Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Festgefahren im Schnee. Kein Vor und Zurück. Stillstand. Gerade eben noch unterwegs zu einem wichtigen Termin, wird Marie unvermittelt aus ihrem hektischen Alltag gerissen. Nach einem Schneesturm strandet die von nervösen Magenschmerzen geplagte Karrierefrau im provinziellen Nirgendwo. Dort wird sie von der abgeschieden lebenden Matilda aufgenommen. Dem Schnee ausgeliefert, muss sie die Stille und ihre immer lauter werdenden Gedanken aushalten. Und auch Matilda, die ihr zeigt, dass vieles anders ist als es scheint, passt nicht in ihr Weltbild. Maries Leben steht Kopf. Schließlich tut sie das, was sie ihr Leben lang vermieden hat und stellt sich ihren eigenen Geistern.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 142
Veröffentlichungsjahr: 2013
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Kerstin Strato
ORANGE UND RUND
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Am Atlantik I
Neunzehn Jahre später – Der Termin
Gefangen
Bessere Sicht
Matilda
Der Turm
Der Anfang
Ende Mai – Am Atlantik II
Endlich
Ende Oktober – Der Brief
»Hallo?«
Orange und Rund
Impressum neobooks
Die reinste Form des Wahnsinns ist,
alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen,
»Jetzt komm endlich. Wir müssen da lang!«
Der junge Mann hatte seinen Seesack geschultert und stand ungeduldig in der kleinen Wartehalle. Klapprige Deckenventilatoren surrten. Es war stickig und heiß, an seinem Hemd zeichneten sich Schweißflecke unter den Achseln ab. Der Grauhaarige sah aus dem offenen Gebäude auf das Rollfeld. Es war eine kurze, schmale Piste, die in den Urwald geschlagen worden war und die der Regen in eine Schlammbahn verwandelt hatte. Es regnete seit Tagen ohne Unterlass. Die beiden Reisenden mussten in die Hauptstadt, um ihren Rückflug anzutreten. »Na, dann.«
Der Ältere hängte sich seine Fotoausrüstung über die Schulter. Sie traten ins Freie und marschierten zu dem einzigen Flugzeug, das bereitstand. Es war eine viersitzige Propellermaschine mit einem roten Schriftzug an der Seite, der nicht mehr lesbar war. Ein junger Einheimischer nahm ihnen das Gepäck ab, das er im Rumpf der Maschine verstaute. Sein starker Akzent machte es den beiden Männern nicht leicht, ihn zu verstehen; mit Hilfe seiner Hände und seinem breiten Lächeln, das seine weißen Zähne freilegte, wies er die beiden an, noch etwas zu warten. Eine Hand in der Hosentasche, mit der anderen einen Regenschirm haltend, schlurfte er zum Nebengebäude, wo eine junge Frau mit ihrem Putzwagen auf ihn wartete.
Dicke Tropfen platschten vom Himmel, als wenn es kein Morgen gäbe. Der kleine Unterstand in der Nähe des Flugzeugs hielt sich auf rostigen Beinen aufrecht und bot den beiden Passagieren mit seinem undichten und halbfertigen Dach nur wenig Schutz. Der Ältere schnappte sich einen Plastikstuhl und streckte seine langen Beine von sich, während der Jüngere stehen blieb. Sein Haar und Hemd waren klatschnass, doch das schien ihn nicht zu stören.
Geistesabwesend stand er da. Der Regen prasselte laut und die Schwüle war schon jetzt, bei Tagesanbruch, immens. Wie auf Anweisung hörte der Regen abrupt auf zu fallen und der Duft des Regenwaldes entfaltete sich in seiner ganzen Bandbreite. Es war ein Gemisch aus nasser Erde, Blüten und Blättern, unterlegt mit einem süßlichen Geruch nach Fäulnis und Verwesung. Die Wolkendecke öffnete sich einen Spalt und die Sonne machte eine Farbpalette aus glänzenden Grüntönen sichtbar. Ein unwirkliches Licht legte sich auf die spiegelnden Blätter. Gleichzeitig erhoben sich befremdliche Töne und Rufe. Die Bewohner des Regenwaldes taten ihr Dasein kund.
Der junge Mann sah zu seinem Vater: »War echt super hier.«
»Kannst jederzeit wieder mitkommen, mein Junge«, war die freundliche Antwort.
