Orkan - Ekaterine Togonidze - E-Book

Orkan E-Book

Ekaterine Togonidze

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Beschreibung

»Wir wurden in einem Land geboren, in dem das Wort eines Mannes nicht nur über dem der Frauen, sondern auch über dem Gesetz stand. Die von der Religion gutgeheißenen Sitten und Gebräuche und der Aberglaube waren das oberste Gebot. Die Kinder wurden traditionell nur nach ihrem Geschlecht gezählt und Familienbesitze wurde an Söhne vererbt. Die müden Hausfrauen, die nur in den Trinksprüchen geehrt wurden, bat niemand um ihre Meinung und sie hielten Gehorsam, Geduld und Schweigen für ihre Tugenden«, sagt die Heldin der Erzählung »Orkan Margo«. Margo ist eine Tänzerin, die sich an einem Scheideweg befindet; am Scheideweg zwischen Gegenwart und Vergangenheit, neuen Werten und altmodischen Ansichten, Freiheit und Sklaverei. »Der andere Weg« ist die Erzählung über einen Bildhauer mit Legasthenie, der als Kind Opfer von Gewalt durch seine Mutter, die Schule und die Gesellschaft geworden ist. Sie fordern das Unmögliche von ihm, bestrafen ihn, machen sich über ihn lustig. Seine Dysfunktion wird mit Ignoranz und geistiger Behinderung assoziiert. Um diesem Stigma zu entkommen, entscheidet er sich für eine andere Behinderung – Blindheit –, der gegenüber eine intolerante Gesellschaft seiner Meinung nach milder gestimmt sein würde. »Das bin ich« handelt von einem Versuch, Bestimmung und Inhalt der menschlichen Existenz zu verstehen. Es geht um ein Thema, das moderne Frauen beunruhigt – Gewalt im Namen der Schönheit. Der ästhetische Faschismus, der die Standards setzt, die Frauen erfüllen müssen, wenn sie beachtet, geschätzt, begehrt werden und sich erfolgreich verwirklichen wollen. »Sie erinnert uns daran, dass Toleranz wichtig ist, der Lebensstil anders ist und die vielfältige menschliche Natur der Reichtum der Menschheit ist.« THE AUTHORS' READING MONTH LITERARY FESTIVAL, CZ

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Seitenzahl: 253

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Cover

Impressum

Autorin und Klappentext

Titelseite

Buchanfang

Der Andere Weg

Das bin ich

Orkan Margo

Fußnoten

1

2

3

D-e-r a-n-d-e-r-e W-e-g

ს-ხ-ვ-აგ-ზ-ა © Sulakauri Publishing, 2016

Das bin ich

მევარ © Sulakauri Publishing, 2016

Orkan Margo

ქარიშხალიმარგო © Sulakauri Publishing, 2017

All first published by Sulakauri Publishing, Tbilisi, Georgia

© 2021, Septime Verlag, Wien

Alle Rechte vorbehalten.

EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer

ISBN: 978-3-903061-87-3

Lektorat: Teresa Profanter

Umschalg: Jürgen Schütz

Umschlagbild: © Brooke Shaden

Printversion: Hardcover, Schutzumschlag

ISBN: 978-3-99120-004-8

www.septime-verlag.at

www.facebook.com/septimeverlag

www.twitter.com/septimeverlag

Ekaterine Togonidze

wurde 1981 geboren. 2011 erschien ihre erste literarische Veröffentlichung. Für ihre Arbeiten wurde sie mehrmals ausgezeichnet, zuletzt erhielt sie 2012 den renommierten Saba-Preis. Ekaterine Togonidze war 2013 offizieller Gast der Leipziger Buchmesse, im gleichen Jahr war sie auch Stipendiatin des Literarischen Colloquiums Berlin. Ekaterine Togonidze prägt seit über fünf Jahren Georgiens Literaturlandschaft. Mit ihrem ersten Roman Einsame Schwestern war sie die erste Schriftstellerin, die das Thema »Körperliche Behinderung« in Georgien literarisch verarbeitete und zur Diskussion brachte.

Klappentext:

»Wir wurden in einem Land geboren, in dem das Wort eines Mannes nicht nur über dem der Frauen, sondern auch über dem Gesetz stand. Die von der Religion gutgeheißenen Sitten und Gebräuche und der Aberglaube waren das oberste Gebot. Die Kinder wurden traditionell nur nach ihrem Geschlecht gezählt und Familienbesitze wurde an Söhne vererbt. Die müden Hausfrauen, die nur in den Trinksprüchen geehrt wurden, bat niemand um ihre Meinung und sie hielten Gehorsam, Geduld und Schweigen für ihre Tugenden«, sagt die Heldin der Erzählung »Orkan Margo«. Margo ist eine Tänzerin, die sich an einem Scheideweg befindet; am Scheideweg zwischen Gegenwart und Vergangenheit, neuen Werten und altmodischen Ansichten, Freiheit und Sklaverei. »Der andere Weg« ist die Erzählung über einen Bildhauer mit Legasthenie, der als Kind Opfer von Gewalt durch seine Mutter, die Schule und die Gesellschaft geworden ist. Sie fordern das Unmögliche von ihm, bestrafen ihn, machen sich über ihn lustig. Seine Dysfunktion wird mit Ignoranz und geistiger Behinderung assoziiert. Um diesem Stigma zu entkommen, entscheidet er sich für eine andere Behinderung – Blindheit –, der gegenüber eine intolerante Gesellschaft seiner Meinung nach milder gestimmt sein würde. »Das bin ich« handelt von einem Versuch, Bestimmung und Inhalt der menschlichen Existenz zu verstehen. Es geht um ein Thema, das moderne Frauen beunruhigt – Gewalt im Namen der Schönheit. Der ästhetische Faschismus, der die Standards setzt, die Frauen erfüllen müssen, wenn sie beachtet, geschätzt, begehrt werden und sich erfolgreich verwirklichen wollen. »Sie erinnert uns daran, dass Toleranz wichtig ist, der Lebensstil anders ist und die vielfältige menschliche Natur der Reichtum der Menschheit ist.«THE AUTHORS’ READING MONTH LITERARY FESTIVAL, CZ

