Verlag: FISCHER E-Books Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

Ostfriesenangst E-Book

Klaus-Peter Wolf

4.61458333333333 (96)

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Ostfriesenangst - Klaus-Peter Wolf

Die erfolgreichste Ostfriesenkrimi-Serie im NordenDer sechste spektakuläre Fall für Hauptkommissarin Ann Kathrin KlaasenEine Schulklasse hat mit ihrem Lehrer eine Wattwanderung gemacht. Und ist ohne ihn zurückgekommen. Da gibt es zwei Möglichkeiten, denkt sich Ann Kathrin Klaasen. Entweder war er ein verantwortungsloser Mensch, der seine Klasse in große Gefahr gebracht hat, und dabei selbst ums Leben gekommen ist. Oder ein paar teuflische Schüler haben die Situation ausgenutzt, um einen unliebsamen Lehrer loszuwerden… Für Ann Kathrin Klaasen und Frank Weller stellt sich bei ihren Ermittlungen die Frage: Sind die halbtoten Kinder am Strand von Norddeich Täter oder Opfer?

Meinungen über das E-Book Ostfriesenangst - Klaus-Peter Wolf

E-Book-Leseprobe Ostfriesenangst - Klaus-Peter Wolf

Klaus-Peter Wolf

Ostfriesenangst

FISCHER E-Books

»Andere haben ein schickes Auto und eine Ferienwohnung. Ich leiste mir den Luxus einer eigenen Meinung – das ist viel teurer.«

Ann Kathrin Klaasen, Hauptkommissarin, Kripo Aurich

»Bin ich ein Barhocker? Muss ich mit jedem Arsch klarkommen?«

Rupert, Kommissar, Kripo Aurich

»Nicht jammern. Einfach besser sein!«

Ubbo Heide, Kripochef Aurich/Wittmund

Ostfriesenangst

Das Schlimmste war: Bollmann wusste genau, dass er keine Chance hatte. Das Wasser im Priel war zu einem reißenden Fluss geworden. Er versuchte, sich mit einer Hand an einem Muschelhaufen festzuhalten. Es waren wilde Austern, die ihre Kolonie aber nicht auf einem Felsen gebildet hatten, sondern auf einer Miesmuschelbank. Die scharfen Schalen schnitten in seine Finger, trotzdem zog er sich hoch, drückte sogar sein Gesicht dagegen, ja versuchte, sich festzubeißen.

Unter seinem Gewicht lösten sich die Austern ab, und er verlor den letzten Halt.

Es kam ihm vor wie ein makabrer Witz. Wie oft hatte er gesagt, für Austern würde er sterben? Wie oft hatte seine Frau ihn gewarnt, das glibbrige Zeug würde ihn noch umbringen? Aber er liebte es, frische Austern zu schlürfen. Mit Zitrone. Oder mit einem Spritzer Sekt.

Jetzt würde er mit Austern in der Hand verrecken. Hier, in seiner geliebten Nordsee, zwischen Norderney und Norddeich, im Watt.

Er schluckte Salzwasser und hustete.

Er stellte zu seiner eigenen Verblüffung fest, dass es pazifische Austern waren, die hier wilde Kolonien gebildet hatten.

Die Hoffnung stirbt zuletzt, dachte er, und Hoffnung hatte er keine mehr.

Er spürte seine Beine nicht. Vom Bauchnabel an abwärts war er wie gelähmt.

Bollmann hatte eigentlich vorgehabt, sich nach der Pensionierung hier, am Küstenstreifen, niederzulassen. Er glaubte, Ostfriesland sei ein guter Ort, um alt zu werden und um den Lebensabend zu genießen. Er hatte sich mit seiner Frau sogar gegen ihren anfänglich heftigen Widerstand auf eine Seebestattung geeinigt.

Sie hatte behauptet, eine Seebestattung sei für den überlebenden Partner keine gute Lösung. Sie selbst bräuchte für sich einen Ort der Erinnerung, an den sie gehen könnte, um ihm nah zu sein, falls er vor ihr sterben sollte, was Gott verhindern möge, denn sie fürchtete nichts mehr als das Alleinsein.

Nun, eine Art von Seebestattung war das hier ja im Grunde. Er hoffte für seine Frau und seine Schüler, dass er nicht als Wasserleiche gefunden werden würde.

Wenn das Meer mich nimmt, dann soll es mich auch ganz nehmen, dachte er. Sie sollen mich so in Erinnerung behalten, wie ich gelebt habe. Ich will nicht irgendwo aufgeschwemmt und angefressen an Land gespült werden.

Er schaffte es nicht, sich über Wasser zu halten. Eine Qualle platschte in sein Gesicht.

Rita Grendel konnte sich das Gekrampfe nicht länger mit ansehen. Mit ungeschickten Fingern versuchte Ann Kathrin Klaasen, aus einer weißen und einer roten Serviette eine Papierblume zu formen. Das Gebilde sah aber eher aus wie ein leck geschossenes Piratenschiff.

Rita nahm es ihr aus der Hand und zeigte ihr Schritt für Schritt, wie es geht.

Nach der Bastelanleitung gelang Ann Kathrin eine einigermaßen ansehnliche Papierblume.

Frank Weller sah ihr dabei gespannt zu, drückte ihr innerlich die Daumen und klatschte jetzt übertrieben Beifall.

Ann Kathrin sah ihn tadelnd an. »Ich habe eine Papierrose gebastelt, Frank, nicht das Empire-State-Building gebaut.«

Rita grinste. »Wenn ich Fernsehkrimis gucke, dann leben die Kommissarinnen immer in kaputten Beziehungskisten oder haben gar kein Sexualleben mehr. Aber wenn ich euch zwei Turteltäubchen sehe, dann stimmt entweder mit euch etwas nicht oder mit den Fernsehkrimis! Tut mir richtig leid, euch trennen zu müssen. Aber nach alter ostfriesischer Sitte machen die Frauen jetzt hier in der Stube die Blumen und die Männer draußen den Bogen.«

Peter Grendel stimmte ihr zu. Er stand in der Tür und füllte den gesamten Rahmen aus. Er zog Weller zu sich.

Weller hielt noch die mitgebrachte Schnapsflasche in der Hand.

Peter Grendel betrachtete den Aquavit kritisch und lachte: »Wie schrecklich muss denn Schnaps schmecken, den man erst in Fässern über den Äquator schippern muss, damit man ihn überhaupt trinken kann?«

Ann Kathrin zwinkerte ihrem Frank zu. Er las in ihrem Blick: Siehst du. Hier trinkt man Doornkaat, Liebster, Norder oder wenigstens Corvit.

Peter Grendel klopfte Weller auf die Schulter. Der knickte fast in den Knien ein.

»Keine Angst, wir lassen dich mit deinem Klaren nicht hängen. Wir helfen dir dabei, den zu vernichten. Da sind wir Kumpels, ist doch klar. Und jetzt komm mit nach draußen.«

Peter hatte Handschuhe für alle Männer dabei. Die waren Frank Weller allerdings ein paar Nummern zu groß.

Peter Grendel hatte die Tür von dem neuen Nachbarn bereits ausgemessen und den Holzrahmen für den Bogen geschnitten. Die Männer umwickelten den Rahmen jetzt mit Tannenzweigen.

»Es ziehen immer mehr Nordrhein-Westfalen zu uns, aber gerade deshalb ist es wichtig, solche Traditionen aufrechtzuerhalten«, sagte Peter Grendel nicht ohne Stolz. »Die neuen Nachbarn sollen wissen, dass sie willkommen sind.«

Alle Bewohner der Straße halfen mit. Der gesamte Distelkamp hatte sich versammelt. Es war gar nicht genug Arbeit für alle da, dafür aber genug Bier.

Laura Godlinski warf sich auf dem Deich ins Gras. Sie wurde von einem Heulkrampf geschüttelt und wollte nur noch nach Hause. Sie konnte diese Rufe nach Bollmann nicht mehr ertragen. Selbst Felix und Kai, die sonst aus allem einen Witz machten, hatten ihre Clownsgesichter verloren. Das blanke Entsetzen war ihnen anzusehen.

Noch vor kurzem hatten sie Bollmann verflucht und ihm die Pest an den Hals gewünscht. Jetzt fieberten sie mit dem Seenotrettungsdienst, und wenn Laura sich nicht täuschte, betete Felix sogar heimlich.

Zwei Hubschrauber kreisten über ihnen. Es war noch hell, doch Laura wusste, dass all das Suchen sinnlos war. Niemals würde sie den Rettungskräften erzählen, was im Watt geschehen war, und der Polizei schon gar nicht. Aber sie schämte sich wie noch nie zuvor in ihrem Leben, und am liebsten wäre sie auch gestorben oder zu Hause bei ihrer kiffenden Mutter gewesen, die mal wieder einen neuen Freund hatte. Natürlich einen Gitarristen. Sie verliebte sich nie in Schlagzeuger oder den Bassmann. Nein, es musste immer der Frontmann sein. Sänger und Leadgitarrist.

Auch Bollmann spielte Gitarre. Konzertgitarre. Sie sah ihn jetzt wieder vor sich – so lebendig! Er spielte wieder diese alten Woodstocksongs.

Sie schüttelte sich. Nein, sie wollte diese Bilder jetzt nicht sehen. Sie sollten raus aus ihrem Kopf.

Frau Müller-Silbereisen kam über den Deichkamm auf Laura zu. Die Lehrerin schwankte. Manchmal wusste Laura ganz genau, was passieren würde, kurz bevor es geschah. Dies war so ein Moment.

Frau Müller-Silbereisen lächelte noch milde, doch dann brach sie zusammen. Ihr Körper rollte den Deich hinunter, wie Kinder es manchmal übermütig taten, nur war Frau Müller-Silbereisen ohnmächtig und drohte gegen die steinernen Wellenbrecher zu schlagen.

