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Was, wenn alles, was du je geglaubt hast, eine Lüge war? Der Norden gilt als finsterer Ort – gefürchtet, verachtet und voller Schrecken. Doch Erin zweifelt an den Geschichten, die man sich seit Generationen erzählt. Warum gab ihre Mutter ihr einen nordstaatlichen Namen und kehrte von einer Reise dorthin nicht mehr zurück? Allen Warnungen zum Trotz macht Erin sich auf den Weg in den Norden. Sie findet eine Welt vor, die kaum anders sein könnte als ihr hoch technologisiertes, steriles Zuhause: eine lebendige Welt, durchdrungen von wilder Natur und uralter Magie. Ihr Verstand kommt an seine Grenzen und sie muss vieles, was sie zu wissen glaubt, in Frage stellen. Allein an diesem fremden Ort und völlig unvorbereitet, gerät sie schnell in eine gefährliche Situation. Der junge Nordling Ilya rettet sie und bietet ihr seine Hilfe an. Doch er ist nicht der, der er vorgibt zu sein. Je tiefer Erin in die Geheimnisse des Nordens eintaucht, desto klarer wird ihr: Die Spaltung ihrer Welten beruht auf mehr als nur Angst und Vorurteilen. Sie steht kurz davor, eine Wahrheit zu enthüllen, die alles verändern könnte. »Othersides: Zwei Welten« ist der magische Auftakt der Young-Adult-Fantasy-Trilogie von Autorin und Illustratorin Jesse Kilior.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Jesse Kilior ist ein kreatives Multitalent. Gebürtig aus dem Sauerland, hat es sie nach Stuttgart verschlagen, wo sie hauptberuflich als Produktdesignerin tätig ist. Illustrationen von Orten und Figuren, Buchtrailer und sogar kleine Modelle der Buchwelt erstellt sie eigenhändig und mit viel Liebe zum Detail.
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3. überarbeitete Auflage, 2024
©2020, Jesse Kilior
c/o Werneburg Internet Marketing und Publikations-Service
Philipp-Kühner-Straße 2, 99817 Eisenach
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Dieses Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Korrektorat: Thea Frese | www.linguisthea.de
Coverdesign und Illustrationen: Jesse Kilior | www.jkilior.de
ISBN Taschenbuch: 9783759752376
Falls hier nichts zu sehen ist: Die Karte der Welt gibt es auch auf www.jkilior.de/othersides
Erin starrte auf den Fetzen Papier, der aus dem ansonsten leeren Karton gefallen war. Worte in einer geschwungenen Handschrift zogen sich darüber. Mit zittrigen Fingern hob sie ihn auf und begann zu lesen.
Erin,
hast du noch das Medaillon deiner Mutter? Du darfst es auf keinen Fall ablegen. Ich bin dabei, etwas herauszufinden.
Bitte schreibe mir nicht mehr über MarChat. Möglicherweise werden unsere Nachrichten überwacht. Veränderungen stehen an, leider nicht zum Guten. Sei vorsichtig!
Bis bald.
Herzlichst,
Dein Leo
Sie ließ sich auf ihr Bett sinken und drehte den Zettel zwischen den Fingern. Tausend Fragen schossen ihr durch den Kopf, doch sie konnte sie nicht stellen. Auf dem Paket war keine Absender-ID vermerkt.
Erin lauschte dem stetigen, leisen Brummen der Belüftungsanlage, während sie auf dem Bett lag und in die Dunkelheit starrte. Ihr Zimmer im Studentenwohnheim von Antibique war geräumig und verfügte über die üblichen Annehmlichkeiten. Eine Seite des Raumes wurde komplett von einer Videofensterwand eingenommen. Noch war sie in einem undurchdringlichen Schwarz getönt, doch bald würde sie hell werden. Dann würde sie Erins Tagesplan anzeigen und ihr Vorschläge machen, was aus dem Sortiment ihres katalogisierten und automatisierten Kleiderschrankes sie anziehen sollte – natürlich passend zum Wetter. Nicht, dass sie an einem gewöhnlichen Tag auch nur für fünf Minuten das Gebäude verließ.
