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Als ich am Jaheswechsel 2018/19 zu schreiben begonnen habe wusste ich natürlich noch nicht, dass mein damals erstes Kapitel "Rund um die 8" mit der Idee einer Erzählung ihres verstorbenen Opas für seine Enkelin unter Corona sprichwörtlich "wahr" werden würde, so wie meine hoffnungslose Idee einer (evolutionären) Ethik des Lebens in den Kategorien Gut und Schlecht (= Aussterben). Ich habe nur Fortgesetzt (vielleicht nur wiederholt) was an mir bekannten strukturellen Ansätze der fast unübersehbaren Zahl gutwilliger, zT jahrelang um den richtigen Weg kämpfender und daran verzweifelnder Wesen, schon gedacht worden ist, aber vielleicht doch in einer irgendwie neu formulierten Anordnung berechtigten Hoffnungen folgt. Als Einstieg empfehle ich das Glossarium.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2020
Inhaltsverzeichnis
Definitione
Unsinnige Mengen Wahnsinn
Rund um die 8
Eine ganz wunderbare Eigenschaft
Ich - Der Vater des Vaters des Unsinns, oder weil Dohlen nur sinnvolle Dinge machen
Dohlen schreiben keine Briefe
(Gebrüder) Grimms Tierleben
I was at the wrong place at the right time
Von der Merkwürdigkeit der Existenz
Das Maß aller Dinge
War´s das, bestimmen jetzt im Kopfe die gelben Nashörner das Geschehen?
Wahrheit? Was ist das denn jetzt schon wieder?
Nichtdenken ist auch keine Lösung
Geprauchtwerden oder Liebe
Von was Was kommt
Der Determinator oder Freiheit als Vater des Gedankens
Brexit
Genau und Gründlich – sowas wie die Pflicht nach der Kür
Lilalogik
Mathematik, -ata
Werte, Wertschätzung, Bewertung
Das Sein als Video
Emojis
Lass dich nicht verkohlen (fake news)
Praktische Prüfung
Vorteile und Absichten
Das wirkungsvollste Prinzip
Sowas Sowas
Das Übel hat Methode
Panik
Trog-Lo-Dyt
Liebe Änne,
Gut und Böse
Apnoe
Der Ton macht die Musik
Die Freiheit der Seele – die frühen Aufklärer
Wut
Die reziproke Idee –
Was willst Du?
Puli und Trogi
recto:
Arianas Elefant
Der Stringpilot (Synthese)
Gedachtes
g + g
Try + Error
Das Wesen (W.)
Richard
Steffi
William
Ein feiner giftiger Faden
Und Milton
(Wenn schon Vernunft:) Was ist denn praktisch?
Noch mehr *chen – dein Spieler
Minimalismus vers Subsidiarität
Die billigste Matratze – komplexe Strukturen
Ratte oder: Machtspieler
Metamorphose
Tat tat tat
Schimpi
Adieu
Nachspiel 1 - praktisch
Zurechweisung
Nachspiel 2 – poetisch
Link-Liste
Häufige Abkürzungen
Briefe an meine Leser
Nachwort
Impressum
„…… , er hätte anders denken und fühlen lernen müssen. Radikal umdenken. Mit den Sinnen denken“
Uwe Timm, Morenga
„Edo ergo cogito“ (Ich fresse, also denk ich)
Tete, mein Hund – spricht nicht (s.Titelbild)
Titelbild: Wortloses Gespräch von Antje Sträter
Briefe
von t. s. richards
Opas Freunde
Das Ganze hat ein Nachspiel
Dem folgenden Buch, das außer einem etwas skurilen „Nachspiel“ genannten Skript ausschließlich Briefe enthält, sollte vorausgeschickt werden, dass versucht wurde den O-ton idR nur bei Überschreiten gewisser Grenzen zu unterbinden oder zu relativieren. Es stellt natürlich eine seltene Gelegenheit für einen Verlag dar, ein Werk eines tatsächlich verschiedenen Erzählers a posterio der Öffentlichkeit zur Ansicht (Gehör?) zu bringen, was uns freundlicher Weise durch Anna, der Adressatin und auch Übersetzerin und Redakteurin der teilweise nur als ramponierte Sprachdateien erhaltenen Briefe und „böhnenreifen“ Monologe, wie Opa sagen würde, ermöglicht wurde, die, wie sich noch herausstellen wird, vor drei Wochen leider an Covid 20 erkrankt ist.
