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Die Pubertät gehört zu den euphorischsten und kläglichsten Wegstrecken in dem Prozess, der Individualisierung und Sozialisierung in einem unmöglichen Spagat abschließt. Otto Rest ist der vaterlos Heranwachsende, der sich von seiner Mutter befreien will und dafür mit dem Verlust der Identität bezahlt. In diesem Spannungsfeld zwischen Konformität und Selbstfindung bewegt sich die Handlung, die mit dem Tod der Mutter ihren Höhepunkt findet. Die Handlung spielt in den Jahren 1976 und 1977, also zu einer Zeit, in der die in den 68er Jahren begonnene Identitätskrise der deutschen Gesellschaft mit dem deutschen Herbst ihren gewaltsamen Abschluss fand.
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Seitenzahl: 372
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Oliver Stapel
Orest im deutschen Herbst
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Teil 1. Fremde
1 Widewidewitt
2 Mutter
3 Vater
4 Spaziergang
5 Evel Knievel
6 Zuhause
7 Leere
8 Etwas mehr
9 Spaziergang
10 Party
11 Nachspiel
12 Sonntag
13 Freispiel
14 Freispiel
15 Weihnachten
16 Weihnachtliche Besinnungskrise
17 Gespräche
18 Stille
19 Dumdumdumdumdumdumdumdum
20 Peepshow
21 Ausschluss
22 Straße
Teil 2. *bestimmt
23 Exodus
24 Langeweile
25 Hobel
26 Spaziergang
27 Iffi
28 Das Urteil
29 Geburtstag
30 Beim Orakel
31 Medusa
32 Bang Bang, Otto, Schraubendreher
33 Zoroaster Herzklabaster
34 Vierundvierzig Tage
35 Grabschändung
36 Der letzte Spaziergang
Teil 3. Das Tagebuch des Heinz Witt
37 Die Einträge
Teil 4. Vertreibung aus dem Para-Mief
38 Hoher Gruselfaktor
39 How does it feel to be? (Like A Rolling Stone)
Impressum
Teil 1. Fremde
1 Widewidewitt
Und manchmal, wenn ich morgens beim Rasieren meine Orangenhaut oder einige Tupfer pinkfarbener Kopfhaut zwischen den silbrigen Strähnen meiner Schläfen sehe, die Falten um die schlaffen Wangen, die herabhängenden Mundwinkel, wenn ich dieses Eindrucks griesgrämiger Rechtschaffenheit gewahr werde, manchmal auch in der Straßenbahn, als Reflektion beim Herausschauen auf graue Straßen, auf die ein langweiliger Regen herabpieselt, oder auch nur im Vorbeilaufen an hell erleuchteten Schaufenster, in denen eine Farbe oder ein Glitzern für einen Moment meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen gelingt, wenn ich so meiner selbst gewahr werde, dann überkommt mich ein Gefühl der Unwirklichkeit, denn in der Welt, in der ich lebe, sind verschiedene Dinge anders, und ich mag es nicht, wenn sich fade Trivialität einschleicht, wie sie in den Gesichtern geschrieben steht, oder vulgärer Trübsinn, den ich nicht ausblenden kann, denn der Dialekt, den ich nicht umhin kann in der Straßenbahn zu vernehmen, wenn ich mit der 12 von der Konstablerwache zum Waldfriedhof fahre, ist so penetrant Hessisch, dass es mich mitunter schaudert und ich jenen ersten Satz wieder höre, den ich ihn sagen hörte, damals, vor fast 40 Jahren, als ich noch die ersten Haare an meinem Sack zählte, dieses runzlige Beutelchen, das sich immer öfter regte und zu wirren Phantasien führte, in denen ich wildfremde Frauen beglückte, auf mir nicht immer klare Art und Weise, denn ich hatte keine Ahnung, was da passiert, nur dass ich der Held war, dass ich sie aus einem brennenden Haus trug, oder aus einer zusammen stürzenden Ruine, und dass wir uns dann näher kamen, wobei ich mir ein Gesicht vorstellte, welches ich tagsüber vielleicht in der Bäckerei gesehen hatte, in der ich ein Brötchen mit einem Schokokuss drin kaufte, oder auf dem Schulweg an einer Kreuzung, wenn ich darauf wartete, dass die Ampel grün wird, und die braune Cordjeans vor mir bemerkte, die sich herzförmig rundete und mich noch nächtelang inspirierte, solcherart waren meine Phantasien zu jener Zeit, während er ganz sicher schon Nägel mit Köpfen machte, zumindest glaubten wir das durch die Bank, und als ich im Pausenhof zum ersten Mal mit den andern um ihn rum stand, rein zufällig sozusagen, als Nachzügler, das Gespräch war schon im Schwange, ich quetschte mich zwischen Alf und Mähne, das Gespräch war auf Heinz Witt gekommen, auch Heinzelwitt genannt, oder Widewidewitt, und er, noch keine zwei Wochen unter uns, urteilte mit der Sicherheit eines ganz Alten, auf Hessisch, das in der Idylle unserer vorderpfälzischen Kleinstadt einen Flair von weiter Welt erzeugte, Marburg, das klang nach Großstadt für uns, wir wären erstaunt zu hören gewesen, dass dort kaum mehr Einwohner lebten als in unserer Stadt, aber die Linken marschierten dort in Reih’ und Glied, wurde gemunkelt, die Studentische Linke zeigte den Spießern wo’s lang geht, und wir hörten davon mit all der Ehrfurcht, wie sie nur verwöhnte Müßiggänger dem Terror des Zielgerichteten entgegen zu bringen imstande sind, und die sich hauptsächlich als Neugier zeigte, als Wunsch, gut unterhalten zu werden, und das konnte er tatsächlich, sei es mit Erzählungen oder mit Urteilen, die er apodiktisch auf Hessisch sprach, so wie er es jetzt tat, „Das ist doch en Pissä!“ – und wir lachten über diese messerscharfe Kühnheit, die das Geheimnisvolle wie ein Schnurgestrick einfach durchhaute und uns von der Last befreite, einen Mitschüler noch länger ernst zu nehmen, der uns vor allem dadurch entnervte, dass er nicht die geringsten Anstalten machte, zu uns gehören zu wollen, der nicht nur allein blieb, sondern auch noch gerne allein blieb, und ich lachte am lautesten über diesen Ausspruch, den er, ein Zigarettchen drehend, gemacht hatte, „de Simbert“, wie wir ihn nannten, oder etwas verwegenener, „de Simbad“, mit bürgerlichem Namen Bert Simm, stämmig, die langen Haare aschblond gelockt, mit platter Nase in rundem Gesicht, aus dessen Augenschlitzen zwei hellwache Augen hervorblitzten, denen nichts entging und hinter denen ein unruhiger Geist sich bereits eine Meinung gebildet hatte, wo unsereins noch nicht einmal gemerkt hatte, dass da was war, das nach einer Meinung verlangte, und ich beschloss in diesem Augenblick, ebenfalls mit dem Rauchen anzufangen, so einfach werden Entscheidungen gefällt, und noch am selben Tag kaufte ich mir ein Päckchen Tabak und Zigarettenpapier, drehte