Die Vorschläge, oder besser gesagt Vorschriften, würden selbstverständlich dem maranischen Standard entsprechend nur die Farben Blau, Weiß und Silber enthalten. Sie würden ihr an ihrem Avatar vorgeführt werden, der irgendwie nie so verschlafen aussah wie ihr echtes Ich.
Statt auf den üblichen Ablauf zu warten, stand Erin auf und riss das kleine, quadratische Fenster inmitten der großen Glasfront auf. Sofort erklang ein nerviges Piepsen, gefolgt von der Lautsprecheransage: »Achtung! Luftregulation unterbrochen! Bitte schließe das Fenster.«
Sie fragte sich, warum man es überhaupt öffnen konnte.
Draußen dämmerte es schon. Das Meer erstreckte sich ruhig und graublau bis zum Horizont, darüber färbte sich der Himmel von Weiß-Blau zu Rosa. Bald würde die Sonne aufgehen. Erin betrachtete die Szenerie eine Weile, dann streckte sie ihren Kopf etwas weiter aus dem Fenster und schaute an der verspiegelten Fassade entlang: hundert Stockwerke hinunter, hundert Stockwerke hinauf, kein einziges Fenster offen.
Wenig später betrat Erin den Aufzug. Sie bewegte ihre Augen schnell nach oben rechts, um das Menü ihrer AR-Linsen aufzurufen, fixierte den Punkt ›Frühstück‹ und bestellte ArtLachs-Brötchen. Dann schaute sie auf ihr Radar, um festzustellen, ob ihre Freunde schon im Frühstückssaal waren. Kleine blaue Kreise tauchten am Rande ihres Sichtfelds auf und markierten die Positionen von Delano und Livina.
Alle Aufzüge öffneten sich direkt in die riesige Halle. Aus vierzig nebeneinanderliegenden Türen ergossen sich Studenten in den Raum. Sie ordnete sich in den Strom ein, vorbei an endlosen Reihen aus Tischen und Stühlen, die hin und wieder durch dekorative Elemente unterbrochen wurden: virtuelle Wasserfälle, die von der zehn Meter hohen Decke direkt in den Boden hineinstürzten. In der Mitte des Raumes begrüßte sie ein riesiger Brunnen, aus dessen Wasserfontänen immer wieder kleine Werbeanzeigen heraussprangen.
Nicht schon vor dem Frühstück! Sie aktivierte ihren Werbeblocker. Dann folgte sie den blauen Pfeilen, die ihr den Weg zum Tisch ihrer Freunde wiesen.
»Morgen Cici!«, rief Delano mit einem Zwinkern. Er hing mehr in seinem Stuhl, als dass er saß.
»Ich heiße Erin«, entgegnete sie, wie schon so oft. Erin Cécile Maresota, um genau zu sein. Die anderen mieden diesen Namen, doch sie konnte es ihnen nicht verübeln. Er kam aus dem verhassten Norden.
Erin für ihren Teil mochte ihn und kämpfte recht erbittert, meist jedoch erfolglos dafür, so genannt zu werden. Schließlich stammte er von ihrer Mutter.
Ivirinia Maresota war gestorben, als Erin drei Jahre alt gewesen war. Sie konnte sich kaum an ihre Mutter erinnern.
Man sagte, sie habe anders ausgesehen und sich seltsam benommen. Mehrfach sei sie verschwunden und erst nach langer Zeit wiederaufgetaucht. Schließlich habe sie einer ihrer »Ausflüge« das Leben gekostet. In der Nähe der Grenze sei sie in Seenot geraten, ihr Schiff gesunken und niemand habe überlebt. Erins Vater Flavio redete nicht über das tragische Unglück. Er redete generell nicht über Ivirinia. Überhaupt redeten Erin und ihr Vater wenig, denn er wohnte in der weit entfernten Seestadt Caracol.
Erin war, zumindest was ihr Aussehen betraf, eine typische Maranerin. Sie hatte ein schmales Gesicht mit vollen Lippen und war von relativ großer, schlanker Statur. Gut, ihre schwarzen Haare waren glatt, was unter ihren Landsleuten eher selten vorkam. Doch sie hatte die typischen Augen, so dunkelblau wie der Ozean weitab von allen Küsten. Kaum jemandem fiel auf, dass ihre Haut ein kleines bisschen heller war als die der meisten.