Laura packte ihre Füße und hielt sie fest. Mit dem Oberkörper lag Frau Müller-Silbereisen schon auf dem Asphalt, mit den Beinen aber noch im Deichgras.

Laura fuhr Felix und Kai an: »Was glotzt ihr so? Vielleicht helft ihr mir mal?!«

Aber bevor die zwei bei ihnen waren, hob Frau Müller-Silbereisen schon ihren Kopf. Sie riss die Augen weit auf und verzog den Mund zu einem irren Lächeln. Sie wischte sich mit einer fahrigen Bewegung die Haare aus der Stirn und versuchte aufzustehen.

»Ich bin okay«, sagte sie, »es geht mir gut. Alles in Ordnung.« Dann brach sie erneut zusammen.

Ann Kathrin Klaasen war ganz stolz auf sich, weil sie die Blumen inzwischen so schön hinkriegte. Es lagen schon zweiundzwanzig vor ihnen auf dem Tisch.

Rita Grendel schenkte Ostfriesentee nach. Es war schon die vierte Tasse. Eigentlich hätte Ann Kathrin lieber Kaffee getrunken oder ein Glas Rotwein, aber sie wollte kein Sakrileg begehen. Dies hier war ein ostfriesisches Ritual und sie, als Zugereiste, hatte den Ehrgeiz, es besonders richtig zu machen.

Vom Tee und vom Schnaps war ihr ein bisschen flau, aber es lagen Frikadellen von Meister Pompe auf dem Tisch und sie aß schon die dritte, um den Abend durchzustehen.

»Als ich mit meinen Eltern von Gelsenkirchen zunächst nach Köln gezogen bin, ist dort kein Mensch auf die Idee gekommen, unsere Tür zu bekränzen und uns willkommen zu heißen«, sagte Ann Kathrin.

Draußen hörten sie die Männer lachen. Die Frauen gingen gemeinsam raus, um zu schauen, wie weit die Männer waren. Das Fässchen Bier war leer und das Holz des Bogens unter dem Tannengrün gar nicht mehr zu erkennen.

Fritz Lückemeyer kam auf dem Fahrrad vorbei, um bei einem Freund, der im Urlaub war, die Mülltonne herauszustellen. Er hielt an, und nachdem er den Bogen genügend bewundert und einen Schnaps mitgetrunken hatte, erwähnte er, dass in Norddeich irgendetwas Schlimmes passiert sein müsste.

»Ich bin bei Diekster Köken am Deich entlanggeradelt. Da ist ein großer Aufwand an Rettungskräften.«

Ann Kathrins und Wellers Handys meldeten sich mit nur wenigen Sekunden Abstand. Ann Kathrins Handy heulte wie ein in Not geratener Seehund, Wellers spielte »Piraten Ahoi!«.

»Du hattest mir doch versprochen, das Ding zu Hause zu lassen«, tadelte Rita Grendel ihre Freundin, doch da hatte Ann Kathrin ihr Gerät schon am Ohr.

»Nein, Ubbo. Egal, was du mir erzählen willst, wir kommen jetzt nicht. Wir machen gerade einen Bogen für die neuen Nachbarn und …«

Ihr Chef Ubbo Heide atmete schwer. Er klang müde und heiser. Er versuchte wie immer, durch Sachlichkeit zu überzeugen: »Ann, eine Schulklasse hat mit ihrem Lehrer eine Wattwanderung gemacht. Und sie sind ohne ihn zurückgekommen. Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder hat ein verantwortungsloser Lehrer seine Klasse ohne Wattführer in große Gefahr gebracht, ist dabei ums Leben gekommen, und wir müssen froh sein, dass die Schüler es überlebt haben, oder eine paar teuflische Kids haben die Situation genutzt, um einen unliebsamen Pauker loszuwerden …«

Er sprach nicht weiter.

»Von uns kann keiner mehr fahren«, sagte Ann Kathrin.

»Das ist mir egal. Ich brauche euch hier. Nehmt euch ein Taxi. Ich kann euch keinen Wagen schicken. Hier ist die Hölle los. Und in ein paar Stunden werden hier die Eltern dieser Kinder anrücken. Mit ihren Anwälten und Psychologen. Bis dahin sollten wir wissen, ob sie Opfer oder Täter sind.«

Ann Kathrin nickte Weller zu. Er hatte die aufgeregte Sylvia Hoppe am Handy, die ihn anflehte, sofort nach Norddeich zu kommen. Sein Handy war wie immer so laut gestellt, dass alle Umstehenden mithören konnten.

»Wieso Norddeich? Wer geht denn von Norderney nach Norddeich? Das ist wegen der tiefen Priele und des Fahrwassers doch kaum möglich. Wattwanderungen nach Norderney starten in Neßmersiel und führen auch dahin zurück.«

»Ja, diese und viele andere Fragen gilt es zu klären. Du kannst dir nicht vorstellen, was hier los ist. Wir haben es mit halbtoten Kindern zu tun. Wir wissen noch nicht einmal, wie viele fehlen.«

Ann Kathrin machte eine schneidende Handbewegung durch die Luft. »Wir kommen!«

Ein Taxi der Firma Driever fuhr durch den Distelkamp und wollte eigentlich in den Roggenweg. Peter Grendel rannte hin und hielt das Taxi an. »Das ist ein Notfall«, sagte er. »Kannst du die Kommissarin nicht …«

»Aber klar, Peter.« Der Taxifahrer war sofort bereit, Ann Kathrin und Weller nach Norddeich zu fahren.

Ann Kathrin stieg hinten ein und telefonierte noch einmal mit Ubbo Heide.

»Wir brauchen alle Wattführer vor Ort. Auf deren Sachverstand können wir jetzt nicht verzichten. Tamme. Kurt Knittel. Niko. Anita. Heiko. Die ganze Bande!«

Der Taxifahrer bog auf die Norddeicher Straße ein. Er wischte sich mit dem Handrücken über den Mund und sagte: »Also, wenn Sie mich fragen, die haben den umgelegt.«

»Wer wen?«, fragte Weller.

»Die Schüler ihren Lehrer. So eine Gelegenheit hätten wir uns damals auch nicht entgehen lassen. Ich habe meinen Mathelehrer gehasst …«

Von hinten meldete sich Ann Kathrin Klaasen zu Wort: »Woher wissen Sie denn von der Sache? Man hat uns erst vor ein paar Minuten informiert.«

»Mein Bruder ist bei der Freiwilligen Feuerwehr. Den haben sie vorhin angerufen, ob er nicht …«

»Freiwillige Feuerwehr? Was hat die denn damit zu tun?«

»Ich glaube, die brauchen gerade jeden Mann. Es weiß doch keiner, wie viele Schüler noch im Watt herumirren. Der muss doch bekloppt gewesen sein!« Der Fahrer tippte sich heftig gegen die Stirn. »Von Norddeich-Mole nach Norderney! Ich glaube, ich habe schon Wollpullover getragen, die hatten einen höheren IQ als dieser Typ.«

Weller sah sich nach hinten zu Ann Kathrin um. Sie hatten sich beide diesen Abend anders vorgestellt.

Die untergehende Sonne färbte den Himmel jetzt blutrot. Als sie auf Höhe von Ollis Tankstelle waren, kam auf Ann Kathrins Handy eine SMS von Rita Grendel an.

Falls ihr es heute nicht mehr schafft, soll ich dann eure Unterschriften auf dem Willkommensschild für die neuen Nachbarn fälschen?

Trotz der dramatischen Situation tat Ritas Witz Ann Kathrin gut. Sie antwortete knapp: Ja, bitte tu das.

Direkt vor Metas Musikschuppen stoppte das Taxi. Weller zahlte und ließ sich eine Quittung geben, während Ann Kathrin bereits ausstieg, die Deichtreppe hochging und sich die Szene von weitem ansah. Sie fühlte sich betrunken, und es war, als würde ihr der Alkohol mit jeder Stufe mehr zu Kopf steigen. Sie sah uniformierte Kollegen aus Norden und aus Aurich und sogar einige, die sie gar nicht kannte. Sie schätzte, dass zwischen Diekster Köken und Utkiek mindestens fünfzig, sechzig Menschen herumrannten.

Obwohl es noch hell war, liefen Hilfskräfte mit Taschenlampen herum, und Lichtkegel von Hubschraubern und Rettungsbooten tasteten das Meer ab.

Der Nordwestwind brachte kühle Luft. Abseits vom Geschehen ließen sich hunderte Möwen auf dem Deichkamm nieder. Aus Ann Kathrins Position sah es aus, als hätte jemand eine weiße Decke über die Wiese geworfen. Der Wind bewegte sie wellenförmig.

Weller tauchte hinter ihr auf. Er fragte sich, wieso sie nicht zu den Kollegen ging, sondern hier stand und die Möwen betrachtete. Er ahnte, dass er aus dieser Frau nie wirklich schlau werden würde.

Sie schien sein Kommen nicht bemerkt zu haben.

»Packt Christo jetzt Deiche ein?«, fragte er.

Ann Kathrin reagierte nicht, als sei sie in tiefer Meditation versunken und wolle eins werden mit der Landschaft.

Er stellte sich vor sie, so dass sie ihn ansehen musste. »Christo«, erklärte er gestikulierend. »Dieser Typ, der den Bundestag eingepackt hat …«

Fast abwesend, als würde sie gar nicht wirklich zu ihm sprechen, antwortete sie: »Ich weiß, wer Christo ist. Er hat nicht den Bundestag eingepackt, sondern den Reichstag.«

Nicht weit von ihnen entfernt, am Rand vom Hundestrand, stieß ein erregter Schüler den Polizisten Paul Schrader mit beiden Händen gegen die Brust. Schrader stolperte und fiel hin. Der Junge lief in Richtung Ann Kathrin und Weller den Deich hoch.

