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Gefühlvoll, dramatisch und voller Rügen-Charme: Der Insel-Roman spielt Ende des 19. Jahrhunderts, zur Zeit der mondänen Kurbäder, auf der wunderschönen Ostsee-Insel. Der junge Arzt Konrad und seine Frau, die Krankenschwester Jette, planen mit viel Herzblut ihre Zukunft auf Rügen. Ihr Traum geht in Erfüllung, als 1896 ihr Sanatorium in Binz öffnet. In schönster Bäderarchitektur erbaut, ist das Sanatorium auf der beliebten Ostsee-Insel schon in der ersten Saison voll belegt mit anspruchsvollen Gästen. Keine einfache Aufgabe für Jette, die gerade zum ersten Mal schwanger ist. Und auch Konrad plagen große Sorgen: Er setzt alles daran, seinem Bruder Theo zu helfen, der an Syphilis erkrankt ist, doch Theos Zustand verschlechtert sich dramatisch. Als dann Jettes Wehen einsetzen, scheint etwas ganz und gar nicht zu stimmen. Wird ihr großer Traum ein böses Ende nehmen? Entdecken Sie auch die kostenlose und dramatische Vorgeschichte "Hochzeit an der See - Die Vorgeschichte zu Ostseefrische" von Elke Hellweg. Kenntnisreich und mit viel Gefühl erweckt Elke Hellwegs Insel-Roman die Bäder-Kultur auf Rügen Ende des 19. Jahrhunderts zum Leben und lässt uns am Schicksal von Konrad, Jette und ihren Patienten und Bediensteten teilhaben.
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Seitenzahl: 595
Veröffentlichungsjahr: 2021
Elke Hellweg
Ein Rügen-Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Wellen, Wind und große Träume …
Der junge Arzt Konrad und seine Frau, die Krankenschwester Jette, planen ihre Zukunft auf Rügen. Ihr Traum geht in Erfüllung, als 1896 ihr Sanatorium in Binz öffnet. In schönster Bäderarchitektur erbaut, ist das Haus schon in der ersten Saison voll belegt mit anspruchsvollen Kurgästen. Keine einfache Aufgabe für die hochschwangere Jette. Und auch Konrad plagen große Sorgen: Er setzt alles daran, seinem Bruder Theo zu helfen, der an Syphilis erkrankt ist, doch Theos Zustand verschlechtert sich dramatisch. Als dann Jettes Wehen einsetzen, scheint etwas ganz und gar nicht zu stimmen. Wird ihr großer Traum ein böses Ende nehmen?
Vorboten
Richtfest
Nachhall
Berlin
Heinzi
Tante Malwine
Personal
Bessere Zeiten
Künstler
Das Porträt
Eigenarten
Lampenfieber
Nervensache
Eröffnung
Wirrungen
Massage
Entdeckungen
Michael
Tumult
Zuwachs
Narkose
Franzbranntwein
Quellen
Dat wärrt nix! Gaar nix wärrt dat! Partuu nix!«
August Wilke stand am Giebelfenster seiner Kate und starrte gen Norden, die Miene so grimmig und grollend, als wollte er sich mit dem Sturm einen Wettstreit liefern. Das rasch vorbeiziehende grauschwarze Gewölk ärgerte ihn zutiefst. Die Heftigkeit, mit der die Böen an Dachpfannen und Fensterläden rüttelten. Nichts, rein gar nichts deutete an, dass sich das Unwetter in den nächsten Stunden legen könnte. Und weiter im Osten? Beim Granitzer Forst? Vielleicht tat sich da ja was? Er öffnete das Fenster, der Wind fuhr ihm ins Gesicht, und was er sah, enttäuschte ihn noch mehr. Auch über den sturmgepeitschten Wipfeln der alten Buchen zeigte sich der Himmel unbarmherzig – ohne Hoffnung auf eine noch so schmale Wolkenlücke.
August zog den Kopf ein und schloss den Riegel. Mit der nässeschweren Luft hatte der Wind einen Wirbel von Buchenblättern hereingeweht, die nun auf die Bodendielen trudelten. Seine Finger glitten durch die angegraute Schifferkrause, von einem Ohr zum anderen am Kinn entlang zog sich der Seefahrerbart. Dabei war er – anders als seine Väter und Vorväter – kein Fischer geworden, sondern Zimmermann. Er hatte den Dachstuhl mit erbaut, auf dem an diesem Abend die Richtkrone prangen sollte.
»Dat wärrt nix!«, stieß er hervor, diesmal so laut und donnernd, dass Emmy unten in der Küche die Augen rollte.
Seit bald dreißig Jahren teilten sie Tisch und Bett, und Emmy ließ ihrem August einiges durchgehen, aber nicht, sich derart heftig über etwas so Unveränderliches wie das Wetter aufzuregen. Sie eilte in den Flur.
»Gus!«, rief sie die Stiege hinauf. »Ob das mit dem Feiern draußen was wird, das wissen wir noch nicht. Geh raus und guck übers Meer. Vielleicht tut sich da schon was am Himmel.«
»Zu nass!«, kam harsch die Antwort.
Emmy liebte ihn aus tiefster Seele, doch sie liebte es auch, in Ruhe zu kochen. Einen knurrigen Ehemann im Haus konnte sie nicht brauchen, nicht so kurz vor dem Mittagessen, und schon gar nicht sechs Stunden vor einem großen Fest.
»Geh vor die Tür, Gus. Kurier deine Laune. Der Regen hat fast aufgehört, und der Sturm haut dich schon nicht um.«
Er stöhnte auf, sie hatte ja recht: Das Wetter kam, wie es kam, und er sollte besser seinen Zorn kühlen. Eine Runde an der frischen Luft täte ihm gut. Seufzend sammelte er die Buchenblätter vom Dielenboden und ging die schmale Treppe hinunter.
Emmy werkelte am Herd, neben sich eine Schüssel voll gelber und grüner Dörrerbsen, die sie über Nacht gewässert hatte. Mit dem Schürhaken hob sie ein paar Ringe aus der Eisenplatte, stellte einen Topf auf die Öffnung und ließ zwei Stiche Schweineschmalz flüssig werden. Gewürfelte Zwiebeln und Bauchspeck zum Anbraten standen schon bereit – die Grundlage von jedem deftigen Eintopf.
August gab die Buchenblätter zum Kompost und küsste seine Emmy auf die Wange.
»Ik luuf ’n beeten. Lütte Stunn.«
Sie nickte. Warmer Schweineschmalzduft stieg ihr in die Nase, mit einem Arm wischte sie sich die Stirn und löste eine Strähne aus dem hellbraunen Haar, das sie nach hinten gestrafft und zum Dutt gesteckt hatte.
»Tu das, mein Brausebart. Geih tau dien Buustell. De Ärvtensupp haalt ik uns waarm.«
Gus Wilke sien Buustell. Der Ausdruck hatte sich eingebrannt bei den Binzer Handwerkern. Dabei war es streng genommen nicht Augusts Baustelle, sondern die seines Schwiegersohns Konrad, oder noch genauer: Die Baustelle von Konrads Vater Justus. Doch seit dem ersten Spatenstich hatte August hier jeden Tag nach dem Rechten gesehen.
Er wandte sich zur Tür. »Und wenn ich nicht pünktlich zurück bin, dann bist du schuld. Dann liege ich mausetot im Wald. Im Sturm vom Ast erschlagen.«
»Gut«, Emmy rührte weiter. »Wenn das so ist, esse ich eben allein.«
Dass er sie noch auf die andere Wange küsste, ertrug sie mit Langmut. Endlich verließ er die Küche.
Im Flur hing seine dunkelgrüne Wachsjacke, vor mehr als zwanzig Jahren hatte er sie sich von einem Berufskameraden aus dem fernen England mitbringen lassen. August war mit dem Alter fülliger geworden, in der Jacke fiel ihm das Bücken schwer, die Knöpfe schloss er immer erst, wenn er seine Schuhe angezogen hatte.
Die Fischerkate hatte er von seinen Eltern geerbt und sich liebevoll darum gekümmert. Hier hatte er seine frisch angetraute Emmy über die Schwelle getragen, ins eigens geschreinerte Ehebett, hier brachte sie die erstgeborene Henriette und die ein Jahr jüngere Paula zur Welt. Sie hätten gern weitere Kinder gehabt, wohl auch einen Sohn. Doch der war den Wilkes nicht beschieden, und so setzten sie alles daran, den Töchtern die beste Grundlage für ihr Leben mitzugeben.
Sobald die beiden ein gewisses Alter erreicht hatten, erweiterte August die Kate um eine Schlafstube für sich und Emmy, und die Töchter bekamen das Giebelzimmer als eigenes kleines Reich. An der nördlichen Hausseite hatte er zudem einen Windfang gezimmert, mit einer bequemen Bank und Gestellen für das Schuhwerk der Familie.
An diesem Sonnabend, man schrieb den 8. September 1894, stieg August in seine Wasserstiefel und nickte dem mannshohen Holzneptun zu, der zwischen Haustür und Schuhbank seine Stellung innehielt. Vor bald hundert Jahren hatte Augusts Urgroßvater ihn aus einem Lindenstamm geschnitzt, seitdem tat der Neptun seinen Dienst als Galionsfigur des kleinen Hauses. Ein wahrhaft stolzer Meeresgott mit wirrem Haar und wachem Blick, den Dreizack aus blankem Eisen fest in der Hand. Wie es sich für einen Wilke gehörte, trug der Neptun ebenfalls eine Schifferkrause von einem Ohr zum anderen. Die Familie hielt ihn in Ehren. Alle paar Lenze schenkten sie ihm eine neue Lackierung. Vor einigen Wochen hatte August die Fensterläden, die Stiege und die Küchenstühle leuchtend blau nachgestrichen, und es war gerade genug Farbe übrig geblieben, um dem Meeresgott die Augen und den fischartigen Unterleib aufzuhübschen.