»Setz dich hierher, Erin!« Livina deutete auf den Platz neben sich. Sie strahlte Erin aus ihren dunklen Augen an. Die unbändigen schwarzen Locken umspielten ihr rundes Gesicht so wie die Grübchen ihr Lächeln. Sie waren schon seit der Mittelschule befreundet.
Auf Livinas anderer Seite saß Ramón Cortez, wie immer eine Spur overdressed, was nicht wirklich zu der chaotischen Frisur und dem Dreitagebart passte. Erin mochte ihn nicht. Er war faul, arrogant und gab oft rassistische Bemerkungen von sich. Sie war überzeugt, dass er mit dem nach seinem Sturz vor zweihundertfünfzig Jahren verschwundenen Diktator Carlos Cortez verwandt sein musste, obschon er das jedes Mal, wenn man ihn darauf ansprach, entschieden abstritt. Leider war er nicht so einfach loszuwerden. Er war Delanos bester Kumpel.
Zu Erins Überraschung saß heute noch eine weitere Person am Tisch, eine junge Frau mit kurzen, schwarzen Rastazöpfen.
»Giii, ich bin Mariah«, stellte sie sich mit einem breiten Grinsen vor, das strahlend weiße Zähne entblößte, der größtmögliche Kontrast zu ihrer maranisch-dunklen Haut.
»Mariah kommt aus Nivilossa«, erklärte Livina. »Sie ist zum Semesterstart zu uns gewechselt. MarChat hat sie uns als Freundin vorgeschlagen.«
Die neue Kommilitonin war nicht die einzige Veränderung in diesem Semester. Bei genauerer Betrachtung ihres Stundenplanes stellte Erin fest, dass sie eine neue Professorin in Philosophie bekommen hatte.
Sie stöhnte. Auf all diese Vorlesungen hatte sie so gar keine Lust, denn im Grunde war es immer das Gleiche: In Geschichte würden sie über die Blau-Grünen Kriege und die Wichtigkeit der Mauer »diskutieren«. Sie schütze das Südreich, bestehend aus Laguna Mar und Jawhara vor einem Einfall der brutalen Nordstaatler. Dann würden sie darüber philosophieren, was die Überlegenheit des maranischen Volkes gegenüber allen anderen ausmacht, um schließlich über das mangelnde Kunstverständnis und die lächerlich entarteten Kunstwerke der Nordlinge herzuziehen. Maranische Politikwissenschaft war wirklich nicht das, was sie sich unter dem beliebten Studienfach vorgestellt hatte.
Vielleicht lag es daran, dass Leo ihr von einer anderen Seite des Nordens berichtet hatte. Woher auch immer er davon wusste ...
Im Geschichtssaal nahm Erin ihren angestammten Platz neben Livina in der hintersten Reihe ein. Sie ließ ihren Blick über die Köpfe schweifen. Hinter dem Pult zeigte die Videofensterwand eine riesige maranische Flagge, die sich im sanften Wind bewegte: eine silberne Muschel auf blauem Grund. Die restlichen Fenster waren transparent geschaltet und zeigten die Gebäude der Umgebung. Türme aus Glas und Stahl, die direkt aus dem Meer ragten.
»Was gibt’s Neues von der Studierendenvereinigung?«, flüsterte Erin Livina zu.
»Nicht viel, aber nächste Woche ist wieder Rooftop-Party, da solltest du unbedingt vorbeischauen.«
»Habe ich da was von Rooftop-Party gehört?«, kam es von vorne. Delano drehte sich neugierig zu ihnen um. »Auf einer solchen Party darf ein Delano Costa-Mandia nicht fehlen, nicht wahr, Cici?«
Er reckte den Kopf in einer dynamischen Bewegung, die die blau gefärbten Haare aus seiner Stirn zurückwarf und erwartete eine Bestätigung.
»Hör mal, Lani, ich heiße Erin!«, stellte sie wieder einmal klar.
Im Nu fiel er in sich zusammen.
Livina verdrehte nur die Augen.
Als der Geschichtsprofessor den Raum betrat, verstummten die Studenten augenblicklich.