Paul Schrader brüllte. »Haltet ihn!«

Weller wollte dem Rothaarigen den Weg abschneiden. Wenn er geahnt hätte, dass gerade einer der besten Bochumer Sprinter vor ihm weglief, hätte er sich vermutlich geschickter angestellt. So machte der Jugendliche Weller klar, dass er längst zu einer lahmen Ente geworden war.

Ann Kathrin blieb fast bewegungslos stehen, und der Schüler rannte ihr praktisch in die Arme. Vielleicht nahm er eine Frau nicht ernst oder schätzte sie nicht als Kripobeamtin ein. Sie stoppte ihn mühelos. Dann sah sie in sein trotziges Kindergesicht.

Er hatte ein irisches Aussehen. Lange rote Locken und eine sehr weiße Haut, von vielen Sommersprossen gesprenkelt. Er musste eine starke Sonnencreme benutzt haben, die sein Gesicht wie Wachs überzog. Er war dünn und lang. Sein Hemd flatterte aus der Hose, sein Bauchnabel lag frei. Er trug billige Turnschuhe ohne Socken. Ann Kathrin vermutete, dass er so durchs Watt gelaufen war. Er hatte die Hosenbeine bis zu den Knien aufgekrempelt und an seinen Waden klebten angetrocknete Matschspuren.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte Ann Kathrin.

Er sah sie an, als würde er darüber nachdenken, ob er ihr einen Faustschlag verpassen oder sich lieber in ihren Armen ausheulen sollte. In ihm kämpften Trauer, Wut und Verzweiflung.

»Mein Name ist Ann Kathrin Klaasen. Ich bin Hauptkommissarin aus Aurich.«

»Lassen Sie mich in Ruhe! Sie sind ja besoffen!«

Unwillkürlich hielt Ann Kathrin sich die Hand vor den Mund. »Ja, da haben Sie vielleicht nicht ganz unrecht.«

Er wollte weiter, aber Ann Kathrin hielt ihn fest. Schrader und Weller kamen angehechelt. Sie gab ihnen ein Zeichen, sie sollten jetzt besser keine Hektik veranstalten und nicht noch mehr Aufregung in die Situation bringen. Weller verstand das sofort, Schrader nicht. Er hätte den jungen Mann am liebsten festgenommen.

Weller konnte Schrader nicht daran hindern, näher zu kommen, aber wenigstens brachte er ihn dazu, langsam zu gehen.

»Ich habe eigentlich frei«, stellte Ann Kathrin klar. »Ich hatte mich auf einen schönen Abend mit meinen Nachbarn gefreut.«

»Ha!«, lachte der rothaarige Junge und wischte sich die Haare aus dem Gesicht. Der Wind wühlte darin und ließ ihn wüst aussehen. Ein paar Locken standen wie Antennen hoch.

»Sehen Sie, da geht es Ihnen genauso wie uns allen. Der Bollmann hat jedem den Spaß vermiest. Darin war er geradezu Fachmann. Perfekt! Der hätte ein Fachbuch darüber schreiben können, wie man anderen am besten die Petersilie verhagelt.«

»Bollmann ist Ihr Lehrer?«

»Sie haben wohl überhaupt keine Ahnung, was? Um den geht’s doch!«

Er drehte sich um und zeigte aufs Meer in Richtung Norderney. »Bloß weil der nicht ertragen hat, dass die Müller-Silbereisen mit uns zum Golf wollte!«

»Zum Golf? Nach Lütetsburg?«

»Ja. Und ein paar von uns hatten da echt Bock drauf. Aber für den Bollmann ist das nicht mal ein Sport. Für den zählen nur Sachen, die mit dem Meer zu tun haben. Segeln, Surfen, Angeln, Wattwandern …«

Weller und Schrader waren jetzt bei ihnen. Schrader klopfte sich die Kleidung ab. Sein Rücken und die Ärmel seiner Jacke waren voll Sand.

»Sie haben also die Wattwanderung nicht mitgemacht?«

»Doch, und ob. Die Müller-Silbereisen konnte sich ja nie gegen den Bollmann durchsetzen. Der hat immer seinen Willen gekriegt. Und dann mussten wir alle diese bescheuerte Wattwanderung machen.«

Ann Kathrin zeigte auf seine Hose. »Sie sehen aber nicht aus wie jemand, der versucht hat, von Norddeich nach Norderney zu gehen. Da wären Sie doch bis zur Brust versunken.«

»Ja, ich bin doch nicht bescheuert! Ich bin umgekehrt, wie die meisten. Nur die Hardliner und die echten Bollmann-Fans sind weiter mitgelaufen.«

»Und warum sind Sie gerade vor meinen Kollegen weggerannt?«

Er sah sich nach Weller und Schrader um. »Weil ich keinen Bock mehr hab! Es reicht mir! Mir ist kalt, ich hab Hunger, ich will nach Hause!«

»Das kann ich verstehen. Aber ganz so einfach geht das nicht. Wir müssen erst Ihre Personalien aufnehmen, und wir brauchen auch alle sachdienlichen Hinweise.«

»Die Personalien haben wir bereits«, brummte Schrader.

Ann Kathrin nickte ihm dankbar zu.

»Das ist William Schmidt aus Bochum«, stellte er ihn vor. »Siebzehn Jahre alt und Klassensprecher.«

»Schulsprecher«, korrigierte William Schmidt ihn.

»Hat Ihre Familie irische Wurzeln?«, fragte Ann Kathrin.

»Mein Vater kommt aus dem Westerwald und meine Mutter aus Gelsenkirchen.«

Unten auf dem Parkplatz wurden mehrere entkräftete Schüler in ein Polizeiauto verfrachtet und nach Norden zur Wache gefahren. Ann Kathrin deutete mit dem Kopf in die Richtung: »Wollen Sie mitfahren? Da ist es bestimmt warm, und es gibt garantiert auch etwas zu essen.«

»Kommen Sie auch mit?«, fragte William.

Sie spürte, dass schon so etwas wie eine Beziehung zwischen ihnen entstand. Wenn er mit ihr sprach, wirkte er weniger angespannt und nicht so latent aggressiv.

»Ich würde mich gerne mit der Lehrerin unterhalten«, sagte Ann Kathrin in Richtung Schrader. Der zuckte nur mit den Schultern, als hätte er damit gar nichts zu tun.

»Ich will nicht dort einsteigen. Ich werde jetzt da hingehen«, sagte William und zeigte bestimmt auf Diekster Köken. Das Restaurant war hell erleuchtet, sowohl drinnen als auch draußen saßen Gäste. »Ich werde mir dort ein Riesenschnitzel reinhauen, eine Apfelsaftschorle trinken und …«

»Du wirst das tun, was wir dir sagen!«, hustete Schrader. Er klang ungesund.

»Ich habe mit meinen Eltern telefoniert. Sie dürfen mich nicht festhalten. Ich habe ihnen gesagt, dass ich im Diekster Köken auf sie warte. Sie werden in knapp zwei Stunden hier sein.«

»Von Bochum bis hier in zwei Stunden?«, fragte Weller.

Inzwischen war auch Rupert bei ihnen angekommen und mischte sich ein. »Deine Eltern haben dir vielleicht etwas zu sagen. Aber uns nicht. Wir sind nämlich schon groß. Wir sammeln jetzt dich und all deine Freunde ein, und dann sehen wir uns gemeinsam zu einem Gespräch in unseren Diensträumen wieder.«

Damit Ann Kathrin ihm nicht dazwischenfunken konnte, zischte er in ihre Richtung: »Anweisung von Ubbo Heide.«

Ann Kathrin ging mit Rupert ein paar Meter weiter und ließ sich von ihm auf den augenblicklichen Stand der Ermittlungen bringen.

»Von dem Lehrer gibt es keine Spur. Er heißt Bollmann, ist vierundfünfzig Jahre alt. Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn. Wie das so ist.«

»Sind alle Schüler da?«

»Das ist nicht ganz klar.«

»Wie kann das denn nicht klar sein?«

»Zwei sind angeblich gar nicht mitgegangen. Von denen wissen wir nichts. Vier andere haben die Wattwanderung abgebrochen und sind wieder zurückgegangen.«

»Wie zum Beispiel dieser William.«

»Genau. Eine zweite Gruppe um Frau Müller-Silbereisen hat versucht, das Blatt zu wenden und Bollmann zu überreden, umzukehren, als das Watt zu schwierig wurde. Es muss einen Riesenstreit gegeben haben. Sieben Schüler sind dann mit der Lehrerin zurück. Drei sind bei Bollmann geblieben. Laura Godlinski, Kai Wenzel und Felix Jost. Angeblich ist Bollmann zum Schluss ganz alleine weitergelaufen. Die Lehrerin ist meiner Meinung nach nicht vernehmungsfähig. Ein paar der Schüler haben wir ebenfalls in die Ubbo-Emmius-Klinik gebracht.«

»Aber das hört sich doch alles nicht nach Mord an«, sagte Weller, der inzwischen auf ihrer Höhe lief und es nicht ertragen konnte, wie intensiv Ann Kathrin Rupert zuhörte. Er fühlte immer noch eine tiefe Konkurrenz zu Rupert, und er misstraute ihm in Bezug auf Frauen gnadenlos. Rupert würde seiner Meinung nach alles tun, um Ann Kathrin rumzukriegen.

Es gab Tage, an denen Weller geschworen hätte, dass Ann Kathrin gegen jede Art von Verführungskünsten anderer Männer immun war, aber dann wiederum kam sie ihm sehr gefährdet vor. Das Ganze hatte überhaupt nichts mit ihr und ihrem Verhalten zu tun, sondern mehr mit dem Stand seines eigenen Selbstbewusstseins. Manchmal wachte er morgens auf und fühlte sich klein, blöd und nicht liebenswert. Dann fiel es ihm schwer, an ihre Treue zu glauben. An anderen Tagen wusste er, dass er ein toller Typ war, der keinen Vergleich zu scheuen brauchte.

