Operation Rammwelle - Dirk Köster - E-Book

Operation Rammwelle E-Book

Dirk Köster

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Beschreibung

Eigentlich wollte Frank Krüger auf La Palma nur Urlaub machen- einen Tag später ist er tot. Zerrissen von einer Mine in der geheimnisvollen Unterwelt der wunderschönen Kanaren-Insel, er ist einem Überbleibsel des Zweiten Weltkriegs zum Opfer gefallen. Sein Freund Wim Reinders gerät in Verdacht und beginnt eigene Ermittlungen. Nach und nach erfährt der Geologe von der Existenz einer schrecklichen Waffe aus dem Dritten Reich. Womit sich gezielt extreme Felsrutsche und damit Tsunamis auf der anderen Seite des Ozeans auslösen lassen. Niemand glaubt dem Holländer- außer ein paar wilden Bikern, die ihn bei seinen Ermittlungen unterstützen. Auch wenn ihm die Lebensweise seiner neuen trinkfesten Freunde gar nicht gefällt, erkennt er bald, dass die ehemaligen Fremdenlegionäre seine letzte Rettung sind.Längst bedient sich ein skrupelloser Terrorist der vergessenen Waffe und löst damit verheerende Tsunamis aus. Als "Kostprobe" seiner Fähigkeiten nimmt er den Tod zigtausender Menschen in Kauf. Zunächst erpresst er die Welt, doch nach einem misslungenem Täuschungsmanöver der Geheimdienste stellt er keine weiteren Forderungen, sein Ziel ist die totale Vernichtung. Der entscheidende Schlag steht unmittelbar bevor: "Skorpio" plant mit einer gezielten Monsterwelle die Ostküste der USA auszulöschen. Die Geheimdienste tappen im Dunkeln, schließlich bringen Wim Reinders und seine Freunde die grausame Wahrheit ans Licht. Eine atemberaubende Jagd rund um den Globus beginnt, der Schlüssel zum Erfolg findet sich schließlich an der Mosel und auf der Insel La Palma.Doch gelingt es Wim und seinen Freunden den Terroristen unschädlich zu machen? Oder sind die Geheimdienste schneller? Im gnadenlosen Wettlauf mit der Zeit ist "Skorpio" seinen Häschern lange Zeit eine Nasenlänge voraus. Beim finalen Showdown entscheiden schließlich ein paar atemberaubende Minuten über das Schicksal der modernen Zivilisation.

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Seitenzahl: 755

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Dirk W. Köster

Operation Rammwelle

Roman

Buch

Hiroshima, Nagasaki, Fukushima – tausende Tote, entsetzlich entstellt, kontaminierter Boden, auf Jahrzehnte verseucht, unbewohnbar.

Und dennoch ein Sandkastenspiel im Vergleich zu einer alten und dennoch topmodernen Waffe, die seit Jahrzehnten an verschiedenen Orten weltweit unter der Erde schlummert. Nicht aktiviert, aber zu 100 Prozent funktionstüchtig und einsatzbereit. Diese Waffe, die ein bisher ungekanntes Maß an Zerstörung, aber keine Kontamination bringt, kennen nur noch wenige hochbetagte Zeitzeugen. Und ein Jüngerer, der in ganz besonderer Beziehung zu ihr steht und durch einen Zufall von ihrer Existenz erfahren hat. Ein Mensch ohne Gewissen, ohne Skrupel, überhaupt ohne Gefühlsregung. Die ganze Welt will er unter seine Herrschaft bringen. Dass er es kann, hat er schon mehrfach mit verheerenden „Kostproben“ bewiesen. Doch eine Weltmacht lässt sich nicht erpressen. Der geheimnisvolle Topterrorist, dessen Stimme man ebenso wenig kennt wie sein Äußeres, ist zu allem entschlossen. Nur wenige Tage bleiben dem Geologen Wim Reinders, zusammen mit ein paar wilden Bikern die Waffe zu finden, die alles bisher Dagewesene in den Schatten stellt und die Welt zum Spielball eines Psychopathen werden lassen kann.

Wer ist schneller – Wim Reinders‘ Team, die CIA… oder doch der gewissenlose Massenmörder?

Autor

Dirk W. Köster hat fast die ganze Welt bereist. 1958 in Düsseldorf geboren, hat er vor mehr als 30 Jahren die Eifel zu seiner Wahlheimat gemacht. Er kennt Deutschland ebenso aus dem Effeff wie die USA, Russland, Australien, Spanien, Indien, den Balkan…

Und die Kanarischen Inseln, besonders die im Vergleich mit ihren Schwestern eher unscheinbare Insel La Palma. Hier entdeckt der langjährige Motor- und Reisejournalist Bauwerke, Gegeben- und Besonderheiten, die ihm zwar niemand genau und vor allem plausibel erklären, dafür aber mit einer Unzahl an Mythen und Legenden deuten kann. Ähnlich geheimnisvolle Stätten finden sich auch in der unmittelbaren Heimat, an der Mosel, in der Eifel und dem Hunsrück.

Zusammen mit fundiert recherchierten Fakten aus der deutschen Vergangenheit und aus militärischen Geheimnissen hat Köster nach mehreren Sachbüchern in seinem Debütroman einen Thriller geschaffen, der sich genauso zutragen könnte und der durch seinen Realitätsbezug Gänsehaut erzeugt.

Dirk W. Köster

Operation Rammwelle

Roman

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Die Handlung und Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig. Die geschilderten Taten und Handlungen der ehemaligen Machthaber des Dritten Reichs und der Wehrmacht sind rein fiktiv und dürften in der geschilderten Art und Weise nie stattgefunden haben. Wahr ist: …dass auf der Insel La Palma ein weitläufiges System unterirdischer Wassertunnel existiert, um die sich viele Geheimnisse und Legenden ranken. …dass manche Wissenschaftler auf der Insel La Palma in unbestimmter Zukunft das Abbrechen einer gewaltigen Landmasse von 500 Kubikkilometern befürchten. Würde das geschehen, wäre die Ostküste der USA von einem Mega-Tsunami bedroht. …dass der alte Eisenbahntunnel zwischen Treis und Bruttig existiert. Wahr auch, dass sich in dem Tunnel im Krieg eine geheime Anlage befand. Nicht zuletzt der heute hermetische Verschluss der Anlage liefert Stoff für Gerüchte von eingelagertem Nazigold über ein geheimes Fahrzeuglager bis hin zum im Tunnel verborgenen Bernsteinzimmer.

1. Auflage © 2013 Dirk W. Köster Umschlaggestaltung, Titelfoto Dirk W. Köster Lektorat, Korrektorat: Dorrit Höher Klappentexte, Vita: Harald Hartmann

Verlag: tredition GmbH, Hamburg ISBN: 978-3-8495-6752-1

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung. Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Operation Rammwelle

Kapitel 1 La Palma La Palma, 18. Januar

„Erster Aufruf des GAL-Fluges 4721 nach La Palma, die Passagiere werden zum Ausgang C 12 gebeten!“ Die krächzende Lautsprecherdurchsage ereilt Frank Krüger, als er die viel zu langsam laufenden Stufen der Rolltreppe Richtung Abflughalle hochhetzt.

Um 4.55 Uhr sollte der Nachtzug aus München am Rhein-Main-Flughafen ankommen, jetzt erst, um 6.05 Uhr, läuft der Zug im neuen Flughafenbahnhof ein. „Typisch Last Minute!“ denkt Frank, während er den Schildern zum Terminal folgt. Vor fünf Jahren sollte die Baustelle endlich fertig sein, jetzt wird immer noch gebuddelt. Der neue Fernbahnhof ist zwar fertig, aber immer noch sind die Passagiere gezwungen, im Zickzack provisorische Absperrungen zu umrunden. Die neue Startbahn ist nach Finanzkrise, Nordafrikachaos und der dadurch gesunkenen Reiselust zwar fertig, kann aber wegen anhaltender Proteste der Anwohner in den neuen Einflugschneisen nur eingeschränkt benutzt werden.

Klar, dann kam der große Bauarbeiterstreik dazwischen, der die Arbeiten verzögerte. Frank hofft inständig, dass er den Flieger noch bekommt. Kurz vor halb sieben erreicht er als Letzter den Schalter der „German Air Lines“, wo zwei Bodenhostessen gerade dabei sind, die Abschnitte der abgegebenen Tickets zu zählen.

„Nun aber schnell, Herr Krüger“, schulmeistert die größere der beiden Damen am Counter, ganz so, als wüsste Frank nicht, wie spät er dran ist. Schließlich kann er nichts dafür, wenn der nächtliche Schneeeinbruch für ein Verkehrschaos gerade bei dem Verkehrsmittel sorgte, das früher mit dem Slogan „Wir fahren bei jedem Wetter“ warb. Während er die Sicherheitskontrolle passiert, ruft die andere Dame direkt am Gate an, dass noch ein weiterer Passagier kommt.

„Ziehen Sie die Gürtelschnalle aus, legen Sie Schlüsselbund und Portemonnaie in die Schale“, befiehlt der Security-Mann, als der Metalldetektor schrill piept. Franks Eile bleibt dem Kontrolleur in seiner dunkelblauen Uniform nicht verborgen. „Se hädde halt eher uffstähe misse“, babbelt der Kollege des peniblen Kontrolleurs.

Jetzt nur nicht meckern! Frank hält sich im Zaum, denn ihm ist klar, dass „Dienst nach Vorschrift“ seitens der Mützenträger seinen Abflug nachhaltig verhindern kann. Der Pingelige wirft ihm noch ein „Jetzt aber flott“ hinterher, als er im Laufschritt Richtung Gate C 21 hetzt. Es ist nicht zu verfehlen, eine Stewardess ruft ihn gleich mit seinem Namen zu sich. Die Passagiere sind schon mit dem Bus in Richtung Flieger verschwunden, Frank wird eilends von einer reizenden Ramp-Agentin mit langen, zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haaren in einem Crewbus hinterhergebracht.

