Operation Ljutsch - Reinhard Otto Kranz - E-Book

Operation Ljutsch E-Book

Reinhard Otto Kranz

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Beschreibung

In "Operation Ljutsch" zeigt der Autor nach dreißigjähriger Recherche die geheimen Hintergründe der Deutschen Einheit auf – vom Machtantritt Gorbatschows über den Kreml-Flug, bis zur Maueröffnung am 9. November in Berlin – der Europäischen Perestroika. Begegnungen mit Beteiligten, bei Reisen vor und nach der Wende in Ost-Europa, die im Kern der Handlung autobiografisch verbunden sind, bilden den Rahmen der Erzählung.

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Seitenzahl: 685

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Reinhard Otto Kranz

Operation Ljutsch

Schlüssel zur Deutschen Einheit

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort: Berlin 2015

Teil I: Das Vermächtnis

1 Der Notar

2 Ein Brief – eine Liste – ein Vermächtnis

3 Die Grauen nehmen die Spur auf

4 Flucht aufs Land

5 Oie begegnet den Grauen

6 Ulms Elysium

7 Feindlich-freundliche Kooperation

8 Fischzug der Erinnerungen

9 Brand-Jagd

Teil II: Verbündete

10 Samuel Nussbaum – Kryptologe

11 Nussbaums Talente

12 Dollar-Depot

13 Katharina

14 Reisevorbereitungen

15 Rudolfs CoCom-Geheimnis

Teil III: Lettische Geschichten: Der Kreml-Flug – Operation Prelomlenie (Lichtbrechung)

16 Zweimal Riga

17 Hermannis Visvaldis

18 Auf dem Letten-Land

19 Kreml-Flug-Dirigent Oberst a.D. Valentin Kiparsky

20 Lettische Erzählungen

21 Nacht-Kampf mit den Grauen

22 Flucht zur Insel Ruhnu

23 Helsinki-Törn

Teil IV: Russische Capricen

24 Operation Abendlicht – der Kreml-Flug Plan C

25 Helsinki-Positionen

26 Sankt Petersburg

27 Professor Kusnezow – Seismograph einer wirtschaftlichen Implosion

28 Unruhe

29 Sankt Petersburg – Moskau

30 Petrows Erzählungen – die politischen Hintergründe der Europäischen Perestroika

31 Die Dienste stochern im Nebel

Der Autor

Vorschau Band Zwei

Impressum neobooks

Vorwort: Berlin 2015

„Es gibt Geheimdienste, die sind so geheim, dass praktisch keiner von ihrer Existenz oder ihren Leuten weiß. In der DDR existierte so ein Supergeheimdienst neben der Stasi. Es war der Geheimdienst der Nationalen Volksarmee.“

Moderatorin Sabine Christiansen,

1992 in den ARD-Tagesthemen

Der einflussreiche und mächtige Devisenbeschaffer der DDR, Alexander Schalk-Golodkowski – ein Staatssekretär, Handelsmann und Oberst der Staatssicherheit – deutet in der von ihm autorisierten Biografie die bisher rätselhaften Ereignisse, die zur Wende und der Maueröffnung führten, als Operation bisher unbekannter Dienste.

In Operation Ljutsch zeigt der Autor nach dreißigjähriger Recherche die geheimdienstlichen Hintergründe der Deutschen Einheit auf. Vom Machtantritt Gorbatschows 1985 über den Kreml-Flug bis zur Maueröffnung am 9. November 1989 in Berlin.

In einem zweibändigen Roman werden Fakten historischer Ereignisse und Fiktion zu einer autobiografischen Road-Story verknüpft, in der zwei deutsche Veteranen der Ereignisse, ein Künstler und ein Hauptmann a.D., durch den Osten Europas reisen und Fachleute, Freunde und ehemalige Offiziere der Militärgeheimdienste treffen.

Sie erhalten dabei Schlüsselinformationen zu den Hintergründen der ‚Europäischen Perestroika‘: eine verblüffend durchschlagende Strategie mutiger Menschen, die eine drohend tödliche Konfrontation beenden half und die bis in die Gegenwart nachwirkt.

Das Ende des Kalten Krieges kam planmäßig. In nur vier Jahren löste eine Supermacht konspirativ ihr eigenes Bündnis, das noch kurz zuvor der NATO auf Augenhöhe gegenüberstand und sich als ideologisch begründeter Sieger der Geschichte sah.

Heute, nach über zwanzig Jahren, fragen sich viele, wie das geschehen konnte? Was waren die wirklichen Ursachen und Hintergründe für diesen rasanten Rückzug, der wie ein Zerfall wirkte?

Bis heute wird kolportiert, dass der ehrenwerte Herr Gorbatschow auf Mahnung des ehrenwerten Herrn Sacharow den moralischen Offenbarungseid des Systems in die dilettantisch-pragmatische Politik der Auflösung eines Imperiums überleitete.

Ein bis an die Zähne bewaffneter Militär- und Sicherheitsapparat schaute dabei untätig zu, bis alles im Orcus der Geschichte verschwunden war.

Wie naiv!

Das zu glauben ist ähnlich unrealistisch wie anzunehmen, der einst ehrenwerte, jetzt ramponierte, Herr Obama oder seine Nachfolger könnten auf Anregung des ehrenwerten Dalai Lama alle siebenhundert Stützpunkte im Ausland räumen, die NATO auflösen und eine weltweite Friedensbewegung anführen. Vorbei an siebzehn Geheimdiensten und einem alles beherrschenden Militärisch-Industriellen Komplex.

Was war das - die Wende in Deutschland und Ost-Europa? Wie konnte das Geschehen und weshalb geschah es so schnell?

Dokumentationen, Untersuchungen und Protokolle zu den Ereignissen und vermeintlichen Hintergründen der Wende, beantworten viele nahe liegenden Fragen nicht. Sie wecken berechtigtes Misstrauen bei vielen.

Dieser Roman zu den Hintergründen der Wende ist inspiriert der großen Zahl historisch verbürgte Fakten und verknüpft sie mit autobiografischen Erlebnissen des Autors.

Aktionen und dokumentierte Aussagen lebender Personen im Zusammenhang mit den Ereignissen in Ost-Europa, die gemeinhin mit Wende beschrieben werden, sind Teil der Handlung.

Namen einiger handelnder Personen des Romans sind aus Gründen des Quellenschutzes verfremdet, ebenso wie die einiger beteiligter Organisationen.

Es ist eine Geschichte von Mut, Verantwortung und Moral – und immer dabei auch die Frage, wie viel der Einzelne noch selbst in der Hand hat, wenn er ins wilde Wasser der Ereignisse gerät.

Teil I: Das Vermächtnis

Menschen folgen nicht Menschen, sondern ihren mutigen Ideen!

1 Der Notar

Wieder schien eine Schachpartie eröffnet und Albrecht van Oie fragte sich, ob es für ihn ein ebenso gutes Ende nehmen würde wie damals, als die Mauer in Berlin fiel. Als dem erleichterten Aufatmen ob des friedlichen Durchbruchs, der einen befreienden Aufbruch verhieß – Tage wie Hammerschläge folgten und die Zeit einer anderen Auslegung anbrach, die noch Generationen umtreiben würde.

Eine neue Zeitrechnung, in der die anlaufende, Geld getriebene Zentrifuge der deutschen Vereinigung sogleich begann, die suchend Besonnenen, Nachdenklichen und Verunsicherten an den Rand zu schleudern.

Nachhallende Ereignisse, Personen, Fakten und Vermutungen zwischen Kreml-Flug und Mauerfall mischten sich seither zu einem Puzzle von Figuren und Schachzügen, das unentschlüsselbar schien, da kein plausibles Gesamtbild existierte.

Was war damals wirklich geschehen, wie konnte es so schnell geschehen, vor allem aber, was waren die Hintergründe und welche Akteure gab es noch?

Igor Iwanowitsch Antonow, der Chef der Operation Ljutsch, die zur Maueröffnung führte, war im Jahr 2004 in Moskau verstorben. Oie hatte es zufällig aus der Zeitung erfahren und damals in stillem Gedenken mit einem Wodka quittiert.

Er wusste nichts von Antonows letzten Lebensjahren, hatte keine Adresse, kannte keine Verwandten, – und hatte eigentlich schon begonnen, ihn zu vergessen.

Bei ihrer letzten Berliner Begegnung in den Neunzigerjahren hatte Antonow auf Oies Nachstochern zu den Geheimnissen um die Maueröffnung wie so oft mit spöttischer Miene geantwortet: »Oie, darüber darf ich dir immer noch nichts sagen, denn das Wesen der Geheimdienste ist, sie sind geheim. Die einzige Währung, mit der Dienste bezahlen und bezahlt werden, ist das Geheimnis.«

Gleich darauf kam jedoch ein schelmisches »Aber Außenstehende könnten es so sehen...« – und er erzählte ein paar erhellende persönliche Anekdoten, die zeigen sollten, dass er guten Willens war, aber nichts sagen durfte von dem, was er als Dirigent der Operation zur Maueröffnung unzweifelhaft wusste.

Doch nun, sechs Jahren nach dem Tod des Freundes, erhielt Oie eines Abends den Anruf eines Berliner Notariats. Er möge in einer Nachlass-Sache Igor Antonow vorbeikommen und einen Brief entgegennehmen.

Sie verabredeten einen Termin für den nächsten Tag um zehn Uhr, beim Notar Bulgakow auf der Kantstraße in Charlottenburg. In dieser Nacht schlief Oie, den sonst nichts aus der Ruhe bringen konnte, schlecht.

Rasselnde Militäraufmärsche wechselten mit rätselhaften, hektischen Verfolgungsszenen im dunkel verhangenen Berlin, in denen sein lang vermisster Bruder Otto wie ein Spuk auftauchte und lachend auf eine von Menschen umwuselte, hell erleuchtete Bresche in der Mauer verwies, bevor er sich mit einem letzten, ewigen Blick im Nebel auflöste.

