
Titel
Impressum
Inhalt
Kalis Buch
Vilmos’ Buch
Annuschkas Buch
Eleonóras Buch
Orts- und Namensverzeichnis
Fußnoten
Informationen zum Buch
Da lang muss man gehen. Das weiß ich. Weil ich weiß schon lange, wo lang man muss. Wieviel hab ich immer daran gedacht! Ich hab mich nur nicht getraut. Man muss sich gut zureden, denn wenn nicht, dreht man am Ende noch um auf seinem großen Weg, just wenn man ihn gerade betreten will. Na, dann rede ich mir zu, hüa, Kali, auf geht’s, geh, wo du einen Weg siehst. Es ist dunkel, trotzdem. In die große Dunkelheit hinein, da musst du jetzt hin, und alles, was hier ist, schön zurücklassen für immer. In die ganzen Hügel hinein, da muss man gehen, das Auge sieht sie nicht, weil die Erde noch den Himmel berührt. Wie schön sie sich von weitem berühren.
Na, dann werd ich, die grüne Kali Szabó, wohl erzählen, es sollen alle hören. Meine Geschichte werde ich erzählen, weil die jetzt wohl beginnt. Aber heutzutag hört man den Geschichten nicht mehr so zu wie noch in der alten Zeit. Die Leut sind’s nicht mehr gewohnt, schönen Märchen und Istorien zu lauschen. Die Frauen und die Mädchen manchmal, wenn sie zusammensitzen, was zu tun, höchstens die hören noch hin. Und nur noch den Kindern erzählt man Märchen, und dann nicht mal mehr denen, wenn sie aus der Kindheit herausgewachsen sind. Dabei kannten bei uns manche Leut so schöne Märchen. Ich habe sie auch von meiner teuren Mutter gelernt, aber ich bin auch schon entwöhnt, weil keiner da war, um zuzuhören. Weil ein Märchen gibt es nur, wenn Zuhörer da sind. Der Priester predigt auch nicht nur der Maus in der Kirche. Na, besonders der Priester jetzt! Heutzutag mag man den Priester gar nicht mehr!
Aber ich kann nicht still sein. Ich muss immer reden. Weil wenn ich still bin, werde ich so traurig, dass es mich ankommt, in den Brunnen zu springen. Wie die arme Sári Juhos. Also entweder geh ich weg von hier oder ich spring in den Brunnen, ein anderes Märchen soll’s für mich nicht geben.
Und damit der Mensch nicht so allein ist, deshalb muss ich erzählen.
Weil mein Leben so geworden ist, dass keiner da war, um zuzuhören. Und ich hab mir dieses schlechte Leben selbst gemacht. Es kann aber sein, dass ich es jetzt wieder gut machen kann. Ich versuche es noch ein letztes Mal, und dann bleibt auch mir nur der Brunnen wie der kleinen Sári Juhos.
Man nennt mich Kali. Kali Szabó und mit ganzem Namen die grüne Kali Szabó. Weil wir im Dorf zwei sind mit dem Namen, und dann gibt man jedem einen Spitznamen. Und mich nennt man die grüne Kali, weil der Zaun bei unserem Haus in Forrószeg grün ist. Also, dass meinem Vater seine Sippe einen grünen Zaun hatte, aber das war dann zu Ende, weil ich nicht mehr dort wohne. Und ich gehe nahe bei uns aus dem Dorf hinaus, weil mir das näher ist, aber das erzähle ich, wenn die Zeit dafür ist. Die andere nennt man die lange Kali Szabó. Weil sie so lang ist wie ein Sommertag. Weil die Tage im Sommer so sind. So lang, dass sie nie ein Ende finden wollen, damit der Mensch endlich nach Hause kann vom Feld.
Aber jetzt liegt das ganze stinkende Dorf hinter mir. Ich verlasse es. Ich verlasse es wie nichts und dann kehre ich gleich ein, ins Dickicht der Lügen. Weil, wie ist der Mensch. Wenn er anfängt, von seinem eigenen Leben zu erzählen, und sich vom Pfad der Wahrheit entfernt, dann begibt er sich immer tiefer und tiefer in den dichten Wald mit seiner Lüge. Nur dass wir hier in der Heide nicht einen Funken von einem Wald haben, um das Auge zu erfreuen. Ich meine auch nicht einen echten Wald mit Bäumen. Weil ich schon am ersten Tag meines neuen Lebens mich verlaufe mit der Lüge. So ist meine Natur, seitdem ich ein kleines Mädchen war, lüge ich immer. Deswegen sagt man auch, die Märchen-Kali. Die grüne Märchen-Kali der Szabós. Weil ich nicht gleich sage, wenn mich einer fragt, warum ich fort bin, ich erfinde nur eine schöne Lüge und glaub sogar selber daran.
Ich muss noch nicht einmal bis Szamosfalva gekommen sein, schon denke ich mir aus, wohin ich schlafen gehen soll, wenn ich dort ankomme, wohin ich früh am Morgen losgegangen bin. In die Schätzestadt, dorthin gehe ich. Schätze, dass ich nicht lache! Schätze gibt’s für den, der als Herr und gnädiges Fräulein in ein Haus mit Etage geboren ist. Wer in der Hóstát und als Handwerkervolk geboren ist, für den ist sie ein Elend. Und ich weiß schon, als ich an der Scharfrichterbrücke bin, zu wem ich schlafen gehen soll. Bestimmt nicht ins Zentralhotel. Ich hab ein kleines Geld, ganz klein, und ich hab auch was zum Verkaufen mitgebracht. Weil wir Széker, wir können recht gut verkaufen, das ist ein Stolz von uns, dass wir verkaufen. Aber mit uns kann man nicht feilschen. Wir sagen den Preis und so ist der und gut. Aber man wird wohl nichts fürs Schlafen zahlen müssen, sowas hab ich noch nie gehört, dass wir Geld dafür gegeben haben, um irgendwo zu überschlafen.
Weil ich habe mir ausgedacht, dass ich zu meinem alten Herrn rausgehe, sie werden ja wohl erlauben, dass ich eine Nacht im Stroh liege. Was habe ich ihnen gedient, als ich noch ein Mädchen war. Was Mädchen! Ein Kind war ich da. Weil bei uns jedes Kind das Dienen anfängt, wenn es die zwölf Jahre erreicht hat. Weil die Széker haben den einen Stolz, wie gut wir dienen. Früher hat man das Kind auch schon hergegeben, als es noch kleiner war, acht oder neun. Uns erst mit zwölf. Ich geh zu meinem alten Bauern, ich denk mir, es ist schon spät, am Nachmittag, bis ich angekommen bin, da werden sie wohl wieder da sein vom Feld oder die kleine Sára, ihr Mädchen, ist wieder da vom Markt, wo sie verkaufen hingeht, weil hier ist jeden Tag Markt in der Stadt. Sonntags auch, am Tag des Herrn, der wird hier nicht so groß geehrt, dass keine Arbeit erlaubt wär. Melken muss man auch schon, es ist die Zeit, dass sie zu Hause sein müssen. So gehe ich über die Bahn hinaus, man nennt es Bulgarien-Siedlung, weil sie da draußen sind, noch ein ganzes Stück hinter der Bahn mit einem großen Garten, wo alle im Viertel Hóstáter sind. Mein Herr kommt auch da her. Ich kann’s schon sehen, die Bauern fahren mit den Fuhrwerken vom Feld nach Hause, fahren den vielen Kohl, die Rübchen, die Zwiebeln rein. Hier fahren sie eher mit Pferden, nicht wie wir mit Ochsen. Hier sind Ochsen nicht gewohnt. Pferde sind geschickter, tappen nicht so rum wie ein Ochse. Ich merk die Straße nicht so leicht, wie lang war ich schon nicht hier, ich erinner mich nicht gut, und jedes Haus ist so klein, nur der Garten ist so schrecklich groß. Ich geh rein, in die Straße, aber mir fallen schon die Beine ab, so weh tun sie, weil es noch dunkel war, als ich von zu Haus los bin. Dann endlich merk ich’s, ich erkenne es, weil an der Ecke das Wirtshaus ist, das Szathmári-Wirtshaus, das ist da immer noch. Das Tor steht auf bei ihnen, der Herr ist grad reingefahren, er ist nur woanders hergekommen, weil sie da auch einen Garten haben, in der unteren Gasse. Sein Weib geht grad nach hinten, bringt die Waschschüssel, den Lappen, sie ruft nur über die Schulter, als sie mich sieht:
»KommenS nicht herein, Tantchen, ist noch keine Melkzeit nicht, noch ne gute Stund, bis die Mülch fertig ist.«
Aber ich geh ihr nur hinterher, ein bisschen langsamer, um sie nicht zu erschrecken. Dann ruf ich hinein:
»Biri, Liebe, erkennst du mich nicht? Ich bin’s doch.«
Dreht sich um, schaut mich an, sagt:
»Ach, Liebe, sehenS, meine Augen sind so schlecht, aber ich weiß schon, Ihre Stimme ist’s, ich kenne Sie. Sagen Sie doch Ihren Namen.«
Und sie schaut wie ein Maulwurf, kneift die Augen zusammen, um mich besser zu sehen. Und dann kommt auch der Bauer und ich sag zu ihm:
»Guten Tag!«
Worauf meine Biri zu ihm sagt:
»SchauenS, mein Lieber, wer da ist!«
Der Hausherr schaut und sagt’s so:
»Du! Bist denn du nich’ die Tochter von der Kali Szabó? Weil deine Form ist gar so, und ich seh, du bist auch so stark wie deine Mutter, nur breiter. Komm mal näher her zum Furu bácsi[1] , ich kenn deine Mutter, die Kali, die dich hergeschickt hat.«
Und dann kommt er näher her und nimmt meine Schulter:
»Na, was sagst! Hast dich gut verwachsen, bist selber schon ne Frau. Schön bist auch wie deine Mutter.«
Und die Biri steht nur, macht große Augen, um mich zu sehen. Und sie kommt auch und fasst meine Hand an.