Heute hatte irgendetwas sein Selbstbewusstsein angeknackst. Vielleicht war es die Tatsache, dass er mit dem Taxi zum Tatort fahren musste.

»Es hört sich eher nach entsetzlicher Halsstarrigkeit an, gepaart mit Unvernunft«, sagte Ann Kathrin. »Aber noch wissen wir im Grunde gar nichts. Vielleicht ist er sogar bis Norderney gekommen und trinkt gerade in der Milchbar einen Tee. Vielleicht ist er irgendwo im Watt versunken.«

»Ja, oder einer seiner tollen Schüler ist hinterhergegangen und hat ein bisschen nachgeholfen.«

»Gibt es denn dafür irgendwelche Anhaltspunkte?«

Sosehr dieses Aufgebot an Polizisten und die Betriebsamkeit der Rettungskräfte ihn auch faszinierten, er hielt sich selbst dann noch von ihnen fern, als er ahnte, dass sie ihn nicht suchten. Zweimal hatte er einem Polizeibeamten direkt ins Gesicht gesehen. Einmal, als er einigermaßen sauber beim Haus des Gastes aus den öffentlichen Toiletten kam, wo er sich vom Matsch gereinigt hatte, und ein zweites Mal vor Diekster Köken. Sie wussten nichts, und so verrückt es war, sie suchten ihn nicht. Wozu also die Hubschrauber und die Rettungsboote?

Die Welt war unberechenbar verrückt, und genau das war seine Chance.

Er spürte in sich drin eine ungebremste Gier zu leben, endlich frei zu sein, und gleichzeitig war da die große Erschöpfung. Er hatte etwas in sich, das trieb ihn immer weiter, nahm kein Signal des Körpers ernst, sondern forderte vollen Einsatz.

Er könnte zu Fuß bis Norden laufen und dort am Bahnhof in einen IC Richtung Luxemburg steigen. In Norddeich-Mole würden sie ihn vielleicht am Bahnsteig suchen, aber, wie er sie kannte, nicht mal mehr eine Station weiter in Norden.

Er musste sich kurz hinsetzen. Seine Muskeln spielten nicht mehr mit. Er hatte einen Krampf im rechten Bein. Er fand es zu auffällig, sich einfach am Straßenrand auszuruhen.

Vor dem Ocean Wave standen schon keine Stühle mehr. Die Wasserfontänen bei den tanzenden Steinen vor dem Schwimmbad, zwischen denen die Kinder sonst so gerne herumsprangen, waren versiegt. Aber in der Bowlingbahn brannte noch Licht.

Gegenüber, wo das alte Schiff in der Mitte der Straße einen Blickfang bot, schleppte er sich zum Parkplatz. Er lehnte sich an den Kassenautomaten und sah sich um. Hier war es einfach, an ein Auto zu kommen. Er hätte jede Wette gehalten, dass hier mindestens drei, vier Fahrzeuge nicht abgeschlossen waren.

Hinter dem Parkplatz standen die Wohnwagen in einer Reihe. Die Lichter darin waren verlockend warm. Zwischen den Wagen saßen Camper. Würstchen wurden gegrillt und Bierflaschen geöffnet. Einige Fernsehgeräte liefen.

Er fragte sich, ob bereits über das Ereignis im Watt berichtet wurde. Zu gern hätte er jetzt n-tv gesehen.

Lautes Lachen von Skatspielern ertönte. Eine Mutter rief ihre Kinder.

Er hätte sich zu den Campern gesellen können und garantiert sofort Anschluss gefunden. Unter Urlaubern ging so etwas schnell. Keiner fragte misstrauisch: »Was willst du denn hier?« Jeder war schließlich ein Neuankömmling. Nirgendwo konnte man sich besser verstecken als in einem Urlaubsort. Nirgendwo waren die Menschen argloser und Fremden gegenüber aufgeschlossener.

Der Krampf ließ nicht nach. Es schmerzte bis in die Leistengegend.

Ich könnte mich hier unter ihnen bis morgen verstecken und dann eine Fähre nach Norderney zurück nehmen …

Der Gedanke gefiel ihm. Sie würden ihn überall suchen, aber bestimmt nicht auf einer ostfriesischen Insel. Schwerverbrecher flohen so weit wie möglich weg von ihrer Tat, dachte er.

Er beschloss, genau das Gegenteil zu tun.

Ich bin ein freier Mann. Ein Tourist unter lauter Urlaubern. Eine bessere Tarnung gibt es nicht.

Der Schmerz im Bein ließ nun nach. Es war, als würde Sand durch seine Adern nach unten in die Füße rieseln. Er spürte sich so sehr. Es war ein fast geiles Gefühl.

Die Pistole drückte an seinem Bauch. Einem kritischen Auge würde nicht entgehen, dass er unter dem T-Shirt etwas verborgen hielt. Der Gürtel hielt die Waffe über seinem Bauchnabel fest. Sie bildete so etwas wie den Mittelpunkt seines Körpers. Er wusste nicht, wie viele Patronen sich noch im Magazin befanden. Er kannte das Modell nicht einmal. Trotzdem hatte er sie benutzt. Erfolgreich. Am liebsten hätte er sich die Waffe jetzt genau angesehen und sich mit ihr vertraut gemacht, aber dazu stand er zu öffentlich herum.

Ein Pärchen näherte sich zielstrebig dem Parkscheinautomaten. Obwohl die junge Frau ein superkurzes Strandkleid trug, wirkte ihr Freund viel femininer als sie. Die zwei waren frisch verliebt und interessierten sich nur füreinander. Der Rest der Welt war ihnen egal. Vor dem Automaten knutschten sie und beachteten ihn gar nicht.

Für einen Moment überlegte er, die zwei auszurauben oder als Geiseln zu nehmen. Sie würden keinen Widerstand leisten. Er brauchte Bargeld. Er hatte nur noch knapp einhundert Euro. Damit würde er nicht weit kommen.

Er fragte sich, ob sie sein Konto schon gesperrt hatten. Es spielte keine Rolle. Er durfte ohnehin nichts abheben. Mit einer Buchung hätte er sofort seinen Aufenthaltsort verraten.

Die zwei nahmen den Parkschein und gingen Arm in Arm zu einem silbernen Nissan, der seine besten Tage längst hinter sich hatte. Es wäre ein Leichtes für ihn gewesen, sie jetzt mit vorgehaltener Waffe auszurauben und dann in ihrem Auto zu verschwinden. Aber etwas stimmte ihn milde. Er ließ sie fahren und schlenderte rüber zu den Wohnwagen.

Ich kriege, was ich brauche, dachte er. Ich habe es immer bekommen. Irgendwie.

Laura Godlinski wurde von Kai Wenzel und Felix Jost getrennt. Zunächst wurden alle in Norden am Markt 10 in eine Polizeiinspektion gebracht, die von außen eher wie eines der Knusperhäuschen aussah, wie Laura sie an jedem Weihnachten von ihrer Omi geschenkt bekam. Sogar jetzt noch. Ihre Omi backte die Wände selbst aus Lebkuchen und klebte alles mit einer Mischung aus Puderzucker und Eiweiß zusammen.

In der Polizeiinspektion war alles recht funktional und gar nicht weihnachtlich. Es roch auch nicht nach Gebäck und Schokolade oder Gewürzen. Es sah aus wie ein ganz normaler Bürobau. Hier hätte die Buchhaltung eines Unternehmens untergebracht sein können.

Die zuckenden Lichter vom Jahrmarkt draußen erhellten rhythmisch die blassen Gesichter der Schüler und ließen die Szene merkwürdig unwirklich erscheinen, wie in einem Horrorfilm.

Kai Wenzel, der seine Zeit lieber im Internet verbracht hätte als in Ostfriesland, spottete über »die alten Möhren, die die hier als Computer haben«.

»Ja«, grinste Felix Jost, »Mein Handy hat mehr Speicherkapazität als deren Gurken hier.«

Der Flur erinnerte Laura an den Flur der Krankenkasse, bei der sie ein Praktikum gemacht hatte. Seitdem wusste sie, dass sie ganz sicher niemals bei einer Krankenkasse arbeiten wollte, auch nicht, wenn die sich Gesundheitskasse nannte.

Jemand bot den Schülern heißen Tee an. Hagebuttentee. Laura hasste Hagebuttentee.

»Da haben die gegenüber ein Teemuseum, und hier servieren sie uns so eine Plörre!«, beschwerte Anja sich.

Aber noch bevor Laura den Tee ablehnen konnte, wurde sie mit einigen Schülerinnen in ein anderes Gebäude gebracht. Sie mussten quer über den Marktplatz. Die Luft war merklich abgekühlt. Es roch nach Bratwurst und Popcorn. Auf einem Karussell kreischten Jugendliche.

Jemand mit Namen Ubbo Heide hatte gesagt, für so viele Schüler sei es hier im Mutterhaus zu eng. Einige sollten rüber ins alte Weinhaus, was ja viel schöner klang als Polizeiinspektion, aber leider auch eine war.

Erst jetzt fiel Laura auf, dass alle Jungen geblieben waren und alle Mädchen in das andere Gebäude neben der Ludgerikirche gebracht wurden, das nicht ganz so schnuckelig aussah wie das Knusperhäuschen, aber auch schon recht alt war. Draußen hing ein Schild: Altes Weinhaus 1539–1821.

Die Polizeibeamten waren freundlich, ja richtig nett, fand sie. Trotzdem blieben sie bestimmt. Sie wussten genau, was sie wollten. Laura fragte sich, was passieren würde, wenn sie jetzt einfach so versuchen würde, wegzurennen.

Sie tat es nicht. Sie trottete mit den anderen mit. Sie war hundemüde und fürchtete doch, nie wieder einschlafen zu können. Diese Bilder würden sie ewig verfolgen. Aus solchen Erinnerungen waren Albträume gemacht.

