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Viktor ist ein völlig durchschnittlicher Mittzwanziger, der gar nichts an seinem Leben zu meckern hat – bis ihm ein kleines Mädchen vor die Nase gesetzt wird, auf das er für einige Tage aufpassen muss. Die achtjährige Medea hat kein Smartphone, kennt keine Chatbots und will mit all dem auch gar nichts zu tun haben. Da Viktor technisch aufgeklärt ist, weiß er natürlich: Er ist auf gar keinen Fall abhängig von Rasputin – seinem treuen Chatbot. Doch Medea lässt ihn zweifeln: Verpasst er das echte Leben, wenn er in seinem automatisierten Alltag gefangen ist? Wie oft kann er Rasputin um Hilfe bitten, bis er selbst nicht mehr weiß, was er denken oder fühlen soll? Und vor allem: Hat er die Liebe seines Lebens abblitzen lassen, nur weil sie nicht in seinen vorgefertigten, berechenbaren Rhythmus passte?
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Die neue Mitarbeiterin krachte seufzend in ihren Bürostuhl, gleich neben Viktors Arbeitsplatz. Er ignorierte sie. Sie atmete schwer und tief durch. Viktor beobachtete die Offenes-Ohr-Software dabei, wie sie die Anfrage eines Kunden erledigte, dessen Paket nicht eingetroffen war. Das Programm fand das Paket in einer Verteilungsstation ganz in der Nähe. Der Kunde schrieb mit furchtbarer Rechtschreibung und vielen Ausrufezeichen, dass er sich so was nicht bieten lassen würde. Er würde ab sofort nur noch mit einem Vorgesetzten sprechen – und das auch nur direkt. Sicher und unaufgeregt schickte die Software ihm den Link, damit er ein Premium-Upgrade kaufen konnte, das Sprachnachrichten erlaubte.
Eine Warnung ploppte auf. Darin stand, dass Viktor diesem Kunden kein Premium-Ultra-Paket verkaufen durfte – dieses würde nämlich Anrufe erlauben.
Wieder ein Seufzen zu seiner Linken.
„Hm?“, brachte er hervor.
„Das ist nicht fair“, polterte die Neue los. Ihren Namen hatte sich Viktor noch nicht mal gemerkt. „Das Programm macht doch alles. Wen interessiert da der blöde Stichprobenschlüssel?“
„Ich würde sagen, es interessiert diejenigen, die ihn entwickelt haben, um uns vor Verdächtigungen zu schützen“, sagte Viktor müde und beobachtete weiter, was das Programm mit dem wütenden Kunden machte. „Du kannst einen echten Kundensupport nicht anbieten und dann ausschließlich das Programm einsetzen. Der blöde Stichprobenschlüssel ist der Grund, warum du und ich überhaupt einen Job haben.“
Der Mann, der auf sein Paket wartete, nahm die Sprachnachricht nun schon seit über 60 Sekunden auf. Viktor öffnete schnell eine andere Anfrage und sah, dass dort alles glatt lief – nur ein Student, der Informationen dazu wollte, wie er seine Studiengebühren in Raten zahlen konnte. Als er zurückwechselte, erschien die fertige Sprachnachricht.
„Wie ist deine Anfragenquote?“, fragte die Neue.
„8,13 pro Stunde.“
„Siehst du, meine lag bei 9,4! Wieso werde ich von Henni dafür bestraft, dass ich schneller bin als du?“
„Weil sich wohl genug Kunden beschwert haben? Henni hat halt die Verantwortung für uns und der macht auch nur, was das Programm sagt.“
„Ach, die wissen doch gar nicht, was ich mache und was das Programm macht.“
„Offensichtlich ja schon. Ich muss mir das jetzt anhören, schwieriger Kunde.“
Wenn der wütende Herr nicht sowieso gerade an der Reihe gewesen wäre, hätte sich Viktor bewusst so jemanden gesucht. Alles, um diesem Gespräch mit der namenlosen Kollegin zu entgehen – ja, er griff sich dafür sogar freiwillig Premium-Paket-Nutzer. Sprachnachrichten halfen dabei, den Eindruck von Echtheit zu verbessern. Aber was die Leute echt machte, machte sie oft auch anstrengend. Deswegen blieb Viktor auch schön in dieser Abteilung und ging nicht in den Telefondienst. Da würde er ja verrückt werden.
„Geht das jetzt?“, fragte die rüstige Stimme, teils verzerrt durch ein Rauschen, das klang, als würde das Mikro über eine Jacke gezogen werden. „Ich sag Ihnen was! Wenn Sie mir nicht auf der Stelle mein Paket bringen, dann verklag ich Sie! Ich bezahle für diesen Service! Sie haben eine rechtliche Verpflichtung, mir mein Paket heute zuzustellen, hören Sie? Ich brauche das Rasiergel heute und nicht morgen. Sie verstehen meine Sorge nicht, oder? Ich wette, bei Ihnen sitzt irgendein Student, der noch grün hinter den Ohren ist und gar nicht weiß, was harte Arbeit überhaupt ist. Ich habe 48 Jahre lang …“
Viktor beendete die Audioaufnahme, um nicht noch mehr Zeit zu vertrödeln. Dieser Mann verstand nicht einmal, dass der Service, den er gebucht hatte, ihn nicht mit der Firma verband, die das Rasiergel verschickte. Sein Service-Abo bei der Offenes-Ohr GmbH & Co. KG sollte ihm für nahezu alles einen persönlichen Kundenservice bringen. Sie konnten hier Pakete finden, Termine buchen, Fragen beantworten. Allerdings würden sie ihm sein Paket nicht liefern können. Obwohl Viktor glaubte, es könnte schon witzig sein, das Paket selbst aus dem Paketverteilungszentrum zu holen und vorbeizubringen. Er wollte gerne wissen, wie der alte Mann aussah, und ihn fragen, ob das Rasiergel wirklich so wichtig war, dass er nicht einmal 24 Stunden auf sein Paket warten konnte.
Die Software schickte eine Nachricht an das Unternehmen, bei dem das Rasiergel bestellt worden war. Der Unzufriedenheitsscore des Kunden lag bei sieben von zehn. Die Chance auf eine tatsächliche Klage jedoch nur bei drei von zehn.
Ein erneuter Zustellversuch wird gestartet.
So schrieb es der Chatbot der Rasiergelfirma und so gab es die Offenes-Ohr-Software an den wütenden Kunden weiter. Wahrscheinlich würde irgendein Gelegenheitsjobber nun drei Euro dafür bekommen, dass er das Paket holte und vorbeibrachte.
Noch 20 Minuten bis zu seiner Mittagspause. Bis dahin würde Viktor noch mindestens zwei Anfragen schaffen. Eine ging schnell, eine Stichprobe war nicht nötig, die Software arbeitete alles sicher und sauber ab und baute natürlich ein bisschen Echtheit in Form eines Witzes mit ein. Die nächste Anfrage leuchtete gelb. Das bedeutete für Viktor: Er durfte auf keinen Fall vom Arbeitsplatz weggehen. Eine Frau – Annegret – wollte wissen, welcher Tierarzt ihren Not- fall übernehmen konnte. Ihre Schildkröte würde nicht mehr fressen und sich kaum bewegen. Die Software analysierte ihre Haustierversicherung und die umliegenden Tierärzte. Kein Termin mehr heute. Nur morgen.
Annegret buchte das Premium-Upgrade. Viktor öffnete die Sprachnachricht sofort.
„Hallo, guten Tag“, sagte die Stimme und ein Schluchzen durchfuhr die Sprachnachricht, „ich bin die Annegret. Ich brauche heute noch einen Termin. Mein kleiner Schildberg ist wirklich krank.“ Viktor sah auf dem Bildschirm, dass der vollständige Name der Schildkröte tatsächlich Ninja Schildberg war. „Können Sie nicht irgendwas machen?“
Viktor hielt das Programm an und ließ sich die nächste Antwort anzeigen. Tierkliniken kümmerten sich auch um Notfälle. Der Nachteil: Sie kosteten auch unfassbar viel Geld und nur ein Teil wurde von der Versicherung übernommen.
Viktor öffnete das Sprachprogramm und schaltete die kleine goldene Lampe über seinem Arbeitsplatz ein, die verriet, dass er im Kundenkontakt war.
„Hallo Annegret, ich kann Ihre Sorge um Ihre Schildkröte verstehen. Aber bitte atmen Sie einmal für mich kurz durch, ja?“ Er machte laute Atemgeräusche. „Sie haben jetzt bei uns angefragt, Sie kümmern sich also gut. Ninja Schildberg ist bei Ihnen in guten Händen, er kann froh sein, Sie zu haben. Wenn Sie wirklich glauben, dass abzuwarten keine Option ist, dann können Sie auch zur Tierklinik fahren – ich sende Ihnen gleich die Adresse. Allerdings sind die Kosten da deutlich höher. Lassen Sie sich also alles schriftlich geben, ja? Und wenn es später bei der Abrechnung Probleme gibt, nutzen Sie wieder unseren Service und wir helfen weiter.“
Wie angekündigt sendete er die Adresse. Seine Kollegin wedelte mit der Hand, um seine Aufmerksamkeit zu erhaschen, doch er stellte sein Licht nicht aus. Dann kam die nächste Sprachnachricht.
„Ach Sie klingen so lieb, danke schön. Ich weiß wirklich nicht, was ich machen soll. Meinen Sie, ich sollte in die Klinik fahren?“
Die Software leuchtete rot auf: keine Rechtsberatung, keine psychologische Beratung, kein Produktverkauf durch Mitarbeiter der Offenes-Ohr GmbH & Co. KG.
Viktor öffnete das Sprachprogramm erneut.