- Anfang 2019
Hallo Anna, erstens solltest du erfahren, warum ich damals angeblich gegangen und spurlos weg war, wobei es ja nicht möglich ist, dass ich mich verabschiedet hätte. Du warst damals erst ein Jahr alt. Richtig betrachtet war das allerdings für mich schon ein Abschied. Ich erinnere mich an das T-Shirt deiner Oma, Aufschrift „Definitione“ quer über ihren unchristlichen Busen, Ausgrenzung, so habe ich das damals übersetzt, nicht gerade passend für die Mitarbeiterin einer inklusiven Einrichtung, aber für mich. Sie muss sich von mir abgrenzen. Auf einmal tauchen so viele, viele Unterschiede auf, die mir nicht bewusst waren, andere Werte sagt sie, wobei sie sich eigentlich mir gegenüber meist über die Werte meiner Tochter, auch meines Sohnes, deines Vaters, beschwert hat. Nein, nicht beschwert. Das ist doch wenn man was sagt und dann ist gut, was ja nicht möglich ist, wenn man sich über Kinder des anderen beschwert, außer die wären die eigenen. Dann ist nie gut, vor allem wenn die erwachsen sind und, ja was und? Wenn sich die Beschwerde gegen dich richtet und du nicht kapieren willst, dass du dafür die volle Verantwortung zu tragen hast. Also ich habe das zwölf Jahre lang einfach nicht begriffen, diese Verantwortung, die ich als Vater zweifellos habe, aber genauso abgelegt habe, wie ich mein erstes Leben abgelegt hatte. Definitione, Ausgrenzung meines alten Lebens und alle damit verbundenen Verwundungen. Du bist schuld an meiner Krebserkrankung. Das hat meine erste Frau einmal über meine Tochter gesagt, und ich habe stets auf den schlichten Zellbefund und die vier sinnlosen Monate verzögerte Resektion des minimalen Knotens verwiesen, zu dem ich nicht einmal den Verdacht kannte und meine Tochter gar nichts. Da war sie sechs. Irgendwann scheint diese Absurdität auch deiner Stiefoma klar geworden zu sein, so dass die Schuld zu mir gewandert ist. Definitione. Also ich, habe nach dem Befund sie nicht gerettet, eine Ertrinkende, obwohl ich neuneinhalb Jahre geschwommen bin, um sie zu retten. Also, durchaus passend für mich, die lange Strecke, nicht Hiob, Sisyphos. Das Kainsmal der Absurdität meines Unterfangens auf meiner Stirn. Ja, deshalb bin ich gegangen, ja, auch das nicht, sie ist gegangen, ich habe nur gesagt, dass sie mich nicht liebt, was für mich das einzige Gültige ist. Definitione. Ich war auch gar nicht weg, im Gegenteil, in meiner absurden Geduld habe ich sie gebeten, in unserem Haus als Mieter bleiben zu dürfen, bis mein Hund tot ist, drei Jahre? So und so viel als Gutmachung? Sonst würde ich streiten. Definitione. Deshalb bin ich damals aus eurem Leben verschwunden und schließe hier mit den Worten: „Liebe Änne, so schreibe ich eben … (s. unten).
Warum Fußnoten1
*
Gegen die Norm enthalten die verwendeten Fn. sind eingeschobene Fantasien und Funkel von Opa. Ein Irrtum zu glauben, dieses Werk gäbe es unter www.flaschenpost.de , Da gibt es nur Flaschen.↩
- Hätte deine Mama das nicht verhindern können?
