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Der Roman thematisiert die persönliche Entwicklung des jungen Erwachsenen Oscar. Er soll lernen, mutig zu sein. Denn er ist mit seiner schüchternen, einsiedlerischen Art selbst der Grund seiner eigenen Unzufriedenheit. Im Mittelpunkt steht dabei die Erkenntnis, dass Glück durch Beziehung entsteht. Erst die Liebe und Wertschätzung einer anderen Person verleiht dem Leben Leichtigkeit und Sinnhaftigkeit. Allerdings hat Oscar einige Zeit gebraucht, um dies zu verstehen und so hätte sein Leben auch vollkommen anders aussehen können.
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Seitenzahl: 264
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Der Nebelgraf
Garten
Spaziergang
Wunsch
Lächeln
Gewerbegebiet
Freitag
Traum
Zweifel
Wiedersehen
Erwachen
Wanderung
Urwaldmythen
Gasthof
Verabschieden
Bushaltestelle
Armes Vöglein, flieg!
Heimkehr
Zuhause
Am Friedhof
Es war an einem diesigen Morgen im Februar, als ich mit großen Augen vor meinem Vater stand, der mir von einem Grafen erzählte, der doch keiner war. Sein Name ist Oscar Fink. Er lebte abgeschieden, allein in einem Wald. Sein Anwesen war winzig klein und sah so recht bescheiden aus. Es war nicht auszumachen, aus den Berichten meines Herrn Papa, ob es ein ehrwürdig alt erbautes Erbstück war oder nur die Spielerei einer narrenhaften Elster, die mit unverständlich großem Eifer allen Schmuck zusammentrug, den sie nicht einmal selbst besaß. Denn ich kannte keinen Grafen Fink, der nicht einmal einen Adelstitel zu tragen schien und abseits aller Straßen nebst Kiefern, Tannen und Lärchen wohnte, der ohne je Besuch zu empfangen liebte, einsam auf der Welt nach dem Wahren, Schönen und Guten zu suchen, sich verpflichtet fühlte. So wirkte seine schillernde Persönlichkeit auch sonst nicht weiter in der Welt bekannt und ich stellte mir, obgleich mein Vater ausschließlich von einem steinernen Schloss gesprochen hat, darunter, während er noch weiter Anweisungen gab, eine Hütte, einen Schuppen, nicht mehr als bloß einen maroden Wetterschutz für eine Handvoll Waldarbeiter vor.
»Wärst du so lieb und bringst ihm diese Schatulle vorbei?« bat er mich und reichte mir sogleich ein unbedeutend kleines, spärlich verziertes Schächtelchen entgegen, das er zuvor sorgfältig mit Krepppapier umwickelt hatte. »Es ist ein besonderer Auftrag, auch wenn er dir unsinnig klein erscheinen mag. Denn der Graf ist ein bescheidener und stiller Geselle, der keine pompösen Geschenke verlangt. Nur ist er schon ziemlich alt und wird kaum die Kraft besitzen, selbst das kleine Kunstwerk hier vor Ort zu besichtigen. Denn ich habe dir ja bereits erklärt, wo er wohnt.«
Es war dies keine ungewöhnliche Bitte, sondern kam häufiger vor. Denn mein Vater war Juwelier und benutzte mich gerne als Boten, um treuen Kunden eine besondere Aufmerksamkeit zu erbringen. Allerdings wohnten diese meistens hier in der Stadt. Sie schätzten alle die familiäre Geschichte unseres Geschäfts und waren mir meist bereits bekannt. Es war ein Spaziergang einer Gefälligkeit wegen, ein Gruß, ein Lächeln und ein Verabschieden. Mehr war niemals meine Aufgabe gewesen. Doch dieser Herr Graf, sollte weit außerhalb leben, dort wo ich sonst nur zu Wanderungen an sonnigen Tagen gemeinsam mit meinem Vater und rein zum Vergnügen mich hinbegab.
Ich hatte ihm bereits zugenickt, als ich unwillig durch das Fenster auf den nass verregneten Kopfsteinbelag des Fußwegs im Innenhof sah. Denn unser Geschäft lag im Souterrain eines alten Gebäudes an einer der belebtesten Straßen im Zentrum der Stadt. Doch an Tagen wie diesem, die grau und leblos waren, blieb auch diese Gasse meist gespensterhaft leer. Und im hinteren Teil des Hauses, wo unsere Werkstatt war, gab es nur ein Fenster und eine Tür. Also war es dunkel in dem Raum, in dem wir beide uns ruhig und ungestört unterhielten. Die einzige Lampe brannte am Werktisch meines Vaters, der nah am Fenster stand. Dort, wo auch der Rest des Krepppapiers noch lag, bevor er aufgestanden war und ein paar Schritte auf mich zugegangen ist. Das Fenster war leicht gekippt und ließ ein wenig feuchte Luft herein, die kaum die schwere, dumpfe Zwielichtigkeit des hölzernen Innenraums aufzufrischen vermochte. Ich war nicht sehr angetan von dem Gedanken, mich heute auf die Suche nach einem Schloss zu machen und sprach: »Es ist ein ganzer, strammer Tagesmarsch.«
Allerdings wusste das auch mein Vater nicht weniger genau als ich, stimmte mir gleichgültig zu und schickte mich zu meiner Mutter, die in der Zwischenzeit ein wenig Proviant bereitgestellt hatte, den ich zusammen mit dem Päckchen sorgfältig in meinem Rucksack verstaute, bevor ich mich aufmachte und das Haus verließ.