„Wir können Ihnen nur bei der Terminsuche und Fragen zu Ihrem Vertrag helfen, aber ich würde sagen, Sie kennen Ninja Schildberg besser als jeder andere, oder nicht? Hören Sie ruhig auf Ihr Bauchgefühl.“
Das Programm zeigte an: Tierarzt-Hausbesuch-Service-Optionen. Dazu zwei Unternehmen, die per App Tierärzte nach Hause vermittelten.
Während Annegret eine neue Aufnahme machte, griff Viktor nach seinem Smartphone und öffnete seinen Chatbot Rasputin und fragte, wie seriös die beiden Firmen waren.
Rasputin: Hausbesuchstierarztvermittler sind beliebte Services, stehen allerdings auch immer wieder in der Kritik. Soll ich dir welche mit guter Bewertung raussuchen?
Viktor: Nein, danke.
Er persönlich durfte Annegret nichts empfehlen, aber er würde das Programm auch nicht einfach machen lassen.
„Sie klingen ein bisschen wie mein Enkel, wissen Sie? Wie alt sind Sie denn? Ach, das ist ja auch gar nicht so wichtig, Sie waren mir eine große Hilfe. Ich rufe mir gleich ein Taxi und dann fahre ich zur Tierklinik, sonst fühle ich mich einfach unsicher.“ Nach einer Atempause, die auf Viktors Bildschirm als tickende Uhr angezeigt wurde, sprach sie weiter: „Schildberg frisst sonst immer gleich morgens so unfassbar viel, wissen Sie?“
Viktor ließ die Software zurück ans Steuer und sie verwies darauf, dass Annegret über ihre eigene Kranken- und Pflegeversicherung einen Rabatt beim lokalen Taxianbieter erhielt. Sie bedankte sich noch einmal und vergaß dann, das Gespräch offiziell zu beenden. So lief der Timer noch bis zur vollen Stunde weiter. Normalerweise sollte Viktor nichts machen, doch seine Mittagspause war eine gute Ausrede, um den Chat von seiner Seite aus zu beenden. Immerhin kosteten Premium-Minuten extra und das wussten viele nicht.
In der Cafeteria wimmelte es nur so von Mitarbeitern der verschiedenen Firmen. Circa 50 Kollegen hatte Viktor zurzeit – offiziell waren es eher 250. Indem die Offenes-Ohr GmbH & Co. KG sich in ein Bürogebäude mit Versicherungsmaklern, IT-Services, Reisevermittlern und Virtual Reality Pals setzte, wirkte es immer so, als wären sie voll besetzt, wenn jemand zu Besuch kam. In Wahrheit erledigten die 50 Leute nur das Mindeste und der Rest war wie bei jedem anderen Callcenter automatisiert.
Viktor ließ sich von Rasputin die Tagesangebote anzeigen und buchte den Nudelauflauf. Neben ihm diktierte eine junge Frau aus einer anderen Firma gerade ihre Einkaufsliste. Dann stoppte sie plötzlich: „Nein, zum Hieressen natürlich!“
Die Frage danach, ob Viktor das Essen zum Mitnehmen haben wollte oder nicht, hatte er fest beantwortet – seit über zwei Monaten lautete die Antwort: Ja. Rasputin merkte sich das und hatte Zugriff auf die Cafeteria-App.
Mal wieder drängelten sich die Menschen am Laufband zusammen, um ihre Bestellung zu bekommen. Unmöglich, dachte Viktor. Ihre Chatbots zeigten ihnen doch an, wie lange es noch dauern würde. Sich dort herumzudrängeln, brachte gar nichts.
Rasputin schickte eine leichte Vibration durch das Smartphone und Viktor ging zum hintersten Ende des Laufbands. So würde es länger dauern, doch er musste auch niemanden aus dem Weg schieben. Die Tüte mit seinem Nudelauflauf und seinem Orangensaft scannte sein Smartphone automatisch und schon konnte er endlich aus diesem Chaos verschwinden.
Das Bürogebäude lag direkt an einer viel befahrenen Straße und Viktor dankte innerlich seinem Chef Henni dafür, dass er eine Ampel durchgesetzt hatte.
Als Viktor vor drei Jahren nach seinem Master hier anfing, hatten sie die Ampel noch nicht und immer wieder gab es Vollbremsungen und wildes Hupen. Das gab es nun auch noch, aber viel seltener.
An der Ampel warteten etliche Fußgänger. Auch zwei Kinder auf Fahrrädern, die sich gegenseitig schubsten und kniffen. Die Reifen ihrer Fahrräder standen gefährlich nah an der Fahrbahn. Sie schienen gar nicht zu bemerken, wie gefährlich das war. Niemand schien sich für die beiden zu interessieren.
Viktor holte sein Smartphone heraus.
Viktor: Wieso stehen manche Menschen so furchtbar nah an der Straße?
Rasputin: Manche Menschen haben ein geringes Gefahrenverständnis.
Viktor: Wie gefährlich ist das?
Rasputin: Eine gute Frage.Wie gefährlich es ist, zu nah an der Fahrbahn zu stehen, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Wie zum Beispiel der Beschaffenheit der Straße, aber auch der Geschwindigkeitsbegrenzung. Möchtest du, dass ich das Gefahrenpotenzial in deiner Nähe berechne?
Viktor: Nein, danke.
Die Ampel schaltete auf Grün.
Viktor: Check mal meine Nachrichten, ob sich Flora gemeldet hat.
Rasputin: Gerne doch, ich-
„Hey!“, ertönte es hinter Viktor, als er die andere Straßenseite erreichte.
Flora joggte über die Straße und schloss sich Viktors entspanntem Schlendern an. Sie wirkte etwas außer Atem und schirmte ihre Augen vor der Sonne ab.
„Hi, ich wollte gerade schauen, wie pünktlich du heute bist“, sagte Viktor.
Flora klopfte ihre Hosen- und Jackentaschen ab und hielt dann die Hände in die Luft.
„Ich habe kein Smartphone dabei, mit dem ich kommunizieren könnte.“
„Hast du es vergessen?“
„Kaputt“, seufzte Flora. Sie bogen in den Park ein und steuerten wie jeden Tag die Sitzbänke am Kleinen Grauen See an. „Aber ich komme auch ohne Smartphone klar für einen Tag.“
Sie zückte ein Stück Papier aus ihrer Umhängetasche.
Handgeschrieben, das sah Viktor gleich und es nervte ihn. Die Schrift war krakelig und furchtbar ungleichmäßig. Doch er erkannte darauf Richtungsangaben und Straßennamen.
„Mein Reiseplan für heute“, erklärte Flora. „Mein nächster Fall ist zum Glück nicht allzu weit weg.“
Flora arbeitete als Sozialarbeiterin bei einer Privatfirma, die sich aus Spenden und staatlichen Aufträgen finanzierte. Wenn etwas bei einem Amt liegenblieb oder komplizierter wurde, landete es bei Flora und ihren Kollegen. Vormittags erledigte sie Bürokram, dann aß sie mit Viktor Mittag und anschließend fuhr sie in der Stadt umher. Um Menschen direkt zu besuchen. Viktor fand das immer unfassbar stressig.
Sie setzten sich an einen freien Tisch in der Sonne. Nur wenige Menschen gingen durch den Park und niemand außer ihnen nutzte die Tische und Bänke.
„Soll ich dir mein Smartphone leihen?“, fragte Viktor.
Ein völlig entsetzter Blick erschien auf Floras Gesicht. Wieso nur? Sie kannten sich seit Monaten, man konnte sie definitiv seit einer Weile als gute Freunde bezeichnen – natürlich würde er ihr aushelfen.
„Und wie holst du dir deine Getränke auf Arbeit? Wie fährst du mit dem Bus nach Hause?“
„Oh, naja, ich kann ja Wasser trinken. Und zu Fuß gehen.“
„Ist schon gut, aber danke.“
„Ich finde es gefährlich, dass du ohne Smartphone unterwegs sein wirst.“
Flora lächelte.
Viktor verstand nie genau, warum sie so viel lächelte. In ihrem Job traf sie ständig auf völlig verlorene Menschen. Sie wurde bespuckt und angeschrien. Hinzu kam noch, dass auch ihr Privatleben nicht gerade rund lief. Ihre Eltern starben kurz vor ihrem 18. Geburtstag und ihre große Schwester lebte irgendeinen alternativen Hippie-Lifestyle. Viktor hatte seine Eltern noch, wurde nie auf Arbeit bespuckt und konnte sich alles in allem nicht beschweren – doch er lächelte nicht annähernd so oft wie Flora.
„Genug Arbeit, Zeit für die wichtigen Dinge!“, sagte sie. „Erst Essen, dann Hempels Küche!“
Flora ließ ihre Tasche zurück und ging nur mit ihrem Portemonnaie los.
Oft genug aß sie ihr zu Hause geschmiertes Brot, doch einmal in der Woche gönnte sie sich etwas vom Imbiss am Ende des Parks. Auch das war für sie schon Grund genug, um zu lächeln.
Während sie ihr Essen holte, dachte Viktor über die neue Folge Hempels Küche nach. Nicht viel war passiert – eine Folge ohne große Aufreger. Es sei denn, man wurde noch davon aufgewühlt, dass Zyla – die Tochter des Betreibers von Hempels Küche – mal wieder etwas im Schilde führte und ihre Kollegen hinterging.
Flora kam den sandigen Weg zwischen den Bäumen entlang zurück und sie lief wie … Viktor fand nicht so recht Worte dafür, wie Flora lief. Es war kein Tanzen, aber auch kein Laufen. Sie ging einfach anders als andere Menschen.
Viktor zückte sein Smartphone und machte ein fünf Sekunden langes Video, damit Rasputin es analysierte. Doch Flora erreichte den Tisch, bevor er die Antwort lesen konnte.