»Tachschön, mien Jung«, von schräg unten warf August ihm einen klagenden Blick zu. »Wat wärrt mit’m Wädder? Wat seggst?«
Der Neptun gab keine Antwort. August nahm es ihm nicht übel, schloss die Knöpfe der engen Jacke und zurrte die Kapuze um seine fleischigen Wangen. Dann trat er vor die Tür. Er hatte einen starken Wind erwartet, doch auf Händen und Gesicht spürte er bloß eine angenehme Brise. Die nasse, frische Luft machte das Atmen leicht. Auf den ersten Metern, den Plattenweg entlang durch den Vorgarten, kam er ohne Mühe voran und wollte schon frohlocken: Der Sturm hatte sich offenbar gelegt. Doch August irrte. Kaum erreichte er die Gartenpforte, da traf ihn ein Windstoß so heftig von der Seite, dass er einen Schritt auswich und das kleine Tor erst im zweiten Versuch entriegelte.
»Denn man tau.«
Er schlug den Weg nach Norden ein, stemmte seinen gedrungenen Körper gegen die Böen und schnaufte. Mit jedem Schritt sanken seine Stiefel in den nassen, von Lehmbrocken und kleinem Geröll durchsetzten Sand. Weit war es nicht zur Baustelle, normalerweise keine zehn Minuten. Heute jedoch würde August doppelt so lange brauchen. Immerhin regnete es kaum noch.
Der Sturm entsprang einem Hochdruckgebiet, das seit Tagen brutheiß über dem dänischen Grønsund lag. Doch statt auch Rügen mit Sonne zu verwöhnen, bedachte das Hoch die Insel nur mit seiner grau-nassen Seite: den angrenzenden Unwettern.
August hätte umkehren können zu Emmy und ihrem Erbseneintopf, aber er wollte nicht klein beigeben. Mühevoll stapfte er weiter gegen den Wind an. Der wagenbreite Pfad hier hieß Strandweg, seit einiger Zeit sogar offiziell. Zwar hatte der Weg am östlichen Dorfrand schon immer zum Strand geführt, war jedoch lange ohne amtlichen Namen geblieben. Erst vor Kurzem hatte man verfügt, ihn als Strandweg in das Straßenverzeichnis des Ortes aufzunehmen. Die immer zahlreicher kommenden Kurgäste müssten sich schließlich zurechtfinden.
Nach zweihundert Metern blieb August stehen und schöpfte Atem. Vor ihm lag der Kirchwald, ein Ausläufer der Granitz, der mit einer Breite von zweihundert Metern weit in den Ort hineinreichte. Dieses Forststück hatte August eben bei der Frotzelei mit Emmy gemeint. Hier könnte er von einem Ast erschlagen werden – falls er hindurchginge. Denn es gab auch eine andere Strecke in den Ortskern: vorbei am Schmachter See und dann auf die Wilhelmstraße. Doch das wäre ein Umweg, und nach irgendwelchen Umständlichkeiten stand August nicht der Sinn. Außerdem war es im Wald einigermaßen windstill, und er kannte sich aus. Als Kind hatte er hier als kühner Räuber jeden Gendarmen abgehängt, später seine ersten Zigaretten verpafft und noch viel später zum ersten Mal seine Emmy liebkost.
Augen zu und durch! Er wagte sich in den Kirchwald. Die Augen hielt er allerdings offen, denn die wogenden Baumkronen ließen nur wenig Licht auf den sandigen Waldpfad fallen, und auch wenn ihm der Wald vertraut war wie seine Westentasche, war ihm doch mulmig zumute. Gute zehn Meter über ihm fuhr der Sturm in die Wipfel, ließ selbst die stärksten Äste knarren und knarzen und morsche Zweige brechen. Doch unten auf dem Weg blieb August von jeder Böe verschont. Zwei oder drei Minuten, länger brauchte er nicht, das Forststück zu durchqueren. Kein Ast erschlug ihn, höchstwahrscheinlich würde er in einer knappen Stunde wieder bei seiner Emmy sitzen – und bei ihrem Erbseneintopf. Unverletzt erreichte er die Putbuser Straße und wollte schon in die menschenleere Victoriastraße einbiegen, da näherte sich von hinten eine Kutsche.
Erstaunt blickte August auf. Wer zum Teufel mutete seinem Tier bei diesem Sturm eine Ausfahrt zu? Und welches Pferd ließ sich das gefallen? Die Kutsche kam neben ihm zum Halten, er hatte dieses Gefährt noch nie gesehen. Ein aufklappbares Kabriolett, offenbar fabrikneu, die Karosse aufs Äußerste poliert, vom schwarzen Holzlack perlte jeder Regentropfen ab. Auf dem Bock saß in dunkler Pelerine eine schmale Gestalt: Rudi, ein Bauernjunge aus der Nachbarschaft, der nun grüßend die Hand hob.
»Tachschön, August. Schietwädder för dien Promenade.«
»För dien Kutsfohrt äwwer uk nich schön«, gab August zurück. »Allmaal nich förs Peerd.« Er trat näher an den schwarzen Wallach heran. Ein edles Tier war das, ein Warmblut mit einem Stockmaß an die eins siebzig, schmalem, muskulösem Hals und ellengerader Kopflinie. Ruhig stand es in seinem Geschirr.
Sein Besitzer Dietmar von Eisch, wie gewohnt in schwarzem Gehrock, lehnte sich aus der Karossentür.
»Seien Sie gegrüßt, Herr Wilke. Mein Santanos gefällt Ihnen also. Freut mich, freut mich.« Eisch lupfte den Zylinder und gab den Blick auf seinen haarlosen Eierkopf frei. »Santanos’ Großvater hat andalusisches Vollblut. Sehr erfolgreiche Einkreuzung, formidabler Charakter. Hier in Vorpommern versteht man sich eben auf die Pferdezucht.«
Santanos. Den Namen hatte August noch nie gehört. Er trat ein paar Schritte auf die Kutschentür zu. »Guten Tag, Herr Kurdirektor. Wirklich ein schönes Tier. Und hat ja wohl keine Angst vorm Sturm.«
»Richtig, Herr Wilke. Santanos ist von furchtlosem Gemüt. Er vertraut mir eben. Und das ja ganz zu Recht.«
Die meisten Pferdekenner hätten Eisch in dem Moment wohl widersprochen. Ein fürsorglicher Besitzer setzte sein wertvolles Tier keinem so starken Sturm aus. Auch wenn es nicht scheute: Die Gefahr durch umherfliegende Äste oder Dachziegel ließ sich nicht kleinreden. August jedoch wollte keinen Disput und verkniff sich diese Bemerkung.
Der Kurdirektor war Oberst außer Dienst und von niederem, jedoch wohlhabendem hinterpommerschem Adel. In allen Ehren hatte man ihn aus dem preußischen Militär entlassen. Seitdem firmierte Eisch in Binz als technischer Kurdirektor, Amts- und Gemeindevorsteher – alles in einer Person.
»Und ehe Sie fragen, Herr Wilke: Santanos ist eine Neuerwerbung. Ebenso wie das Kabriolett. Selbstredend auf eigene Kosten. Nicht, dass Sie denken, ich greife dafür in die Gemeindekasse.« Eisch lächelte leutselig. »Wohin denn eigentlich des Wegs? Offenbar ruft Sie die Pflicht. Sicher wollen Sie nach unserem Rohbau schauen.«
»So ist es, Herr Kurdirektor.«
Wie immer, wenn er es mit diesem Mann zu tun hatte, überkam August ein Widerwille, und das lag nicht an Eischs Äußerem. Dietmar der Kahle, so nannten ihn einige Spötter. Ihm spross kein einziges Haar, weder auf dem Haupt noch am übrigen Körper, er besaß weder Wimpern noch Brauen. Der Grund für seine Kahlheit bestand in einer Erbkrankheit, er trug also keine Schuld daran. Doch wegen seines Dünkels erregten sich die Leute über ihn. Mit dem sei nicht gut Kirschen essen, hieß es. Da mochte er sich noch so verbindlich geben.
Auch August dachte so über den Kurdirektor und wäre gern weitergegangen, doch aus Höflichkeit waren ein paar mehr Sätze vonnöten. Augusts Tochter Jette nämlich hatte in die Berliner Hautevolee geheiratet. Ihr Mann Konrad Behnfeld galt an der Charité als talentierter Arzt, sein Vater Justus war angesehener Tuchfabrikant und Bauherr des neuen Sanatoriums. Insofern pflegte nun auch August eine Verbindung zu hohen gesellschaftlichen Kreisen. Und wenn Kurdirektor von Eisch dem einfachen Zimmermann Wilke eine Unterredung anbot, noch dazu freiwillig und bei Sturm am Straßenrand, dann durfte das Gespräch nicht zu kurz ausfallen – so viel verstand August von gutem Benehmen.
»Nachher will ich noch einen Blick über das Meer werfen«, setzte er nach. »Wegen dem Wetter. Ob sich da vielleicht noch was tut für heute Abend.«
»Ach, Herr Wilke«, der Kurdirektor lachte auf. »Bloß keine übertriebene Sorge. Sie wissen doch, wie schnell sich das hier ändern kann. Ostdänemark liegt im herrlichsten Sonnenschein, und davon sollten wir doch auch unser Stück abbekommen.« Seine Finger umfuhren den silbernen Pferdekopf, der als Knauf am Gehstock diente. »Wichtiger ist, dass die Dachstühle dem Sturm standhalten und es Montag gleich mit dem Eindecken weitergeht.«
»Soll wohl alles. Das Holz steht stabil.«
»Sehr gut. Der Neubau soll ja ein veritabler Erfolg werden, das sind wir dem Ansehen von Binz unbedingt schuldig. Ein Kurbad in so formidabler Lage. Wie sähe es da aus, wenn unser erstes Privatsanatorium nicht pünktlich in Betrieb gehen könnte. Die Kurdirektoren der anderen Bäder würden über uns spotten. Es muss also gelingen, Herr Wilke.«
»Das wird schon, Herr von Eisch.« August schluckte gegen seinen Zorn an. Er war zwanzig Jahre älter als dieser Fatzke und musste sich von ihm behandeln lassen wie ein Schuljunge.