Da fang ich doch von Herzen an zu lachen. So sehr aus dem Herzen, dass es mir fast bricht. Das arme Herz weiß nicht, ob es sich freuen soll oder vor Kummer brechen. Weil ich so lange nicht mehr gelacht habe.
»Birike, meine Liebe, und lieber Herr, ich bin nicht die Tochter von der Kali Szabó, weil die hat weder eine Tochter noch einen Sohn. Ich bin es, dass Sie mich endlich erkennen, ich habe meine ganze Jugend hier gedient.«
»Du, Kali, du warst immer so eine schlaue Magd«, sagt daraufhin der Herr, »spiel nicht mit uns, wie du das immer mit deinen Märchen gemacht hast, weil ich kann mich erinnern, du hast’s gedreht und gewandt, wie du wolltest, wenn du dein Märchen angefangen hast. Wenn du wolltest, weinten wir, wenn nicht, lachten wir, aber jetzt spiele nicht, weil du bist keinen Deut älter geworden. Du schickst uns deine Tochter her und lügst, dass du die Kali Szabó bist. Na warte, wenn ich dich erwische, kriegst du’s wie noch als Magd.«
Aber da sehe ich schon, dass Sanyi bácsi nur Scherze macht, weil er mich schon längst erkannt hat, er will nur nicht zeigen, dass ich alt geworden bin, sondern spielt es verkehrt herum. Und die Biri umarmt mich schon und küsst mir das Gesicht und fängt zu weinen an.
»Du, Kali, du … ja, warum bist du nicht gekommen wie lange schon? Schämst du dich nicht, dass du nicht ein einziges Mal gekommen bist!«
Und dann umarmten wir uns und sie schimpfen mich aus, was ich alles bin, dass ich nie gekommen bin. Dabei haben sie so viel von mir gehört, weil sie nach mir auch ein Széker Mädchen hatten, nur jetzt haben sie eine aus Magyarlónya, na, bis man mit der auf einen grünen Zweig kommt, ihr alles beizubringen, ist die auch schon weg, um zu heiraten. Und wie die Widerworte geben, was die für ein hässliches Mundwerk haben. Aber da kommen schon zwei andere Frauen für die Milch ans Tor und wir stehen immer noch da und klagen uns und weinen vor Freude. Sanyi bácsi sagt auch, dass er jetzt geht und den Wagen entlädt und das Vieh wartet auch schon. Da frage ich sie, bevor sie ganz auseinandergegangen sind nach ihren Geschäften, ob ich hier im Heu überschlafen könnte. Weil ich herkommen musste und morgen was zu tun habe in der Stadt.
»Nichtsda«, sagt Biri und schüttelt den Kopf. Das fehlt noch. Ob ich mich nicht gleich zwischen die Schweine legen will. Die Magd geht raus und ich leg mich auf die Bank in der Küche. Und wieder fängt sie an, dass sie auch jetzt nicht daheim ist, so sind diese Mädchen aus Lóna, aber jetzt sind keine Széker Mädchen zu bekommen, die verlangen so viel, das kann sie nicht bezahlen. Jetzt hat sie sie auch grad ins Geschäft geschickt, meinst du, die wäre wieder da?
Ich frage Sanyi bácsi, ob’s möglich wär, ob ich melken soll? Worauf die Biri sagt, ach, ich bin doch bestimmt müde. Das stimmt schon, und wie, aber ich setz mich halt hin und melke für sie. Aber dich kennt diese Tükrös nicht und die Csárdás auch nicht, wie sollst du sie melken, und man braucht’s schnell, die Frauen kommen schon. Und dass die beiden so haglich sind, nicht wie die arme Fótos, das war vielleicht eine fromme Seele. Ich sage, dann stell ich mich denen vor, der Tükrös und der Csárdás, und ich geh auch hin und bringe ihnen ein bisschen Kohlblatt, weil ich sehe, dass da schon ein Korb voll saubergemacht ist für morgen für den Markt. Ist gut, sagt Biri, melke sie halt, Kali, Liebe, wenn du sie bändigst.
Wie gut es mir tat zu melken, wenn auch nicht meine eigenen. Hier beschmiert die Bäuerin den Euter mit Butter, auch wenn sie gelb ist, trotzdem ist es Butter. Nicht wie bei uns, mit ranzigem Speck. Nie verwässert sie die Milch, wenn sie sie verkauft, eine Schande wäre sowas für einen Hóstáter. Wenn einer erfährt, dass verwässert wurde, ist die Ehre der Hóstáter hin. Und dann sitze ich endlich, während ich melke, strecke das Kreuz, weil es so schmerzt, dass ich fast hin werde davon.
Bis alles gemacht ist, das Kleinvieh und der Markt vorbereitet für morgen, geh ich in die Küche und Biri tut schon die gute Polenta mit Quark auf, aber wie bei den Herren, mit Sauerrahm und Essigzwiebeln. So ist der Furu-Bauer immer mit mir umgegangen. Hat mir die Eingeweide rausgerissen bei der Arbeit, das ist wahr, aber einer aus der Hóstát sorgt gut für einen, gibt zu essen und nicht nur so ein bisschen, sondern macht einen geradewegs satt! Nichts ist ihm zu viel. Aber da arbeitet der Mensch dann auch wie ein afrikanischer Neger in der Sklaverei. Biri ist nur vier Jahre älter als ich, der Bauer hat sie hergeholt, als ihm die Frau gestorben ist. Und er zwei Waisen hatte. Der Sanyi bácsi war viel älter als Biri, und Biri ist ein armes Mädchen, hat nur ein kleines Stückchen Acker bekommen vor der Stadt, aber sie war ein gutes Mädchen, weil sie arbeiten konnte wie das beste Pferd. Und ich war dann mit der Biri wie die besten Freundinnen. Geschwister. Sie war gar nicht meine Herrin, sondern wie eine leibliche Schwester. Später habe ich sie noch einmal gesehen zur ungarischen Zeit, als wir zum Fest in die Schätzestadt gekommen sind, als der Miklós Horthy und die vielen feschen ungarischen Soldaten eingezogen sind. Alle Leut sind hereingekommen vom Dorf, weil bei uns ja die Landstraße nicht durchgeht, um ihn zu sehen. Und dann haben wir uns am Bahnhof getroffen, haben einander kaum erkannt, weil ihr Gewand auch so schön festlich war, was die Hóstáter nie tragen, nur zum Ernteball, ich hatte auch mein schönstes an, sogar mit Kranz auf dem Kopf, dabei haben wir den gar nicht in der Tracht, wir haben einen fürs Fest gekauft. Wie haben wir uns gefreut, als wir uns erkannt haben! Aber zu so einer Zeit freut sich der Mensch über alles, das Herz sprang einem raus, dass wieder ungarische Zeiten waren. Seitdem haben wir gar nichts mehr voneinander gewusst. Wir sind nicht reingekommen, weil man nach dem Krieg nichts mehr auf dem Markt verkaufen konnte, und mein Mann hat auch nicht erlaubt, dass ich verkaufe. Ich wusste schon, dass die Biri auch kein Kind bekommen hat, nur die zwei Waisen, die sie erzogen hat. Kann sein, die sind auch schon verheiratet, weil ich keins beim Haus sehe.
