Ostfriesenblut - Klaus-Peter Wolf - E-Book + Hörbuch

Ostfriesenblut E-Book

Klaus-Peter Wolf

4,4
9,99 €

Beschreibung

Dieser Mörder will spielen: Ann Kathrin Klaasens zweiter Fall Ann Kathrin sah es schon von weitem. Vor ihrer Haustür lag etwas, das aussah wie ein Sack. Ein Leichensack! Für einen winzigen Moment hoffte Ann Kathrin, dass sich jemand einen dummen Scherz erlaubt hatte. Doch dann sah sie die Wangenknochen einer Frau. Einer toten Frau. Die Tote, Regina Orth, ist keines natürlichen Todes gestorben, obwohl im Totenschein „Tod durch Herzversagen“ angegeben wurde. Doch noch während Kommissarin Ann Kathrin Klaasen im Umfeld der Toten ermittelt, erhält sie Hinweise auf das nächste Opfer des Mörders. Offenbar ist sie Teil eines Spiels, dessen Regeln sie noch nicht kennt.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 446




Klaus-Peter Wolf

Ostfriesenblut

Kriminalroman

Roman

FISCHER E-Books

Inhalt

Die Polizeiinspektion Aurich, die [...]Ann Kathrin Klaasen war [...]Der Bildausschnitt stimmte hier [...]Die Seniorenresidenz Meeresblume in [...]Hero Klaasen sah auf [...]Lesen Sie mehr von [...]

Die Polizeiinspektion Aurich, die Landschaft, Fähren, Häuser und Restaurants gibt es in Ostfriesland wirklich. Doch auch, wenn dieser Roman ganz in einer realen Kulisse angesiedelt ist, sind die Handlung und die Personen frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen und Organisationen wären rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Ann Kathrin Klaasen war zu sehr in ihre Gedanken vertieft. Sie bemerkte nicht, dass sie beobachtet wurde, während sie auf ihrer Terrasse im Strandkorb saß und auf ihr Handy starrte.

Er schlenderte langsam vorbei und nickte ihr zu. Sein Triumph war, dass er keine Ausstrahlung besaß. Die Menschen sahen ihn und vergaßen ihn sofort wieder. Er hatte viel Zeit fast unsichtbar in ihrer Nähe verbracht.

Ja, er war sich sicher: Er hatte die richtige Wahl getroffen. Er kannte sie zunächst nur aus der Zeitung und von ein paar flüchtigen Fernsehbildern, auf denen sie gar nicht gewirkt hatte wie eine Frau, die am Rande ihrer Kräfte war.

Inzwischen hatte er viele Berichte über sie gesammelt. Der Ostfriesische Kurier hatte ihr fast eine ganze Seite gewidmet. Der Kommissarin, die mit psychologischem Einfühlungsvermögen eine irre Serienmörderin gefasst hatte.

Es gefiel ihm, wie Ann Kathrin Klaasen über die Täterin redete. Sie verstand die Motive, begriff, was geschehen war. Besser als jeder Seelenklempner.

Ja, er hatte die richtige Wahl getroffen. Sie würde auch ihn verstehen, egal, wie abscheulich der Rest der Welt seine Morde fand.

 

Am Anfang hatte Ann Kathrin Klaasen sich blöd dabei gefühlt, zu ihrem Sohn Eike Kontakt per SMS zu halten. Inzwischen war sie froh, wenn er überhaupt mal zurücksimste. Auch wenn die Kommunikationsmöglichkeiten immer größer geworden waren, redeten die Menschen immer weniger miteinander. So zumindest kam es ihr vor.

Sie rief ihren Sohn schon lange nicht mehr auf dem Festnetztelefon an. Sie hatte jedes Mal Angst, Susanne Möninghoff, die neue Geliebte ihres Exmannes, könnte abheben und mit ihrer verletzenden Freundlichkeit die alte Wunde wieder aufreißen.

Aber auch der Kontakt über Eikes Handy fiel zunehmend schwerer. Tagelang hörte sie nur: The person you are calling is not available. Später erklärte er dann, sein Akku sei leer gewesen, und er hätte das Aufladegerät verloren. Auf ihre Nachrichten antwortete er angeblich nicht, weil seine Prepaidkarte leer war.

Sie kam sich dumm dabei vor, ihm hinterherzulaufen. Er war 13 und ihr Sohn. Sie schwankte zwischen dem Gefühl, ihn zu vernachlässigen, und dem, von ihm vernachlässigt zu werden. War sie total austauschbar? Ersetzte ihm die Geliebte seines Vaters die Mutter so vollständig? War Susanne Möninghoff nicht nur eine bessere Liebhaberin, sondern auch noch eine bessere Mutter?

Der Gedanke schmerzte sie. Da fiel es ihr leichter, daran zu glauben, dass ihr Mann, Hero, seine gelernten Fähigkeiten als Therapeut dazu einsetzte, sie von ihrem Sohn zu entfremden. Wenn er das wirklich tat, dann war er sehr gut darin. Er hatte gesiegt. Auf ganzer Linie.

 

Der Wind wehte von Nordost.

Er hatte das Gefühl, Ann Kathrin Klaasens Haut riechen zu können. Er schloss für einen Moment die Augen und nahm Witterung auf. Er hatte gelernt, sich seinen Opfern gegen den Wind zu nähern. So konnte er sie riechen, aber sie ihn nicht.

Sie benutzte eine Hautcreme mit Nachtkerzenöl. Aber die Creme allein war es nicht. Er hatte sich damit die Arme eingerieben und daran gerochen. Der Duft gefiel ihm überhaupt nicht. Die Creme entfaltete ihre Wirkung nur auf Ann Kathrin Klaasens Haut, nicht auf seiner. Auch ihre Wäsche duftete so betörend. Er war überzeugt, es war nicht das Waschmittel, sondern Ann Kathrin Klaasen selbst, die der Wäsche ihre Duftnote gab. Wie oft hatte er sich ein Höschen von ihr an die Nase gehalten und tief eingeatmet …

 

Vielleicht war es besser, dieses große Haus im Distelkamp 13 zu verlassen, dachte Ann Kathrin Klaasen. Alles hier erinnerte sie an Hero und Eike. Daran, wie ihre Ehe auf dem Altar der Kriminalitätsbekämpfung geopfert wurde.

Ja, sie beide waren gut für Ostfriesland. Hero half seinen Klienten, ein freieres, glücklicheres Leben zu führen und mit den Traumatisierungen ihrer Kindheit fertig zu werden, während sie die bösen Jungs einsperrte und alles dafür tat, dass sich jeder Bürger in Ostfriesland sicher fühlen konnte. Dabei war im Laufe der Zeit jeder Tatverdächtige viel wichtiger geworden als die Beziehung zu ihrem Mann und ihrem Sohn. Sie gestand es sich nicht gerne ein, aber genau so war es wohl. Da nutzte es wenig, ihrem Ex vorzuwerfen, dass er sich lieber mit dem Liebesleben seiner Klientinnen befasste als mit dem seiner Frau. Sicherlich kannte er die unterdrückten Sehnsüchte seiner Klientinnen besser als ihre.

Sie wurde wütend bei dem Gedanken. Es tat ihr gut, ihm die Schuld zu geben. Auch wenn es ungerecht war. Gerechtigkeit übte sie im beruflichen Alltag genug.

Sie überlegte, wie das mit ihren Eltern war. Hielt sie auch keinen Kontakt zu denen? Wartete ihre Mutter auch wochenlang auf einen Anruf? Nein, wochenlang sicherlich nicht. Mindestens einmal pro Woche meldete sie sich bei ihrer Mutter.

An ihren Vater dachte sie ständig. Als er noch lebte, hatte sie nicht erkannt, wie wichtig er für sie war. Seit seiner Ermordung dominierte er manchmal ihr Leben. Sie kümmerte sich nicht um sein Grab, aber sie hielt ständig Zwiesprache mit ihm. Immer wieder, wenn sie vor schwierigen Situationen stand, fragte sie sich: Wie würde er handeln? Manchmal hörte sie dabei seine Stimme oder roch seinen Atem.

Ihm zu Ehren lag noch immer eine Flasche Doornkaat im Eisfach. Daneben zwei Gläser, obwohl sie den Schnaps doch immer alleine trank. Genau wie er damals.

Ann Kathrin Klaasen drückte die Kurzwahltaste für Eike. Es klingelte. Immerhin. Zumindest war der Akku von ihrem Sohn wieder aufgeladen.

Eike hob schon nach dem zweiten Klingelton ab. »Ja, Mama, was ist denn?«

Sein Ton ließ kein Missverständnis aufkommen. Sie störte ihn bei irgendetwas. Wahrscheinlich musste sie froh sein, dass er sich überhaupt meldete und nicht einfach das Handy ausschaltete, wenn Mam auf dem Display erschien.