Er kam direkt zur Sache. »Wer kann mir die Vorteile der großen Mauer nennen?«
Naomis Hand schnellte in die Luft und wie üblich wurde sie sofort drangenommen. Mit der Präzision eines Roboters betete sie die offizielle Meinung herunter. »Die große Mauer dient dazu, unser Staatsgebiet ganz klar vom Nordreich abzugrenzen. Außerdem schützt sie uns vor einem unerwarteten Angriff dieser Kreaturen. Auf einer abstrakteren Ebene steht sie für die Abgrenzung unseres fortschrittlichen Denkens von den zurückgebliebenen Denkweisen des Nordens.«
»Sehr gut.« Der alte Professor lächelte zufrieden und faltete die Hände im Schoß.
Die Vorlesung verlief genauso, wie Erin es erwartet hatte. Manchmal fragte sie sich, wozu sie überhaupt noch herkam.
In Kunst saß Erin an einem der dreißig runden Tische mit Livina, Ramón und Delano. Als ihr Professor hereinkam, war Ramón mal wieder dabei, einen am Galgen hängenden Nordreichler zu zeichnen. Er hatte besonderen Wert auf Details wie fahle, fleckige Haut, spitze Giftzähne und tentakelähnliche Arme gelegt, was Delano sehr zu amüsieren schien. Er bestand darauf, dass Ramón ihm auch noch eklig hervorstehende Glupschaugen verpasste.
»Stellt euch mal vor, die Nordreichler würden im Kunstunterricht sitzen und euch so zeichnen«, zischte Erin.
Ramón verschränkte die Arme vor der Brust. »Die kennen uns ja gar nicht.«
»Und du sie auch nicht. Woher willst du wissen, wie sie aussehen?«
»Genau, Ramón!«, warf Livina ein. »Mach erst mal ‘ne Reise dorthin. Ich habe gehört, da soll es jede Menge Wald geben.«
»Ja und Bäume, die Menschen fressen!«, lachte er.
Bäume, die Menschen fressen, so ein Quatsch! Erin schüttelte den Kopf. Sie hatte schon ein paar Dinge über den Norden gehört – von einer inoffiziellen Quelle natürlich. So etwas zählte jedoch nicht dazu.
Ihr aktuelles Kunstthema war es, den Unterschied zwischen den Nord- und Südstaaten in einer Bleistiftzeichnung darzustellen. Dabei sollten sie in einer Hälfte etwas typisch Südstaatliches und in der anderen etwas typisch Nordstaatliches zeichnen.
Ramón hatte einen Plan: Er wollte auf der einen Seite eine hübsche Villa und auf der anderen eine schäbige Holzhütte zeichnen. Welche Seite wofür stand, bedurfte keiner weiteren Erklärung.
Delano indes wollte es sich besonders leicht machen. Er hatte bereits eine Seite Meeresblau und die andere Waldesgrün ausgemalt, als Erin ihn daran erinnerte, dass nur Bleistiftgrau erlaubt war.
Nun musste er sich etwas Neues einfallen lassen.
Er stupste sie mit seinem Stift an. »Mensch Cici, sag mir doch mal, was ich zeichnen soll.«
»Ich habe noch nicht einmal eine Idee für mein eigenes Bild!«, protestierte sie.
»Mal doch ... mich! Als Beispiel für einen wunderschönen Maraner.« Er richtete sich auf und zwinkerte ihr zu.
»Na toll und was soll dann auf die andere Seite?«
»Ramón! Als ein hässlicher Nordreichler!«
Die Runde konnte sich das Lachen nicht verkneifen.
»Halt die Schnauze«, zischte Ramón.
Der Professor war mittlerweile auf sie aufmerksam geworden. Er zog eine Augenbraue hoch. »Euch ist hoffentlich klar, dass am Ende der Stunde Abgabe ist?«
»Verdammt!«, kam es von allen Seiten.
Erin wurde langsam nervös. Ihr fiel einfach nichts ein.