Aus dem dichten Grün hinter der Piste stieg Wasserdampf auf. Wie der Gully auf dem Foto, Ben dachte an ein Schwarz-Weiß-Foto, das er bei einem Freund gesehen hatte. Eine Straßenszene in New York.
Der einheimische Kofferträger kam und die drei Männer gingen zur Maschine. Nachdem er sich als Pilot vorgestellt hatte, setzte er sich auf die vordere durchgehende Sitzbank, während Ben und sein Vater auf der hinteren Bank Platz nahmen. Ben sah besorgt zu ihm, er mühte sich mit dem Gurt ab.
»Sieh dir mal das Cockpit an. Die Kiste hier ist mindestens so alt wie du, es rostet alles. Und die Piste, hast du die Piste gesehen?«
»Mach dir keine Sorgen, ich bin schon in ganz anderen Flugzeugen geflogen. Schnall dich an.«
Der Pilot hatte sich einen bizarren Kopfhörer aufgesetzt und hantierte mit seinen dunkelhäutigen Fingern an den rostigen Kippschaltern herum. Er hatte schlanke Hände und lange Finger mit schönen, gepflegten Fingernägeln. Als alle Schalter in der richtigen Position waren, sprach er eine knappe Ansage in den Kopfhörer, der doch keine Attrappe war. Dann setzte sich die Maschine in Bewegung und schlitterte zum Rollfeld. Ben bekam feuchte Hände. »Ich will raus hier!«
»Mein Junge, ich verspreche dir, uns passiert nichts. Denk an zu Hause«, und der Vater drückte die Hand seines Sohnes.
Es wurde ohrenbetäubend laut. Das Flugzeug begann, sich mit aller Kraft durch die Schlammpiste zu wühlen. Konzentriert starrte der Pilot durch die kleine Cockpitscheibe, während seine Verlobte am Boden ihren Dienst begann. Sie war immer noch vor dem Nebengebäude und schob langsam ihren kleinen Putzwagen in Richtung der Toiletten. Stöhnend blieb sie stehen und stellte ihren Eimer Wasser ab. Mit einer Hand fasste sie sich an den kleinen Bauch, mit der anderen Hand stützte sie sich den Rücken. Lange konnte sie diese Arbeit nicht mehr machen, das wusste sie. Aber bald würde sowieso alles anders werden. Sie würden heiraten und von hier weggehen. Sie hätten eine kleine Wohnung und ihr Mann hätte eine feste Anstellung als Pilot bei einer angesehenen Fluggesellschaft.
Während sie so dastand und an den Abschiedskuss von vorhin dachte, beobachtete sie, wie sein Flugzeug schwerfällig und viel zu spät abhob. Sie schlug die Hand vor den Mund, kam dabei ins Wanken, der Eimer kippte um und Wasser spritzte an ihre Schuhe und Beine. Sie fing sich an der Gebäudewand ab und schrammte sich die Hand an den scharfen Steinen. Ihre Ohren rauschten. Ohnmächtig verfolgte sie die kleine Propellermaschine. Die Zeit verlangsamte sich und schien stehen zu bleiben. Es passierte nacheinander und doch gleichzeitig. Es geschah wie im Alptraum und doch in Wirklichkeit. Das Streifen der schlammigen Räder an den Bäumen, das übermäßige Schwanken der kleinen Maschine, der verzweifelte Kampf des Piloten, die Todesangst der beiden Passagiere, die erbarmungslosen Fänge der Urwaldriesen und das Verschwinden der kleinen Maschine in der grünen Hölle. Dann der Knall, der Feuerball und der stumme Schrei der jungen Verlobten.
Müde sah Marie durch die Windschutzscheibe. Es dämmerte. Dichtes Schneetreiben behinderte ihre Sicht und machte das Fahren zur Tortur. Obendrein schmierte der Scheibenwischer. Marie war es leid. Seit dem frühen Nachmittag ging das nun so. Als sie am Morgen losgefahren war, hatte nichts auf diesen Wetterumschwung hingedeutet. Im Gegenteil, die Straßen waren trocken gewesen. Doch nun wollte es nicht aufhören zu schneien. Am Straßenrand türmten sich inzwischen Schneewehen, die vom Wind gebaut und wieder zerstört wurden. Besonders die Fichten bogen sich unter ihrem weißen Kleid und auch die Straße war unter einer Schneedecke verborgen, die Schneeschieber kamen gegen die weiße Last nicht an. Lautlos fielen die tanzenden Flocken vom Himmel und wurden vom Wind genau dahin getragen, wo sie liegen sollten. Immer an der für sie richtigen Stelle, fügten sie sich dann mit den anderen zu einem perfekten Bild zusammen.