Opa erzählt noch in einem seiner späteren Briefe von einem Traum, von einem Todeserlebnis, das seinen Briefen vorangegangen sei. Er habe von seiner eigenen Beerdigung geträumt. Sebastian Puffpaff am Rand der Grube, mit einem verheulten Auge. Opa, in diesem Brief:
Mit dem anderen knipst Sebastian ständig und flüstert mit unbewegtem Kiefer: Hey Opa, in 30 Minuten, in 30 Minuten. Er liegt bewegungslos im offenen Sarg in der Grube und ständig treten ihm völlig unbekannte Leute vor, die so tun, als nähmen Sie, wozu?, Abschied. Beim 7. (siebten?) wird es ihm zu viel und er bewirft sie mit Dreck, worauf sie in Deckung gehen. Er protestiert, „How dare you!“ Er kann nicht mehr, ihm fehlt die Luft. Sie ist einfach weg, nichts, ein Sprung ins All. Sie sei offenbar nicht nötig, da er schon tot ist. Von der Seite, geduckt, um seinen Würfen auszuweichen, Sebastian. Der versucht eine Rolle Papyrus an seinen Füßen unter zu bringen, fummelt endlos rum und zischt dann, „da, was zu lesen für nachher“. Ich habe an meine Kehle gegriffen, getastet, wieso ohne Luft…
Und dann sei er plötzlich aufgewacht und sei bei seiner tatsächlichen Beerdigung im Sarg gelegen, Deckel geschlossen, also das wirkliche Ende. Er habe wieder nach Luft geschnappt, herzrasend. Und schließlich sei ihm die Rolle eingefallen:
Die Rolle, meine letzte Möglichkeit, und mit aller Kraft, schabbel, schabbel, schiebe ich die Rolle nach Oben… uunndd endlich habe ich das Ding an den Fingerspitzen, um das Ding an sich zu mir nach oben zu ziehen. Da liegt noch etwas, ein Schreiberling. Ich rolle, mit aller Kraft versuche ich, das Schriftstück zu entrollen. Es ist kein Platz dafür, bis ich die Idee habe, das Ding über meinen Kopf zu bugsieren und die Rolle auseinander zu ziehen. Die Innenseite, ja, die Innenseite über die Augen, um zu sehen. Und dann stehen da in Leuchtschrift … ein paar krakelige Worte, … ein Gedicht?
Das Gedicht hat Opa diesem späteren Brief beigefügt:
Hier alter Schuft,
Damit hinab in deine Gruft,
Dein Schalk, gelangweilt, nicht verpufft.
Außer den paar Zeilen,
Nur ein Stift zum Feilen,
Von ein paar Sätzen
Dein Sebastian
Die Rolle hat er dann wohl in seinem Traum verloren.
Sonst nichts! Und fügt dann hinzu, wie schon im vorigen Brief:
„Liebe Anne, so schreibe ich eben, genug hab´ ich gelesen. Wenn Mama mir nur diese schreckliche Beerdigung erspart hätte und diesen entsetzlichen Lärm. Und nur ein Stift zum Feilen,
von ein paar Sätzen, und dann auch noch, … Sebastian.
Liebe Anna-Mila, so schreibe ich eben statt… Wenn Mama mir nur … und dieser entsetzliche ….
Kein Wunder ... Es ist ja sowieso besser, dass Gras über diese Sache wächst.“
*
Das Gefühl der Vergangenheit
Hallo Äntchen. Was hab ich gebraucht, um mich zurecht zu finden! Du musst nicht meinen, dass ich trotz lethargisierender Thanatophobie (= Todesangst) aller hier unten nicht rund um die 81 beschäftigt wäre. Wie hätte das gehen sollen? Du musst doch erst mal so alt sein, dass es bei dir klingelt, du abhebst und man bei dir was loswerden kann, was ja ganz ausgeschlossen ist, wenn Du selber …. Geduld, warten lernen. Vielleicht hätte ich Dir schon mal ein Kästchen mit meinen Gebeinen2 oder meine Espressotassen als kleine Geschenke zukommen lassen sollen, für meine Aspirantin?
Seit Corona ekelt mich der Begriff Aspirantin -warum gerade ich? (Anm. von Anna)
Nur eine kleine Gefälligkeit. Ich Habenichts habe nichts, will dir aber wenigstens und unbedingt was ganz gut und fest einpacken und schicken, was Besonderes, was Du dann ganz langsam auspackst und wo Du nicht aufhörst, deinen Kopf zu schütteln, damit das Durcheinander an die richtige Stelle kommt. Der Olle, was der für Sachen macht, und so ein junges Mädchen wie Du und auch noch meine blöde Angst, dich zu erschrecken.