Ekaterine Togonidze

O R K A N

Drei Erzählungen | Septime Verlag

Aus dem Georgischen von Katja Wolters

D-e-r a-n-d-e-r-e W-e-g

I

»Lisa Schmidt«, sagt die junge Frau mit der Kamera, die dem Bildhauer gegenübersteht, und ihre ausgestreckte Hand erstarrt in der Luft. Alexander Chotivari lässt sich in einem Sessel nieder und klappt den weißen Stock zusammen.

»Setzen Sie sich doch«, sagt er streng zu der Journalistin. Lisa setzt sich.

»Noch einmal vielen Dank! Wir beginnen.« Eine leichte Nervosität ist ihr anzumerken.

Sie bemüht sich, möglichst korrektes Georgisch zu sprechen. »Wie Ihr Agent mir sagte, ich darf Ihr Privatleben nicht fragen«, sagt sie und schaltet das Aufnahmegerät ein. »Über Ihre Kunst ist alles interessant.« Sie legt die Kamera ab, streicht sich über die Haare, lächelt, und erst dann fällt ihr ein, dass ihr Lächeln keinen Adressaten hat. Im schwarzbebrillten Gesicht Alexander Chotivaris rührt sich nichts. »Wir beginnen mit Ihrer ersten Plastik … Skulptur«, sagt Lisa und wartet gespannt auf eine Antwort.

***

Der sechsjährige Alexander sitzt mit seiner Mutter am Tisch. Die Frau raucht und bläst den Rauch zur Seite.

»Was ist das für ein Buchstabe?«

Auf der einen Seite des Buches steht das Alphabet, auf der anderen stehen kurze, ein- bis zweisilbige Wörter: »Weg, Wa-be, Wa-de.« Alexander starrt geistesabwesend auf das Blatt.

»Was ist das für ein Buchstabe, habe ich dich gefragt!« Das Schweigen des Kindes reizt die Frau, sie wird laut. Sie blättert hastig im Buch. »Das habt ihr schon vor einem Monat gelernt. Jetzt seid ihr schon hier!« Ungeduldig trommelt sie mit ihren langen, gepflegten Fingernägeln auf die Tischplatte. »Schau es an und sag mir, was für ein Buchstabe das ist.«

Alexander ist drauf und dran, irgendetwas zu sagen, aber dann überlegt er es sich anders, senkt den Kopf und schweigt.

»Was steht hier geschrieben, Kind? Wo schaust du denn hin? Was ist mit dir los?« Die Mutter verliert endgültig die Geduld. »Lies, bitte, und sag es mir, sag mir, was für ein Buchstabe das ist!« Sie drückt dem Kind das Buch in die Hand. »Was bist du für ein Idiot! W! Und? Der nächste?« Die Frau deutet auf das Wort »Weg«. Sie drückt die Zigarette aus und qualmt aus dem Mund heraus – »E«. »Und danach? Was kommt danach? Zumindest das musst du doch wissen. Was, du erkennst diesen Buchstaben nicht? Bist du behindert, Kind? Bist du behindert oder willst du meine Geduld testen?« Alexander starrt verzweifelt ins Buch.

»G! G! Sag doch, was das ergibt!«, schreit die Mutter. »Herrgott, ich werde noch wahnsinnig!«

»A…«, sagt Alexander.

»Was ›A‹, Kind? Sag bitte das ganze Wort!«

Stille.

»Wo siehst du hier ein A?« Die Frau wird wütend. »Wach auf und konzentriere dich, sonst knallt es!« Sie packt Alexander und rüttelt ihn am Arm. Das Kind duckt sich und versucht sich zu befreien.

»Ich weiß es nicht …«

»Mein Gott, was habe ich denn verbrochen? Machst du das absichtlich? Bist du dazu geboren, mir das Leben schwer zu machen?«

Alexander bekommt eine Ohrfeige. Seine Mutter geht aus dem Zimmer und knallt die Tür hinter sich zu. Alexanders Tränen fallen in das offene Buch. Die einsilbigen Wörter »Weg«, »Berg«, »Zwerg« werden nass. Nass werden die Buchstaben, die er nicht erkennen, nicht miteinander verbinden kann. Unterhalb des kurzen Hemdärmels sieht man die Stelle, an der die Mutter ihn gepackt hat. Die Fingerabdrücke auf der Wange des Kindes glühen immer noch rot.

Am Abend kann Alexander nicht einschlafen. Er massiert sich den Arm, dann legt er seine Lippen auf die schmerzende Stelle und saugt daran wie ein Blutegel. Zuerst wird die Stelle noch röter, dann nimmt sie eine blaue Farbe an. »Bist du behindert, Kind? Sag mal, bist du behindert? Bist du dazu geboren, mir das Leben schwer zu machen?« Das Geschrei der Mutter klingt ihm in den Ohren nach.