„Also, was halten wir von der neuen Folge?“, fragte Flora.
„Bisschen langweilig vielleicht.“
„Langweilig? Das Geheimnis rund um Brunos verschollene Mutter nimmt endlich Fahrt auf! Ich glaube ja immer noch, dass sie in einem der anderen Restaurants arbeitet. Das wäre schön dramatisch.“
Sie verfielen in lockere Spekulationen und Meinungen. Genauso, wie sie es vom ersten Tag an getan hatten. Bei einem Release-Treffen für das Comicbuch zu Hempels Küche standen sie nebeneinander in der Schlange und kamen ins Gespräch. Sie tauschten Telefonnummern aus und nach einigen Monaten trafen sie sich auch im echten Leben – aktuell jeden Tag zur Mittagspause im Park. Selbst bei Sturm und Regen, denn dann konnten sie einfach die überdachten Plätze nutzen. Viktor empfand es als Privileg, so eine zuverlässige und nette Freundin zu haben. Neben ihr traf er sich eigentlich nur noch von Zeit zu Zeit mit einigen Freunden aus Studienzeiten. Manchmal fragte er sich, wie er vorher eigentlich ohne Flora gelebt hatte.
„Okay, ich muss langsam los“, sagte sie, stand aber nicht von der Bank auf. Sie legte ihre Hände auf den Tisch und atmete tief durch. „Möchtest du vielleicht irgendwann mal mit mir ausgehen?“
Viktor hörte die Frage. Er verstand theoretisch ihren Inhalt. Aber sie kam nicht an.
„Wie bitte?“
„Okay, ich habe dich offensichtlich ziemlich überrascht.“ Flora lachte wieder. „Ich möchte mit dir ausgehen, auf ein Date.“
„Nein, danke.“
„Oh. Okay. Das ist … okay.“
Viktor saß wieder an seinem Arbeitsplatz und beobachtete das Programm dabei, wie es eine Beschwerde abarbeitete. Jemand hasste die neue Geschmacksrichtung einer Kaugummi-Marke. Ein lächerliches Problem, dachte Viktor, ganz anders als sein eigenes.
Wieso zur Hölle dachte Flora, sie sollten daten?
Ihre Freundschaft funktionierte einwandfrei. Romantik oder Sex ins Spiel zu bringen, ergab also keinen Sinn.
Er öffnete Rasputin und dort sah er das Video, das Flora beim Gang durch den Park zeigte. Rasputins Analyse stand gleich darunter.
Rasputin: Die Ganganalyse ergibt eine freudige Erregung und Leichtigkeit. Mögliche Bezeichnungen für diese Art zu laufen: wie auf Wolken, tänzeln, scharwenzeln, unbeschwert.
Rasputin: Kann ich dir weitere Fragen zum Video beantworten?
Viktor: Sieht so jemand aus, der verliebt ist?
Rasputin: Eine freudige Gangart kann ein Hinweis auf romantische Gefühle oder andere Formen von Glücksgefühlen sein.
Viktor: Wieso könnte Flora ein Date mit mir wollen?
Rasputin: Du bist mit Flora nun seit über fünf Monaten befreundet, möglicherweise ist ein Date für sie der nächste logische Schritt in eurer Beziehung.
Viktor: Wir haben keine Beziehung.
Rasputin: Verzeihung, der Begriff Beziehung wird umgangssprachlich zwar häufig für romantische Angelegenheiten genutzt, jedoch beschreibt er auch Freundschaften, Familienverhältnisse oder auch die Dynamik zu einem Kollegen.
Viktor: Flora liegt falsch.
Rasputin: Macht dich das wütend oder traurig?
Viktor: Es verwirrt mich.
Rasputin: Auf keinen Fall sollten dich diese Gefühle von deiner Arbeit abhalten.
Viktor legte das Smartphone weg. Dann nahm er es noch einmal in die Hand und bedankte sich bei Rasputin.
An diesem Arbeitstag drückte er seine Quote absichtlich nach unten. Der Stichprobenschlüssel für sein Arbeitslevel lag bei sechs, er musste also mindestens jede sechste Anfrage individuell bearbeiten – mindestens zu 50 Prozent. Doch er nahm jede noch so kleine Chance wahr, persönlich auf die Anfragen zu reagieren. Er half einem Mann dabei, Blumen für seine Frau auszusuchen – natürlich nutzte er aber die Empfehlungen der Software.
Ein Schulkind nutzte im Beisein seiner Eltern den Offenes-Ohr-Service, um sich ein Essay für den Geschichtsunterricht schreiben zu lassen – die Software empfahl das entsprechende Angebot und Viktor teilte seine Erfahrungen bezüglich des Auswendiglernens von Essays. Einige Lehrer ließen sich noch immer nicht davon abbringen, Tests ausschließlich vor Ort und per Hand schreiben zu lassen. Eine furchtbare Angewohnheit, die auch immer wieder vor Gerichten landete. Viktor selbst hatte in seinem Studium genau einen Kurs nicht bestanden und zwar den von Professor Collins. Ein runzliger alter Mann, der sich moderner Technologie verweigerte und seine Studenten darunter leiden ließ.
Bevor er sich versah, endete sein Arbeitstag. Rasputin gab ihm pünktlich Bescheid und erinnerte ihn gleich noch daran, ins Fitnessstudio zu fahren. Auf dem Weg dorthin schaute Viktor die vorgeschlagenen Kurzvideos von Rasputin.
Um diese Uhrzeit herrschte Andrang im Bus und im Studio. Viktor folgte den Anweisungen seines Chatbots und zum Glück bewirkte das heftige Workout genau das, was es sollte. Viktor fühlte sich erst energiegeladen und dann – nach und nach – verflüchtigte sich die Energie und er kam wieder zur Ruhe. Auf dem Weg nach Hause ließ er das Smartphone sogar in der Tasche. Er beobachtete die Leute im Bus.
Keiner schien besonders interessant zu sein. Alle warteten sie nur darauf, endlich an ihrem Ziel anzukommen. Einer diktierte eine Nachricht an einen Freund – eine Ausrede, warum er am Wochenende keine Zeit haben würde. Ein anderer ließ sich spanische Sätze vorlesen und murmelte sie dann vor sich hin.
Viktor lebte im zweiten Stock eines Mehrfamilienhauses. Er hielt noch einer älteren Dame die Haustür auf, dann sprintete er praktisch nach oben. Irgendwo im Haus unterhielten sich Menschen und Viktor rammte den Schlüssel ins Schloss, eilte in die Wohnung und schloss die Tür hinter sich ab. Endlich.
Sein Smartphone vibrierte.
Rasputin: Du hast eine ungelesene Nachricht von Flora.
Rasputin: Heute Abend findet ein Fußballspiel statt, das dich interessieren könnte.
Rasputin: Vergiss nicht, deine Wäsche zu waschen.
Viktor: Erinnere mich bitte später an die Nachricht von Flora. Verbinde dich mit dem Heimsystem.
Er kramte die Sportklamotten aus seiner Tasche und warf sie in die Waschmaschine. Ein sanftes Signalgeräusch verriet, dass Rasputin sich nun mit der Wohnung verbunden hatte. Leise Musik spielte im Radio und ein Alarm für die Wäsche und ein Alarm für das Spiel wurden eingestellt.
Viktor warf sich auf die Couch und scrollte durch seine Medienvorschläge auf seinem Fernseher. An Tagen wie heute ärgerte er sich, dass er immer nach so viel Auswahl verlangte. Drei Filme, drei Serien, drei Videos von Content Creatorn, denen er folgte. Normalerweise wollte Viktor die Kontrolle behalten, aber heute? Heute wollte er einfach abschalten.
„Rasputin?“, sagte er laut und das sanfte Signalgeräusch verriet ihm, dass er nun gehört wurde. „Such mir etwas raus, was meine Stimmung ändert.“
Im nächsten Moment startete ein Livestream von Pipplo Hermann. Viktor hing genau zwei Minuten hinterher, also stellte Rasputin die Geschwindigkeit nach oben.
„Herzlich willkommen, meine lieben Leute, heute habe ich etwas ganz Besonderes für euch. Es geht nämlich um einen Skandal, der euch aus den Socken hauen wird – und über den bisher keiner außer mir berichtet. Der angebliche Auftritt des Politikers Raul Heckenfeld bei einer Kinderhilfsorganisation hat nicht stattgefunden. Zusammen mit meinem Team habe ich aufgedeckt, dass alle Aufnahmen, die uns von der Veranstaltung zur Verfügung stehen, generiert sind. Wir sind selbst zum Ort des Geschehens gefahren und dort wollte niemand mit uns sprechen. Möglicherweise, weil das Geld tatsächlich gespendet wurde, nur die angebliche Übergabe ist Social Media konform hinzugefügt worden.“
Viktor wusste nicht, wer Raul Heckenfeld sein sollte. Aber jetzt würde er sich den Namen merken. Bei einer Kinderhilfsorganisation auf generierte Inhalte zu setzen, war ziemlich schäbig. Pipplo ließ die Aufnahmen während seiner Analyse durchlaufen. Heckenfeld stand am Bett eines kranken Mädchens, überreichte Kuscheltiere und schenkte Essen aus.