„Super Service“, denkt Frank bei sich und formuliert im Geiste schon ein Dankesschreiben an die „German Air Lines“.

Über die hintere Gangway betritt Frank die vollbesetzte 757 der GAL. Sein Platz liegt in der drittletzten Reihe, zwischen einer dicklichen Dame und einem grau meliertem Herrn mit breitem Kinnbart, dem der Oberlehrer von den Augen abzulesen ist. Nun kann eigentlich nichts mehr schiefgehen, der Aktivurlaub kann beginnen.

Der Pilot schiebt die Gashebel ein wenig nach vorn, als er nach der Rollfreigabe in Richtung Rollhalt 18 West über den Taxiway rollt. Als dritte Maschine hinter einem brandneuen A 380 der Lufthansa und einer der wohl letzten Tupolevs 154 einer sibirischen Airline, deren Namen Frank durch die kyrillische Schrift nicht richtig entziffern kann, zieht der Pilot nochmal die Parkbremse an.

Ein Enteisungswagen mit der durchaus passenden Aufschrift „Elefant“ rollt zur Boeing und überzieht den elegant schwarz-rot lackierten Flieger mit einer zähen Schicht glibberig-grünen Frostschutzmittels. Diese Vorsichtsmaßnahme wird von nicht allen Passagieren begriffen, einige meinen offenbar, der Flieger würde gewaschen.

Für Frank Krüger als Maschinenbauer ist die Enteisung jedoch eine beruhigende Maßnahme, bei einem Grad Minus setzt draußen jetzt heftiges Schneetreiben ein. So etwas führt zur Eisbildung. Vereiste Tragflächen waren schon oft der Grund für Flugunfälle.

Der Pilot rollt zur Startbahn 18 West und wartet noch zwei vor ihm startende Maschinen ab. „Vor zwanzig Jahren haben wir den Startbahnneubau noch bekämpft, heute starten wir von hier“, sinniert Frank mehr zu sich selbst als zu seinen Platznachbarn. Doch der Schulmeister stimmt ein und faselt etwas von Umweltschutz und wie sinnlos diese Startbahn doch sei. Steig doch aus, denkt sich Frank und konzentriert sich auf den Start.

Der Kapitän drückt die Schubhebel nach vorn und die 757 beschleunigt vehement. Die Passagiere werden sanft in die Sitze gedrückt. Schlieren des grünlichen Frostschutzmittels behindern die Sicht nach draußen, als der Vogel steil nach oben zieht. Ein Summen signalisiert das Einfahren des Fahrwerks. Früher hätte der Pilot jetzt die Rauchverbotszeichen gelöscht und die Qualmerei wäre losgegangen. Was für ein Fortschritt! Schon seit Ende 2000 ist das Rauchen weltweit auf allen Flügen verboten. Seit einem verheerenden Unglück in der Karibik im August 2000, bei dem alle 251 Passagiere einer 777 ums Leben kamen, haben die IATA Mitgliedsländer das generelle Rauchverbot beschlossen. Dass erst ein Unfall passieren musste, denkt sich Frank und freut sich über die angenehme Kabinenluft. Die Sache kam raus, weil der Kapitän der Unglücksmaschine noch über Funk mitteilte, dass ein Passagier beim Rauchen eine Zeitung entzündete. Die Sauerstoffmasken kamen herunter und verstärkten das Feuer noch. Wichtige elektrische Leitungen entzündeten sich und die Maschine wurde steuerlos. Zusätzliche Steuerseile waren bei einem „Fly by Wire“-Flugzeug wie der 777 nicht vorhanden. Die Fluglotsen mussten sich das fast eine halbe Stunde dauernde Inferno machtlos anhören. Dass immer erst etwas passieren muss. Nichtraucher Frank kommt der Verzicht auf den blauen Dunst sehr entgegen, sitzt er doch heute mitten in der ehemaligen Raucherzone.

Die Maschine durchbricht die Wolkendecke und taucht in ein schier endlos erscheinendes Blau ein. Irgendwie ist das jetzt für Frank der Beginn seines Urlaubs. Dabei wusste er vor zwei Tagen noch nicht, wo es hingehen sollte. Ein Last-Minute-Flug aus dem Internet sollte es sein, ohne Beratung, dafür billig. Zwei Ziele hatte der Computer zur Auswahl. Mallorca ab München fiel aus. Frank mag diese Stätten des ausschweifenden Massentourismus nicht, obwohl die mallorquinischen Behörden den Sauftempeln à la Ballermann bereits seit einigen Jahren per Dekret versuchen, den Garaus zu machen. Wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. Frank entschied sich also für La Palma. Zwar ab Frankfurt, aber die Zugfahrkarte von München war ja im Preis schon drin. Vorher hatte er nie bewusst von der Kanareninsel gehört, die Infoseiten im Internet verheißen jedoch ausgeprägte Wanderfreuden, fernab von jeglichem Massentourismus. Im Sommer ist Frank Krüger jede freie Minute in den Alpen unterwegs, im Trekking-Outfit erholt er sich regelmäßig von seiner Schichtarbeit im Kernkraftwerk Isar II. Also zum Bergwandern auf die Kanaren, eine Vorstellung, die ihn reizte. Offenbar denken auch viele andere Passagiere so, denn an deren Füßen finden sich vorwiegend derbe Wanderschuhe. Auch seine beleibte Sitznachbarin gibt vor, die Berge erklimmen zu wollen. Derweil fiebert sie aber wohl eher dem Bordfrühstück entgegen. Der Kapitän meldet sich aus dem Cockpit, die aktuelle Position ist jetzt querab München. Dort war Frank heute schon mal, zuletzt am Bahnhof um 0.30 Uhr.

Die lange Anreise hat Frank hungrig gemacht. Das fertig abgepackte Frühstück schmeckt, die GAL ist eben für ihre Qualität bekannt. Sobald die Stewardess das Tablett vom Tisch geräumt hat, schläft Frank ein. Durch die geschlossene Wolkendecke ist von der Landschaft sowieso nichts zu sehen.

Das veränderte Triebwerksgeräusch weckt Frank. Am linken Fenster erhebt sich bereits majestätisch der Teide, der 3718 Meter hohe Vulkan auf Teneriffa, aus dem Wolkenmeer. Der Copilot erklärt den Landeanflug auf La Palma, man müsse heute unüblicherweise von Norden anfliegen, die Passagiere sollten sich auf einen turbulenten Anflug einrichten und nochmal den korrekten Sitz der Sicherheitsgurte überprüfen. Ein Raunen geht durch die Sitzreihen, Frank bleibt gelassen. Es regnet in Strömen, nur schemenhaft kann Frank am rechten Fenster Teile der Stadt Santa Cruz sehen. Plötzliche Windböen rütteln die Maschine kräftig durch. Mit Schleppgas steuert der Pilot die heftig gebeutelte 757 auf die Piste zu. In rund 50 Metern Höhe schiebt der Kapitän die Gashebel nach vorn und startet durch. Der Seitenwind von 80 km/h ist einfach zu kräftig. „Typisch La-Palma-Winter“, wirft der Lehrertyp neben Frank ein, er fliegt die Tour wohl häufiger. Die kräftige Sitznachbarin bleibt stumm. Sie ist kreidebleich und bedauert wohl innerlich bereits, so gut gefrühstückt zu haben. Die Besatzung unternimmt einen weiteren Versuch, La Palma anzusteuern, diesmal von der Südseite her. Durch Verwirbelungen am Anfang der Startbahn wird der riesige Jet fast 20 Meter nach rechts geschoben, auch diesmal bleibt dem erfahrenen Kapitän nur das Durchstarten. Fast erlösend klingt für viele der Passagiere die Lautsprecherdurchsage, dass man nun Teneriffa anfliege, die Fallwinde auf La Palma seien einfach zu stark. Der Schulmeistertyp nickt zustimmend.

Nach 25 Minuten setzt die 757 sicher auf dem Flughafen Reina Sofia auf. In einer Lounge ist als Entschädigung für die Unannehmlichkeiten ein kleines Buffet aufgebaut. Während sich die Passagiere - Franks Sitznachbarin mischt ganz vorne mit - stärken, verrät eine Mitarbeiterin der GAL, wie es nun weitergeht. „Der Flughafen La Palma ist voraussichtlich zwei Tage wegen der Wetterlage gesperrt. Wir werden Sie in ein gutes Hotel zur Playa de Las Americas bringen. GAL wird Ihnen den Aufenthalt bis zum Weiterflug so angenehm wie möglich machen.“

Eine Kolonne Busse bringt die Passagiere zu einem Hotel an der Strandpromenade. Ein typischer 5-Sterne-Klotz, viel All-inklusive-Luxus und weit über 1000 Betten. So was liebt Frank Krüger nun mal gar nicht. Also raus aus der Glitzerwelt zum Strandspaziergang. Aber auch hier Rambazamba in den höchsten Tönen. Nichts für Frank. Wie auf Mallorca. Und in diesem Ort soll Frank nun zwei seiner acht Urlaubstage absitzen?

In der nächsten Bar trinkt er erst mal einen Kaffee. Ein ziemlich verlebter Typ mit ausgeprägter Säuferwampe quatscht ihn auf Deutsch an.

„Was ist denn los? Du siehst gar nicht gut aus.“

Frank schaut wirklich nicht fröhlich aus der Wäsche. Recht hat er, denkt Frank, wie komme ich nur raus aus diesem Trubel.