Nass geschwitzt wachte Oie auf und wusste nicht, ob er es der Traumwelt oder der kochenden Stadt zurechnen sollte, der die weiten, aufgeheizten Ziegel-Gebirge seit Tagen jede Nachtfrische raubten.

Auf der morgendlichen Fahrt durch das schon flirrende Berlin fragte er sich, was nach nunmehr sechs Jahren wohl nachgelassen werde von Igor Antonow – und was ihn das noch anginge, ihn, einen Gestalter Anfang sechzig, im zwanzigsten Jahr nach der Deutschen Vereinigung?

Oie hatte es unter unausweichlichem Anpassungsdruck geschafft, die radikalen Veränderungen des Berufsumfeldes nach der Wende zu bestehen, die so viele seiner akademischen Künstlerkollegen aus der Bahn warfen. Das hektische Tempo der neuen Zeit, die geldgetriebene Atemlosigkeit und der Verlust an Maßstäben für das Beständige, Verwurzelte und Gültige in der Gestaltung hatten ihn herausgefordert – und er hatte es, so glaubte er, mit Haltung gepackt.

Unter dem Segel der Gesamtgestaltung, wie er es nannte, um sich von den modisch aufgesetzten Attitüden der Friseure im Design abzugrenzen, wurden neue, anspruchsvolle Kunden und Partner gewonnen, die seine gestalterische Sicht teilten, kulturelle Verwurzelung schätzten, und auch die besondere Eigentümlichkeit seiner Entwürfe für Gegenstand und Raum honorierten.

Oie fühlte sich bei seiner Arbeit – wie auch jetzt auf dem Weg zum Notar – immer als Entdecker, wie vor geheimnisvollen Toren, hinter denen die menschlich-kulturellen Überraschungen, die Freuden und Schönheiten des Gestaltens zu erwarten sind.

Auch gewachsene Eigenheiten und Verwerfungen, die es zu kultivieren galt, interessierten ihn. Das war das Spannende: die neue Sicht, die unverwechselbare, menschlich kompatible Problemlösung, der die kulturellen Erfahrungen des gestaltenden Praktikers Methode und Halt geben.

Dieses Spiel von Gegenstand und Raum, das seine Leidenschaft war – und dem schon Schiller mit der ewigen Wahrheit Ausdruck verlieh, dass der Mensch nur dann ganz Mensch sei, wenn er spielt – war für ihn ein nie versiegender Quell von Freude an Gestaltung. Vor allem hielt es jung, und er fühlte sich jung, obwohl er in den Maßstäben der medialen Jugendkultur ein alter Affe, ein Silberrücken war.

Zwar zwackten am Morgen die Knochen und sein Asthma oszillierte mit den Tages- und Jahreszeiten, aber er hatte beschlossen, nur noch soviel zu altern, wie es unabwendbar war. Dafür hatte er sein Trainingsprogramm, das er zweimal die Woche durchzog. Der Kopf war jedoch das Wichtigste. Sich jünger fühlen war für ihn vor allem eine Frage kreativ-intellektueller Beweglichkeit, mit der sich Picasso einst den Nachruf verdiente, – er sei bei seinem Tode der Jüngste der Franzosen gewesen.

Jünger aussehen, das musste Oie allerdings nicht - das war ihm zu mühsam. Vor allem die visuell lärmende Endalterung durch modischen Schnickschnack – und sein es Turnschuhe.

Die schlichte, schwarze Farbpalette des Designers war sein Lieblingsaufzug. Kurz geschorene Haare und ein silbriger Dreitagebart passten am besten zu seiner kleinen, kräftigen Figur und der hohen Stirn des starken Schädels.

Er hatte sich, so fand er, mit den Jahren nur äußerlich verändert – wie er es bei vielen Menschen bemerkte, die er schätzte und die ihm nahestanden – denn innere Beständigkeit war ihm wichtiger.

Sein alter, nun toter Freund Igor Antonow, zu dessen Nachlass er jetzt fuhr, begründete das bei einer ihrer letzten Begegnungen überzeugend, als er sichtbar unter dem Chaos der Jelzin-Ära litt und an seinen Abschied vom Militär-Geheimdienst dachte: »Nur Vertrautheit, die auf Beständigkeit gründet, macht das Leben lebenswert und schafft sturmfeste Konstanten in einer Welt rasanter Variablen, die täglich drohen, unser Gehirn zu sprengen.«

So sah es auch Oie.

Sie hatten sich einst – Mitte der Achtzigerjahre – im sommerlichen Moskau kennengelernt, als er auf dem Freigelände der WDNCHa, der Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft der Sowjetunion, seine Stadtmöbel ausstellte. Oie hatte, als Gestalter und Mitglied des Künstlerverbandes – damals eine Voraussetzung zur freiberuflichen Arbeit – den Auftrag dazu bekommen.

Im Rahmen einer designzentrierten Leistungsschau der DDR-Wirtschaft sollte er den öffentlichen Raum auf dem zugeordneten Freigelände der Ausstellungshalle so gestalten, wie er es damals in seiner Stadt so exemplarisch angepackt hatte.

Mit dem größten verfügbaren Sattelschlepper schafften sie die Ausstellungsmuster nach Moskau. Dort baute er mit seinem Bruder Otto als Gehilfen eine Woche lang seinen Stadtmöbel-Baukasten von Haltestellen, Informationselementen, Normaluhren, Bänken, Kinder-Gartenmöblierungen, mobilen Marktständen, Leuchten und Fahrradständern auf.

Aus starken, karminrot lackierten Stahlrohren, bernsteinfarbenen Polyesterdächern, lasierten Hölzern, farbig durchscheinenden Sonnensegeln und grafisch gestalteten Emailletafeln waren sie in Material und Verarbeitung von einer bisher im Osten nie gesehener Ästhetik.

Erst wurden vorgefertigte Fundamente in die Wiese gelegt, dann die in der Heimat hergestellten, roten Stahlrohr-Konstruktionen aus Bauteilen errichtet und schließlich alles komplettiert.

Und jeden Morgen saß ein gut gekleideter Herr mit Hut und Aktentasche für eine Zigarettenlänge auf einer Bank am Freigelände und sah ihnen dabei zu. Dann grüßte er, indem er seinen Hut lüftete, und ging seines Wegs, – zur Arbeit, wie es schien. Oie konnte die Uhr danach stellen, was er im Angesicht der etwas chaotischen Begleitumstände, dieser Reise in die Sowjetunion unter den Leiden der gerade von Gorbatschow verkündeten Prohibition, im Nachhinein als merkwürdig empfand.

Als alles aufgebaut war, sie nur noch die Schilder polierten und der fremde Herr wieder eine Weile geschaut hatte, kam er herüber. Er stellte sich vor – auf Deutsch mit leichtem Akzent: Konstantin Iwanowitsch Michakow, so hieß er damals – und war ein Außenhändler bei Mos-Film, wie er vorgab.

Er machte ein paar Komplimente und fragte Oie‚ ob er glaube, dass so etwas Schönes auch in der Sowjetunion hergestellt werden könnte? Damals war das eine typisch russische Frage. Oie kannte die diesbezüglich verwahrlosten Zustände im Zentrum der Proletarischen Welt-Revolution in Moskau schon nach wenigen Tagen und verstand Michakows Ansinnen.

Auch forderte es Oies technisch-pragmatischen Optimismus heraus – und er zeigte dem Interessierten die einfachen konstruktiven Details anhand der grafischen Blätter und Zeichnungen aus seiner Entwurfsmappe. Auch tat er seine Überzeugung kund, dass das klare, schöne Produkt immer mit der schön anzusehenden Zeichnung – dem ästhetischen Plan – beginne, und dass man handwerkliche Mängel der Produzenten durch präzisere Technologien kompensieren könne. Die Antwort war also: Ja, auch in der Sowjetunion ginge das.

Antonow, alias Michakow, war beeindruckt, bedankte sich und versprach am Abend zur offiziellen Ausstellungseröffnung zu kommen. Auch wollte er einige Freunde mitbringen. Diese gehörten, wie Oie später herausfand, zu den so genannten Germanisten in der politischen Szene Moskaus, eine Bezeichnung für einflussreiche Politiker des Kreml, die auf Grund ihrer Aufgaben der deutschen Kultur- und Geistesgeschichte nahe standen.

So fing alles an, – und nun, nach über fünfundzwanzig Jahren, wurde Oie zu diesem Notar namens Bulgakow bestellt, von dem er noch nie zuvor gehört hatte.

Er kurvte durch ein ausgetrocknetes, nach Auspuffdünsten und Staub muffelndes Berlin, das die heraufziehende, unerbittliche Hitze des Tages ahnen ließ. Die Windstille der letzten Tage ließ schon früh eine Dunstglocke entstehen, deren waberndes Gelbgrau die Stadt wie mit einem Farbfilter überzog.

Von Ampel zu Ampel schnürte ihm sein Asthma mehr den Hals zu und die gefühlte Temperatur stieg, – wie ein beunruhigender Indikator kommender Ereignisse. Als ahnte sein Körper, dass ihn das Kommende zutiefst erschüttern würde, und dass bald Tage folgen sollten, an denen eherne Gewissheiten in einer Flut neuer Hintergründe zusammenstürzten.

Pünktlich um zehn Uhr trat er in die Kanzlei im ersten Stock eines imposanten Berliner Gründerzeitgebäudes. Dunkles Eichenholz auf dicken Teppichen, grünes Chrom-Leder und vergoldeter Möbelzierrat, über dem ein aromatischer Geruch von Zigarre schwebte, empfingen ihn.

Der Notar war auf den ersten Blick, in Garderobe und Bewegung, ein aristokratischer Typ. Er war zuvorkommend höflich, und seine filmreife theatralische Gestik war mit diesen kleinen Pausen versehen, die der geschäftliche Angler benutzt, bis der Fisch fest angebissen hat.