Zwischen ihnen entstand ein kurzes Schweigen, das sie als peinlich empfand.

»Ich wollte nur mal deine Stimme hören«, sagte sie. Es hörte sich an wie eine Entschuldigung.

Er antwortete so genervt wie möglich: »Wir lernen gerade. Ich schreib morgen eine wichtige Arbeit.«

Die fürsorgliche Mutter in ihr wollte natürlich wissen, in welchem Fach und mit wem er büffelte, aber die Kriminalistin in ihr ahnte, dass sein Lerneifer nur eine schnelle Ausrede war, um sie loszuwerden. Wahrscheinlich waren ein paar Kumpels zu Besuch, und sie hatten Wichtigeres zu tun – ja, was eigentlich? Sie wusste nicht mal mehr, wofür Eike sich interessierte. Hatte er eine Freundin? Ging es schon mit der ersten Liebe los?

Sie blieb freundlich, bemühte sich, ihn ihre Enttäuschung nicht spüren zu lassen, und sagte: »Na, dann ruf ich lieber später nochmal an. Und alles Gute – ich drück dir die Daumen.«

Das Gespräch hatte ihr nicht gutgetan. Es hinterließ einen Druck auf der Brust. Und sie, die immer von Terminen gejagt wurde und oft mit dem Gefühl durch den Tag hetzte, ohnehin nicht alles schaffen zu können, wusste plötzlich nichts mehr mit sich anzufangen.

Sie trank ein Glas Mineralwasser, holte dann ein Stück Leber aus dem Kühlschrank, schnitt es in gleichmäßige Teile und stellte es der Katze hin. Willi hatte sich auch schon seit Tagen nicht mehr sehen lassen. Angeblich waren Katzen ja so treu. In Wirklichkeit wussten sie wahrscheinlich nur genau, wo es etwas zu fressen gab und einen warmen Schlafplatz.

Ann Kathrin Klaasen machte ein paar Mauzgeräusche, doch sosehr sie sich auch bemühte, eine Katze zu imitieren, Willi ließ sich nicht blicken.

Sie fühlte sich zurückgestoßen, ja richtig ausgenutzt. Auch von Willi.

Sie dachte kurz an die verrückte Mörderin, die Ostfriesland so lange in Aufruhr versetzt hatte. Ann Kathrin beschloss, sie mal wieder zu besuchen. Zwischen den beiden war so etwas wie eine Freundschaft gewachsen.

Hätte sie mir sonst ihren Kater Willi anvertraut, dachte Ann Kathrin. Dann spürte sie es wie einen Stich in der Magengegend: War sie schon so weit heruntergekommen, dass sie, um überhaupt noch persönliche Beziehungen zu haben, auf gefasste Straftäter zurückgreifen musste? Es war ihr gelungen, das Vertrauen der Täterin zu gewinnen. Aber sie hatte das ihres Sohnes verloren.

Sie schüttelte sich und beschloss, ans Meer zu fahren. Der Wind am Deich hatte ihr schon oft die Gedanken freigepustet, wenn sie zu sehr verstrickt war in ihr persönliches Geflecht oder in einen Fall.

 

Er sah ihr nach, wie sie auf ihrem Fahrrad zum Deich radelte. Das Haus war jetzt leer. Es lag, von den Hecken gut geschützt, im Norden von Norden, direkt bei den Bahngleisen. Höchstens einen Kilometer Luftlinie vom Meer entfernt. Hier würde ihn niemand bemerken. Schon gar nicht in der Dunkelheit.

 

Heinrich Jansen spürte seine Füße nicht mehr. Er sah, dass sie zitterten, aber es war kein Gefühl mehr in ihnen. Das Isolierband, mit dem seine Beine ans Stuhlbein gefesselt waren, schnitt tief in seine Haut.

Er jammerte. Einerseits fürchtete er nichts mehr, andererseits hoffte er, dass sein Peiniger bald zurückkommen würde, denn er wusste, dass er sonst nicht mehr lange zu leben hatte.

Hunger und Durst hatten ihn so schlapp gemacht, dass er immer wieder ohnmächtig wurde. Was aber viel schlimmer war: er brauchte diese Scheiß-Medikamente.

Sie lagen keine zwei Meter von ihm entfernt auf dem kleinen Tischchen. Daneben ein Rohrstock und die Peitsche. Wie um ihn zu verhöhnen, hatte der Mann, bevor er ihn allein ließ, ein volles Glas Wasser auf den Tisch gestellt.

Lieber Gott, betete Heinrich Jansen, lieber Gott, bitte lass mich nicht so sterben.

 

Selbst um diese Jahreszeit gab es einsame Stellen am Deich. Doch Ann Kathrin Klaasen war mit ihrem Rad genau hier hingefahren, wo alle Touristen zuerst ankamen: Zwischen Strandhalle und Diekster Köken fühlte sie sich wohl. Sie mochte es, in einer Ecke der Welt zu wohnen, die immer wieder von Touristen überflutet wurde. Sie gaben dem Norder Stadtbild im Sommer etwas Mediterranes. Die Menschen saßen draußen in der Einkaufsstraße und tranken Milchkaffee, es wurde eng in den Geschäften, es gab nie genug Parkplätze, und die Straße zwischen Norden und Norddeich war immer verstopft. Trotzdem freute sie sich, wenn die Touristen kamen, und suchte bewusst die Orte auf, an denen sie waren. Sie sprach mit niemandem und wollte auch auf keinen Fall angesprochen werden. Sie genoss es, sonntags im Strom der Touristen mitzufließen, als sei sie eine von ihnen.

Gibt es etwas Besseres, als da zu wohnen, wo andere Urlaub machen, hatte ihr Vater zu ihr gesagt. So gern hätte sie jetzt mit ihm gesprochen und ihn um Rat gefragt. – Sollte sie um Hero, ihren Ehemann, kämpfen? Sollte sie wirklich versuchen, ihn zurückzugewinnen?

Sie lächelte. Während sie am Deich einem knutschenden Touripärchen zusah, fielen ihr die Worte ihres Vaters wieder ein: Dumme rennen, Kluge warten, Weise gehen in den Garten.

War es das? Musste sie einfach nur abwarten, bis Hero reumütig zu ihr zurückkam? Wollte sie ihn überhaupt noch? Würde sie ihn wieder aufnehmen oder einfach nur die Genugtuung genießen, dass seine neue Beziehung gescheitert war?

Vielleicht war es besser, sich neu zu orientieren. Ihr Kollege Weller warb geradezu rührend um sie. Er war auch für ostfriesische Verhältnisse nicht wirklich ein Casanova. Aber in letzter Zeit hatte sie sich manchmal gefragt, ob sie seinem Werben nicht einfach nachgeben sollte. Grimmig dachte sie: Und sei es nur, um Hero zu ärgern. Er würde es bestimmt sofort erfahren, wenn sie ein Liebesverhältnis mit ihrem Kollegen anfinge.

Vom Meer her kamen dunkle Wolken. Es sah aus, als würden sie zwischen Juist und Norderney aus der Tiefe der Nordsee hochsteigen, und der Wind trieb sie nun viel zu schnell in Richtung Strand. Auf dem Wasser regnete es bereits. Hier an Land lagen die Menschen noch in ihren Strandkörben und sonnten sich. Aber die ersten Muttis riefen bereits nach ihren Kindern, um mit ihnen in die Ferienwohnungen zu flüchten. Wer einen Fotoapparat dabeihatte, knipste das Spektakel.

Zwei Regenbogen standen plötzlich auf dem Wasser, wie eine Verbindung zwischen Juist, Norderney und dem Festland. Das Wort »Regenfront« bekam für viele Menschen jetzt zum ersten Mal eine sichtbare Bedeutung. Hier, wo das Land so flach war und man so weit blicken konnte, näherte sich der Regen oft wie ein Nachbar, der zu Besuch kommt.

Es dauerte nur Minuten, dann klatschten die ersten Tropfen auf die Strandkörbe. Ann Kathrin Klaasen setzte sich auf die Deichspitze. Sie stützte sich mit den Händen im Gras ab und sah von dort aus den fliehenden Touristen zu. Sie konnte den Regen riechen, bevor sie ihn auf der Haut spürte. Ja, das war Ostfriesland. Der Wetterwechsel in wenigen Minuten. Geht man hinten aus dem Haus, scheint die Sonne, geht man vorne raus, regnet es bereits.

Jetzt war sie allein und klatschnass. Sie reckte den Wolken ihr Gesicht entgegen und genoss es, dass ihre Kleidung aufweichte. Sie stellte sich vor, Regen und Wind seien ihre Liebespartner, und sie ließ sich von ihnen streicheln.

