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Ein Chirurg erzählt 28 teils unglaubliche, teils skurrile Erlebnisse aus seiner Zeit der fachärztlichen Aus- und Weiterbildung an Kliniken der Grund- und Maximalversorgung in Deutschland. Dabei sind unter anderem Schilderungen einzelner Operationen detailgenau und doch spannend wiedergegeben. Diese Geschichten geben Einblick in die tägliche Arbeit eines Krankenhausarztes und die medizinische Lehrmeinung der siebziger und achtziger Jahre.
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Seitenzahl: 262
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Meiner Evelyn gewidmet,
die mit großem Verständnis
meinen beruflichen Werdegang begleitet
und viele Aufgaben in der Familie
allein getragen hat.
Karbolgeruch -
desinfizierte Sauberkeit,
ein letzter verzweifelter Versuch, hinter Türen nummeriertes Leid.
Flüsterndes Sprechen - aufmunternde Resignation,
hinter Türen blutiges Erbrechen
- kalte Faszination.
Hastendes Weiß -
Stakkato eilender Schritte,
hinter Türen der Tod in Schweiß
- Stimme: ”Der Nächste bitte!”
Uwe Moorahrend
Vorwort
1 Die OP-Fliege - Dienstag, 18. Juli 1972
2 Und morgen sind Sie der Anästhesist - Dienstag, 17. April 1973
3 Let's fly for Life! - Mittwoch, 14. August 1973
4 ”Bitte sprechen Sie mal” - Donnerstag, 9. Mai 1974
5 Der Arzt als Nikolaus - Freitag, 6. Dezember 1974
6 Noch ein Löffel Ipecacuanhasaft für die Mama - Samstag, 26. Juli 1975
7 Die zerlegte Intensivstation - Samstag, 03. Mai 1975
8 Der ”Rabenbeinfänger” - Sonntag, 21. November 1976
9 'Hart wie ein Brett' - Montag, 15. Mai 1977
10 Eine außergewöhnliche, operative Knochenbruchbehandlung (AOK) - Donnerstag, 19. Juli 1977
11 Duten Tach Heh Dotto - Freitag, 2. Juni 1978
12 Potzblitz und Sapperment, weg ist der Patient - Freitag, 7. Oktober 1978
13 Die Mutter Marias - Freitag, 15. September 1978
14 Der 'Bereitschaftsflur', eine ganz besondere Geschichte
15 'Schwein gehabt'! - Donnerstag, 14. Mai 1979
16 ...nur eine kleine Kopfplatzwunde - Samstag, 15. September 1979
17 ”RAF- Überfall” auf einen Großflughafen - Montag, 09. Juni 1980
18 ”Herr Doktor, ich glaube, ich muß sterben” - Freitag, 29. August 1980
19 Zwei Hände und zehn Finger sind vier zu viel - Montag, 20. Oktober 1980
20 Befangenheit unter Kollegen - Donnerstag, 08. April 1981
21 Der Busfahrer mit seinem Darm im Brustkorb - Montag, 19. Oktober 1981
22 Der singende Portugiese - Dienstag, 23. März 1982
23 Der verhinderte Suizid - Sonntag, 11. Juli 1982
24 “Tirili, Tirila” - der Onkel Doktor ist schon da” - Oktober 1982
25 Die Schachuhr - Freitag, 27. Mai 1983
26 Der fliegende 'Holtländer' - Samstag, 13. August 1983
27 Die Knochennagelung “vom Zug zum Zug” - Donnerstag, 12. April 1984
28 Die Hausgeburt - Mittwoch, 03. Oktober 1984
Schlusswort
Ärztliches Verständnis und Handeln sind Ergebnis aus erlerntem, medizinischem Wissen und praktisch Erlebten. Dass der Berufsalltag dabei mal dramatische, mal skurrile und manchmal komische Ereignisse mit sich bringt, ergibt sich von selbst.
Die geschilderten Vorkommnisse in diesem Buch haben sich alle genauso zugetragen, sie ereigneten sich innerhalb einer begrenzten Zeitspanne eines mehr als 35-jährigen Berufslebens. Es sind Einzelfallschilderungen, die sich so oder ähnlich in jedem deutschen Krankenhaus zugetragen haben könnten. Sie zeigen einerseits den rasanten Fortschritt der Medizin bis heute, andererseits das früher vorhandene, bedingungslose Vertrauen in Ärzte und ihr Handeln. Das Geschilderte soll Anlass sein für zweifelndes Staunen, missbilligendes Kopfschütteln und amüsiertes Schmunzeln. Die Datumsangaben am Beginn der Einzelgeschichten erlauben Rückschluss auf den damaligen wissenschaftlichen Stand der Medizin, sie sind in der Jahresnennung exakt, Tages- und Monatsangaben sind genähert. Alle Personennamen sind frei erfunden, Übereinstimmungen mit lebenden Personen in vergleichbarer Tätigkeit und Position wären rein zufällig. Ich benutze auch in diesem Buch mein Pseudonym, Hans Wilhelm Oldenburger, um damit Bezüge zu Orten und Agierenden zu erschweren. Vielleicht fragt sich der Leser, warum mit dem Jahr 1985 die Geschichten aufhören, der Grund ist einfach, ich habe eine Chefarztstelle angetreten. Ein weiterer Grund für eine erweiterte erste Auflage ist der Buchtitel ‘Schnittmengen’ der ersten Ausgabe. Einige Leser berichteten mir, sie hätten hinter diesem Wort ein mathematisches Fachbuch vermutet.