Der Erfolg seines Tuns war in der üppigen Ausstattung seiner Residenz-Kanzlei sichtbar: eine hochherrschaftliche Büroflucht im Stile der Zarin Katharina, der in allen Facetten, mit Bildern, Karten und kostbarem Interieur dieser Zeit präsent war.

So gelang auch der schnelle Einstieg in die Geschichte und Poesie preußisch-russischer Beziehungen. Ein kurzer Austausch über die anhaltinische Prinzessin Katharina, die der Große Friedrich der Zarin Elisabeth – der Mutter des künftigen russischen Zaren – als dessen Gattin verschrieben hatte. Wie ein Apotheker, der genau dosiert, was hilft. Das wiederum rettete dem später von Feinden umgebenen Friedrich den Hals.

Eine der ersten gelungenen, konspirativen, strategischen Operationen in der neueren Geschichte der Diplomatie zwischen Preußen und Russland – da war man sich schnell einig. Bulgakow erzählte auch von der Verbindung seiner Familie nach Deutschland, da diese, wie tausende Wissenschaftler, Beamte und Intellektuelle der Zarenzeit, nach der russischen Revolution in Berlin eine neue Heimat gefunden hatten.

Dann rief er über die Gegensprechanlage nach seiner Sekretärin, stand auf und fingerte einen Schlüssel aus seiner Weste, mit dem er den Tresor aufschloss, der sich hinter ihm in der barocken Bücherwand befand. Er suchte etwas umständlich und entnahm ein Kuvert.

Auf Oies Frage, warum der Brief denn hier sei, und nicht auf einem Postamt, wedelte Bulgakow damit und schloss seine Froschaugen für eine etwas zu lange Sekunde – wie das Tier vor dem Sprung.

Notariell gravitätisch formulierte er, sich setzend, vorsichtig: Es gehe um ein Vermächtnis, das er zu erfüllen hätte. Ein Emissär, wenn man eine ältere Dame aus dem Umkreis der Familie Antonow so nennen könne, hätte den Brief vor ein paar Tagen aus Moskau gebracht.

Wie auf ein Stichwort trat Bulgakows Sekretärin hinzu: eine üppige Blondine in leichtem, geblümten Sommerkleid. Mit weißem Teint und stark geschminkt, war sie der Prototyp der russischen Schönheiten, die Oie schon damals auf besondere Weise faszinierten. Wie Blumen vor dem Verwelken, die in einem letzten Farbenrausch die Bienen locken. Die einschwebende Duftwolke ihres teuren Parfüms war wie eine benebelnde Bestätigung.

Ein Formular vor den Notar auf den Schreibtisch legend, warf sie einen kurzen Blick auf den offenen Tresor und musterte den Gast misstrauisch aus den Augenwinkeln, als müsste sie sogleich ein Echtheits-Zertifikat seiner Person zu Protokoll geben.

Als sie Oies bewunderndem Blick begegnete, fragte sie mit dem erwarteten Augenaufschlag und singendem Akzent, ob die Herren Kaffee wünschten. Der Notar empfahl Eis-Kaffee.

Die Blondine verschwand ihn zu holen.

Bulgakow drehte und wendete das gepolsterte Kuvert einen Augenblick zögernd, bevor er es mit einem Ruck, dem Froschblick und freundlichen Worten über den Tisch reichte: Er freue sich es auszuhändigen, wisse aber nicht was darin ist, denn die absendende Person sei verstorben.

Die alte Dame, so erzählte er, war auch sehr bedrückt und aufgeregt, da sie das ihr aufgetragene Vermächtnis aus nicht erklärten Gründen seid sechs Jahren mit sich herumtrug. Nun brenne es ihr so auf der Seele, dass sie diesen letzten Wunsch Igor Antonows erfüllen wolle und dem Notar den Auftrag dazu erteile.

Die Sekretärin kam herein, schaute wieder mit lächelndem Scanner-Blick auf Oie, servierte den Eis-Kaffee und verschwand.

Genüsslich tranken sie die Kühle.

Der Notar tupfte sich mit der Serviette etwas Sahne von den Lippen, hüstelte und fuhr fort: »Das begegnet mir häufiger, dass alte Menschen, wenn sie das Ende ihrer Tage fühlen, den Mut fassen, wichtige Dinge zu regeln, um mit ihrem Gewissen ins Reine zu kommen und ihren Seelenfrieden zu finden. Gerade mit Russen erlebe ich das, trotz der sechzig Jahre von verordnetem Atheismus, denn es sind die lebendigen Reste des orthodoxen Glaubens in ihrer russischen Seele, Herr van Oie. Wenn Sie wüssten, wie viele der ehemaligen Macht-Eliten, der Genossen des alten Systems, zum Glauben zurückgefunden haben, Sie würden sich wundern.«

Dabei schob er ein Formular über den Tisch, ließ ihn quittieren, notierte seine Pass-Nummer, bedankte sich – und empfahl seine Dienste für künftige Geschäfte mit Russland.

Auf Oies Frage, was er schuldig sei, beschied der lächelnde Frosch: Nichts – die alte Dame, deren Namen er nicht nennen dürfe, hätte ihn bereits honoriert.

Überrascht, verunsichert, gespannt und neugierig fuhr Oie durch die Backofen-Straßen Berlins. Jedes Lebewesen schien nun die Sonne zu fliehen. Selbst Spatzen unter den Straßenbäumen, an den Brotkrumen-Quellen der Dönerbuden, hockten reglos im Schatten, um mit angelüfteten Flügeln etwas vom Fahrt-Wind der vorbeirauschenden Wagen zu erhaschen.

Auch Oie stieg eine unerklärliche Hitze in den Kopf, obwohl seine Klima-Anlage unter Volllast lief. An jeder roten Ampel schielte er auf das Kuvert neben sich auf dem Sitz. Er hätte es am liebsten gleich aufgerissen oder es wenigstens gefragt: »Was ist in dir – was ist dein Geheimnis?«

Ein Geheimnis lauerte da, soviel spürte er – und das beunruhigte ihn zutiefst. Er bezwang sich, kurvte drei Runden für einen Parkplatz ums Stein-Karree und stieg auf zu seiner kleinen Kartause, wie er sie nannte, einer Arbeits-Wohnung im Hinterhaus eines halb verlassenen, heruntergekommenen Mietshauses, nahe der Frankfurter Allee.

In der Wohnung zögerte Oie noch immer so, als ahne er, dass sein Leben von nun an aus den Fugen geraten würde.

Igor Antonow, der Stratege, der nach wabernden Gerüchten den Weg zur Deutschen Einheit bereitet hatte, was konnte und wollte er ihm noch mitteilen – vor allem auf diesem konspirativen Weg? Und warum hatte die alte Dame sechs Jahre seit seinem Tode verstreichen lassen?

Es war wohl doch ein besonderes Geheimnis, da war er sich jetzt sicher.

Rituell geprägt, geschuldet seinen christlichen Wurzeln, goss er sich einen Wodka ein, zündete eine Kerze für den Verstorbenen an, und wünschte Igor Antonow ein schönes Dasein in der anderen Welt. Dann öffnete er das Siegel.

2 Ein Brief – eine Liste – ein Vermächtnis

Als er das Kuvert genauer abtastete, entdeckte er in der Tiefe die vertraute Form einer CD-Hülle. Das machte ihn zuversichtlich. Sicher, so nahm er an, waren es ein letzter Gruß und einige alte Fotos des Kultur-Funktionärs – für den er ihn lange gehalten hatte. Fotos von den verschiedenen Anlässen und Orten, bei Ausstellungen von Oies Arbeiten, Workshops und Kongressen, bei denen sie sich jeweils, und kaum vorhersehbar, in den Achtzigerjahren getroffen hatten. Moskau, Helsinki, Prag, Paris – selbst in Havanna tauchte Michakow auf, wie Kai aus der Kiste.

Auch dort wie vom Film, in weißem Leinenanzug und Strohhut, mit Silber beschlagener Krücke, eine Zigarre schmauchend, sodass Oie einen Augenblick glaubte, es könne nur ein Doppelgänger sein – jedenfalls kein Funktionär der großen Sowjetunion, die zu der Zeit zumeist graumäusig und jenseits aller Moden gekleidet daherkamen.

Oftmals, wenn er diesen Michakow schon fast vergessen und mit seiner Arbeit als Gestalter irgendwo zu tun hatte, traf er ihn ‚rein zufällig’ als Beobachter der Szene, in der er dann viel Zeit und ungemein anregende Gespräche zu bieten hatte. Seine Themen und Geschichten waren nicht die eines Außenhändlers von Filmen, wie man erwarten konnte.

Michakow interessierten vielmehr der Zustand der Gesellschaft in der DDR, das Publikum und der Freundeskreis Oies – auch die Probleme und Perspektiven aus der Sicht der gestaltenden Künste.

Fragestellungen, wie sie Oie bei vielen Intellektuellen und Künstlern im Ostblock täglich begegneten, da in Zeiten der Perestroika jedermann nach Orientierung suchte: Wo stehen wir? Wie kann es weitergehen? Was sind die entscheidenden Probleme, wo werden Lösungen sichtbar – und wo sind Verbündete?

Michakow konnte auf eine unnachahmlich einschmeichelnde, direkte Art fragen. Mit seinen Erkundigungen zu den Gefühlen der Deutschen, zur Stellung der Kunst an der Schnittstelle zur Wirtschaft, kam er ihm von Mal zu Mal mehr vor wie ein Staubsauger der kulminierend zerbröselnden Verhältnisse.

Ihn interessierten weniger der politische Rahmen, den er zu Teilen besser kannte als Oie. Sein Interesse galt vielmehr den Stimmungen, den Hoffnungen, den Verbindungen und Personen, die Oie aus seiner breit angelegten Tätigkeit als freier Gestalter – und nur als Künstler geduldeter Exot kannte. Freunde und Protagonisten der Perestroika in der DDR interessierten ihn besonders.