Am nächsten Morgen steht Alexander vor dem Spiegel und schlägt sich ins Gesicht. Die Schläge hinterlassen Spuren auf seiner Haut. Mit gerötetem Gesicht geht er in die Küche. Die Mutter stellt eine Tasse Tee und ein Butterbrot vor ihn hin, ohne ihn anzusehen. Sie zündet sich eine Zigarette an und bläst den Rauch zum Fenster hinaus. Plötzlich fällt ihr etwas ein, sie dreht sich um und staunt:

»Was ist denn das?!«

Alexander schaut ihr direkt in die Augen. Die Frau möchte sich die blaue Stelle am Arm des Jungen aus der Nähe ansehen. Während er den Tee trinkt, beobachtet sie ihn. Danach trägt sie eine Salbe auf seinen Arm auf und zieht ihm ein anderes Hemd an, ein langärmliges. Sie begleitet ihn schweigend zum Schulbus.

***

»Alexander, steh auf!« Die Lehrerin stellt sich vor sein Pult. »Zu Hause willst du das Lesen wohl nicht üben, dann gib dir wenigstens hier Mühe.« Sie geht zur Tafel, nimmt einen langen Zeigestab in die Hand und deutet auf die Wörter, die auf einem großen, eingerahmten Blatt stehen: »Lies!«

Alexander steht widerwillig auf.

»Ich höre! Verblüffe uns doch einmal. Zeig, was du kannst!«

Das Kind schaut auf das Blatt und kneift die Augen zu. Es kann nicht lesen. Seine Klassenkameraden lachen. Die Lehrerin klopft an die Tafel: »Ruhe!«, und nennt den ersten Buchstaben: »W.«

Alexander zupft nervös an seinem Hemd. Er hört das Geschrei seiner Mutter. »Was ist das für ein Buchstabe? W! Und dieser? E! Kennst du nicht einmal den? Na, was ergibt das alles zusammen? Was?« Plötzlich strahlt er über das ganze Gesicht und sagt: »Weg!«

»Na endlich! Halleluja! Welchem Wunder dürfen wir das zuschreiben? Hat deine Mutter doch ein wenig Zeit für dich gefunden?«

Alexander schaut die Lehrerin, die nun mit dem Zeigestab auf das Wort »Uhr« deutet, hasserfüllt an.

»Was steht hier?«

Alexander blinzelt und kneift die Augen wieder zu. Das Bild wird trüb. Die schwarzen Buchstaben beginnen sich zu bewegen, tauschen die Plätze und bilden wilde Schlangenlinien. Alexander denkt an die Jungen einer Schlange, die er einmal auf dem Land gesehen hat, und es läuft ihm ein Schauder den Rücken hinunter.

»U«, sagt die Lehrerin.

»Ha«, rufen die Kinder.

»Ha-Haus?«, sagt Alexander zögernd.

Die Klasse bricht in Gelächter aus.

»Er will nach Hause!«, ruft ein Junge.

»Alexander will nach Hause zu seiner Mama«, ist eine zweite Stimme zu hören.

»Ruhe! Hör zu, Alexander, die ersten beiden Buchstaben sind richtig. U-H… und dann? Was kommt dann?« Die Lehrerin deutet diesmal auf das R.

Das Kind versucht mit gesenktem Kopf den Kloß im Hals hinunterzuwürgen.

»Du darfst nach vorn kommen, wenn du von dort nicht gut sehen kannst«, schlägt die Lehrerin vor.

»Ich kann’s nicht sehen.«

»Na, dann komm doch näher. Komm, ich werde dich schon nicht auffressen!«

»Ich kann’s nicht sehen«, wiederholt Alexander zögernd. »Aus der Nähe kann ich es auch nicht sehen.«

In der Klasse herrscht auf einmal Stille. Die Lehrerin geht zu Alexander und legt ihm die Hand auf die Schulter. »Gut. Setz dich und richte deiner Mutter aus, sie soll morgen in die Schule kommen.«

***

»Ich glaube, Sie erinnern noch Ihr erstes Werk.« Verunsichert durch das ungewöhnlich lange Schweigen des Bildhauers versucht die Journalistin das Gespräch in Gang zu bringen. »Wissen Sie, ich war in der Auktion, bei uns, in Deutschland. Dort hat sich die Statue eines Jungen verkauft. Ich mochte sie sehr.« Alexander rührt sich nicht. Lisa wird langsam unruhig.

»Kommen Sie, vielleicht können Sie an die Werke erinnern. Wie hat sich alles begonnen?«

***

Dass sie diesen Auftrag überhaupt bekommen hat, verdankt Lisa Schmidt ihren Georgischkenntnissen. Trotzdem hat es sie viel Mühe gekostet, den Chefredakteur zu überzeugen, dass sie diejenige sei, die den ›Michelangelo unserer Zeit‹ interviewen sollte.

»Ich werde dieses Interview machen«, sagt sie selbstbewusst im Büro von Thomas-Werner.

»Setz dich, Lisa.« Der grauhaarige Mann sieht sie über den Brillenrand hinweg an.

»Ich weiß, dass das in die Kulturabteilung gehört, aber dieser Bildhauer ist eine Person mit Sehbehinderung. Er ist blind«, sprudelt es aus Lisa heraus.