Uwe Moorahrend, September 2025
Über Deutschland liegt seit fast zwei Wochen ein nahezu stationäres Hoch mit Höchsttemperaturen deutlich über 30° Grad. Gestern wurde in der Abteilungsärztekonferenz festgelegt, mit den anstehenden Operationen des nächsten Tages schon um 7:00 Uhr in der Früh zu beginnen. Auf dem OP-Plan stehen: ”ein Leistenbruch links”, ”eine Galle”, ”eine Vorhautverengung beim alten Mann” und eine ”Entfernung eines vereiterten Großzehennagels”. Ich bin seit 01. April als Medizinalassistent im 1. Jahr auf der chirurgischen Abteilung des kleinen gemeindlichen Stiftungskrankenhauses ganz am Anfang meiner klinischen Berufstätigkeit.
Mein Weg zur Klinik ist kurz, ich habe ein möbliertes Zimmer ca. 500 Meter von der Klinik gefunden und betrete das Klinikgelände gegen 6:30 Uhr über den Wirtschaftshof, um im Speisesaal der Klinik kurz zu frühstücken. Dabei passiere ich den Schweinestall, in dem gerade vom Hausmeister die beiden Schweine gefüttert werden. Ja, das Haus hält sich die Tiere als Essensresteverwerter, wovon ein Tier zumeist zu Weihnachten geschlachtet wird und dessen Schlachtprodukte als 'Weihnachtsgratifikation' an verdiente Mitarbeiter abgegeben werden. (Übrigens habe ich es zu meinem 2. Weihnachtsfest im Haus zu einer 'fetten Salami' geschafft.)
Nach einem schnellen Kaffee mit Marmeladensemmel bin ich gegen 6:50 Uhr umgezogen im OP-Waschraum zur chirurgischen Händedesinfektion/ -waschung, da ich als OP-Assistent eingeteilt bin. Die ersten beiden Operationen werden vom ”Chef” durchgeführt. Eine ca. 60-jährige Ordensfrau, seit Jahren Anästhesiefachkraft, hat die Narkose bereits eingeleitet, Narkosefachärzte gab es zu jener Zeit nur an großen Klinikzentren. Der Patient, ein junger Mann, ist bereits auf dem OP-Tisch gelagert, ich wasche den enthaarten Unterleib, decke ihn mit sterilen OP-Tüchern unter Freilassen der Leistenregion links zusammen mit der instrumentierenden Schwester ab. Die Morgensonne steht voll auf der Milchglasfensterfront des OP-Saales im Erdgeschoss. Wir warten auf den Chef! Es ist heiß im Saal, sehr heiß!! Auf meine Frage, ”wieviel Grad hat es denn jetzt?”; ruft die Narkosefachschwester nach Blick auf das Wandthermometer ”24° Grad, Herr Doktor!” Der Chefarzt stürmt mit einer Entschuldigung in den Waschraum, beim Händewaschen ruft er: ”Oldenburger, fangen Sie doch bitte schon mal an!”
Jetzt wird mir noch viel heißer, Operateur nach einem Vierteljahr als Anfänger in der Chirurgie!
Schon ”knallt” mir die OP-Schwester das Skalpell in die geöffnete Hand – Hautschnitt, Blutstillung mit der Elektropinzette, Darstellen des erweiterten äußeren Leistenringes samt Bruchsack - jetzt ist der Chef neben mir, ”gut so, machen Sie ruhig weiter”, sagt er. Meine gefühlte Umgebungstemperatur liegt jetzt deutlich über 40°, mir läuft der Schweiß in Strömen den Rücken runter, ich wünsche mir nichts sehnlicher als unter einer kalten Dusche zu stehen-Bruchsackinhalt zurückschieben, Legen der Basininähte, Anziehen und Knoten der Nähte - mir beschlägt bereits meine Brille, da sagt der Chef: ”Mach doch mal einer ein Fenster auf, das ist ja hier eine Affenhitze!” Das Fenster ist offen, eine Erfrischung verspüre ich nicht, dafür nehme ich den intensiven Schweinegeruch wahr und dann passiert es, eine Fliege setzt sich auf meinen linken Handrücken!!!
Alle um mich herum halten in ihren Bewegungen inne, auch die Fliege- der Chef: ”füllt mir eine sterile Spritze mit Äther, schnell!” Die Fliege krabbelt über meinen Handrücken, hat schon fast das gehaltene Instrument erreicht, da trifft sie ein Schwall Äther, sie will abheben, fällt aber rücklings in die OP-Wunde. Der Chefarzt nimmt eine Pinzette, mit ihr die Fliege und läßt beide auf den Boden fallen, dann seine Anweisung: ”Beseitigt beides, endgültig- und Kochsalzlösung zum Spülen der Wunde, 500.000 Einheiten Penicillin in die Infusion, schließt das Fenster wieder - Oldenburger, nähen Sie zu und legen Sie eine Lasche ein!”
Kurz danach ist der Eingriff beendet, ich muß mich komplett umziehen, denn mir klebt die OP-Kleidung am Körper. Als ich in den OP-Aufenthaltsraum komme, sitzt der Chef bei einer Tasse Kaffee und sagt zu mir: ”Herr Kollege diktieren Sie den OP-Bericht, aber lassen Sie die Sache mit der Fliege weg, die hat es nie gegeben! Übrigens, heute Nachmittag kommt ein Fliegengitter an das Fenster!” Irgendwann später erfahre ich, daß der Chef als junger Arzt einer der ersten im Deutschen Entwicklungsdienst mit Einsatz im damaligen Togo war und diese ”Fliegenbekämpfung” dort Gang und Gäbe war.