Dem konnte und wollte Oie sich nicht entziehen, obwohl ihm Konstantin Michakow immer rätselhafter wurde. Dessen unvorhersehbares, oft kryptisches Verhalten machte ihn zunehmend stutzig und dann auch misstrauisch-einsilbig, denn er witterte dahinter einen Geheimdienst.

Michakow bemerkte es und nutzte die Gelegenheit, anlässlich eines feuchtfröhlichen Treffens am Rande eines Design-Kongresses in Ungarn, sich unter vier Augen, mit wahrem Namen, als Igor Iwanowitsch Antonow vorzustellen. Er entschuldigte sich warmherzig und versprach, von nun an mit offenen Karten zu spielen.

Als Verfechter und Organisator – im Dienste der Perestroika, wie er es beschrieb – war er, wie Oie es da verstand, in quasi missionarischer Funktion in den Ländern des Ostblocks unterwegs. Als Offizier des Militär-Geheimdienstes der Sowjetunion.

Von dieser Organisation hatte Oie noch nie zuvor gehört. Sie war im öffentlichen Bewusstsein absolutes Niemandsland. Ebenso die von Igor Antonow offenbarte Tatsache, dass derartige Dienste in allen Ostblock-Ländern existierten.

Die Perestroika und ihre letzten Begegnungen waren lange her, – und nun lag Igors Brief vor ihm.

»Teurer Albrecht!« stand da, und Oie zog ein warmer Schauer über den Rücken. »Wenn Du diesen Brief erhalten hast, bin ich hoffentlich in einer besseren Welt. Das klingt für dich sicher merkwürdig von einem alten Kommunisten, aber ich habe mit den Jahren gelernt, dass es viele Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, die wir mit unserer Schulweisheit nie ergründen werden – um zu Deiner Freude einen Klassiker zu zitieren.

Wir glaubten immer, alles im Griff zu haben, alles unter Kontrolle.

Wir glaubten an den gesetzmäßigen Siegeszug unserer theoretisch idealen Gesellschaftsordnung – und sind doch am Leben gescheitert. Gescheitert aus Ignoranz, Dummheit und kultureller Entwurzelung, die, wie die Nonne Simone Weil formulierte, die gefährlichste Krankheit der menschlichen Seele ist.«

Oie musste innehalten, um diese ernüchternde, menschliche Bilanz auch nur ansatzweise zu begreifen. Das hatte er am wenigsten von Igor Antonow erwartet, dessen ehern sozialistisches Menschenbild er kannte, dessen Vorstellungen vom gerechten und dabei allwissenden Staat er nicht teilte – und dessen militärisches Vokabular ihn anfangs in Erstaunen versetzte.

Er las weiter: »Als Offizier stand ich in einem Lagezentrum der Sowjet-Armee ohnmächtig daneben, als im November 1983 die Welt in den Abgrund schaute – und wir noch einmal davongekommen sind. Ich hatte es satt, dieses ganze alkoholisierte Geschäft der noch vom Weltkriegssiege besoffenen Generäle. Auch die brutale Großmachtpolitik der Sowjetunion in Deutschland, in Ungarn, der Tschechoslowakei, – in Polen und Afghanistan.

Die degenerierten Herren bei Militär und Geheimdiensten auf allen Seiten, in vielen Ländern, die sich gegenseitig hochschaukelten und Bedrohungslagen schufen, die es ohne sie nie gegeben hätte – wie ein Krebs seine Metastasen schafft und immer weitere Bereiche der Gesellschaft befällt.

Nur zu einer Zeit konnte ich – konnten wir – stolz sein. Das war, als wir gemeinsam den strategischen Umbau Europas zum großen Frieden auf den Weg brachten, um den Kalten Krieg zu beenden.

Die Europäische Perestroika, die wir hinter der sowjetischen Perestroika absichtsvoll verborgen hielten, verborgen halten mussten, wenn wir Erfolg haben wollten.

Die Operationen, vom Kreml-Flug über die Bewältigung der Polenkrise, die Grenzöffnung in Ungarn, die Beendigung der Botschaftsbesetzung in Prag, bis hin zum Fall der Mauer in Berlin, waren die Basis der Europäischen Perestroika, deren Friedensfrüchte heute viele genießen können.

Das macht mich glücklich und dankbar, obwohl ich mit Trauer an die denke, die dabei auf der Strecke blieben, weil das Volk sich die Errungenschaften dieser menschlichen Revolutionen, gegen das dumpfe Beharren der Apparate in dieser Welt der intriganten Mächte des Geldes, wieder aus den Händen stehlen ließ.«

Das saß. Oie fiel es wie Schuppen von den Augen. Wenn einer wie Igor Antonow, der, wie er nach all den Jahren wusste, die Operation Ljutsch dirigiert hatte, die auf bisher rätselhafte Weise mit dem Fall der Berliner Mauer und der Deutschen Einheit zusammenhing, wenn also Antonow sich zu all diesen Operationen bekannte, und dazu noch den strategischen Zirkel so weit zog, dann wirkte es in seinem Gehirn wie eine Flut von Frischzellen.

Das war Geschichte aus einer völlig anderen, bisher unbekannten Perspektive – das wurde ihm schlagartig klar.

Die friedlichen Revolutionen in den Ländern des Ostblocks hatten offensichtlich einen bisher nicht bekannten geheimdienstlichen Hintergrund. Aber was war das für ein strategischer Plan, der da durchgezogen worden war?

Er sprang auf, lief durchs Zimmer wie im Nebel und war wie elektrisiert.

Viel gefühlte Zeit war vergangen, als er sich setzte, um weiterzulesen: »Teurer Albrecht, Politiker-Chargen spreizen sich mit ihren Beiträgen zum Fall der Berliner Mauer, zum Ende des Kalten Krieges und zum Frieden in Europa. Dabei werden diejenigen vergessen, die diesen Umbau, die Europäische Perestroika, entworfen, geplant und organisiert haben. Neben den Bürgerrechtlern, die danach kamen und darauf aufbauen konnten, waren sie die wirklichen Helden.«

Und weiter: »Schaff ein Denkmal für diese Helden des Rückzuges, für diese Idealisten in einer von Macht und Geld besessenen Welt – ich weiß, Du kannst das – Du bist für mich ein wahrer Künstler und nur solche können das!«

Oie war verblüfft über diese Schmeichelei und ratlos zugleich. Wie sollte das gehen? Sollte er diesen Brief veröffentlichen, das Inkognito Antonows lüften und die Medien aufscheuchen? Das meinte Igor sicher nicht im Ernst. Und wer würde dem Glauben schenken? Wem sollte das nützen? Und warum hatte Antonow das nicht schon selbst getan? Sollte er benutzt werden? Wo waren Fakten?

Weiter las er: »Sicher erinnerst Du dich an unsere Begegnung im Muchina-Institut in Leningrad, vor dem Diplom eines namenlosen Bildhauers der Klasse für Monumental-Skulptur. Da stand ein stark verkleinertes Modell für ein Lermontow-Denkmal auf dem Lande in meinem geliebten Heimatdorf. Vor dem Gutshaus der Großmutter des Dichters, wo er seine Kindheit verbracht hatte, sollte es stehen. Ein sitzender Dichter mit großer Geste und aufgeschlagenem Buch in der Hand, in Bronze.

Das Probestück aus Ton, im künftigen Originalmaßstab, war ein bestiefeltes Bein Lermontows bis zum Knie – aber dieses Knie konnte niemand mit den Händen erreichen, so hoch war es.

Dein erfrischender Kommentar, als respektierter Deutscher Gast in Anwesenheit der Kulturfunktionäre, klingt mir noch heute in den Ohren: ›Unmenschlicher Maßstab! Monumentalität allein entfaltet keine Poesie – und darum geht es in der Kunst!‹

Das war Deine ernüchternde Zusammenfassung, die den Genossen in die Knochen fuhr und mich gefreut hat.

Oder der Design-Kongress der Sozialistischen Länder auf diesem ungarischen Renaissance-Schloss, als ein paar Alt-Stalinisten vorschlugen, das Zentrum sozialistischen Designs in Moskau zu gründen und Du das, in Deinem darauf folgenden Vortrag zu Eurer Arbeit für den öffentlichen Raum, so nebenbei und unter dem stürmischen Beifall aller Fachleute im Saal, als letzten Anflug von kulturellem Imperialismus abqualifiziertest.

Das war schon Mut in diesen Zeiten, und seitdem vertraue ich Deinem Spürsinn für den Geist der Sache und die mutige Form. Die danach drohenden diplomatischen Verwicklungen habe ich übrigens verhindert, wie ich auch in der Folgezeit oft die Hand über Dich halten konnte, wenn es gefährlich wurde und Du als Gestalter vom Apparat oder der Staatssicherheit beschädigt werden solltest.«

Oie war erstaunt, so Offenherziges von Antonow zu lesen, aber er nahm es als honorige Schlussbilanz eines kämpferischen Lebens und einer wahren Freundschaft.

Die Überraschung allerdings folgte am Schluss: der Verweis auf die unscheinbare, unbeschriftete CD.

»Als Hilfe für Dich, lieber Albrecht, bei der Umsetzung meines letzten strategischen Planes – mit Verlaub sagt man wohl seit Goethe – sende ich Dir die CD mit einer Übersicht über die wichtigsten Operationender Europäischen Perestroika – die Licht-Operationen.

Du findest geordnet, wie Du es als Kultur-Preuße erwarten darfst, Operationen, Decknamen, Klarnamen und Adressen beteiligter Akteure bei der Abwehr des Mächtigen und Blöden.

Namen von noch Lebenden, die Dir besonders nützlich sein könnten, habe ich unterstrichen. Mach etwas daraus, gedenke meiner in Freundschaft und auch all derer, die das Ende des Kalten Krieges und den Triumph des Lichtes nicht mehr erleben konnten.