„Ich wollte eigentlich nach La Palma. Der Flieger konnte nicht landen und jetzt sitz ich hier fest. Ich hab nur eine Woche Urlaub und hab eigentlich keine Lust auf diesen Massentourismus.“

Karl, so heißt der neue Thekenfreund, hat einen Tipp auf Lager: „Versteh ich, aber ich kann dir helfen. Um sieben, da fährt von Los Christianos die Olsen-Fähre nach La Palma. Die fährt bei fast jedem Wetter. Ich bring dich hin!“

Frank schaut ungläubig auf seine Digitaluhr mit dem eingebauten Höhenmesser. 18.20 Uhr. Diese Fähre ist wohl nicht zu schaffen. Doch sein Gegenüber knallt schon einige Euro auf den Tresen und drängt Frank in einen schräg auf dem Gehweg parkenden, verbeulten Seat Marbella. Unterm Scheibenwischer ein Strafzettel mit dem Stadtwappen von Adeje. Karl entfernt das ungeliebte Papier mittels Wasserschwall aus der Waschanlage und einigen Scheibenwischerstößen, während er dem Marbella die Sporen gibt. Erst jetzt bemerkt Frank die kräftige Alkoholfahne in dem Kleinwagen. Karl hat den Kaffee wohl doch nicht ganz pur getrunken. Und auch nicht nur einen. Zum Aussteigen ist es jetzt zu spät. Mit quietschenden Reifen umrundet Karl den Kreisverkehr Richtung Puerto de Los Cristianos. Die grün leuchtende Uhr einer Apotheke zeigt 18.42 Uhr, der Marbellatacho pendelt um die 95 km/h. Karl ist offensichtlich angstfrei, der Alkohol hat ihm sichtlich Mut gemacht. Vorbei an einer Streife der Policia-Nacional rast er aufs Hafengelände. Die Polizisten lässt die flotte Fahrt kalt. Wohl üblich, dass Leute auf den letzten Drücker die Fähre erwischen wollen. Die Besatzung ist gerade dabei, die hintere Ladeluke zu schließen. Frank springt auf ein Zeichen der Besatzung auf die soeben von der Hafenrampe abhebende Klappe und gelangt durch den Autoladeraum in das Passagierabteil. Ein Mann in Olsen-Uniform geht seelenruhig auf Frank zu und kassiert den Fahrpreis: knapp 25 Euro. In gebrochenem Englisch erzählt er Frank, dass die Überfahrt sehr stürmisch werden wird und dass es daher auf offener See keinen Bordservice geben werde. Mit lockeren Handbewegungen zeigt er, wie das Schiff in den Wellen liegen wird. So legt Frank noch mal 30 Euro nach und bekommt ein bequemes Bett in einer Kabine. Wenn schon seekrank, dann allein. In seinem kleinen Handgepäck-Rucksack hat er noch die Mini-Keksrolle aus der Bordverpflegung, das muss an Nahrung reichen. Bevor er sich todmüde in die Federn fallen lässt, informiert er per Handy die Agentur der GAL über seine „Flucht“ aus der Touristenstadt. Die Dame im Call-Center bedankt sich artig und verspricht, Franks Gepäck so schnell wie möglich nach La Palma zu befördern. Sie macht Frank Hoffnung, dass sein Koffer bereits am nächsten Vormittag bei ihm am Ferienhaus eintreffen könnte.

Egal, wie das Schiff schwankt, Frank schläft tief und fest, kein Wunder, er hatte in den letzten beiden Tagen ja auch außer drei Stunden Schlaf im Flieger kein Auge zu getan. Er wird erst wieder wach, als das Schiff außer dem tiefen Eintauchen in die Wellen auch noch um seine Querachse giert. Das Beste ist, dass er trotz des Sturms keine Spur von Seekrankheit spürt. Er geht auf das vom Sturm heftig umtoste Deck und sieht, dass der Kapitän schon einige Versuche gemacht hat, den Hafen von Santa Cruz anzulaufen. Doch diesmal gelingt es. Der Sturm lässt genau im richtigen Moment kurz nach und schiebt das Schiff etwas weniger kräftig seitwärts. Die Schiffsmaschinen können gegenhalten und die Fähre steuert auf die Hafenmole zu. Festmacher im dicken Ölzeug fangen die Taue trotz strömendem Regens gekonnt auf und befestigen das Schiff sicher an den schweren Pollern.

*

Um 0.30 Uhr betritt Frank Krüger palmerischen Boden. Direkt an der Gangway steht, nass wie ein begossener Pudel, ein Palmero mit einem Schild: SR Krüger. Tatsächlich und irgendwie unglaublich: der Vertreter der Leihwagenfirma Auto-Atlantic.

„Die GAL hat uns über Ihre Planänderung informiert, willkommen auf La Palma. Ich habe auch den Schlüssel für Ihr Ferienhaus, das Sie über unsere Agentur gebucht haben. Das Haus liegt oberhalb von Mazo, im Gebirge, das finden Sie allein so schnell nicht. Aber ich wohne in Fuencaliente, fahren Sie mir hinterher, der blaue Corsa da drüben ist Ihrer.“

Juan Alvarez gibt seinem roten Polo die Sporen und Frank Krüger hat Mühe, dranzubleiben. Wie wild peitscht der Regen die Windschutzscheibe, die Scheibenwischer geraten an ihre Grenzen. San Antonio, Brena Alta, Mazo, Frank hat kaum Zeit auf die Ortsschilder zu achten. Mehrfach kürzt Alvarez den Weg über eine schmale Betonpiste ab, um schließlich vor einem kleinen Haus zu halten. Die Einfahrt aus schwarzer Lavaasche ist beleuchtet und durch die kleinen Sprossenfenster dringt einladendes Licht.

Die Tür öffnet sich und ein untersetzter Mann bittet die beiden herein: „Gestatten, Rütli mein Name, ich freue mich, Sie in unserem Ferienhaus begrüßen zu dürfen“. Er füllt drei bereitstehende Schnapsgläser mit einem zähen, braunen Likör. „Das ist Mulato, Honigrum, genau das Richtige bei dem Sauwetter. Nun schlafen Sie sich erst einmal aus, dann erklär ich Ihnen alles Weitere. Ab acht hängen zwei Brötchen an Ihrer Tür!“ Der gebürtige Schweizer bedankt sich bei Juan für den Sonderservice: „Muchas Gracias!“ Als wenn es die selbstverständlichste Sache der Welt wäre, sich die halbe Nacht um die Ohren zu schlagen, verabschiedet sich Juan Alvarez: „Bei Ihrem Abflug stellen Sie den Wagen einfach an den Flughafen. Den Schlüssel legen Sie unter die Fußmatte und schließen nicht ab. Buenas Noches!“

Bei Sonnenaufgang wird Frank Krüger vom Gebell einiger Hunde geweckt. Als habe es nie ein Unwetter gegeben, geht die Sonne goldgelb hinter dem am Horizont sichtbaren Teide auf. Frank zieht sich rasch an, nimmt seine Kamera und tritt vors Haus. So eindrucksvoll wie der Blick übers Meer nach Teneriffa zeigt sich auch die Rückseite des Anwesens. Golden strahlt die Sonne das gewaltige Bergpanorama der Cumbre an. „Das da ist der Volcan Martin, der ist fast 1600 Meter hoch“, klingt es in Schwyzerdeutsch von hinten. „Wegen dieses einmaligen Panoramas bin ich hier hängengeblieben.“

Tatsächlich hat die Bergkulisse etwas Hochalpines. Nur fehlt in den Alpen der Meerblick, sinniert Frank. Vom gestrigen Unwetter keine Spur.

„Warten Sie nur ab. In einer Stunde stürmt es wieder. Erst Morgen klingt das Sturmtief ab. Dann geb‘ ich Ihnen, wenn Sie wollen, ein paar Tipps für tolle Wanderungen!“ Rütli, der Schweizer, winkt Frank in sein Wohnhaus. Das ganze Anwesen besteht aus fünf kleinen Häuschen mit roten Ziegeldächern. Frank erfährt, dass Rütli 1987 nach La Palma gekommen ist, kurz nachdem in Tschernobyl der Reaktor in die Luft flog. Die Kanaren blieben als eine der wenigen Regionen des europäischen Kulturkreises vom Fallout verschont. Damals, da hatte man noch Chancen auf der Insel, heute gilt La Palma in Kreisen wohlhabender, ökologisch korrekter Aussteiger als in. Was die Preise für Immobilien in schwindelerregende Höhen treibt.

Gegen 10 Uhr setzt tatsächlich wieder der Sturm ein, kräftiger als in der Nacht zuvor. Rütli rät, über die Cumbre nach El Paso zu fahren, bei dieser Windrichtung herrscht dort „auf der anderen Seite“ meist sonniges Wetter.

Bevor Frank losfährt, sieht er ein beigefarbenes Mercedes-Taxi den Lavaweg hochschnauben. Der Fahrer stoppt den qualmenden Uralt-Diesel vor dem Haus und ruft Franks Namen: „Maletas por Señor Kruger.“ Er öffnet den Kofferraum und lädt Franks Gepäck aus. Noch in der Nacht hat es jemand von der Fluggesellschaft zur Fähre gebracht. Mit der Frühfähre kam es dann in Santa Cruz an, wo es der Taxifahrer übernahm. Frank drückt dem Fahrer einen Fünfeuroschein als Trinkgeld in die Hand, bringt die Koffer ins Haus und legt Teile seiner Wandermontur in den Kofferraum des Corsas.

Endlos erscheint Frank das Kurvengeschlängel von Las Ledas über die alte Straße zum Refugio El Pilar. Nach 15 Kilometern kommt zum strömenden Regen auch noch dichter Nebel dazu. Frank tastet sich mit dem Corsa förmlich durch die dichte Suppe, denkt angesäuert an Rütli, der ihm genau diese Strecke empfohlen hat. Und jetzt steckt er mittendrin in der Brühe und sieht kaum eine Hand vor Augen. Doch keine zehn Minuten später weiß Frank, was Rütli meinte: Wie ein startender Jet durchdringt der Corsa die Wolkendecke und ein stahlblauer Himmel tut sich auf. Traumhaft.

