Beschreibung

Wenn Rupert ermittelt, herrscht Ausnahmezustand in Ostfriesland Eine Loserparty auf Langeoog und ein etwas anderer Ermittler - Kurzkrimi Die Einladung war mit der Post gekommen. Seine ehemalige Klassenkameradin Nadja hatte Rupert zu einer „Loserparty“ eingeladen. Also keine Spielchen mit „Mein Haus. Mein Auto. Mein Boot.“, sondern echte Niederlagen. Komisch, dachte Rupert, Nadja wollte doch immer eine der Besten sein. Und jetzt eine Loserparty? Sollte er vorgeführt werden? Mit einem Glas Scotch in der Hand und einem tiefen Blick in den Spiegel fragte er sich: Was würde Bruce Willis tun? Als einer der Gäste ermordet wird, steckt Rupert mittendrin: im Schlamassel und in einer Ermittlung. Witzig, dreist und spannend: Wenn Rupert ermittelt, läuft alles etwas anders als geplant.

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Seitenzahl: 84


Klaus-Peter Wolf

Ostfriesenfete. Rupert und die Loserparty auf Langeoog.

Kurzkrimi

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Inhalt

Welch ein Brief, dachte [...]

Welch ein Brief, dachte Rupert. Überhaupt – wer schreibt heutzutage noch Briefe?

Er goss sich einen doppelten Whisky ein. Zwölf Jahre alter Scotch. Er nahm einen tiefen Schluck und las den Brief mit angenehmem Brennen im Hals noch einmal.

Lieber Rupert,

ich möchte eine ganz besondere Party geben und dazu nur sehr spezielle Gäste einladen. Wir treffen uns auf Langeoog in meinem Feriendomizil. Dort sind wir um diese Jahreszeit ungestört.

Hängen dir nicht auch diese öden Feten zum Hals heraus, bei denen jeder Gockel mit seinen neuesten Erfolgen auftrumpft und seine Federn aufplustert? Wenn dieses Spiel beginnt: Mein Haus. Mein Auto. Mein Traumurlaub. Dann langweile ich mich immer fast zu Tode.

Schlimmer wird es nur noch, wenn das Geprahle mit den Kindern losgeht. Das Einserabitur vom magersüchtigen Mädchen mit Zahnspange interessiert mich genauso wenig wie der hochbegabte Schwiegersohn in L.A.

Deshalb habe ich etwas ganz anderes vor: Ich will eine Loserparty geben. Ein Fest für Verlierer, bei dem jeder über seine schlimmste Niederlage berichtet.

Es wird keine Jury geben, sondern per Handabstimmung wird der größte Loser gewählt. Es gibt drei Kategorien, in denen man sich bewerben kann:

Ehe und Familie

Schule und Beruf

Sport, Spiel, Straßenverkehr

Du wurdest in allen drei Kategorien nominiert. Du kannst aber nur mit einer ins Rennen gehen. Für welche entscheidest du dich?

Es dürfen gern Beweise mitgebracht werden, um Hochstapeleien – oder sollte ich besser schreiben: Tiefstapeleien – auszuschließen (da kennst du dich als Kommissar doch aus).

Also: Alte Zeugnisse. Geplatzte Wechsel. Pfändungsbeschlüsse. Scheidungsurteile. Fotos von Skiunfällen oder missglückten Schönheitsoperationen.

Ich warte gespannt auf deine Antwort!

Nadja

Komisch, dachte Rupert, das passte doch im Grunde gar nicht zu ihr. In seiner Erinnerung war Nadja die schärfste Schnitte der Schule gewesen. Sie wollte in allem immer besonders gut sein. Wenn der Lehrer sagte: »Lernt diese fünf Seiten auswendig«, dann fragte sie nicht: »Warum?«, sondern: »Bis wann?«

Damals hatte er gedacht, wenn sie im Bett genauso eifrig ist, dann muss sie der absolute Knaller sein – und genauso war es dann auch gewesen. Sie kreischte herum, kratzte und biss. Er kam sich danach vor wie ein Schinken, der in einen Löwenkäfig geworfen worden war.

Nadja wollte jedenfalls immer die Beste sein – und jetzt eine Loserparty?

Will die mich auf den Arm nehmen, fragte Rupert sich. Soll ich vorgeführt werden? Komme ich in eine Fete hinein, bei der ich dann offen über meine Niederlagen rede, ja, sie besonders toll herausstelle, und dann bin ich der Einzige, der so etwas tut? Will sie sich damit dafür rächen, dass ich ihr die große Liebe damals nur vorgespielt habe, um sie ins Bett zu bekommen? Aber meine Güte, das haben wir doch alle gemacht!