Laura wäre gerne bei Kai und Felix geblieben. Sie dachte darüber nach, was die zwei wohl aussagen würden. Sie war sich nicht sicher. Felix machte gern auf dicke Hose und galt als Aufschneider, der alles größer machte als es war und ein Talent hatte, sich selbst in besonders strahlendem Licht leuchten zu lassen. Verglichen mit ihm war Kai eher der große Schweiger. Kai würde auch jetzt den Mund halten oder nur sehr vorsichtig Auskunft geben, alles kleiner machen und herunterkochen, aber sie befürchtete, Felix könnte wieder von der Lust gepackt werden, im Mittelpunkt zu stehen und wichtig zu sein.

Lauras Magen rebellierte. Er machte Geräusche, als hätte sich in ihren Gedärmen ein Tier eingenistet, das sich jetzt ins Freie beißen wollte.

Vielleicht, dachte Laura, sollte ich mich auch ins Krankenhaus bringen lassen. Die Müller-Silbereisen hat das schon ganz richtig gemacht. Die zieht sich ja gerne durch Krankheit aus der Affäre. In der Schule ist sie auch die halbe Zeit nicht da.

Ann Kathrin kannte sich in der Ubbo-Emmius-Klinik gut aus. Hier war sie schon mehrfach krank hineingekommen und gesund wieder herausgegangen. Sie kannte die junge Ärztin. Eine Chirurgin, Perid Harms. Sie begrüßte sie mit einem freundlichen Blick, der mehr sagte als viele Worte. Es war Ann Kathrin peinlich, sie hatte das Gefühl, immer noch nach Alkohol zu riechen. Sie sprach es offen an: »Haben Sie vielleicht ein Pfefferminz für mich, Frau Harms?«

Die junge Ärztin guckte belustigt.

»Ein Hustenbonbon oder so. Ich komme direkt vom Bogenmachen.« Ann Kathrin hielt sich die Hand vor den Mund. »Ich führe nicht gerne Ermittlungen, wenn ich nach Schnaps stinke.«

Die Chirurgin strich sich die blonden Locken aus dem Gesicht und sagte verständnisvoll: »Sie können sich den Mund ausspülen. Wir haben Mundwasser da und auch Zahnbürsten …«

Ann Kathrin nickte dankbar und nahm die Hilfe gerne an.

Die Lampe im Badezimmer flackerte. Ann Kathrin sah sich im Spiegel und fand, dass sie schlecht aussah, aschfahl und müde, dabei hatte dies hier gerade erst begonnen. Sie rechnete nicht damit, in den nächsten Stunden ins Bett zu kommen.

Sie wusch sich mit kaltem Wasser das Gesicht und trank dann Leitungswasser, indem sie die Lippen direkt in den Strahl hielt. Das Wasser tat ihr gut. Erfrischt und mit besserem Atem ließ sie sich zu Frau Müller-Silbereisen bringen.

Die Lehrerin hatte ein Einzelzimmer. Das Kopfteil von ihrem Bett war hochgestellt, so dass Ann Kathrin sie halb aufrecht, mehr sitzend als liegend, in ihrem Bett vorfand. Sie starrte gedankenverloren auf den Schlauch, der an ihr Handgelenk angeschlossen war. Das regelmäßige Tropfen beruhigte sie. Es war, als käme dadurch etwas wieder ins Lot, das aus den Fugen geraten war. Sie nahm Ann Kathrin gar nicht wahr.

»Frau Müller-Silbereisen? Ich bin Kommissarin Ann Kathrin Klaasen von der Kripo Aurich. Darf ich Ihnen ein paar Fragen stellen?«

Die Lehrerin wandte sich sehr langsam, wie in Zeitlupe, Ann Kathrin zu und lächelte merkwürdig bekifft. Ann Kathrin führte ihr Verhalten darauf zurück, dass sie Beruhigungsmittel bekommen hatte.

Die Frau machte selbst jetzt in diesem Zimmer unter der Krankenhausbettdecke einen sportlich-durchtrainierten Eindruck auf Ann Kathrin.

Plötzlich veränderte sich ihr Blick. Ihr Körper straffte sich. Ihre Gesichtsmuskulatur bekam mehr Spannkraft.

»Haben Sie alle Schüler gefunden?«

»Noch nicht«, sagte Ann Kathrin. »Vermuten Sie denn, dass außer Herrn Bollmann noch Schüler im Watt geblieben sind?«

Jetzt sah Frau Müller-Silbereisen aus wie ein kleines Mädchen, das seine Lieblingspuppe verloren hat.

»Ich weiß nicht … ich habe … den Überblick verloren. Aber ich glaube nicht …«

Ann Kathrin konnte ihr den Vorwurf nicht ersparen: »Sie wissen schon, dass es völlig verantwortungslos ist, ohne Wattführer so weit rauszugehen?«

Die Frau kämpfte mit den Tränen. Sie ballte die linke Hand zur Faust und schlug damit mehrfach auf die Matratze.

»Ich … ich wollte das ja auch nicht. Ich war dagegen.«

»Ja, das haben auch einige Schüler ausgesagt. Aber ich brauche jetzt eine genaue Schilderung der Ereignisse von Ihnen.« Ann Kathrin hielt ihr ein Papier hin. »Das hier ist eine Namensliste. Bitte lesen Sie sie genau. Sind das alle? Fehlen da Namen?«

In dem Moment war es, als würde ein Seehund losheulen. Die Lehrerin zuckte zusammen und ließ das Papier fallen. Ann Kathrin pflückte ihr Handy vom Gürtel und meldete sich knapp mit: »Ja.«

Rupert klang heiser. Wind verzerrte den Handyempfang. Er sprach laut: »Kannst du mich verstehen, Prinzessin?«

»Ich bin nicht deine Prinzessin.«

»Wir haben ihn gerade aus dem Wasser gefischt, Ann.«

»Wen? Bollmann?«

»Nein. Elvis. Wir wussten doch im Grunde alle, dass er lebt und hier jeden Sommer Urlaub macht.«

Sie mochte Ruperts Art zu reden nicht. Inzwischen hatte sie begriffen, dass er so eine Schutzschicht zwischen sich und die Dinge brachte. Es war seine Art, sich abzugrenzen und nicht zu viel an sich heranzulassen, aber sie kam einfach nicht damit zurecht.

»Kann ich mal eine ordentliche Meldung haben?«

»Okay. Die Rettungskräfte haben den Pauker gerade aus der Nordsee gefischt. Er ist mausetot und hat zwei Kugeln im Körper.«

Ann Kathrin wandte sich von Frau Müller-Silbereisen ab und verließ das Zimmer. »Bitte? Soll das ein Scherz sein? Er wurde bei der Wattwanderung erschossen?«

»Ja. Da ist jemand auf Nummer sicher gegangen. Eine Kugel im Bauch und eine in der Brust.«

»Das bedeutet …«

»Ja. Genau das, Prinzessin. Unsere braven Schüler haben ihren Lehrer abgeknallt.«

Ann Kathrin rief Weller an und gab die Anweisung, sämtliche Schüler sollten auf Schmauchspuren an den Händen untersucht werden.

»Da wird nicht mehr viel sein, Ann. Das Salzwasser … außerdem haben sich inzwischen alle gewaschen und …«

»Trotzdem. Außerdem brauchen wir von allen die Oberbekleidung. Wer zwei Schüsse abgibt, hat irgendwo am Körper Spuren …«

»Einige haben sich umgezogen. Die waren voller Matsch und …«

»Stell alles sicher.«

»Das heißt, wir haben es nicht mit unschuldigen Schäfchen zu tun, sondern einer von ihnen ist ein Killer?«

»Einer oder eine. Falls es nicht ein Zusammenspiel mehrerer war.«

Weller klang geradezu respektvoll: »Meine Fresse! Das hätten wir früher nicht gebracht. Wir haben vielleicht davon geredet oder geträumt. Aber wir hätten doch nie …«

»Die haben es aber, Frank.«

Sie küsste ihn in Gedanken, beendete dann das Gespräch und wollte wieder zu Frau Müller-Silbereisen zurück.

Jetzt bekam das Ganze eine neue Dimension.

»Frau Klaasen!«

Ann Kathrin hatte die Türklinke schon in der Hand. »Ja?«

Perid Harms kam durch den langen Flur auf sie zu. »Bitte übertreiben Sie es nicht. Die Patientin ist in einem Erschöpfungszustand eingeliefert worden, fast dehydriert und …«

»Ja, ja, schon gut.« Ann Kathrin tat es sofort leid, die nette Ärztin so unwirsch abgefertigt zu haben. Sie drehte sich noch einmal um und ging zu ihr.

Ann Kathrin flüsterte: »Wir haben es mit Mord zu tun, und erfahrungsgemäß sinken die Chancen, eine Tat aufzuklären, mit jeder Stunde, die verstreicht. Am Anfang, direkt nach der Tat, sind die Erinnerungen und Emotionen noch frisch. Später kommen dann Überlegungen hinzu, Strategien, Absprachen. Andere erinnern sich nicht mehr richtig. Die meisten Morde klären wir innerhalb der ersten vierundzwanzig Stunden auf. Danach wird es kompliziert.«

Dann zog Ann Kathrin einen schwierigen Vergleich. Sie merkte sofort, dass sie jetzt auf dünnem Eis ausrutschte. »Das ist bei Ihnen doch nicht anders. Je früher ein Kranker zu ihnen kommt, umso größer sind die Heilungschancen. Wenn man zu lange wartet, ist der Patient tot …«

»Ja«, lächelte die Ärztin, »oder wieder gesund.«

Wir verstehen uns, dachte Ann Kathrin. Wir machen beide einen harten Job, und wir versuchen beide, gut zu sein. Sie hätte jetzt lieber mit der jungen Frau einen Kaffee getrunken und über das Leben diskutiert, statt diese Befragung fortzusetzen, aber sie entschied sich für die Pflicht.