Für Marie allerdings war das Bild alles andere als perfekt. Schritttempo, Stillstand, Schritttempo. Der Stand der Tankuhr nötigte sie, nicht länger zu warten. Also nahm sie die nächste Möglichkeit wahr und bog ab. Sie kam in eine kleine Ortschaft und lenkte den Wagen auf einen Supermarkt-Parkplatz, wo sie fröstelnd ausstieg. Der heiße Kaffee hauchte ihr ein wenig Leben ein, auch wenn das aufgeweichte Brötchen zwischen den Zähnen klebte.
Die Bedienung des kleinen Steh-Cafés sah sie fragend an: »Tankstelle? Klar, keine zehn Minuten von hier. Nur – da kommen Sie nicht hin, gesperrt, die Hauptstraße meine ich. Bis morgen Mittag.«
Entsetzt starrte Marie die Frau mit der gelben Bluse und den spröden Haaren an. Sie konnte ihren Termin nicht platzen lassen! Monate hatte sie darauf hingearbeitet; nicht zu denken an die vielen Überstunden! Doch der viele Schnee, die gesperrte Straße und der leere Tank zwangen sie, in den Ortskern zu fahren und vor einem kleinen Hotel haltzumachen. »Was denken Sie sich? Ich kann doch nicht im Auto übernachten«, mit zornigen Augen fuhr sie den Mann hinter der Rezeption an.
Der zuckte nur mit den Schultern und wandte sich wieder seiner Zeitung zu. In dem Ort gab es nur dieses eine Hotel. Und das war ausgebucht.
»Ich glaub’ das nicht. Ich glaub’ das einfach nicht.«
Marie stieg wieder ins Auto und fuhr orientierungslos durch die gleich aussehenden Straßen. Sie parkte schließlich auf einem kleinen Parkplatz. Reichweite 0 km, zeigte der Bordcomputer. Sie wickelte sich ihren Schal um den Kopf und stöckelte entschlossen in eine kleine Seitengasse, an deren Ende sie ein Schild leuchten sah. Wenig später stand sie erleichtert vor der Eingangstür eines Gasthauses. Durchgefroren trat sie in den altmodischen und dunklen Gastraum, wo ihr warme und verbrauchte Luft entgegenschlug.
Sie ging zur Theke und sagte: »Ich muss dringend telefonieren. Und ich brauche ein Zimmer.« »Guten Abend«, murmelte der etwas ungepflegte Gastwirt, während er ein Bier zapfte.
Klappernd stellte er ihr ein schmuddeliges Telefon auf den Tresen, wobei er die fremde Frau wortlos musterte. Marie würdigte ihn keines Blickes und wischte betont angewidert den Hörer an der Hose ab, bevor sie ihn ans Ohr hielt. Wieso muss gerade jetzt der Akku leer sein und wieso habe ich das Aufladekabel zuhause liegen lassen? Während diese Fragen durch ihren Kopf schossen und sie sich gleichzeitig ihre Wortwahl für das bevorstehende Telefonat überlegte, ließ sie abrupt den Hörer sinken. Gleichzeitig drehte sich ihr der Magen um. Die Nummer war im Handy gespeichert, das im Auto lag!
Nach kurzem Überlegen rief sie im Büro an: »Hey Alex, gut, dich zu hören! Ich sitze hier in so einem Kaff, das im Schnee versinkt und brauche die Nummer von Johannson … Mein Handy? Hab’ ich nicht bei mir. Ja, ich warte.«
Sie notierte die Nummer und legte auf. »Alles gut. Ich hab’ alles im Griff«, flüsterte sie mehrmals und machte ihre Atemübung, um ihre Magenschmerzen zu lindern. Mit rotem Kopf und konzentrierter Miene wählte sie Johannsons Telefonnummer, erreichte aber nur seine Sekretärin: »Bestellen Sie ihm, dass ich den morgigen Termin auf den Nachmittag verschieben muss und ich mich gleich morgen früh bei ihm melde. Ja, ich weiß, dass Herr Johannson nicht länger warten kann. Nur bis morgen Nachmittag. Auf Wiederhören.«
***
»Hast du noch eins?« Der Junge stand vor der Alten und sah an ihr hoch. Sie lächelten sich an. »Komm sofort her! Ich will nicht, dass du …«, herrschte seine Mutter ihn an, die auf der anderen Straßenseite stand.