Also hab ich mir gesagt: Hör auf zu denken alter Mann, was ja sowieso ganz normal ist, nach dem Ende. Mit de Knochn denkse nich, wa. Außerdem find ich schon immer besser, was zu machen ohne Denken3, und Du hörst was Undurchdachtes. ….. (unverständlich). Ich krabbel nicht gleich wieder aus meinem Sarg oder besuch Dich im Schlaf. Ich hatte nur den blöden Einfall nach meinem Tod so zu tun, als gäbe es mich noch. Il maestro del vuoto (der Herr des Nichts). Oder es gibt mich noch. Und erzählen kann man ja trotzdem immer was. Flaschenpost. Der unerzählte Rest. Und was hat der Alte zu Lebzeiten dauernd gemacht? Genau, labern, dass die Maden aus dem hölzernen Sarg springen. Außerdem ist das alles ja nicht überflüssig, auch wenn´s nicht ganz so spannend ist, auf dem ollen Käse, den man erlebt hat und eben, so, war und ist, den ganzen Tag rum zu kauen. Nein-nein, das ist eine ganz dolle Sammlung, wie in einem, hm ..,, Museum, meineErinnerungen und die vielen Aufzeichnungen4, mehr kann ja so ein toter Mann sowieso nicht von sich geben. Finde ich jedenfalls. Alles relativ. Bei manchen ist das schon vor ihrem Tod so, das sind ganz schrecklich arme Kerle, leiden im Altersheim vor sich hin und dürfen kein Würstchen mehr auf den Grill legen5. Aber nicht dein Opa. Schade, dass Du mich hier nicht besuchen kannst, aber Du kannst nicht einfach, schnips, hier oder da hin ausbüchsen6, so wie du nicht einfach in die Gruft oder zurück in die Eizellen deiner Eltern …….. kannst. Das ist die Geißel des Daseins, vor der alle Romanschreiber flüchten7. Es ist bei Dir da oben eben alles so, wie das großzügige Erbe deiner Eltern, auf das Wesentliche beschränkt. Haha. Geld ist nicht alles. Grips musst Du haben, selbst im Grab. Das ist in der ganzen Natur so, von der wir nur ein ganz, ganz winziges Staubkörnchen sind. Und das ist auch kein Lob an die Verlebenden, Verbliebenen, Ver … , na, den kriegen wir noch, sondern ……………. was bleibt, ohne Ver-?, also – na stecks dir einfach unter die Matratze. Es reicht ja auch, wenn du ab und an mal nachblätterst und nachdenkst, was
logisch
Ist. Das Wesentliche, aja. Na was ist wesentlich? Na pass mal auf. Viele Tiere, zB, die nur ein kleines Gehirn haben, kommen sogar mit ihrem kleinen Gehirn ganz prima zurecht. Das liegt daran, dass sie im Gegensatz zu deinem Opa sowieso ganz viel weglassen – außer den Kern der Sache8. Zum Beispiel sieht die australische Dohle nur lauter senkrechte Striche neben sich9, das sind die Bäume. Sie fliegt deshalb langsamer, wenn sie ganz viele Striche neben sich hat, es könnte ja von rechts oder links plötzlich ein anderer Vogel ihren Weg kreuzen, den sie nicht gesehen hat, oder ein Ast oder ein Eichhörnchen, dass sich verzweifelt in ihre Flugbahn wirft. Und wenn die senkrechten Striche verschwinden hat sie freie Flugbahn - oder so ähnlich musst du dir das vorstellen.
Wenn du gut aufpasst, kannst du das auch. Bei einigen Lebewesen ist es allerdings besser, wenn sie nicht Teile ihrer Erinnerung10 unterschlagen, zum Beispiel bei den Nazis, äh, naja. Das ist das, was Stiefoma partout nicht leiden kann, rumlabern. Mit dem hatte ich´s immer schon. Das passiert eben, dass da bei mir ganz spontan ´ne andere Idee dazwischen rumpelt11, sorry. Ich erzähl Dir sowieso später noch einiges von gefährlichen Brillenträgern. Jetzt geht´s aber erst mal ums Gucken und die Dohle. Also, pass auf: Wenn Du guckst ist das was Du siehst schon eine Erinnerung, zwar noch eine ganz frische, aber eben eine Aufzeichnung von deinem Apparat da oben drin in deiner Birne, die Du dann mithilfe allerlei alter Erinnerungen weiterverwurstest12. Also ist erst mal das Festhalten von dem ganzen Müll das Entscheidende, wo Altes zu Neuem dazukommt und sich praktisch lagenweise aufeinanderstapelt.
