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Auf humorvolle Art werden prickelnde Erlebnisse bei der Partnersuche im Internet von Frauen mittleren Alters preisgegeben. Spritzig und dennoch feinfühlig wird Antwort auf die Frage gesucht, ob es möglich ist, auf diesem Wege den Traumprinzen zu finden.
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Seitenzahl: 200
Veröffentlichungsjahr: 2016
„Über Moral und Weisheit hat jederseine eigene Ansicht.Der Fisch sieht sie von unten,der Vogel von oben.“
Chinesische Weisheit
Für all die großartigen Frauen, die ihrem Leben einen neuen Kick geben wollen und es nicht von einem Traumprinzen abhängig machen
Herzhaftes Lachen nicht ausgeschlossen!
Prickelnde Erlebnisse bei der Partnersuche im Internet erfrischend anders erzählt.
Illustriert mit eigenen Grafiken und gewürzt mit Weisheiten aus aller Welt, bietet das Buch ein kurzweiliges Leseerlebnis nicht nur für Frauen jenseits der Midlife-Crisis.
Tina Levin
Online verliebt
Internetbekanntschaften
Erzählungen
© 2016 Tina LevinUmschlag, Illustration: Tina LevinLektorat, Korrektorat: Tina Levin, Thomas Döring
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7345-3677-9
Hardcover:
978-3-7345-3678-6
E-Book:
978-3-7345-3679-3
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Unbemannt wie eine Raumsonde, die ihre Marsmission abbrechen musste, feierte ich meinen 60. Geburtstag im Kreise der Familie und einiger Freundinnen. Fliederduft lag in der Luft, irgendjemand hatte einen riesigen Strauß herbeigezaubert und in einen Blecheimer platziert. Der- oder diejenige wusste wohl ganz genau, was ich mag und kannte meine Vorliebe für blauen Flieder.
Also keine Veranlassung, Frust zu schieben. Erst einmal aufhübschen. Ich werfe einen Blick in meinen Kleiderschrank: Nicht gerade chaotisch, aber unübersichtlich wie mein Leben. Shirts und Pullover stapeln sich auch in der zweiten Reihe. Strümpfe, Dessous und Schals knautschen sich bis in die hintersten Ecken der Schubfächer. Die Lieblingsteile hängen, natürlich nicht nach Farben sortiert, auf Bügeln, Jacken und Westen, sogar mehrere übereinander. Ich habe ein echtes Platzproblem, kann mich einfach von nichts trennen. Die grüne Jeans, zum Beispiel, passt schon lange nicht mehr! Zum Wegwerfen zu schade! Entscheiden muss ich mich aber trotzdem, will ja schick aussehen, wenn die Gäste kommen. Diese sind mir schon immer extrem wichtig gewesen. Ständige Veränderungen und Disharmonien mochte ich noch nie. Klingt nach Routine und Langeweile? Mit Männern ging es mir ähnlich; Trennung nur, wenn es absolut nicht passte. Wenn der Kessel am Überlaufen war, zog ich die Notbremse.
Habe endlich mein Geburtstagsoutfit gefunden, die graue Jeans war schon wieder vom Bügel gerutscht, passte sogar noch!
Es klingelt, meine Familie und Freundinnen sind gekommen. Nicht nur der Flieder duftet, sondern auch der Kaffee. Kuchen habe ich natürlich selbst gebacken. Besonders freute ich mich über den Besuch von Caro, die gerade für einige Tage in Berlin weilte. Vor drei Jahren war sie mit ihrem Mann nach La Gomera ausgewandert und lenkte mit ihrem Erscheinen das Gespräch von den Kerlen weg in eine Richtung, die mir mehr lag.
Sie wollte die Gelegenheit nutzen und sich die Chalky-Farben ansehen, die ich mir zum 60. geleistet hatte. Auf Facebook schwärmte ich ihr etwas vor von den Effekten, die damit möglich sind. Da Caro ebenfalls auf Vintage steht, wollte sie meine bemalten Möbel und Accessoires mit eigenen Augen sehen, um sich für ihre Inseltätigkeit inspirieren zu lassen. Es ist immer ein gegenseitiges Geben und Nehmen, was die Ideen betrifft. Ich dachte daran, wie schwierig es ist, Kunsthandwerk zu verkaufen, und war wieder einmal glücklich, dass ich nicht freischaffend bin und einfach so meine Kreativität in Frau Storchenschnabels Blumenparadies ausleben kann.