»Einen Moment bitte! Ich bin gleich bei dir«, sagt der Redakteur. Offensichtlich möchte er auf dem Bildschirm seines Computers etwas zu Ende lesen.

Lisa setzt sich auf den Stuhlrand.

»Sag bitte nicht, dass ich nicht über ausreichende Erfahrung verfüge. Seit einem Jahr befasse ich mich mit dem Thema ›behinderte Menschen‹. Nicht gerade mit Sehbehinderung, aber ich weiß sehr wohl, wie man mit solchen Menschen umgeht.«

»Lisa, dieser Mann gibt überhaupt keine Interviews.« Werner nimmt die Brille ab. »Im Internet ist kein einziges Foto von ihm zu finden. Er wünscht keinen Kontakt. Zeigt sich nicht. Ein hoffnungsloser Fall …«

»Ich verstehe.«

»Und ich brauche dieses Interview als Aufmacher. Das Museum für moderne Kunst hat für die Ausstellung seiner Werke einen ganzen Pavillon reserviert.«

»Ich weiß, ich weiß.« Lisa nickt.

»Ich begrüße deinen Enthusiasmus, aber ich werde die Entscheidung treffen müssen, die mir am meisten nützt. Erst muss er dem Interview überhaupt zustimmen, und dann möchte ich einen fundierten Artikel bekommen. Natürlich am besten mit Fotos, auf denen er während des Arbeitsprozesses zu sehen ist.«

»Ich kann ihn in seiner Muttersprache interviewen!«, unterbricht ihn Lisa.

»Würdest du wirklich auf Georgisch mit ihm sprechen? Beherrschst du die Sprache so gut?«

»Ja«, erwidert Lisa und plötzlich wird ihr klar, dass sie nach zweijähriger Arbeit als Journalistin die einmalige Gelegenheit bekommen hat, einen Artikel zu schreiben, der gemeinsam mit der gesamten Auflage der Zeitung auch ihren Namen verkaufen wird. Lisa weiß, dass es ihre große Chance ist, von ihren Kollegen, von Kritikern und jeglichen Entscheidungsträgern endlich wahrgenommen und anerkannt zu werden.

***

Die Stille im Zimmer wird von den hektischen Schritten des Agenten durchbrochen. Er grüßt Lisa und legt Alexander die Hand auf die Schulter.

»Brauchst du mich?«

»Heute nicht mehr«, sagt der Bildhauer.

»Wenn etwas sein sollte, ich bin telefonisch erreichbar. Morgen treffen wir den Architekten. Was deine Bestellung betrifft, sie wird ebenfalls morgen geliefert. Das eine Buch ist ein Sammlerstück, die anderen zwei sind handgeschrieben und in Leder gebunden.«

Lisa spitzt die Ohren. Sie kann nicht verstehen, wozu ein Blinder Manuskripte braucht. Der Agent verlässt den Raum. Lisa schaut auf das Diktiergerät, dessen Uhr die schnell vergehenden Sekunden zählt. Sie hüstelt, um ihren Interviewpartner an ihre Anwesenheit zu erinnern.

»Der erste Mensch, dem Sie Ihre Werke zeigen? Von wem die Meinung ist für Sie wichtig?«

»Wer kann sie besser einschätzen als ich?!«, erwidert Alexander barsch.

Lisa spürt, dass aus dem Interview nichts wird, wenn sie nicht möglichst bald seine Gunst gewinnt.

»Ich habe ein paar Experten. Sie befassen sich hauptsächlich damit, den Preis für dieses oder jenes Werk zu bestimmen«, fügt Alexander hinzu.

»Wissen Sie, bei uns in Deutschland macht man Ausstellungen für Blinden. Sie dürfen die Plastiken anfassen. Haben Sie jemals die Werke der anderen angeschaut? Angefasst, ich meine, taktil …«

»Nein«, unterbricht sie Alexander.

»Wenn Sie heute arbeiten beginnen, wissen Sie, was Sie machen wollen, oder es kommt, wie es kommt?«

»Ich sehe meine Werke, noch bevor ich beginne, an ihnen zu arbeiten.«

»Solange Sie noch sehen konnten und haben Sie alles, was Sie gesehen haben, sich gemerkt? Kann das Gedächtnis bei der Arbeit helfen?«

»Mag sein«, antwortet Alexander.

Lisa stellt eine Frage nach der anderen. Wie ein Angler den gefangenen Fisch ans Ufer, so schnell, aber gleichzeitig vorsichtig, zieht sie die Worte aus dem Bildhauer heraus.

»Gibt es Assistenten, die Ihr helfen? Zum Beispiel beim Machen von der Uhr. Die große Uhr, die zu Berliner Ausstellung fährt.«

»Was wollen Sie denn genau wissen? Wenn Sie sich dafür interessieren, wer den Mechanismus angefertigt hat, das war selbstverständlich ein Uhrmacher.«

Lisa versteht, dass sie eine falsche Frage gestellt hat. Sie zupft ihr eng sitzendes Jackett zurecht.

»Seit der Kindheit haben Sie viele Wettbewerbe gewonnen, auch wenn Sie nicht mehr sehen konnten …«

Alexander unterbricht sie gereizt: »Hören Sie, sind Sie an meiner Kunst interessiert oder daran, was ich sehe und was nicht? Wollen Sie über meine Werke schreiben oder darüber, wie es mir mit meiner Blindheit geht?«

Nun ist Lisa endgültig verunsichert. Auf einmal kommt ihr die Luft im Zimmer stickig vor. Sie steht auf, zieht ihr Jackett aus, hängt es über die Stuhllehne und startet noch einen Versuch, das Gespräch weiterzuführen.