ein Dutzend Kippen, bis die erste einigermaßen gerade war, Mutter kam genau in diesem Moment ins Zimmer, sah die Kippen auf meinem Schreibtisch, sah mich fassungslos an, diese aufgerissenen Augen stummer Theatralik, eines Tages würde ich sie Realität schmecken lassen, die sie wie Stahl ins Gehirn treffen würde, ich drehte und rauchte ein weiteres Dutzend, bis ich den ekligen Geschmack gerade so ertragen konnte, während ich mir vorstellte, wie ich lässig in der Gruppe stand und leicht gedankenverloren den Blick ins Unendliche schweifen ließ, wie einer, der mit dem Leben im Reinen war, der die anderen nicht mehr brauchte, sich aber dennoch zu ihnen rechnen ließ, und das ich, der ich die anderen mehr als alles in der Welt brauchte, der ich mich nach der Anerkennung der anderen verzehrte, der ich alles zu tun bereit war, um respektiert zu werden, selbst von dieser Clique arroganter Schnösel, die ihren gutmütigen Eltern auch noch das letzte Geld ihres kümmerlichen Einkommens abschwätzten, nur damit der Herr Sohn eine neue Jeans kaufen konnte, mit Fußweite, wie es jetzt schick war, und wenn ich ehrlich gewesen wäre, hätte ich mir eingestanden, dass es Heinz Witt war, nach dessen Freundlichkeit mich verlangte, dass es seine Meinung war, die ich zu hören interessiert war, wohl ahnend, dass ihn meine Oberflächlichkeit abstieß, fürchtend, von ihm gewogen und für zu leicht befunden zu werden, denn er war uns ein Rätsel, konnte eine Deutscharbeit dadurch bestreiten, dass er ausschließlich Kierkegaard zitierte, passend zum Thema, wo wir noch nicht mal wußten, wer Kierkegaard war, konnte seine Schulbücher statt im Ranzen oder einem Aktenköfferchen in einer Jutetüte zur Schule bringen, und weil wir ihn nicht verstanden, weil wir seine Überlegenheit als Gefahr für unser Selbstbewußtsein ausmachten, entschied ich mich für Menschen, die ich kaum kannte, deren Lachen über den Pausenhof schallte und Sehnsüchte weckte, die augenzwinkernd mit den Mädels flirteten und ihnen freche Sachen hinterher riefen, die für ihre Knätter sparten und Kataloge verglichen, die Bert Simm nicht wirklich brauchten, ihn aber, da er nun einmal da war und sich beliebt machte, in die Gruppe aufnahmen, während ich hin und her driftete, mal ein Buch las und mich davon anrühren ließ, mal mit den Kumpels in die Flipperhalle ging und am Evel Knievel spielte, der ich selten länger als zwei Wochen mit dem monatlichen Taschengeld auskam und der ich vor allem eins sein wollte: so wie die andern.
Und manchmal, wenn ich einen Augenblick zu lange morgens beim Rasieren in den Spiegel schaue, wenn ich unversehens meiner selbst gewahr werde, unverhofft, unerwünscht, mit allen Merkmalen des Faktischen, dann steht sie da, die Frage, wie ein Schatten, was wohl gewesen wären, ob nicht alles anders gewesen wäre, wenn ich den Mut gehabt hätte, oder einfach die Bescheidenheit, mich auf seine Seite zu stellen, statt mit den anderen groß zu tun, mich aufzuführen wie ein feiges Schwein, ätzend, eine ungute Erinnerung wie eine schwärende Wunde in mir erzeugend, die ich nicht brauche, wenn ich bei einem langweiligen Pieselregen auf die Straße schaue und mich meinen Gedanken hingebe, meinen Eindrücken, die sich in mir bilden wie liebe Impressionen von einer besseren Welt, in der ich ein kleines Stück Land bearbeite, mit einer Harke und Gummistiefeln, einem Strohhut und einer erdverschmutzten Hose, wo mich Hühner und Vieh kennen und darauf warten, dass ich sie füttere oder tränke, wo Obstbäume leckere Früchte spenden und ich zeitlos an einem Haus baue, in dem ich wieder und wieder Parkettboden lege, Massivdiele, um genau zu sein, oder einen Ofen einbaue, mit der Befeuerung von außen, so dass die Innenräume nicht verrußen, und einem Heißwasserspeicher um den Heizkessel, so dass über die Wasserleitung Wärme ins ganze Haus überführt wird, und natürlich erzeuge ich meinen eigenen Strom mit einem Windkraftgenerator, nutze einen kleinen Bach, um von einem Mühlrad angetrieben mein Korn zu mahlen, und ab und zu kommen Menschen zu mir, um mich um Rat zu fragen, unliebsame Gäste, die manchmal vor meinen Augen ihr Gesicht verändern, von einem gewöhnlichen, ausdruckslosen Allerweltsgesicht zu einem hageren, schmalen Gesicht mit vollen, sinnlichen Lippen, die immer leicht geöffnet waren, was dumm ausgesehen hätte, wenn nicht die Augen den wachen Verstand verraten hätten, und die mich zu fragen scheinen: Warum? und mich wieder in jene Zeit versetzen, als ich im OhrSturm sitzend mit Socke und Alf mein erstes Bier trank, ein Pils, das so übel schmeckte, dass ich kaum warten konnte, bis ich ins Pissoir kotzen konnte, während die anderen munter weitertranken, und wir uns für morgen zum Flippern verabredeten, wo Socke in der Regel eine Stunde früher sein würde und aus einer Mark so um die 20 Freispiele am Evel Knievel rausholen würde, die er dann für vier oder fünf Mark verkaufen würde, er war einer der ersten, die am Evel spielten, und er brach einfach nur seine eigenen Rekorde, stupste den Flipper manchmal mit zärtlicher Gewalt an den Ecken, um der Kugel eine andere Richtung zu geben oder haute auch mal wie eine Ohrfeige auf die linke oder rechte Seite des Geräts um im richtigen Augenblick die Kugel dahin zu lenken, wo er sie haben wollte, und wenn wir das auch versuchten, tillte die Maschine und der Opa, der aufpasste und mit einem anderen Opa Filterzigaretten rauchend die Zeit vertrödelte, sah uns blöd an, und wir zückten unsere Geldbeutel und sagten „Scheiße“ wenn wir kein Kleingeld mehr hatten und Socke amüsierte sich, weil wir es nicht blickten, und dann gingen wir im Schulhof Fußball oder Basketball spielen, bis es dunkel wurde, manchmal war auch Oswald da, ein Epileptiker, der nur „Ossi“ genannt wurde, manchmal lag er plötzlich auf dem Boden und fing an zu zittern und bekam Schaum vor den Mund, nach ein paar Minuten stand er wieder auf und erinnerte sich an nichts, wir spielten ohne ihn weiter, ließen ihn auf dem Feld liegen und umspielten ihn wie ein Hindernis, und später, wenn sein Anfall vorbei war, stand er auf und taumelte vom Schulhof, irgendwohin, wir fragten ihn nicht.