Da erzählt der Bauer Furu, dass das größere Kind hierher gegangen ist, nach Hidelve, hat einen guten Burschen abbekommen, hat nicht so ein großes Land, ist aber recht schaffig. Das kleinere hat nicht so viel Glück, hat nicht auf ihn gehört, ist in die andere Hóstát gegangen, hoch nach Borháncs, wo sie fremd ist, und muss das Feld der Schwiegermutter machen und ihr eigenes auch.
»Und du, du schlaue grüne Kali, was man sich alles über dich erzählt, wenn nur die Hälfte wahr wär, was?«, fragt Sanyi bácsi.
»Ja, was erzählt man sich denn, Sanyi bácsi? Weil ich kann das nicht wissen, mir erzählt man’s nicht.«
»Dass dein Mann kein Guter nicht ist.«
»Er ist nicht so gut, das stimmt, aber es gibt auch Schlechtere. Wer die Frau schlägt oder wer nur das Trinken und das Wirtshaus will. Oder wer nicht arbeitet. Meiner arbeitet. Ackert auch für seine Mutter, hilft seinem Geschwisterkind.«
Dann essen wir die feine, fettige Polenta.
»Er ist eingewiesen in die Klinik«, sage ich zu ihnen. »Mit Bauchspeicheldrüse. Muss morgen zu ihm rein, ihm eine Medizin besorgen. Kann sein, er wird operiert.«
»Na, du armes Weib«, sagt Sanyi bácsi. »Da kannst du die Kliniken ablaufen, die diebischen Ärzte ziehen dir das letzte Hemd aus. Jetzt, dass die Operation für alle umsonst ist, trotzdem muss man immer so viel hintragen.«
Und dann die Biri, ach weh, was könnte sie ihm schicken, meinem Manne, was kann der essen. Ein bisschen Topfen, gekochtes Gemüse, das soll ich mitnehmen, das schickt sie ihm. Er hat sie zwar nie gesehen, aber ich soll meinem Manne ausrichten: Wer so eine gute Frau hat, muss auf sie aufpassen. Der kann nicht so ein schlechter Mann sein, wer so eine Frau hat.
Nein, soll der Deiwel ihn doch holen.
Ich sage zur Biri: er braucht nichts, er bekommt alles da. Schleimiges Essen, weil er nur das essen darf. Aber die Biri lässt mich nicht, dass sie in der Früh zum Markt geht, sie packt’s mir jetzt ein, das kann nicht sein, dass ich es nicht mitnehme. Von dem, was sie ihm im Spital hinstoßen, davon kann man nicht gesund werden.
Danach erzählen wir uns noch was mit der Biri draußen auf der Bank. Sanyi bácsi legt sich früh hin, er steht schon um vier auf und geht raus aufs Feld. Sie ratscht nur und ratscht, ein Wort nach dem anderen. Weil die Klage ist so, wenn die einmal losläuft, wie ein Rinnsal, und wird immer nur größer, dass es gar stämmige Bäume mit sich nimmt, so ein großer Fluss wird das. Was sie alles gelitten hat für ein Kind.
Ich sag zu ihr, lass es, du hast zwei Waisen erzogen, das ist in den Augen des Herrgotts mehr wert als ein eigenes. Und sie fragt leise, ob mein Mann wirklich nicht so ein schlechter Mensch ist, weil sie hat gehört, dass er herumgeht mit einem Messer im Stiefelschaft, so geht er in die Kneipe. Ich sage ihr, er ist ein strenger Mensch, das ist wahr. Und auch knausrig, aber das heißt nur, dass er das Geld festhält. Aber so ein guter Mensch ist er nicht, sage ich leiser. Weil dann doch das Wort aus mir herausflutscht. Nicht so gut, und er schlägt auch zu, wenn er giftig wird. Kurz und gut, er ist ein Hund von einem Mensch. Ein Aas. Weil schließlich muss ich es auch jemandem sagen. Dann tröstet mich die Biri.
»Lass, teure Kali, lass es, mach ihn nicht giftig, schau immer, und jetzt besonders, weil er mit seiner Krankheit niederliegt. So sind die Männer. Werden giftig und schlagen zu. Mich hat mein Vater auch geschlagen. Für jede Kleinigkeit haben wir bekommen. Wenn ich mich mit der Arbeit beeilt habe, dann, weil ich schludere, wenn nicht, dann, weil ich faul bin. Hat mich geschlagen, aber er war auch gerecht. Hat mir nie was Schlechtes beigebracht. Hei, wie er meinen Bruder geprügelt hat, geschlagen, gedroschen. Er war noch klein, hat die neuen Schuhe zerrissen, weil er mit ihnen den Ball getreten hat. Und man durfte keinen Arzt rufen. Hat es nicht erlaubt. Dass das viel Geld ist. Die Mutter wollte ihn ins Krankenhaus bringen, hat ihn schon auf den Wagen gelegt. Er hat’s nicht gelassen. Aber man durfte nicht zurückschlagen. Man schlägt nicht zurück. Und man muss sich auch nicht wundern, dass mein Bruder uns verlassen hat. Er war schon so ein richtiger Bursche, sechzehn Jahr alt. Mein Vater hat ihn noch einmal gut verhauen, bevor er weg ist von zu Hause. Mit dem Stock. Und dann ist er nie mehr zurückgekommen. Ist Elektriker geworden, hat nie mehr ein Stück Land gemacht. Mir tut das gar nicht so sehr weh, dass er weg ist. Wenn der Mensch aus dem Haus herauswächst, geht er. Und mein Bruder arbeitet, hat ein schönes Leben. Der Vater hat gesagt, einem anderen zu dienen ist eine Schande, dass das Brot davon abhängt, ob einem ein anderer Arbeit gibt oder nicht gibt. Wir hier bitten keinen um was, hab ich recht? Wir machen das Land und alles ist da. Aber was wohl weh tut ist, dass er den Glauben verlassen hat. Und ist in eine Sekte rein. Ist jetzt Jehovist. Und er hat sich auch eine Frau genommen, die Jehovistin ist. Wie uns das schmerzt. Ich sag dir eins: nicht dass du auch gehst, Kali. Wenn er ein guter Mensch ist und nicht ins Wirtshaus geht, anständig arbeitet, musst du aufpassen, ihn nicht giftig machen, aber geh nur nicht weg. Nur ich hab so ein Glück mit dem Sanyi, weil dieser Sanyi Furu ist überall bekannt dafür, dass er so ein guter Mann ist.«
Dabei bin ich so zu meiner Biri gekommen, ich wollte ihr sagen, wie wir jetzt stehen. Wenigstens der Biri, um mich zu erleichtern. Nur als ich gesehen habe, wie sie mich bedauern und bang um mich sind, danach kam nichts mehr aus meinem Mund. Und ich hab auch schon gedacht, kann sein, ich müsste zurückgehen morgen ins große Haus. Also habe ich nichts gesagt, was wie war. Und blieb in meinem Märchen drin, dass ich ins Spital raufgekommen bin. Nur die Biri klagte immerzu:
»Mein Sanyi hat aber auch seinen Fehler. Einen Fehler muss jeder Lebende haben, hab ich recht? Weil die Rose hat auch ihre Dornen, egal wie duftig sie ist. Weil er das Geld so sehr liebt. Ist ganz verrückt nach dem Geld. Da schaut er sehr danach.«
Na, denke ich, wer würde das Geld nicht lieben. Jeder Mensch liebt es, wenn er’s hat, dann deshalb, wenn er’s nicht hat, dann umso mehr. Einen größeren Kummer soll kein Mensch haben.