Nun möchte Frank noch die Piste finden, die Rütli meinte. Direkt beim Schild „El Pilar“ zweigt der holprige Weg rechts ab. Es geht tiefer, bis knapp über die Wolken. Manchmal taucht das kleine Auto auch noch mal kurz in den Nebel ein. An einer kleinen Parkbucht stellt Frank sich neben einen Panda und steigt eine kleine Anhöhe hinauf. Was die Natur hier oben bietet, ist wirklich unbeschreiblich: Wie ein weißer Wasserfall fließt die Wolkendecke über die Cumbre und ergießt sich ins Aridane-Tal. Sagenhaft. Ein ähnliches Gefühl hatte Frank vor Jahren in Amerika, als er nach langer Fahrt durch die endlose Steppe plötzlich vor dem Grand Canyon stand. Der Blick reicht bis hinüber zur Caldera de Taburiente, jenem riesigen, mit Urwald bewachsenen Senkkrater, der einer der Hauptattraktionen der Insel ist.

In deutlich abgenutzten, aber gepflegten Outdoor-Klamotten schleudert ein Mann ein Thermometer an einer Schnur umher. Dann liest er die Werte ab und tippt die ermittelten Daten in seinen Laptop ein. Mit weiteren Instrumenten misst er die Werte für Luftdruck und Luftfeuchtigkeit. Frank ist neugierig und schielt auf den kleinen bunten Bildschirm. Eine farbige Kurve baut sich auf.

„Schauen Sie ruhig, das hier sind die aktuellen atmosphärischen Daten. Nur wenn alles zusammenpasst, gibt es hier diesen Wolken-Wasserfall. Sie haben Glück. Ich fahre jetzt schon seit zwölf Tagen täglich hier hoch und sehe dieses Naturwunder seitdem zum ersten Mal. Entschuldigen Sie, ich habe mich noch nicht vorgestellt, mein Name ist Wim Reinders von der Uni Amsterdam, Institut für Meteorologie und Meereskunde!“

Reinders erklärt Frank nicht nur die Wetterlage, sondern auch die Entstehung des Aridane-Tals. Vor einigen 10000 Jahren gab es hier einen gewaltigen Erdrutsch. Das gesamte vulkanische Gestein von hier bis zur Küste rutschte damals ins Meer. Die daraus entstehende Flutwelle muss rund 60 Meter hoch gewesen sein und riss alles weg, was sich ihr in den Weg stellte.

„Wenn Sie wissen, wo es was Gutes zu beißen gibt, können wir uns ja dort weiter unterhalten“, erwidert Frank. „So langsam hab ich Hunger. Ich bin schon seit heute Morgen auf den Beinen. Ich würde Sie gern auf einen Kaffee einladen.“

Der Holländer schlägt vor, nach „El Remo“ zu fahren. Dort gebe es die besten Fischrestaurants und auf der Strecke sei einiges zu sehen. Frank willigt ein und folgt dem ziemlich verbeulten Panda. Der Weg führt durch schwarze Lavafelder hinab ins Aridane-Tal. Auf der rechten Seite taucht das Informationszentrum der Caldera auf. Wim Reinders hält kurz an. „Hässlich, nicht wahr? Aber drinnen nicht uninteressant. Die erklären da drin recht anschaulich die geologische Geschichte der Insel. Heute ist allerdings geschlossen.“ Wim Reinders deutet auf den futuristischen, grauen Betonklotz, der so überhaupt nicht zur Landschaft passen will.

„Aber wenn Sie in den nächsten Tagen mal Zeit haben, hier rechts geht‘s hoch zum „Mirador de Cumbrecita“, dem wohl beeindruckendsten Aussichtspunkt der Westseite. Fahren Sie aber früh morgens hoch, denn die ICONA, die Forstbehörde, lässt immer nur so viele Leute da rauf, wie Parkplätze vorhanden sind.“

Wim Reinders erweist sich als perfekter Reiseführer. Vorbei an der „künstlichen“ Touristenstadt Puerto Naos geht es durch endlos erscheinende Bananenplantagen. Größtenteils sind die riesigen Pflanzen in Plastikfolie eingepackt. Das macht die Monokultur noch hässlicher. Der Weg endet in einer Art wilder Müllkippe, vor der eine schmale Piste nach „El Remo“ abzweigt. Vorbei an halbfertigen Hütten führt der Weg zu einem Kiosco, besser gesagt einer Ansammlung von Plastiktischen und Stühlen mit jeweils einem Reklame-Sonnenschirm. In einer seitlichen Bretterbude ist wohl eine Art Küche untergebracht.

Bestes Fischrestaurant, denkt Frank, wohl ein schlechter Witz. Der Eindruck wird durch die Erscheinung der Wirtin noch verstärkt. Nicht gerade freundlich, wortkarg, mit einem gewaltigen Puro, einer Zigarre des Kalibers, die schon Winston Churchill bevorzugte, zwischen den Zähnen, nimmt sie die Bestellung auf.

Nach einer ganzen Weile stellt sie dem Holländer eine riesige Platte frisch gebackener Tintenfische und Frank ein gebratenes Fischfilet vor, das den nicht gerade kleinen Teller rundum überragt. Dazu bringt ein hübsches junges Mädchen zwei vor Kälte dampfende Halbliterkrüge frisch gezapftes Bier. Dorada, von der Nachbarinsel Teneriffa.

Wim Reinders grinst, als er Franks staunendes Gesicht sieht. „Bestes Fischrestaurant, das kannst du glauben. Auch wenn es auf den ersten Blick gar nicht danach aussieht.“ Franks Antwort bleibt ob seines vollen Mundes aus. Dass es ihm schmeckt, ist jedoch unübersehbar. Die Portionen sind kaum zu schaffen. Also essen die beiden Männer betont langsam und ihr Blick schweift über das weite Meer. In der Ferne ist die Insel El Hierro zu erkennen. Einige Fischerboote dümpeln in der Sonne.

Plötzlich ein Grollen wie weit entfernter Donner. Frank blickt nach Süden und sieht eine Staubwolke an der Steilküste aufsteigen. Trotz der großen Entfernung kann man die Gischt von ins Wasser stürzendem Geröll sehen.

„Wieder mal ein Erdrutsch!“, meint Wim Reinders völlig unaufgeregt und erklärt: „Glauben Sie ja nicht, die Insel sei geologisch stabil, das ist zwar im Norden und im Osten der Fall, hier im Südwesten ist noch reichlich Bewegung in der Lava. Erst 1971 brach der Teneguia-Vulkan im Süden aus. Erdgeschichtlich also gerade eben.“

Wim erklärt weiter, dass man schon seit Jahrzehnten immer wieder versuche, Las Indias, ein Dorf unterhalb von Fuencaliente, mit einer neuen Straße über El Remo an Puerto Naos anzubinden. Ohne Erfolg. Schon ein Dutzend Mal wurden in den letzten 50 Jahren alle Mühen der Straßenbauer durch mächtige Erdrutsche zunichte gemacht.

Frank staunt. Er interessiert sich zwar sehr für die Natur, aber von solchen Aktivitäten auf einer Kanareninsel hat er noch nie gehört. La Palma - viele sagen: eine Insel der Phänomene. Womit sie offensichtlich Recht haben.

Das Essen beenden die beiden mit einem Café Cortado, jenem tintenschwarzen Espresso, der auf einem kräftigen Schuss gezuckerter Kondensmilch unten im Glas serviert wird. Beim Blick auf die Rechnung staunt Frank abermals. In Deutschland hätte es zu dem Preis dieses opulenten Mahls nicht mal eine Vorspeise gegeben.

Wim Reinders wohnt in Las Indias, einem Dorf unterhalb von Fuencaliente, der südlichsten Stadt der Insel. Ursprünglich wollte er nur ein halbes Jahr dort leben, aber er hatte sich verliebt - in „seine“ Insel. So war er froh, als er seinen Forschungsauftrag, die „Variation der wetterabhängigen Meeresströmungen in Verbindung mit dem Passatstrom“ um weitere 18 Monate verlängern konnte. Dabei ist ihm klar, dass er wohl für immer auf der Insel bleiben will. Er hat zwar noch sein Häuschen an einem verträumten Kanal im holländischen Tilburg, sobald er auf La Palma ein eigenes Haus zu einem erschwinglichen Preis finden kann, will er das holländische Anwesen aber verkaufen.

„Wenn Sie um die Südspitze herum nach Mazo fahren möchten, haben wir ein Stück weit den gleichen Weg und ich kann Ihnen noch einiges über die Insel erzählen. Wenn es Sie interessiert.“ Klar, dass Frank einwilligt, er will so viel wie möglich über die Insel erfahren.

Reinders fährt voran, die hässliche „Bananenallee“ liegt bald hinter ihnen. Wim stoppt links am Mirador de Puerto Naos. „Hier sehen Sie deutlich, wie damals die Erde in Bewegung geriet. Diese Landzunge, wo heute der Leuchtturm steht, entstand, als große Teile der Cumbre ins Meer rutschten. Dadurch entstanden auch die vielen kleinen kugelähnlichen Lavabrocken, die die Bauern heute mühsam aus den Feldern lesen müssen.“

Frank staunt: „Ich denke, Sie sind Meeresforscher, man kann meinen, Sie seien Geologe.“

„Ich hab zuerst Geologie fertig studiert, aber die Meeresforschung bietet mir bessere Chancen auf den Kanaren. Hier auf La Palma ist das Meer ja eng mit der Geologie verbunden, wie der kleine Erdrutsch eben bewies“, begründet Wim Reinders sein Wissen. „Übrigens, Sie können mich Wim nennen!“

„Klar, das ist einfacher, ich bin Frank!“ Die Männer reichen sich freundschaftlich die Hände.

Weiter führt die Fahrt durch die ausgedehnten Lavafelder bei Las Manchas. Hier wird eine erbitterte Schlacht geschlagen, die Schlacht um die letzten begehrten Baugrundstücke der Insel. Seit Mitte des Jahres 2000 ein radikaler Baustopp für den Westen der Insel erlassen wurde, sind die Preise für die letzten Grundstücke mit Baugenehmigung steil in die Höhe geschnellt. Schon seit einigen Jahren schwelt daher ein Konflikt zwischen den Einheimischen und den zahlreichen Europäern, die sich hier im milden Klima des Westens ansiedeln wollen. Für viele Deutsche und Schweizer, meist gut betucht und im Rentenalter, spielt der Preis kaum eine Rolle. Kaufwillige Palmeros bleiben dabei auf der Strecke, die hohen Preise können sie einfach nicht aufbringen. Eine dritte Fraktion wird von Palmeros gebildet, die bereit sind, ihr Land an Ausländer zu verkaufen. Sie haben nach dem Verkauf zwar meist finanziell ausgesorgt, werden aber von den anderen Palmeros deshalb häufig geschnitten. Quasi als eine Art Verräter an der Insel.