Nach dem Kicken gingen wir nach Hause oder weiter zu einem Bier ins Haschmich oder ins OhrSturm, wo sie bessere Musik hatten, wie ich fand, und wir sprachen darüber, wie wir die Conny fanden, oder die Maike, oder Sandra, und warum die eine gut aussah und die andere nicht, und manchmal setzte sich dann auch Simbert zu uns, und beeindruckte uns, wenn er die Bedienung mit „Hey Erdbeer!“ zu sich rief und ein Weizen bestellte, und hier erzählten wir uns, was uns heute Morgen oder gestern Abend wieder passiert war, haarsträubende Geschichten von übelst schimpfenden Opas, sich in die Hose pinkelnden Betrunkenen, Unfällen mit Motorrädern, heißen Mädels, die einem zugelächelt hatten obwohl man sie nicht kannte, jeden Tag gab es was Neues, Sagenhaftes, das Leben war so intensiv und es war so wichtig zu lachen, sich zu amüsieren, den anderen zu beweisen, dass man’s drauf hatte, und dann die Nervosität, wenn man selbst auch was sagen wollte, irgendwas Witziges, oder Ausgefallenes, und die bange Frage, ob die andern auch lachen würden, oder ob sie die Augenbrauen hochziehen würden, oder Socke vielleicht sogar abfällig bemerken würde: „Was für ein Kalter!“ und die Stimmung tatsächlich abkühlte, bis zufällig der Schlumpf vorbeikäme oder eine neue LP aufgelegt wurde und sich die Aufmerksamkeit wieder neuen Themen zuwandte, wie an jenem Abend, als einer erzählte, dass der Wiedewidewitt den ganzen Speicher für sich hatte, direkt unterm Dach lebte er, über der Wohnung seiner Eltern, in einem jener Reihenhäuser, die alle eine Spur anders aussahen als die Häuser links und rechts und die sich trotzdem so sehr glichen, dass es kaum auszuhalten war, mit zwei und manchmal drei Stockwerken, einem Treppenhaus und einer oder zwei Wohnungen pro Etage, und der Witt mit einem ganzen Speicher für sich, über 60 Quadratmeter, natürlich kam an den Seiten das Dach runter und man konnte nur in der Mitte stehen, aber so ein großes Zimmer war ohne Frage spektakulär, „Wo hängen denn dann die andern ihre Wäsche auf?“ fragte der Schlumpf, Heribert, der so genannt wurde, weil er ständig im Unterricht einen Kuli auseinander- und wieder zusammenschraubte, bis ihn einmal ein Lehrer „Kulischlumpf“ genannt hatte, und während wir bereit waren, diese Frage ernsthaft zu erwägen, witzelte Socke, dass die anderen ihre Wäsche im Ofen trocknen würden, und Simbert sagte todernst, dass die Hausfrauen auch weiterhin ihre Wäsche im Speicher aufhängen würden und ab und zu fehlte dann ein heißer Slip oder ein BH, die sich der Heinz untern Nagel gerissen hätte, „Hey Erdbeer, gib mir noch ein Helles!“ sprach er dann die gerade vorbeilaufende Bedienung an, als sei nichts gewesen, und wir uns einen Moment lang wunderten, woher er das wußte, bis irgendeiner sagte, „Der Heinz doch nicht, der ist doch päpstlischer als der Papst,“ und Informationen darüber austauschten, dass er jeden Sonntag in die Kirche ging, dass er Messdiener war, dass er einmal im Monat beichten ging, und einer, vielleicht war es ich gewesen, wußte sogar zu berichten, dass er zur Firmung einen Aufsatz geschrieben hatte, der gekürzt im Gemeindeblatt von der Gemeinde St. Marien zu lesen stand, und worin er von seiner Konvertierung vom Atheismus zum Christentum sprach, „Adde was?“ fragte Socke mit unschuldigem Blick und Schlumpf lachte schrill, natürlich wußte auch Socke was Atheismus war, aber solche Worte nahm man nicht in den Mund, nicht ohne mit einer Bemerkung gefoppt zu werden, und Simbert sinnierte laut, dass er gern eine Fete in Wiedewidewitts Dachkeller schmeißen würde, das ging doch nicht an, dass er so einen geilen Speicher nicht nutzen würde, in so einer klasse Atmosphäre könnten wir durch die Bank unsere Mädels klar machen, er ließ es offen, was genau er damit meinte, natürlich müsse sich jemand um die Musik kümmern, mit Reinhard Mey sei nichts zu holen, und die Diskussion verlagerte sich auf die letzten Neuerscheinungen, 10cc hatte gerade The Original Soundtrack veröffentlicht, Socke fand David Bowie voll gut und „Neanderthaler“, eigentlich Robert, sang ununterbrochen „Fahrn fahrn fahrn auf der Autobahn“ vor sich her, als gäbe es kein Morgen, Alf nannte Crisis? What Crisis? von Supertramp das Beste aller Alben, Socke fand Supertramp schwul, Simbert nannte The Sweet „einfach nur geil“, Schlumpf brachte Pink Floyd ins Gespräch, bis Neanderthaler von Johnny Guitar Watson erzählte, wie er mit seinem Bruder in Mannheim auf einem Live-Konzert von ihm war, und wie gut das rein ging, und im OhrSturm spielten sie Summer in the City von The Lovin’ Spoonful, wir tranken Bier und sahen den Mädchen nach, und manchmal, wenn eine graue Luft den Lärm der Stadt wie mit einer Zeitung von gestern umhüllt, wenn Geräusche wie in Zeitlupe an mein Ohr dringen und ich mich dabei ertappe, wie meine Finger die Hookline von A Real Mother for Ya zupfen wollen, wenn mein träge dahin träumender Geist mit einem Mal wieder inmitten von Zigarettenschwaden und von Lachen unterbrochenem Gemurmel aufwacht, und sich dieses Gefühl aggravierten Lebens einstellt, welches wiederholte Aufenthalte in einer Kneipe so wichtig macht, wenn dann eine ausdruckslose Stimme „Nächste Station – Waldau“ sagt und ich mich innerlich darauf vorbereite, langsam aussteigen zu müssen, noch eine Station ist es weiter, noch eine Station weiter, nicht Waldau, nicht OhrSturm, nicht hier, nicht jetzt.