„Wir haben natürlich um Stellungnahme gebeten und tatsächlich eine Antwort erhalten. Denkt bitte daran, dass unsere Arbeit nur durch euch möglich ist – bitte hinterlasst also ein Like und ein Abo. Die Stellungnahme des Teams von Raul Heckenfeld lautet wie folgt: Wir bedauern, dass Herr Heckenfeld am Tag der Veranstaltung unpässlich war und somit nicht zum Termin erscheinen konnte. Aufgrund der wichtigen Arbeit, die von den Menschen vor Ort geleistet wird, hielten wir es für unangebracht, den Termin nicht wahrzunehmen. Mit unserem Partner in Fragen der Bildgenerierung, Anima Image Technologies, konnten wir medienwirksam Aufmerksamkeit für die Hilfsorganisation kreieren. Wir verbieten es uns, dies als einen Täuschungsversuch zu verstehen. Bürgernähe mit Hilfe moderner Technologien zu schaffen, ist eine weitverbreitete Praxis, und Ihr Fokus auf diesen speziellen Fall lässt uns vermuten, dass es sich um eine persönliche Vendetta handelt.“
Pipplo hielt inne und legte das Papier nieder, von dem er die Stellungnahme abgelesen hatte. Währenddessen flogen die Chatnachrichten am rechten Rand durch das Bild. Viktor war nun wieder live dabei und der Stream kehrte zur normalen Geschwindigkeit zurück.
„Lügner!“
„Sinnloses Video.“
„Meine Tante arbeitet bei Anima!“
„GMJS!“
„Ihr schadet dem Image der Hilfsorganisation!“
So ging es noch eine Weile weiter, während Pipplo einen Schluck von seinem Wasser nahm. Viktor folgte dem Kanal lange genug, um zu wissen: Das konnte nicht alles sein, das wäre kein Video wert gewesen.
„Hey Rasputin, was ist GMJS für eine Abkürzung?“, fragte er in den Raum hinein.
„GMJS“, sagte die tiefe Stimme von Rasputin, „ist ein Kürzel aus der Online-Jugendsprache und steht für: Geh mich jetzt schlafen.“
„Sagt man das so?“
„Grammatikalisch handelt es sich um eine inkorrekte Aussage, doch Jugendsprache ist häufig losgelöst von gängigen sprachlichen Konventionen.“
Nach Rasputins Antwort lief das Video automatisch weiter. Diesmal bemerkte Viktor kaum, dass es für einige Sekunden schneller lief.
Wie erwartet, lächelte Pipplo und eröffnete das nächste Kapitel des Streams.
„Ich weiß, wir haben alle unterschiedliche Ansichten dazu, in welchen Situationen generierte Aufnahmen angemessen sind und in welchen nicht. Wie viele von euch, finde ich auch, dass es vor allem einen guten Grund geben muss, um nicht tatsächlich an einem Ort zu sein. Das könnte beispielsweise ein Unfall auf der Strecke zur Veranstaltung sein – oder aber eine schwere Erkrankung. Sollte Raul Heckenfeld wirklich krank gewesen sein, dann wäre eine generierte Social Media Kampagne durchaus verständlich gewesen. Natürlich hätte ich mir eine Kennzeichnung gewünscht. So wie wahrscheinlich auch das Verfassungsgericht, das einen ähnlichen Fall gerade verhandelt. Wie dem auch sei: Uns liegen reale Aufnahmen vor, die am Tag der Veranstaltung entstanden sind. All unsere Analysen zeigen eine Echtheit von weit über 90 Prozent.“
Ein Video mit miserabler Auflösung wurde abgespielt. Es zeigte die Lobby eines Hotels. Ein Mann, der durchaus wie Heckenfeld aussah, hielt zwei leicht bekleidete Damen im Arm. Sie torkelten durch die Lobby und verschwanden nach einem kurzen Gespräch mit der Rezeption in einem Fahrstuhl.
Es folgte eine Selfie-Aufnahme eines Teenagers.
„Jo, Heckenfeld ist der übelste Klabauter, der hat hier zwei Frauen klargemacht.“ Die Kamera schwenkte die Straße entlang. „Wie krass unfair ist es, dass ich nicht wählen darf, der ist mein Held!“
Die schlampige Kameraarbeit machte es schwer, auf Anhieb etwas zu erkennen. Doch der Kleidungsstil passte auf jeden Fall zu den Aufnahmen aus dem Hotel – nur dass die Damen locker neben Heckenfeld schlenderten und nicht so an ihm klebten wie auf den anderen Aufnahmen aus dem Hotel. Pipplo seufzte dramatisch.
„Wie ihr seht, ist Raul Heckenfeld nicht aus guten Gründen ferngeblieben – es sei denn, ihr findet, dass die beiden Damen aus dem Rotlichtmilieu gute Gründe waren.“
Der Chat drehte völlig durch und Pipplo nahm sich Zeit, einige Meinungen vorzulesen. Viktor überlegte noch, ob er auch etwas schreiben sollte, doch da ertönte Rasputins Stimme aus einer der vielen Boxen in seiner Wohnung: „Du hast eine ungelesene Nachricht von Flora. Soll ich sie dir vorlesen?“
„Nein.“
Der Stream lief weiter.
Die Stimme eines Kommentators erklang gedämpft. Sie kam nicht aus dem Stream und auch nicht von Rasputin – sie dröhnte mal wieder aus der Wohnung nebenan durch die Wände.
Einige Minuten später endete der Livestream mit den üblichen Worten von Pipplo: „Vergesst nicht, immer fleißig selbst nachzudenken und nicht einfach zu glauben, was man euch erzählt. Wir sind nur hier, um euch aufzuklären, aber nicht, um unsere Meinung aufzudrängen. Bleibt wachsam!“
Der Livestream endete und der Fernseher stellte automatisch um. Nun sah er den Countdown zum Spiel.
„Möchtest du die Nachricht von Flora lesen, bevor das Spiel beginnt?“, fragte Rasputin.
„Nein! Und das verdammte Spiel läuft bereits!“
„Viktor, du hast kein Premium-Abo, das Spiel beginnt für dich in zwei Minuten und dreiunddreißig Sekunden.“
Doch in der Wohnung nebenan wurde bereits rumgebrüllt. Über die Jahre hinweg hatte Viktor unfreiwillig gelernt, welche Mannschaften sein Nachbar unterstützte und welche nicht. Somit wusste er oft, was Jubel oder Meckerei bedeuteten. Wenn das Tor bei ihm dann zehn Minuten später fiel, war die Spannung schon weg. Manchmal, wenn ihm das Spiel nicht so wichtig war, machte Viktor sich auch einen Spaß daraus, die Ereignisse nur anhand der Geräusche aus der Nebenwohnung vorherzusagen.
„Wo sind meine Kopfhörer?“, fragte er.
„Deine Kopfhörer hast du zuletzt im Schlafzimmer genutzt.“
Es nervte, dass Rasputin ihm die Kopfhörer nicht einfach bringen konnte.
Sie lagen auf dem Nachttisch und Viktor schaltete sofort die Geräuschunterdrückung an. Als er wieder auf die Couch fiel, begann das Spiel. Nun musste er keine Angst mehr haben, überrascht zu werden.
Als eine längere Verletzungspause das Spiel unterbrach, ertönte Rasputins Stimme in den Kopfhörern.
„Möchtest du die Nachricht von Flora hören?“
„NEIN!“
Rasputin fragte nicht noch einmal nach an diesem Abend.
Am nächsten Morgen wartete Viktor damit, Rasputin anzusprechen. Sie hatten vereinbart, dass Rasputin zu Hause nicht selbst den Tag beginnen durfte – solange Viktor nicht sprach, sprach auch Rasputin nicht.
Viktor duschte, aß sein Frühstück und wollte wie immer die Nachrichtenübersicht bekommen. Also musste er langsam etwas sagen. Da er glaubte, die erste Frage von Rasputin schon zu kennen, kam er ihm zuvor.
„Rasputin?“
„Ja?“
„Lies mir die Nachricht von Flora vor.“
„Gerne, hier ist die Nachricht von Flora: Hey Viktor …“ Er schüttelte sich, als Rasputin Floras Stimme nachahmte. Viktor ließ sich sonst nie Nachrichten von ihr vorlesen. Immerhin sprach sie ihre Nachrichten ja auch nie ein. Flora tippte immer, nie diktierte sie. Viktor machte es ähnlich, nur zu Hause ließ er Rasputin freien Lauf und gab sich den Freifahrtschein, nicht selbst zu tippen. „Tut mir leid, wenn ich dich mit meiner Frage überfallen habe. Ich bin auch froh, wenn wir Freunde bleiben. Heute muss ich allerdings etwas außerhalb der Stadt erledigen. Also kein Mittagessen im Park. Sorry. Ich melde mich, wenn ich zurück bin.“
Drei Monate lang waren sie fünf Tage pro Woche in den Park gegangen. Jetzt hatte sie plötzlich etwas vor? Genau einen Tag nachdem sie diese verrückte Anfrage gestellt hatte?
„Lies es mir noch mal vor, aber in einem anderen Ton.“
„Hey Viktor, tut mir leid, wenn ich dich mit meiner Frage überfallen habe.“ Diesmal klang Floras Stimme ein wenig genervt, geradezu sarkastisch. „Ich bin auch froh, wenn wir Freunde bleiben. Heute muss ich allerdings etwas außerhalb der Stadt erledigen. Also kein Mittagessen im Park. Sorry. Ich melde mich, wenn ich zurück bin.“
„Noch mal.“
Jetzt klang sie weinerlich: „Hey Viktor, tut mir leid, wenn ich dich mit meiner Frage überfallen habe. Ich bin auch froh, wenn wir Freunde bleiben. Heute muss ich allerdings etwas außerhalb der Stadt erledigen. Also kein Mittagessen im Park. Sorry. Ich melde mich, wenn ich zurück bin.“
„Noch mal.“
Kein einziges Mal erkannte er, was sie wohl dachte oder fühlte. Ob sie log oder nicht. Viktor griff nach seinem Smartphone und öffnete die Messenger-App. Dort las er die Worte noch einmal. Nach all den Varianten von Rasputin konnte er sich nicht mehr für eine Lesart entscheiden. Also tippte er als Antwort einfach nur: Okay.