Wie üblich findet heute, am Dienstag, wie jeden Werktag um 15:00 Uhr, die Operationsvorbesprechung für morgen im Zimmer des Chefarztes statt, bevor um 16:00 Uhr seine ambulante Privatsprechstunde beginnt. Ich bin nun gerade mal ein Jahr im Hause und mein 2. Medizinalassistentenjahr hat begonnen. Für morgen stehen von 'meiner' Station die Nagelung eines Schenkelhalsbruches bei einem 82 jährigen und ein Leistenhoden bei einem 6 jährigen Jungen an. Im anderen OP-Saal operieren zeitgleich zwei gynäkologische Belegärzte. Im Stillen hoffe ich, morgen meine erste Nagelung machen zu dürfen. Meine Fälle habe ich mit Röntgenbildern und den tagesgleichen Befundergebnissen von EKG und Labor vorgestellt.
Dann sagt der Chef: ”Oldenburger und morgen......(ja,ja ich weiß was jetzt kommt: nageln Sie Ihren 1. Schenkelhalsbruch)..... sind Sie der Anästhesist bei den Gynäkologen. Es fallen 1 Gebärmutterentfernung und 2 Ausschabungen an, also eine Intubationsnarkose und 2 Maskenbeatmungen, kein Problem für Sie, oder?!” ”Nein, nein sicher nicht”, stammele ich, dabei jagen mir aber alle möglichen katastrophalen Situationen durch 'den Kopf': die Dosis des Muskelrelaxationsmittels falsch berechnet, nach Gabe des Medikamentes zur Muskellähmung gelingt die Intubation nicht, einlegen des Beatmungsschlauches in die Speise- statt Luftröhre, usw., usw.. Mich beschäftigen diese Gedanken derart, daß ich den weiteren Besprechungspunkten gar nicht mehr folgen kann. Es wird mir nichts übrig bleiben, ich muß mich über Nacht zum Narkosearzt qualifizieren, aber wie?! Zuerst ein 'Nachschlagewerk für Narkosen' besorgen, dann lesen, lesen, lesen und schließlich Spickzettel mit entsprechenden 'Merksätzen' schreiben. Nach der Besprechung haste ich auf die Station, melde mich ab, nachdem ich zuvor die Kollegin von der Frauenstation gebeten habe, die eventuell noch anstehenden Obliegenheiten zu übernehmen.
Mit meinem Fiat 850 Spider auf in die nächste 50 km entfernte Uni-Stadt, die auch eine medizinische Fakultät hat. Die Fachverkäuferin in der medizinischen Buchhandlung empfiehlt mir das Taschenbuch ”Stöcker, 'Leitfaden der Anästhesie'”, 280 Seiten klein bedruckt, aber viele Merktabellen. Zwischenzeitlich ist es nach 18:00 Uhr, was soll's, gekauft und Rückfahrt. Im Zimmer angekommen, wird gelesen, gelesen und gelesen, wiederholt, wiederholt und wiederholt.
Nach Mitternacht Zusammenstellung des Spickzettels mit Namen der Narkosemittel, Wirkungen, Nebenwirkungen, Dosierungstabellen, was tun bei Über- und Unterdosierungen, Beatmungsdrücke, Konzentrationen der Beatmungsgase, das alles bringe ich auf einem 4x gefalteten DIN A4 Blatt unter. Gegen 2 Uhr in der Früh geht’s ins Bett, an Schlaf ist nicht zu denken, die Gedanken kreisen nur um die Narkosen, was tun in dieser oder jener Situation, wieder Licht an und nachschauen, was mein Spickzettel dazu sagt. Irgendwann um 4:00 Uhr schlafe ich ein.
Der Wecker klingelt 6:30 Uhr, ich fühle mich erstaunlicherweise relativ fit,
Morgenwäsche, ein Glas Cola von letzter Nacht und ein paar Kräcker als Frühstücksersatz. Kurz vor 7:00 Uhr bin ich in der Klinik, nach dem Haupteingang fünf Stufen hoch zum Foyer, dann links in den OP-Trakt. Nach umziehen betrete ich den Gang zu den beiden OP-Sälen: Links und rechts stehen 2 Betten, darin 2 Frauen, rechts der chirurgische Fall, links die gynäkologische Patientin. Beide Frauen unterhalten sich angeregt und laut in breitem Dialekt. Als die 'Chirurgische' mich wahrnimmt, fragt sie, ”sind Sie der Doktor, der mich schlafen legt?” Ich verneine, wende mich an die Patientin im Bett gegenüber und sage, ”Guten Morgen Frau Hämmerle mein Name ist Oldenburger, wir zwei haben das Vergnügen zusammen.” Sie antwortet darauf, ”aber Herr Doktor, muß das denn unbedingt hier im OP sein?!” Lautes Gelächter von allen Seiten. Ich hingegen unterdrücke meine Erwiderung: ”Womit Sie zweifellos recht haben!!!” Die Frage, ob beide Damen denn überhaupt schon auf der Station prämediziert worden seien, bejahen sie, meine Patientin fügt hinzu, ”wenn nicht, dann wär hier aber Party!”