»Gut denn. Also sehen wir uns heute Abend auf dem Richtfest. Bei meiner kleinen Ansprache.«
»Jawohl, Herr Kurdirektor.«
Eisch nickte wohlwollend, und August freute sich schon auf die Abschiedsworte, da fiel dem hohen Herrn noch etwas ein: »Ach, Herr Wilke. Und wenn ich Sie hier schon mal treffe: Ob Sie wohl Herrn Behnfeld senior etwas ausrichten könnten?«
Wenn dat sien mööt, dachte August. »Ja, bitte?«
»Bestellen Sie ihm, ich kann mich noch auf keine Uhrzeit festlegen. Meine zahlreichen Verpflichtungen, Sie verstehen. Aber es ist ja nicht viel vorzubereiten, mir genügt ein schlichtes Podest, auf dem ich meine Rede halten kann. Ich komme also am frühen Abend, rede zu den Leuten und verabschiede mich dann gleich wieder. Bis dahin, Herr Wilke.«
»Auf Wiedersehen, Herr Kurdirektor«, August verbeugte sich.
Eisch zog die Tür ins Schloss und klopfte gegen das Kutschendach. Rudi und Santanos gehorchten, das Kabriolett rollte an.
Mit erhobener Hand blickte August hinterher. Seine Miene blieb freundlich – seine Gedanken weniger. Uevernäsiger Klookschieter! Grootmogul! Lieck mi an’n Noors!
Wie die meisten Binzer begegnete August dem Kurdirektor lieber von hinten als von vorn. August wusste über ihn, was alle im Ort wussten: Eischs Ehefrau, von zarter Statur und erst neunzehn Jahre alt, war bei der ersten Niederkunft auf tragische Weise verstorben. Der neugeborene Sohn indes hatte überlebt, die Eltern der Frau zogen ihn nun in Halberstadt auf. Eisch blieb allein in Binz zurück und hegte keine Absicht, sich neu zu binden. Seit sechs Jahren war er schon Witwer, und mit nicht mal vierzig stand er im besten Mannesalter. Doch nach eigenen Worten habe er Gram und Trauer über den Verlust seiner lieben Frau längst nicht verwunden. Aus Pietät sehe er davon ab, eine neue Ehe einzugehen, außerdem sei er beruflich stark eingespannt und wolle alle Kraft dem Wohl des Ortes widmen. So wie er sich anstrengte, musste man ihm das glauben. Er mochte nicht der angenehmste Mensch sein, seine Ämter jedoch führte er mit Geschick.
August ging weiter in den westlichen Teil der Victoriastraße, hier entstand auf einem Grundstück von fast zwei Hektar das private Sanatorium. Justus Behnfeld war bei der Planung forsch vorgegangen. Kaum hatte sein jüngster Sohn Konrad mit Jette Wilke Verlobung gefeiert, da war Justus nach Rügen gereist, hatte den Baugrund in erster Reihe hinter der Kurpromenade gekauft und gleich einen Dampfkran aufstellen lassen. Dank der neuen Technik waren zwischen erstem Spatenstich und Richtfest bloß zweieinhalb Jahre vergangen. Die fünfzig Gästezimmer wiesen mit ihren Fenstern nach Süden, Osten oder Westen. Lediglich die Personalstuben und Wirtschaftsräume lagen gen Norden.
Seufzend blieb August nun vor dem Rohbau stehen. Das Unwetter hinterließ seine Spuren, abgerissene Zweige und Blätter übersäten die Baustelle. Wo der Boden nicht sandig, sondern lehmig war, staute sich in vielen kleinen Kuhlen das Regenwasser.
Augusts Blick glitt an den eingerüsteten Mauern hoch zu den Dachstühlen des turmartigen Mittelgebäudes und der drei Seitenflügel. Soweit er von hier unten sehen konnte, hatte sich kein Sparren, keine Latte oder Pfette gelöst. Die Konstruktion aus schwedischer Lärche hielt dem Sturm stand, auch die Nebengebäude machten einen tadellosen Eindruck.
Er betrat den Bauschuppen, zündete mit seinem Feuerzeug einen Kienspan an und gleich darauf zwei Petroleumlampen. An einem Gestell hing die Richtkrone, einen guten Meter im Durchmesser und beinah zwei Meter hoch. Emmy und ihre Freundinnen hatten die letzten Tage damit verbracht, aus Stroh und Draht den Rohling zu formen, mit Tannenzweigen zu bestecken und die Bänder anzuknoten. In seinen bald fünfzig Jahren als Zimmermann war August noch keine so prachtvolle Krone begegnet. Aus feinstem Seidengarn bestanden die Schmuckbänder, ganz wie es sich gehörte, wenn der Bauherr eine Tuchfabrik besaß. August ließ ein azurblaues Band durch seine Finger gleiten. So ein herrlicher Stoff. Fest und dabei weich und anschmiegsam. Und wie wunderbar die Seide schimmerte, sogar hier im stumpfen Licht. Er befühlte auch die anderen Bänder, die grünen und roten, die gelben und violetten, die türkis- und orangefarbenen. Wie er derart gefühlsduselig die Seide betastete, kam August sich reichlich weibisch vor. Aber schön war es trotzdem.
»Wäre schade, wenn du nass wirst, liebe Krone«, sagte er laut. »Oder wenn der Wind dich umhaut. Aber vielleicht klart es ja noch auf. Ich gehe jetzt und gucke mal übers Meer.«
Die Richtkrone gab keine Antwort – August hatte es nicht anders erwartet.
Auf dem kurzen, schweißtreibenden Weg durch die Dünen begegnete ihm keine Menschenseele. Das kannte August schon: Die Kurgäste behaupteten zwar oft, die Seeluft tue vor allem bei starkem Wind der Lunge gut. Wenn dann aber tatsächlich eine steife Brise wehte, verkrochen sie sich lieber in ihren Pensionsbetten.
Er stellte sich an die Wasserlinie, wo die Wellen mannshoch aufspritzten, ihm mitten ins Gesicht. Woge um Woge traf tosend das Ufer, der Wind fuhr in die Gischt und blies weißsilbrigen Schaum weit auf den Sand. Vor der hohen See hatte August nie den Respekt verloren. Seine beiden älteren Brüder waren in ihren Kuttern bei einem Unwetter ums Leben gekommen, und allein deshalb hatte August nicht wie sie den Beruf des Fischers ergriffen, sondern war Zimmermann geworden.
Nun blickte er über das Meer, und seine Hoffnung auf ein Richtfest unter freiem Himmel schwand vollends. Zwischen dem dunklen Grau von Wolken und Wasser verschwamm der Horizont. Was sollte er hier noch länger stehen, wo Emmy doch mit ihrem Erbseneintopf samt gebratenem Speck auf ihn wartete? Vom Wettergott enttäuscht, setzte August sich wieder in Bewegung. »Dat wärrt nix!«
Doch er sollte sich irren. Es wurde noch was – und wie! Als er eine halbe Stunde nach dem Mittagessen aus seinem Nickerchen erwachte, hatten Regen und Sturm sich verzogen. An mancher Stelle riss die Wolkendecke auf, Sonnenstrahlen bahnten sich den Weg durch den Dunst.
August trank seinen Zichorienkaffee und ging zur Baustelle, wo auch seine Kameraden eintrafen. Mit Balken und Bohlen legten sie den Platz vor dem Rohbau aus, dann zimmerten sie flugs einen Tanzboden samt Orchesterbühne und stellten ringsum ein paar Pechfackeln auf. Spätnachmittags schien noch immer die Sonne, und vom südlichen Festland blies ein schwacher Wind. Lauter gute Anzeichen, demnach bliebe es wohl trocken. Die Männer verschraubten das Gestell der Richtkrone auf dem First und waren sich einig: Ein solches Prachtstück mit so edlen Bändern hatte Rügen noch nicht gesehen. Aber es kam ja auch nicht alle Tage vor, dass eine Binzer Zimmermannstochter in die Berliner Tuchfabrikation einheiratete.
Ein Kamerad nickte August zu. »Dann treck di man üm, Gus.«
Natürlich, er musste sich umziehen und eilte nach Hause. Bei der täglichen Arbeit trug August eine Zimmermannshose aus robustem schwarzem Corduroy. Doch er besaß das Beinkleid auch in einer festlichen Ausführung, feiner gewebt und mit einem roten Zierstreifen an der Längsnaht. Dazu trug er den üblichen kurzen Rock, eine schwarze Weste mit silbernen Knöpfen samt Schmuckkette sowie einen breitkrempigen Filzhut. Er drehte sich vor dem Spiegel.
»Werde mir bloß nicht eitel«, neckte Emmy. »Hochmuut mööt Pien lieden.«
In ihrer schwarzen Sonntagstracht stand sie mit Kamm und Schere bereit. Wenn ihr Mann hoch oben auf dem Gerüst sein Gedicht aufsagen würde, sollte er ordentlich aussehen. Immer mehr Kopfhaare hatte er mit der Zeit verloren, nur noch ein schütterer grauweißer Kranz war geblieben. Die Brauen unter seiner breiten Stirn jedoch wuchsen so buschig und wirr, dass Emmy sie ihm regelmäßig stutzen musste.