Viktor ging zur Arbeit und verbrachte die Mittagspause mit seinen Kollegen. Er kam nach Hause und schaute fern. Er ging zur Arbeit und verbrachte die Mittagspause mit seinen Kollegen. Er kam nach Hause und schaute fern. Er ging zur Arbeit …
„Rasputin“, sagte er am Samstag, einem Tag, an dem er Flora sowieso nicht gesehen hätte, „mach mir Vorschläge, was ich heute machen kann. Und frag Flora, ob es ihr gut geht.“
„Gerne. Möchtest du eine Lesebestätigung von Flora anfordern?“
„Was? Wieso?“
„Dies ist die längste Zeit seit eurem Kennenlernen, in der ihr nicht in Kontakt steht. Möglicherweise nutzt sie sogenanntes Ghosting, eine Technik, bei der man eine Beziehung beendet, indem man nicht mehr auf Nachrichten reagiert.“
„Ja, okay, ich will eine Lesebestätigung.“
Rasputin machte für Viktor ein Treffen mit zwei seiner Kumpels aus Studienzeiten aus. Während er duschte, sich saubere Kleidung anzog und ein wenig das Haar stylte, wartete er auf die Antwort von Flora. Als er in den Bus stieg, um in die Innenstadt zu fahren, wartete er immer noch.
Er holte sein Smartphone noch einmal hervor und fand nur eine Nachricht seiner Mutter, die er noch beantworten musste. Also ging er in die Bar – fest überzeugt davon, dass er nun nicht mehr nachschauen würde.
Für einen Samstagabend war nicht viel los. Nils und Marco riefen ihn zu sich in eine schwach beleuchtete Ecke.
„Na, wie geht’s?“, fragte Nils.
Er trug einen Anzug, obwohl er samstags nicht arbeitete. Also musste es eine bewusste Entscheidung sein. Typisch Nils, dachte Viktor, er war immer darauf bedacht, einen guten Eindruck zu machen.
„Gut, gut, und euch?“, antwortete Viktor.
„Man kann sich nicht beklagen“, sagte Marco und streckte seine vom vielen Trainieren stahlharten Arme über dem Kopf.
Sie bestellten sich Bier und Snacks. Wie immer arbeiteten sie brav ab, ob irgendwas Interessantes in ihren Leben passiert war oder nicht. Marco und Viktor erkundigten sich nach Nils Ehefrau. Alles in Ordnung, ein bisschen Stress wegen der Urlaubsplanung für den Sommer.
Viktor dachte darüber nach, die Sache mit Flora anzusprechen. Vielleicht nach einem zweiten Bier.
„Arbeit ist die Hölle“, beklagte sich Marco. „Kannst dir nicht ausdenken, wie dämlich die Neuen sind. Ich habe gleich zwei von der Sorte, die immer nachfragen. Wie macht man das am besten? Wie soll ich das hier machen? Wieso machen wir das so und so?“
„Habt ihr nicht Arbeitschatbots?“, fragte Viktor verblüfft. Das klang nach furchtbar ineffektiven Arbeitsmethoden.
„Ja eben! Aber die Scheißdinger kommen jetzt mit mehr“, er hob die Finger für Anführungszeichen, „sozialen Vernetzungskomponenten für Kohärenz am Arbeitsplatz. Das heißt, der Chat sagt regelmäßig, dass seine Antworten nur theoretisch sind. Für echte Erfahrung, fragen Sie einen Vorgesetzten. Und die machen das wirklich!“
„Lass mich raten, keine 20 Jahre alt?“, fragte Nils. „Ich schwöre, die Generation denkt nicht mehr selbst.“
„Sind wir nicht dieselbe Generation?“, überlegte Viktor laut.
„Hä? Nein, kann nicht sein“, gab Nils zurück. „Ich will nicht mit denen in einer Generation sein.“ Er zückte sein Smartphone und drückte mit dem manikürten Daumen den Aufnahmeknopf seiner Chatbot-App. „Bin ich die gleiche Generation wie ein 20-Jähriger?“
Eine weibliche Stimme antwortete: „Generationen werden von Experten unterschiedlich eingestuft. Man kann das also nicht so richtig sagen. Es ist viel wichtiger, welcher Generation du dich zugehörig fühlst.“
Viktor holte Rasputin hervor und tippte exakt dieselbe Frage.
Rasputin: Nach gängiger Meinung bist du Teil derselben Generation wie jemand, der heute 20 Jahre alt ist. Aber du befindest dich unter den älteren, während ein 20-Jähriger eher zum mittleren Part der Generation gehört. Möchtest du Kritiken am Konzept von Generationen kennenlernen?
Viktor: Gibt es nicht klare Unterschiede zwischen mir und einem 20-Jährigen?
Rasputin: Da hast du Recht. Ein Altersunterschied von sechs Jahren kann durchaus zu starken Kontrasten in der Lebenserfahrung führen.
Viktor: Sind 20-Jährige unselbstständiger als wir?
Rasputin: Das lässt sich so allgemein nicht sagen. Einige Studien untersuchen, inwiefern jüngere Menschen stärker davon beeinflusst werden, dass sie Chatbots schon im Jugend- und Kindergartenalter kennengelernt haben. Möchtest du gerne mehr erfahren?
Viktor: Nein danke, jetzt nicht.
Durch seine Fragen wusste Viktor nun nicht, worum es ging. Schade, dass er reale Gespräche nicht so anhalten konnte wie einen Livestream oder ein Video.
Als eine kurze Pause eintrat, sprang Viktor ein.
„Rasputin meint, der Unterschied zwischen uns und den 20-Jährigen ist nicht so groß. Vielleicht liegt es gar nicht am Alter – haben die denn studiert?“
„Ist doch egal, davon sind wir längst weg“, sagte Marco. „Ich meinte gerade, dass die Preise für Flüge nach Malta echt unfassbar gestiegen sind. Da muss die Politik mal was machen, sonst kann sich bald keiner mehr Urlaub leisten.“
Es ging noch eine Weile um Flugpreise, dann um Fußball und ein wenig um die geringe Snackauswahl in der Bar. Als sie ihre Rechnungen bezahlten, füllte sich die Bar gewaltig. Doch Nils hatte am nächsten Tag Pläne mit seiner Frau und Marco musste am nächsten Tag arbeiten.
Als Viktor die Tür mit der Hausnummer 20 öffnete, zeigte sein Smartphone gerade 22 Uhr an.
Viktor schaute auf dem Weg nach oben nicht auf. Er kannte den Weg schließlich. Seit fünf Jahren ging er die Stufen hinauf zu seiner Wohnung. Rasputin schlug vor, noch ein wenig fernzusehen und ein Glas Wasser zu trinken. Um dem Alkohol entgegenzuwirken.
Aber heute – an einem Samstag im Juni – stand da plötzlich Flora vor seiner Wohnungstür. Das allein wäre schon verrückt genug gewesen. Doch ein kleines Mädchen umklammerte ihre Hand.
„Hi, Viktor“, sagte Flora und diesmal konnte er ihren Ton auf Anhieb entschlüsseln – sie war beschämt. „Ich brauche deine Hilfe.“
Und sie klang auch ein wenig verzweifelt.
Viktor stand auf der obersten Stufe und umklammerte das Geländer so heftig, wie das kleine Mädchen Floras Hand umklammerte. Die Kleine konnte nicht älter als acht Jahre alt sein. Viktor wollte Rasputin fragen, ob er anhand eines Fotos ihr Alter bestimmen konnte.
„Viktor?“, fragte Flora.
„Ja?“
„Können wir vielleicht reingehen? Ich weiß, du hast bestimmt Fragen, aber die Situation ist etwas prekär.“
Viktor löste sich vom Geländer und ging zur Tür. Das kleine Mädchen behielt er dabei im Blick wie einen fremden Hund, von dem er nicht wusste, ob er beißen würde. Die Kleine rieb sich die Augen.
Viktor schloss die Tür auf und Flora und das wildfremde Kind folgten ihm. Die Wohnung sah nicht besonders aufgeräumt aus. Unter anderen Umständen hätte sich Viktor sicherlich dafür geschämt. Doch unter diesen Umständen? Er wünschte fast, er hätte noch mehr Chaos hinterlassen. So würde Flora eher verstehen, dass sie nicht einfach aus dem Nichts auftauchen konnte.
Er holte sein Smartphone hervor – keine Nachricht von Flora.
„Du hättest mich vorwarnen können“, nuschelte Viktor.
„Konnte ich nicht. Und lass Rasputin nicht ins Heimsystem, okay?“
Flora und das Mädchen setzten sich auf die Couch. Viktor holte derweil zwei Gläser mit Wasser und räumte schnell die Essensreste von seinem Abendbrot vom Wohnzimmer- tisch. Er wusch sich das Gesicht im Bad. Als ihm nichts mehr einfiel, was er tun konnte, vibrierte sein Smartphone. Rasputin erinnerte ihn daran, dass er Wasser trinken musste. Zusätzlich fragte er ihn, ob er in den Ruhemodus wechseln oder sich mit dem Heimnetzwerk verbinden sollte.
„Viktor?“, sagte Flora leise und kam in den Flur, wo Viktor auf den Chat starrte.
„Hm?“
„Könntest du Medea vielleicht in deinem Bett schlafen lassen? Damit wir reden können?“
„Medea?“, wiederholte Viktor den Namen. „Wieso können Menschen ihren Kindern nicht normale Namen geben?“ Flora schaute ihn an, als hätte er drei Köpfe. Oder als hätte er gerade ein furchtbares Schimpfwort benutzt. „Moment, hast du den Namen ausgesucht? Sorry.“
Das kleine Mädchen konnte durchaus Floras Tochter sein. Sie hätte sie jung bekommen, aber möglich war es. Wie konnte sie nie erwähnen, dass sie eine Tochter hatte?