Hier in den Lavafeldern haben sich einige findige Geschäftsleute in den 90ern billigst scheinbar wertloses Land gesichert und eine entsprechende Baugenehmigung beantragt. Mit dem Bau wurde begonnen, allerdings nur pro forma. Da reichte schon eine ausgehobene Baugrube. Heute verkaufen diese Leute das Land „mit renovierungsbedürftigem Haus“ meistbietend zu astronomischen Preisen.

Die Straße schlängelt sich entlang der westlichen Bergflanke. Links sind die steilen Hänge mit dichten Kiefern bestanden, immer wieder unterbrochen von Lavaflüssen unterschiedlichen Alters. Die junge Lava glänzt tiefschwarz, ältere Lavaströme leuchten rötlich-braun in der Sonne. Nach rechts reicht der Blick übers weite Meer.

Teilweise führt die Straße steil am Abgrund vorbei. Nichts für empfindliche Naturen. An einer Stelle, wo sehr junge Lava vor rund 300 Jahren den Hang hinunterfloss, hat man gleich daneben einen Parkplatz geschaffen. Wim hält an und setzt sich auf eine aus einem meterdicken Kiefernstamm grob herausgeschlagene Bank. Frank nimmt gegenüber auf einem dicken Lavabrocken Platz.

„Hörst du was?“ fragt Wim. Frank schüttelt fragend den Kopf. „Siehst du, eben das ist es, was mich an La Palma so fasziniert, hier findest du noch viele Stellen ohne jeden Zivilisationslärm.“ Frank horcht angestrengt ins Nichts und nickt zustimmend.

Wim erzählt von den Vulkanausbrüchen der letzten Jahrhunderte und vom Volk der Guanchen, den Ureinwohnern der Kanaren. Für die Guanchen waren die Ausbrüche Signale der Götter. Für Wim sind die Eruptionen einfach hochinteressante geologische Ereignisse. Für Frank ist das alles höchst beeindruckend. Der blaue Himmel, der tiefschwarze, an flüssigen Teer erinnernde Lavastrom und die riesigen, saftig grünen Kiefern bilden einen gigantischen Kontrast. Dazu am Horizont das blaue Meer.

Ende der neunziger Jahre schreckte ein englischer Wissenschaftler Palmeros und Besucher auf. Die Insel würde in absehbarer Zeit auseinanderbrechen, teilweise ins Meer stürzen und dabei riesige Flutwellen auslösen. Ob in 100000 Jahren, in 10000 Jahren oder schon morgen, das lässt sich nicht voraussagen. Frank las das in einer älteren Touristenzeitschrift in seinem Ferienhaus. Jetzt, hier am Lavastrom, will er Wims Meinung darüber hören.

„Kein Quatsch, was der Engländer da schrieb, der Süden der Insel ist geologisch extrem instabil. Es gibt sogar einen ausgeprägten Riss entlang der Vulkanroute, aber da ist vieles noch nicht erforscht. Niemand weiß, wie tief der Riss ist und ob es nicht nur ein tiefer Kratzer an der Oberfläche ist. Auseinanderbrechen wird die Insel wohl auf keinen Fall, aber ein Erdbeben oder ein kräftiger Vulkanausbruch könnte schon ein mächtiges Stück Insel ins Meer befördern. Das gäbe dann eine gewaltige Welle. Einen Tsunami, wie die Japaner sagen. Das Tückische an solchen Tsunamis ist, dass sie sich unter dem Meer bilden, wenn riesige Felsmassen schlagartig die unterseeischen Hänge hinabrutschen und an einer völlig anderen Stelle, manchmal tausende Kilometer entfernt, als Riesenwelle wieder an die Oberfläche dringen. Dort richten sie Verheerungen an, die der Wucht mehrerer Atombomben entsprechen. Aber keine Angst. Ein Vulkanausbruch, der einen solch gewaltigen Erdrutsch auslösen könnte, wird hier in den nächsten paar tausend Jahren nicht erwartet. Eher versinkt die Insel durch das viele Geld, das die Hauskäufer hierhin tragen“, scherzt Wim.

Sie setzen die Autos Richtung Las Indias in Bewegung. Am Vulkan Teneguia halten die beiden an und steigen in ihre Wanderschuhe. Sie haben sich kurzfristig zum Aufstieg auf den Gipfel entschlossen, um von dort den Sonnenuntergang zu genießen. Die Kletterpartie ist nicht besonders schwierig, einzig der sehr heftig blasende Südwind treibt ihnen immer wieder schwarzen Lavasand in die Augen. „Stell Dir vor, das Gestein, auf dem wir hier stehen, ist gerade mal 30 Jahre alt“, verrät Wim.

Die Sonne versinkt langsam am Horizont, Frank denkt ans Schneetreiben zu Hause, dem er noch rechtzeitig entfliehen konnte. Aber auch hier wird es frischer, sobald die Sonne nicht mehr wärmt. La Palma ist nun mal keine Badeinsel, wie die großen Kanareninseln. Wim deutet hinüber nach Las Indias. „Dort oben, im kleinen Haus direkt am Lavahang, da wohne ich. Ich gebe dir meine Nummer, ruf mich an, wir sollten uns nochmal treffen. Heute Abend hab ich eine Verabredung mit anderen niederländischen und deutschen Wissenschaftlern auf dem Observatorium auf dem Roque de Los Muchachos. Bis dorthin brauch ich mehr als zwei Stunden. Übrigens, übermorgen mache ich eine Erkundungstour in den alten Wassertunneln im Süden der Insel. Wenn du klettern magst und keine Angst im Dunkeln hast, kannst du gerne mitkommen. Du darfst aber keine Platzangst haben. Und musst schweigen können, auch gegenüber Deinem Vermieter. Die einheimischen Behörden sehen meine Leidenschaft nicht gerne. Besorg dir etwas wasserdichtes Regenzeug und eine Taschenlampe, einen Helm und sonstige Ausrüstung kriegst du von mir.“

Frank ist begeistert. Sie verabredeten sich für übermorgen, Sonntag früh um sieben, zum Frühstück in Franks Ferienhaus. Frank wäre gerne einen Tag früher marschiert, Wim winkte aber ab mit dem Argument, der Sturm müsse sich erst mal legen und dass er abends zu seinem Termin müsse. An den Sturm hat Frank überhaupt nicht mehr gedacht, den ganzen Tag war das Wetter traumhaft.

Sie verabschieden sich. Für Frank Krüger ein seltsames Gefühl. Ihm ist, als würde er diesen netten Holländer schon seit vielen Jahren kennen. Dabei ist es erst sechs Stunden her, dass er Wim am Wolkenwasserfall traf. Er ist glücklich über das Vertrauen und die Freundlichkeit, die Wim Reinders ihm entgegenbringt.

Frank genießt die Fahrt durch die Lavafelder an der Südspitze der Insel. Der aufgewirbelte Staub hinter dem Corsa leuchtet gespenstig im letzten Sonnenlicht. Bei Fuencaliente lenkt er den Wagen Richtung Mazo. Sobald er die Stadt verlässt, kommt Nebel und kräftiger Wind auf. Frank Krüger hat die Luvseite der Insel wieder erreicht. Es beginnt kräftig zu regnen. In Mazo findet er noch einen offenen kleinen Verkaufsladen, in dem er sich ein Abendessen kauft. Palmerischen Ziegenkäse und Bauernschinken, dazu eine Flasche Teneguia, den Wein von den palmerischen Lavafeldern. Das Mahl soll der krönende Abschluss eines tollen Tages werden.

Frank findet die schmale Piste zum Haus und biegt in den Lavaweg ein. Er schließt sein Ferienhaus auf und wird sofort von angenehmer Wärme empfangen. „Ich denke, der Kamin macht den Abend gut“, hört er Rütlis Stimme im Schwyzerdütsch hinter sich.

Frank genießt das prasselnde Feuer und lädt seinen Wirt zu einem Glas Teneguia ein. Rütli nimmt die Einladung dankend an und beginnt zu erzählen. „Holen Sie doch Ihre Frau dazu“, schlägt Frank vor. Rütli winkt ab. „Heute vor einem Jahr ist sie von einer Bergtour nicht zurückgekommen. Gerade oberhalb von hier, in der Nähe der Vulkanroute. Man hat sie nie gefunden!

Frank ist tief betroffen. Ihm fehlen die Worte, das Gespräch fortzuführen. Rütli erklärt: „Wissen Sie, meine Hilde liebte die Berge. Sie starb dort, wo sie am liebsten war. Ich habe eigentlich nur noch einen Wunsch. Ich würde sie gerne beerdigen. Allein im letzten Jahr wurden bei schlechtem Wetter acht Wanderer im Gebirge vermisst. Fünf von ihnen wurden nach mehreren Wochen tot aufgefunden. La Palma ist halt hochalpin. Das beherzigen die wenigsten. Obwohl meine Frau schon in der Schweiz als Bergführerin arbeitete und bestens ausgerüstet war, fiel sie hier auf der Insel dem Berg zum Opfer.“

Wortlos starren die beiden Männer auf den Kamin. Nach einer ganzen Weile zieht Urs Rütli eine Karte der Insel hervor.