»Verzeihung. Nein. Ich habe es nicht so gemeint. Ich wollte bloß wissen, wie hatte alles angefangen.« Das am Rücken großzügig ausgeschnittene Oberteil der Journalistin lässt eine seltsame Tätowierung entlang ihrer Wirbelsäule sichtbar werden. Auf der hellen Haut steht eine Reihe schwarzer Buchstaben: das georgische Alphabet.

Alexander steht so plötzlich auf, dass sein Stuhl umfällt. Bald darauf kommt jemand vom Hauspersonal ins Zimmer.

***

Lisa ist achtzehn und liegt mit ihren Freundinnen auf dem grünen Rasen im Park. Alle trinken Bier. Sonnenstrahlen fallen durch die Zweige der Bäume. Man hört Vögel zwitschern. Lisa beschattet die Augen mit der Hand und befreit sich von den Insekten, die auf ihrem Körper herumkriechen. Die rotgefärbten, zerzausten Haare glänzen im Sonnenlicht.

»Wenn wir heute Abend zu Jonathans Party gehen, wann sollen wir dann unser Projekt fertigstellen?«, fragt ein Mädchen mit Brille und trinkt ihr Bier aus.

»Zuerst sollten wir uns noch ein paar Dinge einfallen lassen. Die Sonne hilft mir dabei. Noch ein Fläschchen und dann läuft es wie geschmiert.«

Alle lachen.

»Ich möchte mir ein Tattoo machen lassen«, verkündet Lisa plötzlich.

»Wo?«, fragen alle Mädchen gleichzeitig.

»Wessen Namen möchtest du dir eintätowieren lassen?«

»Den von Christoph. Ist doch klar!«, sagt die mit der Brille und schon wieder brechen alle in Gelächter aus.

»Oder vielleicht von Matthias.« Lisa schielt nach ihren Freundinnen.

»Sie sollte sich das ganze Alphabet eintätowieren lassen, damit keiner beleidigt ist. Jeder soll darin seine Initialen finden können«, sagt eine der Freundinnen und wirft ihre Zigarettenkippe in die leere Bierflasche. Die Mädchen kugeln sich vor Lachen.

Nach etlichen Gläsern Whisky und ebenso vielen Nachtclubbesuchen geht Lisa in ein Tattoo-Studio. Noch berauscht blättert sie in einem Katalog, um sich das passende Muster auszusuchen. Sie sieht verschiedene Ornamente, Hieroglyphen. Der junge Mann, der wie ein Südländer aussieht, beobachtet sie wortlos. Als sie das georgische Alphabet erblickt, hält Lisa inne.

»Was ist das?«

»Keine Ahnung. Ich bin neu hier.« Der junge Mann zuckt mit den Schultern. »Ein Alphabet wohl. Gefällt es dir?«

»Sind das wirklich Buchstaben? Sie sehen wie Herzen aus.« Lisa folgt den Schriftzeichen mit dem Finger: ღ, ლ, დ, წ, შ ...

Der junge Mann lächelt.

»Ja. Sie sehen wirklich wie unfertige Herzen aus. Soll ich dir ein Herz-Tattoo machen?«

»Nein. Ich mag diese hier. Die unfertigen Herzen«, sagt Lisa lächelnd. »Die Sprache einer unfertigen Liebe.«

Bald darauf legt sich Lisa mit nacktem Oberkörper auf die Liege und erduldet das schmerzhafte Stechen des ersten Buchstabens unterhalb ihres Nackens.

»Tut das weh?«, fragt der junge Mann.

»Es geht.«

»Weißt du, wie viele Buchstaben es insgesamt sind?«

»Im Alphabet? Achtundzwanzig?«

»In diesem etwas mehr. Hältst du durch?«, fragt der Tattoo-Künstler lächelnd.

»Wie viele sind es?«

»Dreiunddreißig. Für heute sind wir fertig. Du kannst aufstehen.« Der junge Mann beginnt, das Werkzeug aufzuräumen.

»Warum?«, fragt Lisa und hebt den Kopf.

»Ich muss das Studio schließen. Komm bitte morgen wieder.« Er lässt die Rollläden hinunter.

Lisa tastet nach ihrem Oberteil. Der junge Mann reicht es ihr. Sie setzt sich auf und zieht sich an. Der Tattoo-Künstler fragt: »Ein Buchstabe pro Tag. Passt?«

»Wie bitte?«

»Pro Tag werde ich dir einen Buchstaben stechen. Mehr Zeit habe ich nicht.«

Lisa schaut ihn voller Erstaunen an.

»Dieses Alphabet kannst du woanders nicht bekommen. Wenn du es haben willst, dann sind das meine Bedingungen. Außerdem wird es auf diese Weise weniger wehtun.« Er zwinkert Lisa zu und hält ihr die Tür auf.

***

Alexander ist wütend. Sein Kinn zittert. Seine Hände sind zu Fäusten geballt.

»Wer sind Sie?«, zischt er durch die Zähne.

Lisa starrt ihn verdutzt an.

»Was wollen Sie? Warum sind Sie hierhergekommen?«

Lisa schaut sich um. Sie kann nicht glauben, dass der Bildhauer zu ihr spricht. Der Hausangestellte stellt den umgefallenen Stuhl wieder auf.