Auf meine Bitte hin schiebt ein Pfleger das Bett in den OP, umlagern der Patientin auf den OP-Tisch, ich treffe die weiteren Maßnahmen: Legen der nötigen Infusion, EKG Anlage, die beiden Frauenärzte treffen ein und rufen ein 'Guten Morgen' in den Saal, ich warte sehnlichst auf unsere erfahrene Narkosefachkraft (Ordensschwester), da kommt die Bitte ”Herr Kollege, bitte fangen Sie mit der Narkose an!” Ich schlucke, wende mich an Frau H., ”so, nun träumen Sie mal was Schönes, ich spritze Ihnen jetzt ein Schlafmittel und über die Atemmaske bekommen Sie Sauerstoff zu atmen!” Die Spritze mit dem Medikament zur 'Muskellähmung' liegt bereit, die Patientin schläft, 0,1 mg/kg Körpergewicht sind zu spritzen, also 7,0 mg bei den 69 kg Gewicht der Frau. Alles klappt wie geschmiert, als die Muskelentspannung einsetzt, noch ein paar Hübe Sauerstoff über die Maske, den Beatmungsschlauch rechts in Griffnähe, mit dem Intubationsbesteck den Eingang zur Luftröhre einstellen, den Kehldeckel dabei auf den Spatel aufladen und zwischen den mittelweit klaffenden Stimmbändern den Beatmungsschlauch einschieben, alles gelingt wie wenn schon hunderte Mal praktiziert, ich frohlocke innerlich!! Jetzt noch den Beatmungsschlauch mit Luft aus einer Spritze 'blocken' (kleine aufblasbare Weichgummimanschette am Ende des Schlauches, die ihn in der Luftröhre “festhält'' und gegen vorbei streichende Luft abdichtet), da stürzt 'meine' Narkosefachschwester in den OP, noch den Mundschutz zubindend, ”oh, Entschuldigung, Entschuldigung, daß ich mich verspätet habe, aber ich habe mir auf der Fahrt her durch eine Glasscherbe einen 'Plattfuß' am Hinterrad meines Fahrrades geholt und ich mußte die letzten 2 Kilometer Rad schiebend laufen! Ach, wie schön Herr Doktor, Sie haben schon angefangen, jetzt lassen Sie mich wenigstens die letzten Handgriffe erledigen!” Ich trete zur Seite, überlasse ihr den Platz und stelle das Beatmungsgerät ein. Frau H. ist steril abgedeckt und ich höre wie einer der beiden Gynäkologen fragt: ”Können wir anfangen?” Ich bejahe und der Operateur sagt ”Bauchschnitt”, ich schaue auf die Uhr, antworte '08:12 Uhr' und trage die Zeit ins Narkoseprotokoll ein. Beim Einstellen der Beatmungsmaschine stelle ich fest, daß ich den Druck um das Vierfache erhöhen muß, um das Luftgasgemisch in die Patientenlunge zu pumpen, irgendwas läuft jetzt falsch, ich werde unruhig, schiebe die Schwester leicht zur Seite, um die Patientenlunge abzuhorchen, dabei nehme ich so etwas wie ein entferntes Prusten wahr, gleichzeitig fragt der Operateur besorgt, ”ist mit der Patientin alles in Ordnung, das Blut ist so dunkel?!” Ich schaue 'meine' Schwester an, die fasst sich an die Stirn und zieht Luft aus der Weichgummimanschette des Tubus'. Sofort alarmiert die Beatmungsmaschine akustisch, der Operateur fragt erneut, ”ist wirklich alles in Ordnung?!” Die Schwester antwortet, ”wir hatten eine innere 'Tubushernie1', die ist momentan beseitigt!” Und tatsächlich, die Beatmungsdrücke sind augenblicklich normal, die Operation und Narkose werden ohne weitere Schwierigkeiten zu Ende geführt.
Nach dem Eingriff verbleibt die Patientin noch einige Zeit im Wachzimmer und kommt erst am späten Nachmittag auf die Frauenstation, wo ich sie vorm Nachhause gehen noch besuche.
Sie wirkt schläfrig, aber wach und fragt mit schwacher Stimme: ”Herr Dr. Oldenburger, wie vergnüglich war's denn mit uns Zwei im OP?” Ich antworte darauf: ”Sie waren fantastisch, nur am Anfang haben Sie ein bisschen lang die Luft angehalten!” Gegenantwort: ”Wundert Sie das, wenn einer fast 60-Jährigen ein junger Mann so nahe kommt?!”
1 Tubushernie: Damals wurden Beatmungsschläuche aus Hartgummi eingesetzt. Diese wurden mechanisch gereinigt und dann in eine Sterilisationslösung eingelegt und anschließend steril verpackt. Bei gehäufter Wiederholung dieser Prozedur wurde die Gummimanschette am unteren Ende weicher und dehnte sich bei Luftfüllung weiter aus und konnte sie sich wie im geschilderten Fall vor die untere Öffnung des 'Tubus' legen.