„Sie sind nur eine Woche hier. Wenn Sie etwas Besonderes sehen wollen, fahren Sie in den Norden. Der wurde erst Anfang der 80er Jahre vollständig an die Außenwelt angeschlossen. Da ist die Insel noch richtig urtümlich. Die Touristen meiden die Gegend, weils da häufig regnet. Fahren Sie nach Los Tilos, wandern Sie ein Stück in den Lorbeerwald hinein. Benutzen Sie die alte Straße von Barlovento nach Garafia. Dort werden Sie wirklich begeisternde Landschaften sehen. Halten Sie in La Zarza an und betrachten Sie die Felszeichnungen der Guanchen. Zurück nach Santa Cruz geht‘s dann über den Roque de los Muchachos. Stehen Sie aber früh auf, denn es gibt viel zu sehen!“

Frank staunt. Eine Insel, kleiner als Berlin, soll gut sein für mehrere Tagestouren. Sagenhaft. Die empfohlene Tour will er am nächsten Morgen fahren. Rütli zeichnet die interessanten Punkte mit einem grellgelben Textmarker in die Karte ein. Er verabschiedet sich und stapft über den Ascheweg in sein Haus zurück.

Frank Krüger studiert die Karte noch eine Weile in seinem Bett. Doch todmüde, wie er ist, schläft er bald ein.

Die Vorhänge an seinem Häuschen waren nicht zugezogen, so dass der erste Sonnenstrahl Frank sanft weckt. Die Brötchen hängen an der Tür. Frank frühstückt: geräucherten Ziegenkäse mit Bauernschinken. Er legt seine Wanderausrüstung und einen Kanister Trinkwasser in den Corsa.

Gegen halb acht ziehen einzelne Wolken am Himmel auf. Die Lorbeersträucher, an denen Frank Krüger vorbeifährt, biegen sich im Wind. Tatsächlich, Wim Reinders hatte recht: Der Sturm hält wohl noch einen Tag an. Seine Intensität hat jedoch spürbar nachgelassen.

Frank lenkt den Corsa auf die Autobahn Richtung Santa Cruz. Ganze vier Kilometer lang, aber eine richtige Insel braucht wohl auch eine richtige Autobahn. Finanziert aus EU-Mitteln. Rechts erblickt Frank das Kraftwerk. Vier mit Öl angetriebene Generatoren versorgen die Insel mit Strom. So viel Strom braucht das Kernkraftwerk, in dem Frank arbeitet, allein für den Antrieb des Kühlsystems.

In der Inselhauptstadt herrscht dichter Verkehr. Parkplätze sind bei diesem Wetter keine mehr zu finden, an der Avenida Maritima möchte kaum noch jemand parken. Der Sturm peitscht die Wellen mit enormer Kraft über die Uferpromenade. Die wenigen dennoch dort parkenden Autos werden vom Meerwasser geduscht und sind bereits mit einer kräftigen Salzschicht überzogen. Links Seite taucht plötzlich die Santa Maria auf. Auf einer Straßenkreuzung steht in Originalgröße die Nachbildung des Kolumbusschiffs. Aus Beton, aber so perfekt gemacht, dass man die Illusion erst beim Anfassen bemerkt.

Kolumbus ist den Leuten auf La Palma wichtig. Die Legende sagt, der große Entdecker habe seinen Proviant in Teneriffa aufgefüllt. Auf Hierro hätte er Trinkwasser genommen. Hinter vorgehaltener Hand behaupten zumindest die männlichen Palmeros steif und fest, auf La Palma hätte er seine letzte Frau beglückt.

Hinter Santa Cruz geht es bergauf in weiten Kurven Richtung Norden. Zwölf neue Tunnel sind mittlerweile fertig, die meisten sind für langsame Fahrzeuge wie Traktoren gesperrt. Für diese Verkehrsteilnehmer hält man weiter einige der alten Straßen in Betrieb. Die benutzt auch Frank Krüger, weil er die Landschaft intensiv erleben will. Die schmale Straße verläuft vorbei an atemberaubenden Abgründen und entlang tief eingeschnittener Barrancos. Immer wieder führt der Weg durch Tunnel, nach jedem wird die Landschaft noch wildromantischer. Vor dem Städtchen Los Sauces entscheidet sich Frank für den Weg durch den Barranco von Los Tilos. Wie die Zangen eines riesigen Krebses ragen beidseitig der Schlucht die Brückenköpfe einer der größten freitragenden Brücken Europas aus dem Fels. Ein gewaltiger Bogen überspannt das Tal in Schwindel erregender Höhe. Das Monumentalbauwerk verkürzt den Weg nach Los Sauces um fünf Kilometer. Ob diese Verkürzung für irgendjemanden wichtig ist, ist egal, Hauptsache, das Prestigeobjekt Brücke wurde gebaut. Eine wahnsinnige Geldverschwendung europäischer Gelder, denkt sich Frank. Manche Palmeros verweigern sogar strikt die Fahrt über die Brücke, die Leute haben schlicht Angst, dass die im losen Gestein verankerte Konstruktion irgendwann einmal in sich zusammenbricht.

In Los Tilos parkt Frank den Wagen. Der Wanderweg verläuft durch einen engen Tunnel und führt rasch hinauf in dichten Lorbeerwald. Ein unbeschreiblicher Duft steigt in die Nase. Frank läuft eine Stunde bergan und wandert dann wieder zurück. Für den normalen Rundweg würde er sechs Stunden benötigen. Sein kurzer Weg genügt ihm jedoch, um einen Eindruck von der Pracht der üppig grünen Natur des größten Lorbeerwaldes der Welt zu bekommen.

Los Sauces macht auf Frank einen angenehmen Eindruck. Ruhiges bis geschäftiges Treiben, dabei keinerlei Spur von Hektik, keine Spur von Massentourismus. Hier hat jeder seinen Platz und seine Aufgabe. An der Plaza setzt sich Frank auf einen Café Cortado in ein Straßencafé und lässt die Stadt auf sich wirken. Hier lässt es sich leben. Was ihn wundert, sind die vielen uralten Menschen, die wettergegerbt und sichtlich zufrieden durch den kleinen Park vorm Rathaus flanieren.

Der Weg führt weiter nach Barlovento, der nördlichsten Stadt der Insel. Ein frischer Wind bläst durch die breiten Straßen, es ist merklich kühler als in Los Sauces. Hier beginnt die alte Straße, die Rütli ihm empfohlen hatte. Bis spät in die 80er Jahre war dieser Weg ein Eselspfad, die einzige Verbindung zwischen Barlovento und Garafia. 1995 baute man eine neue moderne Küstenstraße, die aber schon mehrmals durch Erdrutsche verschüttet wurde.

Daher bekam man, ganz zum Leidwesen der Naturliebhaber, 1998 Gelder frei, die alte Straße zu asphaltieren, für verkehrstechnische Notfälle. Die abenteuerliche Streckenführung verleiht der „Pista Viejo“ ihren ganz eigenen Reiz. Zum Auftakt des Kurvenspektakels, gleich hinter der Mineralwasserquelle „Fuente de Mimbreras“, geben drei lange, unbeleuchtete und vor Wasser triefende Tunnel einen Vorgeschmack auf die Tour. Sobald Frank Krüger die Lichter des Corsas nach dem dritten Tunnel wieder ausschaltet, führt die Strecke entlang eines atemberaubenden Abgrunds hinauf zum Mirador de Los Gallegos. Frank steigt aus, um einige Fotos zu schießen. Der Blick reicht bis hinüber nach Juan Adalid, dem flachen Plateau vor der Gemeinde Garafia. Dort dreht sich eine ganze Armada an Windrädern, irgendwie erinnern die mächtigen Maschinen Frank an die Don-Quichote-Geschichte.

Der ganze Norden ist dünn, aber regelmäßig besiedelt. Hier scheint die Zeit stehen geblieben zu sein - kein Wunder, nach so langer Isolation vom Rest der Insel, bevor die neue Straße gebaut wurde. Immer höher fährt Frank hinauf in die mit dichtem Regenwald bestandenen Berge. Die Vegetation ändert sich. Der bisher vorherrschende Lorbeerwald wird zunehmend von stämmigen Kanarischen Kiefern abgelöst, einst der Lieferant für das harte, harzige Teaholz. Heute stehen die Kiefern unter strengem Naturschutz, für noch eingelagertes Teaholz werden Mondpreise gezahlt, vor allem von den Ausländern im Aridanetal. Die wollen die Dächer ihrer Häuser aus dem wertvollen Hartholz bauen, sichtbare Tea-Balken im Dachstuhl sind auf der Insel schon seit Jahrhunderten ein bedeutendes Statussymbol.

Die Strecke verläuft jetzt in rund 900 Metern Höhe. Immer wieder tun sich traumhafte Blicke auf den Roque de los Muchachos, den höchsten Berg der Insel, auf. Unverwechselbar durch das glänzend in der Sonne leuchtende Observatorium hoch oben auf dem Gipfel.

Viele Pick-Ups vor der Bar Reyes deuten auf regen Besuch durch Einheimische hin, Frank stärkt sich durch einen kräftigen Teller Rancho Canarias, einem deftigen Eintopf. Da es mittlerweile schon halb drei nachmittags ist, verzichtet er auf das Kaninchen mit Knoblauch, das verführerisch aus der Küche duftet. Hinter dem Llano Negro weist ein Wegweiser hinauf zum Roque de los Muchachos. Laut Franks Karte werden hier tausend Höhenmeter in nur zwölf Kilometern Strecke überwunden, ein hartes Brot für den Mietcorsa. Wie im Zeitraffer durchfährt Frank Krüger gleich mehrere Klimazonen. In Höhe der Baumgrenze durchbricht er die mittlerweile aufgezogenen Wolken. Der tiefblaue Himmel spannt sich über die gesamte Insel, die Kuppeln des Observatoriums glänzen silbrig in der Sonne.

Beiderseits der Straße liegt Schnee, die Wege sind aber geräumt, so dass die Straße auf den Gipfel nicht, wie so häufig im Winter, gesperrt ist. Der Roque de Los Muchachos ist einer der wenigen hohen Berge, auf dessen Gipfel man mit dem Auto fahren kann. Frank parkt den Leihwagen auf dem Gipfelplateau. Er zieht die Wanderschuhe und eine warme Jacke an, um vor plötzlichen Klimawechseln sicher zu sein. Rütli hat ihn vor drastischen Klimawechseln in kürzester Zeit gewarnt. Wie ernst diese Warnung ist, wie gefährlich diese Berge sind, beweist der Tod von Rütlis Frau.