„Sie ist meine Nichte.“
„Oh. Ach so.“
„Können wir jetzt endlich reden? Ich schwöre, ich wollte dich nicht so überfallen.“
Sie gingen zurück ins Wohnzimmer, wo Medea sich in eine Ecke auf Viktors Couch kuschelte. Es gab keine Kissen oder Decken. Viktor erwartete, dass Flora sie weckte. Doch sie trug sie mit ein wenig Anstrengung bis ins Schlafzimmer. Jetzt erst bemerkte Viktor die große Tasche, die Flora dabei hatte.
„Sie ist ganz schön erschöpft“, sagte Viktor, um die Stille zu füllen, als Flora sich zu ihm auf die Couch setzte.
„Es waren auch ein paar sehr aufregende Tage“, sagte Flora, als würde das irgendwas erklären. Dann atmete sie tief durch. „Ich komme gleich zur Sache: Ich muss Medea für eine Weile verstecken und du bist der einzige, der mir helfen kann.“
„Das mache ich auf gar keinen Fall!“
„Hör mir erst einmal zu, okay? Meine Schwester und ihr Mann haben Stress mit der Schule bekommen und die haben das Jugendamt informiert. Hätte mir nicht jemand Bescheid gesagt, den ich über die Arbeit kenne, hätten sie Medea vielleicht einfach mitgenommen. Wir müssen verhindern, dass diese Hetzkampagne Erfolg hat.“
„Hetzkampagne? Flora, wenn das Jugendamt vor der Tür steht, werden sie ihre Gründe gehabt haben.“
„Eben nicht!“ Sie sprang auf und ihr Blick wanderte immer wieder zur Schlafzimmertür. „Meine Schwester und ihr Ehemann leben ohne Smartphones, ohne Chatbots – aber weißt du was? Nicht mal ohne Internetanschluss oder Fernseher oder so. Am liebsten würden sie Medea von all dem fernhalten, aber sie wissen, das geht nicht. Sie sind keine Hinterwäldler. Sie halten sich an die Gesetze und schicken Medea in die Schule. Aber weil sie dort so aus der Reihe fällt, haben Lehrer und Eltern Dutzende Beschwerden eingereicht. Das war definitiv eine Hetzkampagne – ich habe die Beschwerden gesehen, sie klingen alle gleich und einige der Namen sind sogar erfunden! Sie haben das Amt einfach mit Beschwerden geflutet, sodass es wie ein Notfall wirkte.“
Sie fiel zurück auf die Couch und vergrub das Gesicht in ihren Händen.
Viktor holte sein Smartphone hervor.
„Stopp“, sagte Flora. „Wir können keine Spuren hinterlassen.“
„Ich möchte dir glauben, okay? Aber woher soll ich wissen, ob irgendwas davon wahr ist? Ich meine, muss sie nicht zur Schule gehen?“
„Die Sommerferien beginnen bald und es geht gerade was rum, also sagen wir einfach, sie ist erkältet“, antwortete sie und hielt ihm ihre Handflächen entgegen, als wollte sie ihn davon abhalten, eine Bombe fallen zu lassen. Dabei hielt er nur sein Smartphone in der Hand. „Was kann Rasputin dir schon sagen? Die Antwort wird lauten, dass es Fälle gibt, bei denen das Jugendamt falsch lag, aber in der Regel liegen sie richtig. Ich weiß das doch, ich arbeite regelmäßig mit ihnen zusammen. Die üblichen Fälle drehen sich um vernachlässigte Kinder, die nie duschen oder die unterernährt sind. Oft geht es um Gewalt und Missbrauch. Nichts davon ist hier passiert – Medea ist ein gesundes, glückliches Mädchen. Alles, worum ich dich bitte, ist, uns heute nicht rauszuschmeißen und dir morgen selbst ein Bild von ihr zu machen.“
Viktor sprang auf. Das Smartphone machte einen kleinen Hüpfer, als es auf die Couch fiel.
„Hast du sie noch alle? Du kannst mir doch hier nicht einfach ein Kind vor die Nase setzen. Damit mache ich mich garantiert strafbar. Du hast echt Nerven. Wirklich! Hast du mich deswegen nach einem Date gefragt, um mir ein Kind unterzusetzen?“
In seinem Kopf dröhnte es. Nach zwei Bier und einem kleinen Schnaps sollte er nicht so durch den Wind sein. Die Kopfschmerzen waren allein Floras Schuld!
„Denkst du wirklich, ich würde so etwas tun?“
Nein. Nicht einmal für eine Sekunde glaubte er das. Flora wollte Menschen immer helfen, selbst völlig verlorenen Fällen. Anderen Sorgen zu bereiten, lag ihr so gar nicht. Genauso wie es nicht typisch für sie war, so niedergeschlagen und erschöpft zu sein. Selbst die schwierigsten Sozialfälle hatten sie nie so zerstört zurückgelassen.
„Natürlich nicht. Ich bin nur müde. Und sauer. Ich will das alles nicht.“
Viktor wollte Flora trösten, doch er blieb stehen. Er konnte sich nicht dazu bringen, ihr nah zu sein. Oder sie zu umarmen.
„Selbst wenn du uns nur eine Nacht bleiben lässt, stehe ich für immer in deiner Schuld“, sagte Flora. „Ich weiß, wie viel ich verlange. Aber ich bin all meine Kontakte durchgegangen und ich vertraue niemandem genug.“
„Aber mir vertraust du? Warum?“
„Du hast ein gutes Herz. Das ist selten, viele schaffen es irgendwann nicht mehr, mitfühlend zu sein. Die meisten ziehen sich irgendwas rein, um sich zu betäuben – nicht nur meine Fälle, auch die besonders erfolgreichen Leute. Manchmal bist du der einzige Mensch, der mich beim Reden noch anschaut und nichts von mir verlangt.“ Sie lachte kurz. „Und ja, ich sehe die Ironie darin, hier zu stehen und so viel von dir zu verlangen.“
Viktor bereitete die Couch vor und fiel wie ein Stein darauf. Bevor Flora sich zu dem kleinen Gast in Viktors Schlafzimmer legte, warnte sie ihn vor: Sie würde am Morgen nicht mehr da sein. Sie wusste nicht, was das Jugendamt plante, und musste mehr herausfinden. Viktor verstand nur Bahnhof. Ja, irgendetwas damit, dass sie gelogen hatten, als das Jugendamt Freitag vor der Tür gestanden hatte. Noch was dazu, warum das alles nicht richtig war. Noch drei Entschuldigungen.
Und vor allem: Wenn sie nach Medea suchten, wäre Floras Wohnung die zweite Anlaufstelle. Also musste sie ihrem Alltag nachgehen wie sonst auch. Wie paranoid, dachte Viktor noch.
Ein krachendes Geräusch ließ ihn aufschrecken. Er schaute sich um – das Wohnzimmer war leer. Die Sonne schien durch die Fenster und erleuchtete den Raum.
Wieder ein Geräusch – dieses Mal mehr klirrend als krachend. Viktor griff sein Smartphone. 08:31 Uhr. Rasputin stellte gleich mehrere Fragen und schlug vor, sich mit dem Heimnetzwerk zu verbinden. Die Regel, das Viktor den Tag beginnen musste, galt nur für die Sprachausgabe in der Wohnung. Viktor bekam also gerade einen Eindruck davon, wie oft Rasputin ihn gleich morgens mit Anfragen fluten würde, wenn er keine Regeln aufstellen würde.
Viktor wischte die Anfragen weg und ging in die Küche.
„Guten Morgen“, sagte er und Medea ließ vor Schreck einen Löffel fallen.
Sie stand am Esstisch, vor sich eine Schale mit Haferflocken und ein paar Blaubeeren aus Viktors Kühlschrank. Daneben standen noch Marmelade, Brot und Orangensaft.
„Guten Morgen“, sagte Medea laut und deutlich. Viktor sah bei ihr mindestens zwei Zahnlücken. „Flora sagt, ich soll machen, was du sagst.“
Viktor nickte. Während Medea ihre Haferflocken aß, ging er ins Bad und bereitete sich auf den Tag vor. Theoretisch zumindest. In Wahrheit wusste er nicht, was ihn erwarten würde. Er konnte Rasputin nicht um Hilfe bitten, wenn es um Medea ging. Also konnte er auch nicht fragen, wie er am ehesten ein paar Stunden verplempern konnte, bis Flora wieder da war.
Als er zurück in die Küche kam, wusch Medea gerade ab.
„Brauchst du was?“, fragte Viktor.
„Was denn?“
„Essen … naja gegessen hast du ja schon. Geht es dir gut? Kopfschmerzen oder so? Keine Ahnung.“
Ob er nicht doch Rasputin fragen konnte? Viktor stellte ständig völlig willkürliche Fragen. Warum sollte eine einzige Frage über Kinder sofort ein Problem sein?
„Ich möchte gerne rausgehen“, sagte Medea.
„Das geht nicht.“
„Ich weiß.“
Viktor mochte nicht viel über Kinder wissen, doch an dieser Stelle erwartete er Aufruhr. Kinder, die ihren Willen nicht bekamen, wurden laut und zickig. Das erlebte er oft genug beim Einkaufen und manchmal sogar in den Sprachnachrichten von Kunden. Doch Medea trocknete ihre Hände ab und stand dann wartend vor Viktor in der Küche.
Sie gingen ins Wohnzimmer und Viktor schaltete den Fernseher ein. Rasputin vibrierte in seiner Tasche – garantiert, um seine Hilfe anzubieten. Doch Viktor nutzte einfach die leicht verstaubte Fernbedienung und schaltete einen Doku-Kanal ein. Es ging um antike Zivilisationen.