Umso neugieriger war ich auf Caros jetziges Leben. Sie hat nun alles, was sie sich immer erträumte: Sonne, Meer und Berge, reife Früchte und eine Schar von Hühnern, ein kleines Grundstück auf einem Felsen und dazu ein Häuschen, das ihr Mann ausbaute.
Das, was sie an Spanien stört, seien die übertriebene Bürokratie, die nahezu unbezahlbare ärztliche Versorgung und die geringen Möglichkeiten, die Kunst an den Mann oder die Frau zu bringen. Dabei macht sie in Textil und Schmuck, wunderschöne Ketten, Armbänder und Ohrringe aus speziell veredelten Papieren.
So wie ich ist Caro ständig auf der Suche nach den neusten Trends, um sich als Kunsthandwerkerin mit eigenem Atelier auf der Insel zu etablieren, denn im Sommer kommen viele Touristen dorthin.
Ans Auswandern habe ich eigentlich nie ernsthaft gedacht, nur ab und an mit dem Gedanken gespielt. Und wenn ich auswandern wollte, dann sowieso nach Skandinavien.
Das Interesse für Kunst, Garten und Kräuter – eine Idee jagte die andere – und das Wirken für die Kultur in dem Dorf hinter dem gelben Ortsausgangsschild von Berlin brachten mich mit Caro zusammen. Unter ihrem Süßkirschenbaum sitzend hatten wir uns oft lustig gemacht oder geärgert über die kulturellen Besonderheiten der Randberliner. Ich liebe dunkelrote Süßkirschen und spucke ununterbrochen Ideen aus wie Kirschkerne im Sommer. Caro dagegen hat mehr Erfahrung mit der Ideenumsetzung, konnte so erfolgreich der Hartz-IV-Falle entgehen.
Also engagierten wir uns im Kulturverein unter der Fuchtel eines Computerfreaks und strampelten uns für die gemeinsamen Ziele ab. Regelmäßig scheiterten wir mit unseren Ideen an der Bürokratie des Vorstandes und hätten am liebsten alles hingeschmissen. Aber dann schickte mir der große Vorsitzende einen seiner Schüler, der mir den Computer einrichtete. Ich leistete mir nämlich einen gebrauchten Laptop und konnte so endlich ins Internet, konnte online sein!
Nach einer schweren Trennung war der 16-jährige Junge der einzige Vertreter des männlichen Geschlechts, den ich in jenem Jahr über meine Türschwelle ließ. Er weihte mich ganz unbekümmert in die Geheimnisse des Surfens und Bewegens in Portalen und Chaträumen ein.
Bevor ich überhaupt darin erfolgreich sein konnte, lernte ich über eine Zeitungsannonce Robert kennen und zog aus Berlin ins Brandenburgische. Meine Familie und Freundinnen hatten auch diesmal vergebens gehofft, dass er der Richtige ist.
„Es ist jetzt sieben Jahre her, dass du wieder in Berlin bist, und du wartest noch immer auf den Prinzen mit dem lahmen Gaul“, stichelte meine damals 14-jährige Enkeltochter. „Such doch mal übers Internet!“ Weil ich so ungläubig guckte, setzte sie nach: „Robert war ja ganz nett, aber viel zu alt für dich.“
Die Kleine hatte es geschafft mit ihren Argumenten. Gemeinsam grübelten wir darüber nach, welcher Nickname am besten zu mir passen könnte. Zwischen Katzenbaby, Kräuterhexe und blauer flieder entschied ich mich für letzteren Vorschlag und dachte dabei an die Prachtblüten in Roberts Garten.
Als ich allein war, versendete ich als blauer flieder mein virtuelles Lächeln, um in Kontakt zu treten. Wenige Tage später, ich musste zunächst als Beweis für meine Existenz die Kopie meines Personalausweises schicken, schlug ich mit einem Foto, das ich sorgfältig ausgewählt hatte, im datingclub.de auf. Meine Chancen standen nicht schlecht. Mir wurde sogleich ein ausgehungerter, gut bestückter, heißblütiger 65-Jähriger offeriert, der eine sexy Blondine suchte, die ihn abkühlt.