»Würdig siehst du aus, mien Gus«, sie legte die Schere beiseite. »Fast wie ein feiner Herr.«
August schmunzelte. »Dat soll wol.«
Zu viert waren die Behnfelds aus Berlin angereist und im Kaiserhof abgestiegen, dem Hotel gleich beim neuen Kurhaus: Jette, Konrad, Justus sowie Theo, Konrads nächstälterer Bruder. Von Donnerstag bis Sonntag – länger konnten die Männer sich für das Richtfest leider nicht freinehmen. Jette, die als Ehefrau nicht mehr berufstätig war, hätte zwar länger bleiben können, aber dann hätte Konrad sie schmerzlich in Berlin vermisst.
Freitags besichtigten sie den Rohbau in der Binzer Victoriastraße und berieten sich mit den Dachdeckern, und für den folgenden Morgen stand schon die nächste wichtige Besprechung auf dem Programm: In der Inselhauptstadt Bergen gab es einen Holzbauer, einen Spezialisten für die neuerdings so beliebte Bäderarchitektur. Er entwarf die wunderbarsten Balkone und Hausverkleidungen, und auf den Besuch bei ihm freute Jette sich wie ein kleines Mädchen auf das Weihnachtsfest.
Am späten Freitagabend stand sie am Fenster ihrer Hotelsuite und schaute besorgt in den Himmel. Zwischen Binz und Bergen lagen bald zwanzig Kilometer. War bei so starkem Sturm die Fahrt überhaupt möglich?
Konrad zog am Glockenstrang neben der Zimmertür, keine zwei Minuten später klopfte ein Page und nahm die Frage entgegen.
»Da machen Sie sich bitte keine großen Sorgen, Herr Doktor. Auf unsere Lokomotive ist Verlass. Bester deutscher Stahl und ordentlich Kohlen im Tender.«
Dreizehn Jahre – viel älter mochte der Page kaum sein, ein fahlblonder Inseljunge mit treuherzigem Blick. Und er behielt recht. Um sieben Uhr morgens brachte er die erlösende Nachricht: Das Dampfross der Bahngesellschaft tat wie üblich seinen Dienst. Wenn nicht gerade ein Baum über den Schienen liege, dürfte die Fahrt von Binz nach Bergen wohl gelingen.
Tatsächlich verlief der Vormittag nach Plan. Die Lokomotive, dem großen Dampfkessel sei Dank, trotzte dem Sturm, und der Balkonbauer erwies sich als Meister seines Fachs.
Ach, wie wunderwunderbar! Ein Kind in einer Confiserie hätte kaum seliger sein können als Jette in der Werkstatt dieses Holzbauers. Etliche Modelle führte er vor, Zeichnungen und sogar einige Fotografien von Strandhäusern. In schönster Bäderarchitektur hatte er die Fassaden gestaltet, mit vorspringenden Gittern und Ranken, Halbsäulen und romantisch verzierten Streben.
»Da wird einem ja ganz quirlig im Kopf«, zwischen all den Entwürfen lachte Jette auf. »Und ich sehe schon: Diese Architektur braucht eine ordnende Hand. Sonst kann es wohl auch zu viel werden.«
Der Schreiner stimmte ihr zu. Über die Pläne von den kahlen Außenmauern des Sanatoriums legte er Pergamentpapier und griff zum Bleistift. Jedes der Gästezimmer bekam seinen Balkon, einen stabilen Vorbau mit romantischer Verzierung, leicht und luftig wie die Villen in Italien und doch mit einer gediegenen nordischen Strenge. Keine halbe Stunde brauchte er, um seine eigenen Ideen gepaart mit Jettes Vorlieben in einer Zeichnung festzuhalten.
»Aber was meint ihr denn?«, forderte sie ihre männliche Begleitung auf. »Gefällt euch das so?«
Konrad, Theo und Justus nickten schmunzelnd. Was sollten sie groß sagen, wenn sich alles schon zum Besten fügte?
Mit dem Pergament fuhren sie zurück nach Binz und nahmen im Kaiserhof ein Gabelfrühstück, den Blick durch die breiten Bogenfenster zum Meer gerichtet.
»Es klart auf«, meinte Theo voller Überzeugung.
»Meinst du wirklich?«
Jette zweifelte, denn der Himmel zeigte nicht den kleinsten Fetzen Blau, doch die Wolkendecke lockerte schon auf, und kurz darauf – die vier löffelten gerade ein Beerenkompott – brachen die ersten Sonnenstrahlen durch den Dunst.
Konrad tätschelte ihre Hand. »Wenn Engel Richtfest feiern, dann muss Petrus sich doch erbarmen.«
Erschöpft zogen sie sich auf die Etage zurück. Theo und Justus hatten Einzelzimmer, das junge Paar logierte in der Hochzeitssuite. Hier hatten die beiden im Juni schon die Nacht nach ihrem großen rügenschen Hochzeitsfest verbracht und erinnerten sich nur zu gern daran.
»Wir haben jetzt anderthalb Stunden Zeit«, grienend steckte Konrad die Taschenuhr zurück in seine Weste. »Aber nicht vergessen: Etwas Schlaf brauchen wir auch noch.« Im selben Atemzug warf er sie auf das Bett und ließ ihr kaum Zeit, die knöchelhohen Stiefel aufzuknöpfen.
Ja, das Hochzeitsbett. Einen glänzend weißen Baldachin gab es und eine durchgängige Matratze von zwei Metern Breite, ganz ohne Besucherritze. In Deutschland trug diese Art von Doppelbett noch immer den Ruf des Frivolen – ganz anders als in Paris, wo Jette und Konrad ihre Flitterwochen verbracht hatten. Doch auf die Bettstatt allein kam es ja nicht an. Wichtiger war, was in ihr passierte.
Mit einem so zärtlichen wie tiefen Kuss verschloss er ihr nun den Mund, jedes weitere Wort wäre zu viel gewesen. Länger und länger dauerte die Liebkosung. Konrad löste Knopf um Knopf ihres Nachmittagskleids, Haken um Haken ihres Korsetts, und immer weiter versanken sie in beseeltem, leidenschaftlichem Glück. Wie gut hatte es sie getroffen– auch wenn sie damals in ihrem gesellschaftlichen Stand so wenig zueinandergepasst hatten.
Doch nun passten sie, und wie sie passten! Schon vor ihrer Heirat hatten sie einander leiblich beigewohnt. Seit sie jedoch die Eheringe an ihren Händen trugen, war alles noch spürbarer, noch ernster geworden. Jettes Körper empfing den seinen in völligem Selbstverständnis, und mit jeder Sekunde, die sie ihn drängender wahrnahm, steigerte sich auch ihre Hingabe. Wie zärtlich Konrad war, wie rücksichtsvoll und dennoch so wunderbar ungestüm, dass sie sich in ihrer Lust ganz fallen lassen und seinen Bewegungen anpassen konnte. Ihr leiser Schrei und gleich darauf seiner, der Nachhall ihres pulsierenden Fleisches, dann die Stille.
Ihr Kopf lag unter seiner Brust, er löste sich von ihr und rollte sich auf die Seite, gleich darauf legte sie ihr Ohr auf sein Herz: Ichliebdich – ichliebdich – ichliebdich. Was sonst hätte es schlagen sollen?
Zum Schlafen hatten sie eine Stunde. Den Wecker hatten sie so eingestellt, dass ihnen genügend Zeit blieb, ihre Zweisamkeit noch einmal ganz auszukosten. Dann erhoben sie sich aus den Kissen, erquickt und bereit für das Richtfest.
Binz lag an der Pforte zum Mönchgut, einer landschaftlich reizvollen Halbinsel im rügenschen Südosten. Um Jettes Heimat die Ehre zu erweisen, begingen die beiden ihr Richtfest in Mönchguter Tracht. Jette trug ein schwarzes Kleid mit meerblauem Saumbesatz und einer weißen Schürze. Das Brustbrett mit den schwarzen Schnürbändern zeigte in seiner Stickerei das gleiche Blumenmuster wie das Schultertuch. Über ihren Haarknoten zog sie eine weißleinene Haube und eine dünn gewirkte schwarze Wollmütze. Der Sitte nach war nur eine einzige Stirnlocke erlaubt, doch so streng wollte Jette an diesem Tag nicht sein. Sie zupfte ein paar Strähnen unter der Haube hervor, das Zimmermädchen brachte ein heißes Brenneisen, und bald schon umrahmten frisch ondulierte goldblonde Locken Jettes Gesicht.
»Hoffentlich kann ich da mithalten. Ich habe hier ja nur eingeheiratet.« Konrad küsste sie auf den Mund. Er trug zu schwarzen Stiefeln eine weite wadenlange Hose aus weißem Leinen, dazu ein weißes Hemd, eine rot-blau gestreifte Weste und eine kurze schwarze Jacke. Ideal zu seinem dunkelblonden Haar passte die blaue flache Mütze mit dem schwarzen Schirm.
Seite an Seite standen sie vor dem hohen Spiegel. Sie konnten sich sehen lassen, befand Jette. Und auch wenn Konrad nicht eingeboren war: Mit ein wenig Anstrengung würde er in dreißig, vierzig Jahren bestimmt einen recht anständigen Mönchguter abgeben.
»Also los, werter Gatte. Theo hat sich ja bis eben gut benommen. Hoffen wir mal, das bleibt heute so.«
Sie berührte einen heiklen Punkt, denn über Theos Schicksal lag ein schwerer Schatten. Dem Vater war er wie aus dem Gesicht geschnitten, doch verfügte er keineswegs über dessen forsche Art, das Leben anzupacken, und auch nicht über die Disziplin seiner Brüder. Theo galt als weichherzig und verträumt. Vieles im Leben ließ er auf sich zukommen, war wenig entschlussfreudig und oft unachtsam. So hatte er sich in jungen Jahren bei einer Dirne mit Syphilis angesteckt. Die ersten Symptome stellten sich zwar wie im Lehrbuch ein, doch zog er Konrad, der damals noch studierte, erst spät ins Vertrauen. Die Quecksilberspritzen kamen spät und schlugen nicht an, jede Behandlung blieb erfolglos, inzwischen ergriff die Krankheit Theos Hirn. Er entwickelte ein schweres Gemütsleiden, die sogenannte progressive Paralyse. Bald vierzig von hundert Insassen der Berliner Irrenanstalten litten daran.