Jetzt war nur noch ein Regenbogen da, und auch der würde bald verschwinden, denn dort hinten über Juist war der Himmel schon wieder wolkenlos.

 

Als die Sonne unterging, saß sie immer noch da und war inzwischen schon längst wieder trocken. Wenn sie geahnt hätte, was in diesem Moment jemand vor ihrem Haus aus dem Auto lud, hätte sie ihre Kollegen angerufen und wäre auf dem schnellsten Wege zurückgefahren. Stattdessen radelte sie an den stehenden Autokolonnen vorbei nach Norden zurück, um zunächst im Middelhaus, dann in der Backstube eine Altbierbowle zu trinken. Bevor sie ging, bestellte sie sich zu Ehren von ihrem Vater noch einen eiskalten Doornkaat.

»Prost, Papa«, sagte sie vielleicht ein bisschen zu laut, denn ein Gast drehte sich verwundert nach ihr um. Sie lächelte ihn an und leerte das Glas.

Ann Kathrin musste grinsen. Wenn Hero zu ihr in den Distelkamp Nr. 13 zurückkommen wollte, würde er sich ganz schön wundern. Das Zimmer ihres Sohnes, hatte sie unberührt gelassen. Aber seins nicht. Dort, wo er vorher mit seinen Klientinnen Familienprobleme und Magersucht aufgearbeitet hatte, hatte sie eine ganz andere Art von Arbeitszimmer gemacht. Er würde es wahrscheinlich spöttisch ein Museum nennen.

An einer Wand hingen alle vergrößerten Bilder vom Banküberfall, deren sie hatte habhaft werden können. Der Hubschrauber. Ihr toter Vater. Die wörtliche Aufzeichnung sämtlicher Gespräche mit den Bankräubern und Geiselnehmern.

Sie hatte diesen Fall in seine Einzelheiten zerlegt. Sekunde für Sekunde kannte sie den Ablauf. Jeden Fehler, den ihre Kollegen gemacht hatten. Das perfide, raffinierte Spiel der Geiselnehmer, bis hin zum Tod ihres Vaters. Die Schweine mussten noch immer frei sein. Und Ann Kathrin Klaasen wusste eins: Das waren echte Profis.

Lange konnte das Geld nicht mehr reichen. Wer im Untergrund lebte oder auf der Flucht war, verbrauchte größere Summen als der Normalbürger.

Sie würden wieder zuschlagen. Schon bald. Und diesmal wollte sie dem Mörder ihres Vaters in die Augen sehen und ihn überführen. Er würde nicht noch einmal ungeschoren davonkommen.

Sie sah das Gesicht ihres Exmannes Hero vor sich. Wie oft hatte er zu ihr gesagt: »Du bist doch nur Polizistin geworden, um den Tod deines Vaters zu rächen. Du bist immer noch sein braves Mädchen.«

Am Anfang hatte er das warmherzig gesagt, mit geradezu therapeutischem Mitgefühl. Später spöttisch. Wahrscheinlich ging sie ihm seit Jahren damit auf die Nerven. Niemand konnte es mehr hören, wenn sie über den Überfall sprach. Sogar die Kollegen verdrehten die Augen und verließen mit urplötzlicher Geschäftigkeit den Raum, wenn sie damit anfing.

Sie wusste, dass sie stundenlang darüber vor sich hin monologisieren konnte. Doch nun war alles anders als vorher. Sie war noch tiefer eingedrungen. Sie hatte sämtliche Banküberfälle in ganz Europa seit dem Tod ihres Vaters analysiert. Es gab erkennbare Muster, wie Fingerabdrücke. Sie erkannte gleich, wenn ein spanischer Bankräuber zunächst in Frankreich zugeschlagen hatte und sich dann in Richtung Italien fortbewegte. Aber für ihn interessierte sie sich nicht. Das war nicht der Mörder ihres Vaters. Das war einer von diesen kleinen Spinnern, die Fehler machten und nur deshalb entkommen konnten, weil die Fehlerquote bei der Gegenseite noch höher lag. Er würde eines Tages ins Netz laufen, sozusagen ganz von allein.

Aber der Schwarze Mann mit seinen drei Komplizen, der ihren Vater auf dem Gewissen hatte, der war nie wieder in Erscheinung getreten. In ganz Europa nicht.

Vielleicht hat er ja aufgehört, dachte sie plötzlich und knallte ihr Doornkaatglas ein bisschen zu fest auf den Tisch. Vielleicht züchtet er irgendwo Rosen und war seinen Enkelkindern ein reizender Opa. Vielleicht interessiert sich niemand mehr für diese alten Geschichten. Niemand außer mir.

Sie zahlte und radelte nach Hause zurück. Als sie am Flökeshauser Weg in den Stiekelkamp einbog, wurde sie aus einem dunkelblauen Passat Kombi beobachtet.

 

Gleich ist es so weit, dachte er voller Vorfreude. Gleich.

Am liebsten hätte er direkt ihr gegenüber eine kleine Wohnung gemietet, um sie besser beobachten zu können. Aber im Distelkamp und im Roggenweg standen nur Einfamilienhäuser. Zu vermieten war da gar nichts, und selbst wenn jemand ihm ein Zimmer unterm Dach angeboten hätte … das war zu auffällig.

Schade, dachte er, dass sie nicht in einer Hochhaussiedlung in Frankfurt wohnt. Dann könnte ich ihr noch viel näher kommen als jetzt.

Nach den schlimmen Ereignissen im April hatte Ann Kathrin Klaasen unterm Dachvorsprung zwischen Garage und Haustür eine digitale Überwachungskamera angebracht, die, sobald die Lichter durch den Bewegungsmelder angingen, die Bilder auf ihren Laptop im Haus übertrug. Es gab auch für den Garten hinterm Haus eine solche Webcam und für den Vorgarten. Nie wieder sollte sich jemand unerkannt bei ihr herumtreiben können.

 

Es war ein Leichtes für ihn gewesen, da hereinzuhacken und die Webcams auf seinen Computer zu schalten.

Jetzt saß er nicht weit von ihr entfernt im Flökeshauser Weg in seinem Auto, den Laptop auf den Knien, und wartete darauf, dass sie auf seinem Bildschirm zu sehen war. Natürlich war es unvergleichlich viel schöner, sie direkt zu beobachten. Aber die Webcam war besser als gar nichts. Er verglich das mit einem Rockkonzert. Zu Hause, im Fernseher, sah man die Interpreten sicherlich besser. Aber die eigentliche Stimmung sprang nicht wirklich über. Dazu musste man schon dabei sein, im wogenden Rhythmus der Körper.

 

Ann Kathrin Klaasen fuhr am Haus von Rita und Peter Grendel vorbei. Der gelbe Firmenwagen stand vor der Tür: Eine Kelle für alle Fälle. Peter lud eine Leiter ab.

Ann Kathrin dachte an die Flecken im Badezimmer und die undichte Stelle im Dach. Sie hielt an und fragte Peter, ob er nicht mal danach sehen könnte. Er lachte sein breites Lachen und war bereit, gleich mit rüberzukommen, doch es war bereits nach elf. Ann Kathrin wollte Rita und Peter nicht einen der letzten schönen Sommerabende vermiesen. So eilig war das mit dem Dach nun auch wieder nicht. Sie schlug vor, er solle kommen, wenn er gerade mal Zeit hätte.

Er war ein vertrauenswürdiger Mensch. Sie hätte ihm einfach einen Haustürschlüssel gegeben, doch er meinte, dazu brauche er nicht ins Haus, sondern nur aufs Dach, und das könne er auch, wenn Ann Kathrin nicht da sei.

Rita lud Ann Kathrin zu einem Grillabend ein. Man müsse die letzten lauen Sommerabende auskosten.

Ja, dachte Ann Kathrin, das könnte guttun. Und wenn ich komme, werd ich euch auch ganz bestimmt nichts über den Tod meines Vaters und die Banküberfälle der letzten Jahre in ganz Europa erzählen.

 

Sie sah es schon von weitem. Zunächst wirkte es auf sie wie ein Tier, das gekrümmt vor ihrer Haustür hockte. Ein großer Hund oder ein Schaf. Dann, als sie näher kam, glaubte sie, der Wind habe wieder mal Plastikmüllsäcke vor ihre Haustür geweht. Doch am nächsten Tag wurde in der Siedlung kein Müll abgeholt. Warum sollte jemand seine Säcke rausgestellt haben?

Als sie zur Garageneinfahrt einbog, ließ der Bewegungsmelder die Lichter anspringen. Es war tatsächlich ein Plastiksack, aber keiner, wie er hier für Müll verwendet wurde, sondern sie kannte solche Säcke aus der Gerichtsmedizin.