»Bring sie hinaus«, sagt Alexander zu ihm.

Lisa wird von einem Sicherheitsmann bis zum Ausgang begleitet. Die junge Frau stopft ihre Sachen eilig in die Handtasche.

»Ein Verrückter, ein Wahnsinniger!«, murmelt sie auf Deutsch und macht sich auf den Weg. Dann bleibt sie stehen, dreht sich um und hämmert ans Tor.

»Lassen Sie mich hinein!«, sagt sie zum Sicherheitsmann.

»Ich darf das leider nicht«, antwortet er gelassen.

»Lassen Sie mich bitte hinein!«, wiederholt Lisa.

»Ich kann Sie ohne Legitimation nicht hereinlassen. Wenn Sie möchten, kann ich Ihnen die Telefonnummer geben.«

»Ja, geben Sie mir die Nummer, bitte!«

»5 55 15 11 …«

»Das ist doch die Nummer seines Agenten?«, unterbricht ihn Lisa.

»Ja. Am besten wäre es, wenn Sie sich mit seinem Agenten in Verbindung setzen würden.«

»Diese Nummer habe ich schon«, sagt Lisa ärgerlich.

Der Sicherheitsmann schließt das Tor.

***

Im Hotelzimmer setzt sich Lisa an den Schreibtisch, schaltet das Diktiergerät ein und hört die Aufnahme an: »Hören Sie, sind Sie an meiner Kunst interessiert oder daran, was ich sehe und was nicht? Wollen Sie über meine Werke schreiben oder darüber, wie es mir mit meiner Blindheit geht?«

Lisa vergräbt das Gesicht in den Händen. Plötzlich beginnt ihr Handy zu klingeln.

»Guten Tag, Lisa! Kannst du sprechen?« Lisa hört die Stimme von Thomas-Werner.

»Ja, Werner!«

»Wie ist das Treffen gelaufen? Hast du mit ihm gesprochen?«, fragt der Chefredakteur.

»Ähm … es hat noch nicht stattgefunden. Der Termin wurde leider verschoben.«

»Wir haben ein Gespräch mit dem Leiter des Museums gemacht. Sarah wird dir die Aufnahme schicken. Aus welchem Grund hat man den Termin verschoben? Die Zeitung muss bis zur Eröffnung des Symposiums erscheinen, Lisa«, erklärt der Redakteur. »Ohne dieses Interview kann sie nicht in Druck gehen. Schick mir wenigstens ein paar Fotos fürs Cover. Dann können wir mit der Bearbeitung beginnen.«

Bedrückt hört sich Lisa seine Anweisungen an.

»Fotos? Ja, genau! Ich habe hier bereits mit einigen Personen gesprochen. Personen, die ihn gekannt haben. Er scheint ein außergewöhnlich schwieriger Mensch zu sein. Ich warte auf den Anruf seines Agenten und dann … Ich werde dir alles noch rechtzeitig schicken.«

»Das hoffe ich sehr, Lisa!«

***

Alexander Chotivari steht in seinem Atelier. Er nähert sich einem mannshohen Metallgestell, klopft mit seinem weißen Blindenstock darauf. Dann fasst er es an. Seine Assistenten kommen herein.

»Ist die Höhe in Ordnung?«, fragt einer der Assistenten.

Alexander schweigt und betastet das Gestell.

»Es sollte eine sitzende Frau darstellen«, sagt er unzufrieden.

Die Assistenten werfen einander Blicke zu. Einer von ihnen verdreht die Augen, aber dem Bildhauer zu widersprechen traut sich keiner.

»Wo soll sie denn sitzen? Auf einem Stuhl?«, fragt einer.

»Auf einem Sockel«, erwidert Alexander, streckt seinen Blindenstock aus und deutet auf einen aus aufeinandergetürmten Büchern errichteten Sockel.

***

Mit dem Kneten begann Alexander erst, nachdem er die Schule verlassen hatte. Während seine Mutter auf der Suche nach einer Spezialschule für ihn war, bat sie einen benachbarten Bildhauer, auf den Jungen aufzupassen.

»Habe ich dich geweckt? Ich muss los. Bitte, nur bis ich für ihn eine Schule für Sehbehinderte finde …« Die Mutter schiebt Alexander zu einem Mann mit zerzausten Haaren in die Wohnung.

»Und wann wirst du eine finden?« Der Mann kratzt sich am Kopf.

»Bald. Er hat schon gefrühstückt. Bitte gib ihm keine Schokolade!« Eiligen Schrittes steigt die Mutter die Treppe hinunter.

In dem schon längst renovierungsbedürftigen Zimmer ist ein Atelier eingerichtet. Es ist groß, hell und wirkt, wenn man die herumstehenden leeren Flaschen nicht beachtet, ziemlich aufgeräumt.

»Du kannst dich hier hinsetzen«, sagt der Mann und nimmt ein Buch, Papierstapel und ein umgefallenes Glas von der Tischplatte.

Tastend findet Alexander den Stuhl. Er setzt sich.

»Knetest du gern?«, fragt der Bildhauer das Kind. »Kannst du wirklich nicht mehr sehen? Gar nichts mehr?«

»Nein. Ich sehe nichts«, erwidert Alexander gelassen.

»Hast du jemals geknetet? Ich kann dir ein wenig Ton geben? Plastilin habe ich leider nicht.«

Alexander nickt. Der Nachbar gibt ihm einen feuchten Klumpen aus weißem Ton.