»Das ist doch ein ganz schön bescheuertes Thema«, sagte sie lauter, als sie beabsichtigt hatte. Sämtliche Köpfe drehten sich zu ihr um. »Ja, ist doch wahr«, setzte sie hinzu. Das musste eigentlich allen klar sein! »Wir sollen hier etwas typisch Nordreichisches zeichnen, obwohl wir noch nie dort waren. Es wird ja jede Menge über diese Länder erzählt. Aber wenn man dann mal nachfragt, woher so manch einer dieses scheinbare Wissen hat, heißt es nur ›das sagen alle‹, ›das steht im Landesnetz‹ oder ›das ist halt so‹.«
Der Prof schaute peinlich berührt im Raum umher. »Ihr sollt eben das zeichnen, was ihr euch unter den Nordländern vorstellt. Seid ein wenig kreativ.«
»Schön«, schnaubte Erin, »dass das nichts Gutes ist, ist ja klar, bei dem, was man uns hier einbläut!«
Sie hatte genug davon. Und wahrscheinlich dachten die Nordreichler auf der anderen Seite der Mauer genauso von ihnen!
»Bläuliche Haut, dünne, verfilzte Haare, Schwimmhäute zwischen den Fingern. Woher wollt Ihr das wissen?« Ilya Berklavs war außer sich vor Wut. Alle Augen waren auf ihn gerichtet. »Einmal sagt Ihr, die Südstaatler seien machtgierig, gerissen, listig und nur darauf aus, uns zu unterwerfen. Dann aber heißt es, sie seien stumpfsinnige, glitschige Wesen, die sich nur unter Wasser wohlfühlen. Ihr widersprecht Euch selbst. Nichts wisst Ihr, das ist es doch!« Sein Herz pochte schnell, denn er wusste, dass er zu weit gegangen war.
»Berklavs, es reicht!«, schrie Dabolins. »Diese dreckigen Völker sind von Grund auf bösartig. Jeder weiß, dass sie uns unterwerfen und versklaven wollen. Ihr werdet die nächsten drei Wochen nachsitzen, auch samstags! Und glaubt ja nicht, dass ich mich vor Eurem Titel beuge, ich meine es ernst. Euer Vater wird Euch nicht mehr da rausholen. Setzt Euch jetzt hin.« Als Ilya keine Anstalten machte, sich zu setzen, drohte er: »Ich kann Euch auch das ganze Jahr nachsitzen lassen, überlegt es Euch gut.«
Es hatte keinen Sinn, er musste gehorchen. Er ließ sich auf den unbequemen Stuhl sinken, hatte aber Mühe, ruhig zu bleiben. Die anderen Schüler kicherten hinter vorgehaltener Hand. Aber was wussten die schon? Sie saßen hier oben in dem reich mit Holzschnitzereien verzierten Klassenraum und glaubten dem alten Lehrer jedes Wort. Neben dem eichenen Pult stand die agambeanische Flagge, ein weißer Baum auf grünem Grund.
Ilyas Blick fiel durch die kleinen, bunten Fensterscheiben nach draußen. Die umliegenden Bäume erschienen verzerrt und waren kaum zu erkennen. Wie durch so ein Fenster, dachte er. Wie durch so ein Fenster sehen wir sie. Da konnte man eine Menge hineininterpretieren. Waren das da an dem Baum nur im Wind wehende Blätter oder Vögel, die dort nisteten? Er selbst wusste nichts darüber, was sich hinter dieser Mauer befand, nichts außer dem, was ihm hier erzählt wurde. Aber Wahrheiten waren es bestimmt nicht. Er ballte die Fäuste unter der Tischplatte.
»Erin, es reicht! Bitte setz dich wieder hin und bring deine Zeichnung zu Ende.« Der Kunstprofessor stand mit hochrotem Kopf vor ihrem Tisch.
»Wie Sie wollen.« Demonstrativ langsam ließ sie sich auf ihren Stuhl sinken und verschränkte die Arme vor der Brust.
Am Ende der Stunde gab sie ein weißes Papier mit dem Titel »Südreich im Nebel und Nordreich im Schneesturm« ab.
»Die Idee warmarano-genial«, lobte Delano sie, während sie den Flur entlang zu den Aufzügen gingen. Er hatte schlussendlich eine Zeichnung mit Wellen und Bäumen abgegeben.
Erin überlegte schon, was für einen Film sie in Philosophie schauen sollte, um die immer gleiche Vorlesung zu überstehen. Doch es sollte eine Überraschung auf sie warten.