„Das ist ja nicht gerade ein Schnäppchen!“, sagte ich mir und recherchierte in anderen Partnerbörsen, ob vielleicht niveauvollere ungeküsste Frösche zu finden sind. Singles mit oder ohne Niveau tummeln sich geradezu in den kostenlosen Partnerbörsen, weshalb dann Geld bezahlen?
Einige Dating-Plattformen wie men-shop sind nur für Frauen kostenlos. Die Macher sind wohl Witzbolde, denn es geht hier darum, den Mann, dessen Profil dir gefällt, in einen virtuellen Warenkorb zu legen. Der Kerl, der sich shoppen lassen will, antwortet dir dann. Eine humoristische Idee, welche auf die Kaufmentalität der Frauen abzielt. Ist der Mann eine taube Nuss, wird er ganz schnell zum Ladenhüter.
Willst du es auf einem höheren Level, wartest du also auf den Prinzen mit dem weißen Ross, dann darfst du tief in die Tasche greifen und unheimlich viel Fingerspitzengefühl beim Ausfüllen eines Fragebogens beweisen. Dieser ist nach akademischen, höchst wissenschaftlichen und empirischen Erkenntnissen der modernen Paarpsychologie ausgearbeitet worden. Er dient als Grundlage für die Partnervorschläge, die du dann mehrmals in der Woche erhältst. Der simple Zweck dieser Aktion ist es, Menschen mit gleichen Interessen, Ansichten und Vorlieben zusammenzubringen. Ergibt das an die hundert Matchingpunkte, solltest du den vorgeschlagenen Kandidaten unbedingt kontaktieren, denn der Persönlichkeitstest hat ergeben, dass ihr die gleiche Wellenlänge habt.
Kontaktieren solltest du allerdings nur Männer, die ebensolche Nachteulen sind wie du selbst und sich stundenlang in den Singleportalen herumtreiben. Voraussetzung dafür ist natürlich deine Zahlungsfreudigkeit, denn schließlich willst du die Nachteulen nicht nur angezeigt bekommen, sondern auch mit ihnen flirten.
Wie gut, dass ich eine Teenie-Enkeltochter habe, die solcherlei Stolpersteine und Fallen sofort erkennt und mich vor größerem finanziellen Schaden bewahrt!
Die kostenlose Suche und das Herumflirten übernahm ich aber doch lieber selbst und fragte mich: „Was soll ich mit einem Prinzen? Vielleicht gelingt mir bei einer neuen Marsmission eine Landung mit 99 Matchingpunkten?“
„Wenn du willst, dass man dich achte,so achte vor allem dich selbst; nur dadurch,nur durch Selbstachtung,zwingst du auch andere, dich zu achten.“
Dostojewski
Immer, wenn ich als blauer flieder ins Internetportal ging, dachte ich an Robert und die Zeit auf dem Lande. So richtig hatte ich ihn noch nicht aus dem Kopf. Vielleicht deshalb, weil wir lange nicht bemerkt haben, dass wir uns immer weiter voneinander entfernen.
Das mit dem Inserat liegt Lichtjahre zurück. Damals kannte ich mich noch nicht so aus im Internet. Es war irgendwie lustig, denn als ich meine Zuschriften von der Redaktion abholte, gab man mir einen falschen Stapel. Seinen Brief hatte ich geöffnet, gelesen und war ganz angetan davon. Beim zweiten und dritten hatte ich das Gefühl, ich sei überhaupt nicht gemeint, da altersmäßig irgendetwas nicht stimmen konnte. So brachte ich die Briefe zur Redaktion zurück, und mir wurden mit tausend Entschuldigungen meine Zuschriften ausgehändigt.
„Schade“, dachte ich, „den Robert hätte ich auch gern kennengelernt.“
Als die Neugier über meine Enttäuschung gesiegt hatte, kam mir ein Brief schon bekannt vor. So ist er, schrieb gleich alle Frauen an, hatte sicher Computer und Drucker!
In der Kennenlernphase war ich häufiger bei ihm als er bei mir, was wohl auch an seiner Bequemlichkeit lag. Für irgendwelche gesellschaftlich brisanten Aktionen nahm er dagegen den Weg nach Berlin gern auf sich. Was wusste ich schon von diesem Robert, nicht einmal, dass er 21 Jahre älter war als ich! Es gelang ihm, mich verliebt zu machen, indem er sich viel jünger gab und sich durch Lebenserfahrung, außergewöhnliche Intelligenz, körperliche und geistige Fitness von meinen vorherigen Beziehungen abhob. Er bezeichnete sich als Querdenker und schrieb Bücher, legte sich mit den Obrigkeiten an und kämpfte für Gerechtigkeit. In seinen Methoden erinnerte er etwas an Don Quichotte, aber ich war die drei gemeinsamen Jahre an seiner Seite.