Dazu gehört leider auch Dein Bruder Otto, an dessen Tod ich mich schuldig fühle, denn ich habe ihn damals, in der Vor-Wendezeit, auf eine Mission nach Moskau geschickt, auch – möchte ich zu meiner Entschuldigung sagen – um ihn aus dem Schussfeld der Staatssicherheit zu nehmen.«

Oie drückte mit dieser Information etwas gewaltig in die Magengrube, denn bisher galt Otto nur als vermisst – jedoch ohne irgendein Lebenszeichen seit über zwanzig Jahren.

Er las erschüttert weiter: »Ich habe Otto damals in diese neu entstandene Gruppe von Historikern empfohlen, die begannen, den Widerstand der Feinde der Perestroika zu bilanzieren, – denn Du weißt, nur was erinnert wird, ist wirklich geschehen.

Einen Einfluss auf die Geschichtsschreibung späterer Generationen bekommt man nur durch Fakten.

Er ist seitdem vermisst und es ist mir besonders wichtig, Dir und Deiner Familie zu sagen, wie leid mir das tut, denn jetzt gibt es Anhaltspunkte dafür, dass er das Opfer unserer Gegner wurde. Mein damaliger Stabschef Nikolai Nikolajewitsch Ossipow hat mir kürzlich davon berichtet. Das Schweigen Dir gegenüber, nach der Wende, hat auch damit zu tun, dass ich Dir sein Verschwinden nicht erklären konnte und mich schuldig fühle.

Bitte verzeih mir!

Dein alter Freund Igor Iwanowitsch Antonow.«

Tränen verschleierten Oies Augen, er erhob sich und lief wie im Nebel zum Fenster, um die sich asthmatisch verkrampfenden Lungen zu lüften.

Das mit Otto war nach so vielen Jahren für ihn in die Ferne gerückt, im Gegensatz zur älteren Schwester Maria, die, wenn nur Ottos Name fiel, zu Tränen gerührt war: »Nicht wissen, kein Grab« – sagte sie immer – »das ist das Schlimmste!«

Nun brach alles wieder auf, denn was wirklich geschehen war seit dem Sommer der Wende, als Otto auf seiner Reise durch die Sowjetunion so spurlos verschwand, hatten sie niemals erfahren. Dass Igor Antonow damals Auftraggeber war, vernahm er zum ersten Mal – und verstand dessen Schuldgefühle.

Einen Hinweis jedenfalls gab es jetzt, der ihn elektrisierte – Nikolai Nikolajewitsch Ossipow. Den musste er finden, schon um des Seelenfriedens seiner Schwester willen.

Aber sonst? Der Brief? Die Listen?

Oie wusste nicht, was das sollte. Warum verstand er ja – aber wie sollte das gehen? Ein Denkmal? Wofür genau? Wie? Was war Igor Antonows Anliegen? Wollte der Geheime sich auf diese Weise, nach seinem Tode und durch die Hintertür, einen Platz in der Geschichte sichern? Sollte er dafür alles stehen und liegen lassen, sich absehbar mit Geheimdiensten anlegen und möglicherweise seinen Kragen riskieren? Fünf Jahre vor dem Ruhestand, und mit einer Familie, die ihn brauchte – sollte er das wirklich tun?

Wie nahe ging ihm das alles wirklich noch?

Merkwürdigerweise bei Weitem nicht so nahe, wie der kürzliche Tod seines Schul-Freundes Daysi, den er fast dreißig Jahre nicht gesehen hatte, und der doch auf eine Weise mit seinem Leben verbunden war, die mit Igor - dem so offensichtlich abgetarnten Maschinisten im Räderwerk der Geschichte - nicht vergleichbar war.

Lag es daran, dass, wenn Schulfreunde sterben, Teile unserer schönsten Kindheitserinnerungen ins Vergessen abwandern, ein Teil von uns stirbt, den wir um keinen Preis der Welt verlieren möchten?

So wie beim Bruder, dessen Tod ihm, in Verbindung mit dem des gemeinsamen Jugend-Freundes, auf einmal wie ein Schlusspunkt, wie das nahende Ende auch seiner Tage erscheinen musste.

Diese Erinnerungen ließen seine Hände zittern und er schaute, im warmen, die Augen trocknenden Aufwind der Fensterbank, nun wieder auf den Brief – und las noch einmal, wie im Traum.

Gedanken durchschossen ihn wirbelnd. War Igors posthumer Auftrag nicht die Chance die Nebel zu lichten, die noch immer über ihrer Freundschaft lagen?

Sie waren ja über die Jahre nur lose verbunden, gelegentlich und über einzelne Ereignisse, deren Bedeutung Oie damals nicht einschätzen konnte – die mit diesem Brief jedoch wieder auf den Prüfstand kamen.

Jetzt, so fühlte er, gab es die Chance, Hintergründe und neue Facetten eines immer noch schemenhaften Bildes von Igor Antonow – dem geheimen Drahtzieher zur Deutschen Einheit – zu entdecken, und das lockte ihn mehr, als er es sich in diesem Augenblick eingestehen mochte.

Er schaltete den Laptop ein, sichtete die Daten auf der CD, die nach Ländern des Ostens geordnet waren, und fand darunter einige bekannte und viele ihm unbekannte Namen. Aber immer zugeordnet bedeutende Institutionen, Dienststellen und Funktionen. Das zog sich als Prinzip durch und basierte offensichtlich mit Goethe, den Antonow so verehrte, auf der Erkenntnis – Dass wir jemand sein müssen, um etwas zu bewirken!

Auch die Überschriften der Länderblöcke und augenscheinlichen Operations-Gebiete elektrisierten Oie, denn da stand über dem Sowjetischen Teil Prelomlenie – was er in der Übersetzung als Lichtbrechung zu deuten wusste – mit dem Zusatz Kreml-Flug.

Der Finnische Teil, mit einer Handvoll Namen, stand mit deutscher Überschrift auf der Liste und war mit Operation Abendlicht benannt, – und ebenfalls mit dem klein gedruckten Zusatz: Kreml-Flug.

Weiter folgend auf der Liste stand bei einem Dutzend polnischer Namen die Überschrift Operation Morgenlicht. Über dem ungarischen Teil war Operation Schlaglicht vermerkt, gefolgt vom tschechischen Teil, der mit Operation Herbstlicht gekennzeichnet war.

Den Schluss bildete eine längere Liste von Namen und Adressen, die auf den ersten Blick von der damaligen DDR geografisch begrenzt wurde, und die Operation Lichtstrahl hieß – was dem Russischen Ljutsch entsprach.

Oie fand unter den etwa hundert Namen im deutschen Operationsgebiet eine Anzahl ihm namentlich bekannter Fachleute aus Wissenschaft, Technik, Kultur und Militär – einige waren unterstrichen. Dass auch sein Bruder Otto van Oie mit dem Decknamen Topograf darunter war, überraschte ihn nicht wirklich.

Bei näherem Hinsehen war im deutschen Teil kein Akteur aus der alten Bundesrepublik. Die waren ja, so erinnerte er sich, in anderem Zusammenhang auf den geheimnisvollen Rosenholz-Dateien und betrafen angeblich niemanden von aktueller Bedeutung in Politik und Wirtschaft.

Aber das Zusammenspiel dieser Rosenholz-Dateien mit der vor ihm liegenden Liste Antonows würde in der Zukunft vielleicht Aufschlüsse über fundamentale Zusammenhänge bringen – so vermutete er spontan.

Nur – war das gewollt, würde das irgendwen interessieren? Störte es die bisherige Weltsicht vom Wunder der Bürger-Revolutionen des Ostens, angeführt vom Heiligen Geist weniger so genannter Dissidenten, Bürgerrechtler und rhetorisch geschulter Geistlicher – von denen er keinen auf der Liste sah – nicht gewaltig?

Eine Fülle von Fragen durchfurchte sein Gehirn, bis zu einem kurzschlussartigen Versagen. Er konnte es nicht zu Ende denken.

Etwas aber war ihm ins Herz gefahren und die Gedanken daran ließen es höher schlagen. Es war die Information über seinen Bruder, die ihn elektrisierte und alles Andere in den Hintergrund drängte. Endlich ein Hinweis – wenn auch ein trauriger. Oberst a.D. Nikolai Nikolajewitsch Ossipow stand auf der russischen Liste, – mit der Anmerkung: Mönch im Höhlenkloster Nischni Nowgorod.

3 Die Grauen nehmen die Spur auf

Oie konnte nicht ahnen, dass schon kurz nachdem er Bulgakows Kanzlei verlassen hatte, dessen Sekretärin zum Telefon griff und mit ihrer Schwester in Moskau sprach.

Nachdem sie alle Erlebnisse der letzten Tage ausführlich beschwatzt hatten, kam der vereinbarte Schlüsselsatz: »Olga, ich habe jetzt die Adresse des Haut-Spezialisten für dein Problem in Berlin gefunden. Ich schicke sie dir heute nach Dienstschluss.«

Am selben Abend wurden die Adressen des Absenders und des Empfängers der ominösen Briefsendung nach Moskau übermittelt.

Schon am nächsten Tag versammelte sich ein operativer Stab des RSG – des Russischen Staatlichen Geheimdienstes – der Nachfolgeorganisation des einstmals allmächtigen KGB der Sowjetunion. Eine kleine Gruppe von rauchenden, schlecht gelaunten, älteren Männern in Zivil beriet, was zu tun sei.

Man hatte ja immer noch nagend-offene Rechnungen mit dem Militär-Geheimdienst, dem Igor Antonow einst angehört hatte. Vor allem mit seinen Führern, welche die Wirren der Nach-Wende ins neue Russland unbeschadet überstanden hatten. Im Gegensatz zum KGB, der in der öffentlichen Wahrnehmung für alle Facetten des Unrechts der verflossenen Sowjetunion verantwortlich gemacht und aufgelöst wurde.