Die Alte winkte nur freundlich über die Straße, was der Mutter die Sprache verschlug und sie mitten im Satz verstummen ließ. Dann wandte sich die Alte wieder dem Jungen zu, der erwartungsvoll vor ihr stand, und gab ihm etwas Kleines, in Papier Gewickeltes, das sie aus einer ihrer Rocktaschen hervorholte. »Hier. Das macht gute Laune«, sagte sie aufmunternd. Der Junge ging einen Schritt zurück und musterte die alte Frau. Die zwinkerte ihm mit ihren warmen Augen zu, um sich dann umzudrehen und weiterzugehen, doch der Junge hielt sie zurück.
»Warte«, begann er und wusste nicht mehr, was er sagen wollte. Die Alte legte ihre Hand auf seine Schulter:
»Ist schon gut. Du gehst nicht gern zur Schule, kann das sein?«
Ohne seine Antwort abzuwarten, sagte sie: »Besuch mich mal wieder, dann gebe ich dir einen Tee, der wird dir helfen. Wenn du den regelmäßig trinkst, kannst du dich besser konzentrieren und das Lernen fällt dir leichter.«
»Meine Mama will nicht, dass ich dich besuche«, mit ehrlichen Augen sah er die Alte an.
»Spielst doch noch Fußball?«
»Jaha.«
»Wann denn?«
»Immer jeden Mittwoch, warum?«
»Da warte ich mit dem Tee auf dich. Kannst du Tee kochen?«
»’Türlich, hab’ ich schon gemacht.«
»Du musst mir versprechen, auf das heiße Wasser Acht zu geben. Nun gut, dann haben wir jetzt eine Verabredung, mein kleiner Freund«, lächelte sie und nahm ihren Fußmarsch vorsichtig wieder auf.
Vorsorglich stützte sie sich auf ihren Gehstock. Der Stock, der Mantel, der ihr fast bis auf den Boden reichte, und das schwarze Kopftuch gaben ihr von weitem ein hexenähnliches Aussehen. Doch ihr glattes und gütiges Gesicht mit den klaren Augen war das genaue Gegenteil. Viele Wochen war sie nicht mehr im Ort gewesen, doch heute musste es sein. Warum, ahnte sie noch nicht. Doch alles Weitere würde sich ergeben, das wusste sie.
***
»Ist Ihnen nicht gut?«
Der Wirt tippte der jungen Frau an die Schulter. Sie saß mit gebeugtem Rücken zu ihm und hatte die Arme vor sich verschränkt: »Haben Sie was für meinen Magen?« Ein Lächeln huschte durch seine Augen und er befüllte ein Schnapsglas mit einer dunklen Flüssigkeit, die er aus dem Gefrierschrank holte.
Nach dem zweiten Glas murmelte Marie: »Was soll ich nur machen?« Der Wirt sah sie über seine Brillengläser an und wartete.
»Ich verliere gerade den größten Auftrag, den ich bisher hatte. Und warum? Weil’s ein bisschen schneit.«
»So schlimm wird’s schon nicht sein.«
»Haben Sie nicht richtig zugehört? Ich verliere gerade viel Geld, wegen nichts!«
Der Wirt machte sich daran, Gläser zu spülen und wischte mit einem Lappen die Theke ab. Angewidert nahm Marie etwas Abstand.
»Was machen Sie denn beruflich?«
»Denke nicht, dass Sie davon was verstehen«, war die Antwort.
Der Wirt runzelte nur die Stirn, stellte vier frisch gezapfte Biere aufs Tablett und ging zu den Kartenspielern in der hinteren Ecke des Gastraums. Dann verschwand er in der Küche. Maries Magen gab etwas Ruhe und der Alkohol begann zu wirken. Ihr Blick fiel auf die Kartenspieler. Was es doch für einfache Menschen gibt. Laut sagte sie in Richtung geöffneter Küchentür: »Ich brauche ein Zimmer.« Die junge Frau wippte unaufhörlich mit dem Fuß und warf ungeduldige Blicke zur Küche. Sie konnte den Wirt zwar hören, aber nicht sehen. »Verdammter Mist«, schimpfte sie vor sich hin und zerrupfte einen Bierdeckel. Der Wirt tauchte mit einem dampfenden Teller Suppe auf, den er ihr vor die Nase stellte. »Denke, die tut Ihnen jetzt gut.« Dann ging er, ohne sie weiter zu beachten, wieder seiner Arbeit nach. Marie hob erstaunt die Augenbrauen, wusste aber nichts Passendes zu sagen und begann, wortlos die Suppe zu löffeln.