Nach einem halben Tag erreichte ich den Wald, den mein Vater mir geschildert hat. Mit jeder Stunde, die verging, war die Bebauung ein wenig geschrumpft und die Zinshäuser einer lichten Satteldachsiedlung gewichen, die Kastanienalleen im Zentrum in hundert verschiedene Gewächse aufgelöst und der eingezwängte Fluss freigelegt, sodass er sich weiter tänzelnd durch die Landschaft fortbewegte. Ihm folgte ich ein gutes Stück. Die letzten Gärten verschwanden allmählich und ich lief fortan im offenen Feld. Es wurde recht eintönig und nur gelegentlich kam ein Geräteschuppen oder Bauernhof in Sicht, sodass ich mich eine Zeitlang damit begnügte, nur darauf zu achten, wie einer meiner Füße seinen Nachbarn überholte. Denn das Wetter war stets gleich geblieben. Tief fliegende, graue Wolken drückten die feuchte Luft ins Tal und nur gelegentlich riss der Himmel sachte auf und wurde heller bis es wieder düster war und Nieselregen auf die Erde fiel. Es war ein ewiges Spiel, an dem vor allem der Wind Gefallen zu finden schien. Denn hier draußen konnte er toben wie ein launisches Kind und mir unablässig, wiederholt mit seinen zarten, kühlen Fingern über die Wangen streichen, als sei es ihm die unerhörteste Freude, ständig von Neuem auf sich aufmerksam zu machen.
Allmählich ließ er mich endlich in Frieden, denn die kahlen Stämme des Buchenhains boten ihm genügend Hindernisse, um nicht weiter hemmungslos in der Luft herumzufliegen, in dieser inzwischen hügeligen und bewaldeten Gegend. Da entschied ich mich an einer alten Bank eine Pause einzulegen und ein wenig meiner Brote zu essen, als nach einer kleinen Weile zwei Wanderer von Weitem in meine Richtung traten. Sie waren schwer beladen und trugen einiges Werkzeug auf den Schultern. Es war der Bauer Georg mit seinem Sohn.
»Grüß Gott!« rief ich im Sitzen.
»Servus«, hallte es zurück, »was treibst du denn hier in diesem abgelegenen Wald? Noch dazu, da du alleine bist und nicht gerade das Wetter für einen Ausflug ist? Wo ist denn dein Vater geblieben? Oh, wie lang ist’s schon her! Ich hoff’, es geht euch allen gut?«
»Es freut mich, Euch zu sehen. Uns geht es allen gut. Mein Vater arbeitet im Geschäft. Heute ist wahrscheinlich nicht viel los. Bei diesem Wetter bleibt man gerne zuhause. Ich allerdings habe von ihm den Auftrag bekommen, einem Herrn Fink eine Bestellung zu überbringen. Er soll gar fürstlich wohnen, in einem Schloss oder etwas Ähnlichem.« Dann deutete ich mit meinen Fingern den Hang hinauf. »Dort hinten soll es liegen, vielleicht noch eine Stunde in diese Richtung.«
»Dein Vater war schon immer ein fleißiger Mann!« sprach der Bauer herzlich und fügte ernster an: »Ich kenne ihn nicht sehr gut, diesen Herrn Fink. Aber man hört Geschichten über ihn. Ich war noch nie bei Ihm zu Gast, aber ich weiß, er lebt sehr versteckt. Dort oben kommst du an eine Lichtung. Dahinter wirst du etwas abseits der Pfade laufen müssen, um ihn zu finden. Aber pass auf dich auf, das Wetter scheint heute launisch zu sein.«
Ich wunderte mich ein wenig über den besorgten Ton, stand auf und griff zu meinem Rucksack, um alsbald weiterzugehen, als er noch fragte: »Wie kommt dein Vater denn an diesen Kontakt?«
»Ich weiß es nicht. Ich habe recht wenig mit seinen Geschäftstätigkeiten zu tun. Aber mach Dir keine Sorgen, mir wird schon nichts passieren. Vielen Dank und auf Wiedersehen!«
»In Ordnung, grüß deinen Vater von mir« sprach er und verabschiedete sich, noch immer ein wenig verdutzt. Wir liefen aneinander vorbei und entfernten uns, aber ich hörte noch einige langsam verschwindende Worte des Sohns: »Meintet ihr den Oscar Fink, von dem du mir schon vor Jahren hast erzählt?« Und ganz leise, fast unhörbar stumm hörte ich anschließend noch einige undeutliche Wortfetzen durch den Wind: »…’s kein Märchen? …vor hundert Jahren…spielt.« Auch seine Stimme klang etwas irritiert, aber was half es mir, nun selbst nervös zu werden und auf halben Wege wieder umzukehren.