Dieser nachhallende Groll und die Aussicht auf eine letzte Chance, erlittene Erniedrigungen zu rächen, wirkten wie ein Schuss Kokain in die Hirne der über die Jahrzehnte im Dienst verstaubten Offiziere.

Schon in der Nacht wurde die Moskauer Wohnung der Familie Antonow, die sich zur Sommerzeit auf ihrer Datscha bei Jaroslawl an der Wolga befand, besichtigt. Diskret, und ohne Spuren zu hinterlassen, filzten die RSG-Spezialisten das Arbeits-Zimmer Antonows, das seit seinem Tode unverändert und eine Erinnerungsstätte der Familie war.

Der zehn Jahre alte Sicherheits-Code des Computers wurde durch die Fachleute problemlos geknackt. Sie kopierten alle Dateien. Dann bauten sie die Festplatten aus, um die entleerten Papierkörbe durch eine Spezialabteilung für Daten-Rekonstruktion sichten zu lassen.

Bei der Auswertung der gelöschten Dateien am nächsten Tag stieß der RSG auf Listen, in denen Igor Antonow die Agenturischen Mitarbeiter und die Einflussagenten des Militär-Geheimdienstes in den Ländern des Ostens, Westeuropas und Skandinaviens säuberlich aufgeführt hatte. Auch fanden sie vielfach Hinweise auf ominöse, gegen den KGB gerichtete Licht-Operationen – und Hinweise auf eine intensive Arbeit mit zugeordneten Dateien, im Jahre vor Antonows Tod.

Der sichtbare, tabellarisch erfasste Umfang ihres Nichtwissens über diese Operationen schockierte die altgedienten, zynischen Pfeiler der verflossenen Roten Macht, ohne dass sie es sich gegenseitig eingestehen mochten – denn eigentlich war es ihnen peinlich. Nur von Verrat knurrte es abwechselnd, mehr frohlockend als erschüttert, in allen Tonlagen.

Endlich hatten sie die Leichen im Keller des Militär-Geheimdienstes, die sie so lange suchten, den offensichtlichen Verrat am Vaterland – vor allem auch den Verstoß gegen eingebrannte, eherne Spielregeln der konspirativen Arbeit.

Nun gab es einen Ansatz, da waren sich die alten Genossen einig. Nun winkten Beweise für die zwielichtige Rolle des Militär-Geheimdienstes bei der Auflösung des allmächtigen Sowjet-Imperiums und dem Verrat an ihrer verdienstvollen Tschekisten-Organisation.

So sahen sie es noch immer, trotz aller diskreditierenden Veröffentlichungen und medialen Prügel in den Nachwehen des Unterganges der großen Sowjetunion, die so viele ihrer Genossen, im ganzen Land Amt, Ansehen und Privilegien gekostet hatten.

Nun sahen sie die Chance, die alten Säcke vom Militär-Geheimdienst ans Kreuz zu nageln, um wenigstens noch nachträglich die kränkenden Niederlagen in einen kleinen Sieg zu verwandeln.

Separat gesicherte, datierte Auszüge der Listen Antonows betrafen die Länder ihres ehemaligen Militärbündnisses, den Warschauer Vertrag. Und da witterten die Spürnasen der alten Agenten eine warme Spur, denn bei der Sichtung der über fünfhundert verzeichneten DDR-Bürgern stießen sie auf den von der Quelle in Berlin gemeldeten Albrecht van Oie.

Die anschließende Beratung ergab den Beschluss, diesen offensichtlichen Abfluss von geheimen Informationen zu stoppen und auch zur Not, wenn dies nicht möglich sein sollte, die Kooperation mit den Deutschen zu suchen.

Es war ein Vorschlag von General Fjodor Folim, dem Kopf der Altherrenriege, dem der zweifach verzeichnete Name van Oie ein Rätsel war, das ihn wie der Auftritt eines Wiedergängers elektrisierte, ohne dass er es schon konkret einordnen konnte oder es sich gar anmerken ließ.

Man hatte beim Deutschen Geheimdienst DGD noch einen Gefallen gut, nachdem im Frühjahr zwei moslemische Fundamentalisten aus Deutschland auf ihrem Weg nach Afghanistan in Russland festgesetzt werden konnten.

Für die schnelle Prävention aber wurde die Spionage-Abwehr der Russischen Botschaft in Berlin bemüht, zu deren Fähigkeiten auch die diskrete Ortung von Funktelefonen in den deutschen Netzen gehörte.

Eine kleine Truppe wurde mit recherchierten Daten, im Internet verfügbaren Bildern und Oies letzten bekannten Aufenthaltsorten versehen. Es waren drei ehemalige Mitarbeiter des KGB, die in der Jelzin-Ära mit getürkten Identitäten in die Ausreisewelle der Russland-Deutschen eingereiht worden waren.

Jetzt, als im Niemandsland zwischen den Kulturen gestrandete frustrierte Werkzeuge fürs Grobe, konnten diese Honorarkräfte den Auftrag übernehmen. Sie sollten die entwichenen Daten zurückholen, vernichten, oder den Oie unauffällig neutralisieren.

4 Flucht aufs Land

Oie, der sonst bei jedem Wetter ruhte wie ein Murmeltier, hatte einen unruhigen Schlaf. Der heftige Knall eines Blitzschlages in der Nachbarschaft, der im Steingeviert seines Hinterhofes vielfach nachdonnerte, weckte ihn. Himmelhoch flackerten die Blitze in der Nachtschwärze Berlins, untermalt vom Gegrummel eines Sommer-Gewitters – und auf dem Drahtverhau des Taubenschlages vom Dach des Vorderhauses tanzten blaue Elmsfeuer wie betrunkene Fadenwürmer.

Fauchend stürmte es, ein Platzregen ergoss sich, als wäre der Hof ein himmlischer Ausguss und feuchter Dunst wirbelte ins Zimmer, wie um seine überhitzte Ratlosigkeit kühlend zu lindern.

Seine Gedanken kreisten um Igor Antonows Brief, denn er war immer noch verblüfft über die posthume Offenheit des Geheimen, fühlte sich genötigt – gleichzeitig geehrt – von Antonow derart beauftragt und ins Vertrauen gezogen zu werden.

Wenn er jedoch ehrlich war, hatte ihn nur der Hinweis auf das Schicksal seines Bruders wirklich aufgewühlt. Da war er motiviert, etwas zu unternehmen, um mehr zu erfahren. Wie das gehen sollte, war für ihn, leer und ratlos, wie er sich fühlte, noch nicht vorstellbar.

Morgens um sechs unter der Dusche, wo gewöhnlich die Träume der Nacht abgespült und gefiltert wurden, fühlte Oie: Er musste raus aus der Stadt, um Abstand zu bekommen und einen Plan zu entwickeln. Auch wollte er sich durch Arbeit ablenken, erst dann sich kümmern und vielleicht einigen von Igor Antonow markierten Spuren nachgehen.

Das ließ sich zeitlich kombinieren, denn er hatte sich für zwei Wochen bei seiner Frau Katharina abgemeldet – zur Projekt-Betreuung und zu vorbereitenden Absprachen in Mecklenburg und Vorpommern. Dort waren in den nächsten Tagen Termine wahrzunehmen. Gewöhnlich stieg er dazu in über die Jahre lieb gewordenen ländlichen Hotels ab – auch um nicht jeden Tag den langen Anlauf von Berlin nehmen zu müssen. Architektur-Design und Gesamtgestaltung von Bauwerken standen auf seinem Programm, was sich am effektivsten direkt bei den Planungspartnern abarbeiten ließ.

Schon nach vier Tagen hatte er alle wichtigen Fragen der laufenden und vorzubereitenden Projekte geklärt, Absprachen mit seinen Auftraggebern getätigt – und das Gefühl der Abkömmlichkeit für die nächste Zeit gewonnen.

Im ersten Morgengrauen fuhr er zurück in seine Klause nach Berlin, packte ein paar Sachen, druckte die Listen aus und kopierte die CD auf den neuesten Stick – ein Geschenk seiner Frau Katharina. Dann steckte er die CD in eine feste Hülle, versiegelte sie und legte sie, mit der Bitte um sichere Aufbewahrung, in einen Brief an seinen Anwalt.

Er fuhr zum Briefkasten und dann einige Straßen weiter, zum Beginn der Frühschicht seiner Audi-Werkstatt, um das Getriebe in Reparatur zu geben, dessen schon seit Tagen angekündigtes fein pfeifendes Versagen, nach tachogefühlten zwölf Erdumrundungen wie ein Damoklesschwert über ihm schwebte.

Danach sprang er in die U-Bahn zum Bahnhof Lichtenberg. Mit dem Regionalzug fuhr er nach Prenzlau und nahm sich dort ein Taxi, um eine halbe Stunde später in Franzfelde, dem Wohnsitz seiner Ex zu sein. Die war eine bekannte Malerin.

Oie fühlte – bei der Brisanz der von Antonow übermittelten Informationen – eine heraufziehende latente Gefahr und wollte unauffindbar sein. Instinktiv musste er einen Abstand schaffen zu etwas Drohendem, das seit der Übergabe des Vermächtnisses von Igor Antonow beim Notar über ihm schwebte. Das war im turbulenten Berlin nicht denkbar – und auch nicht bei seiner Familie, im Haus vor der Stadt.

Aber er wusste, auf dem Lande, weit entfernt, gibt es die Chance einen Plan zu entwickeln.

Dort, am für ihn noch immer magischen Ort, erhoffte er die Ruhe, um unbeeinflusst vom unstet produktiven Leben zwischen Atelier, Internet und Telefon, mit all den daran hängenden Verpflichtungen, über die Sache und sein weiteres Vorgehen nachzudenken.

Von unterwegs, aus dem Taxi, rief er auf Franzfelde an.

Es war zehn Uhr und seine Ex war mehr als überrascht von seinen Besuchsabsichten, nach so vielen Jahren.