»Guten Morgen, ich bin Felicitas Sanchez«, stellte sich die neue Professorin vor, während sie schnellen Schrittes den Raum durchmaß. Die für den Posten relativ junge Frau hatte die langen, schwarzen Haare zu einem strengen Zopf gebunden und trug die übliche Uniform, bestehend aus einem weißen Overall mit silbernen Applikationen. Nur ein Detail stach hervor und da musste Erin zweimal hinsehen: Aus ihrer Brusttasche ragte ein grünes Einstecktuch. Wer trug heutzutage etwas so Altmodisches, noch dazu in Grün?
Zunächst wies die neue Professorin sie an, alle Sessel in einem Kreis aufzustellen. Dann wurde es noch seltsamer. Sie forderte die Studenten auf, ihre Knochenschall-Kopfhörer abzunehmen.
Nur widerwillig entfernte Erin die kleinen runden Geräte und ließ sie in die Hosentasche gleiten. Das war’s dann wohl mit dem Filmschauen.
Schließlich setzte sich die Neue, zur Verwunderung vieler, selbst mit in die Runde und schlug eine kleine, blaue Mappe auf. »Der Lehrplan verlangt, dass wir uns im Rahmen der Anthropologie damit beschäftigen, was den Unterschied zwischen den Blau- beziehungsweise Südreichischen und den Grün- beziehungsweise Nordreichischen ausmacht. So wie sich der Mensch von den Tieren abhebt, sollen sich auch die Südreichischen von den Nordreichischen abheben.«
›Es geht schon wieder los‹, dachte Erin.
»Oft wird behauptet, die Maranes und Jawharanes seien die am höchsten entwickelten Wesen. Das begründet man mit den fortschrittlichen Technologien, die wir zu entwickeln im Stande waren. Die Nordreichischen, heißt es, seien uns weit unterlegen, da es sich bei ihnen um eine niedere Spezies mit kleineren Gehirnen und geringerer Auffassungsgabe handele. Man sagt, sie würden ihre Umwelt ganz anders als wir, viel mehr wie Tiere, wahrnehmen. Nun, ich weigere mich, diesen Quatsch zu unterrichten.«
Sie schlug die Mappe zu. Plötzlich lag extreme Spannung in der Luft.
Als sie weiterredete, hörten ausnahmslos alle zu. »Noch vor etwas mehr als dreihundert Jahren waren die fünf Länder dieses Kontinents vereint. Laguna Mar, Jawhara, Dairivon, Avanindra und Agambea. Damals gab es noch keine so große Kluft zwischen Süden und Norden. Ja, es gab die fünf Völker, die sich in ihren Gewohnheiten und teilweise auch in ihrem Aussehen unterschieden, doch man lebte friedlich miteinander. Niemand wäre auf die abwegige Idee gekommen, dass eines der Völker besser sei als ein anderes.
Unsere damaligen Herrscher waren über mehrere Generationen hinweg miteinander verwandt, stammten von denselben ersten Siedlern dieses Kontinents ab. Sie hatten sich im sogenannten ›Bund der Fünf‹ zusammengeschlossen. Enya von Laguna Mar, von der Liano-Dynastie, war zu dieser Zeit ihre gemeinsame Königin. Die Hauptstadt des Kontinents lag damals ebenfalls auf maranischem Boden, in Liano Tega. Doch nicht alle waren davon begeistert. Die nördlichen Staaten befürchteten, Laguna Mar könnte zu mächtig werden. Böse Zungen auf beiden Seiten, darunter der maranische Regierungsberater Cortez, behaupteten, dass die anderen Völker ein Komplott gegen den Bund planten und die Macht über den gesamten Kontinent an sich reißen wollten. Solche Gerüchte verbreiteten sich in weiten Teilen der Bevölkerung und ließen Argwohn aufkommen. Alle Fünf schickten Spione in die jeweils anderen Länder, was das Misstrauen weiter erhöhte. In dieser Zeit verdächtigte jeder jeden.
Dann wurde Königin Enya ermordet und der Regierungsberater Carlos Cortez nahm ihren Platz in einer Übergangsregierung ein, die zu einer Diktatur werden sollte.