Im Dorf war ich bekannt als Kräuterhexe, denn er animierte mich, aus seinem Garten ein Blumenparadies zu machen. Ich bereitete den Boden vor für meine Blumenwiese neben dem Gartenhäuschen, an dessen Giebelseite ein ausgewachsener Fliederbaum stand. Am darauffolgenden Wochenende säte ich eine Samenmischung mit Mohn, Kamille, Margeriten und Kornblumen. Ich fuhr in die umliegenden Gärtnereien, kaufte Stauden und pflanzte und pflanzte. Sein Häuschen lag zwischen Waldrand und Wiese an einem Hang. Es war nicht gerade leicht, den Waldboden zu beackern. Hier sagten sich Fuchs, Hase und Reh gute Nacht und vernaschten die eine oder andere Pflanze. Pilze, Kräuter und Beeren gab es im Überfluss, sie wuchsen quasi vor der Haustür.
Irgendwo las ich, dass im Garten genau die Kräuter wachsen, die deine Gesundheit fördern. In Roberts Garten wuchs jede Menge Lungenkraut. Nach der Beschäftigung mit Hildegard von Bingen mischte ich das Kraut in den Salat, weil er doch heimlich rauchte und dann hustete wie ein Seehund. Ich kochte Marmeladen ein, stellte Kräutermischungen her, band Sträuße, trocknete Pilze und stellte mich damit auf den Wochenmarkt. Nebenbei fotografierte ich und zeichnete Blumenbilder.
Im Sommer badeten wir im See, unternahmen Radtouren oder entdeckten mit dem Auto die Umgebung. Im Winter waren wir eingeschneit oder feierten mit der Feuerwehr Fasching. Da ging es hoch her, der ausgediente Kinderwagen war voller Schnapsflaschen und die Musik sehr laut.
Im Haus am Waldrand war immer Trubel. Wenn ich keine Kräuterwanderungen oder -seminare durchführte, kamen Roberts pubertierende Enkel oder andere wichtige Persönlichkeiten und nahmen ihn für sich in Anspruch. Ich bin selbst gern mit jungen Leuten zusammen, aber die Gespräche wurden mir mit der Zeit zu philosophisch. Seinen Hang zur strikten Mülltrennung hatte ich noch verstanden, den Drang, die Sachen seiner Söhne und seiner Ex-Frau abzutragen, jedoch nicht. Er ist halt ein Umwelt-Freak. Robert schrieb seine Memoiren, kam kaum noch hinter dem Computer hervor. Vier ganze Seiten nahm ich in seinem Leben ein. Das Buch hat jedoch 400.
Das konnte auch der Garten mit dem riesigen Süßkirschenbaum, den ich so liebte, nicht wettmachen. Schade eigentlich, denn der Kirschbaum stand in vollem Saft und voller Kraft. Das erste Jahr unserer Beziehung war ein gutes Süßkirschenjahr. Dunkelrot prangten die reifen Früchte und süß schmeckten die Küsse. Die folgenden Jahre fielen in beiderlei Hinsicht spärlicher aus. Glücklicherweise hatte ich eine Neubauwohnung in der nahegelegenen Stadt, in die ich mich dann zurückziehen konnte. Ich engagierte mich dort, und er bemerkte nicht einmal, dass ich mich drei Wochen nicht bei ihm blicken ließ.
So viel zum Rat einer guten Freundin: „Das schönste Geschenk, das du einem Mann machen kannst, ist, dass er dich vermisst.“
Nach drei Jahren Brandenburg zog ich zurück nach Berlin, denn mein Job im Blumenladen wartete schon auf mich. Die Chefin, Frau Storchenschnabel, mochte meine Kreationen, und ich durfte meiner Phantasie freien Lauf lassen. Meine Fliedersträuße arrangierte ich kunstvoll in aufgearbeitete Flohmarktfunde wie Blechbüchsen, Holzkisten und Gefäße aus Glas, Messing oder Kupfer. Nebenbei erarbeitete ich Konzepte für Wohnläden und stellte sie ins Internet.