Kurz darauf kam ich an die Lichtung, von der der Bauer sprach. »Es war ein wunderschöner Ort«, dachte ich mir heute zum ersten Mal. Er lag einige hundert Höhenmeter über der Stadt. Deswegen war es noch etwas kühler, als in der Straße, wo ich gestartet war, hier an diesem besonderen Ort. Auch die Sicht war schlechter geworden, denn über der hohen Wiese hing ein zarter Schleier aus Nebel. Er ließ das Gras in einem kräftigen und gesunden Grün erstrahlen, weil alles andere sich vollkommen zurücknahm und unwichtig erschien. Der Himmel war grau und düster geworden. Keine Veränderung in den Wolken war mehr zu sehen. Das Licht schien gleichmäßig zart aus allen Richtungen. Unmöglich konnte man seinen Ursprung bestimmen. Unmöglich war’s von der Sonne gekommen, die vielleicht schon lange untergegangen sein mag. Mit unsichtbarer Macht legte es sich über jeden Gegenstand und war so rein und weiß, dass jeder Stamm und jeder Ast nicht mehr weltlich aussah, weil das Licht ihnen gänzlich ihre natürliche Färbung nahm. Wie unwirklich wirkte diese Szenerie! Weder blau noch rot war das Grau des Himmels und der Erde gefärbt, sondern schwarz, nur schwarz war alles und erhielt erst durch die Helligkeit des Lichts seine eigenartige Leichtigkeit. Allein das Gras leuchtete in lebendigem Grün, als mochte es eine eigene Geschichte erzählen. Zum ersten Mal seit Stunden war die Ruhe dieses Tages nicht merkwürdig, verhasst, sondern richtig und angebracht, als sei sie nur für diesen einen Ort des eigentlichen, wahren Lebens gemacht. Es war zauberhaft.
Ich verließ meinen Weg und wanderte über das Gras in den Wald, der hinter der Lichtung lag und suchte nach dem Schloss. Einige Stunden lief ich durch das Unterholz, ging mehrmals im Kreis, dachte mir ein Muster aus, das ich systematisch ablief, um keinen Ort zu übersehen. Denn mein Vater meinte am Morgen zu mir, es läge direkt hinter der Lichtung, sei unscheinbar, aber auffindbar, wenn man etwas die Augen aufhielt. Aber es war nicht da. Nirgends konnte ich es finden! Immer größer ließ ich meine Radien werden und entfernte mich, ohne es zu wissen, immer weiter von der Lichtung. Denn der Nebel war inzwischen immer dichter geworden und erschwerte mir meine Orientierung bis ich mir eingestand, dass es sinnlos war, weiter an meiner Pseudosystematik festzuhalten. Denn in Wahrheit lief ich seit einer geraumen Zeit schon wirr und ratlos durch den Wald, als wäre ich betrunken, stieß auf keine Hütte, keinen Schuppen oder gar ein Schloss und konnte auch nicht mehr die Richtung bestimmen, in der die Lichtung lag. Ich irrte umher und entschloss mich nach einer Weile, die Suche aufzugeben und den Heimweg anzutreten, da es bald anfangen würde, Abend zu werden. Allerdings ging ich endlos und endlos bergab, fand keinen Weg und keinen Pfad und sah durch den Nebel kaum weiter als zum nächsten Baum. Da hörte ich einen Pfiff, der nicht nach einem Vogel klang. Es konnte ein Mensch gewesen sein. Also ging ich ihm nach, in der Hoffnung nun endlich einen Weg zu finden. Doch niemand war da. Ich rief schüchtern in die Richtung, aus der der Ton gekommen war. Allerdings traute ich mich nicht wirklich lauthals auf mich aufmerksam zu machen. Denn ich hatte unheimliche Angst. Wovor genau, wusste ich nicht, aber gerade darum war sie ja so groß. Ist es nicht das Wesen der Angst völlig unerklärlich und unbegründbar zu sein, das heißt im höchsten Maße irrational? Zumal, Gründe vielen mir eigentlich genügend ein. Ich war allein, schutzlos und laut, für Schurken und Tiere eine leicht Beute, so konnte der Pfiff auch eine Falle gewesen sein. Es dämmerte und ich verfluchte den Boden, der nicht leise sein wollte, sondern knisterte bei jedem Schritt. Ich wollte nicht der erste sein, der hier lief, sondern endlich gestampfte Erde finden, die mir versprach, dass hier bereits tausend andere Menschen gegangen waren. Und zwar gute Menschen, die ich auch bei lichtem Tage getroffen habe, die keine Bösewichte waren, wie in Filmen oder Märchen. Ich ahnte leise, dass ich mir mehr einbildete, als tatsächlich wohl passieren konnte. Aber es war mir egal, ich wollte nur noch hier weg. Zum Übernachten war es zu kalt, zumal ich nicht die richtige Ausrüstung besaß und so blieb mir nichts anders übrig, als bis zur Verzweiflung weiterzulaufen. Ich dachte an mein warmes Zuhause, an mein Bett und meine Familie, da stieß ich plötzlich an einen Gartenzaum. Endlich! Ich atmete erleichtert auf und lief an die Tür des dazugehörigen Hauses, klopfte und eine überraschte, aber freundlich blickende Bäuerin machte auf.