Die Meinungen darüber, wer die Königin ermordet hatte, waren unterschiedlich.«
»Was?«, unterbrach Naomi. »Es weiß doch jeder, dass es dieser Anwar war.«
»Das ist die Seite der Geschichte, die wir kennen, richtig. Sie lautet, dass Anwar von Dairivon die Königin auf einem gemeinsamen Ausflug hier an den westlichen Felsenküsten Laguna Mars ermordet haben soll. Enya hatte weder Kinder noch Geschwister, was ihren Cousin Anwar zum rechtmäßigen Thronfolger machte.«
Wieder unterbrach Naomi: »Die waren verwandt?! Ein Nordstaatler und eine Maranerin?«
»Wie ich bereits erwähnte, die Herrscher der fünf Länder waren alle mehr oder weniger eng miteinander verwandt. Sie hatten dieselben Vorfahren und es war auch nicht unüblich, dass Vertreter der Fürstenhäuser untereinander heirateten.«
»Igitt«, kommentierte Ramón.
»Der Teil der Geschichte, den beide Seiten bestätigen würden, lautet, dass Anwar für den Mord an Königin Enya verurteilt und hingerichtet worden ist.
Die Sicht des Nordens auf die Ereignisse ist jedoch eine andere als unsere: Dort heißt es, Carlos Cortez habe Enya ermordet und die Tat Anwar angehängt, damit Cortez selbst Herrscher Laguna Mars und des gesamten Kontinents werden konnte.
Die Nordstaaten Dairivon, Agambea und Avanindra erkannten Cortez jedoch nicht als rechtmäßigen Herrscher an und schlossen sich gegen ihn zusammen. Sie erklärten Anwars Sohn Tristan zu ihrem König.
Jawhara dagegen schloss sich Laguna Mar und Cortez an.
So hatten sich die Parteien, die im Blau-Grünen Krieg gegeneinander kämpfen würden, bereits herausgebildet.
Es bedurfte nur noch eines kleinen Funkens, um das große Feuer zu entfachen. Dies geschah, als agambeanische Soldaten auf der maranischen Seite der Grenze gesichtet wurden.
Diktator Cortez zögerte nicht lange und griff an. Diesen Teil kennt ihr zur Genüge. Der Krieg dauerte fünf Jahre und sollte keinen Sieger hervorbringen. Nach langen und unermüdlichen Kämpfen mit hohen Verlusten waren beide Parteien am Ende ihrer Kräfte. Sie vereinbarten die Einstellung aller Kampfeshandlungen und errichteten gemeinsam, ja, gemeinsam, die Mauer, die bis heute Süden und Norden voneinander trennt.«
»Schwachsinn!«, rief Ramón.
»Es würde zu Cortez passen«, entgegnete Livina, »und es klingt plausibel.«
Frau Sanchez fuhr derweil fort: »Lasst uns nun zu unserem eigentlichen Fach, der Philosophie zurückkehren. Wir haben also herausgefunden, dass wir alle Eins waren und es heute noch wären, hätte uns nicht der hinterlistige Plan eines Diktators auseinandergetrieben. Diese wichtige Erkenntnis haben viele vergessen oder verdrängt. Der Hass ist zu stark, um uns unserer gemeinsamen Wurzeln zu besinnen.
Ja, nun gibt es also diejenigen, die behaupten, die Maranes seien allen anderen Völkern überlegen. Sicher, äußerlich sieht es so aus, als seien wir weiter entwickelt. Wir verfügen über Rechenmaschinen, während in den Wäldern von Agambea noch Rechenschieber benutzt werden, mit genau einer Funktion, wohl gemerkt: einfachste Rechenaufgaben lösen. Wir reisen in komfortablen UVB-Shuttles, während man sich in den grünen Hügeln von Avanindra angeblich noch auf Pferdekutschen verlässt. Die Nordreichischen verfügen weder über Elektrizität noch über fließend Wasser, vergesst erst recht Landesvernetzung, Zentralsteuerungskomfort, Identitätschips und alles, was ihr sonst noch für selbstverständlich haltet!«
Ein Raunen ging durch die Runde.
»Doch so befremdlich und unvorstellbar das im ersten Moment auch klingen mag, ich bin überzeugt, dass die Menschen im Norden sich ebenfalls weiterentwickelt haben, nur in eine andere Richtung als wir. Es soll dort zum Beispiel sehr begnadete Heiler geben, die abgetrennte Gliedmaßen in wenigen Stunden nachwachsen lassen können. Und einige unter ihnen können ganz ohne eingebaute BioCom über weite Entfernungen miteinander kommunizieren.«
Naomi hatte die Arme abwehrend vor der Brust verschränkt. »Haben Sie irgendwelche Beweise dafür?«
»Leider war auch ich noch nicht dort, um es herauszufinden«, antwortete die Professorin mit einem gewitzten Lächeln auf den Lippen. Erin hätte wetten können, dass das gelogen war.