Nun bin ich schon über 1 Jahr auf der chirurgischen Abteilung des Hauses, habe letzte Woche begonnen, meinen 'Operationskatalog' zusammen zu stellen: 7 Leistenbrüche, 15 Blinddärme, 12 Ateromentfernungen, 5 Fußnagelextraktionen, 7 Fremdkörperentfernungen, 2 Karbunkelspaltungen, 3 Endernagelungen, 1 Gallenblasenentfernung und 20 Intubationsnarkosen. Ich finde, fürs erste Jahr eine ganze Menge. Bei der Aufstellung ist mir so richtig bewußt geworden, daß der Beruf des Chirurgen in erster Linie beinhaltet, seinen Patienten 'etwas wegzunehmen'. Als ich das am Ende einer Frühbesprechung, eher im Scherz, bemerkte, reagierte der Chef mit der Aufforderung an mich: ”Herr Kollege, dann berichten Sie uns doch bitte in der nächsten Abteilungsfortbildung über ein Verfahren, in dem der Patient vom Chirurgen etwas bekommt, nämlich über die 'Totalendoprothese der Hüfte'!” Ein Verfahren, das bereits seit den Dreißigern unter experimentellen Bedingungen an verschiedensten Kliniken der westlichen Welt versucht worden war. Unter Verwendung eines speziellen 'Zementes', der die zwei Komponenten, einen metallenen Hüftkopf mit Schaft und eine Plastikhüftpfanne, im Knochen 'befestigte', fand es nach dem II.WK, aus den USA kommend, in Frankreich und der Schweiz Verbreitung, um zu Beginn der Siebziger auch in Deutschland vermehrt angewendet zu werden. An einer Universitätsklinik in Südwestdeutschland praktizierte ein gerade erst berufener Lehrstuhlinhaber, ein Schweizer, das Verfahren bereits auch an seiner neuen Wirkungsstätte. Also nahm ich Kontakt zum Sekretariat dieser Abteilung auf und ließ mir entsprechende Literatur schicken. Gut vorbereitet durften sich die Kollegen auf ein hoffentlich interessantes Referat freuen.
Um 15:00 Uhr warten wir Assistenzärzte und Oberarzt auf den Chef im Konferenzraum des Hauses, gegenüber dem Chefarztzimmer. Diese Räume liegen im Ambulanztrakt am Durchgang zum Wartebereich, wo es im Allgemeinen Mittwochnachmittag 'ruhig' ist. Schritte draußen auf dem Flur, ein kurzes Klopfen an der Tür, dann wird die Tür zaghaft geöffnet und da steht eine ca. 60 Jahre alte Bäuerin, die einen splitternackten vielleicht Fünfjährigen an der Hand hält. Wir 5 Ärzte im Raum erstarren: Der Junge hängt stark gekrümmt an der Hand der Frau, wimmert leise vor sich hin und ist völlig apathisch. Der gesamte Oberkörper, Arme und Beine mit Ausnahme des Gesichtes, Halses, Leisten- mit Genitalregion sind schwerstverbrannt, das Kopfhaar weggebrannt- augenblicklich riecht es ihm Raum, als ob gegrillt würde. Die Frau sagt eher teilnahmslos, ”der Buar hat im Stadl zündelt, welcha scho lichterloh brennt hat, als i da zua kimma bi, i konnt den Siach grad no 'naus ziecha!”
Unsere Starre löst sich augenblicklich, der Oberarzt reißt seinen Kittel runter, breitet ihn auf dem Boden aus, bettet den Kleinen vorsichtigst darauf und sagt, ”kommt, an den Kittelschößen anfassen und schnell den Jungen in den Schockraum tragen! Einer ruft sofort das OP-Personal, die Chefsekretärin soll 'rumtelefonieren, woher wir einen Hubschrauber kriegen!!” Wir drängen die Frau zur Seite und bringen das kleine Brandopfer in den Schockraum. Der Chef und eine junge Ärztin aus der Inneren Abteilung kommen hinzu, die Kollegin fragt: ”soll ich ein Schmerzmittel spritzen?” Unser Chef, ”bloß nicht, bei den tiefen 3. gradigen Verbrennungen, die verbrannte Haut ganz in Ruhe lassen, peripher keinen Blutdruck messen, wegen Blutgerinnselbildung in den Gefäßen!” Der Oberarzt hat eine Vene am nicht verbrannten Hals gefunden, er punktiert sie mit einer Venenverweilkanüle, spritzt eine kleine Menge Narkosemittel, öffnet den Mund und sagt: ”der Rachen ist sauber, offensichtlich keine Verbrennungsgase inhaliert, wir intubieren!” Die OP-Mannschaft trifft ein, die Narkoseschwester macht die Handreichungen zur Einlage des Beatmungsschlauches.
Der Chef stößt mich an, ”los, wir punktieren die Leistenvenen”, ich beobachte wie er nach dem Puls der Leistenarterie tastet und tue es ihm gleich, bei dem schockierten Bub fühle ich gar nichts, der Chef: ”macht nichts, gebt uns eine Spritze mit physiologischer Kochsalzlösung und Venenverweilkanüle drauf, wir punktieren 'blind'!” Zwischenzeitlich liegt der Bub entspannt unter leichter Narkose auf dem Tisch, ich suche mit der Nadel unter der Haut nach der 'großen' Leistenvene, bei 'Anziehen' der Spritze habe ich die Arterie getroffen, hellrotes Blut quillt in den Spritzenzylinder, der Chef : ”egal, Kanülenschlauch einschieben”, fast zeitgleich führt er dasselbe Manöver auf seiner Seite aus. Am Ende unserer Maßnahmen ist der Bub intubiert, 3 Infusionen laufen über die Zugänge am Hals und beide Leisten. Ein kleiner Blasendauerkatheter ist zwischenzeitlich von einem der OP-Pfleger gelegt und wir warten darauf, daß sich Urin in den Beutel entleert, voller Ungeduld spritzt der Oberarzt eine geringe Menge eines 'harntreibenden' Präparates, endlich entleert sich bräunlich verfärbter Urin in den Beutel. Das OP-Personal und die Kollegin der Inneren bleiben bei dem Jungen, der nur leicht mit sterilen OP-Tüchern zugedeckt ist.