Es war ein Leichensack! Er konnte noch nicht lange da liegen, denn er war trocken. Für einen winzigen Moment hoffte Ann Kathrin Klaasen, dass sich jemand einen dummen Scherz gemacht hatte, und in dem Sack würde sich eine Schaufensterpuppe befinden.

An einigen Stellen pappte die weiße Plastikhaut am Körper fest und ließ ihn durchschimmern.

In solchen Momenten wurde Ann Kathrin nicht panisch, sondern sehr ruhig. Eigentlich hätte sie das alles gar nicht berühren dürfen, denn sie war nicht im Dienst und hatte keine Gummihandschuhe bei sich. Später würde sie sich wahrscheinlich darüber ärgern, sie wusste es. Aber trotzdem musste sie sich jetzt davon überzeugen, ob ihr Verdacht richtig war.

Mit spitzen Fingern fasste sie den Reißverschluss an und öffnete die Folie ein paar Zentimeter. Es schlug ihr ein süßlicher Verwesungsgeruch entgegen, gemischt mit dem von Kernseife und Lavendel.

Ann Kathrin Klaasen sah die Wangenknochen einer toten Frau.

Zum ersten Mal im Leben stieg sie buchstäblich über eine Leiche, um in ihr Haus zu kommen. Sie rief sofort ihre Kollegen in der Polizeiinspektion Aurich an. Sie kannte den Dienstplan genau und war glücklich, Weller am Telefon zu haben.

Ihre Stimme klang unaufgeregt, ja sachlich, als sie sagte: »Vor meiner Tür liegt eine Leiche.«

»Ich hatte mal ein großes, totes, schwarzes Pferd im Garten«, lachte Weller.

»Das ist kein Scherz.«

Er kam sich jetzt vor wie der letzte Idiot. »Ich bin gleich bei dir!«, rief er. »Ist der Täter noch in der Nähe? Bist du bewaffnet?«

Ann Kathrin Klaasen nahm ihre Heckler & Koch P 2000 aus der Handtasche am Garderobenschränkchen, entsicherte sie und lief in die Küche. Von dort gelangte sie durch die Terrassentür in den Garten. Sie hatte das Gefühl, der Täter könne noch hier sein. Vielleicht konnte sie ihn überraschen.

Sie lief an der Hecke vorbei, zwischen den Birnbäumen und den Gartenmöbeln zur Garage und war mit zwei Klimmzügen oben. Vom Garagendach aus sah sie ihren Hauseingang mit dem Leichensack. Sie konnte weit ins Viertel hineinschauen. Die Straßenlaternen waren an, aber sie hätte jetzt eine Flutlichtbeleuchtung gebraucht, um zu erkennen, ob die Zweige im Kirschbaum da hinten auf der anderen Straßenseite von Vögeln bewegt wurden oder von einem Menschen, der sich dort im dichten Gestrüpp versteckte.

Ihr Anruf hatte die übliche Kette ausgelöst, und natürlich waren die Kollegen aus Norden viel eher bei ihr als Weller aus Aurich. Dafür brachte er gleich die Spurensicherung mit. Schon war die Umgebung ihres Hauses abgesperrt wie ein richtiger Tatort.

Außer ihrem Twingo und dem Wagen der Post war – nach Ann Kathrins Wissen – in den letzten Tagen niemand über die roten Steine in ihrer Einfahrt gefahren. Doch die Spurensicherung fand noch verschiedene andere Reifenabdrücke.

Kollegen befragten die Nachbarn, ob sie etwas Verdächtiges bemerkt hätten, während Ann Kathrin Klaasen mit Weller in der Küche saß. Sie hatte einen Filterkaffee aufgebrüht. Weller trank ihn brav, ohne eine Miene zu verziehen, aber sie wusste, dass er es normalerweise ablehnte, Filterkaffee zu trinken. Seit er selbst die neue Espressomaschine im Büro in der Polizeiinspektion aufgestellt hatte, konnte er mindestens so fachkundig über Kaffeezubereitung sprechen wie die Ostfriesen über ihre Teerituale.

Von draußen drückte eine für Ostfriesland ungewöhnliche Schwüle herein. Aber vielleicht, dachte Ann Kathrin Klaasen, empfinde nur ich das so. Kriege ich Hitzewallungen?

Sie zog ihre Schuhe aus und stellte die Füße unterm Tisch auf die angenehm kühlen Steinfliesen.

Doktor Bill stellte fest, dass es sich bei der Leiche um eine sechzig- bis siebzigjährige Dame handeln müsste, die seit mindestens fünf Tagen tot war.

»Jemand hat die Leiche gewaschen und einbalsamiert«, sagte er. »Danach hat man ihr saubere Kleidung angezogen. Sie ist zurechtgemacht wie … «

»Für eine Beerdigung?«, fragte Ann Kathrin Klaasen.

Doktor Bill nickte.

Weller hatte schon sein Handy am Ohr. Er wollte nicht warten. Diese Sache hier war zu merkwürdig, zu bedeutsam. Er beschloss, noch heute Nacht ein paar Kollegen aus dem Bett zu holen.

Er sprach mit Rupert. »Entweder fehlt irgendwo eine Leiche, oder der Täter hat die Frau irgendwo aufbewahrt, und als er nicht mehr wusste, wohin, bei Ann abgelegt. Keine Ahnung, welcher Irre so etwas macht. Ich kann mich an keinen ähnlichen Fall erinnern. Veranlasse, dass Krankenhäuser und Leichenhallen abgefragt werden.«

Ann Kathrin nippte an ihrem Kaffee. Komischerweise hatte sie das Gefühl, der Kaffee würde die Hitze aus ihrem Körper vertreiben.

Rupert fragte nach dem Alter der Leiche und genaueren Erkennungsmerkmalen. Weller flippte sofort aus: »Ja, glaubst du etwa, dass irgendwo zwei Leichen fehlen?« Dann hopste er herum und äffelte: »Oh, bei Ihnen haben sie eine blonde vierzigjährige Leiche gestohlen! Nein, das ist nicht die, die wir suchen. Wir haben eine schwarzhaarige Siebzigjährige gefunden. Ja, tut uns auch leid!« Dann wurde er wieder ernst: »Mensch, wir wollen hier jede vermisste Leiche in ganz Ostfriesland gemeldet haben!«

Weller klappte sein Handy zusammen und steckte es in die Anzugjacke. Früher hatte er es wie einen Colt am Gürtel getragen. Seit einiger Zeit war er dazu übergegangen, kurzärmelige Hemden anzuziehen und darüber lockere, helle Sommerjacken aus gefärbten Leinenstoffen. Er bewahrte das Handy in der rechten Jackentasche auf, und die sah nun auch so ausgebeult aus, dass jeder, der wusste, dass er ein Kriminalbeamter war, glaubte, er trage darin seine Waffe.

Ann Kathrin sah Doktor Bill an: »Ist die Frau eines natürlichen Todes gestorben?«

Der Arzt zuckte mit den Schultern. »Das kann ich so auf Anhieb nicht sagen. Das müssen Sie schon durch eine Obduktion abklären lassen. Allerdings … «

So, wie er auf die Kaffeetasse sah, wollte er auch gerne einen Schluck. Ann Kathrin bot ihm sofort einen Kaffee an und nahm sein Satzende auf: »Allerdings … was?«

»Allerdings lassen die Umstände, unter denen wir die Leiche gefunden haben, darauf schließen.«

Weller grinste. Kriminalistische Schlussfolgerungen von Ärzten oder anderen Fachfremden amüsierten ihn meistens nur.

»Was soll das heißen: Die Umstände, unter denen wir die Leiche gefunden haben? Meinen Sie alle Leichen, die vor Ann Kathrins Tür abgelegt werden, sind grundsätzlich auf natürliche Art und Weise gestorben?«

Weller guckte Ann Kathrin an, als würde er ein Lob für diese geistreiche Bemerkung erwarten. Sie spürte, dass er schon die ganze Zeit um sie herumbalzte, um Eindruck auf sie zu machen.

Bill blieb wie immer ruhig, blies über die heiße Kaffeeoberfläche und erklärte: »Für die tote Frau muss ein Arzt einen Totenschein ausgestellt haben. Wenn sie eines unnatürlichen Todes gestorben wäre, hätte er die Polizei informiert.«

»Jaja«, sagte Weller, »wir kennen die Regeln. Aber … «

Ann Kathrin Klaasen legte eine Hand auf Wellers Arm, um ihn zum Schweigen zu bringen. Sie wollte Doktor Bill zuhören. Sie schätzte seine Meinung, und er hatte natürlich recht. Wenn die tote Frau aus einem Krankenhaus oder einer Leichenhalle stammte, gab es einen Totenschein.