Das nennt man „Wissen“.
„Das Wissen, welches zuerst oder unmittelbar unser Gegenstand ist, kann kein anderes sein, als dasjenige, welches selbst unmittelbares Wissen, Wissen des Unmittelbaren oder Seienden ist.“ (Hegels Phänomenologie, S. 69)
Und aus dem Modder entsteht dann … . Genau deshalb merkt sich die eidetische Dohle den Barcode und keinen Müll. Es bedarf – gut oder schlecht – einer für sie nützlichen Struktur, aufgrund derer es vom Unmittelbaren zum Gemerkten wird.
„Im Denken bin Ich (dann) frei, weil ich nicht in einem Andern bin, sondern schlechthin bei mir selbst bleibe, und der Gegenstand, der mir das Wesen ist, in ungetrennter Einheit mein Fürmichsein ist; und meine Bewegung in Begriffen ist eine Bewegung in mir selbst.“ (Hegel, a.a.O., S. 137)
Oder erst mal „Bewegung meiner selbst“, weil das Denken bei seiner „evolutionären Geburt“ wohl erst mal eine motorische Reaktion war und die es antreibende Struktur wohl sowas wie ein Gefühlsszenarium, das sich, sangwermal … über 500 Mio. Jahre entwickelt hat, seit es zB die Urschnecke mit dem schönen Namen Bellorophon gegeben hat, was, pardon, gleichzeitig eine der verrücktesten griechischen Sagen ist.
Psst, hergucken, „eidetisch“, was ist das?
Opa vergisst die Frage und rumpelt weiter mit seinem Thema, der Erinnerung.
Erinnern ist gut und nützlich, ja sogar und ganz besonders dann, wenn was Schlimmes passiert. Man nennt das heutzutage „Konditionierung“, würde man, wenn es klappen sollte.
Meistens weiß man aber nicht mehr genau, wozu. Und gerade, wenn´s schlimm ist, streikt bei vielen das Kasterl, weil zahllose Gefühle auf einen einstürmen. Man vergisst manches, vergreift sich in der Struktur und hat oft nur noch sowas wie ein Eselsohr in der Erinnerung oder verhört, verriecht, verguckt oder verschmeckt sich. Das (Eselsohr) ist irgendwie was ähnliches, wie bei der Dohle, die aber vielleicht weniger falsch macht, als wir mit unserem überladenen Misthaufen.
Mal ein menschliches Beispiel: ich spiele jetzt ein Lied mit einem falschen Ton13.… Ich nenne das „Hänschen dick“, weil es einen dicken, falschen Ton am Ende hat. Wenn du dich in ein paar Jahren daran erinnerst, wird irgendein Schnipsel mit „ein Kinderlied“ und „falscher Ton“ in deinem Gedächtnis geblieben sein, außer du wärst zum Beispiel ein Fachmann14, also vielleicht eine begabte Musikerin, wie dein Papa, dann würdest du dich vielleicht an mehr erinnern, zum Beispiel an das Instrument oder daran, dass derjenige nicht richtig spielen konnte. Also hängt die Erinnerung von unserem Bemus ab, was er kann und was ihm wichtig ist. Der Bemus ist das, was bei deinem Papa oder deiner Oma, der Mama von deinem Papa, morgens immer bematscht gewesen ist. Das liegt daran, dass ihr Kopf morgens noch nicht ganz funktioniert, dann nennt man ihn Bemus. Oder zum Beispiel, wenn man ihn sich angeschlagen hat, dann sagt man, ich hab´ mir den Bemus angehauen. Der kann sich dann natürlich auch nicht so gut erinnern, weil ein bematschter Kopf nicht gut denken kann, was ja auch oft der Grund ist, wenn einer dauernd irgendeinen Quatsch macht, sich zum Beispiel besäuft, da sagt die Mama zum Beispiel, der hat sie nicht mehr alle oder hat einen im Tee15. Die Erinnerung oder der Tee haben es deshalb in sich. Wenn also zum Beispiel ein Fachmann in irgendwelchen Aufzeichnungen herumkramt, kann er damit viel mehr anfangen, und damit nützliche Sachen anstellen, was vielleicht bei dem Lied oben nicht möglich ist, das gibt nur Unsinn.