Als mittlerer der Behnfeld-Söhne war auch Theo in der Tuchfabrik tätig, und zwar in der Position eines einfachen Kontoristen. Damit gab er sich zufrieden, eine größere Karriere hatte er nie angestrebt. Inzwischen störte die Syphilis deutlich seine Mitarbeit. Solange die Buchhalter oder Schreiber anwesend waren, konnte Theo sich noch recht gut zusammenreißen. Sobald er aber mit seinem Vater oder dem älteren Bruder Justus junior allein blieb, trieb sein Verhalten seltsame Blüten. Er suchte Streit ohne erkennbaren Grund oder weigerte sich, auch nur ein Wort zu sprechen. Manchmal gab er nur Tierlaute von sich, bevorzugt Bellen oder Krähen. Jüngst hätte er um ein Haar die Adressen von zwei amerikanischen Kattunhändlern verwechselt, die beide an Justus’ Firma lieferten, aber zueinander in Konkurrenz standen. Zum Glück hatte ein Schreiber die falsche Anschrift früh genug bemerkt und für ein flüchtiges Versehen gehalten. Von Theos Krankheit ahnte der Gehilfe offenbar nichts, und Theo, von seinem Vater auf den Fehler angesprochen, hatte bloß hilflos die Achseln gezuckt.
Noch behielt Theo seine Stellung im Kontor. Justus wollte Aufsehen vermeiden. Von der Syphilis wussten bisher nur die nächsten Angehörigen, man hatte Angst um den Ruf der Familie und der Fabrik.
Konnte man den kranken Theo überhaupt mit zum Richtfest nehmen? Sein Vater bestand darauf, die Behnfelds waren schließlich Bauherren und zukünftige Betreiber des Sanatoriums. Und wenn schon Justus junior, genannt Juju, wegen dringender Geschäfte in Berlin blieb, dann sollte wenigstens Theo mit nach Binz kommen. Jette und Konrad hatten versprochen, während der Feier gut auf ihn aufzupassen.
»Dann darf ich nun wohl bitten, holdes Eheweib.« Konrad bot ihr galant den Arm an, sie schritten die Treppe hinunter ins Hotelfoyer.
Justus und Theo warteten schon. Weil beide waschechte Berliner waren und auch bleiben wollten, verzichteten sie auf rügensche Tracht. Stattdessen trugen sie schlichte Anzüge aus feinem schwarzem Corduroy, nicht allzu vornehm und doch ansehnlich – ganz wie es sich schickte, wenn die Bauherren mit ihren Handwerkern feierten.
Sie überquerten die Strandpromenade. Ein vergissmeinnichtblauer Himmel warf sein Licht über die sanft wogende Ostsee, und nur noch die vielen Blätter und abgerissenen Zweige längs des Weges zeugten vom Sturm, der hier bis in den frühen Nachmittag getobt hatte. Elegant gekleidete Kurgäste kamen den Behnfelds entgegen. Ohne einander zu kennen, grüßte man lächelnd, vereint in der Freude über das gute Wetter. Konrad und Jette gaben auch sonst ein entzückendes Paar ab, doch nun, in ihren Festtagstrachten, fielen sie in besonderer Weise auf und ernteten manch anerkennenden Blick.
Sie bogen in die Victoriastraße. Rund um den Rohbau staute sich in den lehmigen Kuhlen noch das Regenwasser, doch inzwischen hatten viele emsige Hände geholfen, die Baustelle in einen wirtlichen Festplatz zu verwandeln. Den größten Teil des Bodens hatte man mit Bohlen abgedeckt, Tische samt Bänken aufgestellt und gleich daneben einen Tanzboden sowie eine Bühne für das Orchester errichtet.
August, in seiner festlichen Zimmermannskluft, stand mit Emmy und einigen Kameraden beisammen, die Behnfelds gesellten sich dazu.
August wandte sich an Jette. »Un nu vertell mol, mien Deern. Wat seggt de Herr Balkonschnitzer in Bergen?«
Auf diese Frage hatte sie ja nur gewartet.
»Sein Entwurf ist ganz vorzüglich. Leicht und luftig, fast wie die Villen am Mittelmeer. Morgen zeige ich euch die Pläne.« Ihre Hände fuhren durch die Luft und zeichneten all die Streben, Bogen und Ranken, mit denen der Holzbauer die Fassade gestalten wollte.
Emmy lachte begeistert auf, und selbst August, der die Bäderarchitektur eher überkandidelt fand, nickte.
»Soll man wol, all de witte Zierraat. Ist ja für eure schnieken Gäste.« Herzlich drückte er Tochter und Schwiegersohn an sich.
Gleich darauf erschien Paula mit ihrer Familie: Krischan Harmsen stand im Dienst von Wilhelm Malte II., Fürst und Herr zu Putbus. Als Faktotum war Krischan dem Schlossverweser unterstellt und kümmerte sich um die technischen Aufgaben im Jagdschloss Granitz, übernahm aber auch Botengänge und die Pflege der Waffenkammer. Gerade dem Backfischalter entschlüpft, hatte Paula sich von dem acht Lenze älteren Schmiedegesellen zum Altar führen lassen, inzwischen gab es drei Kinder: den fünfjährigen Kalli, den dreijährigen Piet sowie Evchen, die im Winter ihren zweiten Geburtstag feiern sollte.
Weitere Gäste trafen ein, darunter Verwandte der Wilkes, Freunde, Nachbarn sowie die am Bau beteiligten Handwerker samt Ehefrauen oder Verlobten. Beinahe achtzig Einladungen hatte Justus verschickt und kaum eine Absage erhalten. Eine Einladung zum Richtfest des neuen Sanatoriums galt als besondere Ehre.
Die Musiker betraten ihre Bühne. Meist gab es auf Richtfesten bloß einen Akkordeonspieler, Justus aber hatte ein achtköpfiges Blasorchester mit Klarinetten, Oboen, Trompete, Posaune, Tuba und Pauke engagiert. Die Künstler entstammten dem Stralsunder Musikverein, virtuos beherrschten sie Operettenmelodien genau wie Polka oder Landler. Ein Tusch erklang, Justus erklärte das Fest für eröffnet. Im Frühabendhimmel flatterten die Bänder der Richtkrone.
August hängte sich eine Beuteltasche um und erklomm das Gerüst des Mittelbaus bis zum höchsten Boden. Dort zog er eine Flasche aus dem Beutel und gleich darauf ein Glas, das er mit bestem Wacholderbrand füllte. Fünfzehn Meter unter ihm erscholl der nächste Tusch. Er hob das Schnapsglas, laut und feierlich setzte er an.
»Wir wollen gratulieren,
gerichtet ist das Haus,
hat Fenster und hat Türen
und sieht gar stattlich aus.«
In seinen über vierzig Gesellenjahren hatte er oft den Segensspruch übernommen. Tief bewegt sahen die Seinen zu ihm hinauf: Jette, liebevoll im Arm gehalten von Konrad, an seiner Seite Emmy, Paula, Krischan und die drei Kinder, neben ihnen Justus mit Theo und dahinter hundertfünfzig Gäste.
»Der Maurer hat’s gemauert,
der Zimmerer überdacht;
doch dass es hält und dauert,
das steht in Gottes Macht.
Schützt auch das Dach vor Regen,
die Mauer vor dem Wind,
so ist doch allerwegen
an Gott allein gelegen,
ob wir geborgen sind.«
August hob das Schnapsglas höher, trank es in einem Zug aus und warf es in hohem Bogen in die Luft. Ein besonderer Moment war dies, denn am Schicksal dieses Glases ließ sich auch das Schicksal des Neubaus und seiner Bewohner vorhersagen – das behauptete ein alter Aberglaube. Kein Wunder also, dass die Gäste mit »Ooh!« und »Aah!« den Weg des zerbrechlichen Gegenstands verfolgten. Bis zum Mittag hatte es geregnet. Würde das Glas nun unversehrt in den weichen Lehm vor der Baustelle sinken? Nein! Es traf auf einen Stein, zerbarst in tausend Scherben und verhieß damit immerwährendes Glück. Die Zuschauer jubelten.
Beim abermaligen Tusch, gefolgt von stürmendem Applaus, kletterte August das Gerüst hinunter und ließ sich von Jette in die Arme schließen.
»Du hast wunderbar gesprochen, Papa. So schön. Alle sind ganz gerührt.«
Justus klopfte ihm auf die Schulter. »Großartig. Wirklich. Unseren besten Dank.«
»Da nicht für, Justus. Wir müssen ja vor allem dir danken. Dass du für unsere Kinder diese schöne Villa baust.« August strich sich eine Träne aus dem Augenwinkel. »Mien Konrad un mien Jette: Blievt glücklich un tofreden, so laat sik gaud un lange leeven.«
»Danke, Schwiegervater. Dat soll wol.« Konrad mühte sich, die Mundart der Insulaner zu lernen, doch leicht fiel es ihm nicht. In Hochdeutsch mit Berliner Einschlag fügte er hinzu: »Gleich gibt es Bier und Branntwein für alle! Und gutes Essen!«
Viele Gäste schielten schon zu den Delikatessen hinüber. Emmy hatte mit ihren Freundinnen nach schwedischer Art eine formidable Festtafel aufgebaut. Jeder durfte sich selbst bedienen: geräucherter Aal, feine Würste und Schinken, Mönchguter Käse, aber auch Harzer und Limburger, mehrere Sorten Brot, frische Butter, Radieschen, grüne Gurke und manch sauer eingelegtes Gemüse, dazu Branntwein, Bier und Fassbrause.