»Aber dass du mir auch morgen kommst«, sagt sie, »und nimm den bisschen Topfen mit rein und das Gemüse, das gekochte Rübchen aus der Suppe, und hier sind Paradeiser und Paprika, hab sie grad gepflückt, schau, wie groß diese Paradeis ist. Wer davon nicht gesund wird, den bittet wohl der Herrgott zu sich.«
Und legt sie mir in meinen Sack. Ich wasche noch ab für sie, fein in zwei Kesseln, nicht wie zu Hause, aus dem Mund, dass ich das saubere Wasser aus meinem Mund auf das Geschirr lasse, gut genug für den dreckigen Menschen, so, aus meinem Mund. Dann bitte ich um eine Schüssel mit heißem Wasser, sage, nicht dass ich in die Klinik irgendeine Infektion von den Tieren reintrage. Aber dann wasch ich nur mich, und weiche die Füße ein. Weil sie mir schon abfallen. Ich kann nicht mehr treten, so sehr schmerzt’s mich an den Sohlen. Ich bitte auch um ein wenig Essig, für die Nacht mach ich mir ein Tuch mit Essig auf die Sohlen. Na, gleich bekomm ich das Essigtuch aufgelegt, weil so geht der Spruch. Das wäre gar nicht so ein großes Übel. Weil das bedeutet, das Essigtuch ist das bestickte Leichentuch. Dabei war das das Essigtuch für mich, was ich da bekommen habe in dem schrecklich großen Haus, solang ich da gelebt hab. Hab ihm zwanzig Jahre gegeben, dass er da liegen geblieben wäre im Graben, als er sich besoffen reingelegt hat. Warum hab ich solang gewartet, ich bin schon bald eine alte Frau.
Ich geh nicht in die Klinik, ich hab da keinen Menschen, und Gott bewahre, dass ich krank werde. Ich geh zum Dienstbotenmarkt, jawohl. Stell mich gut in der Früh hin. Verkaufe mich. Nichts hab ich mehr, ich kann nur mich selbst verkaufen, ich geh dienen. Der Bauer Furu kann noch so viel sagen, er sei sein eigener Herr, jeder Mensch dient. Der Hóstáter dient, selbst der König, wenn er ein guter König ist, muss dienen. Seinem Volk dienen, wie der König Matthias. Nur der schlechte König dient nicht. Aber seit dem König Matthias haben wir keinen guten ungarischen König mehr gehabt, damit er in die Märchen kommt und auch die Kinder von ihm lernen. Ach, was für Märchen ich über den König Matthias kann, wie ich die erzählen kann, aber wie! Aber wenn nun mal keiner zuhört!
Jetzt geh ich in die Stadt hinaus auf den Dienstbotenmarkt. Wie als ich klein war, als ich ein zwölf Jahre altes Mädchen war, vorher haben sie mich nicht gelassen. Und dann nahm mich die liebe Mutter und brachte mich zum Markt in die Schätzestadt. Sie sagt:
»Morgen nehm ich dich mit zum Verkaufen, du Kali. Ich tu dir fein den Binder rein und den Rock und verkauf dich als Kindermädchen. Oder neben die Kuh. Oder, kann sein, du kommst zum Zwiebelsetzen. Du bist schon ein großes Menscherl, passt schon aufs Feld.«
Am nächsten Tag sind wir rausgegangen. Ich war so froh, dass ich jetzt Brotverdienerin werde! Da standen sie schon morgens um vier, die vielen geschickten Széker Burschen und Mädchen, um sie an die Hóstáter zu verkaufen, und sie gingen weg wie warme Semmeln. In so kleinen runden Hüten die Burschen und in schönen weißen Kopftüchern die Mädchen. Ach, ich hab seit zweiundzwanzig Jahren nicht mehr gedient.
Na, jetzt nehm ich mich selber mit zum Verkaufen. Die teure Mutter, wenn sie’s wüsst. Sie wird’s schon noch erfahren, darauf muss man nicht warten. Nicht mal einen Tag braucht’s, und sie wird’s wissen, weil das Dorf so gut ist, zerreißt sich über alles das Maul.
Weil ich so von uns hierher in die Stadt gekommen bin, vierzig Kilometer zu Fuß.
Ich war schon vorbereitet auf diesen großen Weg, das war schon lange vorherbestimmt. Aber er ist nicht groß, weil es so viele Kilometer sind. Weil das nur einen Tag zu gehen ist. Sondern weil man sich doch aufrafft und dann sein Haus dalässt, wofür man so viel gelitten hat. Ein schrecklich großes Haus auf der Hauptstraße, in Felszeg, hätte ich es bloß nie von innen gesehen. Warum geht auch ein Mädchen aus Forrószeg nach Felszeg. Zu Zeiten meiner Mutter hätte man den Burschen noch ordentlich gestochen, wenn sie ein Felszeger hätte mitnehmen wollen. Aber ich habe es nur so angestiert mit großen Augen, dieses große, starke Haus, alle Seiten blau bemalt, zwei Fenster zur Straße, drei Fenster zur Laube, darunter ein großer Keller, schön hoch, vorne mit so einer großen Stube, dass wir danach immer Tanz darin gemacht haben. Der Hof war schäbig, als er mich als Frau dahin geholt hat, nicht eine einzige Blume da, nur Ställe, jedes Gebäude stark, genug Platz, soviel Tiere man nur will, man sieht’s, früher war hier ein großer Bauer, nur war jetzt hier keine Frau. Garten und Feld und alles.
Mein Vater sagte, ich soll nicht das Haus schauen, wenn es mich schon verlangt zu heiraten, sondern den Menschen. Aber, dachte ich, was ist schon Schlechtes an dem Menschen? Ein kleiner Mann, sagt auch kaum was, kann nicht mit so schönen Worten den Hof machen, er kommt nur immer, jeden Samstag, an den Hofierabenden, und sitzt hier. Zum Ball nimmt er mich nicht mit, kein einziges Mal gehen wir tanzen, er sitzt nur, bekommt Mehlspeise und Pálinka, redet wenig, auch das nur mit den Eltern. Nur wenn es dunkle Nacht ist, sitzen wir im Laubengang und er greift mir ins Fleisch. Aber dann so, so stark, dass mir die Brust weh tut, so sehr drückt er sie. Ich sag auch zu ihm, ich habe vor nichts Angst, aber er soll mich nicht so quetschen. Er sagt keine schönen Worte nicht. Er kann sich nur nicht beherrschen.
Dabei hätte ich denken können, dass diese zwei Leben nicht zu einer guten Stunde verbunden wurden. Weil als ich mit meinem Strauß zur Hochzeit raus bin zu unserem Tor, mit blauen Kornblumen war das geschmückt, da bin ich gestolpert. Und dieser Mensch sagte nichts, wie es Sitte gewesen wäre. Er hätte ausspucken müssen und mich durchs Tor heben, um zu zeigen, er steht immer neben seiner Frau, was an Übel auch kommen mag, wenn sie krank wird, er wird sie im Schoß halten. So ist die Sitte. Aber er hielt sie nicht ein. Wenn ich in dem Tor umgekehrt wär, hätt ich ein anderes Schicksal gehabt. Ich kehre um, sie werden ein bisschen zornig, sie streiten, na, sie schlagen mich auch, und dann ist es vergessen. Und dann mach ich mir ein anderes Schicksal.
Und eine meiner Jungfern war auch ordentlich verkühlt zur Hochzeit, hat gut dreimal geniest, als wir in der Kirche waren. Da konnte man nicht mehr hinausrennen. Und so ist mir diese enorm viele Zeit vergangen. Die reinste Verschwendung.