„Über die Majas weiß ich schon alles“, sagte Medea und schaute erwartungsvoll zu Viktor.
„Ich dachte, ihr benutzt keine Technik?“
„Aber wir haben doch einen Fernseher“, gab Medea zurück, als wäre Viktors Frage ziemlich blöd gewesen.
Also setzte man die Kleine auch vor den Fernseher, nur eben nicht vor ein Tablet. Ihre Eltern brauchten sich gar nicht so aufführen. Viktor erinnerte sich an seine eigene Kindheit – damals wollten seine Eltern auch nicht, dass er ein Smartphone bekam. Doch dadurch hing er einfach ständig am Computer oder lieh sich in den Pausen die Smartphones seiner Freunde.
Heute lebten seine Eltern in einem smarten Zuhause, das selbst Viktor zu viel war. Eine Fernbedienung hätten sie gar nicht erst gehabt. Auch keine Lichtschalter. Wann immer Viktor sie besuchte – was seltener und seltener geschah –, begrüßte ihn schon vor der Tür das, was er den Hausgeist nannte. Seine Eltern nannten den Bot wiederum liebevoll Maxine.
„Du weißt also, wie Fernseher funktionieren. Hier.“
Er gab Medea die Fernbedienung und sie zappte drauflos.
Viktor schrieb Flora eine Nachricht: Sehen wir uns heute noch?
Rasputin: Möchtest du eine Lesebestätigung anfordern?
Viktor: Ja.
Medea entschied sich für eine eigenartige Kreuzfahrt-Serie voller bildschöner Menschen. Für einen Moment fragte sich Viktor sogar, ob das eine dieser komplett generierten Serien war. Doch das mussten die Sender kennzeichnen. Also sahen die wohl wirklich alle so perfekt frisiert, geschminkt und durchtrainiert aus.
„Ich glaube, es war der Barkeeper“, sagte Medea, nachdem die halbe Folge durch war.
„Was war der Barkeeper?“
„Er hat die Uhr vom Kapitän gestohlen. Ich weiß nur noch nicht, warum.“
Serien wie diese überraschten niemanden wirklich. Es war immer ein Angestellter oder ein besonders ungewöhnlicher Gast. Aber mit acht Jahren (wahrscheinlich, Viktor hatte bisher nicht nachgefragt) fühlte man sich wohl dazu berufen, den Täter vorzeitig zu finden.
Zehn Minuten später wurde der Barkeeper als Täter enttarnt. Medea freute sich und Viktor wartete gemeinsam mit ihr darauf, herauszufinden, warum er die Uhr gestohlen hatte.
„Öde“, sagte Medea als herauskam, dass er Spielschulden begleichen musste.
„Aber du lagst richtig.“
„Können wir was anderes machen?“
Sie schaltete den Fernseher aus.
Viktor konnte ihr diesen Wunsch schlecht abschlagen. Obwohl, vielleicht konnte er? Flora schrieb, sie würde später vorbeikommen. Hieß das, dass er die Kleine beschäftigen musste? Oder konnte er nicht einfach darauf bestehen, dass er all das nicht freiwillig tat?
Medea schaute ihn an. Dann zuckte sie mit den Schultern.
„Ich kann auch lesen, wo sind deine Bücher?“
„Gute Idee, ich habe eine Flatrate beim Lesehurricane.“
„Was ist das?“
„Lesehurricane? Sowas wie Büchersammler oder Seitenuniversum.“
Medea kniff die Augen zusammen. Sie schien noch immer nicht zu verstehen.
„Kenn‘ ich nicht.“
„Liest du denn nichts?“
„Doch, aber nur Bücher.“
„Das sind Bücher. Du hast ganz viel Auswahl in einer App.“
Sie rümpfte die Nase. Also brauchte er wohl echte Bücher. Davon hatte er mindestens noch fünf Stück rumliegen. Nur fand er sie weder im Schrank, noch in den Schubladen seines Schreibtischs.
Er wusste, er hatte sie nicht weggeworfen. All seine gedruckten Bücher stammten von seinen Großeltern, die nicht mehr lebten. Also konnte er sie nicht einfach wegwerfen.
Nur der Keller blieb als Lagerort übrig.
Viktor wies Medea an, nirgendwo hinzugehen. Auf dem Weg in den Keller begegnete ihm einer seiner Nachbarn. Viktor blieb stehen und lauschte. Der Nachbar ging weiter die Treppe hinauf, auch, als er an Viktors Wohnung vorbei war.
Natürlich. Warum auch nicht? Selbst wenn das Jugendamt oder sogar die Polizei nach Medea suchten, würden sie nicht einfach hier auftauchen – und sich wohl auch nicht als Viktors Nachbarn verkleiden.
Als er im Keller ankam, fühlte er sich nicht unbedingt wohler. Sein Abteil lag am Ende des langen Ganges. Viel weiter konnte er von seiner Wohnung, von Medea, aktuell nicht entfernt sein. Wenn irgendwas passierte, ein Notfall, könnte er es nicht mal hören.
Also öffnete Viktor das Schloss, griff den ganzen Karton mit der Aufschrift „Bücher“ und rannte praktisch nach oben. Der Karton wog viel zu viel. Da musste noch was anderes drin sein. Doch Viktor nahm zwei Stufen auf einmal und riss die Tür zu seiner Wohnung auf.
Medea lag auf der Couch und starrte an die Decke.
„Alles in Ordnung?“
Sie zeigte einen Daumen nach oben. Viktor erwartete, dass sie nun begeistert durch den Karton wühlen würde. Stattdessen starrte sie weiter an die Decke. Er versicherte sich, dass da oben kein Wasserfleck war. Oder ein Krabbeltier.
Dann öffnete er den Karton und holte erst einmal mehrere handgefertigte Statuen hervor. Sein Opa hatte sie im Seniorenheim gemacht. Da er nach dem Tod seiner Ehefrau aber nur noch drei Monate gelebt hatte, waren es nur drei Statuen – eine für jeden Monat. Sie zeigten alle Personen, die Viktor nicht kannte. Sie trugen Tuniken, wie die Menschen im antiken Rom.
Er entschied sich dazu, sie auf den Tisch zu stellen. Das erhaschte Medeas Aufmerksamkeit.
„Die sind schön, hast du die gemacht?“
„Nein, mein Großvater.“
In Medeas Händen sahen die Statuen größer aus. Sie fuhr vorsichtig mit dem Finger über die Konturen und nahm sich jede Statue einzeln vor. Keine Statue schien ihre Aufmerksamkeit lange zu halten, doch Viktor fiel auf, dass Medea und eine der Figuren nahezu dieselbe Frisur trugen. Lockige, schulterlange Haare.
„Mag dein Opa das antike Griechenland?“, fragte sie.
„Nun, er ist nicht mehr da. Er ist verstorben.“ Vom Tod zu sprechen, gefiel Viktor nicht. „Und ich dachte, das wären Römer?“
„Eher nicht, die Gewänder sind anders und die Frisuren sind eher griechisch, siehst du, hier …“
Sie zeigte auf einige Details, die Viktor nicht bemerkt hatte. Viktor zückte sein Smartphone und fotografierte die Statuen.
Rasputin: Dies scheinen moderne Nachbildungen antiker griechischer Bürger …
Er las nicht zu Ende.
Viktor: Danke.
„Du hast recht“, gab er anerkennend zu. „Du kennst dich wirklich mit Antike aus.“
„Ich mag die Geschichten.“
Bevor Medea sich ein Buch raussuchen konnte, bereitete Viktor einen Nudelauflauf vor. Nebenbei ließ er die Nachrichten im Fernsehen laufen. Während er sich vorbildlich über das Weltgeschehen informierte, schulte Medea immer wieder auf den Karton mit Büchern. Er verstand selbst nicht, warum er sie vor dem Mittag nicht einfach etwas lesen ließ. Aus einem unbekannten Grund faszinierte ihn ihre Anspannung. Sie konnte es gar nicht erwarten, endlich still auf der Couch zu sitzen. Vielleicht fand Viktor sich einfach darin wieder, denn so fühlte er sich nach der Arbeit auch. Allerdings seufzte er mehr und fühlte sich eher müde. Medea strahlte hingegen Energiegeladenheit aus. Für ein Buch. Verrückt.
„Erst Hände waschen“, sagte er nach dem Mittag.
Medea zischte aus dem Raum und kam so schnell zurück, dass sie noch feuchte Hände hatte. Sie bemerkte es rechtzeitig, wischte die Hände am Shirt ab und stöberte durch die Bücher.
Sie entschied sich für Die Reise des Cato.
Viktor räumte ein wenig auf, checkte seine E-Mails und machte eine Ladung Wäsche. Dann hing er die Wäsche auf. Er prüfte seinen Kontostand. Rasputin meldete sich mit Vorschlägen für die kommende Woche.
All das passierte, ohne dass Medea sich von der Couch bewegte. Sie las stetig weiter. Erst als es klingelte – Flora hatte ihre Rückkehr schon angekündigt –, schaute sie wieder auf.
„Flora!“
Medea fiel ihr um den Hals.
Sie sah müde aus. Viktor befürchtete sofort, dass sie nicht hier war, um Medea wieder mitzunehmen. Doch er sagte nichts. Flora würde schon verstehen, dass die Kleine hier nicht bleiben konnte.
Um die Stimmung hochzuhalten, bestellte Viktor am Abend Pizza. Während Medea aufgeregt über das Buch sprach, deckte Viktor den Küchentisch. Dann fragte er Rasputin nach einer Zusammenfassung für Die Reise des Cato. Er speicherte sie für später.
Ein lautes Klingeln ließ sie alle drei aufschrecken. Rasputin beruhigte Viktor: Der Lieferant stand vor der Tür. Viktor ging allein zur Tür und achtete darauf, dem Lieferanten keinen zu weiten Blick in die Wohnung zu bieten. Nun verhielt er sich also auch schon paranoid.