Gerade wollte Justus das Büfett eröffnen, da hörte er Hufe klappern. Ein schwarzes Kabriolett fuhr vor, davor ein eleganter Rappe. Wegen seiner vielen Pflichten hatte Eisch sich auf keine Uhrzeit festgelegt. Und nun war er eben da.
Den Kurdirektor hatte Justus einladen müssen, obwohl er ihn für eitel und hoffärtig hielt. Bei dem schönen Wetter lenkte Dietmar von Eisch sein Kabriolett selbst, wie stets in schwarzem Gehrock samt Zylinder. Stallknecht Rudi war ebenfalls dabei, allerdings durfte er nicht neben seinem Herrn sitzen. Auf einer unbequemen Holzschale am hinteren Ende der Karosse schaukelte er träge vor sich hin.
Mit scharfem »Brrr!« brachte Eisch den Wallach zum Stehen. Rudi ließ sich vom harten Rücksitz gleiten und lief schnurstracks zum Pferd. Derweil erhob Eisch sich vom Bock, lupfte den Zylinder und nickte wohlwollend in die Menge.
Einmal mehr fühlte Justus sich bestätigt: Man sollte Eisch mit Vorsicht genießen, die Freundlichkeit war aufgesetzt. »He het’n Meterstock in’n Noors«, meinten viele Binzer über ihn. Und wenn man den hageren Kurdirektor mit durchgedrücktem Kreuz umherstaksen sah, hätte man leicht glauben mögen, ihm stecke tatsächlich ein Zollstock im Allerwertesten.
Justus gab den Musikanten ein Zeichen. Heil dir im Siegerkranz spielten sie, die Hymne der preußischen Kaiser. Sichtlich geschmeichelt bestieg der Kurdirektor die bereitgestellte Stufenbank. Nun hätte er zur Rede ansetzen können, doch erst einmal warf er Rudi einen mahnenden Blick zu. Das Pferd hatte noch kein Wasser, der Stallknecht lief los, Eisch nickte wohlwollend und begann: »Hochverehrter Bauherr Behnfeld, geschätzte Familie Behnfeld, werte Gäste.« Sogleich kam er auf das florierende Erquickungsgewerbe zu sprechen. Was Heiligendamm schaffe, das solle auch Binz gelingen. Nicht bloß ein Kurbad wolle man sein, sondern ein Anziehungspunkt für die gehobene Gesellschaft. Einen Bahnhof für Fernzüge gab es bereits, ein paar Hundert Meter weiter sollte nun ein zweiter entstehen, für die schmalspurige Landesbahn längs der rügenschen Südostküste. Wenn es so weitergehe, werde Binz als Seebad bald Weltgeltung erlangen.
Zum Ende der Rede applaudierten die Gäste beherzt, Eisch dankte und wandte sich an die Musiker: »Bitte das Lied der Deutschen.«
Die Klarinetten spielten die ersten Töne, Eisch begann zu singen, und alle stimmten in die Nationalhymne ein. »Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt«, schallte es aus allen Kehlen, wohl eher schräg als schön, doch Eisch war zufrieden. Drei Strophen ließ er absingen.
Als mit »Blühe deutsches Vaterland« die letzte Zeile verklungen war, trat Justus mit zwei Schnapsgläsern auf ihn zu. Sie leerten den Branntwein in einem Zug, der Kurdirektor wünschte eine angenehme Feier, dann streifte er seine Handschuhe über, ging zum Sportwagen, herrschte Stallknecht Rudi an, tätschelte den Rappen, erklomm den Kutschbock und fuhr davon. Die Gäste atmeten durch, wieder glitten ihre Blicke zur Festtafel.
Während Eischs Rede hatte Emmy die Köstlichkeiten gut bewacht, vor allem gegen Angriffe durch Möwen. Schon wieder hatte es ein dreister Vogel auf den Brotkorb abgesehen. Energisch ihr Schultertuch wedelnd, nahm Emmy den Kampf auf. »Lorbaas! Tellerlicker! Ik pruust di wat! Dat fretten wi all suelvst!«
Die Möwe floh mit erschrecktem Flügelschlag, die Gäste bedachten Emmy mit Lob, und Justus durfte endlich das Büfett eröffnen.
Welch genüsslicher Schmaus. Viele der Delikatessen hätten die Arbeiter sich selbst kaum leisten können, nun aber genossen sie das Festmahl umso mehr. Frohgelaunt stießen sie auf Justus, Konrad und Jette als Bauherren an, aber auch auf August, der immer wieder einen fachkundigen Blick auf den Rohbau warf – und auf Emmy natürlich, denn sie hielt ihm stets den Rücken frei, und wenn er seinen Feierabend für das neue Sanatorium geopfert hatte, empfing sie ihn auch zu später Stunde noch mit einer heißen Suppe.
Ein Bierfass von zweihundert Litern stand bereit, daneben Dutzende Flaschen. Doch die Gäste mäßigten sich und griffen oft auch zu Apfelsaft und Brause. Auf der Richtfeier für so einen vornehmen Bau wusste man sich zu benehmen, ein freudiges Beisammensein sollte das hier werden – kein Besäufnis.
Mit dem Fest hatte auch die Abenddämmerung eingesetzt. Einige Männer entzündeten Fackeln und Schwedenfeuer. Ihre Flammen verliehen der Baustelle einen warm goldenen Glanz, und je weiter das Essen voranschritt, umso heiterer geriet die Stimmung.
Als auch die letzten Gäste ihr Besteck beiseitelegten, erhob Justus sich von der Bank am Familientisch. Ein gutes Jahrzehnt lag der Tod seiner geliebten Thekla nun zurück, hier aber ließ er sie wieder aufleben.
Er betrat die Orchesterbühne. »Gleich hören wir einen Walzer zu Ehren meiner verstorbenen Frau Thekla. Eine ihrer Lieblingsmelodien. Aus der Oper Freischütz der ›Böhmische Walzer‹.«
Die Klarinette übernahm die ersten Takte, kurz darauf setzte die gesamte Kapelle ein. Justus eröffnete den Tanz, nämlich mit Jette. Eine bessere Ehefrau konnte er seinem Jüngsten nicht wünschen, und dieser Ansicht wäre sicher auch seine Thekla gewesen.
Für Jette wiederum galt es als Ehre, mit ihrem Schwiegervater den Tanzabend zu beginnen. Zwar empfand sie Justus, der sie nur um wenige Zentimeter überragte, als komplizierten Charakter: einerseits strenger Firmenpatriarch – andererseits verhinderter Künstler mit Wallemähne und dem Hang zu gesellschaftlichem Ungehorsam. Doch sie tanzte gern mit ihm. Sogar hier auf den rauen Holzbohlen führte er sie so leicht wie sicher. Dabei gab er den umherstehenden Gästen ein Zeichen, und bald schon wiegten sich Dutzende Paare zum Walzerklang. Kurz darauf übergab er Jette an Konrad und wandte sich selbst an die frohgelaunte Emmy, die ihm gern ihre Hand darbot.
Überhaupt verlief die Feier durchweg heiter, und je weiter sie voranschritt, umso mehr Zauber breitete sich über den Abend. Ein sahneweißer Dreiviertelmond krönte das Himmelsblau, vom Festland trug ein lauer Wind den Duft von Astern und Heckenrosen.
Am Familientisch hatten Jette und Konrad den kranken Theo zwischen sich genommen und banden ihn in die Gespräche ein. Augenscheinlich fühlte er sich wohl, zeigte sich bestens gelaunt und ausgeglichen. Einige Male holte er sich Essen nach und trank weitaus mehr Wasser als Bier oder Schnaps. Inzwischen wussten auch Jettes Eltern sowie Paula und Krischan von Theos Krankheit. Mit moralischen Vorwürfen hielten sie sich zurück. Sie mochten Theo wegen seines eigentlich ruhigen Wesens, in dem er seiner Mutter ähnelte. Im Aussehen kam er nach Justus, hatte das gleiche dicke aschblonde Haar, trug es aber deutlich kürzer als sein Vater.
Auf der Tanzfläche ließ Theo sich nicht blicken. Denn hätte er das nur ein einziges Mal getan, mit Jette oder Paula, dann hätten wohl auch andere Frauen gern mit ihm getanzt. Dies aber wollten die Behnfelds vermeiden, Theo sollte gar nicht erst in Versuchung geraten. Er bleibe besser die meiste Zeit am Familientisch, und wenn er sich doch einmal zu anderen setze, dann nur in Begleitung eines Verwandten, so hatte sein Vater es mit ihm besprochen.
August erzählte, wie ihm am Mittag Eisch in seiner Kutsche begegnet war und der schwarze Wallach Santanos trotz Sturm kreuzbrav im Geschirr gestanden hatte.
»Typisch für Eisch«, warf Theo ein. »Sich so einen Gaul anzuschaffen. Falls das Tier irgendwann nicht mehr gehorcht, kauft er sich ein Automobil. Das hat zum Glück überhaupt kein Gemüt.«
Theo zog die Lacher auf seine Seite. Besonders Justus freute sich über den guten Verlauf. Wenn ein Gast zu ihm trat, um für die Einladung zu danken, erhob Justus sich von der Bank und versicherte, er sei es, der den Dank schulde.
Es ging auf zehn Uhr zu, da setzte nach einer Pause erneut die Kapelle ein. Konrad stand auf, verneigte sich vor Jette und führte sie zum Tanzboden. Walzer um Walzer steigerten die Musiker das Tempo, schneller und schneller drehten sich die Paare, bis der letzte Tanz in dieser Runde in einem wilden, fröhlichen Schlussakkord endete.
Die Tänzer lachten und applaudierten. Außer Atem, doch bestens gelaunt kehrten Jette und Konrad zum Familientisch zurück. Theos Platz war leer.
»Er ist nur kurz austreten«, erklärte Paula, die mit dem schlafenden Evchen im Arm auf der anderen Tischseite saß. »Er kommt gleich wieder.«
»Wie lange ist er denn schon weg?«, fragte Jette.