Na, aber jetzt hast du mir nichts mehr zu sagen, du Hund, dachte ich bei mir, weil keiner mehr da ist! Weil ich vor einem Jahr angefangen habe und die Gelder gesammelt. In meinen Rock hab ich innen eine Tasche genäht, da hab ich sie immer reingetan, damit er sie nicht findet. Einmal hat er’s gemerkt, hat’s alles weggenommen und mit einem Stock hat er mir so auf den Rücken gehauen, dass meine Mutter kalte Umschlag hat machen müssen. Na, du Hund! Und dann hab ich wieder angefangen zu sammeln, hab sie mit meinen Fingernägeln zusammengekratzt! Weil ich immer nur das Linnen gewebt hab und mitgenommen zum Verkauf, bin zu Fuß nach Bonchida, nach Szamosújvár, und einmal hab ich meiner Schwester was mitgegeben in die Stadt. Wenn auch das Linnen jetzt nichts einbringt. Und dann habe ich geheim an die jungen Mädchen verkauft, auch an das Filep-Mädchen, weil sie sich verheiraten wollte und sie hatten nicht genug Linnen, eine große Schande ist das für ein Mädchen, wenn sie nicht genug Linnen hat, was sie ins neue Haus mitnehmen kann. Weil das bedeutet, dass sie faul ist. Umsonst kann man Linnen im Geschäft kaufen, du musst es weben, armes Mädchen, wenn du heiraten willst. Weil so zeigt es sich, wer ein schaffiges Mädchen ist. Und ich habe auch einen Hanfsack gemacht, weil wir auch Hanf hatten im Csukás-See und auch im anderen neben der Planke, und ich habe den Alten auch beklaut, ja, ich hab geklaut. Sie haben die guten, starken Säcke in die Stadt gebracht und sogar die Hóstáter haben sie gekauft. Und ich hab auch mir ein Linnen reingelegt, im Dachboden hab ich im Sack zwei Hemden, das Leibchen, Fußlappen, ein Kopftuch, eine Schurz und meinen schönen Rock hochgehängt, und dann habe ich auch dreimal Wechselwäsche reingelegt. Der Ranzen für den Weg war schon fertig gepackt, als dieser Hund auch das gemerkt hat. Ging hoch für den Schnapsbrenner und hat’s gemerkt, dabei hab ich’s neben den großen Brottrog gehängt, weil man den nicht benutzen muss, so viel Brot brauchen wir nicht, weil wir nur zu zweit sind. Er wusste gleich, was ich will. Rannte zu meinem Vater, sagte, die Kali will davonlaufen. Aber vorher hat er mich noch ordentlich geschlagen. Der Knecht der Ungváris hat mich vom Boden des Hofs hochgehoben, er war grad unterwegs vom Feld nach Haus, und ich hab gerufen. Mein Vater kam und sagte: wenn ich es wage fortzugehen, schießt er mich nieder. Nimmt mich mit zum Juden, weil der hat ein Gewehr und schießt mich nieder. Dabei hat er gesehen, wie ich da war, zusammengeschlagen. Sogar das Hemd an meinem Arm war aufgeschlitzt. Er hat mich mit reingenommen zu sich und ließ mich eine Woche bleiben, weil die liebe Mutter ihn so gebettelt hat, dann hat er mich zurückgeschickt.
Danach dachte ich so, dass ich nie weggehen werde. Wohin soll ich, alt wie ich bin, wenn sie mich nicht zu meinen Eltern lassen. Und der Dieb, der wird so viel leben, mehr noch als ich. Weil dem schlechten Menschen gibt der Herrgott eine lange Zeit, damit er sich quält hier auf der Erde mit seiner Schlechtigkeit. Und dem guten gibt er eine kurze, weil der gute Mensch freut sich auch darüber, über die kleinen Dinge. Wie war es mit der armen Sári Juhos auch? Der Herrgott gab ihr nur wenig, und mit dem Wenigen war sie glücklich. Ich kann nicht erwarten, dass dieser Mensch einmal verreckt.
Aber dann kam er Samstagnacht wieder nach Haus aus dem Wirtshaus. Das Gewand ganz voll Schlamm, hat sich ins Wasser gelegt gehabt oder einer hat ihn reingestoßen, weil er frech war. Den Hut hat er verloren, das Hemd zerrissen. Kommt nach Haus, tritt die Türe ein. Sagt kein Wort, grüßt nicht, ist kein Gast nicht da, dass er ihn grüßen müsst. Ich bin schon längst hingelegt, aber schlafen tu ich nicht, weil ich mich fürchte. Kommt rein mit Stiefeln an, wälzt sich ins Bett, stößt mich, knurrt, weil ein menschliches Wort kommt dem nicht aus dem Mund. Nestelt sich die Hosen auf, so mit Stiefeln an probiert er, näher zu kommen. Ich sag ihm, er soll auf sein eignen Platz, was will er jetzt auf mich kommen. Da sagt er wieder so hässliche Worte und drückt sich nur rein zu mir. Ich stoß ihn weg, er rollt runter, macht einen Rumms, den Kopf hat er sich auch gestoßen. Na, denkt ich mir, Kali, dafür kriegst du ordentlich was, dass du ihn runtergestoßen hast. Aber er kommt kaum hoch, greift meine Decke, will sich so hochziehen. Zerreißt sie fast, dabei ist’s eine gute, starke Decke. Da rutsch ich zur Seite, Licht machen. Er schreit, ich soll den Selbstgebrannten bringen. Ich versteck den Pálinka immer, aber jetzt denk ich, geb ich ihm was, hab ich wenigstens eine Ruh. Ich bring ihn, gieß ein gutes Glas voll, er hievt sich schön beschwerlich hoch. Nimmt’s mit dem Glas, nimmt’s dann mit der ganzen Flasche. Na, Kali, den Pálinka siehst du nicht mehr, denk ich bei mir. Wie er die Flasche hinstellt und aufstehen will, fällt er wieder von den Füßen. Da brüllt er, ich hab ihn gestoßen, ihn beschmutzt, aber er kann gar nicht mehr reden. Na, denk ich mir, Kali, deine Zeit ist gekommen. Aber er hat die Stiefel noch an. Und dadrin das Messer.
Ich denk mir, zieh ich sie ihm aus, kann sich eh nicht wehren. Ich geh zu seinen Füßen, er strampelt wie ein Wildpferd. Ich sage ihm im Guten, er soll sich ausziehen und sich in sein Bett legen, ist ja mitten in der Nacht. Dass ich ihm nichts befehle, und ich soll ihm Essen bringen und Pálinka. Und dann soll ich ihm mein Arsch geben. Zieh ihm endlich doch die Stiefel aus und bring sie raus. Steht er auf, trinkt wieder aus der Flasche, aber da fällt er auch schon wieder hin, wie er dasteht. Ich komm rein, er packt mich am Hemd, ich fall auch auf ihn drauf. Er greift mir ins Fleisch und zieht mich auf sich. Dass er mich jetzt erschlagen wird, die böse Hexe. Ich greif mir das Tischbein, befrei mich von ihm, na, denk ich, jetzt kriegst du’s aber, alter Mann. Weil das stimmt, er ist so viel älter als ich. Zehn Jahr oder zwölf, aber vom Wuchs her ist er wie ich.
An der Wand angenagelt ist der geschnitzte Stock, was noch der Agronom-Ingenieur hiergelassen hat, als er gekommen ist, das Land zu vermessen, noch zu den ungarischen Zeiten, und bei uns geschlafen hat. Ach, das war vielleicht ein schöner, lieber Mensch. Na, den hätt ich mitgenommen in mein Bett. Aber der wollte halt nicht kommen. Ich hab nur sein Stock aufgehangen, damit ich eine schöne Erinnerung hab von einem Mannsbild. Ich greif mir den Stock und sag zu ihm:
»Fass mich an und ich schlag dich. Hab noch kein Menschen nicht geschlagen, aber jetzt kriegst du’s.«
Und wieder brüllt er und langt nach mir. Für wen ich meine Fotze aufhebe, fragt er. Wer würde meine abgewetzte alte Fotze wollen? So redet er, der Schamlose.
Da hab ich ihm auf den Rücken gehauen. Recht fest, weil er gestöhnt hat. Und dann dreht er sich, um mich zu fassen, aber ich versetz ihm eins, und in die Seite hat er auch eins bekommen. Und auf sein Arsch. Ich hab fest hingeschwippt, kann sein, ich hab ihn auch am Sack erwischt. Sei’s drum. Und da ist er mit dem Gesicht auf die Erde gefallen. Noch eins fest auf sein Rücken und ich rufe:
»Rühr dich und du wirst’s erleben. Ich schlag dich, bis dir die Seele entweicht, du Hund.« Der hat keine Seele, nichts wär dem entwichen, außer ein stinkender Furz. Hat sich nicht getraut, sich zu zucken, weil ich über ihm gestanden bin und ihn bewacht hab. Dabei hab ich noch nicht mal ein Kind geschlagen, als ich Kindermädchen war, was es auch Schlechtes gemacht hat.