An einem kleinen Infostand der ICONA bekommt Frank eine Karte mit mehreren Tourenvorschlägen. Frank wählt die blaue Tour, eine eineinhalbstündige Wanderung entlang der Caldera.

Die Einblicke in diesen Senkkrater, einen der größten Krater der Welt, sind atemberaubend. Frank steht fast 1800 Meter über dem scheinbar undurchdringlichen Wald, der den Boden der Caldera bedeckt, die gegenüberliegenden Kraterränder sind mehr als zehn Kilometer entfernt. Über die Entstehung der Caldera ist man sich uneinig, Vulkanologen vermuten, dass ein riesiger Vulkankrater, gefüllt mit flüssiger Magma, seitlich ausgelaufen ist. Dieser Auslauf ist heute der Barranco de las Angustias, die „Schlucht der Todesängste“. Ihren Namen bekam die Schlucht daher, dass die Spanier bei der Eroberung der Insel durch diesen mächtigen Einschnitt in die Caldera gelangen wollten, aber von den Guanchen von oben mit reichlich großen Felsbrocken bedacht wurden. Der Trick der Guanchen lag darin, immer nur die Eindringlinge zu bombardieren, die vorne oder hinten in der Marschkolonne gingen. Das demoralisierte die Truppen derart, dass schließlich ein Jahrhundert zur endgültigen Eroberung der Insel nötig war.

Für den durchtrainierten Kletterer Frank Krüger ist die Wanderung ein Spaziergang, schon nach einer knappen Stunde steht er wieder auf dem Gipfelplateau. Die Eindrücke der Caldera wirken auf ihn jedoch noch lange nach.

Frank macht sich auf den Weg zurück nach Santa Cruz. Von hier aus 38 Kilometer. Aber was für welche. Kurve reiht sich an Kurve, auf den 38 Kilometern werden zweieinhalbtausend Höhenmeter überwunden. Hier oben, wo Frank jetzt fährt, ist es noch hell, in der Inselhauptstadt leuchten schon die Lichter.

Als Frank wieder in seinem Feriendominizil ankommt, wartet Rütli schon auf ihn. Mit einer Flasche Wein in der Hand ruft er Frank in sein Haus. „Ich habe eine kleine Mahlzeit für uns vorbereitet. Ich denke, Sie haben Hunger!“ Das lässt sich Frank nicht zweimal sagen. Die Fahrerei und die Wanderung haben ihn hungrig gemacht.

Von wegen kleine Mahlzeit. Urs Rütli hat ein typisches Schweizer Käsefondue vorbereitet, das die beiden sich schmecken lassen. Im Hintergrund prasselt der Kamin. Darüber das Bild seiner Frau - in Bergsteigermontur vorm Matterhorn. Gegen zehn geht Frank in sein Häuschen und fällt todmüde ins Bett.

*

Geweckt wird er durch lautes Klopfen an seine Schlafzimmertür. Er hört Wims holländischen Akzent: Es ist schon Viertel nach sieben. Aufstehen. Frühstück ist fertig!“

Rütli hat Wim die Tür zu Franks Haus aufgeschlossen. Der Holländer kochte schon mal Kaffee und hat den Inhalt des Kühlschranks auf den Küchentisch platziert.

Frank torkelt schlaftrunken ins Bad und stellt sich unter die Dusche. Um diese Zeit ist die noch kalt, Urs Rütli muss mit dem eingespeisten Strom haushalten, eine Zeituhr stellt den Warmwasserboiler erst um halb acht an. So ist Frank Krüger blitzschnell hellwach.

Er begrüßt den Holländer am Frühstückstisch. Der hat derweil schon Kopien einiger alter Karten auf dem Tisch ausgebreitet. „Ayuntamiento de Isla San Miguel de La Palma“ steht oben drauf. Der alte Name der Insel.

„Die Insel hat einen ungleichen Wasserhaushalt“, erklärt Wim. „Der Norden hat zu viel Wasser, der Süden und Westen viel zu wenig. Aber es gibt unterirdische Wasseradern. Die versucht man seit alters her durch in den Fels getriebene Tunnel anzuzapfen. Früher dachte man, je näher am Meer man diese Stollen in die Insel treibt, desto mehr Erfolg habe man. Aber eher das Gegenteil ist der Fall. Im Bereich der großen Kiefern, so zwischen 600 und 1200 Metern Höhe über dem Meer, schlägt sich der Nebel der Passatwolken an den langen Nadeln der Kiefern nieder. Das Wasser tropft dann auf die Erde und versickert im vulkanischen Boden. In den vierziger und fünfziger Jahren erkannte man diese Vorgänge und baute die Wasserstollen in dieser Höhe. Dennoch reicht das Wasser im Westen kaum aus. Der Tourismus und die Bananenindustrie brauchen wahnsinnige Wassermengen. Stell dir vor, um ein Kilo Bananen wachsen zu lassen, brauchst du 400 Liter Wasser. Dazu kommen noch die vielen Pools und die Dauerduscher in den Touristenhotels. So hat man 1999 eine Wasserleitung von Barlovento im Norden bis hin nach Los Llanos gebaut, einmal halb rum um die Insel. Die Leitung ist mit Betonplatten abgedeckt, damit das Wasser auf der langen Reise nicht verdunstet. Die Leitung ist ein hervorragender Spazierweg, denn es gibt so gut wie keine Steigungen. Dafür aber einige Tunnel. Da kann man dann auf der Wasserleitung bäuchlings durchrobben.“

Dazu haben Frank und Wim heute aber keine Zeit, denn Wim möchte ja die alten Wasserstollen im Südwesten erforschen. „Früher dachte man, das Wasser würde sich tief unter den Bergen sammeln, in unterirdischen Seen. Aber eher das Gegenteil ist der Fall. Das Wasser sickert durch den vulkanischen Boden wie durch einen Schwamm. Es soll sogar Wassertunnel geben, die irgendwie mit dem Meer verbunden sind. Wie, weiß man nicht, aber vor knapp zehn Jahren rannte eine Ziege einem Hirten davon. Vermutlich in einen dieser schlecht gesicherten Stollen, in die wir heute gehen. Vier Tage später wurde das tote Tier an den schmalen Strand bei der Playa La Florida gespült. Warum, das hat keiner der Palmeros je erforscht. Lieber kultivierte man geheimnisvolle Geschichten von Geistern und Dämonen, die in den Tunneln hausen sollen.“

Wim zeigt Frank auf der alten Karte, was er heute vorhat. Frank hat Schwierigkeiten beim Lesen der Kopie mit den alten spanischen Maßen und den teilweise handgeschriebenen Eintragungen. Wim möchte mit Frank in die besonders langen Wasserstollen unterhalb der Kirche Santa Cecilia hinein.

„Ein Problem bei diesen Tunneln ist, dass es in den 70er Jahren bei den Jugendlichen als eine Art Mutprobe galt, in den Tunneln zu übernachten. Dabei kam es zu vielen Unfällen. Einige Jungs haben sich in den Tunneln derart besoffen, dass sie in den Wassergraben stürzten und ertranken. Die Konsequenz der spanischen Behörden war einfach. Man schüttete die Eingänge etlicher alter Stollen zu, oft recht halbherzig. Als nächste Maßnahme vernichtete man einfach jede Menge der alten Karten von denjenigen Tunneln, die sowieso nicht mehr genug Wasser lieferten. Aus den Augen, aus dem Sinn. So sollte sichergestellt werden, dass niemand mehr in diese heute längst vergessenen Tunnel kommt.

„Wie kommst du denn an die Karten?“, fragte Frank.

„Wirklich durch Zufall. Als ich mein Haus in Las Indias mietete, musste ich es erst einmal gründlich ausmisten. Unter der unteren Schublade eines alten Sekretärs lagen fein säuberlich aufgestapelt, aber reichlich bröselig, diese Karten. Ich gab sie zwischen zwei Glasplatten zu Heiner Kling nach El Paso. Der ist Bilderrestaurator und hat es geschafft, die Karten einigermaßen zu reproduzieren. Dabei stellte sich heraus, dass der Großvater des Mannes, von dem ich mein Haus habe, Schachtmeister auf La Palma war. Der hatte wohl stets einen zweiten Kartensatz zu Hause. Als er starb, gerieten die Karten in Vergessenheit und der Sekretär in den Ziegenstall. So entgingen sie der Verbrennung. Und ich habe ein neues Hobby. Seitdem klettere ich immer, wenn es nicht regnet, in diesen Stollen herum. Die Eingänge zu finden, ist übrigens keine Kunst. Meist reicht es, einige Schaufeln Lava zu entfernen oder einen Brocken zur Seite zu rollen.“

„Wieso nur, wenn es nicht regnet? In so einem Tunnel hast du doch ein Dach über dem Kopf.“

„Wenn es stark regnet, kann es darin gefährlich werden. Manchmal fließen dann regelrechte Sturzbäche durch die Tunnel, das lässt sich nicht voraussehen. Also gehe ich immer nur an trockenen Tagen.“

Wim checkt Franks Ausrüstung und gibt ihm noch einen zweiten Satz Batterien für seine Lampe. Frank setzt sich zu Wim in den Panda. Das kleine Auto ist zum Bersten voll mit Ausrüstung. Zwei Helme mit Kopflampen liegen neben dicken, gelben Regenjacken. Frank hat zwar wasserdichte Klamotten dabei, doch dieses solide Ölzeug ist ihm lieber. Etliche Bergsteigerseile, zwei Funkgeräte, Schaufeln, Hacken und Pickel füllen den Kofferraum. In der Ablage auf dem Armaturenbrett sieht Frank ein kleines elektronisches Gerät.