Frau Müller-Silbereisen wartete schon ungeduldig auf Ann Kathrin und empfing sie mit der Aussage: »Ein Name auf der Liste ist falsch!«

Ann Kathrin schloss die Tür hinter sich und trat ans Bett. »Wie, falsch?«

»Naja, der Name ist schon richtig, aber Sascha Kirsch ist gar nicht mitgefahren.«

»War er krank?«

Die Lehrerin verzog den Mund. »Bei ihm weiß man es nie so genau … Seine Eltern leben in Scheidung. Sie sind sich spinnefeind. Sagt der eine hü, sagt der andere hott. Ich glaube, es ging im Wesentlichen um die Kosten. Offiziell ist er krank.«

Ann Kathrin nahm den Zettel wieder an sich und machte ein Kreuz hinter dem Namen Sascha Kirsch. Sie überlegte, Ubbo Heide oder Weller anzurufen, damit nicht länger nach dem Jungen gesucht wurde, aber sie entschied sich dagegen. Vermutlich hatten die anderen Schüler alles längst erzählt. Schließlich war es kein Geheimnis. Der Name war nur auf die Liste gekommen, weil jemand die Namen aller Klassenkameraden aufgeschrieben hatte.

Frau Müller-Silbereisen setzte sich im Bett aufrecht hin. Sie holte tief Luft und was dann passierte, kannte Ann Kathrin nur zu gut: Sie sprudelte los. Verdächtige oder Zeugen verhielten sich oft ähnlich im Kontakt mit der Polizei. Nach einer ersten Zurückhaltung brachen plötzlich alle Dämme, und Wortkaskaden prasselten auf die Ermittler ein. Unerfahrene Kollegen wurden von dem Wasserfall an Informationen oft weggespült und verloren unter all den Nebensächlichkeiten den Blick für das Entscheidende.

»Ich habe mit Engelszungen auf Bollmann eingeredet. Wenn er nur auf mich gehört hätte. Aber nein! Für den war Golf ein ganz dekadenter Sport. Ach, was sage ich: Sport? Er hat Golf nicht einmal als Sport ernst genommen …«

»Sie wollten also mit den Schülern lieber zum Golfen nach Lütetsburg statt ins Watt?«, fasste Ann Kathrin die Aussage zusammen.

»Ja, aber auf mich hörte ja mal wieder keiner …«

Die Stimme der Frau klang gepresst und unnatürlich hoch. Im Gegensatz zu den meisten ihrer Kollegen achtete Ann Kathrin auf so etwas. Erfahrungsgemäß wurden die Stimmen von Verdächtigen heller, wenn sie logen. Manchmal einen halben oder ganzen Ton. Sie atmeten nur noch in den oberen Brustbereich, und es hörte sich für Ann Kathrin so an, als müssten die Töne sich durch ein zu enges Rohr den Weg mühsam nach außen erkämpfen.

»Warum sind Sie nicht einfach mit der Hälfte der Schüler nach Lütetsburg gefahren? Warum sind Sie mit ins Watt gegangen?«

Frau Müller-Silbereisen rollte mit den Augen. »Wegen der Gemeinschaft! Die heilige Klassengemeinschaft. Deshalb hat Bollmann die ganze Fahrt doch nur veranstaltet. Damit wir uns alle gut verstehen und nicht nur Individualisten werden. Vom Ich zum Wir! Eine Gemeinschaft wollte er aus uns schmieden. Seine Schüler sollten über die Schulzeit hinaus miteinander verbunden und vernetzt werden. So ein Spinner war das!«

»Warum reden Sie von ihm in der Vergangenheit?«

»Ja, lebt er denn noch?«

»Haben Sie ihn sterben sehen?«

»Ja. Das heißt, nein.«

Sie bewegte sich, als hätte sie plötzlich Schüttelfrost bekommen. Für Ann Kathrin war das eine sehr alte, archaische Reaktion, wie Tiere sich schütteln, um Ungeziefer loszuwerden, das sich in ihrem Fell versteckt und ihr Blut saugte. Frau Müller-Silbereisen hatte also etwas gesehen, und es belastete sie.

»Ja oder nein?«, hakte Ann Kathrin nach.

Die Stimme der Lehrerin wurde noch heller. Sie quietschte fast. »Ich habe mich erst breitschlagen lassen, und dann … dann bin ich mit. Mein Kollege hat ja behauptet, den Weg zu kennen, und mit den Touristentruppen wollte er nicht ins Watt. Er musste ja unbedingt auf eigene Faust …«

»Haben Sie ihn sterben sehen?«

»Nein, verdammt!«

Ann Kathrin stand entspannt und verlagerte ihr Gleichgewicht auf das rechte Bein. Sie tippte sich selbst mit dem Zeigefinger auf die Nasenspitze und richtete ihn dann auf Frau Müller-Silbereisen.

»Warum glaube ich Ihnen nicht?«

»Sie … Sie müssen mir aber glauben, ich … Es war heiß, wir waren nicht richtig ausgerüstet, und wir kamen kaum vorwärts. Anja Sklorz hatte einen Schuh verloren, der war im Schlick steckengeblieben, und sie schnitt sich an den Muscheln den Fuß auf. Sie hat geheult und geschrien. Sie hatte Angst, die Wunde könnte sich durch den Schlamm entzünden. Sie hat nur noch geheult und wollte nicht mehr weiter. Die Anja hat sich einfach hingesetzt. Die konnte nicht mehr vor und nicht mehr zurück. Der William hat den Helden gespielt und sie Huckepack genommen. Aber er ist zu tief mit ihr eingesunken. Dann musste sie selber weiterlaufen.«

»Sie haben trotz der Verletzung die Wattwanderung weiter durchgeführt?«

»Nein. Ich bin umgekehrt.« Sie zählte es an den Fingern ab wie ein Kindergartenkind. »Der William, die Anja, die Karla, die Hannah, der Mecki, Aysche und Chris.« Sie blickte zu Ann Kathrin hoch. »Sieben! Sieben Schüler sind mit mir zurückgegangen.«

»Warum haben Sie nicht über Ihr Handy Hilfe gerufen?«

»Ach, Sie wissen doch, wie das ist. Erst schämt man sich und denkt, das packt man so, und dann später, als wir alle nicht mehr konnten, da funktionierten die Scheißdinger ja nicht mehr.«

»Wie? Das verstehe ich jetzt nicht. Wollen Sie mir sagen, alle Handys waren gleichzeitig kaputt?«

»Wir sind ja in diesen Platzregen gekommen. Nicht lange, aber heftig. Wir waren völlig durchnässt, und dann hat uns dieser Fluss im Watt plötzlich den Weg abgeschnitten.«

»Priel.«

»Was?«

»Priel. Einen Fluss im Watt nennt man Priel.«

Wieder schüttelte Frau Müller-Silbereisen sich. »Jedenfalls mussten wir da durch. Erst ging uns das Wasser ja auch nur bis zu den Knien, dann bis zur Hüfte und dann wurde es ganz reißend und wir mussten schwimmen. Wenn der William nicht gewesen wäre … Der ist ein guter Sportler. Der hat dann die Anja wieder rausgeholt. Die war schon ganz weit abgetrieben. Ich fahre nie wieder ans Meer, das kann ich Ihnen sagen. Da golfe ich lieber auf der Schwäbischen Alb oder in Südtirol.«

Ann Kathrin verfiel jetzt im Krankenzimmer unwillkürlich in ihren Verhörgang. Drei Schritte, eine Kehrtwendung, drei Schritte. Nach jedem zweiten einen Blick auf die Verdächtige. Das Zimmer war eigentlich zu klein dafür, und das Bett stand ungünstig, so dass Ann Kathrin beim dritten Schritt direkt mit der Nase vor der Wand stand. Sie konnte das Desinfektionsmittel riechen, mit dem hier gründlich geputzt worden war. Sie unterdrückte den Impuls, das Fenster zu öffnen, aber dadurch wurde ihr Verlangen nach frischer Luft nur noch größer.

»Bevor Sie jetzt tiefer in Ihre Urlaubsplanung einsteigen, Frau Müller-Silbereisen …«

Ann Kathrins Spitze verfehlte ihre Wirkung nicht. Trotzig verschränkte Frau Müller-Silbereisen die Arme vor der Brust. Dabei spannte sich der Schlauch bedenklich.

Das muss doch weh tun, dachte Ann Kathrin, aber Frau Müller-Silbereisen verzog keine Miene.

Ann Kathrin fuhr fort: »Hatte einer Ihrer Schüler einen Grund, Herrn Bollmann zu hassen? Hat er selbst mal geäußert, dass er sich bedroht fühlt?«

Frau Müller-Silbereisen räusperte sich. Jetzt sprach sie deutlich tiefer weiter, sie war dabei um genaue Artikulation bemüht.

»Was soll die Frage? Er wurde doch nicht umgebracht.«

»Irrtum«, sagte Ann Kathrin und stoppte ihren Gang. »Genau das wurde er. Und ich möchte gern herausfinden, von wem und warum.«

Frau Müller-Silbereisen begann zu weinen. »Warum sagen Sie so etwas? Macht es Ihnen Spaß, mich zu quälen?«

Ann Kathrin schluckte den Satz: Ja. Genau, deshalb bin ich Polizistin geworden, ungesagt hinunter. Sie nahm die in ihr aufwallende Biestigkeit als deutliches Zeichen, dass diese Frau etwas in ihr auslöste. Sie hatte eine Art an sich, mit der sie Ann Kathrin gegen sich aufbrachte.

Ann Kathrin reckte sich und bog den Rücken durch. Sie rang um Professionalität.

»Hatte er Feinde?«

»Hören Sie auf! Er … er ist ertrunken. An seiner eigenen Starrsinnigkeit gescheitert. Die Jugendlichen haben sich rührend um ihn bemüht. Sie haben ihr eigenes Leben riskiert, um ihn zu retten.«

»Wie darf ich mir das vorstellen? Davon haben Sie mir bisher nichts erzählt.«

Wieder schüttelte die Frau sich wie ein nasser Pudel.