»Wer bist du denn?« fragte sie.
»Entschuldigen Sie«, trug ich ihr an, »ich habe mich verlaufen. Darf ich mich vielleicht aufwärmen? Es ist sehr spät und bitterkalt hier draußen.«
»Natürlich, komm herein« antwortete sie prompt, zeigte mir einen Stuhl und reichte mir einen Teller Suppe. »Wir waren gerade fertig. Das hier sind die Reste.«
Ich bedankte mich eindringlich, erklärte ihr nach einigen Schlücken meinen Sachverhalt und erfuhr, dass dieses Häuslein hier mit Sicherheit nicht das Schloss eines Grafen sei, sondern der Hof der Familie Moser, der gut einen halben Tagesmarsch von den Außenbezirken meiner Heimatstadt entfernt gelegen war. Ich war erleichtert und sackte zusammen, dachte an Morgen. Wenn der Nebel verschwand, konnte ich getrost nach Hause wandern und saß morgen um diese Zeit dankbar und erleichtert, warm und geborgen zuhaus’. Über den Auftrag, das Päckchen abzugeben, wollte ich vor Aufregung und Anstrengung schon gar nicht mehr nachdenken. Ich war nur noch müde und wollte ins Bett. Als die gute Frau Moser mich dort hinführen wollte, kam allerdings ihr Mann aufbrausend und wissbegierig hereingestürzt.
»Mit wem redest du denn hier unten so lange?« fragte er seine Frau.
»Mit diesem Burschen hier, er stand eben vor der Tür und hatte sich im Nebel verlaufen, da habe ich ihn hereingelassen und ihm eine Suppe gegeben. Ich hoffe doch, dass ist dir recht? Immerhin lebst du nicht ganz alleine in diesem Haus.«
»Jaja, bestimmt«, gab er zurück, »nur komm dann bitte alsbald hoch. Was treibt er denn, dass es so wichtig ist?«
»Er sucht das Schloss eines Grafen Fink. Hast du davon gehört?« fragte sie ihn. Und der Bauer wandte sich zu mir und sprach:
»Soso, das Schloss des Grafen Fink. Warst du also noch nicht erfolgreich gewesen?« Ich schüttelte den Kopf und er fuhr fort: »Es ist eine Schnappsidee, schlag sie dir aus dem Kopf. Der Graf ist ein Betrüger und führt die Leute hinters Licht. Alles, was du über ihn hörst, ist frei erfunden, erstunken und erlogen!«
»Also kennen sie ihn?« fragte ich neugierig. »Und wissen, wie ich sein Schloss finden kann?«
Da stieß der Bauer heftig die Luft aus: »Pah! Von einem Schloss kann keine Rede sein! Der Graf ist ein armseliger Wurm, ein selbstgerechter Mensch, der gerne prahlt und sich selbst inszeniert. In Wahrheit lebt er in einem gewöhnlichen Bürgerhaus. Drei oder vier Geschosse ist es hoch, aus massiven Ziegeln erbaut, die im Abendlicht dunkelrot glühen, als würden sie brennen! Und jedes Geschoss ist mit einem Gesims unterteilt, das schmutzig und verkohlt aus der unheimlich glimmenden Fassade schaut. Die Fenster sind scharf aus der Wand gehauen, wie Schlitze oder Schießscharten sehen sie aus und sind von kunstvoll gearbeiteten Sandsteinfassungen umrahmt. Schwarz und finster verbergen sie, was im Inneren passiert. Auf einem breiten Sockel aus grob behauenen Stein steht dieses Haus des Teufels, in dem der Halunke haust. Man erkennt es nur zur richtigen Zeit. Wo es allerdings steht, kann ich dir nicht sagen. Hier jedoch suchst du mit Sicherheit am falschen Ort.«
»Nun, das wusste ich nicht, mein Vater sprach nur im guten Ton über ihn und seinen Wohnort. Aber ich habe ohnehin schon beschlossen, morgen heimzukehren und ihm von meinen merkwürdigen Eindrücken über diese zweifelhafte Person zu berichten. Allerdings habe ich die Hoffnung noch nicht aufgegeben, vielleicht hat sich mein Vater geirrt und er wohnt doch in der Stadt wie alle anderen Kunden. Dann werde ich ihn dort aufsuchen, denn die Werkstunden meines Vaters muss auch der Teufel entgelten« sagte ich im Spaß mit einem breiten Grinsen, das der Bauer Moser nicht erwiderte. Stattdessen setzte er angeheizt und fast schockiert dazu an, weiterzureden:
»Im guten Ton? Ich kann dir versichern, Oscar Fink ist ein schäbiger Mann.«
Da fiel ihm seine Frau harsch ins Wort.