Im Chefarztsekretariat hören wir, daß um diese Zeit, es ist gleich 16:00 Uhr, bei der genehmigenden Bundeswehrstelle 'keiner ans Telefon geht'. Der Chef ruft in der chirurgischen Uniklinik in Heidelberg an, seiner früheren Ausbildungs- und Arbeitsstätte. Schnell hat er, wider Erwarten, seinen früheren Chef am Apparat und fragt, ob die Amerikaner helfen können, der Angerufene verspricht, sein Möglichstes zu versuchen. Schon 5 Minuten später der Rückruf, ”die Amis kommen”, nachdem er nach dem genauen Standort des Krankenhauses und markanten Landmarken gefragt hat, uns fällt nur der hohe Siloturm einer Getreidegroßmühle in nächster Nähe ein, sagt er, ”legt weiße Bettlaken auf eine Wiese in der Nähe des Hauses, wir erwarten den Jungen, viel Glück!” Alle machen den Jungen transportfertig: eine alte, fahrbare Trage wird präpariert, das Untergestell kürzt der Hausmeister auf 40cm Höhe, wir vermuten, daß in dem Armeehubschrauber keine Lagerungsmöglichkeiten vorhanden sind, Pflegekräfte und Sekretärin legen ca. 50 Meter hinter dem Haus weiße Bettlaken aus, die mit unzähligen Zementplatten von der Pflasterungsbaustelle vorm Haus beschwert werden.
Inzwischen sind alle Krankenhausfenster mit Patienten und Besuchern besetzt, weitere Personen helfen beim Plattentransport; zu guter Letzt kommt die Oberin des Hauses und legt in die Mitte des weißen Vierecks ein großes Altartuch mit lila Kreuz. Der kleine Patient, auf der Trage liegend, steht mit 'Begleitung' im Hintereingang des Hauses. Wir warten alle im Freien, suchen den Himmel ab und horchen auf die typischen Rotorengeräusche eines Hubschraubers. Da tippt mir jemand auf die Schulter, der Oberarzt! ”Einer muß den Buben begleiten, machen Sie das?!” ”Oh Gott-o-Gott, ich????” Er, ”ja, Sie kriegen alle nötigen Medikamente mit, auch mache ich Ihnen ein paar Notizen, was Sie im Bedarfsfalle tun müssen!” Ich nicke, ”dann ziehen Sie den Kittel aus und nehmen sie ein Stethoskop mit!”
Ich haste die Treppen hinauf ins Stationsarztzimmer, schnappe meinen leichten Blouson und höre in dem Augenblick durch das geöffnete Fenster Fluggeräusche eines Hubschraubers. Als ich wieder zum Hintereingang komme, ist der Hubschrauber im Sinkflug, fast zeitgleich taucht der Oberarzt auf und drückt mir einen Zettel in die Hand. Unter den starken Luftverwirbelungen des landenden 'Helikopters' kann ich nichts lesen, ich stopfe den Zettel in die Außentasche des Blousons. Der Hubschrauber ist gelandet, unter laufendem Rotor springen der Co-Pilot und Operator aus der Maschine. 2 Pfleger tragen den Jungen auf der Trage zur Maschine, ich folge mit einem Karton Infusionsflaschen und Medikamenten, der Bub atmet spontan über den Tubus.
Der Co-Pilot schreit mir zu: ”My name is Bob, we know already what happened”, da hebt der Wind das grüne OP-tuch an und er sieht den Kindskörper und ruft, ”Oh my God, it looks like a Vietnamese child after Napalm bombing!!” Der Operator nimmt mir den 'Medikamentenkarton' ab, gibt mir einen Flughelm, er heißt Michael MacPherson und hat das Kommando in der Transportkabine. Wir vertäuen die Trage in der Maschine, er zeigt mir wie der Helm geschlossen wird und koppelt die Funkverbindung zur Besatzung an. Der Pilot spricht mich an: ”Hey Doc, take seat we start for our flight for life!”.
Schon wird das Dröhnen schlagartig lauter und unter starkem Vibrieren hebt die Maschine steil nach vorne oben ab. Das Krankenhaus und Gruppen von Menschen verschwinden aus meinem Blickfeld, als Letztes glaube ich die Oberin im Klinikaufgang stehend zu erkennen, wie sie betend die Hände hält. Ich höre über die Kopfhörer im Helm den Piloten: ”Hey Doc, if something goes wrong with you or the boy please call, Michael will instruct you how to handle the speaking equipment." "I think, we will reach the Hospital in 40 minutes, okay?!” Natürlich ist das okay! Fortan gilt meine Aufmerksamkeit nur dem Jungen, der ausgeschiedene Harn wird immer dunkler, ich erhöhe die Flüssigkeitszufuhr über die Infusionen, wechsele die leeren Flaschen gegen volle aus, horche über das abnehmbare Helmmikro, das Michael auf meine Kopfhörer 'gelegt' hat, den Puls des Jungen an der Halssschlagader und das Atemgeräusch über den Tubus. Der Puls ist extrem langsam, ich zähle 48 Schläge/ Minute, die Atemfrequenz eher unregelmäßig, was tun, soll ich den Kleinen über den Beatmungsbeutel in der Atmung unterstützen? Eine kleine
2 Liter Sauerstoffflasche ist bei der 'Medikamentenreserve', ich verbinde den Schlauch eines Infusionsbestecks mit dem Flaschenstutzen, schneide den Tropfzylinder ab und führe das Schlauchende in den Tubus, befestige es und öffne das Flaschenventil ein wenig.