Uns konnten nur die Mostis aus der Nachbarschaft hören, wenn sie nicht geschlafen haben. Aber zu der Zeit schlafen die meist, weil der Pista bácsi nicht ins Wirtshaus geht wegen seiner Leber. Die sind’s schon gewohnt, dass bei uns Samstagnacht so ein Ramasuri ist, wenn der Herr nach Hause kommt. Ich steh über seinem Kopf wie der Hellebarde in der Statue auf dem Kolozsvárer Hauptplatz. Oder wie ein Schinter[2] . Hab mein Herz hart gemacht, mich nicht gerührt. Hab ein Weng gewartet, dann hör ich, er fängt schön langsam zu schnarchen an dort auf der Erde. Der ist von drei guten Stockhieben nicht gestorben. Sechs könnten’s auch gewesen sein. Ich bleib noch eine Weile so. Bis er ganz sicher tief schläft. Ist schon nach Mitternacht vorbei. Dann geh ich leise raus, nehm mir das Messer aus seinem Stiefel und die andern auch, die ich in der Küche habe, zwei Stück, leg sie auf ein hohes Regal, dass er sie nicht findet.
Dann fang ich an, mich zu bereiten. Ich geh leise wie die schleichende Katze, aber den Stock lass ich nicht aus der Hand. Leg mir schnell alles zusammen, ich weiß schon, was ich brauche, hol das Brot hervor, den Speck, ein kleinen Kumpen Pflaumenmus und mein Linnen, was ich gewoben hab.
Mach den Schrank auf, zieh ein schönes Kopftuch raus und noch ein altes, um was für die Arbeit zu haben. Und ein Handtuch mit Rosen steck ich auch in den Sack, kann sein, ich kann’s verkaufen. Er hat das Geld immer in seiner Brust, aber da fass ich nicht hin, ich weck ihn noch und verderb mir mein Glück. Geld hab ich nicht viel, weil er’s weggenommen hat, was er gefunden hat, ich konnte nichts sammeln, weil ich nur mit meinen Nägeln Geld machen kann, wenn ich webe. Noch nicht mal das, was vom Tanz da war, hat er hergegeben, nur den Boden hab ich schrubben müssen wegen den vielen dreckigen Stiefeln. Dann geh ich zurück, zieh mich an, alles fertig. Ich sitz noch auf der Bank, mit dem Stock in der Hand, und warte. Ich muss noch vorm Dämmern raus. Wacht er auf, bringt er mich um.
Sitze da, hör die Holzwürmer in den Balken. Wie er atmet, das hör ich nicht. Hab kein Ohr mehr dafür. Mein Gedanke ist raus aus dem Haus. Ich schau nur noch nach vorn, auf meinen Weg.
Ich trinke einen großen Kumpen Wasser, bevor ich losgeh, wer weiß, wann ich wieder was bekomm. Es ist noch nicht vier, dass ich losgeh. Die Tiere sind noch still, die Gemeinde schläft. So geh ich nach hinten, über die kurze Gasse, und dann zu den Zigeunerhäusern hin, nicht dass sie mich erwischen und fragen. Bei denen halten sie die Hunde nicht an der Kette, die kommen nur und schnüffeln. Ich nehm Brot mit, werf’s hin, damit sie nicht bellen. Na, da kommen die umso mehr. Ne ganze Armee ist’s schon, was hinter mir kommt. Sie folgen mir wie dem Herrn Jesus seine Jünger. Sie begleiten mich bis zu den letzten Hütten.
Dann bieg ich um und geh über den Planken. Kann sein, ich sollt neben dem Planken gehen, schön weit in den See hinein, wie das arme Juhos-Mädchen, als es Kummer hatte. Was ein schönes Märchen, wie lang konnt ich die Geschichte der Sári Juhos keinem erzählen. Weil die hatte eine wahre Liebe und man hat sie nicht zu ihm gelassen. Ein rumänischer Bursche, aber sehr anständig. Weil wir haben hier fünf rumänische Familien im Ort, ordentlich, respektieren alle die Ungarn. Die arbeiten so, sehr ordentlich diese Bucsás hier. Aber sie haben sie nicht hergegeben. Und die haben’s alles geheim gemacht. Und dann ist die Sárika neben dem Planken reinspaziert. Hat einen großen Rock angezogen, hat ihn vollgemacht mit Steinen. Und dann ist der Bursche raus aus dem Dorf vor Kummer, ist in ein anderes gezogen, nur rumänisch. Ein schönes, wahres Märchen.
Nicht dorthin muss ich gehen zum Planken, zum Weg muss ich wohl gehen, wenn ich leben bleiben will.
Ich geh lieber raus zum Schlag vom Pali Hintás, und dann ist weiter draußen noch eine Senne, da geh ich drum rum und geh an den Sträuchern lang. Auf den Feldern ist noch nichts zu sehen, es ist dunkel, aber ich kenn den Weg nach Bonchida, ich geh nur nicht auf dem Weg, sondern über die Acker. Ich setz mich nicht mal hin, bis ich nicht raus bin aus dem Ortsrand. Ich lass den Bodon-Brunnen hinter mir, man sagt nur so, da ist kein Brunnen mehr, früher war da einer. Vom Hechtteich her quaken fest die Frösche, die schlafen nicht, die passen aufeinander auf. Nichts ist zu sehen, nur der Salzboden knistert fest unter mir. Wie breit der Ortsrand ist, als wär’s ne Stadt. Nur dass die Erde so schlecht ist, kann noch so groß sein, wenn sie schlecht ist.
Bis ich raus bin unter dem Hügel vom alten Andris Demeter, wird’s schon hell. Weiter weg der Nucuj-Brunnen. So sagt man’s. Ein Brunnen ist da auch nicht, man sagt nur so. Von der anderen Seite vom Brunnen sieht man schon die Kirche von Bonchida. Na, wie ich auf den Hügel hochkomm, ist da ein großer Erdrutsch, ich mach einen Schritt und flieg runter, die Erde unter meinen Füßen ist weg. Ich rodel auf meinem Hintern runter. Zum Glück fängt mich ein Busch, damit ich nicht bis nach unten rolle. Da halt ich mich an dem fest. Wenn ich runterrolle, zerreißt mir mein ganzes Kleid am Busch, der Deiwel soll’s holen. Ich schau, dem Rock ist nichts geschehen, ist nicht gerissen, nur die Falte ist ein wenig rausgegangen, wie ich mich auf den Arsch gesetzt hab. Dann steh ich auf, aber da fangen meine Beine an zu zittern.
Der Deiwel weiß wovon. Ich fass es an, was zum Henker zittert mir so das Bein, dass ich nicht treten kann. Muss mich setzen. Zusammengeklappt wie eine Ziehharmonika. Ich sitz da, bin fast schon unten am Hügel. Kann nicht aufstehen, weil meine Beine meinen Körper nicht halten. Es wird langsam hell, die Kirche von Bonchida ist schon zu sehen. Ich sag zu mir, grüne Kali Szabó, entweder du gehst gleich zurück, noch jetzt, vom Ortsrand, weil du dann zu Haus bist, bevor die Sonne aufgeht, oder du gehst, wo du einen Weg siehst, weil du dann nie mehr zurückkannst. Dein Vater erschießt dich und dein böser Mann erschlägt dich. Ich kann zu meiner Schwester laufen oder zu meinem teuren, kleinen Bruder, dem Mihály, der Adventist geworden ist, er wär so ein guter Mann sonst, aber er ist zum Sektierer geworden. Erwischen die mich, dass ich davon bin, ist’s mein Ende. Aber ich sitz nur hier mitten im Hügel und meine Beine tragen mich nicht, umsonst befehl ich’s ihnen. Wie lang ich schon hier sitze, denk ich mir. Na, Kali, hier wird’s aus mit dir sein. Weg bist du nicht, dageblieben bist du nicht. Wie die dumme Magd im Märchen, als der hässlige Prinz sie zur Frau will. Seine Schätze tät ich wollen, seine Visage nicht. Na, genau so geht’s mir jetzt auch.
Nur noch die Kote des alten Gergi Filep ist zu sehen. Was kein Dach hat. Weil dieser Mensch lebt da wie ein Einsiedler. Sein Sohn ist in den Krieg, er wartet immer noch auf ihn. Die alte Mame ist ihm weggestorben. Dann ist er hier rausgegangen und ist nie mehr rein. Ein Sturm hat das Hausdach davongetragen und seitdem hat er kein neues draufgetan. Man hat ihm gesagt, wenigstens mit ein bisschen Stroh soll er sein Haus abdecken. Wozu?, fragt er, wenn’s nicht regnet, braucht’s kein Dach, und wenn’s regnet, läuft’s eh durchs Stroh. Da lebt er, wartet auf den Tod. Macht nichts auf der Welt. So sitz ich auch auf meinem Arsch, seitdem ich gefallen bin, hier auf dem Hügel. Aufstehen kann ich nicht. Ich hab mir nichts getan, ich hab mein Bein abgetastet. Aber die Kraft ist raus, was soll ich machen. Sitze da und warte, dass der Wille wieder ins Bein fährt. Ich bin’s nicht gewohnt zu sitzen und in die Landschaft zu schauen. Sieht mich einer von weit, denkt er sich: die arme Frau, die hat man davongejagt. Oder sie hat geklaut oder hat eine andere Schande, dass sie davonlaufen musste. Keiner denkt, wenn er mich so sitzen sieht, dass ich eine anständige Frau bin. Eine anständige Frau sitzt nicht auf ihrem Arsch am Ortsrand, wenn die Sonne aufgeht und lässt die Tränen laufen.