»Sehr schön, das klingt doch gut. Wollen wir nur hoffen, dass morgen der Nebel verschwunden ist. Für heute ist es schon ziemlich spät. Deswegen zeige ich dir jetzt dein Bett. Bitte komm mit« bat sie mich und beendete so mit ihrer umsichtigen Strenge kompromisslos die eben erst begonnene Konversation.
Sie murmelte im Fortgehen noch mürrisch zu ihrem Mann: »Was redest du nur wieder für ein dummes Zeug?« Dann führte sie mich hoch in eine kleine Kammer. Dort stand ein Bett für mich parat und ein kleiner Schrank, aus dem sie das Bettzeug für mich entnahm, bevor sie mich alleine ließ, die Tür hinter sich zuzog und mir dabei noch den Rat zusprach: »Mein Mann tut ihm Unrecht. Es ist keine schlechte Idee, sich ein eigenes Bild vom Grafen zu machen. Nun, gute Nacht und sammle ein wenig neue Kraft.«
Nachdem etwas Zeit verstrich, wurde es ruhig im Haus der Bauernleute, die sich zu zweit auf ihr Zimmer zurückgezogen haben. Es grenzte unmittelbar an meine Kammer an. Ich lag einige Zeit noch unruhig und erschöpft auf meinem Bett. Da hörte ich plötzlich wieder den leisen Pfiff, wie vorhin im Wald. Ich war mir sicher, es war der gleiche Ton. Aber er kam nicht von drüben, wo die beiden Erwachsenen schliefen, sondern von unten. Dort, wo wir eben noch gegessen hatten. Aber wer konnte da sein? Die Eheleute waren kurz nach mir in ihr Schlafzimmer gegangen. Das konnte ich laut und deutlich durch das Knarren der Holzdielen vernehmen. Ich hörte sie anschließend noch undeutlich miteinander leise reden, verstand nicht, was sie sagten, aber auch dieses Plaudern war schon lange ausgeklungen.
So wurde ich neugierig und entschloss mich nachzusehen, schlich leise, weil ich die Verheirateten nicht wecken wollte, die Treppe hinunter und spähte vorsichtig in die Stube hinein. Doch dort war keiner zu sehen. Also drehte ich mich um, im Glauben mir wegen meiner Müdigkeit etwas einzubilden, als ich das Schloss der Haustür langsam zufallen hörte, als hätte sich jemand behutsam hereingeschlichen und mit der Klinke in der Hand versucht, das kurze, helle Rattern des Metalls so lautlos wie möglich zu gestalten. Es war ihm nicht ganz gelungen. Ruckartig drehte ich mich wieder um und sah vor mir einen kleinen Mann im Hausflur stehen. Höflich und aufmerksam blickte er mich an.
»Sei gegrüßt, hab keine Angst« hörte ich ihn hell und sanft sprechen. Er wirkte vollkommen unaufgeregt und gleichzeitig gefasst. Ich hingegen fragte unüberlegt und überstürzt: »Sind Sie der Graf? Sie sehen recht wohlhabend und tugendhaft aus?«
Mein Blick fiel an seinem Körper herab. Er trug einen altertümlichen Wams aus hellem weißen Stoff mit einer weit geschnittenen Pluderhose in gedecktem Rot, die bis zu den Kien locker Falten schlug, darunter lange, feine Strümpfe und edle, schwarze Stiefel. Er war gekleidet wie ein Schneiderlein vor fünfhundert Jahren. Der Stoff schien sehr kostbar zu sein, die Knöpfe am Wams glänzten in edlem Gold.
»Mit Verlaub«, sprach er freundlich und bescheiden, »das bin ich nicht. Ich habe dich heute beobachtet, wie du im Wald herumgeirrt bist. Du suchtest das Schloss eines Herrn Oscar Fink. Ist das korrekt?«
»Ja« gab ich kurz und entkräftet zurück, als hätte er mich einer Straftat überführt.
»Und du hast es nicht gefunden?« fragte er weiter.
»Nein« antwortete ich mit einem leichten Fragen in der Stimme, über welches ich mich selbst etwas wunderte.