Willi, der Kater, sprang auf Ann Kathrins Schoß und kuschelte seinen Kopf an sie. Die vielen Männer im und ums Haus machten ihm Angst.

»Willi«, sagte Ann Kathrin, »fängt draußen gern Mäuse, und manchmal bringt er sie mir. Er schenkt sie mir. Ich jage ihn jedes Mal damit aus dem Haus, aber ich glaube, er versteht das nicht.«

Weller schluckte. Er zeigte mit dem Daumen hinter sich. »Du meinst, das ist so ähnlich? Jemand legt dir eine Leiche als Geschenk vor die Tür? Was will er damit erreichen? Dass du ihn zärtlich hinterm Ohr kraulst, wie deine Katze?«

Ann Kathrin hob Willi von ihrem Schoß und setzte ihn auf den Boden. Sie suchte nach dem Katzenfutter und öffnete eine Dose für ihn. »Keine Ahnung. Jemand hatte einen Grund, mir die Leiche vor die Tür zu legen. Wie verrückt uns der Grund auch erscheinen mag, für irgendjemand war es genau richtig. Deshalb hat er es getan. Ich möchte, dass die Leiche obduziert wird. Ich will die genaue Todesursache wissen.«

Weller wog den Kopf hin und her: »Vielleicht machen wir die Sache besser nicht so dick, Ann. Vielleicht kommt gleich schon raus, dass sie hier in Norden in der Leichenhalle gestohlen wurde. Dann stehen wir vor den Angehörigen und müssen ihnen erklären, dass ihre Großmutter nicht nur geklaut wurde, sondern wir sie dann auch noch aufgeschnitten haben.«

»Du meinst, es ist ein Schülerscherz?«

Weller hoffte es, aber er ahnte, dass sich dahinter viel Schlimmeres verbarg.

Doktor Bill verabschiedete sich. Er müsse noch Patientenbesuche machen.

Weller schaute auf die Uhr. »Patientenbesuche? Um diese Zeit?«

»Unfälle und Krankheiten fragen nicht nach Uhrzeit oder Feiertagsregelungen«, lachte Doktor Bill und winkte zum Abschied.

»Mörder und Einbrecher auch nicht«, konterte Weller.

Plötzlich durchrieselte ein kühler Schauer Ann Kathrins Körper. Die Hitze war verflogen. Sie fragte sich, warum sie erst jetzt darauf kam. Sie kam sich so unprofessionell vor.

»Die Webcam!«, rief sie. »Ich muss doch einen Film von der Sache haben!«

Sie lief die Treppe hoch. Weller folgte ihr.

Der Computer brauchte eine Weile, bis er hochgefahren war. Dann erschienen drei Webcam-Bilder. Die Haustür mit einem Polizeiwagen davor und mehrere Kollegen an der Absperrung. Das andere Bild zeigte den Vorgarten und Doktor Bill, der draußen in sein Auto stieg. Das dritte den Garten.

Weller war ganz aufgeregt. Er zeigte auf das Bild mit der Haustür. »Kannst du das zurückspulen?«

»Natürlich.«

Im Schnelldurchgang sahen sie das Eintreffen der Kollegen, dann den Leichensack allein vor der Tür. Ann Kathrin, wie sie über die Leiche stieg, um ins Haus zu kommen. Und dann war alles schwarz.

»Das kann doch nicht sein!«, sagte Ann Kathrin nervös. »Hier wird 48 Stunden lang alles gespeichert.«

Sie ließ das Bild noch einmal zurücklaufen. Wieder die gleichen Szenen. Dann schwarz. Dahinter sah sie sich jetzt selbst aus dem Haus gehen und mit dem Rad wegfahren.

»Das gibt’s doch nicht!« Sie klatschte mit der rechten Faust in die offene linke. »Es ist alles drauf! Nur die entscheidenden Szenen fehlen!«

Weller hatte einen Verdacht, äußerte ihn aber noch nicht. Er mochte Ann Kathrin, wenn sie so engagiert und erregt über etwas sprach. Er sah ihr gerne zu, wenn sie ihre Ideen entwickelte, auch wenn sie sich verrannte. Er fand sie dann zum Knutschen. Er spürte in diesen Momenten, mit welcher Leidenschaft sie Kommissarin war. Sie hatte auch vor gewagten Hypothesen keine Angst. Jetzt zum Beispiel.

»Er muss ein Computerspezialist sein. Er hat sich bei mir ins System reingehackt und meine Überwachungskameras genau für den Zeitraum ausgeschaltet, den er brauchte, um die Leiche hier zu deponieren.«

Weller druckste herum.

»Was guckst du so komisch?«, fragte Ann Kathrin. »Was hast du?«

»Wann hast du deinen Sohn zum letzten Mal gesehen?«, fragte er zurück.

»Was hat das denn jetzt damit zu tun?«

»Bitte geh jetzt nicht gleich in die Luft. Es bleibt unter uns, wenn du willst.«

»Was? Rück endlich mit der Sprache raus.«

»Das Ganze sieht doch sehr nach einem Streich aus. Findest du nicht, Ann? Ich meine, wer hat die Möglichkeit, hier reinzugehen und deine Anlagen abzustellen? Um das von außen zu machen, müsste man nicht nur Computerspezialist sein, sondern auch deine Zugangsdaten kennen.«

»Ja und?« Sie wusste immer noch nicht, worauf er hinauswollte. Es blieb ihm nicht erspart, es auszusprechen.

»Eike könnte versucht haben, mit seinen Freunden … «

Ann Kathrin Klaasen ging sofort hoch, genau wie Weller befürchtet hatte: »Du willst doch nicht behaupten, dass mein Sohn … «

Weller wehrte mit offener Hand ab und versuchte zu beschwichtigen: »Ich will überhaupt nichts behaupten, Ann. Aber das Ganze sieht doch sehr danach aus. Der Junge kämpft um die Aufmerksamkeit seiner Mutter. Kann ich mich gut mit identifizieren. Hab ich als Junge auch gemacht. Worauf reagiert seine Mutter? Auf Leichen und Verbrechen. Eike holt mit seinen Freunden eine tote alte Dame aus der Leichenhalle – ich stell mir das wie so eine Mutprobe vor –, und sie legen sie dir vor die Tür. Im Grunde ist nichts passiert. Natürlich weiß er, dass deine Anlagen ihn dabei filmen würden. Also schaltet er sie für eine kurze Zeit aus.«

Auch wenn der Verdacht sie empörte, musste sie doch zugestehen, dass eine bestechende Logik darin lag. Wer sollte sonst einen Grund haben, ihr eine Leiche vor die Tür zu legen?

Trotzdem giftete sie Weller an: »Wenn er Aufmerksamkeit von mir haben will, muss er das nicht auf so eine krause Tour machen.« Sie stöhnte. »Was meinst du, wie oft ich versucht habe, ihn zu erreichen? Der ruft doch nicht mal zurück. Der hat ganz andere Sorgen, als sich um seine Mutter zu kümmern. Wenn überhaupt, dann kämpft er um die Aufmerksamkeit seines Vaters und dessen Freundin … «

Sie schwieg, weil sie befürchtete, ihre Augen könnten feucht werden. Auf keinen Fall wollte sie jetzt anfangen zu heulen.

»Wir sollten die ganze Sache nicht so hoch hängen, Ann, damit wir sie später auch wieder eindampfen können, falls sich doch herausstellt, dass dein Sohn … Es ist ja nicht nötig, dass so etwas auf ewig in den Akten steht.«

Sie spürte hinter seinen Worten sehr wohl, wie sehr er sich um sie bemühte und verhindern wollte, dass ihr Schaden zugefügt wurde. Trotzdem war sie irgendwie wütend auf ihn.

 

Die Leiche wurde inzwischen abtransportiert, die ersten Informationen lagen vor. In Norden, Norddeich, Hage und Greetsiel vermisste niemand eine tote alte Dame. Die Kollegen kamen herein, um sich von Ann Kathrin Klaasen zu verabschieden.

Ann Kathrin fand, dass Heiko Reuters von der Spurensicherung so merkwürdig grinste. Sie hätte ihm am liebsten eine reingehauen. Sie war immer noch nicht fertig mit dem, was Weller über ihren Sohn gesagt hatte. Kämpfte er genauso um ihre Aufmerksamkeit wie sie um seine? Warum fanden sie dann nicht zueinander?

Du wirkst auf die Menschen wie ein Kühlschrank, hatte Hero ihr vorgeworfen. War das wirklich so?

Weller hatte wohl noch nicht vor zu gehen. Er war eher froh, die anderen endlich los zu sein. »Wir könnten jetzt beide einen Schnaps vertragen«, schlug er vor. Er konnte Doornkaat nicht ausstehen, aber er wusste, dass sie immer eine Flasche davon im Kühlschrank hatte.