Er ließ sich deshalb noch etwas Zeit, dirigierte den Fahrer über die Dörfer seiner dritten Heimat und bat ihn dabei, sein Fenster runter zu lassen, denn die Morgensonne entfachte eine Symphonie gedeckter Farben in der Landschaft – und die waren bei getönten Scheiben irgendwie modisch verschroben.

Auch mochte er diesen hereinwehenden, feucht-strohigen Geruch der Landschaft, den der ersten Stoppelfelder, die ihn an die Sommergerüche seiner Kindheit erinnerten, als er mit seinem Bruder Otto früh raus musste, um bei der Ernte zu helfen.

Er durfte damals den Lanz-Bulldog beim Garben Verladen vorrücken. Die Erwachsenen beluden den Hänger, und er streckte sich als Zwölfjähriger jedes Mal mit aller Kraft – wie ein Spreizstock – um die Kupplung zu treten, deren Pedal doppelt so groß war wie sein Fuß.

Sein Bruder Otto half ihm dabei, am übergroßen Lenkrad hängend, um mit vereinten Kräften die Spur zu halten. Daran erinnerte er sich jeden Sommer, wenn die Felder abgeerntet wurden oder wenn er den böllernden Herzschlag eines Bulldog bei ländlichen Festen von Weitem vernahm. Auch mochte er das singende Gedröhn der fernen Mähdrescherkolonnen, die ihm ein Gefühl von Verwurzelung gaben und irgendwie die Hoffnung – alles wird gut.

Die Überraschung für seine Ex saß noch immer, das sah er, als er auf der kreisrunden Auffahrt halten ließ und Alma aus dem Portal trat, denn er war jahrelang nicht mehr hier gewesen.

Ein Dackel, dem sie Franz hinterherrief, tobte ihm neugierig entgegen. Franz müsste mittlerweile der Dritte sein, ging es ihm durch den Kopf – und hatte den Namen von seinen Vorfahren übernommen. Den ersten Franz hatte er einst für seine drei Kinder aus dem Tierheim geholt und als der, beim Herausspringen aus dem Auto, an gleicher Stelle wuselnd auf seine kleine Tochter zustürzte, rief sie mit einer lang gezogenen Freuden-Melodie »Fraaaannnnzzz!« Seitdem gab es immer einen Dackel Franz auf Franzfelde.

Sie hatten das Gutshaus vor fast dreißig Jahren leerstehend übernommen. Es war einer dieser schönen Landsitze, inmitten von weitläufigen Feldern der Uckermark – zu weit abgelegen und zu groß, als dass irgendeine Gemeinde oder Landwirtschafts-Genossenschaft noch etwas damit hätte anfangen können. Die umliegenden Stallungen waren damals schon aufgegeben und ruinös. Solche überflüssigen, die Planerfüllung störenden, baulichen Altlasten wurden von den Bezirksregierungen an freiberufliche Künstler vergeben, die dann mit Sanierungs- und Denkmalpflege-Krediten unterstützt wurden.

Schön war es inmitten der üppigen Natur auf dem Lande zu wohnen – aber es war einsam. Damals hatte Franzfelde noch eine Handvoll Einwohner und einen Schulbus für die Kinder. Nun lebte da keiner mehr – nur seine Ex.

Das Gutshaus stand auf einem halbhohen, massiven Feldsteinsockel, unter dem sich ein Gewölbekeller verbarg, und hatte, bei neun Achsen, ein vorgesetztes Eingangsmittelrisalit über der Granittreppe. Bei imposant dicken Wänden war es eingeschossig gebaut, mit einem riesigen Krüppelwalmdach gedeckt, unter dem sich ein großer Wirtschaftsboden befand. Die Zimmer lagen dort oben an den Giebelseiten und am Sonnenbalkon über dem Portal.

Im Hauptgeschoss schlossen sich links und rechts vom Vestibül zwei kleine Säle an, die zu Malzwecken genutzt wurden. Hier war auch der Ort für Ausstellungen und Sommer-Plein-Airs, wenn diese – wegen des Norddeutschen Wetters – im Saale stattfinden mussten. Das war die öffentliche Seite, die Galerie- und Süd-Westseite.

Ein hoher Mittelflur trennte diese Raumflucht von der Rückseite und bot an den Enden Treppen ins Dachgeschoss zu den Giebelzimmern.

An der Rückseite befand sich aktuell der eigentliche Wohntrakt, in den man sich in der kalten Jahreszeit zurückzog, mit untereinander verbundenen Wohnräumen und der Gutsküche, die einen direkten Zugang zum Hausgarten besaß, der Teil des Eichen umstandenen Parks war, und der nur in einem schmalen Ausläufer in den angrenzenden Buschwald überging.

Im Park befand sich ein Weiher – einer dieser vielen kreisrunden Sölle, die Augen der Uckermark genannt werden – mit etwas Schilf und vielen Fröschen, wo in den Sommernächten unvergleichliche Konzerte stattfanden, die schon so manchem Gast den Schlaf raubten.

Das Gutshaus war in dieser Form über hundertfünfzig Jahre alt und gehörte einst zu einem weitverzweigten Besitz der von Arnimschen Landgüter. Das war vor dem Krieg. Dann kamen die Flüchtlinge aus dem Osten. Fünfzig Personen sollen damals in den zwölf Räumen des Hauses gewohnt haben. Nun aber war Alma hier allein und eigentlich, so hörte man, froh, wenn mal wer vorbeikam. Im Sommer gab es regelmäßig lebendige Plein-Airs für Künstlerkollegen und Studenten – aber die tristen Landwinter waren lang.

Vor allem in der neuen Zeit, da der hypertrophierte, offizielle Kunstbetrieb viele der seit Menschengedenken überlieferten und bis dahin gültigen Maßstäbe für künstlerische Qualität, beiseite gefegt hatte. Die Kunstversteher-Gazetten der Kunstmarkt-Mafia und ihrer Bild-Erklärer dominierten alles. Darunter litten besonders die bodenständigen Künstler, die sich bemühten, über die Beherrschung des künstlerischen Handwerkes, über Natur, Figur, Gegenstand und Raum zur Kunst zu finden. Auch Alma – das wusste er nur zu gut.

Sie begrüßten sich, wie immer seit der Trennung, förmlich. Oie schwang Rucksack und Reisetasche über die Schulter und ging mit ihr ins Haus.

Alma war schmal, klein und zart, aber immer wieder von einer verblüffenden Energie, wenn es um Malerei und Kunst überhaupt ging. Er schritt hinter ihr und wunderte sich, denn sie schlenkerte mit ihren Mittfünfziger Jahren immer noch die Arme wie ein junges Mädchen.

Als sie durchs Foyer in der großen Gutsküche angekommen waren, wo sich der Hauptwohnbereich des Hauses befand, drehte sie sich schwungvoll um.

Oie sah, dass ihre dunklen Augen noch etwas kleiner geworden waren, die Sorgen- und Lachfalten sich noch etwas tiefer einprägten und sich der Grauschleier der Jahre über ihr Haar zu legen begann.

Eigentlich fühlte sich Oie, wie alle Besucher in der ländlichen Einsamkeit, willkommen und war umso erstaunter über die nun folgende Wendung: »Gut, dass du gerade jetzt kommst, Albrecht. Hier sind die Schlüssel. Deine ehemaligen Zimmer oben sind jetzt Gästezimmer und etwas verstaubt. Bitte gieß die Blumen und kümmere dich um die Tiere – ich werde einige Tage nicht hier sein.

Nicht deinetwegen, das hatte ich dieser Tage sowieso vor.«

Diesen eiligen Entschluss – so war er sich sicher – konnte sie erst nach seinem Anruf aus dem Auto gefasst haben, denn sie war allseits bekannt für ihre spontanen Wendungen. Nur fühlte sich Oie in diesem Augenblick ungemein festgenagelt und vereinnahmt.

»Ach ja, und«, fügte sie ironisch lächelnd hinzu, »zu reparieren gibt es auch Einiges für den deutschen Ingenieur. Der Zettel liegt auf dem Schreibtisch in der Bibliothek.«

Das war’s, das hatte er so nicht erwartet, aber eigentlich, wenn er genau überlegte, war es ihm recht. Er fürchtete ihr spitzes Schweigen, ihre spöttischen Fragen zu seinem, ihrer Meinung nach unsteten und unkünstlerischen Lebenswandel, an denen am Ende die Vorwürfe klebten, dass immer er die Ursache dafür gewesen sei, dass sie damals, als Künstlerin, mit sich und der Welt hier draußen nicht gleich klarkam.

Für Oie aber, mit dem Blick von außen, kam sie klar. Schon damals, obwohl die Malerei die einsamste Berufung der Welt sein konnte, das wusste er. Sie lebte doch im Einklang mit der Natur, für ihre Kunst, – was wollte sie mehr?

Nach einem gemeinsamen Kaffee beförderte er Alma mit ihrem Oldtimer-Geländewagen im Zuckeltrab nach Prenzlau zum Bahnhof. Danach fuhr er auf einigen Umwegen durch die kurzhüglige, sommerlich-prächtige Landschaft zurück und setzte sich in den Garten.

Das Gezwitscher der Vögel klang wie sein Begrüßungskonzert, die Gerüche der Blumen im warmen Wind umzauberten ihn, und – das war nach so langer Zeit wieder neu – sie veränderten sich dabei mit dem Licht und den Temperaturen des Tages.

Im trockenen Staub der Großstadt hatte er das lange nicht mehr so wahrgenommen. Es behagte ihm, dem vom Bauernjungen zum Stadtindianer Konvertierten, der sonst zu oft von der gleichen Mischung aus Auto, Schmutz und Hund umweht wurde, auf besondere Weise.

Gegen Abend fürchtete er, aus der Idylle gerissen zu werden und schaltete sein Funktelefon aus. Er fütterte erst die Kaninchen, den Hund und den Kater, – dann sich.