»Mir scheint, du bist mit der Geschichte des Schlosses nicht sehr vertraut. Also bitte, setz dich.« Und er machte eine Geste, indem er mit beiden Händen in die Stube wies. Ich reagierte, als sei es eine Selbstverständlichkeit seiner höflichen Bitte nachzukommen und setzte mich an den ersten Tisch neben der Tür. Das Männlein folgte mir in seriöser Freundlichkeit, schlug die Versen zusammen und fing an, sich mit einem humorvollen Lächeln zu erklären: »Darf ich mich vorstellen? Man nennt mich Zauberling. Wenn Sie einverstanden damit sind, würde ich mich gerne zu Ihnen gesellen?«
Ich musste selbst ein wenig lachen, weil er in dieser komischen Art auf einmal angefangen hatte, mich zu siezen. Aber ich musste ihm sonst nichts weiter sagen, weil wir beide den Witz bereits verstanden hatten. Er setzte sich zu mir und ich fragte ihn:
»So bist du ein Diener des Grafen?« worauf er antwortete:
»Wohl nicht in dem Sinn, wie du es verstehst. Ich bin ein Bote des Lebens selbst, ein Helfer des Schicksals, aber genug der einleitenden Worte. Lass uns keine Zeit verlieren, ich habe dir einiges zu erzählen. Denn, um zum Schloss zu gelangen, muss man seine Entstehung verstehen.«
Kurz wurde er still, dann atmete er voller Freude auf und begann euphorisch, fast als würde er ein Loblied singen wollen, die Geschichte aufzusagen, von dem Grafen, der doch keiner war.
Hoch oben im Geäst, zwischen Zeig und Blatt eines alten, greisen Apfelbaums, saß allein ein einsamer Eichelhäher und schaute hinab auf Trubel und Geschäftigkeit, auf Tanz und Freudenspiel, den Taumel des Frühjahrsreigen aller Bewohner des kleinen Gartens. Bucklig stand der Baum und bescheiden, am äußersten Rande der Wiese, mit Hecke und mit Zaun wohlig beisammen. Wo alles um ihn herum kräftig blühte, trug er nur noch einen letzten Rest seines weißen Schmucks, aber genoss das Vogelzwitschern unter seinen krummen Armen nichtsdestotrotz. Dort kamen jubelnd die Spatzen und die Stare in lauter Schar, eilig sich versammelnd, gemeinsam zum Bade. Fern in des Garten and’rer Ecke, wo mächtig prahlend ein Kirschbaum strahlte, verließen zwei junge Spechte nun neugierig ihre trauten Verstecke. Wohl als frohes Liebespaar tänzelten sie zweisam, um den endlos breiten Stamm einer mächtige Akazie herum und klopften und hämmerten und suchten ihn ab, nach einem kleinen Insekt, das sich unter der Rinde verkrochen hat. Eifrig war das Männchen bemüht seinen Hunger zu stillen ohne jedoch die Dame je aus den Augen zu verlieren. Da flog sie zum nächsten Baum und präsentierte ihm fröhlich ihr weiß auf schwarz geschecktes Federkleid. Sofort folgte er ihr und die emsige Arbeit begann von vorn. Wieder kletterten die beiden im Rindengebirge herum und es schien ihnen ein Vergnügen zu bereiten. Unablässig spürten sie Larven auf oder klemmten Samen in ihre Schmieden ein und die Anstrengung ihrer Aufgabe schien dabei unbedeutend zu sein. Denn sie taten es nicht für sich allein.
Schon tauchten am Stamm der Akazie zwei Eichhörnchen auf, die noch wilder gar als das eingespielte Liebespaar ein Verfolgungsspiel aufführten. Sie interessierten sich nicht für die Insekten unter ihren Füßen oder längst vergessene Nüsse, sondern wollten nur den Partner finden. Jedes Mal, wenn sie einander trafen, blieben sie für den Bruchteil einer Sekunde stehen, wedelten sich wild und aufgeregt gegenseitig mit den wattig, weichen Schwänzen zu, um anschließend wieder voreinander wegzurennen. Unzählige Male veranstalteten sie diese Kindelei, verschwanden am rechten Rand des Akazienstammes, um wie von Zauberhand im nächsten Moment an einer weit entfernten Astgabel wieder aufzutauchen. Bis ein dritter Spielgefährte auf die Bühne trat. Da wurd’ es der Verfolgten wohl zu bunt und sie sprang mit einem weiten Satz auf einen dichten, grünen Tannenzweig, der sich bereits im Nachbarsgarten befand und war davon. Nun schauten die beiden Verbliebenen ganz schön dumm. Wie herzzerreißend süß war es anzuschauen, dieses Theaterstück der Akazienkönige!
Die größten Akteure der Gartenbühne waren sie indes nicht. Denn neben der Akazie stand eine Buche von ähnlicher Dimension, kaum einen großen Schritt entfernt. In enger Umarmung umschlangen sich ihre Äste ohne sich dabei je zu bedrängen. So selbstverständlich wie sie sich nahe standen, gaben sie sich gegenseitig ihren Platz. Es waren zwei Wesen, die wie eines wirkten, weil sie sich gleich verhielten, sich halfen, verstanden und gegenseitig respektierten. Selbstlos ließen sie Specht und Eichkatzerl auf sich toben und boten dem gesamten Garten im Sommer ein himmlisches Blätterdach. Denn sie sahen keinen Grund, sich anders zu verhalten und lebten in demütiger Bescheidenheit, zufrieden über ihre eig’ne, unbemerkte, zauberhafte Partnerschaft.