»Wir waren schon weit weg von Herrn Bollmann und seiner Gruppe.«

»Wie weit?«

»Ach, das kann im Watt doch kein Mensch abschätzen. Das wissen Sie doch besser als ich. Man denkt, noch hundert Meter und dann ist man da, und dann ist es in Wirklichkeit ein Kilometer und mehr.« Frau Müller-Silbereisen zeigte es zwischen Daumen und Zeigefinger. »Die waren nur noch so groß. Höchstens. Aber wir hörten sie rufen. Der William ist dann zurück, um zu helfen, und nach einer Weile sind wir alle hinterher. Nur die Anja nicht mit ihrem kaputten Fuß. Der Bollmann war bis hierhin eingesunken im Morast.«

»Im Schlamm?«

»Ja. Es guckte nur noch der Kopf raus. Man konnte auch nicht hin zu ihm, der Felix und die Laura haben es versucht und sind selbst dabei in höchste Not geraten.«

Ann Kathrin schluckte schwer. »Deshalb hat jeder Wattführer ein Seil mit.«

»Ja, meinetwegen. Wir hatten jedenfalls so etwas nicht.«

Ann Kathrin wurde unruhig. Es musste noch viel getan werden. So viele Vernehmungen, so viele Punkte mussten bedacht werden. Sie hatte Mühe, der Frau in diesem schlecht gelüfteten Raum länger zuzuhören.

Unwahrscheinlich, dachte Ann Kathrin, dass sich ein Schüler eine illegale Waffe gekauft hat. Das braucht viel kriminelle Energie und Kontakte. Sie vermutete, dass ein Vater im Schützenverein war und der Sohn zu Hause dadurch leicht an eine Waffe kam. Vielleicht hatte er sie nur zum Angeben mitgenommen und dann hatte die Sache sich verselbstständigt oder emotional zugespitzt. Komischerweise dachte sie als Täter nur an junge Männer, die Schülerinnen blendete sie irgendwie aus. Sie beobachtete sich selbst dabei und tadelte sich dafür.

Ermittlungen, hatte ihr Vater ihr beigebracht, müssen ergebnisoffen geführt werden und ohne Ansehen der Person.

Sie musste grinsen. Ohne Ansehen der Person ging es natürlich nicht. Sie sah sich eben jede Person sehr genau an. Sie hielt ihrem Vater, der den Satz zu Lebzeiten oft gesagt hatte, zugute, dass er sicherlich ohne Rücksicht auf die Person gemeint hatte.

Die Tür öffnete sich, und die freundliche Ärztin schaute noch einmal herein. Sie sah Ann Kathrin nur einmal ermahnend an. Ann Kathrin nickte ihr zu. »Ja, wir machen bald Schluss.«

Frau Müller-Silbereisen blickte wütend drein, so als seien sie auf unverschämte Weise gestört worden. Sie saß mit demonstrativ geöffnetem Mund schweigend da, bis die Tür wieder zu war und Ann Kathrin sich ganz auf sie konzentrierte.

»Können Sie sich jetzt vorstellen, was das für ein Mensch war? Der hat das nicht zum Anlass genommen, umzukehren. Jeder hätte das getan. Jeder vernünftige Mensch wäre umgekehrt, aber natürlich nicht Bollmann. Er behauptete, der Weg nach Norderney sei jetzt kürzer als der zurück zum Festland.«

Sie schüttelte heftig ihren Kopf.

»Ist er allein weiter in Richtung Norderney gegangen?«, fragte Ann Kathrin ungläubig.

»Laura, Felix und Kai sind ihm gefolgt. Vielleicht ein bisschen, um sich bei ihm einzuschleimen oder auch aus Mitleid.«

»Mitleid?«

Sie zuckte mit den Schultern und gestikulierte abwehrend mit den Armen. Dann griff sie an ihr Handgelenk, wo die Nadel des Tropfers saß und ihr Schmerzen bereitete.

»Ja. Laura ist eine sehr sensible Schülerin. Ich weiß, alle meckern über die Jugend von heute. Konsumorientiert. Faul. Anspruchsvoll. Doof. Gewalttätig. Null Bock. Aber zum Glück stimmt das nicht. Einige sind ganz anders. Reflektiert. Sensibel … manchmal viel zu sensibel, und sie wollen die Welt noch retten …«

Ihre Worte gefielen Ann Kathrin und nahmen sie zum ersten Mal für die Frau ein. Ein Hauch von Sympathie wehte durch den Raum. Dann fügte Frau Müller-Silbereisen leise hinzu: »Als ob da noch etwas zu retten wäre.«

»Sie machen einen sportlich durchtrainierten Eindruck, Frau Müller-Silbereisen. Laufen Sie?«

»Nein. Ich golfe. Kein Alkohol und eine vegetarische Ernährung. Das reicht aus«, antwortete die Lehrerin nicht ohne Stolz.

Ann Kathrin verabschiedete sich.

Vor der Tür telefonierte sie sofort mit Ubbo Heide.

In seiner Stimme lag eine tiefe Traurigkeit, als hätte er längst aufgegeben, deshalb gab Ann Kathrin nicht gleich ihre Überlegung durch, sondern fragte: »Ubbo? Bist du okay?«

»Alles klar, Ann. Nur für meinen Magen ist das Gift. Lass uns den Täter so rasch wie möglich fassen. Das ist für meine Gesundheit das Beste.«

Er stieß auf und entschuldigte sich für den Rülpser.

»Ubbo – wenn es ein Schüler war, ist die Waffe der schnellste Weg zu ihm.«

»Klar, wenn er sie noch bei sich trägt.« Ubbo lachte herzhaft. »Aber so blöd werden Gymnasiasten doch heutzutage nicht sein, oder? Die gucken doch Krimis. Die Pistole liegt längst irgendwo im Schlick. Muscheln werden sich an ihr festhalten. Kleintieren wird sie ein Zuhause geben, Krebsen und …«

Sie bremste ihn. »Ubbo! Wie kommt ein Siebzehnjähriger an eine scharfe Waffe?«

»Die Eltern!«, rief Ubbo Heide, und es klang ein bisschen, als hätte er gerade eine religiöse Erweckung durch eine Gotteserscheinung gehabt.

Überflüssigerweise fügte Ann Kathrin noch hinzu: »Schützenvereine oder …«

»Schon in Arbeit. Ich setze Rupert dran. Mach du mit den Vernehmungen weiter, du bist da … na, sagen wir, einfühlsamer als …« Er überlegte.

»Unser ostfriesischer Schimanski?«, ergänzte Ann Kathrin den Satz für ihn.

Er stieß erneut auf. »Seit der Idee mit den Eltern geht es meinem Magen schon bedeutend besser.«

»Was macht dir solche Sorgen? Wir haben einen klar eingegrenzten Täterkreis. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis wir …«

»Die Eltern, Ann. Die Eltern … sie rollen wie eine Lawine aus dem Ruhrgebiet auf uns zu.«

»Na und?«

Er blies Luft aus. »Ich kann das nicht so leicht nehmen wie du, Ann. Ich weiß, was ich für ein Vater gewesen bin, als Insa in dem Alter war. Dauernd habe ich den Lehrern die Hölle heiß gemacht. Wegen jedem Mist stand ich auf der Matte und habe mich eingemischt. Immer wollte ich meiner kleinen Prinzessin beweisen, was für ein guter Vater ich bin.«

Da war es wieder, dieses Wort, das Rupert im Moment so gern gebrauchte: Prinzessin.

»Du hörst dich an, als hättest du Angst vor dir selber.«

»Ja. Vor Typen, die sind wie ich und ihr ganzes politisches und ökonomisches Gewicht für ihr Kind in die Waagschale werfen.«

Ann Kathrin formulierte es als Frage, aber es klang wie eine Feststellung: »Weil sie sich selbst angegriffen fühlen, wenn jemand ihr Kind in Frage stellt?«

»Ja«, stöhnte er. »Ist das denn bei dir anders?«

Er berührte damit einen schmerzhaften Punkt in ihr. Noch immer wohnte ihr Sohn Eike bei Papa und dessen Geliebter Susanne Möninghoff in Hage. Nur zwanzig Minuten mit dem Fahrrad von ihr entfernt, aber sie sahen sich kaum noch. Es war, als würden die Gedanken ihr eine Schlinge um den Hals legen. Sie hatte Mühe zu sprechen. »Ich bin eine Frau«, sagte sie gepresst.

»Und das ist bei Frauen nicht so? Werdet ihr nicht zu reißenden Raubtieren, wenn es darum geht, eure Kinder zu beschützen?«

Seine Worte machten Ann Kathrin auf eine bestürzende Art traurig. Sie konnte sich kaum gegen die aufsteigenden Tränen wehren. Sie klammerte sich an ihrem Verstand fest wie an einem Rettungsring und erklärte sich alles nur mit dem Alkohol, der sie sentimental und müde gemacht hatte.

Sie musste sich jetzt ganz auf ihren Job konzentrieren. Die nächsten Stunden ohne Gefühlsausbruch überleben, den Mörder überführen und nach einem unterschriebenen Geständnis ausgiebig duschen und schlafen. Danach würde sie ihr Leben in Ordnung bringen, ihren Sohn Eike treffen, sich für ihn interessieren und vielleicht auch mal wieder etwas kochen für Weller und sich. Einfach nur so, damit es im Haus schön roch.

Ubbo Heide riss sie aus ihren Gedanken. »Hier kommt gerade die Information, ein erster Test mit dem Rasterelektronenmikroskop hat bei keinem Schüler Schmauchspuren an den Händen nachweisen können. Die Untersuchung der Kleidungsstücke kann natürlich noch dauern, aber ich setze da wenig Hoffnung rein …«

Ann Kathrin wunderte sich, wie schnell das gegangen war, und fragte sich, wie gründlich die Untersuchung vorgenommen worden war.