„Was ist das?“

„Das ist elektronischer Laser-Entfernungsmesser. Er arbeitet mit Reflektoren, die man am Fels befestigt, und funktioniert auf einen halben Zentimeter genau.“

Angesichts dieser modernen Technik denkt Frank, dass Wim wohl etwas Großes vorhat. Über Fuencaliente lenkt der Holländer den Panda Richtung El Paso. Nach einigen Kilometern biegt Wim nach rechts in eine unscheinbare Piste ein. Der Weg endet nach einem halben Kilometer im Unterholz des dichten Kiefernwaldes. Wim bittet Frank auszusteigen. Gemeinsam zerren sie einige abgestorbene Kiefern zur Seite. Darunter sind ältere Fahrspuren zu erkennen. Wim fährt über das Hindernis und beginnt, die Büsche wieder auf den Weg zu zerren.

„Alles Tarnung, so sind wir allein bei unseren Forschungen. Die Lage der alten Eingänge soll unser Geheimnis bleiben. Wenn die Touris das rauskriegen, ist es eine Frage der Zeit, bis etwas passiert. Und dann werden die Tunnel vom Cabildo richtig verschlossen - für immer. Deshalb diese Vorsichtsmaßnahme!“, begründet Wim sein Versteckspiel.

Noch rund sechs Kilometer rumpeln die Männer mit dem Panda durch den Wald. Frank wundert sich, was der kleine Kasten im Gelände zustande bringt, fast wie ein echter Geländewagen. Die Männer stehen vor einer Wand aus weichem Lavagestein. Hinter einigen Büschen kommt eine Höhle zum Vorschein, eine Höhle, von denen es tausende auf La Palma gibt. Wim rangiert den Panda rückwärts in die Öffnung. Von draußen ist das Auto nun wirklich nicht mehr zu sehen. Wim nimmt eine Schaufel und kraxelt einen kleinen Seitenweg hinauf. Frank folgt ihm und steht nach knappen 80 Metern auf einer Art Wendeplatz vor der Lavawand. Im kiefernnadelbedeckten Waldboden sieht Frank alte, verrottete Schienen, die Richtung Wand führen. Wim entfernt einige Schaufeln losen Sand. Plötzlich trifft die Schaufel auf Widerstand. Ein runder Brocken aus leichtem Lavagestein mit 80 cm Durchmesser liegt in einer Höhlung. Gemeinsam rollen die Männer den Klumpen zur Seite. Es geht leicht, so als würde der Brocken öfters weggerollt. Wim weist in das entstandene Loch, Frank steckt seinen Oberkörper hinein und leuchtet mit der Taschenlampe ins schwarze Nichts. „Wahnsinn“, staunt Frank, als der Lichtkegel auf einen gemauerten Portalbogen fällt.

„Tunnel B 24, 2785 Meter lang, mittlere Höhe über dem Meer 378 Meter. Tiefste Stelle 443 Meter. Alle diese Daten habe ich aus den alten Karten. Für mich eine unschätzbare Hilfe. Dieser Tunnel ist auch der, in den damals die Ziege gelaufen ist. Aber eine Verbindung zum Meer gibt es hier nicht. Wahrscheinlich ist das Vieh gar nicht erst reingelaufen und irgendwo anders ins Wasser gefallen. Heute wollen wir einen offenbar zugemauerten Nebenstollen erforschen“, erläutert Wim sein weiteres Vorhaben. „Wann und durch wen der zugemauert wurde, ist mir nicht bekannt, ich habe die Lage in meinen Plänen so genau lokalisieren können, dass wir heute die Stelle finden müssten. Hinter der Mauer ist ein etwas größerer Raum, vielleicht ein Materiallager. Das interessiert mich. Viel weiter geht es laut Karte dann nicht mehr, der Stollen endet im Nichts.“

Frank und Wim gehen zurück zum Auto und ziehen die Ausrüstung an. Wasserdichte Wanderschuhe, die dicke Regenkleidung und die Helme mit den Kopflampen. Wim zündet außerdem noch eine Petroleumlampe an, als Indikator für fehlenden Sauerstoff. Jeder trägt einen Rucksack mit etwas Notverpflegung, einem dünnen Bergseil und einem Klappspaten, den man auch als Hacke benutzen kann.

Die Männer kriechen durch das Eingangsloch und wälzen den Lavaklumpen, so gut es geht, wieder vor den Eingang. Das ist kein Sicherheitsrisiko, von innen reicht ein mäßiger Druck aus, um den Stollen wieder zu öffnen. Sie schalten die akkubetriebenen Handscheinwerfer ein und betrachten das Innere des Stollens. Die Decke ist rund drei Meter hoch und teilweise mit vor Nässe triefendem Moos bewachsen. In rund zwei Metern Höhe sind beidseitig Auffangbecken angebracht. Sie sammeln das von der Decke tropfende Wasser und leiten es in zwei beiderseits des Tunnels verlaufende Wasserrinnen. Von dort aus sollte das kühle Nass eigentlich in die Trinkwasserversorgung eingespeist werden.

„Dieser Tunnel führt so wenig Wasser, dass das Meiste schon vor dem Portal versickert“, erklärt Wim den Grund für die Aufgabe des Tunnels. Er formt mit seinen Händen eine Schale, füllt sie mit dem Wasser aus den Rinnen und trinkt. Auch Frank probiert und ist begeistert und gleichzeitig überrascht von der Frische dieses Wassers. Die Luft im Stollen ist überraschend frisch und kühl. Trotz der Nässe keine Spur von Muffigkeit.

Nach genau 1780 Metern ab dem Portal soll der Versorgungsstollen nach rechts abgehen, verrät die Karte. Wim hat schon am Portal eine Marke für seinen elektronischen Abstandsmesser gesetzt. Die Leuchtanzeige ist bei 1620 Metern angekommen. Frank wundert sich, dass außer ein paar Spinnen keine Tiere im Stollen zu finden sind. Ab 1700 Metern beginnt Wim die rechte Wand besonders kritisch abzuleuchten. Er weiß, dass die damaligen Messmethoden nicht sehr exakt waren. 1750, 1780, 1800 Meter, Immer noch keine Spur von einem Nebenstollen. Bei 1850 Meter beginnt Wim mit der Hacke die Wand abzuklopfen, eine kleine Veränderung in der Farbe des Gesteins verrät dem Geologen, dass dort etwas sein muss. Für Frank sieht die Wand in dem Bereich ganz normal aus. Doch Wim glaubt fest an Erfolg. Mit der Hacke beginnt er fieberhaft am weichen Lavagestein zu arbeiten. Wie besessen hackt er auf die unscheinbare Wand ein. Statt gewachsenem Lavagestein fliegen den Männern Trümmer gemauerter Hohlblocksteine entgegen. Nach einer guten halben Stunde, greift Wim in den Rucksack, holt einen langen Meißel hervor und treibt ihn mit einigen kräftigen Hammerschlägen in die Wand. Beim dritten Schlag ändert sich der Ton und der Meißel saust ins Leere.

„Ich hab‘s gewusst, wir sind richtig!“, ruft Wim begeistert und greift nochmals in den Rucksack. Er holt eine Taschenflasche auf den Tiefen des Gepäcks hervor, füllt den Schraubdeckel mit klarem Schnaps und kippt den Inhalt in einem Zug herunter. Nun gießt er wieder aus dem Flachmann nach und Frank nimmt seinen Schluck von dem scharfen Gesöff.

„Bergmannschnaps aus dem Westerwald, den gibt‘s bei mir immer dann, wenn ich Erfolg unter Tage habe. Los, weiter, gleich sind wir drin“, treibt der Holländer Frank an. Gemeinsam erweitern sie den Durchbruch in der Lavawand. Wim leuchtet mit der Handlampe hinein und sieht etwas großes Metallisches: ein Fahrzeug, eine Lokomotive, eine Grubenlok. Sie steht da, als warte sie auf ihren Einsatz. Das Loch ist nun so groß, dass die beiden Männer sich durchzwängen können. Sie stehen am Beginn eines scheinbar schräg nach unten führenden Stollens. Frank betrachtet die Lok mit seiner Lampe: „Guck mal hier, die Pleuelstange ist gebrochen und hat den Radsatz aus seiner Verankerung gerissen. Die fuhr nicht mehr. Und auch der andere Krempel hier unten ist kaputt!“

Tatsächlich finden sich auch noch andere Bergbaumaschinen im Stollen. Ein Kompressor mit abgerissenem Zylinder, eine Gesteinsbohrmaschine mit einem geplatzten Getriebegehäuse und kistenweise abgebrochene Meißel.

„Die haben ihren ganzen Schrott hier in den Seitenstollen geschoben und haben den dann zugemauert. Zum Glück nicht sehr gründlich. Leider steht über den Verlauf des Stollens nichts in meiner Karte.“ Wim wundert sich. Der Seitenstollen ist zwar eingetragen, aber nur als gestrichelte, bald endende Markierung. Tatsächlich scheint der Stollen recht lang zu sein, denn selbst die scharf fokussierende Handlampe reicht nicht bis an sein Ende. Langsam und vorsichtig tasten sich die beiden Forscher im Dunkel des Tunnels voran. Seltsam, hier finden sich keine Wassersammler und der ganze Stollen ist unheimlich trocken. Und es weht ein leiser, deutlich spürbarer Wind, der irgendwie nach Meer riecht. Also muss der Tunnel eine Verbindung haben. Doch womit? Und wohin? Vielleicht ein Ausgang ins Freie? Vielleicht ein Belüftungsschacht?

Wim setzt eine seiner Entfernungsmarken direkt am Eingang des Stollens. Die beiden marschieren los, Wim beobachtet stets den Entfernungsmesser. Der Stollen weist immer noch leicht schräg nach unten. 1650 Meter zeigt die digitale Skala seines Geräts. Seltsam, ein so langer Stollen müsste doch eingetragen sein. Wozu mag der gedient haben? Jedenfalls nicht zur Wassergewinnung. Denn immer noch ist der Stollen knochentrocken und es gibt keinerlei Sammler oder Rohre, die zu einem Wasserstollen dazugehören.