»Was möchtest du daraus machen?«

Alexander zuckt mit den Schultern.

»Ton trocknet schnell, deshalb musst du ihn, bis du mit dem Kneten fertig bist, ständig in der Hand halten. Ich mache weiter. Wenn du etwas brauchst, kannst du mich rufen.«

Alexander bleibt allein. Er knetet den Tonklumpen. Seine Finger geben ihm zuerst die Form eines Autos, dann eines Balls. Beim Kneten verzieht er den Mund. Nun wird der Tonklumpen zu einem Hund, dann erneut zu einem Ball.

***

Alexander knetet gern. Arzttermine mag er viel weniger. Sie ermüden ihn. Er muss immer ganz viele Fragen beantworten. Seine Beschwerden behaupten das eine, seine gesunde Netzhaut besagt das Gegenteil.

»Er geht doch zur Schule, oder?«, fragt die Ärztin Alexanders Mutter.

»Doch, doch … natürlich!« Sie nickt eifrig.

»Was ist das für ein Buchstabe?«

Stirnrunzelnd schaut Alexander auf die Tafel und schweigt.

»Lesen kann er, nicht wahr?«, fragt die Ärztin.

»Ja, natürlich!«, antwortet die Mutter gereizt.

»Vielleicht hast du diese Figuren lieber. Magst du Geometrie?« Die Ärztin lächelt ihn freundlich an.

»Er mag nichts, was die Schule betrifft.«

Nun wählt die Ärztin eine andere Tafel, darauf abgebildet: Igel, Apfel und andere bunte Figuren.

»Lass uns diese Bilder anschauen. Zeichnen magst du bestimmt. Habe ich recht?«

Alexander nickt.

»Kann er die verschiedenen Farben gut unterscheiden?«, fragt die Augenärztin die Mutter. Die Mutter bejaht.

»Was ist das?« Mit einem langen Zeigestock deutet die Ärztin auf die erste Reihe.

»Ich weiß es nicht«, sagt Alexander.

»Was weißt du nicht?« Seine Mutter regt sich auf.

»Einen Moment, bitte! Alexander, schau bitte aufmerksam hin. Was siehst du auf dem Bild?«, fragt die Ärztin geduldig.

»Ich weiß es nicht.«

»Sag bitte, was du darauf siehst. Nur das, was du siehst.«

»Ich sehe nichts!«, erwidert Alexander mit fester Stimme.

»Alexander!«, zischt die Mutter

»Ich bitte Sie, sich kurz herauszuhalten!« Die Ärztin wendet sich wieder Alexander zu. »Möchtest du, dass deine Mama draußen auf dich wartet?«

Die Mutter wirft einen bösen Blick auf das Kind. Das Kind schweigt.

»Schau bitte dieses Bild aufmerksam an und sag, was darauf zu sehen ist. Ist das vielleicht ein Ball, ein Apfel oder ein Igel?« Die Ärztin versucht dem Kind auf die Sprünge zu helfen.

»Ein Ball«, sagt Alexander, den Igel meinend.

»Also, nein! Wie kommst du denn darauf? Das ist doch kein Ball!«, schimpft die Mutter. Die Ärztin schaut sie streng an, dann schweift ihr Blick im Zimmer umher und sie stellt Alexander die nächste Frage:

»Was steht auf meinem Tisch?«

»Ich weiß es nicht.«

Die Ärztin führt das Kind zu ihrem Schreibtisch. Alexander streckt die Hand aus, um die darauf stehende Blumenvase anzufassen.

Die Ärztin stoppt ihn.

»Nein. Sag es mir, ohne den Gegenstand zu betasten.«

»Ohne – kann ich es nicht.« Das Kind lässt die Schultern hängen.

Die Ärztin und die Mutter tauschen Blicke. Nun wird Alexander vor die Spaltlampe gesetzt. Er stützt das Kinn auf eine gepolsterte Unterlage und lehnt die Stirn an einen Metallrahmen. Die Ärztin schaut in sein Auge hinein.

»Versuch bitte still zu sitzen, ja?« Die Ärztin stellt die Lampe ein, und ohne die Untersuchung zu unterbrechen, fragt sie die Mutter: »Sind in Ihrer Familie andere Fälle von Augenerkrankungen bekannt? Wie steht es mit dem Vater des Kindes?«

»Also mit dem Vater … Das weiß ich leider nicht.«

***

Alexander hält den Hörer ans Ohr und belauscht heimlich das Telefongespräch seiner Mutter.

»Ja, Sie haben mir das schon gesagt, aber vielleicht handelt es sich doch um einen Fehler? Das glaube ich nicht, dass mein Kind … Wie das denn? Mein Gott!«

»Wenn Sie möchten, können Sie die Diagnose von einem anderen Arzt überprüfen lassen«, hört er die Ärztin sagen. Die Mutter klingt genervt: »Wie konnte es dazu kommen … Mein Gott! Sie wollen mir sagen, dass ich nichts dagegen unternehmen kann? Es geht nicht ums Geld …«

»Ja, leider ist die Amblyopie schon eingetreten und sie schreitet fort«, erklärt die Ärztin. »In Georgien werden solche OPs noch nicht durchgeführt. Auf jeden Fall nicht bei Patienten unter achtzehn.«

»Was heißt, sie werden nicht durchgeführt?! Wenn das Kind noch etwas sieht … Sollte man nicht versuchen, zumindest die übrige Sehkraft zu retten? Wie viel Zeit bleibt ihm noch, bevor er völlig erblindet? Was meinen Sie, wie viel Zeit haben wir noch?« Die Stimme der Mutter zittert.