»Feerlangs teihn Minuten. Ist wohl viel Andrang auf dem stillen Örtchen«, Augusts Ton blieb gelassen, doch so recht mochte er seinen eigenen Worten nicht trauen. Suchend sah er sich um.
»Nicht so auffällig«, mahnte Justus.
In der Tat, die Sache schien heikel. Wie sollte man den anderen erklären, dass man sich um Theo Sorgen machte? Um einen erwachsenen Mann, der nur eben mal für eine halbe Stunde vom Familientisch verschwunden war? Wie sollte man die Suche begründen, ohne seine Krankheit zu erwähnen?
Gerade wollte Konrad aufstehen, um beim Abort nach Theo zu schauen, da kam unerwartet Besuch an den Tisch: Der Dachdeckermeister und sein Altgeselle bedankten sich beim Bauherrn für das schöne Fest. Im Grunde hätte das nicht lange dauern müssen, wegen der geplanten Eindeckung war schon alles besprochen. Doch den Männern klebte das redensartliche Pech an ihren Hinterteilen, sie gerieten in Plauderlaune, und Justus mochte sie nicht abweisen, schließlich schätzte er ihre Arbeit. Am Montag sollte es losgehen, gleich beim ersten Tageslicht. Das Lieferfuhrwerk für die roten Pfannen war bestellt. Beim Dachstuhl des Turmgebäudes wollte man beginnen, es folgten die Seitenflügel, zum Schluss das Maschinenhaus. Sie liebten ihr Handwerk, das war den Männern anzumerken, und so verging eine halbe Stunde, in der die Behnfelds wie auf Kohlen saßen und Theo sich nicht blicken ließ.
Die Dachdecker verabschiedeten sich, Justus verteilte als Dankeschön noch ein paar Zigarillos, dann erst war die Familie wieder unter sich.
Im Schein eines Windlichts schaute Jette auf die Armbanduhr. Gleich halb elf, für Theo üblicherweise zu früh zum Schlafen. Oder fühlte er sich etwa nicht wohl und war schon zurück im Hotel?
»Wir müssen ihn suchen«, entschied Justus. »Aber unauffällig, nicht alle zusammen. Am besten geht ihr jungen Leute, und wir anderen bleiben hier bei den Kindern.«
Paula legte Emmy das schlafende Evchen in die Arme.
Kalli und Piet, die beiden Älteren, spielten mit anderen Kindern im Schein der Fackeln und kamen nur gelegentlich an den Tisch, um Limonade zu trinken. Dass ihr Onkel Theo hier nicht mehr saß, kümmerte sie nicht.
Krischan und Paula wollten an den Tischen suchen, Konrad und Jette machten sich auf zu den Klosetts hinter dem Schuppen.
Auf Baustellen bestand das stille Örtchen üblicherweise aus einer Bank und einer Grube hinter einem Lattenzaun. Bei seinem Sanatorium jedoch hatte Justus zwei Häuschen aufstellen lassen, verriegelbar und mit kleinen Fenstern, über die Fliegendraht gespannt war. Naturgemäß arbeiteten auf der Baustelle keine Frauen, daher waren die Häuschen nicht nach Geschlechtern getrennt.
Speziell für das Fest hatte ein gewitzter Arbeiter die Häuschen mit Schildern versehen. Auf dem einen stand Kerls, auf dem anderen Madams. Vor Letzterem standen ein paar der weiblichen Gäste wartend in einer Schlange. Jette reihte sich ein und beteiligte sich an den Scherzen, ihre Sorge um Theo ließ sie sich nicht anmerken.
Erst nach einer Weile war sie selbst an der Reihe. Als sie kurz darauf das Häuschen verließ, erblickte sie Konrad, der in gemessenem Abstand von den Klosetts auf sie wartete. Weder beim Männerabort noch rund um den Bauschuppen hatte er seinen Bruder gefunden.
»Wir gehen zurück«, entschied er. »Vielleicht ist Theo längst schon wieder am Tisch.«
Sie nahmen den Bohlenweg, hielten sich an den Händen und sahen sich wie beiläufig nach rechts und links um. Kein Theo.
Gerade erreichten sie den Familientisch, da schallte jubelnder Applaus über den Platz, das Orchester beendete seine Spielrunde mit dem fulminanten Schlussakkord einer Polka. Auch Paula und Krischan kamen zurück. Sie hatten sich beim Tanzen nach Theo umgeschaut – leider vergebens.
»Wo suchen wir weiter? Irgendein Hinweis?«
Justus ärgerte sich, gab aber niemandem die Schuld. Den ganzen Tag lang hatte Theo sich tadellos verhalten. Keiner hätte ahnen können, dass er plötzlich verschwinden würde. Nein, es hatte keine Hinweise gegeben. Paula und Krischan, Jette und Konrad schüttelten die Köpfe.
»Was hat er getrunken? Darauf habt ihr doch geachtet?«
»Nur zwei, drei Krüge Bier, Vater. Und ein einziges Glas Branntwein. Auch sonst nichts. Keinen Schnupftabak oder irgendwelche Arznei.«
Hätte Konrad sich schuldig fühlen sollen? Weil er nicht die ganze Zeit am Tisch gesessen, sondern mit Jette getanzt hatte? Aber genau das erwartete man schließlich von einem jungen Gastgeberpaar. Warum zum Teufel hatten weder Justus noch August noch Krischan den kranken Theo zum Abort begleitet? Doch Konrad sprach den Vorwurf nicht aus – das hätte alles noch schlimmer gemacht.
»Und wenn wir die anderen hier fragen, Vater? Ob sie Theo gesehen haben?«
Justus zögerte.
»Auch wenn alle von seiner Syphilis erfahren«, setzte Konrad nach. »Das ist doch nicht so schlimm. Schlimmer ist, wenn ihm etwas zustößt.«
Noch immer konnte Justus sich nicht durchringen, doch auf Konrads flehenden Blick hin stimmte er schließlich zu.
»Also gut. Fragen wir alle hier.«
Er hatte den Satz kaum beendet, da erschallte von oben eine Stimme.
»Ihr lieben Gäste«, klang es laut und vernehmlich über den Platz. »Nochmals herzlich willkommen auf diesem formidablen Fest.«
»Theo!« Justus schrie als Erster.
»Da!« Jettes Finger schnellte in die Höhe. »Da ist er!«
Tatsächlich! Theodor Behnfeld stand zwischen zwei Pechfackeln einige Meter unterhalb der Richtkrone auf dem obersten Gerüstboden. In staatstragender Pose winkte er wie der Kaiser, wenn er vom Balkon seines Berliner Schlosses zum Volke sprach. Wobei Theo allerdings gleich beide Hände zum Winken einsetzte. An seinem linken Daumen baumelte eine brennende Sturmlampe.
»Junge!« Gepackt von schierem Entsetzen stürzte Justus auf das Gebäude zu – Paula und Krischan, Konrad und Jette hinterher.
»Theo!«, schrie Justus, den Kopf weit in den Nacken gelegt und nach oben stierend. »Komm runter! Sofort!«
Aufgeschreckt vom Tumult erhoben sich nun immer mehr Gäste von ihren Bänken und eilten zum Rohbau. Es gab etwas zu sehen: Theo Behnfeld bot eine scherzhafte Einlage dar, noch dazu auf hohem Gerüst. Welch originelle Idee! So dachten die Gäste – angeheitert vom Branntwein.
»Junger Herr Behnfeld!«, rief ein Handwerker hinauf. »Wollen Sie uns etwa eine Rede halten?«
Theo freute sich. Ein angeregtes Publikum wartete auf seine Worte. Umso besser. Schließlich hatte er Wichtiges zu sagen.
»Ach was!«, rief er nach unten. »Ich halte keine Rede. Reden schwingt der Kaiser. Und der Kurdirektor.«
Theo stemmte die linke Hand in die Seite und tat, als würde er einen Gehstock führen. Mit durchgedrücktem Kreuz, die Nase nach oben gestreckt, stolzierte er ein paar Schritte hin und her über den Gerüstboden. Kein Zweifel: Er äffte Eisch nach.
Die Gäste johlten.
»Er lebe hoch!«, rief eine Frau. »Er lebe hoch, unser Kurdirektor!«
Mit tiefer Verbeugung nahm Theo den Applaus entgegen und begann erneut, kaiserlich zu winken.
»Ihr lieben Gäste!«, nun hob er die flache Hand über die Augen und sah nach unten. »Seid ihr denn wirklich alle da?«
Aus der Menge tönte ein hochvergnügtes »Ja!«.
Die Gäste, immer noch im Glauben, es handele sich um eine Einlage, fühlten sich bestens unterhalten. Justus, Konrad und Jette aber tauschten so angstvolle wie entsetzte Blicke. Wo sollte das enden? Was hatte Theo noch vor?
August kam auf Justus zu. »Ich hole ihn! Meine Kameraden helfen!«
Justus reagierte nicht gleich. Was, wenn man Theo jetzt bei seinem Auftritt störte? Wäre er dann erst recht unberechenbar? Würde er sich gar vom Gerüst stürzen?
»Moment noch, August. Vielleicht kommt er ja von selbst.«
Doch Theo wollte seine Vorstellung längst nicht beenden. Er kicherte.
»Ja, ich sehe schon. Ihr seid alle da. Gut, dass ihr alle da seid. Es ist hier nämlich wie im Kasperletheater. Nur leider ohne Krokodil. So ein herrlicher Ausblick von hier. Die schönen Fackeln. Und die vielen glücklichen Mienen. Ihr solltet alle zu mir raufkommen und euch das ansehen. Aber immer nur einzeln. Denn wenn ihr alle zugleich nach oben kommt, dann ist ja keiner mehr unten. Dann könnt ihr ja keinem mehr winken.«
Die Gäste lachten, Theo fühlte sich bestärkt. Er hielt sich die Lampe unter sein Kinn und fing an, sie zu schwenken. Dabei grinste er breit, das wechselnde Licht verwandelte sein Gesicht in eine Fratze.