Über die gerade zugeschalteten Kopfhörer vernehme ich eine Stimme, wohl von außerhalb des Helis, ”Spider six, Spider six, here Scorpion, flight route TWO- O- SEVEN is clear, stay in 1000 feet above ground, you'll reach destination in 10 minutes!” Kurze Zeit später merke ich, daß der Heli einen großen Bogen fliegt, Michael zeigt nach unten und sagt ”Heidelberg!” Ich finde bei Landeanflug den Zustand des Jungen unverändert, sehe durchs Fenster den neuen Gebäudekomplex der Uniklinik. Als wir aufsetzen und der Motor ausgeht, die Rotorblätter noch nachlaufen, schiebt Michael die Tür auf, 2 Pfleger und ein Kollege übernehmen die Trage mit dem Jungen, ich lasse den Helm zurück, klettere aus der Maschine, warte noch, daß der Pilot sich zeigt und sage allen Dreien: ”Bye and thanks so much!” Als ich der übernehmenden Gruppe nachlaufe, um 'meinen' Patienten zu übergeben, ruft der Pilot so etwas, wie: ”Sometimes Life is a miracle!” hinterher.
Das Wunder tritt nicht ein!! Der Bub verstirbt noch in derselben Nacht trotz Dialyse im toxischen Schock und Nierenversagen. Übrigens habe ich auf 'Geheiß' des Chefs in Heidelberg übernachtet und mußte am nächsten Morgen in der Uni-Klinik die niederschmetternde Nachricht hören. Traurig und zutiefst deprimiert, habe ich danach die Rückfahrt mit dem Zug angetreten. Tags darauf erfuhr ich mehr von Kollegen und aus der Zeitung, wie sich die Katastrophe wohl zugetragen haben muss.
Die 'entrüstet' schimpfende Person war die Großmutter des Jungen, sie wurde völlig apathisch im Konferenzraum sitzend von der Oberin gefunden. Die Oma hatte den Jungen auf's Feld zum Heuwenden mit genommen, während sie arbeitete, war der Fünfjährige zu einem nah gelegenen Stadl gelaufen, wo der Opa einen alten Bulldog 'untergestellt' hatte, dieser hatte noch einen 2 Taktmotor, der mit Zündpatronen gestartet werden mußte. Um auf die kaum noch erhältlichen Patronen verzichten zu können, hatte der Mann eine eigene Zündmethode entwickelt, für die er Streichhölzer benötigte. Mit diesen hatte der Bub offenbar gezündelt. Die Spurensicherung fand verkohlte Reste einer Streichholzschachtel unter dem verbrannten Fahrzeug.
Nun bin ich schon eine Woche an meiner neuen Arbeitsstelle, einer Klinik mit einer größeren chirurgischen Abteilung und breiterem operativen Spektrum. Diesen Wechsel nach 2 Jahren hatte ich lange geplant und auch frühzeitig meinem ersten Chef mitgeteilt. Über eine geschaltete Suchanzeige im Deutschen Ärzteblatt erhielt ich schnell eine größere Anzahl von Angeboten, bei fünf Einrichtungen habe ich mich vorgestellt und hätte auch bei allen sofort meine Arbeit aufnehmen können. Meine neue Klinik ist eine der Fünf.
In den ersten 6 Monaten arbeite ich auf der Privatstation, was natürlich Vor- und Nachteile hat: der größte Vorteil, ich assistiere dem Chefarzt und lerne dadurch schnell die 'Methodik' des operativen 'how to do' in der Abteilung, ein wesentlicher Nachteil aber ist, ich kann nicht selbständig operieren und muß mich im Stationsmanagement ganz den zeitlichen Gepflogenheiten des Chefs unterordnen, so wird Wochentags nach der ambulanten Sprechstunde, zumeist erst gegen 18:00 Uhr, noch die Frischoperiertenvisite gemacht. Da sind meine Abteilungskollegen in der Regel schon 1 Stunde aus dem Haus. Heute Morgen steht als erste Operation die Entfernung einer stark vergrößerten Schilddrüse an und das am sitzenden Patienten und in Lokalbetäubung. Ja, Sie lesen richtig, 'LOKALBETÄUBUNG'.
Der Patient, ein 48-jähriger Mann, hatte sich in der ambulanten Sprechstunde bereits der Blutuntersuchung und EKG-Aufzeichnung unterzogen, deren Ergebnisse waren unauffällig, normal. Gestern Nachmittag habe ich mir die Befundergebnisse aus dem Chefsekretariat geholt, die Aufnahmeuntersuchung gemacht, dazu gehört im Besonderen die Spiegelung der Stimmbänder mit Funktionskontrolle, dabei beobachte ich über das kleine Spiegelinstrument, bei Aufforderung des Untersuchten ein lautes ”Chiiiii,” zu äußern, den Schluß der Stimmritze, was einwandfrei funktioniert.
Um 7:30 wird der Patient in den OP gebracht. Zwei versierte Pfleger übernehmen die Lagerung des Patiente,n nachdem ich zuvor im Bereich des rechten Handgelenkes eine Dauertropfinfusion mit 0,9% Kochsalzlösung angelegt habe. Die Lagerung erfolgt in Sitzhaltung wie auf einer Relaxliege: Oberkörperaufrichtung 70°, Hüft- und Kniegelenke leicht angebeugt und jetzt das wesentliche, der Kopf wird in einer Halteschale in starker Überstreckung des Halses gelagert und mit einem Polstergurt über der Stirn fixiert. Ich gehe mich waschen und lasse mich steril anziehen. Zwischenzeitlich haben die Pfleger die Unterarme auf Lagerschalen positioniert und sie und die Beine fest gemacht. Ich wasche das OP-gebiet mit steriler Waschlösung ab, der Chefarzt kommt, läßt sich keimfreie Handschuhe anziehen und unterspritzt die Haut mit 10ml Lokalbetäubungsmittel, dabei unterhält er sich angeregt mit dem Patienten. Er erklärt ihm nochmals die anstehenden Schritte, zieht dann 10mg Diazepamlösung auf und befestigt die Spritze am Dauertropfzugang. Während er sich wäscht, decken die instrumentierende Schwester und ich den Patienten ab, nach sterilem 'Einkleiden' des Chefarztes, kommt von ihm die Aufforderung an einen der Pfleger ”bitte spritzen Sie die 10mg Diazepam langsam und bleiben Sie beim Patienten!”