Während sie ein eisgekühltes Glas aus dem Gefrierfach holte und ihm einen Klaren eingoss, fragte er: »Soll ich mir deinen Sohnemann mal vorknöpfen? Es kann ja unter uns bleiben. Wenn er rausrückt mit der ganzen Geschichte, dann muss man ja nicht gleich einen Staatsakt daraus machen. Noch kann man die ganze Fahndungsnummer rückgängig machen.«

Sie hielt ihm das Glas hin.

»Und du nicht?«

Sie schüttelte den Kopf. »Ich hab schon genug.«

Weller hustete. Ein brennendes Gefühl breitete sich in seiner Speiseröhre aus. Er sah auf die Uhr. Es war kurz vor halb zwei.

»Ich schlage vor«, sagte er, »dass ich heute Nacht hier schlafe.«

Ann Kathrin zeigte auf sein Schnapsglas. »Musst du dir dafür Mut antrinken?«

Er schüttelte abwehrend den Kopf wie damals als pubertärer Junge, als er von seiner Mutter mit einem Pornoheftchen erwischt worden war: »Nein! Es ist nicht, wie du denkst. Nur weil … ich meine, immerhin hat eine Leiche vor deiner Tür gelegen, und irgendjemand hackt in deinen Computer hinein.«

Sie unterbrach ihn: »Ich denke, das war mein Sohn.«

»Und wenn nicht? Es geht nicht um diese tote Frau, Ann. Es geht um dich.«

Sie versicherten sich gegenseitig mehrfach, dass es wirklich nur eine Vorsichtsmaßnahme sei und überhaupt nichts mit Sex zu tun hätte. Ann Kathrin schlug vor, ihm das Sofa im Wohnzimmer zu beziehen, obwohl es genügend freie Schlafplätze im Haus gab. Er bestand darauf, mitzuhelfen. Dabei berührten sie sich zunächst wie unabsichtlich, dann ein zweites Mal, um festzustellen, dass sie beide das Gleiche dabei empfunden hatten. Schließlich saßen sie vor dem Sofa auf dem Teppich und küssten sich. Sein Bart störte sie überhaupt nicht, und sie stellte dankbar fest, dass er heute noch keine Zigarette geraucht hatte.

Weller hatte noch den metallischen kupfernen DoornkaatGeschmack auf der Zunge. Ann Kathrin wollte ihn einerseits wegstoßen, weil ihr Verstand nein schrie und in rascher Reihenfolge aufzählte, warum dies eine unvernünftige Beziehung werden würde und in einem Desaster enden müsste, aber ihre Gefühle sagten etwas anderes.

Während sie sich auszogen, kam ihr in den Sinn, dass sie die Verhütungsfrage noch gar nicht diskutiert hatten. Am liebsten hätte sie jetzt mittendrin wieder aufgehört.

Warum ist das immer so kompliziert?, dachte sie. Wenn ich ihn jetzt frage, ob er ein Gummi dabeihat und er mit Ja antwortet, dann sieht es so aus, als hätte er das von vornherein geplant, und ich müsste eigentlich wütend werden. Wenn er Nein sagt, müssen wir auch aufhören. Es ist nicht leicht zwischen Männern und Frauen, dachte sie grimmig.

Sie hatte selbst Präservative im Nachttischschränkchen und im Badezimmer. Jetzt fragte sie sich, was er von ihr halten würde, wenn sie ins Bad lief, um damit zurückzukommen.

Egal. Die Stellung auf dem Boden wurde sowieso unbequem. Ann Kathrin behauptete: »Ich muss mal, Frank. Bin gleich wieder da«, und ging ins Bad. Mit seinen verwuschelten Haaren sah er noch süßer aus, fand sie.

Zum ersten Mal nannte sie ihn beim Vornamen. Dadurch entstand eine neue Art von Vertrautheit, gleichzeitig aber auch eine gewisse Fremdheit zwischen ihnen. Er lächelte, weil sie ihn noch nie so genannt hatte, und sie überlegte gleich, ob sie ihn in Zukunft im Dienst wieder mit Weller ansprechen sollte. Eigentlich gefiel ihr sein Vorname. Sie fand, er passte zu ihm. Sie sprach ihn gleich noch einmal aus, so, als müsse sie sich an den Klang gewöhnen. Frank. Frank. Frank.

Die Zehnerpackung im Badezimmer war angebrochen. Es fehlten mindestens fünf oder sechs Gummis.

Hatte Hero die mitgenommen und mit seiner Freundin verbraucht?, fragte Ann Kathrin sich. Dann ermahnte sie sich selbst. Nein, jetzt keinen Gedanken an Hero. Jetzt nicht. Und schon gar nicht an seine Geliebte.

Sie erinnerte sich daran, wie schwer diese Packungen aufzureißen waren und dass ihre erotischen Spielchen dadurch manchmal auf unangenehme Weise unterbrochen worden waren. Seitdem schnitt Hero die Plastikversiegelung immer ein bisschen ein, um sie später schwungvoll öffnen zu können. Genau das tat sie auch. Dann lief sie mit dem Präservativ in der Hand zurück ins Wohnzimmer. Dort stand Weller in Boxershorts. Er hatte die gleiche Präservativmarke in der Hand wie sie und versuchte, das Tütchen mit den Zähnen zu öffnen.

Einen Moment standen beide stumm da. Jeder sah den anderen an. Dann begannen sie zu lachen.

Darüber, wie dumm und kompliziert diese Welt doch war und man selbst oftmals auch.

Danach war alles ganz einfach und schön.

 

Heinrich Jansen hörte Schritte. Einerseits war er glücklich. Sein Peiniger ließ ihn also nicht einfach hier unten verrotten. Andererseits kam mit jedem Schritt, den er sich näherte, die Angst zurück.

Der Mann war gut gelaunt und flötete vor sich hin. Heinrich Jansen schöpfte Mut. Würde er ihn heute freilassen? Aber vielleicht war es auch nur seine Vorfreude darauf, ihn umzubringen.

Auf dem Gaskocher bereitete er eine Mahlzeit zu. Kartoffelbrei und Spinat. Der Kartoffelbrei kam aus einer Instantpackung. Der Spinat war längst aufgetaut in einer alten Gefrierpackung. An den Kanten suppte es bereits durch.

Er hatte den Spinat und die Frischmilch, um den Kartoffelbrei anzurühren, seit Tagen hinten in Kofferraum mit sich geführt. Nur die Maden waren frisch. Er hatte sie in Emden im Zoohaus Tropica gekauft, da, wo er sich auch sonst mit Ködern ausrüstete.

Heinrich Jansen war so hungrig, dass der Duft vom Kartoffelbrei in ihm eine geradezu rauschhafte Gier verursachte, obwohl der Brei mit geronnener, verdorbener Milch angerührt war.

Dann klatschte der Mann eine große Portion auf den Teller, legte noch Spinat dazu und stellte alles vor Jansen auf den Tisch. Daneben lag ein großer Löffel.

Mit einer freundlichen Geste forderte er Heinrich Jansen auf, zu essen.

»Lass es dir schmecken, und vergiss das Tischgebet nicht:

O Gott, von dem wir alles haben,

wir danken dir für diese Gaben.

Du speisest uns, weil du uns liebst.

O segne auch, was du uns gibst. Amen.«

Fast tonlos sprach Heinrich Jansen das Gebet mit. Er wollte nur zu gern essen, doch seine Arme waren mit Teppichband an die Stuhllehne gefesselt. Er beugte sich vor und versuchte, mit dem Kopf den Teller zu erreichen. Sinnlos. Der Mann hatte alles genau so platziert, dass es Heinrich Jansen unmöglich war, auch nur auf zwanzig Zentimeter an das Essen heranzukommen.

Er näherte sich Heinrich Jansens Ohr und flüsterte liebevoll: »Du weißt doch, dass du hier so lange sitzen bleibst, bis der Teller leer ist … und wenn du schwarz wirst … «

Heinrich Jansen versuchte, im Stuhl auf und ab zu hüpfen, um so mit dem gesamten Stuhl näher an den Teller zu kommen. Aber er hatte längst nicht mehr genug Kraft, um solche Aktionen auszuführen.

Sein Peiniger streichelte das Gesicht des alten Mannes und schlug vor: »Ich werde dich einfach füttern. Was hältst du davon?«

Jansen nickte erfreut, obwohl er schon ahnte, dass damit eine neue Teufelei verbunden war.

Der Mann zog die Plastikdose mit lebenden Maden hervor. Er öffnete den Deckel und hielt die offene Dose vor Heinrich Jansens Nase, so dass er die Maden in den Sägespänen herumkriechen sehen konnte.