»Gleich kommt es. Das Krokodil. Das böse, böse Krokodil. Dann geht es euch schlecht. Sehr, sehr schlecht sogar«, zynisch lachte er auf. »Denn das Krokodil wird euch fressen. Mit Haut und Haar. Allesamt fressen!«
Schneller und schneller bewegte er die Lampe, schneller und schneller wechselten auf seinem Antlitz die Schatten. Dann, mitgezogen vom Drall der Lampe, schwankte er selbst, ging mit dem Oberkörper hin und her, vor und zurück. Er taumelte kurz, fand das Gleichgewicht wieder, richtete sich auf und schwenkte weiter die Lampe.
August und seine beiden Kollegen warteten nicht länger ab, von Theo unbemerkt, stiegen sie auf das Gerüst.
»Junge!«, schrie Justus von unten. »Theo! Stell die Lampe hin! Halt dich fest! Wir holen dich runter!«
»Nein, Vater! Holt mich nicht, ich bin hier noch nicht fertig. Wartet noch ein bisschen. Ich muss noch was sagen. Was Wichtiges!«
Er stellte die Lampe neben sich und beugte sich über eine hüfthohe Holzlatte. Der schmale Längsriegel bot die einzige Begrenzung und nur einen dürftigen Schutz für jemanden, der es nicht gewohnt war, sich auf einem Gerüst zu bewegen. Die Menge unten schrie auf. Aufgeschreckt riss Theo den Körper hoch und klammerte sich beidhändig an einen senkrechten Holm. Sein Fuß stieß die Lampe um, brennendes Petroleum ergoss sich über den Gerüstboden. Er wich zur Seite. Den Rücken gegen das Mauerwerk gelehnt, starrte er auf die Flammen.
Mit einem Sprung waren die drei Männer bei ihm. August hielt Theo an die Wand gedrückt, in Sekunden trampelten die Kameraden das Feuer aus. Unten atmete laut seufzend die Menge auf.
Doch Theo begriff immer noch nicht. »Nein! Nicht! Lasst mich doch. Ich bin ja noch nicht fertig. Ich muss etwas sagen. Etwas Wichtiges. Lass mich bitte, August.«
»Reden kannst du unten, Junge. Wir bringen dich runter. Und dann sagst du, was du sagen musst.«
»Aber von hier oben ist es besser. Da können es alle hören. Ich muss etwas erklären.«
»Nein, Theo. Mach das unten!«
Augusts Griff konnte er nicht entkommen, so viel verstand Theo.
»Dann halt mich eben fest, August. Ich rede von hier oben, und du hältst mich. Bitte!«
Sollte August sich darauf einlassen? Auf solch einen Blödsinn? Aber andererseits: Wenn er Theo seinen Wunsch erfüllte, dann ließe er sich wohl leichter nach unten führen.
Die Kameraden nickten. In sicherem Griff führten sie ihn an die Brüstung.
»Jette!«, rief er nach unten. »Jette, komm einen Schritt vor, dass ich dich sehe!«
Warum ausgerechnet sie? Was wollte Theo ihr erklären? Irritiert trat Jette aus der Menge einen Schritt nach vorn, die Gäste hinter ihr jubilierten, und auch Theo klatschte in die Hände.
»Da bist du ja, Jette. Und wie schön du bist. Und hier oben ist auch dein lieber Vater.«
Unvermittelt drehte er sich zur Seite und drückte August, der ihn fest an Schulter und Hüfte hielt, einen Kuss auf die Stirn.
»Ach, August. Mein lieber, guter Gus. Du und deine Emmy. Zwei so fabelhafte Töchter. Paula! Und Jette! O du meine Jette. Mit dir hat mein Bruder Konrad so ein großes Glück. Jette! Ich liebe dich, Jette! So ist das nämlich! Ich liebe dich!«
Endlich! Es war draußen. Er hatte es über die Lippen gebracht. Eine Tausendtonnenlast fiel von Theo ab. Unter tosendem Applaus trat er vom Geländer zurück und ließ sich ohne den geringsten Widerstand von August die Leitern hinabführen. Unten stand schon die Kinderschar, um den seltsamen Onkel aus Berlin in Empfang zu nehmen.
»Das war ein schönes Kasperletheater«, lobte Kalli. »Sogar mit Feuer. Und ist doch gut, wenn du Tante Jette lieb hast. Ich habe sie ja auch lieb.«
Die Umstehenden lachten.
Theo selbst schien seltsam entrückt, er wandte sein Gesicht hoch zum Gerüst und kniff kurz die Augen zusammen, dabei zuckten seine Arme, und er begann, sich den Baustaub aus den Kleidern zu schlagen.
»Lass nur, Junge«, beruhigte Justus. »Darum kümmern wir uns später.«
Von jedem seiner Verwandten ließ Theo sich in die Arme schließen, auch von Jette. Er wirkte wie ohne innere Beteiligung. Obwohl sie freundlich auf ihn einsprach, sah er sie kaum an. Nichts erinnerte mehr an sein lautstarkes Liebesgeständnis von eben.
»Tja, junger Herr Behnfeld«, einer der Maurer klopfte Theo auf die Schulter. »Unser Wacholderbrand hat es in sich. Aber keine Angst, den Schnaps brennen wir ehrlich, das ist kein Fusel. Der macht einen heftigen Rausch, aber wenig Kater. Morgen früh haben Sie keinen schweren Kopf.«
Theo nickte bloß, Justus jedoch schüttelte dem Arbeiter erleichtert die Hand: Eine weitere Erklärung zu Theos Verhalten war nicht nötig. Die Gäste glaubten, er hätte bloß zu viel Wacholderbrand getrunken. Dass eine Hirnsyphilis schuld war an seinem bizarren Gebaren, ahnte hier offenbar niemand.
Justus und Konrad begleiteten Theo ins Hotel, halfen ihm bei der Abendtoilette und baten den Hausdiener, ab und zu nach ihm zu schauen. Danach kehrten sie zum Richtfest zurück.
Theos eigenartige Vorstellung auf dem Gerüst hatte der Stimmung nicht geschadet – im Gegenteil: Jetzt hatte man etwas, worüber man ausgiebig reden konnte.
»Is de Brannwien in’n Mann, is de Verstann in’ne Kann.«
Diesen Satz hörte man immer wieder. Und darin war man sich einig: Der junge Herr Behnfeld war längst nicht der erste Festländer, der den Insel-Brannt so unterschätzte.
Bis weit nach Mitternacht dauerte die Feier, beim Abschied blickten Konrad, Jette und Justus in glückliche Mienen. Wenn ein Richtfest derartig gut gelinge, sei das auch ein gutes Zeichen für die Zukunft – so das Fazit der Gäste. Das Sanatorium werde bestimmt höchst erfolgreich in Betrieb gehen. Die Behnfelds dankten wieder und wieder für die freundlichen Worte, dann machten sie sich auf ins Hotel.
Dort hatte der Hausdiener regelmäßig nach Theo geschaut.
»Der junge Herr schlummert selig und ist offenbar nicht ernsthaft krank.«
Justus, Konrad und Jette wünschten eine gute Nacht und zogen sich zurück auf ihre beiden Zimmer, die auf der Beletage nebeneinanderlagen.
»Lassen wir die Leute in dem Glauben«, Konrad schlüpfte unter die Decke. »Sollen sie eben denken, Theo sei betrunken gewesen. Denn einem Betrunkenen ist es ja erlaubt, seiner Schwägerin die Liebe zu gestehen. Vorausgesetzt natürlich, alles geht hübsch gesittet zu.«
Jette hatte an der Frisierkommode ihr Haar ausgekämmt. Nun stand sie vom Hocker auf und strich ihr Nachthemd glatt.
»Ach, werter Gatte. Dein Bruder kann mir noch so heftig seine Liebe erklären, auch auf dem allerhöchsten Baugerüst. Aber zwischen ihm und mir wird es immer platonisch bleiben.«
»Aha«, neckte er. »Und das ist bei uns beiden ja wohl anders?«
»Durchaus.«
»Na dann«, Konrad seufzte wohlig, gleich darauf wies er auf die Zimmerwand. »Ich fürchte nur, mein Vater schläft nicht so bald ein.«
»Das mag wohl sein. Und die Wände hier sind nicht allzu dick«, sie küsste sein Ohrläppchen. »Also sind wir besser leise. Ich jedenfalls werde von jetzt an schweigen.«
»Na hoffentlich«, Konrad küsste zurück.
Ein Sonntag brach an, wie man ihn sich herrlicher kaum wünschen konnte. Das dänische Hoch zog weiter gen Süden, nun bekam auch Rügen seinen Teil davon ab. Goldene Strahlen fanden ihren Weg durch die Ritzen der Fensterläden in die Schlafstube der Kate am Strandweg. Doch auch ohne Sonne wären Emmy und August pünktlich aufgewacht. Seit Jahr und Tag erhoben sie sich um halb sechs aus ihren Betten. In der warmen Jahreszeit fiel ihnen das besonders leicht, dann brauchten sie weder Wasserkrug noch Schüssel, sondern wuschen sich an der Schwengelpumpe im Garten.
August kannte die um zehn Lenze jüngere Emmy seit ihrer Geburt, doch was hätte ihn das so viel jüngere Mädchen schon interessieren sollen. Dann aber, nach seiner langen Zimmermannswalz, hatte er Emmy in fraulicher Blüte wiedergetroffen, und die beiden hatten ihre Gefühle entdeckt. Über dreißig Jahre bestand die Ehe nun schon, und kein Tag war ihnen langweilig geworden. So sehr, wie sie sich neckten, so sehr liebten sie sich auch.