Wie viele Geschichten gab es hier noch zu erleben? Über den lustigen Feldsperling, der fröhlich zwischen den mürrischen Tauben wie eine Elster umherstolzierte, konnte man erzählen oder von den Abenteuern des Kleibers in seiner beigen Latzhose berichten. Und inmitten dieser einfachen Harmonie der heit’ren Gartenszenerie saß ein kleiner Bursche mit dunkelbraunem Haar, vergnügt im Gras, das lange nicht gemäht, launisch und hoch gewachsen war. Er trug eine einfache Kordel in der Hand, an deren Ende er ein dünnes Holzstück gebunden hat und zog es langsam horchend durch die Wiese. Da kam sein Kater aus dem hohen Gras hervorgesprungen und griff mit scharfer Tatze schnell, geübt und präzise die Attrappe, warf sich plump zu Boden und kaute auf dem arglosen Opfer, das der Junge mit seiner Schnur noch etwas zucken ließ. Er war glücklich in dieser Sekunde, doch verließ er bald darauf sein Elternhaus und ging zur Schule, ging in die Universität, wechselte schnell zur Architektur. Er kam immer seltener dazu im Garten seiner Eltern unbekümmert zu sitzen, die warmen Sonnenstrahlen im Nacken spürend, nur auf das Spiel mit der Schnur und seinem Kater zu achten. Stattdessen füllte sich seine Welt nun mit Büchern und Zahlen, neuen Gesichtern und Erfahrungen. Neugierig beobachtete er auch dieses komplexere Spiel des Lebens, stürzte sich in die Neuheit, Vielzahl und Größe dieser Welt, stieg zum ersten Mal in finstere Kneipen mit unbekannten Fremden ab, die dort unten plötzlich zu seinen besten Freunden geworden sind. Nur war er stets darauf konzentriert, im Studium sich anzustrengen, keine Zeit zu verschwenden und die erforderlichen Prüfungen zu bestehen, weil er es als seine Pflicht ansah, niemals seine Eltern zu enttäuschen. Und so ging er durchaus immer wieder ins Nachtlokal, aber tat sich häufig schwer, es zu genießen, da er sich verpflichtet fühlte, seine Zeit in Sinnvolleres zu investieren. Es war ihm nichts verboten und freie Hand gelassen worden von seinen guten Eltern, die ihm vertrauten und doch war es eine Zeit der unbemerkten Belastung, in der sich Oscar damals befand. Denn er wollte niemals durch seine eigene Disziplinlosigkeit bei seiner Familie in Missgunst fallen, sondern dem Beispiel seiner beiden Brüder folgen, die eifriger waren als er und Gefallen an den sinnvollen Dingen fanden wie Wissenschaft, Zahlen und Fakten. Sie gingen wie sein Vater den vernünftigen Weg und studierten erfolgreich an einer angesehenen Universität. Oscar hingegen tat sich schwerer damit, blieb ewig das Sorgenkind und flüchtete vor der überfordernden Anonymität der Großstadt in die Provinz. Zumindest dort musste er die einfache Schule der modernen Architektur bestehen, um nicht im schmerzhaften Schatten seiner Brüder unterzugehen. Dafür nahm er viel in Kauf, vertane Freuden und eine wachsende Unzufriedenheit.