»Du bist doch kein Vegetarier, oder? Der Körper braucht Eiweiß, damit die Muskeln sich entwickeln.«

Er goss den gesamten Inhalt der Dose über dem Kartoffelbrei aus und rührte dann die Maden und die Sägespäne ins Essen. Dabei machte er Schmatzgeräusche, als würde ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen bei dem köstlichen Anblick. Er füllte den Suppenlöffel ganz voll und näherte sich damit langsam Heinrich Jansens Gesicht.

Jansen drückte die Lippen fest zusammen, schüttelte den Kopf und weigerte sich zu essen. Obwohl er nichts mehr im Magen hatte, spürte er einen Brechreiz in sich aufsteigen.

»Anderswo«, sagte der Mann tadelnd, »hungern arme Heidenkinder. Sie kriegen überhaupt nichts zu essen. Was meinst du, wie glücklich sie wären, wenn sie so etwas Schönes bekämen? Und du sitzt hier rum und isst deinen Teller nicht leer? Was bist du nur für ein undankbarer Junge!«

Er hielt Heinrich Jansens Kinn mit der rechten Hand fest und versuchte, ihm die Lippen zu öffnen. Er presste den Rand des Löffels hart gegen Jansens Zähne. Die Unterlippe blutete schon. Kartoffelbrei und Spinat klebten an Heinrich Jansens Oberlippe. Zwei Maden fielen herunter auf sein Hemd.

»Soso … trotzig bist du!« Der Mann schmierte den Rest des Breis in Heinrich Jansens Gesicht, steckte den Löffel dann in den Kartoffelbrei, wo er stehen blieb. Dann holte er den Rohrstock vom Tisch und ließ ihn durch die Luft pfeifen.

»Streck die Hände aus!«

Natürlich konnte Heinrich Jansen dem Befehl nicht nachkommen, denn seine Arme waren ja mit Klebeband an der Stuhllehne fixiert. Mit der Spitze vom Rohrstock berührte der Mann Heinrich Jansens Nase und hob damit sein Gesicht an.

»Ich hab dir gesagt, du sollst die Hände ausstrecken! Ach – du schaffst das nicht alleine? Du möchtest sicher, dass ich dir helfe, was? Aber gerne doch.«

Er zog sein finnisches Jagdmesser aus der Tasche. Stolz betrachtete er die Klinge. Sie war noch nie stumpf geworden. Er schliff sie ständig. Es war wie eine Meditation für ihn. Er musste dieses Messer ständig einsatzbereit halten.

Mit einem kurzen, schnellen Schnitt durchtrennte er das Teppichband, aber Heinrich Jansens Arm war so schlapp geworden, dass er ihn nicht ausstrecken konnte. Die Hand fiel in seinen Schoß zurück.

Mit einem festen Griff um Jansens Handgelenk streckte er die Hand aus. Heinrich Jansen ballte eine Faust.

»Schön die Finger ausstrecken. Wenn du die Hand wegziehst, kriegst du drei Schläge. Du kennst das Spiel doch.«

Heinrich Jansen öffnete seine Hand, schloss die Augen und drehte den Kopf weg, um nicht zu sehen, was geschah. Der Mann hob den Rohrstock und ließ ihn durch die Luft zischen.

 

Weller schlief nicht auf dem frischbezogenen Sofa, sondern neben ihr im Ehebett. Er nannte es Stühlchenliegen. Er kannte das von einer früheren Beziehung, lange, lange her.

Er lag nackt hinter Ann Kathrin und berührte so viel von ihrer Hautoberfläche wie nur irgend möglich. Etwas hielt ihn davon ab, auf die Seite von Hero herüberzurutschen. Er wollte lieber mit Ann Kathrin auf ihrer Seite des Bettes schlafen.

Als er wach wurde, brühte sie bereits Kaffee auf und schob Brotscheiben in den Toaster. Bevor irgendwelche Beziehungsgespräche den Morgen komplizieren konnten, klingelte das Telefon. Das Fehlen der Frauenleiche war bemerkt worden. In Oldenburg. Drei Beerdigungsgäste hatten mit Schockzuständen ins Krankenhaus gebracht werden müssen. Der evangelische Pastor, Eickhoff, war ebenfalls einem Nervenzusammenbruch nahe, bemühte sich aber, sein Tagwerk so unbeeindruckt wie möglich fortzusetzen, weil er glaubte, dass seine Schäfchen ihn jetzt noch mehr brauchten als jemals zuvor.

Ann Kathrin Klaasen war erleichtert. Sie konnte sich zwar gut vorstellen, dass ihr Sohn Eike ihren Computer manipuliert haben könnte, aber er war sicherlich nicht in der Lage, eine Leiche aus Oldenburg zu holen. Weder er noch seine Freunde hatten einen Führerschein.

Eike war entlastet. Erst jetzt merkte sie, wie schwer der Verdacht auf ihrer Seele gelegen hatte. Sie hätte nicht ihren eigenen Sohn jagen wollen. Sie hatte sich mit so viel Dreck auf der Welt beschäftigt, um ihn sauber zu halten. Sie dachte liebevoll an ihn und hätte in diesem Augenblick gerne sein Gesicht gestreichelt.

»Es gibt jetzt zwei Möglichkeiten«, sagte Weller. »Entweder schauen wir uns zuerst die Leichenhalle an oder die Wohnung der Verstorbenen.«

»Die Wohnung«, entschied Ann Kathrin, »und die Spusi soll zur Leichenhalle.«

Die Tote hieß Regina Orthner und hatte allein am Stadtrand von Oldenburg im Auenweg 11 gelebt.

Ann Kathrin Klaasen lief noch schnell ins Badezimmer. Weller wollte nicht warten, bis sie fertig war. Er wusste, dass es oben noch eine Gästetoilette gab. Er nahm jeweils drei Holztreppenstufen mit einem Sprung, aber dann öffnete er die falsche Zimmertür, und er stand nicht im Bad, sondern in Hero Klaasens ehemaligem Therapieraum. Er sah die Fotos vom Banküberfall an der Wand und wusste, dass Ann Kathrin die fixe Idee, eines Tages den Mörder ihres Vaters zu fangen, keineswegs aufgegeben hatte.

Als Kripomann faszinierte ihn die akribische Arbeit durchaus. Er stellte sich vor, sie würden immer so arbeiten. Jede Sekunde einer Tat aufschlüsseln. Wer hatte wann was wo gesehen, wer stand wo, wer konnte überhaupt gesehen haben, was er angeblich gesehen hatte.

Sie hatte nicht die Aussagen der einzelnen Leute hintereinander abgeheftet, wie sonst üblich, sondern sie waren zerschnitten und dem Tatablauf zugeordnet. Weller hatte so etwas noch nie gesehen. Jeder Standort und jeder Standortwechsel, jeder einzelne Zeuge war farblich markiert.

Er las: 14.33 Uhr. Zeuge D: »Dann habe ich den Rettungshubschrauber gesehen.«

14.35 Uhr: Zeuge A: »Man konnte den Rettungshubschrauber nicht sehen, nur hören. Er landete direkt auf dem Dach der Sparkasse.«

12.33 Uhr: Leiter des Einsatzkommandos: »Ich habe Befehl gegeben, das Gebäude nicht zu stürmen, um die Bergung der Verletzten nicht zu gefährden.«

Daneben standen ihre offenen Fragen: Wie hat sich der Hubschrauberpilot legitimiert? Wer hat den Hubschrauber angefordert?

Dieser ganze Überfall nötigte Weller durchaus einen gewissen Respekt ab. Er war skrupellos militärisch geplant worden. Der angebliche Rettungshubschrauber hatte keineswegs den schwerverletzten Vater von Ann Kathrin Klaasen abtransportiert, sondern nur die Täter samt ihrer Beute. Selten war die Polizei so vorgeführt worden. Viele verglichen diesen Banküberfall mit dem englischen Postraub vom 8.August 1963. Der Unterschied war nur, dass diese Bankräuber sicherlich niemals ›Gentlemen‹-Verbrecher genannt werden würden, denn sie waren mit äußerster Brutalität vorgegangen.

Hinter jeden einzelnen Sekunde gab es einen farbigen Punkt. Meist gelbe, irgendwann dann rote. Als Ann Kathrin hinter ihm stand, war keine Erklärung notwendig. Weller fragte: »Was bedeuten die gelben Punkte?

Sie antwortete emotionslos: »Da hätte mein Vater noch gerettet werden können.«

»Du hast deinen Vater sehr geliebt, hm?«, fragte er.

Sie nickte.