Deshalb solltest Du entweder dauernd was lernen, um wenigstens ein bischen Fachmann zu sein oder zumindest einen kennen.
Trotzdem merkt man sich ganz besonders solchen Unsinn, weil er zum Beispiel lustig ist. Unser Bemus tut also dauernd irgendwelche schicken Sachen, die irgendwie auch mit vielen Gefühlen zusammenhängen und wie ein Durcheinander aussehen, eben wie Mus. Deshalb Be-Mus. Darüber macht man sich gar nicht genug Gedanken. Ich möchte von dir wissen, warum glaubst du, liebe Anna, dass so viele Leute sich so viele, ja Wahnsinnsmengen Unsinn, nein unsinnige Mengen Wahnsinn, na was jetzt, also irgendwas merken, in dem sie auch andauernd herumkramen, davon träumen, allen möglichen Leuten erzählen, so lange, bis die dann auch einen ganz bematschten Bemus haben. Damit weißt Du aber noch nicht, was und wie genau das in deinem bemitleidenswerten Hirnkasterl weitergeht. Bei meiner nächsten Geschichte erzähl ich dir deshalb was über Fantasie. Aber merk dir außerdem die Frage. Noch bist Du Niemand16.
Eidetik: Durch Hineinversetzen mit allen Sinnen und allem Wissen gegebene Möglichkeit der (1) umfassendsten Erkenntnis eines Zusammenhangs (Kausalität), im gen. Fall der Dohle heißt das, beim (2) Fliegen die Bäume als Striche wahrzunehmen (Struktur oder einfacher Algorithmus, s. unten). Ende des Unterrichts
Also mal drei Anmerkungen, ihr Schlaumiesen: Erstens, wer sagt, was, wie am umfassendsten (1) ist? Muss der dann im Zusammenhang geschlafen und drei Nobelpreise haben? Zweitens (2), wozu? Die Dohle braucht das nur zum Fliegen. Drittens (3), neigt das Ergebnis zum Verkrusteln, so alla, ich hab mir und allen das jetzt mal erklärt, basta. Das is jetzt nur, damit Du merkst, dass Du nicht Männchen machen musst, weder wenn son Ayer-Kopf, oder was mit `nem Bundesadler drauf um die Ecke kommt. Oder etwas pianissimo und capissimo: Der eidetische Gewinn ist in direkter Abhängigkeit von der
(1) Menge der Daten, (2) der Fähigkeit, die zur Beantwortung gestellten Frage passendste Struktur (Simplifizierung) und schließlich (3) schnellste und sicherste Rechenmethode zu finden,
wobei schon bei (1) ein tödlicher Klops verborgen ist. Äh … hunderte, Denn wir merken tausende Klopse, egal. Und wir merken uns am besten die falschen Sachen, wie zB „Hänschen Dick“, wegen dem falschen Ton. Läuft mir da doch gerade dieser Bassist über den Weg, hm … Breton Woods, nee, aja: Victor Wooten, der hat wohl seinem Notenmaterial nach schon als Kind eine klassische Ausbildung … , was, ich soll aufhören, irgendwelche Speku… . Naja, der sagt jedenfalls und führt das einem verduzten Reporter mit Kindergitarre vor, der drei Akkorde anschlägt, nach welchem Prinzip er seine Bassline dazu entwickelt und behauptet frech, dass er da immer was reinschummelt, was nicht ganz passt, disharmonisch, nur einen Ton oder Griff, den aber bis zur Auflösung immer wieder. Und dann hast Du ihn, den Zuhörer, er wird aufmerksam, interessiert sich, es lädt sich auf. Ich vermute mal, das ist ein Schnitt, wo Logik und Gefühl sich kreuzen oder Gefühl logisch ist oder umgekehrt, hilft, denn das macht ungeheuer viel Sinn, dass schon unsere Gefühle das wichtige (unpassende) Puzzle oder Schnipsel uns auf dem Präsentierteller servieren, aufgrund dessen wir unsere Flugbahn vielleicht ändern sollten – als Dohle, ja schon die Dohle …
Deine uralte Gefühlswelt sortiert also erst mal und der Rest ist erst mal weg und dein Eierkopf voller Logik kramt anschließend am besten eidetisch in dem löchrigen Mist dann verzweifelt rum, weshalb Du alles in endlosen Schleifen wiederholen musst, woran dich meistens damm aber wieder die verkonditionierten Gefühle hindern. Das gemerkte liegt also als emotional vorsortierter Salat in irgendeinem Sack im Koppe, um dann hin und her, lagenweise, schwurbel die schwurbel.