»Ausschließen können wir gar nichts, außer Selbstmord«, sagte sie.

Ubbo Heide schmatzte merkwürdig. »Psst. Diese Lehrer heutzutage … Er war an den Brustwarzen gepierct und hatte eine Tätowierung auf der rechten Schulter und an der linken Wade. Irgend so ein chinesisches oder japanisches Schriftzeichen. Ich habe das Foto auf dem Bildschirm. Komischer Typ. Dem hätte ich meine Tochter nicht gerne anvertraut.«

Ann Kathrin ging am Krankenhauskiosk und an der Information vorbei nach draußen. Am Automaten für Telefonkarten stand eine entnervte Dame in Bademantel und Pantoffeln und schimpfte mit dem Kasten: »Ja, ich habe doch den Schein reingeschoben! Er kommt ja immer wieder raus! Och, komm, nun mach schon!«

Die Dame sah sich hilfesuchend um und sagte in fragendem Tonfall: »Junge Frau, ich komme mit dem Ding nicht klar.«

Ann Kathrin hätte gerne geholfen, aber jede Minute war kostbar. Sie rief der Frau zu: »Der Kasten ist nur ein bisschen bockig! Reden Sie ihm nur gut zu. Das mache ich auch immer.«

Die Dame zog den Gürtel des Bademantels fester, fuhr sich durch die silbergrauen Haare und sagte freundlich zum Automaten: »Bitte, ich will doch nur meine Schwiegertochter anrufen, und ohne Karte geht mein Telefon nicht. Die lebt in Wilhelmshaven und kriegt ein Kind. Mit zweiundvierzig!«

Sie schob den Schein noch einmal ein, und diesmal klappte es. Erfreut und erstaunt sah sie hinter Ann Kathrin her, die inzwischen draußen vor der Glastür bei den Rauchern frische Luft schnappte.

»Danke!«, rief sie Ann Kathrin nach. »Danke! Sie hatten recht! Der brauchte nur ein bisschen Zuspruch!« Dann streichelte sie den Automaten noch einmal und sagte zu ihm: »Du bist eben wie wir alle. Wer ist nicht mal mies drauf?«

Ann Kathrin ging auf dem Parkplatz auf und ab. Für sie spitzte sich alles auf diesen William Schmidt zu oder auf die drei, die bis zuletzt bei Bollmann geblieben waren. Laura Godlinski, Felix Jost und Kai Wenzel. Sie nahm sich vor, zunächst mit Laura Godlinski zu sprechen. Entweder war einer dieser Schüler der Mörder oder sie hatten den Mörder auf jeden Fall gesehen.

Ann Kathrin hatte die Hoffnung, noch vor dem Morgengrauen ins Bett zu kommen. Sie sah sich nach einem Polizeiwagen um. Sie sollte abgeholt werden.

Paul Schrader wartete schon seit zehn Minuten auf Ann Kathrin. Er war mit seinem Privatwagen gekommen, weil alle Fahrzeuge im Einsatz waren. Er parkte auf einem für medizinisches Personal vorgesehenen Platz und hörte Schlager auf NDR 1. Er grölte mit: »Auf der Straße nach San Fernando, da stand ein Mädchen wartend in der heißen Sonne …«

Ann Kathrin entdeckte ihn. Er drehte Michael Holm leiser. Er schämte sich ein bisschen, weil sie ihn beim Singen beobachtet hatte. Er kam sich erwischt vor, als hätte er öffentlich an den Dienstwagen gepinkelt.

Als Ann Kathrin endlich neben ihm saß, sagte er: »Ich sollte dich holen, weil du zum Fahren zu blau bist, hat Rupert gesagt.«

»Ja, danke, sehr freundlich.«

Weller heftete vier Karteikarten an die Wand. Auf einer standen die Namen der drei Schüler, die bis zuletzt bei Bollmann geblieben waren: Laura Godlinski, Felix Jost und Kai Wenzel.

Auf der nächsten die Namen derer, die mit Frau Müller-Silbereisen umgekehrt waren: Anja Sklorz, William Schmidt, Hannah. Mecki, Aysche, Chris, Karla.

Dann die vier, die die Tour unter Protest abgebrochen hatten: Jens Grohe, Mahmut Yildirim, Nicole Großmann, Lore Brauner.

Auf der letzten Karte die Namen der zwei Schüler, die erst gar nicht mitgegangen waren: Mirko Nüßchen und Ecki Wazlaw.

Für Rupert war diese Besprechung reine Zeitverschwendung. Ubbo Heide saß aschfahl da, steif wie mit Sekundenkleber am Stuhl fixiert. Er sah sich die Karteikarten von Weller nicht an, sondern tastete mit seinen Blicken ein Bild von Ole West ab, das auf eine alte Seekarte gezeichnet war, das unverwechselbare Markenzeichen des Künstlers. Es hing neben der Tür über dem Lichtschalter. Ein handsigniertes Original. Er hatte das Gefühl, das Bild wirke wie eine entspannende Medizin auf seinen nervösen Magen.

Sylvia Hoppe schlürfte Kaffee und tippte dabei auf ihrem Laptop herum.

»Die erste Gruppe scheidet meiner Meinung nach aus«, sagte Weller. »Sie waren immer zusammen, ihre Lehrerin bei ihnen, sie haben nur versucht, heil aus dem Wahnsinn herauszukommen.«

Allgemeine Zustimmung.

Ann Kathrin sah Weller aufmunternd an. Er sollte weiterreden. Sie hatten keine Zeit zu verlieren. Ann Kathrin hätte jetzt am liebsten ein Sprudelaspirin in Wasser aufgelöst, aber sie wollte sich die Blöße vor den Kollegen nicht geben. Wer Medikamente brauchte, galt als angeschlagen, wenig einsatzfähig, unzuverlässig. Sie wollte den Kollegen jetzt, da Ubbo Heide so offensichtlich schwächelte, ein Bild der Stabilität bieten. Manchmal gefiel es ihr, für die anderen das zu sein, was früher ihr Vater für sie gewesen war: ein Fels in der Brandung.

»Von den beiden Totalverweigerern hier fehlte zunächst jede Spur, aber sie haben sich inzwischen beide gemeldet. Mirko Nüßchen hat sich wohl mit einer jungen Camperin angefreundet. Der hat von der ganzen Sache angeblich gar nichts mitgekriegt und sich auf dem Parkplatz im Norddeich bei Bier und Würstchen amüsiert. Dann waren sie auf dem Riesenrad. Also praktisch direkt vor unserer Haustür.«

»Haben wir ihn aufgegriffen oder hat er sich gemeldet?«, wollte Sylvia Hoppe wissen.

Rupert, der sie nicht leiden konnte und ihr das bei jeder Gelegenheit demonstrierte, verzog die Lippen, als hätte sie versehentlich einen Herrenwitz gemacht, ohne ihn selbst zu verstehen.

Weller antwortete sachlich: »Er behauptet, im Fernsehen von einer Klasse gehört zu haben, die Schwierigkeiten im Watt hatte. Dann hat er versucht, seine Klassenkameraden zu erreichen, bekam aber keinen Kontakt und ist zur Jugendherberge in der Sandstraße gelaufen. Dort wurde er informiert.«

Sylvia Hoppe unterbrach Weller und zeigte auf ihren Bildschirm: »Na, das nenne ich prompte Arbeit. Die Eltern von Mirko Nüßchen haben beide eine Waffenbesitzkarte. Die führen ein Juweliergeschäft. Der Vater von Sascha Kirsch hat sogar eine rote Besitzkarte. Ein Sammler …«

Weller warf Ann Kathrin einen Blick zu. Ihr waren Waffensammler, die sie meist »Waffennarren« nannte, suspekt.

»Aber der scheidet sowieso aus«, warf Rupert ein. »Der ist ja gar nicht nach Ostfriesland mitgefahren.«

»Wissen wir das definitiv?«, fragte Ann Kathrin spitz.

»Laut Aussagen aller Beteiligten ist das so«, konterte Rupert.

Sylvia Hoppe rang um Aufmerksamkeit. Sie erhob die Stimme: »Aber es kommt noch besser, Leute! Der Vater von Felix Jost ist Ballistiker, hat also garantiert Zugang zu Schusswaffen. Wir sollten uns diese drei genauer ansehen.«

Weller unterstrich die Namen Felix Jost, Mirko Nüßchen und Sascha Kirsch.

Ann Kathrin räusperte sich. »So einfach können wir uns das nicht machen, Kollegen. Die Familienstrukturen sind heutzutage komplizierter. Wir können uns nicht auf die Väter beschränken. Es gibt Patchworkfamilien. Onkel. Brüder. Freunde. Die Waffe kann irgendwoher aus dem Bekanntenkreis stammen.«

»Na toll«, spottete Rupert. »Wenn ich solche Sprüche höre! Damit sind wieder alle verdächtig.«

Laura Godlinski zitterte. Sie bemühte sich, einen coolen, ja gefassten Eindruck zu machen, aber sie war dafür viel zu aufgewühlt. Sie legte ihre Hände wie zum Gebet gefaltet auf den Tisch. Es sollte locker und entspannt aussehen, aber die Haut über ihren Knöcheln färbte sich weiß, so verkrampft war sie.

»Warum«, fragte Ann Kathrin Klaasen, »seid ihr ohne Herrn Bollmann zurückgekehrt?«

»Weil … es nicht mehr ging. Der Weg wurde irgendwie immer länger, als würde einer die Insel verschieben. Wir kamen immer langsamer vorwärts. Wir sind bis hierhin eingesunken. Und dann kam das Wasser. Diese Scheißpriele liefen voll … Wir wollten zurück, aber Bollmann wollte zu der Sandbank, auf der dieser Typ stand.«

»Welcher Typ?«