Da sag ich zu ihnen: kommt, ihr Beine, aber nicht wie im Märchen, dass ihr macht, was ihr wollt, und das arme Mädel zum Teufel bringt, damit er sie versucht. Wozu muss der Teufel immer die Frau und das Mägdlein versuchen? Könnt ja auch mal nen lumpigen Mann versuchen. Weil wo ist der besser? Na. Ab jetzt werd ich’s so erzählen, dass es mit einem armen Burschen geht. Oder mit einem Witwer. Der Teufel versucht den Mann und danach, wenn er sich gut betragen hat, gibt er ihm eine gute Frau, eine gute Gattin oder geradewegs das Goldköpfchen. Wenn er die Probe bestanden hat. Im einen Märchen besteht er sie, im anderen wird er erwischt. So werd ich das ab jetzt erzählen, mit einem Mann, nicht mit einem Weib.
Wenn nur einer da ist, der zuhört. Weil singen tu ich noch für mich selber, aber erzählen, das macht die Zunge nicht mit. Dabei ist mal in den ungarischen Zeiten ein gelehrter Mensch zu meiner lieben Mutter rausgekommen und hat sie nach ihren Märchen gefragt. Und hat sie in sein Buch reingeschrieben. Was ist’s wert, wenn einer einem Buch erzählt? Einem Kind muss man’s erzählen, einem Mann oder einer Frau, nicht einem Buch. Und er konnte eh nicht reinschreiben, wie meine liebe Mutter das Märchen dreht und wendet, dass sie den König so spricht, das Goldköpfchen so und das Schäflein wieder mit einer andern Stimme. Davon tönt nichts in einem Buch.
Na, erzähl nicht so viel, du Kali. Sondern geh. Eins, zwei, eins, zwei. Hat dir der Herrgott doch einen Willen gegeben, meine liebe Mutter hat auch immer gesagt. »Kali, du kannst vielleicht wollen. Genau wie der große Junge vom Márton Ferenczi Zsuki, als ihm die beiden Pferde in den Graben gefallen sind. Hat sie da rausgezogen, aber wie. Ganz allein, obwohl er noch klein war. Aber du sollst nur das Gute wollen, nicht das Schlechte.« Und wer sagt mir, ob es gut ist oder schlecht, wohin ich geh? Ob ich gut daran getan hab davonzulaufen oder nicht? Und was danach kommt? Die Hurerei oder der Dienst.
Na, jetzt bin ich schon schön raus aus dem Széker Feld, das sind schon die Äcker des Bonchidaer Großbauern. Weil dort ist ein Graf. Das heißt war. Sie haben auch nichts geerntet, wie ich seh. Da steht der Acker, kahl, nichts reingetan. Wie eine leere Wiege in einem Haus, so sieht’s aus, dass einem Tränen in die Augen kommen, wenn man’s sich anschaut. Ich denk mir, den Grafen von Bonchida wird man auch mitgenommen haben, wie bei uns die ganze Ungvári-Familie, weil die bei uns die Großbauern sind. Nur die haben so viel Joch, dass man sie mitnimmt. Man hat sie auf den Lkw geladen, so hat man die Ärmsten mitgenommen. Dabei, was haben die viel gearbeitet. Herren ja, aber der Herr ist doch auch ein Diener. Keiner von denen hat herumgesessen wie ein Herr, besonders die Frau, die war Tag und Nacht auf dem Feld, Knechte hatten sie auch nur zwei, mehr konnten sie sich nicht halten. Wohin haben sie sie gebracht, ins Gefängnis oder woandershin, das hat man uns nicht auf die Nase gebunden. Sie sind Deos geworden, so haben sie’s gesagt, Deos. Was heißt dieses Deo? Bestimmt ist es Rumänisch? Deo. Steht das nicht auf die Kirche geschrieben?
Bei uns ist’s schon ein Jahr her, dass man die Herren aus der Gemeinde abgeholt hat. Kann sein, es sind schon zwei. Mit dem Lkw, in der Mittennacht haben sie sie von Szék abgeholt. Sie wollten grad die Frühjahrsaussaat anfangen. Ihre Felder sind so geblieben, völlig trocken. Keiner hat sich getraut, sie anzufassen. Und dann sind sie dieses Jahr schon gekommen und der Staat hat sie alle gepflügt.
Na, aber ich hab Szék schon hinter mir. Von hier aus sieht man noch die Heuwiese, aber Grün ist da keins mehr drauf. Alles abgeerntet und abgeäst auch, was an Gras da war, alles ist abgewetzt und ausgetrocknet. Man kann nicht mal mehr die Turma[3] raustreiben, man muss sie höher bringen, Richtung Wolfswald. Nur die Sonne brennt auf die Erde nieder, dass sie sich nicht schämt, dass sie ein bisschen weniger würd. Weil es ist schon September und sie brennt immer noch. Zu uns hin in der Gegend sieht man noch die großen, weißen Salzflecken, und rundherum sind sogar die Salzblüten gewachsen, aber von hier aus sehen sie grau aus. Die Salzwiese. Weil früher war hier eine Salzmine. Aber dann wurde die zugemacht. Wohin das Salz gekommen ist, wer weiß. Weil Salz ist noch was da, will rauskommen oben. Und wenn’s oben auf der Erde ist, dann ist auch was unter der Erde.
Die gottverdammten Beine zittern mir immer noch, wie ich aus unserem Rain gehe. Ich zieh mir auch gleich die Stiefel aus, dabei bin ich noch kaum was gegangen, aber ich trag sie lieber über die Schulter. Weil ich die schöneren angezogen habe, die ich noch als Mädchen bekommen habe vor meiner Hochzeit, und meine Beine sind seitdem fester geworden. Gute, starke Stiefel, hart, wie ein Baumstamm. Die weichen hab ich dagelassen, ich schlepp sie nicht. Meine armen Beine zittern, weil sie nicht wissen, wohin sie gehen, wohin ihre Herrin sie schickt. Und dann weine ich mich hier am Rand ordentlich aus. Über das gottverdammte Leben mit dem Lumpenmenschen. Aber ich hab’s verdorben, weil ich das große, starke Haus so sehr gewollt hab, hab immer große Augen gemacht, war noch gar nicht drin als Frau, schon hab ich mir vorgestellt, wie ich vorn Blumen setze und den Hof in Ordnung bringe und den Zaun grün anmale, weil ich die grüne Kali bin. Wieviel Kleinvieh ich im Hof haben würde, ich kauf sogar Truthennen von den Rumänen, weil die sowas halten. Ich mal die Laube grün an, weil das meine Farbe ist. Gieriges Mädchen, denkt nur ans Geld, weil ich aus dem kleinen, reetgedeckten Häuschen der grünen Szabós rauswollte. Hab nichts gesehen, nur das große Haus. Wie das Mannsbild ist, das haben meine blinden Augen nicht gesehen. Und meine Mutter hat mich schön ausstaffiert, Kissen, Federbett und Geschirr, Kleider einen Wagen voll, alles, und einen kleinen Acker hab ich auch bekommen. Nur ein Joch, das ist wenig.
Jetzt geh ich fort von dem Haus, ohne auch nur Gotthelfuns gesagt zu haben. Oder dass ich das Kreuz geschlagen hätt. Ich mach mich so hastig davon, und dass alles zusammen ist für den Weg, daran denk ich und achte nur darauf, dass ich das Tor leise schließe, und tret so auf, dass meine Stiefel nicht klappern. Nicht wie eine, die sich auf einen großen Weg macht, sondern wie eine, die flieht.