„Was ist Liebe?Eine Hütte mit keinem Palast tauschen wollen,Untugenden und Fehler lächelnd übersehen,Hingabe ohne geringstes Zögern.“
Chinesische Weisheit
Wieder zurück in Berlin, meldete ich mich bei Berliner Singles an, einer kostenlosen regionalen Partnerbörse für Kreative und Spaßvögel.
Dort schrieb ich mich einige Zeit mit einem Line-Dance-Trainer und einem Hobbyclown. Mit einem gewissen Kiezindianer traf ich mich sogar in Kreuzberg, wo er mir die interessantesten Alt-Berliner Hinterhöfe zeigte. Alle drei kamen sehr lustig und aufgeschlossen rüber, hatten aber jeweils noch andere Eisen im Feuer.
In meinem virtuellen Postkasten herrschte zwei Wochen lang gähnende Leere. Dann tauchte er auf, der Urberliner, 59, 1,89, geschieden. Nach einigen Mails, die wir tauschten, trafen wir uns an einer Straßenbahnhaltestelle. Es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Etwas Besonderes hatte er aber, der Lulatsch vom Sternzeichen Zwillinge, lang und schmächtig wie der Funkturm, hellblaue Augen und extragroße Ohren. Damals wusste ich noch nicht, dass er besser quasseln als zuhören konnte. Sein Dialekt war nicht nur berlinerisch, sondern auch ironisch mit sarkastischem Einschlag.
Ich war fünf Jahre jünger und etwas kleiner, dafür hatte ich etliche Kilos mehr auf den Hüften. Mecker-Ede kam aus Schöneberg, ich aus dem tiefsten Osten, er rauchte, ich konnte Rauchen nicht ausstehen. Wir trafen uns öfter und näherten uns allmählich an, denn wir hatten bemerkt, dass wir ähnliche Interessen haben. Er zeigte mir seine Staffelei und sein noch unvollendetes Kunstwerk, die Kopie eines Picasso-Bildes Mädchen vor Spiegel. Er hatte sich an dieses schwierige Thema herangewagt, wofür ich ihn bewunderte.
„So ist er“, dachte ich, „durch und durch Techniker, arbeitet sich Quadrat um Quadrat vor, in welche er die Leinwand eingeteilt hat.“
Tatsächlich war er einmal Bauhandwerker und fand, dass meine Fenster schlecht schließen und die Toilette wackelt. Beim nächsten Besuch brachte er Hobel und Rohrzange mit und legte los. Der Erfolg war, dass es jetzt durch die Fenster zieht und der Hausmeister mir eine neue Toilette einbauen durfte.
Gerade bei seiner künstlerischen Arbeit suchte er meinen unvoreingenommenen Rat, hinterfragte aber jeden Satz, den ich sagte. Ich hatte ständig das Gefühl, von ihm analysiert zu werden.
Es kamen solche Sprüche wie: „Ich glaube, du bist ganz in Ordnung. Obwohl, so um die 10 Kilos abnehmen, das müsste doch drin sein!“
Seine verflossene Elfi, so nannte ich Edes letzte Freundin, quälte sich hobbymäßig beim 24-Stunden-Spinning im Fitnessstudio ab, wohin er sie öfter begleitete. Während sie sich auf dem Ergometer abstrampelte, hielt er große Volksreden oder rauchte vor der Tür. Dabei konnte er endlich mal kräftig durchatmen, denn er war ständig in Aktion.
Eines Tages übergab er mir eine Liste mit Anschriften von Muckibuden in meiner Nähe, die annähernd die Voraussetzungen hatten, die er sich für mich vorstellte. Ich dachte aber nicht im Traum daran, mich dort anzumelden, denn ich fuhr viel lieber mit dem Fahrrad oder ging in die Schwimmhalle. Zwei Diäten hatte ich, zunächst erfolgreich, hinter mich gebracht. Nach einigen Monaten waren jedoch jeweils zwei Kilo mehr auf den Rippen als vor der Abnehmprozedur. Schließlich traf ich meine Wahl zwischen dem Typ Ziege oder Kuh und fand mich mit der Kuh ab.
Da ich seine Bemühungen nicht genügend honorierte, wurde ich als Miesmuschel abgestempelt. Für eine Rucksackberlinerin ist auch das ein Schimpfwort.