Zurück in der Küche fand er noch mal etwas Vertrautes in Medea – ihre leuchtenden Augen, als sie die Pizzakartons sah.
Viktor wollte Flora gerne vor dem Essen fragen, was als Nächstes passieren würde. Doch dann würde die Pizza kalt werden. Während sie aßen, konnte er nicht fragen. Medea redete wie ein Wasserfall über die erste Hälfte des Buches. Eine Heldenreise: Der Protagonist kämpfte mit Heimweh, sein treuer Begleiter war ein Hund.
Sie wurde leiser und leiser.
„Müde?“, fragte Viktor. Es war gerade mal 18 Uhr.
„Nein, ich brauche Kräutertee“, sagte sie in einem jammernden Ton. Sie hielt sich den Bauch.
„Oh. Ich glaube, sowas habe ich nicht.“
„Dann gehen wir welchen kaufen“, sagte Flora, als wäre es offensichtlich.
„Ist das denn klug?“, fragte Viktor. „Mit der Situation und so.“
Flora beruhigte ihn damit, dass sie ja nicht auf der Flucht waren. Also zogen sie sich alle drei an und gingen einen langen Umweg durch den Park, um zum Supermarkt zu gelangen. Da Medea einige Meter vorlief, konnten Viktor und Flora sich nun endlich unterhalten.
„Morgen treffe ich mich mit einem Kollegen, der mehr über Medeas Fall weiß. Bisher kann ich nur sagen, dass das System eine Untersuchung veranlasst hat. Aber nach dem ersten Besuch dauert es zum Glück, bis jemand frei ist, um wirklich einen Fall zu starten.“
„Also muss sie nicht mehr bei mir sein?“
Flora zögerte.
„Ich weiß nicht, ob sie ihren Fall morgen behandeln oder erst in einer Woche – oder noch später. Wenn du mir noch ein paar Tage gibst, kann ich mehr erfahren.“
„Ein paar Tage? Wie soll ich das machen? Ich muss arbeiten!“
„Ich weiß, du hast Homeoffice-Alternativen. Offenes-Ohr wirbt doch damit immer.“
„Ja, damit man behaupten kann, dass man mehr Mitarbeiter hat. Aber das heißt doch nicht, dass die wirklich wollen, dass wir zu Hause bleiben.“
Viktor spielte nicht fair. Er nahm regelmäßig Homeoffice-Tage, wenn er sich krank fühlte. Oder wirklich krank war. Solange man sich weiterhin an die Regeln hielt, wurde jedem Mitarbeiter Spielraum gelassen. Für ein paar Tage von zu Hause aus zu arbeiten, würde nicht das geringste Problem darstellen.
Der Supermarkt kam in Sicht. Flora schwieg.
Die hell erleuchtete Eingangshalle des Supermarkts erinnerte Viktor daran, dass sie eine kleine Flüchtige bei sich hatten. Niemand scherte sich um Medea. Sie machte keinen Lärm, rannte nicht davon. Ein Kind wie jedes andere. Nur eben nicht wirklich.
Flora griff einen Einkaufskorb, doch Viktor holte einen richtigen Wagen. Er wollte instinktiv seinen Einkaufsassistenten aktivieren, doch er entschied sich dagegen. Wenn er jetzt anfing, anders einzukaufen, würde die App vielleicht erkennen, dass er ein Kind bei sich hatte.
„Du weißt eher, was sie braucht. Ich will nichts Falsches kaufen“, sagte er und ließ sie machen.
Flora und Medea kauften viel frisches Obst, Nudeln und Suppen. Außerdem den Kräutertee und Toilettenpapier. Viktor blieb ein stiller Wagenschieber. Sie steuerten schon die Kassen an, da hatte Viktor noch eine Idee.
„Medea?“
„Ja?“
Es fühlte sich komisch an, ihren Namen zu sagen. Aber es fühlte sich auch komisch an, dass sie überhaupt vor ihm stand. Er würde sich jetzt vielleicht einfach eine Weile komisch fühlen.
„Such dir noch ein Buch aus, ja?“
Nun bekam er denselben Blick wie die Pizzakartons eine gute Stunde zuvor. Sie hüpfte kurz auf der Stelle und lief dann zu dem einzigen Regal mit gedruckten Büchern. Eine miserable Auswahl.
Als sie an der Kasse ankamen, bezahlte Flora den Einkauf. Nur das Buch nicht. Das bezahlte Viktor selbst.
Am nächsten Morgen verschwand Flora wieder, bevor Viktor und Medea aufwachten. Haferflocken zum Frühstück. Zähne putzen nicht vergessen. Abwaschen.
„Flora hat dir erklärt, dass ich jetzt arbeiten muss?“, fragte Viktor, als sie sich an den Wohnzimmertisch setzten.
Rasputin hatte die „Mir geht es nicht so gut“-Mail bereits letzte Nacht geschickt. Die Bestätigung für drei Homeoffice-Tage kam morgens gegen sieben Uhr. Ohne Zweifel automatisch generiert. Sein Vorgesetzter, Henni Meier, würde nur eine kleine Information auf seinem Computer erhalten. Drei Tage Abwesenheit? Kein Problem.
„Ja, ich soll auf dich hören und ruhig sein.“
„Besonders wichtig ist das hier“, sagte er und hielt einen kleinen Plüschbären hoch, der nicht größer war als seine Handfläche. „Wenn er den Arm hebt, so, dann darfst du auf keinen Fall stören, okay? Es dauert nicht lange, bis ich wieder Zeit habe. Aber wenn der Arm oben ist, bin ich im Gespräch.“
„Verstanden!“
Der Plüschbär war ein Geschenk zu Weihnachten gewesen – von der Offenes-Ohr GmbH & Co. KG. Man konnte die Arme verstellen und es gab vorne ein kleines Täschchen mit Reißverschluss. Man hätte vielleicht drei bis vier Ticktacks darin verstauen können.
Medea setzte sich mit Die Reise des Cato auf die Couch und Viktor fuhr seinen Arbeitslaptop im Schlafzimmer hoch. Die Updates dauerten zwanzig Minuten. In dieser Zeit postete Viktor ein Foto vom Plüschbären auf Social Media – ein Vorschlag von Rasputin. Um trotz Homeoffice engagiert zu wirken. Außerdem ließ er sich seine Gesundheitsdaten der letzten sieben Tage schicken, die über den Fitnesstracker an seinem Arm erhoben wurden. Ein einfaches Ding, ohne Bildschirm und Schnickschnack.
Erhöhter Blutdruck seit zwei Tagen – nicht überraschend. Es tauchten mehr rote Werte in der App auf als sonst. Üblicherweise verpasste Viktor es nur, genug zu trinken.
Als die Updates endlich abgeschlossen waren, machte er sich sofort an die Arbeit. Er durfte nicht riskieren, dass seine Arbeitsleistung hinterfragt wurde.
Ein Mann auf der Suche nach einem neuen Auto, ein anderer mit einem Wunsch nach einer Gehaltserhöhung. Letzterer bekam vom System den Tipp, sich einen Karriereberater zu suchen – und natürlich fanden sich gleich passende Angebote im Anhang. Manchmal fragte sich Viktor wirklich, ob die Menschen immer dümmer wurden. Beide Anfragen konnte man problemlos an seinen persönlichen Bot abgeben. Aber solange sie zahlten, durften sie fragen, was sie wollten.
Viktor schaute immer wieder zur Schlafzimmertür. Doch Medea gab keinen Mucks von sich. Als Viktor einem älteren Herren eine Gutschrift ermöglichte, nutzte er das Headset. Der Arm des Plüschbären ging nach oben. Bis der Austausch von Sprachnachrichten beendet wurde. Dann stellte Viktor den Arm wieder runter.
Nach zwei Stunden ging er zur Toilette. Weniger, weil er wirklich musste. Mehr, weil er sich Sorgen machte.
Medea saß auf der Couch. Die Beine unter sich angewinkelt. Die Reise des Cato fast fertig gelesen.
Viktor ließ die Tür einen Spaltbreit offen. Doch bis er um exakt 12 Uhr in seine Mittagspause ging, hörte er keinen Ton.
Medea lag auf der Couch, die Hände auf dem Bauch gefaltet, der Blick an die Decke.
„Alles in Ordnung?“
Sie lächelte und setzte sich auf.
„Ja. Hast du fertiggearbeitet? Ich habe Fragen.“
„Ich mache Mittagspause. Ich muss also noch mal so lange arbeiten.“
„Am Computer?“
„Ja.“
Das Lächeln verschwand. Ohne dass Viktor fragen musste, folgte Medea ihm in die Küche. Sie schnitt das Gemüse, er das Fleisch. Eine einfache Gemüse-Hähnchen-Pfanne. Für mehr blieb keine Zeit. Viktor dachte daran, dass sein Essens- und Getränke-Abonnement von der Firma noch lief und er es nun nicht nutzen konnte. Ärgerlich.
„Also, du hast Fragen?“
Er stellte ihr den Teller vor die Nase und pikte mit der Gabel in seine eigene Portion.
„Ja! Was arbeitest du?“
„Ich arbeite in der Kundenbetreuung. Wenn Menschen eine Frage haben, dann melden sie sich bei uns.“ Er überlegte, welche Beispiele für ein Kind geeignet waren – speziell für ein Kind, das nicht mal wusste, wie ein Tablet funktionierte. „Wenn man was im Internet bestellt und es nicht ankommt – dann kann man uns fragen. Oder wenn du krank bist und nicht weißt, welcher Arzt dir helfen kann.“
„Wenn ich krank bin, gehen wir zu Dr. Kleiber.“