2 Mutter
Auf dem Grabstein steht Hannelore Richter, es ist ein schöner Grabstein, sehr schlicht, ich könnte ihn nicht beschreiben, er interessiert mich nicht wirklich, nur das Todesdatum, 15. November 1977, das stimmt fast, es ist fast richtig, deswegen komme ich hierher, früher war ich bei Marianne Ziegler, nach langer Krankheit 12. November 1977, mit Efeu und Steinengel, aber erst blieben die Blumen aus und eines Tages war das Grab ausgehoben, und so mußte ich aufs Neue suchen, bis ich Hannelore Richter fand, ein wahrer Glückstreffer, sogar das Geburtsdatum war fast richtig, 3. März 1939, es gab auf jeden Fall noch Verwandschaft, denn selbst 30 Jahre nach ihrem Tod war das Grab gepflegt, wenn auch die Blumen ausblieben, eine Zeitlang legte ich sogar selbst Blumen aufs Grab, blassblaue Vergissmeinnicht, die ich am Wegesrand entdeckt hatte, oder auch Hyazinthen aus dem Geschäft, bis ich es eines Tages wieder sein ließ, was wenn man mich anspräche, mir auflauerte, „Was tun Sie hier an diesem Grab,“ ich würde meine Fäuste in meinen Manteltaschen verstecken, etwas wie eine Entschuldigung dahinsagen und mich entfernen, was wenn man nicht locker ließ, mich beschimpfte, mir mit der Polizei drohte, es war mir zu gefährlich, es gibt nicht viele, die regelmäßig vor einem fremden Grab verweilen, und ich verweile regelmäßig vor einem Grab, und immer demselben fremden Grab, Hannelore Richter, 3. März 1939 bis 15. November 1977, noch nicht einmal 40 Jahre war sie alt, ich sehe noch die straff gespannten Sehnen ihres Halses, der wie ein Baumstamm aussah, nur dass es keine Wurzeln waren, die da in ihren Rumpf drangen, sondern ihre aufs äußerste angespannten Sehnen, das Gesicht eine einzige Maske der Bitterkeit, einer Frau, die vom Leben betrogen worden war.
Vielleicht hatte sie auch noch etwas Sperma entdeckt, das ich nach dem Masturbieren auf der Toilette aufzuwischen versäumt hatte, oder die Spuren eines Lippenstiftes am Hemd ihres Mannes, sie hatte kein Verständnis für diese Zeugnisse unbändiger Hormonstörung und hemmungsloser Genusssucht, und wenn sie mir das Essen auf den Tisch stellte, das sie unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte gekocht hatte, angeekelt von dem Lebenswillen, den es nach Kartoffeln und Wurst verlangte, sich an den Tisch setzte, damit ich sehen konnte, wie sie leidet, wenn mir dann die ersten Bissen im Munde stecken blieben und ich anfing, langsamer zu kauen, weil der Mund trocken wurde, wie immer hatte sie treffsicher mehlige Kartoffeln gekauft, ihr Haar war hinter dem Kopf zu einem Dutt zusammengebunden, das ganze Gesicht, die schmalen Lippen, die herben Falten, „Ich halt das nicht mehr aus,“ sagte sie, oder „Ich weiß nicht, wie das weitergehen soll,“ ich würgte die letzten Bissen hinunter, ich sagte garnichts, denn jedes Wort, das man ihr sagte, war dazu verdammt, ausgelegt zu werden, wie konnte man ihr nur solches Unrecht antun, das hatte sie nicht verdient, „Herr, warum strafst du mich?“ oder „Womit habe ich das verdient,“ ich verabschiedete mich in mein Zimmer, wo ich mich vor ein Schulbuch setzte, das ich nicht las, sondern ansah, solange, bis sie in mein Zimmer kam, sie war eine einfach gestrickte Frau, ich sah von meinem Schulbuch auf, „Was lernst du?“ – „Geschichte,“ „Willst du nachher mit mir spazieren?“ – „Mal sehn,“ sie sah mich an mit diesem Was-mache-ich-nur-falsch-Blick, sie schloß die Türe und ich holte das Bild, das ich in der Schublade versteckt hatte, heraus und sah es mir an. Ich hatte das Bild vor einigen Wochen aus der Rheinpfalz geschnitten hatte, es war eine Schwimmerin im Bikini, sie hatte einen Rekord aufgestellt oder etwas in dieser Art, ich weiß es nicht mehr, ich hatte das Bild ohne den dazugehörigen Text ausgeschnitten, die Auflösung war schlecht und natürlich war das Bild nur in Grautönen, aber sie war im Bikini, ihre Kurven regten mich an, immer noch, wenn auch nicht mehr so stark wie beim ersten Mal, ein unvergessliches Erlebnis, ich hatte fast 30 Tage lang nicht onaniert, zu solchen asketischen Höchstleistungen konnte ich mich damals noch aufschwingen, bis ich zufällig in der Rheinpfalz ihr Bild sah, vielleicht war es einfach nur unglückliches Timing, wie auch immer, ich hatte fast sofort einen Ständer, aber ich mußte warten, bis die Zeitung auf dem Zeitungshaufen lag, und warten, bis sie mich nicht beobachtete, dann hielt ich den Schnipsel in Händen, ich sprang fast aufs Klo, es war unglaublich, nie wieder würde ich mich mit solcher Ekstase ergießen, noch Wochen später löste allein die Erinnerung daran Schauer der Wonne bei mir aus, ich sah das Bild an, „Göttin,“ flüsterte ich, „Ich kann nicht mehr ohne dich leben, ich will dich berühren, wie können wir uns näher kommen,“ vielleicht hätte ich den Text ausschneiden sollen, denn da stand doch ihr Name, wie konnte ich nur so kurzsichtig sein, ich würde sie anschreiben, und dann würde sie plötzlich vor mir stehen, natürlich im Bikini, ich ging aufs Klo, es war nicht mehr wie früher, ich bemerkte einzelne Rasterpunkte des Bildes, es störte mich.