Oder war so eine Verliererparty vielleicht genau ihr Ding? So etwas hatte nie jemand von ihnen erlebt. Ja, etwas ganz Besonderes zu organisieren, das war es, was sie vorhatte! Eine Party, über die alle noch lange reden würden.

Es gab keine Gästeliste und kein Datum. Sie verlangte praktisch eine Blankozusage. Es las sich aber so, als würde alles schon bald stattfinden.

Bin ich vielleicht, dachte Rupert, nur ein Notstopfen? Ein Ersatzspieler für einen tollen Hecht, der kurzfristig abgesagt hat?

Was würde Bruce Willis tun?

Vermutlich im Unterhemd einen Whisky trinken.

Rupert goss sich noch einen Fingerbreit ein und zog sein weißes Oberhemd aus. Erst jetzt sah er, dass die Soße der Currywurst Spuren hinterlassen hatte.

Im Unterhemd, mit einem Glas Whisky in der Hand, kam er sich schon männlicher vor, aber ein guter Plan war das immer noch nicht.

Humphrey Bogart würde anrufen und sagen: »Hey, Baby, sollen wir nicht besser etwas trinken gehen? Nur du und ich? Ich kenne da eine gute Bar.«

Schwarzenegger würde sich, egal in welcher Rolle, der Herausforderung stellen, ob als Terminator oder Barbar.

Aber konnte ein richtiger Mann ernsthaft über seine Niederlagen berichten? Gab es so etwas für ihn überhaupt? Wenn man auf einer Loserparty gewinnen sollte, wurde man dann zum Superloser? Zum Verlierer aller Verlierer? War das gut? War es tatsächlich ein Sieg, wenn man dort gut abschnitt?

Rupert sah sich im Spiegel an. Vielleicht, sinnierte er, machen Niederlagen ja erst richtig männlich. Seine Frau Beate stand insgeheim auf Männer, die weinen konnten. Neulich hatte er plötzlich diese blöden Pickel bekommen. Zwei am Rücken, einen an der Nase und drei – ja, verdammt, am Hintern, davon hatte er aber niemandem erzählt, nicht einmal Beate, weil es ihm so peinlich war. Er hatte kaum sitzen können im Dienst, und natürlich war wieder besonders viel Aktenkram zu erledigen. Beate hatte behauptet, die Pickel seien ungeweinte Tränen. Aber da lief er lieber herum wie ein Streuselkuchen, statt zur Heulsuse zu werden.

Rupert versuchte, vor dem Spiegel die Posen seiner Helden einzunehmen. Aber was war Bogey ohne Zigarette, was Schwarzenegger ohne Muskelpakete und was Bruce Willis ohne kahlrasierten Schädel?

Er fuhr sich mit den Fingern durch die Minipli. Sollte er sich etwa auch eine Glatze rasieren? Oder würden dann die Kollegen spotten und mit ihnen die gesamte Kampflesbenfraktion, er habe das nur getan, weil sein Haar langsam schütter wurde? Nein, deren Hexengerüchteküche wollte er sich nicht aussetzen.

Nadja wohnte jetzt in Oldenburg. Nach der gemeinsamen Schulzeit am Ulrichsgymnasium in Norden hatte sie einen Architekten geheiratet, von dem sie nach drei Jahren Ehe geschieden worden war. Viel mehr wusste Rupert über sie nicht, doch er googelte sie und war baff. Sie hatte bis vor kurzem ein Seniorenheim geleitet und hielt Vorträge über den Umgang mit dementen Menschen. Außerdem schrieb sie unter dem Pseudonym »Madame X« erotische Romane. Offensichtlich mit durchschlagendem Erfolg. Ihr Pseudonym war aber aufgeflogen oder marketingwirksam enttarnt worden, wie einige vermuteten. Damit war sie als Leiterin einer halbkirchlichen Einrichtung untragbar geworden.

Er rief sie an. Er stand dabei kerzengerade und zog während des Gesprächs den Bauch ein, als würde sie ihm zusehen. Ihre rauchige Stimme zauberte eine Gänsehaut auf Ruperts Unterarme. Seine Härchen richteten sich auf. Erinnerungen schossen in ihm hoch wie Leuchtraketen.

Er glaubte, ihren Atem durchs Telefon zu spüren. Dabei sah er sich selbst im Spiegel. Er fand, er war kaum älter geworden seit damals, höchstens reifer.

Sie irritierte ihn so sehr, dass er gar nicht wusste, wie lange sie jetzt schon miteinander telefonierten. Hatte sie gerade erst abgehoben, oder redeten sie schon seit einer halben Stunde über alte Zeiten?

Er hatte zwar dem Klang der Stimme gelauscht, aber irgendwie hatte dieser Klang ihn fortgetragen, ohne dass er richtig zugehört hatte. Sie sprach von einer Sturmflut, und er wusste nicht, ob sie die Nordsee meinte oder ihre Gefühle.