»Gehört hier jemandem ein weißer Sportwagen? Am Ende der Gasse, auf dem Parkplatz?«
Die laute und angespannte Stimme erschreckte Marie so sehr, dass sie sich verschluckte. Ein feuriger Stich in der Magengegend folgte. Sie drehte sich um und ein Feuerwehrmann stand direkt hinter ihr. »Ihr Wagen?«
Ohne dass Marie antworten konnte, hastete er zur Tür und rief über die Schulter: »Sie haben Glück, dass Sie hier sitzen. Die Fichte war wahrscheinlich morsch. Und dann der viele Schnee … Totalschaden.«
Marie schnappte nach Luft: »Machen Sie Witze?«
»Kommen Sie«, sagte er nur und eilte nach draußen. Marie stürzte hinter dem Mann her, Handtasche und Mantel ließ sie achtlos auf dem Hocker liegen. Zitternd vor Kälte stand sie etwas später neben ihrem völlig demolierten Auto, dessen Dach von einer Fichte fast vollständig eingedrückt war. Ihr Haar und ihre Schultern waren nach dem kurzen Weg bereits mit Schnee bedeckt.
»Hier, Ihre Tasche«, einer der Feuerwehrmänner warf sie Marie vor die Füße.
»Sind Sie sicher, dass mein Laptop und mein Handy nicht mehr zu retten sind?«
Die junge Frau war wie betäubt. Das konnte doch alles nicht wahr sein.
»Sehen Sie selbst.«
Der Helfer, der die Tasche aus dem Wageninneren gefischte hatte, kletterte ungelenk aus dem Autowrack und drehte sich zu ihr um. Da überquerte Marie bereits die Straße. Sie hatte genug gesehen.
***
Lautlos erreichte die Alte das Gasthaus. Sie kannte es von früher, doch jetzt kam es ihr unwirklich vor, hier einmal regelmäßig Gast gewesen zu sein. Beim Eintreten fiel ihr Blick auf die städtisch gekleidete Frau, die mit übereinandergeschlagenen Beinen vor der Theke saß, während sie mit geschäftsmäßigem Ton telefonierte. Sie trug einen teuren Hosenanzug und ihre Handtasche aus Krokodilsleder stand auf dem Hocker neben ihr. An ihren edlen Schuhen zeichneten sich bereits Schneeränder ab. Trotz ihrer zierlichen Figur und ihres sorgfältigen Make-ups hatte sie wenig Feminines an sich. Ihre kurzen, blondierten Haare waren streng nach hinten frisiert.
Der Alten entging der abschätzige Blick der jungen Frau nicht, als sie sich zur anderen Seite drehte. Sie gestikulierte wild mit einem Arm, um die Nachhaltigkeit ihrer Worte zu unterstreichen. Dass ihr Gesprächspartner sie nicht sehen konnte, schien sie nicht zu kümmern.
Die Alte legte ihren Stock und ihr Kopftuch ab und ging langsam durch den Raum. Sie hatte die Eckbank im Visier, ganz in der Nähe der Kartenspieler. Sie setzte sich und wartete. Ihr war unwohl. Sie kannte dieses Gefühl und hatte mit den Jahren gelernt, es zu deuten. Die Ursache war nicht die Örtlichkeit oder der Schnee und schon gar nicht der lange Heimweg. Es war die überdrehte junge Frau, die sich scheinbar für das Maß aller Dinge hielt.
Nach einer ganzen Weile stand die Alte auf und bewegte sich leise, wie es ihre Art war, zur Theke. Genau in dem Moment stürzte die junge Frau mit einer großen Tasche von draußen herein, ihre Lippen waren blau vor Kälte.
»Kann ich Ihnen helfen, Kindchen?«
Marie klopfte sich den Schnee von den Schultern und schickte sich an, den Mantel anzuziehen, was ihr einige Schwierigkeiten bereitete, denn sie zitterte am ganzen Körper.
»Ich bin nicht Ihr Kindchen!«
»Kann ich Ihnen helfen?«