Das Grab schien mir ungepflegter als sonst, ich bemerkte, dass der Efeu wucherte, Panik ergriff mich, was, wenn auch dieses Grab einen neuen Okkupanten fände, wer läßt denn schon dreißig Jahre lang ein Grab pflegen, ich würde mit Sicherheit kein drittes Grab finden, das meinen Ansprüchen gerecht würde, und wo sollte ich dann hin, wo würde ich dann mein Zentrum finden, meine Mitte, wo könnte ich dann Zwiesprache halten mit ihr, wo könnte ich mir ihr Leben ausmalen, das sie hätte leben können, „Hast du schon Ich bin ich gelesen, ganz tolles Buch, das würde dir gefallen,“ würde ich sie fragen, sie hatte bereits Ich bin OK gelesen, von einem amerikanischen Psychologen, und nervte mich unglaublich, weil sie zu den unpassendsten Gelegenheiten „Ich bin OK“ sagte, etwa wenn sie sich ein Stück Schokolade spendierte, „Ich darf das,“ würde sie sagen, „Ich bin OK,“ würde sie hinzufügen, und manchmal, wenn ich dann ihre Gestalt vor mir sehe, dieses früh verhutzelte, ihr Dasein hassendes Gesicht, das mit gespieltem Genuss in die Schokolade biss, während ihr ganzer Körper sie Lügen zieh, Lebensfreude war nicht ihr Ding, ihre Welt war Vorwurf, Schmach, Gewissensbiss, bei gleichzeitiger Ausklammerung aller Schritte, die eine Lösung bedeutet hätten, „Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr dein Vater mich gekränkt hat,“ würde sie sagen, oder „Wir waren noch keine drei Jahre verheiratet, da hat dein Vater schon die Ehe gebrochen, wie hieß sie nochmal, Monika Burdi, das habe ich alles erst sehr viel später herausgefunden,“ wir gingen den Sonnenweg entlang, eine schöne Strecke, vorbei an Weinbergterassen und hübsch gepflegten Gärtchen, „Oh schau mal, wie schön doch diese Gerbera sind,“ würde sie plötzlich ausrufen, es klang wie wenn sie es auswendig gelernt hätte und sich dazu zwang, ein glückliches Gesicht zu machen, in solchen Momenten züngelte Mordlust in mir auf, die Belastung war unerträglich, der Widerspruch zwischen ihrem abgehärmten Gesicht, den Falten, die davon schrieen, dass hier jemand nur Essig zu trinken erhielt, und dann zu sehen, wie dieser Mund tatsächlich zu einem Lächeln benutzt wurde, unter sichtlicher Anstrengung, die Augen lachten nicht dabei, nur der Mund, es war ihre Contenance, die ich mehr haßte als alles andere.
Und abends, wenn ihr Mann es verpaßt hatte, ins Training zu gehen und auch ich aus finanziellen Gründen in der Wohnung blieb oder weil ich es versäumt hatte, mich zu verabreden, wenn wir dann alle abends zuhause sein würden, es geschah selten genug, ihr Mann setzte sich gewöhnlich an den gedeckten Tisch, schmierte sich ein Brot, er schaltete das Radio ein, „Oh La Paloma nimm mich mit in die Ferne,“ er trank ein Glas Bier, er sprach kein Wort, manchmal würde sie ihm erzählen, mit welcher Boshaftigkeit ich ihr heute wieder das Leben schwer gemacht hätte, „Dein Sohn hat mir heute wieder nur freche Antworten gegeben, ich weiß wirklich nicht, was ich mit diesem Kind machen soll,“ oder „Dein Herr Sohn glaubt, er müßte hier nicht im Haushalt helfen, ich habe schon hundertmal gesagt, dass er eine Abreibung braucht,“ er würde abwägen, ob eine Strafe erforderlich war, in der Regel hieß es dann „Du tust, was deine Mutter dir aufträgt, hast du mich verstanden?“ und wenn er fertig mit dem Abendessen war, packte er seinen Sportkoffer und ging Tennis spielen, ganz in weiß, immer adrett, nur wenn er keine Verabredung hatte, vielleicht weil er die monatlichen Finanzen durchging, oder weil ein Brief geschrieben werden mußte, oder weil nach der Tagesschau ein Film lief, den auch er unbedingt sehen wollte, dann würde sie plötzlich neben ihm stehen, eigentlich neben seinem Schreibtisch, ein massives Stück Holz, auf dem Kakteen auf drei Seiten eine klar erkennbare Barriere schafften, sie verstand die Botschaft nicht, und wenn wir tatsächlich an einem dieser unseligen Tage alle drei zuhause waren, verpasste sie die Gelegenheit nicht, sie nutzte die Stunde, stand mit einem Mal neben ihm und fand einen Grund, sich in Szene zu setzen, „Du hast schon wieder nicht den Schrank im Badezimmer aufgehängt, dabei hatte ich doch ausdrücklich darum gebeten, dass du das machst,“ und er „Jajaja, ich kann doch nicht alles machen,“ und sie, „Nein, darum geht es nicht, es geht darum, dass meine Wünsche nicht respektiert werden,“ und er, „Achdulieberhimmel, jetzt hör aber mal auf, das ist ja nicht zum aushalten hier,“ und sie, schrill, „Darf ich jetzt noch nicht einmal darum bitten, dass du einen Schrank aufhängst,“ und er würde ab ihrer veränderten Tonlage plötzlich nichts mehr sagen, sondern sich auf seine aktuelle Arbeit konzentrieren, während sie nicht verstand, dass aus seiner Sicht das Gespräch zu Ende war, für sie hatte es doch gerade erst angefangen, jetzt sprach sie sich in Fahrt, wenn der Schrank nicht zog, dann mußten andere Geschütze aufgefahren werden, sie teilte ihm mit, dass es sie kränkte, derart mißachtet zu werden, vielleicht quittierte er das mit einer Grimasse oder einem Kopfschütteln, meistens war ich zu dieser Zeit bereits in meinem Zimmer, wo ich die Tristesse meiner kahlen Tapeten mit zunehmender Wehmut betrachtete, mir das Rocky-Plakat vorstellte, das bei Socke im Zimmer hing, oder das von Supertramp, der Lieblingsgruppe von Alf, Zeugnisse beginnender Eigenständigkeit, wo ich nur Leere fand, und nachdem ich vor der Haustür eine Zigarette geraucht hatte und wieder über den Flur zurück in mein Zimmer ging, war sie bereits bei der Zusammenfassung der Kränkungen, die sie im Laufe ihrer 15jährigen Ehe erlitten hatte, manchmal schnappte ich Sachen auf, die vor zehn Jahren passiert waren, sie vergaß nichts, vielleicht führte sie ja, so wie er für seine Finanzen, ein Haushaltsbuch über erlittene Demütigungen.