Nach Bonchida rein geh ich nicht, am Ende erkennt mich noch einer. Ich hab mir schon ausgedacht, wenn sie mich fragen, wohin ich will, sag ich, Linnen verkaufen, ich hab da eine gute Frau in Bonchida, in Szamosújvár, Zsuk, Apahida, was grad näher ist, wenn sie fragen. Ich hab ja ein Bündel dabei, ich lüge nicht.
Ich lass Bonchida links liegen und nehm Richtung auf Felső-Zsuk. Ich streune viel herum, Hügel rauf, Hügel runter, das hier sind so längliche Hügel, ziehen sich wie Strudelteig. Kein Ende nirgends, weil es hier keine Wälder gibt oder irgendein beachtlicheres Ding, damit man wüsste, wohin die Richtung geht. Die Siebenbürger Heide ist so ein ärmliches Ding, ein großer, schlechter Acker. Dann sehe ich die Kirche von Zsuk. Die Acker, die Weiden umgeh ich lieber, nicht, dass mich ein Bauer sieht, ich geh zu den Hottern am Rand, unter die Hügel, damit ich auf keinen treff. Unterhalb von Zsuk geh ich über die kleine Szamos, dann setz ich mich am Ufer ein bisschen hin. Wie ich so von weitem das Schloss von Zsuk seh, die hinteren Fenster sind alle eingeschlagen. Dort wohnt der Baron Kemény. Kann sein, den haben sie auch rausgesetzt, weil er zu viel Land hatte.
In der Szamos wasch ich mein Tuch gut aus, weil es anfängt, mächtig warm zu werden, und bind’s mir nass wieder um. Das Unterhemd mach ich auch nass. Aber da fängt mir schon das Kreuz an weh zu tun. Die Beine werden mir auch schon schwer, und es ist noch was zu gehen, bis ich in die Schätzestadt komme. Ich geh immer an der Szamos entlang, so kann ich mich nicht verfehlen. Aber das Wasser schlenkert eine Menge, ist halt nicht vom Ingenieur gemacht, dass es gerade wär.
Ich setz mich auch viel hin. Aber das Kreuz tut nicht mehr weh, weil mir die Hüfte so angefangen hat zu reißen, als würd ich ein Kind kriegen wollen. Auseinanderreißt sie mir. Na, wie gut, hab ich wenigstens mein Kreuz geheilt. Es können einen nicht zwei Dinge auf einmal schmerzen. Und dann tret ich noch in eine riesige Kratzdistel, dass ich vor Schmerz aufschrei, und dann spür ich auch meine Hüfte nicht mehr. So heilt sich der arme Mensch. Ich erreiche schon Alsó-Zsuk. Aber dieser Fluss windet sich nur und windet sich. Ich versuche, meinen Weg ein bisschen gerader zu machen, aber dann verfehle ich mich wieder. Weil ein Mann weiß die Richtung immer besser, schaut sich die Sonne an, und so weiß er es. Aber ich weiß es nicht. Ich geh nur immer meiner Nase nach. Aber man sieht schon Apahida, und da fange ich auch an, schneller zu gehen, und spüre den Schmerz nicht mehr.
Dann bin ich hier richtig. Bei Apahida ist der Bahnhof immer noch so, niedergebombt, weil da wurde gebombt, das haben sogar wir gehört. Wie haben wir uns gefürchtet, dass sie auch zu uns kommen. Aber sie sind nicht gekommen. Bei uns gibt’s weder eine Bahn noch eine Fabrik oder ein Gefängnis, was den Stinkern gefallen hätte, dass sie die Bombe geschickt hätten.
Nichts zu essen bekommt mir gut, ich bin nur noch durstig, aber das sehr. Aus der Szamos traue ich mich doch nicht zu trinken, nicht, dass ich die Gelbleber krieg. Na, da hab ich schon Szinnikora erreicht, ein rumänisches Dorf, ich kenne keinen, nur die Frau mit den Putern am Ortsrand, die mit dem Wagen die Gegend abfährt und die hässlichen Vögel zum Verkaufen bringt. Weil die Puter, die sind hässliche Tiere, Ungarn halten die auch nicht. Na, dort, in Szinnikora, trinke ich endlich aus einem Brunnen. Wenn es irgendeine Brücke gäb, würd ich lieber rübergehen, weil jetzt die Schatten schon so fallen, von der anderen Seite, dann müsste ich hier nicht in der Sonne gehen. Ich setz mich ein bisschen unter die Bäume, ruh mich aus, und wieder fangen die Tränen zu laufen an, hab kaum Kraft, wieder aufzustehen. Dann singe ich ein bisschen vor mich hin, ein trauriges Lied, und gehe weiter.
Geliebt hab ich dich nie
Hab mich nur an dich gewöhnt
Hab mich so an dich gewöhnt
Vergessen kann ich dich nie.
Nein, das kann ich nicht.
Recht hat es, das Liedchen. Das Schlechte kann der Mensch nie mehr vergessen. Wenn eine einen schlechten Mann hatte. So wie es auch der Juliska Bandi ergangen ist im Märchen. Hat immerzu versucht, ihren Mann zu vergessen, konnte es aber nicht, nicht einmal im Tod, dabei hat sie nicht den mit dem Fettpelz genommen, den Teufel, weil der Teufel ist ein Mensch in einem Fettpelz, dem immer das Geld aus den Taschen quillt. Aber diese Juliska Bandi hat so einen hässlichen Széker Menschen genommen, einen ordentlich fetten Bauern, und so. Umsonst ist der hässliche Mensch gestorben, die Julis konnte ihn nicht vergessen und blieb für immer traurig.
Na, Kali, so wird’s auch dir ergehen.
Und dann bemerke ich es gar nicht und hab schon Szamosfalva hinter mir gelassen. Ich spüre die Beine unter mir gar nicht mehr, so müd bin ich, aber man muss weitergehen, wenn man ankommen will, solange es noch licht ist.
Von hier aus sehe ich schon die Häuser von Kolozsvár, es kommt Kölesföld und die Hóstáter Felder, und da fang ich wieder an, mich ein bisschen an die Hand zu nehmen, und auch die Beine zittern nicht mehr so. Die Hóstáter sind alle draußen in den Feldern, solche sagenhaften Felder sieht man nirgends, ordentlich wie in der Apotheke sind die. Sie gießen auch jetzt aus Eimern, und weiter unten ist auch noch so ein bulgarisches Rad, was das Wasser treibt. Es ist eine Ordnung wie in einer Fabrik. Die Beete mit dem Lineal gezogen, dicht bepflanzt, die Erde ist auch so schwarz. Die tragen auch ständig den Mist auf die Felder. Auch jetzt holen sie schon die Gemüse raus und laden den Stallmist ab und breiten ihn aus. Wie oft hab ich das gemacht, als ich Magd war. Zum Feld fuhren wir nie mit einem leeren Wagen. Und die großen Mühlensteine rauschen auch, heben das Wasser aus der Szamos und vergießen es. Die warten nicht, bis der Herr den Regen schickt, nein. Weil darauf könnten sie jetzt lange warten. Der Herr hat, wie’s scheint, woanders zu tun, nicht bei den armen Leut. Es ist drei Wochen her oder mehr, dass es geregnet hat.
Ich geh weiter meines Wegs, gaff sie nicht an. Na, jetzt muss ich nur noch durch die Stadt und dann find ich meinen alten Bauern, denke ich. Da überschlafe ich. Die Stadt ist aber elend groß, dass der Kuckuck sie hol, lang, wie der Binder an der Erntehose. Das Zentrum ist klein, aber der Rand ist riesig. Ich geh zu meinem alten Herrn Furu und erzähle der Biri, wie ich steh. Mein Herz gieß ich ordentlich aus. Und nächsten Tag gehe ich zum Markt. Ich hab’s gar nicht vorberechnet, aber es fällt grad so, dass morgen Dienstbotenmarkt ist. Donnerstag.
Ich hab noch am Abend Biri gefragt, ob’s noch immer so ist, dass jeden Ersten und Fünfzehnten des Monats Dienstbotenmarkt ist, weil ich das wissen muss für eine Bekannte.
»Oh, lass, das is nicht mehr so. Milizisten stehen auf dem Karolina-Platz, neben der Post.«
Ich erschreck mich.
»Dann gibt’s kein Dienstbotenmarkt mehr?«
»Ist halt nicht mehr so, man muss das Gesinde nicht auf der Straße fangen.«
»Aber wie dann?«, frage ich.
»Na, gar nicht«, sagt die Biri.