Um mich abzureagieren, laberte ich immer öfter das Mantra vor mich hin: „Ick sitze da und fresse Klops, mit eenmal kloppts, ick stehe uff und kieke und wer steht draußen, icke!“
Mecker-Ede blieb völlig unbeeindruckt davon. Seine Kodderschnauze ging mir zwar auf den Senkel, neugierig war ich trotzdem auf diesen Mann. Wenn wir zusammen waren, hatte ich immer das Gefühl, es könnte vielleicht doch etwas aus uns werden. Das bisschen Rauchen, das würde er sich abgewöhnen, mir zuliebe. Versprochen hatte er es nicht nur einmal, er wartete nur noch auf den passenden Moment. Den Gedanken, dass sich sein Laster mit der Zeit zu einem echten Problem auswachsen könnte, verwarf ich immer, wenn er auftauchte. Doch jedes Mal, wenn ich ihn besuchte, schnürte es mir den Hals zu, trotz seiner Duftsprays, die er versprühte. Hatte er das Fenster auf, konnten wir vor Lärm unser eigenes Wort nicht verstehen, denn seine kleine Einraumwohnung lag an einer großen Kreuzung mit einem Feuerwehrdepot um die Ecke. Meine Rauchunverträglichkeit tat er mit dem Spruch ab, mich würde es nur stören, weil ich wüsste, dass er rauchte, und ich etwas gegen das Rauchen hätte.
Daraufhin besuchte ich ihn nur noch selten. Seinen 17-jährigen Sohn konnte er auch nur für sich interessieren, indem er mit ihm gemeinsam rauchend vor dem Computer hockte. Der Bengel war voll in der Pubertät und ließ sich von seiner Mutter, mit der er im selben Aufgang wie Mecker-Ede wohnte, überhaupt nichts mehr sagen. Sein Vater hatte sich abgestrampelt, um ihm eine Lehrstelle zu besorgen, die er nach vier Wochen hinschmiss. Stattdessen schwängerte er eine 16-Jährige.
Für mich war es eine gewöhnungsbedürftige Situation. Edes geschiedene Frau verwahrte nicht nur seinen Ersatzschlüssel, sondern goss auch die Blumen, während er mich besuchte. Es war ja alles nur wegen der Plagen, und weil er sich noch für die Ute verantwortlich fühlte, nach fast 30 Ehejahren. Ihn wurmte es, dass sie sich so leicht unterbuttern und ausnehmen ließ von ihren drei gemeinsamen Kindern und ihrem Arbeitgeber, einem Fleischermeister mit etlichen Filialen im halben Stadtgebiet. Nachdem ich seine Familie, einschließlich seiner Ute, die Kette rauchte, kennengelernt hatte, schien es für sie eher eine Erleichterung zu sein, dass sich seine ständigen Einmischungsversuche mehr und mehr auf mich konzentrierten.
Mehr als seine familiäre Situation störte mich, dass er offensichtlich noch nicht von seiner Exfreundin losgekommen war, denn er nannte mich aus Versehen mehrmals liebevoll Elfi. Mecker-Ede versuchte, die Scharte auszuwetzen, indem er von mir als seinem Elfchen sprach. Ich steckte die umständlichen Erklärungen vorübergehend in die Schublade Berliner Schnauze, denn so nannte er seine besondere Art, witzig zu sein. Die Alarmglocken läuteten bei mir, aber noch nicht laut genug, auch nicht, als er mich herausfordernd überredete, mit meinem Auto Möbel von jemand abzuholen und zu seinem älteren Sohn zu transportieren. Dieser Jemand war seine verflossene Elfi. Sie war mir nicht nur im Traum, sondern auch im Rückspiegel erschienen. Für ihn war das alles ganz normal.
Da er meine Eifersucht spürte, versicherte er mir, dass man ihm seine Ex auf den Bauch binden könne, und es würde sich bei ihm nichts regen.
Von da an ging mein Vertrauen den Bach runter. Ich legte jedes Wort auf die Goldwaage, und er auch, denn er war ein Sensibelchen, wenn es um seine eigene Person ging. Über Kleinigkeiten regte er sich auf, er hatte immer Recht, meckerte über alles und jeden, und wenn wir in Streit gerieten, ließ er mich mit meinem Frust zurück.