Wieder im Zimmer würde ich danach suchen, welche Hausaufgaben ich für den morgigen Tag zu machen hätte, manchmal fand ich sogar den entsprechenden Zettel, ich hatte einen schwarzen Aktenkoffer, passend zu den karierten Hosen, die sie mir jedes Jahr zu Weihnachten kaufte, mit vielen Fächern, für Stifte, Notizen, Hefte und natürlich Bücher, ich fand immer wieder neue Zettel, mit Hausaufgaben, von denen ich nicht mehr wußte, ob ich sie nicht schon gemacht hatte, oder hätte machen sollen, ich schlug Schulbücher auf, ich blätterte zu den Seiten, die mir die Zettel angaben, es klopfte an der Tür, mein Vater öffnete und teilte mir mit, dass der Film gleich beginnt, „Mit Cary Grant,“ fügte er noch hinzu, oder „Der Große Preis!“ dann verschwand er wieder, um es sich in seiner Couch gemütlich zu machen, was ihm daran lag, ob ich ebenfalls diesen Film sah oder nicht, ich weiß es bis heute nicht, von 8 bis 11 lief die Kiste und offenbar wähnten sie es als Teil ihrer Erziehungsleistung, abends drei Stunden Unterhaltung bereitzustellen, während ich mit mir debattierte, ob ich mich dazu setzen sollte oder nicht, ich hatte keine Lust darauf, Hausaufgaben zu machen, mir war öde, nach einiger Zeit hörte ich sie lachen, schrill und verzweifelt, der Film hatte angefangen, sie hatte schon ihre Flasche Weißwein neben sich stehen, er kaute seine Nüsse, die er in einer Holzschale auf seinem bemerkenswert flachen Bauch stehen hatte, die Beine auf einem Sessel geparkt, fast liegend, meistens nahm ich mir einen Küchenstuhl, damit ich nicht zwischen ihnen sitzen mußte, ich beobachtete sie, wie sie den Film in sich aufsogen, Dialoge wie „Das Gebäck ist leicht wie Luft.“ – „Ja, Germaine hat sehr gefühlvolle Hände, einmal sah ich wie sie einen deutschen General erwürgte, völlig geräuschlos!“ schickten sie in Ausbrüche wiehender Heiterkeit.
Und manchmal, wenn ich mich morgens nach der Dusche mit dem Handtuch abtrockne und mir vorstelle, wie Kameras im Rahmen eines Forschungsprojektes aufzeichnen, welche Teile des Handtuchs ich für den Prozess des Abtrocknens verwende, man findet heraus, dass ich nahezu täglich und mit zuverlässiger Regelmäßigkeit die Seite, die ich zum Abtrocknen verwende, abwechsle, weißbekittelte Menschen mit einem Clipboard in der Hand zeigen mir Filmausschnitte und stellen mir Fragen, „Warum wechseln Sie an dieser Stelle die Handtuchfläche,“ „Warum fassen Sie das Handtuch an dieser Stelle an,“ „Warum haben Sie Ihre …“
Mutter zeichnete sich vor allem durch ihre komplette Unfähigkeit zur Selbstbeobachtung aus, sie würde während des Essens zwanzigmal aufstehen, um hier noch einen Salzstreuer, da noch die vergessene Leberwurst zu holen, es fehlt ein Gäbelchen, um den Aufschnitt aufzuspießen, sie springt auf, um es zu holen, schließlich, ein Gespräch kommt unter diesen Bedingungen natürlich nicht zustande, fragt sie mich, „Möchtest du Tee?“ – „Ja, gerne.“ – „Er steht neben der Spüle, hol’ ihn dir,“ und während ich mir den Tee hole, beschämt, wie einer, der gerade geneppt wurde, doch sie isst freudlos ihre Schnitte, und damit schließe ich auch Schadenfreude aus, oder blitzt da so etwas wie Triumph aus ihren eisgrauen Augen, ich weiß es nicht, vielleicht bildete ich mir das alles nur ein, jedenfalls würde sie nie merken, welche Widersprüche sich in ihrem Leben auftaten, unvergessen die vielen Male, wenn sie über andere Leute sprach und sie als harmlos abtat, mit schöner Regelmäßigkeit ihr finales Diktum, „Der denkt doch Sex wäre eine Zahl,“ garniert noch von einem überlegenen Lächeln, während sie ihren Mann nie geneckt, geschweige denn angemacht hätte, zumindest nicht in den Jahren, in denen ich einigermaßen bewußt Zeuge dessen wurde, was selbst als Zweckgemeinschaft noch eine zu positive Bezeichnung fände, Kosenamen kannte sie nicht, selbst die einfachsten Berührungen waren ihr ein Greuel, und manchmal, wenn Kiesel unter meinen Sohlen knirschen und kalter Lufthauch an Efeublättern zupft, an dem Ort, an dem nur noch die Namen bleiben und selbst diese keine Erinnerung mehr auslösen, wenn ich vor dem Grab einer Frau stehe, die ich nie kannte und Zwiesprache halte mit der, die mir immer als ein Genie des Leidens begegnet war und die ich, als sie schließlich ihr Leben lieben lernte, nicht mehr als Mutter erkannte.
Und mich ihrer entledigte.
3 Vater
Dein Vater war ein gedankenloser Egoist, dem seine Bequemlichkeit über alles ging. Als wir uns kennenlernten, hatte er gerade eine Lehre als Fotolaborant abgeschlossen. Sein damaliger Ausbilder und Chef, Herr Clemens, war bereits sehr alt und hatte keine Kinder. Meinst du, dein Vater wäre auf die Idee gekommen, sich als Nachfolger für das Geschäft zu positionieren? Nein, dein Herr Vater wollte viel lieber Fußball spielen! Wieviele Sonntage habe ich bei Wind und Regen am Spielfeldrand gestanden und darauf gewartet, dass ich endlich nach Hause komme. Damals habe ich mir die Bronchien erkältet, jahrelang habe ich Antibiotika geschluckt deswegen. Aber meinst du, dein Vater hätte das registriert? Keine Spur! Weißt du, was er mir während unseres ersten gemeinsamen Ausgangs erklärt hat? „Ich lebe nur für meinen Sport!“ Am liebsten hätte ich schallend gelacht. Bezirksliga Süd. Das muß man sich mal vorstellen. Wenn ich nicht gewesen wäre, wäre er nach den Spielen mit seinen Teamkollegen in die nächste Kneipe gegangen und hätte dann irgendein Flittchen geheiratet. Ich habe ihm ganz klar erklärt: Wenn du mich heiraten willst, mußt du dein eigenes Fotogeschäft haben! Da hat er aber mal ganz schön gekuckt. Einmal, da waren wir schon einige Jahre verheiratet, waren wir bei den Clemens zum Abendessen eingeladen. Zu dieser Zeit ging es dem alten Herrn Clemens bereits nicht mehr so gut, er ist ja dann auch wenig später gestorben. Nach dem Abendessen bei den Clemens hat mir dein Vater berichtet, dass Herr Clemens zu ihm gesagt hat, Herr Rest, hat er gesagt, mit dieser Frau an Ihrer Seite werden Sie es weit bringen. Aber als sie dann einen Nachfolger suchten, haben sie sich schließlich doch für einen anderen entschieden. Die Frau von Herrn Clemens war übrigens Jüdin, aber das habe ich erst später erfahren, über so etwas spricht man ja nicht. Ich habe sofort zu deinem Vater gesagt: „Otto, du kündigst und machst dein eigenes Geschäft auf.“ Da hättest du deinen Vater mal sehen sollen, der hätte am liebsten die nächsten 40 Jahre als Fotolaborant weitergemacht. Am Marktplatz stand gerade ein Geschäft leer, „Das nehmen wir,“ habe ich deinem Vater gesagt. „Das ist viel zu teuer, woher sollen wir das Geld nehmen, weißt du, was so eine Einrichtung überhaupt kostet,“ da mußte ich deinem Vater erst einmal erklären, wie man einen Kredit aufnimmt. Ich hatte ja immerhin ein Jahr lang eine Lehre als Buchhalterin gemacht, ich konnte die Lehre nur deswegen nicht beenden, weil ich deinen Vater kennenlernte. Meine Mutter erklärte mir, jetzt brauchst du keine Ausbildung mehr, du hast ja einen Mann. So war das damals.