Na, das fängt ja gut an.
Frei nach Hegel wäre dann nach dem Selbstbewusstsein zu fragen, das sich dann in dem in seinem Knecht gefangenen Herrn entwickelt, wozu Du auf die mittlerweile einigermaßen akzeptierten EQ-Fachleute zurückgreifen kannst, die systematische Übersichten über die zunächst verkackten Gefühlslagen verbreiten, die eine mehr oder weniger verkrustelte Persona bilden..
Mein liebstes Beispiel ist „Stiefi“ also eine nicht verwandte Verwandte. Bei Männern findet man das seltener. Ein „Wesen“, das dich in jeder Faser seine Unzufriedenheit und dein Ungenügen spüren lässt, mürrisch, versteinert, mißmutig, unpassend bis zu kränkelnd, vorwürfig, egal, ein Haufen auf dich fixierten Unglücks.
Der Irrtum der „reinen Vernunft“ ist der, das würde sich in Freiheit des Geistes geben und der Herr könnte sich des Knechtes entledigen oder wie Hegel mal gedacht hat:
„In einem freien Volke ist darum in Wahrheit die Vernunft verwirklicht; sie ist gegenwärtiger lebendiger Geist, worin das Individuum seine Bestimmung, das heißt, sein allgemeines und einzelnes Wesen, nicht nur ausgesprochen und als Dingheit vorhanden findet, sondern selbst dieses Wesen ist, und seine Bestimmung auch erreicht hat.“ (S. 236)
Du wirst noch merken, dass dazu vielmehr ein ziemlich abgebrühtes, aber umfassend verständiges (selber denkendes) Wesen gehört, das Du mit Hilfe deiner Eltern selbst erschaffen müsstest und auch kannst, wenn Du gut aufpasst. Jetzt weisst Du aber wenigstens schon, dass Evo dir ein nützliches Emoji mitgegeben hat.
*
Da habe ich schon wieder was vergessen. Wer? Der Ich1, der aus dem Grabe spricht. Das mache ich oft am Telefon, wenn einer fragt, wer da ist oder mit wem er verbunden ist, dann sag ich einfach, der Ich. Einmal hab ich sogar gefragt, „Wollen Sie meinen Opa sprechen? Der ist leider schon tot!“. Das solltest du auch mal ausprobieren, ist richtig spannend, wenn der gleich weiß, dass er deine Mama oder Papa nicht so leicht haben kann für sein blödes Werbegespräch. Das Ich ist oft der Dreh und Angelpunkt oder man könnte eben sagen, wenn man an die Dohle denkt, auf die Frage kommt es an, in dem Fall, was mach ich, um den los zu werden.
Man kann sich aber auch irgendwas gigantisches fragen, zB: Wozu Schabe, bist Du (da), was meistens ein Gefühl der Leere in dir zur Folge hat:
Da kommt jetzt was richtig „leeres“, aber mit einem sog. Bavarian Ending (sowas ähnliches wie nett)
Es gab mal einen berühmten Schriftsteller namens Camus, wobei man das „US“ wie „Ü“ spricht, weil er ein Franzose war. Er hat eine alte griechische Sage über einen Mann namens Sysiphos (geschrieben: Sisyphos?!) ausgegraben. Das war erst mal ganz unspektakulär der erste Bürgermeister von Korinth, der geschäftstüchtig, wie so Bürgermeister sind, dem Flussgott Asopos die Adresse von Zeus verraten hat und, na du weißt schon .. Zeus hat ihn deshalb in den Hades (= Hölle) und zwar in den verschärften Teil Tantaros, zu seinem Kumpel Tantalos, der mit den Qualen. Jedenfalls dieser süße Voss (also der Ich) war von den Göttern, wie Zeus dann später behauptet hat, verdonnert worden, sein Leben lang einen Felsbrocken auf den Gipfel eines Berges zu wälzen, von wo der dann wieder runtergerollt ist, damit das ewig so weiter geht. Das ist halt so eine Geschichte über das Ich, die Leute waren früher schon nicht unbedingt helle und man hat ihnen damit erklärt, welche Macht die Götter haben über das Ich oder den Ich, egal, und mit solchen Gruselgeschichten hat man sie bei Laune gehalten. Und dieser Camus hat dann gesagt, dass unser Felsenwälzer, bzw. sein Ich, trotzdem frei wäre und man hat das dann Existenzialismus2 genannt. Der Sinn des Lebens praktisch als Steinewälzer, also außen praktisch ein Sträfling der Götter, innen aber frei, weil er im Kopf zum Beispiel sich mit den Steinen lustige Murmelspiele ausdenken kann. Ein paar andere haben sich aber dann unten hingestellt und immer hämisch gerufen „Felsenwälzer, Felsenwälzer, Felsenwälzer“ und dann ist ihm der Kragen geplatzt und er hat das einzig Richtige getan und den Stein rollen lassen und geschrien: „Ich scheiß auf euren Camus“. Das war der Großonkel deines bayerischen Großvaters. Der hatte beim Denken also jedenfalls kein Gefühl der Leere in sich und hat die Frage auf den Müll …, na Du weißt schon. Der hat immer gesagt: Du lebst doch genauso wie ich zum ersten Mal, also stell nicht so blöde Fragen.