So war es auch am 1.Weihnachtsfeiertag, wir wollten Ente mit Rotkohl zubereiten. Diesmal hatte Mecker-Ede ein Rezept von seiner Exfrau besorgt, das er genau nachkochen wollte. Dazu passte mein Lieblingsrotkohl natürlich nicht, und es kam zum Weihnachtsstreit, wie es in seiner Familie oft vorkam. Ein Wort ergab das andere, und er war gar nicht mehr witzig. Als er endlich meine Tür zugeknallt hatte, zerteilte ich die Ente und schob die Teile in den Herd. Der Rotkohl lag leider schon unwiederbringlich im Müll. Bereits in der Nacht begann ich, mich über die köstlichen Ententeile herzumachen, die ich, ganz ohne Ex-Frau-Rezept, frei nach meiner Fantasie zubereitet hatte. Wieder einmal war mein Kessel kurz vor dem Überkochen. Die Leichtigkeit war auf der Strecke geblieben und die Liebe auch. Auf seine Telefonanrufe reagierte ich kurz und abweisend. Er tat so, als wäre überhaupt nichts vorgefallen, zog die ganze Sache ins Lächerliche. Sein Auwacka, dit is n Ding, sagte mir, dass er überhaupt nichts begriffen hatte. Schließlich ging ich gar nicht mehr ans Telefon, wenn er anrief, denn mir war das Lachen vergangen. Dann war ich lieber `ne Flitzpiepe oder Miesmuschel. Auf keinen Fall wollte ich mir auch noch Silvester verderben lassen wie im Jahr zuvor, als wir bei Freunden eingeladen waren und er mit seinen scheinwitzigen Sprüchen, Berliner Schnauze genannt, keinen Blumentopf gewinnen konnte. Er schnappte ein, verließ das für ihn viel zu leise Fest, und ich durfte zusehen, wie ich bei Eis und Schnee nach Hause kam. Die anderen trösteten mich und riefen mir ein Taxi.
Wieder einmal hatte ich genug von Männern, und sorgte für mein Wohlergehen, machte meine Wohnung schön. Frisör, Fußpflege, Ausstellungen und Kino mit den Enkeln standen auf meinem Programm. Freundinnen passten auf, dass ich nicht rückfällig wurde. Bea, die gerade dabei war, sich endgültig von ihrem Leo zu lösen, half mir in dieser schwierigen Zeit.
„Bevor du dich daran machst, die Welt zu verändern, gehe dreimal durch dein eigenes Haus.“
Chinesische Weisheit
Von Internetportalen wollte ich nichts mehr wissen. Wenn überhaupt, wollte ich mich auf normalem Wege verlieben. Im Freundeskreis galt ich als geheilt, und gemeinsam mit Bea genoss ich das Singledasein.
Wieder in Berlin! Kurz nach meinem Umzug lernte ich die coole Frau beim Ideenfrühstück im Ziegelhof kennen. Wir hatten die gleiche Wellenlänge, suchten ein interessantes Betätigungsfeld außerhalb der eigenen vier Wände. Mal etwas Neues wagen! So kamen wir auf die Idee, gemeinsam ein Kreativnetzwerk zu gründen und scharten einige Frauen um uns, die interessante Hobbys hatten, auf den ersten Blick jedenfalls. Karina, zum Beispiel, buk Körnerbrot, Elvira hatte es mit der Esoterik, und Paula versuchte sich als Gesundheitsberaterin. Gemeinsam stellten wir uns vor, präsentierten unsere Hobbys und hielten Vorträge. Bea führte die neusten Salatkreationen mit ihrem Küchenwunder vor und ich meine Blumendekorationen. Die eine oder andere hatte sich wohl gedacht, damit Geld verdienen zu können, was jedoch ein Traum blieb.
Als dann Männer ins Spiel kamen, hatte sich das Vorhaben ohnehin erledigt. Nachdem sich das mit den Männern schließlich erledigt hatte, wollten Bea und ich aufbrechen zu neuen Ufern. Silvester und Neujahr verbrachten wir gemeinsam in Warnemünde. Der kalte frische Ostseewind fegte mir den Kopf frei für neue Ideen. Sobald der Gedanke an einen neuen Kerl in meinem Leben auftauchte, verwarf ich ihn sofort. Schließlich wollte ich meine inzwischen liebgewonnene Unabhängigkeit so schnell nicht aufgeben.
„Glaubst du, dass du die einzige Frau bist, die Angst hat, ihre Selbständigkeit zu verlieren“, fragte Bea, „das wirst du aber müssen, wenn du irgendwann eine Beziehung möchtest!“