Als wir das Geschäft eröffneten, warst du gerade in den Kindergarten gekommen. Ich hatte also morgens drei Stunden Zeit, um deinem Vater beim Aufbau des Geschäfts zu helfen. Dein Vater hat sich angestellt, als hätte er noch nie eine Kartei gesehen. Anfangs haben die Kunden immer nachgesehen, ob es auch ihre Fotos waren, die sie da bezahlt hatten, weil dein Vater nicht in der Lage war, den Film und den Kundennamen zusammenzuhalten. Nebenher mußte ich waschen, einkaufen, putzen, kochen und zum Arzt mußte ich ebenfalls, weil meine Bronchien ständig entzündet waren. Wenn dein Vater auf mir lag, bin ich fast jedesmal erstickt, bis ich ihm irgendwann erklärt habe, dass das nicht geht. Da meinte der doch tatsächlich, „Dann dreh’ dich doch um!“ Als ob ich ein Loch wäre. Ich kann dir garnicht sagen, wie sehr mich das gekränkt hat. Diese Rohheit und diese derbe Gefühllosigkeit. Dein Vater war ein sehr bequemer Mann. Als wir uns mit unserem Geschäft etabliert hatten, wäre er am liebsten nur noch auf den Tennisplatz gegangen. Meistens hat er bis drei Uhr Fotos entwickelt und war dann spätestens um vier auf dem Tennisplatz. Später, du bist noch zur Grundschule gegangen, habe ich ihm gesagt, er müsse in L.dorf eine Filiale eröffnen. Mir war aufgefallen, dass wir über 100 Kunden aus L.dorf hatten, die hätten sich den Weg in die Stadt sparen können. „Was?!“ hat dein Vater gezetert, „Die sollen nach N. kommen wenn sie Fotos entwickeln wollen, kommt doch überhaupt nicht in Frage, dass ich mich dort wieder mit diesem ganzen Behördenkram rumärgere,“ undundund. Also langer Rede kurzer Sinn, irgendwann habe ich deinen Vater gefragt, ob er wüßte, wieviele Kunden wir aus L.dorf hätten. Nein, das wußte er natürlich nicht. „Siehst du,“ habe ich ganz ruhig gesagt, „Es sind mehr als 100 Kunden. Und wenn wir 100 Kunden haben, dann haben deine früheren Kollegen in der Zwerchgasse ganz bestimmt auch 100 Kunden.“ Da hat er aber mal gekuckt! „Ja, wenn das so ist,“ hat er auf einmal gesagt, „da hast du natürlich recht.“ Leider ist deinem Vater der Erfolg zu Kopf gestiegen, das heißt um genau zu sein in den Schwanz, bei Männern staut sich das Blut ja bekanntlich woanders. In L.dorf hat er nicht nur eine Filiale eröffnet, sondern sich zusätzlich ein Fotoatelier eingerichtet und begann, die Dorfschönheiten abzulichten, und dabei ist es natürlich nicht geblieben. Das hat mir soviel Leid verursacht, ich kann es dir nicht sagen, wie sehr mich das alles bedrückt hat. Ich bin jahrelang zum Psychiater gegangen, weil ich nicht wußte, was ich falsch mache. Irgendwann hat mein Psychiater zu mir gesagt, „Frau Rest, mit Ihnen ist alles in Ordnung, Ihr Mann ist ein sehr gefühlskalter Mensch, Sie selbst haben sich nichts vorzuwerfen.“ Wie oft habe ich deinen Vater darum gebeten, doch wenigstens einmal mit zum Psychiater zu gehen. Ausgelacht hat er mich, „Ich laß’ mir doch nicht im Hirn rumklempnern,“ hat er gesagt. Der Herr ist natürlich viel lieber in seinem dicken Citroën durch die Gegend kutschiert und hat Tennis gespielt. Womit hatte ich das nur verdient? Ich wollte doch nur alles richtig machen. Und dann das Geschwätz im Tennisclub, dieses primitive Tuscheln hinter meinem Rücken. Natürlich haben sich die Frauen ihre Mäuler zerrissen über deinen Vater, das war ja stadtbekannt, was da passierte. An manchen Tagen bin ich nur mit einer riesigen Sonnenbrille und Kopftuch auf die Straße gegangen, weil ich nicht erkannt werden wollte. Meine Bronchiengeschichte wurde immer schlimmer, ich bin fast erstickt, selbst im Sommer. Ein Arzt hat mir doch glatt erklärt, dass ich mir das alles nur einbilde und dass ich zum Psychiater gehen solle. Als ich ihm erwiderte, dass ich das bereits tue, hat er tatsächlich die Frechheit besessen zu sagen, dass er bei Simulanten mit seinem Latein am Ende ist. Diese Leute sind doch einer wie der andere. Wenn nur mal irgendwas aus dem Rahmen fällt, kommen gleich die dümmsten Sprüche. Dass es mir hundeelend ging, dass mir täglich zum Heulen war, das war denen doch egal. Und Schuld an allem hat immer die Frau, das mußt du dir mal wegstecken, mit dem Finger haben sie auf mich gezeigt. Deinen Vater hat das überhaupt nicht interessiert, der hat immer so getan, als ob ich mir das alles nur einbilde. Jahrelang bin ich mit deinem Vater zum Stammtisch im Tennisclub gegangen, nur damit die sich dort nicht in unserer Abwesenheit das Maul zerreißen konnten. Und was wurde dort gelästert, du machst dir keine Vorstellung davon. Wer mit wem, was die zu der gesagt hat, wer sich scheiden läßt, das geht auf keine Kuhhaut, was die nicht alles durch den Kakao gezogen haben. Ich konnte das einfach nicht mehr aushalten. Wie oft lag ich morgens im Bett und betete, „Herr, gib mir die Kraft aufzustehen,“ so elend war mir zumute. Ich wollte und konnte einfach nicht mehr.