Von dem kann ich noch ein paar andere Geschichten erzählen. Der hat immer gesagt, Du musst ganz stark aufpassen, wenn was mit einem „Ü“ oder „Y“ und nem „S“ vorkommt, allein schon die Schnute, die einer macht, bei sonem „üs“ oder „pss“. Das ist ganz schlecht. Das macht Mama immer, wenn dein Papa im Kino nicht aufhören will, beim Mampfen der Popkorns zu rascheln oder des Popkorns oder der Popkörner3. Jedenfalls hmpft er da auch noch schrecklich dabei. Außerdem versaut er sich sein T-Shirt. Gottseidank hat 30 Jahre später ein ganz toller Schriftsteller die Frage von dem Camus richtig hingestellt, äh gerichtet, hingerichtet, äh, wie heißt das denn jetzt. Jedenfalls heißt der Solschenizyn (-nyzin?). Der hat die Geschichte mit dem Steinewälzer dann ein bisschen aufgepeppt. Da sind es dann ganz viele Leute und nicht nur einer, die irgendwas gesagt haben, was man nicht sagen darf, oder die zu jemanden gehören der irgendwas gesagt hat was man nicht sagen und auch nicht machen darf, also praktisch alle, und die müssen deshalb alles Mögliche mit Steinen und Beton und was weiß ich herum wälzen und Hütten bauen, in denen man auch als Mensch nicht wohnen kann, weil draußen alles erfriert und drinnen Nix warm wird4. Und die haben alle nichts zum Trinken, weil alles auch gleich erfriert. Und zum Glück kommen sie auf die Idee, den Beton zu kochen, weil er sonst friert und nicht fest wird und vollkommen zerbröselt. Und da können Sie sich von dem Wasser, das sie dafür brauchen, immer etwas abzweigen, warmes Wasser. Aber trotzdem sind sie gestorben wie die Fliegen, aber immerhin haben ein paar überlebt. Und dann haben alle das kapiert, die Geschichte, die hat eben nichts mit Freiheit zu tun, sondern der Frage nach existentieller Gerechtigkeit5. Die braucht nämlich sogar das kleinste Würmchen zum Leben. Das ist also zum Beispiel „gut“, wenn keiner sinnlos abgemurkst wird und ist ein sog. Wert. Und die Lehre von den Werten, also die Frage nach Gut und Böse nennt man Ethik.
All sowas machen Dohlen sowieso nicht... obwohl: Die Dohlen mögen es auch nicht, wenn man eines der Spätzelein ihrer Brut abmurkst. Leben tun die dann alle selber und ohne sich sowas zu fragen. Die Existenz fragt eben nicht, sondern ist, oder doch?
*
Durch Gewaltverstümmelung geschaffene Abstraktion aller personae↩
zB J.P. Sartre, unlesbar wie Hegel, außer seine Theaterstücke↩
Nominativ o. Genitiv Singular oder Plural – was jetzt↩
Deine Tante Irmgard hat Tete (mein Hündchen) am Biwak in Jakutsk angebunden und vergessen↩
Immerhin hat J.P.S. die Fliegen geschrieben, oder? Ne, oder?↩