»Wie ich bereits sagte, es ist sehr individuell. Er kann jeden Tag aufwachen und nichts mehr sehen. Bemühen Sie sich bitte umgehend darum, ihn in der Schule für sehbehinderte Kinder unterzubringen.« Alexander legt den Hörer vorsichtig auf. Aufgeregt schaut er umher. Ideen schwirren ihm im Kopf herum.

***

Alexander sitzt auf einem Stuhl, strampelt mit den Beinen und lässt zwei Spielzeugautos auf der Tischplatte hin- und herfahren. Im Zimmer ist es fast dunkel. Die Mutter möchte das Licht einschalten, aber nach einer Weile überlegt sie es sich anders. Sie beobachtet das Kind, das mit dem Rücken zu ihr sitzt. Auf Zehenspitzen geht sie zu einem auf dem Fußboden liegenden Ball, legt ihn in die Mitte des Zimmers. Dann nimmt sie einen Stuhl und stellt ihn ebenfalls geräuschlos neben den Ball.

»Alexander, das Abendessen ist fertig! Der Tee ist eingeschenkt. Komm bitte!«, sagt sie und bleibt an der Türschwelle stehen. Sie beobachtet das Kind.

Alexander beendet das Spiel, steckt die Autos in die Hosentaschen und rutscht vom Stuhl. Auf dem Weg zur Tür umgeht er den Ball, aber stößt gegen den Stuhl. Die Mutter erschrickt. Sie schaltet das Licht ein.

»Warum bist du im Dunkeln?«, fragt sie.

Alexander schweigt.

»Hast du diesen Stuhl nicht gesehen? Sag mal, hast du ihn wirklich nicht gesehen?« Sie kniet nieder, fasst das Kind mit beiden Händen und schüttelt es. »Und jetzt? Nachdem ich das Licht eingeschaltet habe?« Sie starrt ihm ins Gesicht. Ziellos schweift Alexanders Blick umher, dann befreit er sich, läuft zum Schalter und macht das Licht mehrmals an und aus.

***

Im Club leuchten die Scheinwerfer. Laute Musik dröhnt aus den Lautsprechern. Auf dem Parkett wimmelt es von Tanzenden. Lisas Haare sehen diesmal anders aus. Ihre von Natur aus dunklen Strähnen sind schulterlang. Sie trägt ein kurzes Kleid mit großzügig ausgeschnittener Rückenpartie. Sie bewegt sich im Rhythmus der Musik und nippt an ihrem Glas. Jemand fasst sie an, streift ihre Haare zur Seite. Das ist der junge Mann aus dem Tattoo-Studio, der wie ein Südländer aussieht. Er lächelt sie an und prostet ihr zu.

»Endlich habe ich dich gefunden! Du siehst ganz anders aus. Nur daran habe ich dich erkannt.« Er deutet auf ihren Rücken.

Lisa beachtet ihn nicht. Der junge Mann fasst sie am Unterarm.

»Kennst du mich nicht mehr? Ich bin’s, Moritz.«

Lisa ist leicht betrunken. Die Clublichter blenden sie. Sie schüttelt den Kopf.

Der junge Mann zeigt ihr mit der Hand zweimal die Drei.

»33!« Er beugt sich zu ihr, damit sie ihn besser hören kann: »33 Buchstaben, 33 Tage! Die Sprache einer unfertigen Liebe … Warum hast du mich angelogen? Du lebst also doch in Berlin.«

Lisa erkennt ihn und lächelt.

»Ja, ich lebe doch in Berlin.«

»Ich freue mich, dich wiederzusehen. Gut siehst du aus.«

Lisa tanzt.

»Ich habe sie gelernt. Alle 33!«

Der junge Mann streichelt ihren Rücken.

»Kannst du sie mir auch beibringen?«

Lisa protestiert nicht. Sie lächelt ihn an und macht wiegende Körperbewegungen im Rhythmus der Musik.

***

Nervös packt die Mutter Alexanders Koffer. Alexander selbst sitzt wie ein Häufchen Elend auf dem Bettrand und hält das zerknüllte Bettlaken unters Kinn. Die Frau versucht ihre Tränen zurückzuhalten. Sie schaut umher, legt noch ein paar Spielsachen in den Koffer, erblickt die auf der Schreibtischplatte aufgetürmten Bücher, bricht in Schluchzen aus und verlässt eilig das Zimmer. Alexander springt auf, schnappt sich das rosafarbene Kleid der Mutter und stopft es tief in den Koffer hinein.

***

Mit einem Kautschukball in der Hand tigert Alexander im Studio herum. Auf der Türschwelle steht Thoma, sein Agent.

»Ist die Journalistin schon gegangen?«

»Ich habe dich nicht so schnell zurückerwartet.«

»Ich bin gekommen, weil ich dir etwas Wichtiges mitzuteilen habe. Deine Mutter ist da.«

»Schon wieder? Was will sie denn?«

»Sie will dich sehen.«

»Sie soll es dir sagen, wenn sie etwas braucht. Ich habe dich gewarnt, dass ich mit ihr nichts mehr …«

»Ja, aber sie besteht darauf, dich persönlich zu sprechen.«