”Schwester, 'Hautschnitt'”, ich sage fast automatisch ”8:05 Uhr!” Der Patient schläft, Haut und 'Hautmuskel'* sind durchtrennt, die tiefere Halsmuskulatur wird mittig längs stumpf gespreizt, ich halte mit Haken die Muskulatur zur Seite, die vergrößerte Schilddrüse kommt zur Darstellung, mit 2 langen stumpfen anatomischen Pinzetten wird das Bindegewebe ober- und unterhalb der beiden Drüsenlappen vorsichtig von den kleinen blutzuführenden Arterien gelöst, da spricht der Patient ”Herr Doktor!”
”Bitte jetzt nicht sprechen”, sagt der Operateur, ”ich spritze Ihnen gleich was”; nachdem die kleinen, oberen Arterien abgebunden sind, legt der Operateur 2 Betäubungsmittel getränkte 'Lappen' auf das OP-Feld und wartet eine kurze Zeit. Jetzt fragt er den Patienten: ”Jetzt können wir uns unterhalten, haben Sie Schmerzen?!” ”Jetzt nicht mehr, nur ein unangenehmes Brennen im Hals”, antwortet der Patient. Ich bin fasziniert, wie sich der Kehlkopf unter den getränkten Lappen bewegt. Der Chef stellt die beiden Stimmbandnerven zwecks Verlaufsidentifikation dar. Dann spritzt er in beide Drüsenlappen eine kleine Menge Betäubungsmittel und schneidet anschließend gut 2/3 der beiden Lappen aus dem Gewebeverbund. Der Rest wird vernäht, so daß von anfangs Kindfaust großen Lappen nur noch Daumenendglied große übrig bleiben. Er fordert darauf den Patienten auf: ”Herr Weisbaur, bitte sprechen Sie mal!” Den 'Probesatz' hatte ich dem Patienten am Vortag aufgeschrieben, er dient durch das Aussprechen der Funktionsprüfung der Stimmbänder: Der Patient meldet sich und sagt: ”Herr Ober, bringen Sie den Herren 2 große Bier!” Lautes Gelächter aller Anwesenden, denn der eigentliche Probesatz heißt: ”Coca Cola hat viel Zucker und Kohlensäure!” Dies auszusprechen ist jetzt nicht mehr nötig, die Operation geht in fast heiterer Atmosphäre zu Ende. Ich klammere abschließend die Haut und lege einen Verband an. Als ich den Patienten im Überwachungszimmer aufsuche und ihn auf sein Bonmot anspreche, behauptet er glaubhaft, sich an nichts erinnern zu können!!
Ja, ja das teuflische Diazepam. Der Patient verläßt bei einwandfrei ablaufender Wundheilung 5 Tage später die Klinik.
Es ist Ende November 1974; ich leiste momentan meine Assistenzpflichtzeit auf der Inneren Abteilung des Krankenhauses ab. Im Übrigen, was für den Verlauf dieser Geschichte wichtig ist: ich bin stark kurzsichtig und gerade erst ein ¾ Jahr verheiratet (zum Glück hat diese Kurzsichtigkeit meine Partnerwahl nicht beeinträchtigt). An unserem Krankenhaus arbeiten u.a. 6 weitere junge Ärzte, alle verheiratet und Väter von Nachwuchs im Kleinkindes- und Vorschulalter. In dieser Gruppe war vereinbart worden, daß sich die Familien am 06. Dezember um 18:00 Uhr in der Wohnung eines der Kollegen zum Nikolausbesuch für die Kinder und Adventspunsch treffen; übrigens spielt auch die Zeit im weiteren Verlauf der Handlung eine ganz wichtige Rolle. Da ich in dieser Runde der einzige noch kinderlose Verheiratete bin, wurde mir die Rolle des St. Nikolaus übertragen, auch weil ich wohl einmal in einem Gespräch leichtsinniger Weise über meine ausgezeichnete Qualifikation als Messdiener in der Münchner Bischofskirche als Bub erzählt haben musste. Wie auch immer, ich hatte mich intensiv auf die übertragene Rolle vorbereitet: kannte die Namen der Kinder, konnte sie den einzelnen Gesichtern zuordnen und hatte mich kleidungsmäßig durch Unterstützung des Messners der katholischen Kirche unseres Ortes nahezu original ausstaffiert: reich bestickter, golddurchwirkter Überwurf, Bischofsstab, Mitra, weiße Barthaare zum Ankleben, weiße Handschuhe und nicht zuletzt wunderschöne weinrote Lederschuhe und ein großes lederumschlagenes Kirchenbuch mit Goldschnitt, nur die schwarze Hose steuerte ich zur Ausstattung selbst bei.
Lassen Sie mich noch eine scheinbare Nebensächlichkeit erwähnen: zu dieser Zeit arbeitete ich auf der Intensivabteilung des Hauses.
Doch nun zum 06. Dezember 1974!!!