Nachdem er den Staub des Zimmers halbwegs beseitigt hatte, ging er, wie auf dem Lande üblich, mit der untergehenden Sonne schlafen.

In der Nacht weckte ihn ein schweres Gewitter, das den Eichensaum des Parks wie Brandung brausen ließ und die vielstimmig säuselnden Geister des Windes unter dem großen Dachstuhl, wo sich sein Zimmer befand, zum Chor formte. Den Kontrapunkt in dieser gewaltigen Natur-Symphonie setzte der große Mantel-Kamin des Hauses, der sich neben seinem Bett befand. Mit seinem sanft-brummigen Dröhnen, unterbrochen vom Blitz-Donner-Stakkato, klang er wie eine Antwort auf das auf- und abbrausende Rauschen der Bäume.

Diese urwüchsigen Gewitter-Stimmen der Natur, die seinen Kindern damals unheimlich waren – ihm waren sie jetzt ein Seelen-Balsam.Jetzt war es gut so, denn er war absolut leer. Sein Gehirn war zu keinen zusammenhängenden Gedanken fähig, so berührte und beschäftigte ihn der Brief Igor Antonows – vor allem der erschütternde Blick auf das Schicksal seines Bruders.

Er atmete sich zur Ruhe und schlief wieder ein.

In seinen Gewitter-Träumen befand er sich auf einer riesigen, hölzern-wackligen Achterbahn. Steil aufsteigend, dem Himmel zurasend – ohne zu wissen, wie es hinter dem Gipfel weitergeht. Dann der Blick in den Abgrund, weiter beschleunigend, in die Kurve brausend und wieder steil in den Himmel.

Mit einem gewaltigen Donnerschlag erwacht, hatte er das Gefühl, eben Geträumtes – wie ein fremd gesteuerter Kamikaze-Flug – könne da draußen auf ihn warten.

Das verunsicherte Oie, denn eigentlich suchte er Ruhe, war er hier, weil ihm in Sachen Antonow so keine Idee kam, er aber aus Lebenserfahrung wusste, dass man die Dinge mit Geduld sacken lassen muss, um Klarheit zu gewinnen und einen tragfähigen Faden des Handelns zu finden.

Ruhe und Geduld wurden jedoch, mit jedem Tag, der verging, immer mehr zur Illusion, das musste er sich jetzt eingestehen, denn sie passten überhaupt nicht in den mentalen Alarm, den Igors Informationen so brachial in sein Leben schleuderten.

Oie, der es im Zweifelsfall vorzog den Stier bei den Hörnern zu packen, musste, das fühlte er, sein inneres Gleichgewicht wiederfinden – auch um künftige Optionen realistisch beurteilen zu können.

Wie in einer ablenkenden Selbsthypnose machte er am Morgen nach Sichtung der Haus-Bibliothek einen Leseplan und nahm sich im Angesicht neuerer Ausstellungskataloge vor, einige Künstlerkollegen in Reichweite zu besuchen.

Es gab so gute Erinnerungen an damals, an die kreative Zusammenarbeit bei den Gestaltungs-Projekten auf dem Lande, deshalb wollte er den alten Freunden nach langen Jahren wieder die Reverenz erweisen – und versprach sich auch daraus klarere Sicht auf das Wesentliche.

Raumwechsel im Figurentheater nannte er es in seiner Kreativ-Methodik bei den Gestaltungs-Projekten.

Vielschichtiges Umdenken aus dem Umschreiten der Sache – unter dem Eindruck von Anforderungen, Persönlichkeiten, Geschichte und Gegenstand – ohne die zentrale Fragestellung vordergründig auf dem Radarschirm zu haben. Das war die Methode seiner Wahl, um aus diesem Labyrinth der vagen Möglichkeiten einen Ausweg – den Ariadne-Faden – zu finden.

Damit unterschwellig verbunden war die Suche nach bodenständigen Maßstäben des Handelns, so wie zu Zeiten der Perestroika und ihrer sich aufschwingenden seismischen Wellen, als sie fast täglich unter Künstler-Kollegen diskutierten. Als es darum ging, was wichtig ist, was menschlich, was produktiv und machbar ist – was moralisch ist und was wahr. So, erinnerte er sich, war es jedenfalls bei den Idealisten und Leistungsträgern vor der Kunst, zu denen er seinen Freundeskreis damals zählte.

Dieser nachhallende, konstruktive Idealismus und die Erinnerungen an die gemeinsamen Projekte wärmten seine Seele und weckten Vorfreude auf die Begegnungen, – dabei ahnte Oie nicht, dass seine Fluchtburg bereits identifiziert war und ein Kommando rekrutiert wurde, seiner dort habhaft zu werden.

5 Oie begegnet den Grauen

Am dritten Tag hatte er sich am späten Vormittag auf den Weg gemacht und war die zwanzig Kilometer gefahren, um am Rand der Feldberger Seenplatte den Bildhauer Ulm Moros und seine Frau Linde zu besuchen. Sie lebten auf einem abgelegenen Dreiseitenhof, von Obstbäumen umgeben, an einem kleinen See, zugehörig einem benachbarten Dorf namens Lichtenhain.

Das bescheidene, wohl gestaltete, pastellig-stuckverzierte, eingeschossige Bauernhaus aus der Kaiserzeit lag direkt an der großstämmigen Eichen-Allee nach Feldberg.

Niemand war zu Hause.

Oie klemmte einen Zettel mit seiner Funknummer und einem Gruß für Ulm und Linde hinter das Hoftor. Er hatte darauf versprochen, es am Abend noch einmal zu versuchen. Dies im Hinterkopf schaltete er sein Funktelefon wieder ein, und fuhr auf den sanft-welligen Landstraßen der Uckermark mitten durch die traumhaften Farben des Landsommers nach Franzfelde.

Auf den letzten Kilometern bockelte der Niva über die Russenstraße. Im beunruhigenden Rütteln des Kopfsteinpflasters siebten sich seine Gedanken von der Spreu der Umstände, in die er geraten war.

So unmittelbar wie das Schütteln aufhörte, weil die Gefangenen, die diese Straße einst bauten, am Ende des Krieges zurück in ihre Heimat konnten, wie die Alten erzählten, so unmittelbar bekam er jetzt Hoffnung eine Idee und Verbündete zu finden, um Igor Antonows Auftrag zu erfüllen und das Schicksal seines Bruders zu klären.

Alles wird gut, der Kalte Krieg ist ja vorbei, beruhigte er sich, – da sah er, an den Abzweig nach Franzfelde herangefahren, über den weiten Stoppel-Acker, Chromblitze einer schwarzen Limousine bei Almas Gutshaus.

Es war ein etwas zu großes Auto für Künstler und für diesen Landstrich – vor allem aber stand es auf dem Rasen am Haus, auf dem nicht Freunde stehen und auch nicht Besucher.

Der alte Fuchs, der Jagd-Stress witterte, stieg ihm in den Nacken. Die Arme versteiften sich und er fuhr weiter geradeaus.

Am Feldweg hinter dem nächsten Hügel bog er nach links und zog in dessen Deckung über einen frisch gepflügten Acker.

Die Vierrad-Antriebe des russischen Last-Esels kreischten ins Innere, wie wenn sie eine Ahnung davon hätten, dass es zur Sache geht, und alarmierten ihn vollends. Mit jedem Meter, den er sich dem Gutshaus auf dem Gelände-Parcours näherte, stieg die Spannung.

Hinter den abschirmenden Buschgruppen am Park schaltete er die Zündung aus und ließ den Wagen auf dem Rasen ausrollen.

Er sprang hinaus und ging zwischen den großen Gehölzen im Bogen um den Weiher von hinten auf das Haus zu.

Beim Blick auf die unberührten Gartenmöbel zerstoben seine letzten Hoffnungen, doch noch harmlosen Besuchern zu begegnen, die früher dort warteten, wenn niemand im Hause war.

Jetzt hätte er gewarnt sein sollen, aber sein Naturell war das eines Draufgängers, was seine Frau Katha progressiven Leichtsinn nannte, wenn die Situation wie jetzt undurchsichtig wurde.

Diese Haltung kam, als Kindheitsmuster, schon aus dem Buddelkasten und vom oftmals turbulenten Bauernhof seiner Eltern. Da Oie damit ein respektables Alter erreicht hatte, sah er auch diesmal keinen Grund zurückzuschrecken.

In der Deckung der Hauswand, am Sockel entlang, stieg er auf die steile, steinerne Gartentreppe, die zum Kücheneingang führte, dessen mit farbigen Glas-Applikationen ausgefachte Tür verschlossen schien.

In der Küche war niemand, soviel konnte er überblicken, und so drehte er lautlos die Flügelmutter auf der Gartenseite, von der nur Eingeweihte wussten, dass sie über eine Achse mit der inneren Hakensperre verbunden war.

Als er die Tür lautlos einen Spalt weit geöffnet hatte, schoss der silbergraue Karthäuser-Kater Aramies mit unwirklich aufgeplustertem Fell wie ein Blitz durch seine Beine – die Treppe im gestreckten Galopp nehmend – unter die nahen Büsche.

Den Grund erfasste er mit einem Blick. Auf den grün-weißen Schachbrett-Fliesen der Gutsküche lag Franz der Dackel in seinem Blut und rührte sich nicht mehr. Oie schockierte dieser Anblick und eine unbeschreibliche Wut stieg in ihm auf, denn der Bauernsohn in ihm konnte zum Attischen Elch werden, wenn auch nur irgendjemand einem Tier etwas zuleide tat. Wer macht so etwas? Warum?

Gespannt wie eine Sprungfeder, den Mörder riechend, griff er instinktiv nach der Hacke neben der Tür. Er streifte die knarzigen Sandalen ab und schlich in Richtung Bibliothek, aus der er raschelnde Geräusche vernahm.

Die Bibliothek war das ehemalige Zimmer der Köchin, die über einen Flur, von dem Türen der Speisekammern und Vorratsschränke abgingen, mit der Küche verbunden war.