Weißt du, deine Generation vergißt, wie gut es ihr geht. Wir mußten eine halbe Stunde zu Fuß zur Schule gehen, barfuß, weil sich unsere Eltern keine Schuhe für uns leisten konnten. Wenn wir krank waren, dann mußten wir im Haushalt helfen, so war das damals. Mein Vater kam 1947 aus einem französischen Gefangenenlager, meinst du, wir hätten ihn erkannt? Ich bin schreiend weggelaufen, als ich ihn zum ersten Mal sah. Meine älteren Geschwister haben ihm die Hand geschüttelt wie einem Fremden. „Guten Tag Herr Schreiber,“ so haben meine Geschwister ihren eigenen Vater begrüßt. Meine Mutter hat ihrem Mann dann ein Festessen gekocht und der arme Mann hat alles gegessen und ist ein paar Tage später gestorben. Das ist übrigens in vielen Familien so passiert. In den ersten Jahren sind wir regelmäßig hungrig vom Tisch aufgestanden, dein Vater hat jahrelang nachts Kartoffeln gestohlen. Dein Vater war so dreist und hat die auch noch verkauft, bis die Bauern ihm eines Tages dahinter gekommen sind. Da haben die ihn aber verprügelt, da konnte er froh sein, dass er mit dem Leben davon gekommen war. Aber das war typisch Otto. Er konnte einfach nie den Hals voll kriegen. Meinst du, er hätte das Geld, das er von den gestohlenen Kartoffeln eingenommen hatte, seiner Mutter gegeben? Doch nicht dein Vater, da kennst du deinen Vater aber schlecht. Der hat sich auf dem Schwarzmarkt Zigaretten gekauft und ist damit zu den Damen gegangen, die es ihm für ein paar Kippen besorgten. Man muß ja schließlich Prioritäten setzen, und dein Vater hatte in der Hinsicht noch nie Probleme.
Ich hatte natürlich schon die eine oder andere Vermutung und war jahrelang darüber hinweggegangen, schließlich waren das ja nur irgendwelche Flittchen, deretwegen es sich nicht lohnte, sich zu enervieren. Erst als er den neuen Citroën zu Schrott fuhr, wurde mir klar, dass er in einer richtigen Beziehung steckte. Das war zu der Zeit, als er diese Monika Becker kennengelernt hatte, da hat an nichts anderes mehr denken können. Am hellichten Tag ist er über Rot gefahren. Ich habe nichts gesagt. Erst als die Wogen geglättet waren habe ich einen gemeinsamen Abend abgewartet und zu ihm gesagt, „Mein lieber Mann, ich möchte gerne mit dir reden,“ habe ich gesagt. Ich bin mir ja schon vorgekommen wie ein Bittsteller, als nächstes muß ich einen Termin ausmachen, um mit meinem Mann zu reden. Das habe ich ihm auch gesagt. Und nachdem sich dein Vater herbeibequemt hatte, um mit mir zu reden, habe ich ihn zur Rede gestellt. „Ich habe bisher absichtlich nichts zu deinem Verkehrsunfall gesagt, weil ich auf einen ruhigen Moment warten wollte, um mit dir darüber zu sprechen.“ So habe ich unser Gespräch eingeleitet. „Meinst du nicht, dass du mir eine Erklärung schuldest.“ Da hättest du aber mal deinen Vater sehen sollen. Wie ein HB-Männchen ist der hochgegangen. Hat rumgeschrien, als ob ich das Auto kaputt gemacht hätte. Als er sich wieder eingekriegt hat, habe ich ganz ruhig gesagt: „Das Auto, lieber Otto, das interessiert mich überhaupt nicht. Ich spreche von etwas ganz anderem.“ „Von was sprichst du denn,“ hat er ganz patzig gefragt. „Ich spreche davon, dass du bei der Polizei angegeben hast, du bist privat auf dem Weg zu einer Monika Becker, davon spreche ich.“ „Das geht dich doch nichts an,“ hat er gezetert und so getan, als würde ich ihm in seiner Privatsphäre rumschnüffeln, das muß man sich erst mal ausdenken so was. „Das geht mich sehr wohl etwas an,“ habe ich erwidert, „falls du dich daran erinnerst, wir sind verheiratet.“ Ich mag garnicht daran denken, wie bösartig und gemein mich dein Vater von dieser Zeit an behandelt hat. Du warst gerade 15 geworden, als dein Vater und ich uns scheiden ließen. Es war eine harte Zeit, ich bin mit dir in eine kleine Wohnung gezogen, 42 qm, nach all den Jahren, und da wollten diese Betonköpfe bei den Behörden erst einen Nachweis, dass Otto und ich bereits ein Jahr lang getrennt leben, bevor mir Unterhalt zustünde. Dieser ganze kleinkarierte Morast von Briefen und Erklärungen und immer wieder diese Bittstellgespräche bei irgendwelchen Sesselfürsten, die dich behandeln, als wärest du der letzte Abschaum. Dein Vater hat sich ja dann umgehend in H. eine neue Wohnung gekauft und was ich ihm nie verzeihen werde, nicht nur, dass er sich die ganzen Möbel in seine Wohnung karren ließ, jawohl, nicht ein einziges Möbelstück hat er mir gelassen, nein, er hat auch sämtliche Fotoalben mitgenommen. Ich habe nicht ein Foto von unseren Urlauben, von dir, unserer Hochzeit, nichts.
Das war eine furchtbare Zeit, die Hölle auf Erden, auf ein Mal lernst du deine wirklichen Freunde kennen, oder auch, wie wenig wirkliche Freunde man doch eigentlich hat. Wie oft lag ich stundenlang in diesem Bett unseres Vormieters, das ich mir mitsamt den übrigen Möbeln, die der arme Mann hinterlassen hatte, von dem bißchen Geld, das ich noch hatte, gekauft hatte, ein altmodisches Doppelbett mit einer Matratze, deren ausgeleierte Federn bei jeder Bewegung quietschten, stundenlang lag ich da und diese ganzen Schmähungen, die ich tagtäglich zu hören bekam, liefen wie ein Film vor mir ab, nach einiger Zeit konnte ich nur noch mit der Hilfe von Schlaftabletten einschlafen. Wie oft habe ich bis ein, zwei Uhr nachts wach gelegen und versucht, einzuschlafen, bevor ich schließlich doch wieder eine Pille schluckte, es ging einfach nicht anders.