Er musste wieder ins Gespräch zurückfinden. Ich werde ihr am besten ein Kompliment machen, dachte er. Frauen stehen doch auf Komplimente.

»Trägst du deine Haare immer noch schulterlang? Ich habe deine Haare immer gemocht. Schwarze Haare, braune Augen – herrlich!«

Sie räusperte sich: »Ich hatte nie schwarze Haare. Meine Haare sind braun. Immer gewesen.«

Oh. Schwerer Fehler, dachte Rupert und stammelte: »Ja, meine ich doch! Schwarzbraun … also, schokoladenbraun sozusagen.«

»Nein, kastanienbraun mit einem Perlmuttglanz, manchmal mit einem Hauch ins Violettbraun.«

Rupert schwitzte: »Genauso habe ich dich in Erinnerung! Mit einem leidenschaftlich rötlichen Mittelbraun, fast schon lila.«

»Violett.«

»Ja. Eben. Violett.«

Er sah Schwitzflecken in seinem Feinrippunterhemd. Diese Frau war früher schon anstrengend gewesen, und daran hatte sich offensichtlich nicht viel geändert.

»Du kommst also? Für welche Kategorie hast du dich entschieden?«, fragte sie.

»Ja, ich weiß noch nicht, ob …« Er staunte selbst über seinen Versuch, jetzt einen Rückzieher zu machen.

»Ach, hör doch auf! Sonst hättest du nicht angerufen. Also, in welcher Kategorie trittst du an? Lass mich raten – Ehe und Familie?«

»Ähm, nein … Ich bin glücklich verheiratet.«

»Wer ist glücklich? Du oder sie?«

Diese Frau verunsicherte ihn. Er erinnerte sich. Es war ihm in ihrer Gegenwart schon damals immer so vorgekommen, als würde er zu langsam denken. Sie war bei allem immer so verdammt schnell.

»Wann«, fragte er, »soll das Treffen überhaupt stattfinden?«

Sie kicherte. »Ach, hab ich vergessen, dir das aufzuschreiben? Also, an diesem Wochenende. Entschuldige, ich weiß, ich bin spät dran mit der Einladung, aber ich hatte erst vergessen, dich einzuladen …«

»Hat man bei einer Verliererparty nicht schon von vornherein gewonnen, wenn man sogar bei der Einladung vergessen wird?«

Aus ihrem Kichern wurde ein Glucksen. »Du bist gut, Rupert. Du bist immer noch der gleiche witzige Typ. Früher hab ich mich manchmal gefragt, ob du unfreiwillig komisch bist oder eine echte Stimmungskanone.«

»Danke für das Kompliment«, brummte er.

»Siehst du«, lachte sie, »genau das meine ich!«

Er schwieg eine Weile, um durchzuatmen und sich zu sammeln. Dann sagte er: »Wer kommt denn sonst noch?«

Insgeheim hoffte er, sie würde antworten: Niemand. Ich wollte mit dir all diese tollen Sachen ausprobieren, von denen ich in meinen erotischen Romanen geschrieben habe, für die mir aber immer der richtige standfeste Partner fehlte. Der Brief war nur ein origineller Kontaktversuch.

Stattdessen sagte sie: »Lass dich überraschen.«

»Kenne ich die anderen?«

»Wie viele Loser kennst du denn, Rupert? Überleg mal. Was glaubst du, wer wird noch dort auftauchen?«

»Keine Ahnung, Nadja. Hast du nur Leute aus unserer gemeinsamen Schulzeit eingeladen?«

»Lass dich überraschen. Nimm die Fähre am Freitag um 17 Uhr 30. Ich hole dich am Bahnhof Langeoog ab.«

»Ja … ich … ähm …«

Er kam mit so bestimmend auftretenden Frauen nicht gut klar. Wieso sagte sie ihm, welche Fähre er nehmen sollte? Gehörte das schon zum Spiel? Vielleicht hatte er ja Lust, früher zu kommen oder später zu fliegen …

Ihre Stimme klang vielversprechend: »Freu dich auf ein ganz besonderes Wochenende.«

Er wollte noch etwas sagen, wusste nur noch nicht genau, was.

Sie legte einfach auf.

Rupert stand einen Moment unschlüssig vor dem Spiegel herum. Er überlegte, ob er noch einen Whisky nehmen sollte, entschied sich dann aber zu duschen, denn bei dem Gespräch war er echt ins Schwitzen gekommen.

Unter der Dusche fragte er sich, was für Beweise er mitbringen könnte und in welcher Kategorie er überhaupt antreten sollte. Seine Frau Beate war ohnehin am Wochenende nicht zu Hause, sondern nahm an einem Reiki-Seminar teil. Eine Ausrede brauchte er also nicht zu erfinden.