Weller nahm sie in den Arm. Auch wenn er es noch nicht ganz glauben konnte, seit gestern waren sie doch irgendwie ein Paar. »Wie war er? Willst du mir von ihm erzählen?«

»Wie war er?«, lachte sie fast ein bisschen verlegen. »Er war ein Stehaufmännchen.«

Weller sah sie verständnislos an. »Ein was?«

»Ein Stehaufmännchen.«

Weller drückte sie fester an sich und streichelte über ihr Gesicht.

»Wenn es stimmt«, sagte sie, »dass sich das ganze Meer in einem Wassertropfen zeigt … und wenn sich die ganze Erde wirklich in einem Sandkorn spiegelt … dann … «

Ihr fiel auf, wie oft ihr untreuer Ehemann Hero diese Sätze gesagt hatte. Aus seinem Mund hatten sie immer verlogen geklungen, und sie schämte sich fast, sie jetzt selbst zu gebrauchen.

Weller kannte diese esoterischen Sprüche und fuhr fort: »Ja, dann ist in einem Abfalleimer unsere komplette Zivilisation enthalten. Ich weiß.«

»Ja gut. Vielleicht hast du recht, Frank. Aber nehmen wir einmal an, es wäre richtig. Dann gibt es einen Vorfall, der illustriert, wie mein Vater war.«

»Erzähl es mir. So viel Zeit muss sein.«

»Einmal, auf einer Geburtstagsparty, brach mein Vater zusammen. Es war ein Herzinfarkt. Unter den Gästen war sogar ein Arzt. Der stellte Papas Tod fest. Ich saß wie gelähmt im Wohnzimmer und dachte immer nur, das kann nicht sein, das kann nicht sein. Ein paar Freunde teilten schon seine wertvollsten Angelsachen untereinander auf. Ich glaube, sogar ein Bestattungsunternehmer war bereits erschienen.

Sie hoben meinen Vater vom Boden auf und trugen ihn zunächst hoch ins Schlafzimmer. Er lag auf dem Bett. Ich saß davor und sah ihn an. Ich wagte nicht, ihn zu berühren. Ich hörte die Stimmen der anderen unten, aber ich wollte ihn nicht alleine lassen. – Ich begann einfach, mit meinem toten Vater zu reden. Und dann … « Sie stockte. Ihr Blick bekam etwas Entrücktes, so als würde sie die Szene noch einmal erleben. Sie sprach mit einer Kinderstimme weiter.

So muss sie damals geklungen haben, dachte Weller, als sie ein kleines Mädchen war.

» … und dann, dann wurde er einfach wieder wach. Ja. Ich saß da und sah, wie er seine Augen öffnete. Er guckte mich an und fragte, ob noch was von den Bratkartoffeln da sei. Ich lief runter zu den anderen und sagte ihnen, Papa möchte Bratkartoffeln. Kannst du dir vorstellen, wie die reagiert haben? So war er …

An meinem ersten Schultag schenkte er mir dann so ein Stehaufmännchen. Es stand ewig in meinem Zimmer, und wenn ich schlechte Noten geschrieben hatte oder mich andere Probleme quälten, dann tippte ich es mit dem Finger an, bog den Kopf bis herunter auf den Boden, und sah dabei zu, wie das Stehaufmännchen wieder hochwippte. Ich sehe ihn noch vor mir. Immer, wenn er mein Zimmer betrat, um mir einen Gutenachtkuss zu geben, stieß er das Stehaufmännchen an. Es ist keine Schande, zu Boden zu gehen, hat er mir beigebracht, aber es ist eine Schande, liegen zu bleiben.«

Arm in Arm gingen sie die Holztreppe hinunter, und Weller spürte ehrliche Trauer darüber, dass er ihren Vater nie kennengelernt hatte.

»Dein Vater«, sagte er, »hat versucht, dich groß und stark zu machen. Meiner wollte mich immer nur deckeln und klein halten. Er tat so, als wollte er nur mein Bestes. Aber in Wirklichkeit hatte er immer nur Angst, ich könnte ihn überrunden.«

»Er hat sich zu dir in Konkurrenz gesetzt?«

Weller nickte. »Ja. Und ich fürchte, er hat gewonnen.«

Gemeinsam fuhren sie nach Oldenburg in den Auenweg 11. Weller saß am Steuer seines elf Jahre alten Mondeo. Auch jetzt verkniff er sich das Rauchen. Er wusste, dass Ann Kathrin vor vielen Jahren aufgehört hatte, und er wollte ihre aufkeimende Beziehung jetzt nicht mit einer Diskussion über Passivrauchen belasten.

Sie sprachen nicht viel, aber es entstand keine Peinlichkeit zwischen ihnen. Erst jetzt merkte Ann Kathrin, wie oft sie beim Fahren mit ihrem Mann versucht hatte, krampfhaft ein Gespräch anzufangen, damit ja keine Stille entstand. Mit Frank, dachte sie, kann ich auch einfach so ruhig dasitzen, und trotzdem ist alles gut. Sie fragte sich, ob sie echt dabei war, sich neu zu verlieben. Etwas an dem Gedanken erheiterte sie.

»Unsere Kollegen«, sagte sie, »müssen ja nichts davon wissen.« Weller grinste und schaltete in den fünften Gang. »Die sind bei der Kripo. Die sollen es selbst herausfinden.«

 

Die Oldenburger Kollegen waren schon da und hatten vom Schwiegersohn einen Türschlüssel besorgt. Sie hatten genug zu tun und waren froh, Ann Kathrin Klaasen und Weller in der Wohnung allein lassen zu können.

Es war eine Vier-Zimmer-Eigentumswohnung im zweiten Stock. Die Wohnung war sauber und ordentlich hinterlassen, als sei gerade eine Putzfrau hier gewesen. Solche Wohnungen machten Ann Kathrin Klaasen immer ein bisschen nervös, beziehungsweise hegte sie gleich den Verdacht, dass hier Spuren beseitigt worden waren. Sie überprüfte die Blumen auf den Fensterbänken an der Südseite. Die Erde in den Töpfen war trocken.

Wenn in der Abwesenheit der alten Dame eine Putzfrau die Wohnung auf Vordermann gebracht hat, dann hätte die sicherlich auch die Blumen gegossen, dachte Ann Kathrin, und ihr Verdacht, hier habe nur jemand Spuren beseitigen wollen, bekam neue Nahrung.

Die Teppiche am Boden waren alt und an einigen Stellen schon ein wenig durchgelaufen. Aber Ann Kathrin vermutete, dass es teure, handgewebte Ware aus Tunesien oder Marokko war.

Sie hatte einmal einen Teppichhändler gejagt, der sich an kleinen Kindern vergangen und außerdem eine Reihe von betrügerischen Konkursen hinter sich hatte. Seitdem wusste sie einiges über Originale, Fälschungen, Fabrikware und Kinderarbeit.

An den Wänden drei Ölgemälde, alle von Ruth Schmidt-Stockhausen, der Grande Dame der ostfriesischen Kunstszene. Alle zeigten das Meer. Mal wild, mal still.

In einer mindestens hundert Jahre alten Glasvitrine stand ein ostfriesisches Teeservice, auf der Glasplatte darunter sechs edle Weingläser in Buntglas. Ann Kathrin kannte das noch von ihrer Mutter, die nannte diese Gläser Römer und sammelte sie. Jeweils an Weihnachten bekam sie ein neues Glas. Nie hätte ihre Mutter diese Weingläser in die Spülmaschine gestellt. Sie kamen nur zu besonderen Anlässen auf den Tisch und wurden natürlich immer mit der Hand abgewaschen.

Die Möbel in der Wohnung hätten jedem Antiquitätenladen alle Ehre gemacht. Ann Kathrin Klaasen vermutete, dass es alte Erbstücke waren, die Frau Orthner sorgfältig hatte aufbereiten lassen. Handgehäkelte Deckchen fielen ihr auf und eine moderne Einbauküche.

Eine Wand im Wohnzimmer bestand praktisch nur aus Buchregalen. Frau Orthner war wohl lange Mitglied im Bertelsmann-Lesering gewesen und hatte alle Vorschlagsbände gesammelt. Tolstoi stand neben Hans Fallada und Dostojewski. Dann die gesammelten Werke von Louis Bromfield.

»Arm war die gute Dame nicht«, sagte Weller.

Hier, allein mit Weller in dieser fremden Wohnung, entstand eine merkwürdige Intimität zwischen Ann Kathrin und ihrem neuen Liebhaber. Am Buchregal berührte sie sanft sein Gesicht und streichelte seinen Bart. Er schluckte und sah ein bisschen verlegen aus. Kamen ihm schon Zweifel?

»Wir haben beide eine harte Trennung hinter uns«, sagte er. »Ich will dir nichts vormachen. Meine Ex hat mich ganz schön fertiggemacht. Mir bleiben 950