»Es ist zu ungenau!« rief eine raue, gebrechliche Stimme aus der Ferne, »wie soll er es verstehen, wenn du die Geschichte so stark verkürzt, lieber Zauberling?«
Ich erschrak, als ich die Person erkannte, die da gesprochen hatte. Es war ein alter Greis, der im Zwielicht des Mondscheins am anderen Ende des Zimmers saß, in der Fensternische an der Außenwand. Nur schwach war seine dunkle Gestalt von hinten beleuchtet und wirkte kümmerlich und unbedeutend, da sie kaum zu erkennen, undeutlich und verschwommen, weniger einem Menschen als einem unwirklichen Schatten glich. Doch kurz erkannte ich klarer die Konturen seines fahlen Gesichts, als er im Aufstehen begriffen, seinen Körper für einen Augenblick etwas zum Fenster hinwandte. Im Halbprofil sah ich deutlich seinen traurigen Blick! Glasig glänzten seine Augen in der Sekunde, als das weiße Licht schemenhaft über ihn fiel und einen linienhaften Schimmer auf seiner feuchten Haut entstehen ließ, der senkrecht vom Auge hinab über die Wange glitt. Etwas in der Erzählung des Zauberlings musste ihn sehr bewegt haben. Nun aber lief er gegen das Licht zu uns und setzte sich so geschickt an unseren Tisch, dass man von seinem Gesicht kaum mehr als den vorigen Schatten noch erkannte. Jetzt, da er nah bei uns saß, sah ich auch seine Kleidung besser. Sie war nicht schwarz und farblos, sondern dunkelblau. Er trug Anzugshose und Pullover. Seine Haare waren dunkelbraun. Ruhig und überlegt setzte er zum Sprechen an:
»Wenn du gestattest, lieber Zauberling, würde ich gerne übernehmen. Ich möchte von einem Erlebnis im späten Januar erzählen, als ich das Studium bereits beendet und seit Kurzem zu arbeiten begonnen hatte.«
Es fühlte sich wie ein Abschied an, als ich an einem kühlen und sonnigen Januarmorgen die Haustüre hinter mir zuzog, sie uncharmant ins Schloss fiel, wie es nur diese charakterlose Kunststofftür in zerkratztem Weiß zu vermögen schien. Es war ein Haus, aus dem ich da kam, in dem alles diese Sprache der pragmatischen Vernunft sprach. Und es war mir verhasst, dieses kurze, knirschende Klacken wie das Knurren des sich in lächerlicher Manier aufspielenden winzigen Nachbarshund, an dem ich als Grundschüler jeden Morgen vorbeizugehen hatte. Ich versuchte nicht mehr darauf zu achten, aber so plötzlich und schnell wie der kleine Kläffer von der Eingangstür, auf der Fußmatte ruhig liegend, aufgesprungen war, um mich am Hoftor aus meinem morgendlichen, schlaftrunkenen Dahinwandeln zu reißen, so plötzlich und schnell ärgerte mich auch dieser unbedeutende Klang des Schlosses, vor dem ich mich nicht zu schützen wusste, als ich nun zwischen wenigen, kahlen Hecken unmittelbar an einer der großen und wichtigen Einfahrtsstraßen zur Stadt stand. Ich ging sie entlang und dachte darüber nach, wie ich vor vier Jahren wohl diesen Ton der Tür zum ersten Mal gehört haben muss. Ich konnte mich nicht daran erinnern, war es eben nur eine Nichtigkeit, auf die zu achten, mir damals wohl nie in den Sinn gekommen wär’. Heute tat ich es und wünschte mir, ich könnt’s noch immer ignorieren.
Wie so häufig lief ich in den alten Kern der Stadt, über langweilige Kreuzungen, an nichtssagenden Gebäuden vorbei, die ich fast jeden Tag zu sehen bekam, dorthin, wo mich vor Jahren schon jede Winzigkeit begeistert hat. Damals erfüllte mich ein unendlich strahlender Zauber, als ich das erste Mal durch das Gewirr der mittelalterlichen Gassen lief, rastlos bemüht alle tausend Sinneseindrücke gleichzeitig wahrzunehmen und meinen Kopf dabei unermüdlich in alle Richtung, auf und ab und hin und her, zu bewegen. Hastig und unstet muss ich dabei ausgesehen haben, wie ein Rotkehlchen, das in höchster Vorsicht am Boden nach Körnern sucht und dabei wild mit dem Kopfe zuckt. Die Gassen waren voll, das Gedränge war groß, die Schriften und Lichter und Formen und Farben stets neu und schöner als zuvor, aber doch gab es keine Willkür, keine Wahllosigkeit, sondern eine ahnungsvolle Ordnung, in den so sorgfältig entworfenen, sinnreichen Bögen der Straßen. Es gab eine Einheit im scheinbar zufällig Angehäuften und es gab eine Harmonie im scheinbar Widersprüchlichen. So lief ich damals das erste Mal durch die alten Gassen dieser Stadt und entschied mich zu bleiben. Ich stellte mich ins Zentrum eines jeden Platzes, jeder Kreuzung oder Gabelung, suchte die exponiertesten Stellen, um alles zu erfassen, entdeckte große Blickachsen und ließ mich von einem Kätzchen viel zu lange entführen. Denn ich wollte alles kennenlernen und aufsaugen, was meine Sinne mir darbrachten. Und duzend neue Menschen lernte ich kennen, die mich faszinierten oder ängstigten und doch am Ende zu meinen Freunden wurden. Wie wunderbar war diese Zeit! Heute jedoch lief ich vollkommen anders durch die Stadt. Gegen Mittag kam ich am Domplatz vorbei. Doch es drängte mich nichts, auf ihm herumzulaufen, mich ins Zentrum zu stellen und die Sonne zu genießen. Stattdessen lief ich eng an den Schaufenstern der Fassaden entlang, schlüpfte in eine Bäckerei hinein und kaufte mir eine Kleinigkeit. Während ich den Laden mit einem Glockengebimmel verließ und darüber nachdachte, welches Plätzchen sich für meinen Mittagsschmaus anbot, musste ich mir eingestehen, dass sich diese Stadt in meinen Augen stark verändert hat.
Mich plagte seit einigen Wochen ein arges, immer wiederkehrendes Bauchweh, keines, wie es ein Kind hat, das einen weinen und kreischen