Eine nachdenkliche Stille trat ein, die erst nach einigen Minuten von Livinas leiser Stimme unterbrochen wurde. »Dann hassen wir die Nordreichler völlig umsonst?«
»Die Nordreichischen zu hassen, ist eine Denkweise«, erklärte Frau Sanchez langsam und deutlich, »die uns unsere Eltern und der Staat von klein auf eingeschärft haben. Unsere Eltern haben sie von ihren Eltern gelernt, und die wiederum von ihren. Du hast schon recht, wir hassen sie ›umsonst‹, denn am Ende verlieren wir alle dadurch. An Freiheit und an Erfahrungen. Im Grunde sind wir doch sehr arm, denn wir kennen nur unsere eigene Kultur.«
In den nächsten Philosophiestunden stellte die junge Professorin alles auf den Kopf, was man ihnen bisher beigebracht hatte, und sie diskutierten engagiert wie noch nie in dem kleinen Kreis aus hellblauen Kunstledersesseln.
»Was glaubt ihr eigentlich, was passieren würde, wenn hier jemand grüne Sessel anschafft?«, fragte Frau Sanchez eines Tages. »Sessel in den Farben der Nordstaaten. Katastrophe! Skandal! Wie wäre es, wenn wir hier mal ein wenig umdekorieren?«
Trotz aller Begeisterung blieben Zweifel. Frau Sanchez’ Meinung war von offiziellen Stellen her nicht gerade beliebt. Sie erinnerte Erin stark an Leo, nur dass sie offen aussprach, was er lediglich angedeutet hatte. Wenn Leo recht hatte und sie überwacht wurden, dann war Frau Sanchez möglicherweise in Gefahr. Erin hoffte auf eine Gelegenheit, sich ungestört mit ihr unterhalten zu können.
Die Möglichkeit schien näherzurücken, als das Kursprogramm für das kommende Workshop-Wochenende bekanntgegeben wurde.
Frau Sanchez hatte etwas Ausgefallenes geplant: einen Ausflug an einen historischen Ort, eine altmaranische Villa aus der Zeit vor der Hoch-Technologisierung. Dort sollten die Studenten erfahren, wie das Leben in ihrem Land vor hundert Jahren ausgesehen hatte. Die Teilnehmerzahl war begrenzt. Natürlich bewarb Erin sich sofort.
Umso verwunderter war sie, als sie und all ihre Freunde Plätze in dem Workshop bekamen. Selbst Ramón war dabei.
»Warum hast du dich eigentlich beworben?«, fragte sie ihn, als sie beim Mittagessen saßen. Heute umgab sie ein virtueller Dschungel voller Palmen und exotischer Tiere. Zum Glück konnte man die Lautstärke dämpfen. »Ich hatte den Eindruck, du kannst Frau Sanchez nicht leiden?«
Er zuckte mit den Schultern. »Das wird sicher amüsant. Außerdem wohnt meine Familie in der Nähe dieser alten Villa. Wir können einen Abstecher dahin machen. Sie haben eine Jacht.«
Diesmal verdrehte Mariah die Augen. Erin warf ihr ein Lächeln zu. Sie hatte sich schnell in ihre kleine Gruppe integriert.
»Für die letzten zehn Prozent der Reise werden wir neunzig Prozent der Zeit brauchen«, hatte Frau Sanchez sie vorgewarnt. »Wir werden über unbefestigte Wege laufen.« Trotzdem waren einige in Sandalen gekommen. Die Professorin zuckte bei dem Anblick mit den Achseln. »Ich habe euch informiert, meine Pflicht ist damit erfüllt.«
Zunächst fuhren sie mit derUnterseeischen-Vakuum-Bahn, kurz UVB, nach Porto Cameria. Der Zug mit den vielen kleinen Kapseln zu je sechs Sitzplätzen glitt geräuschlos durch den gläsernen Vakuumtunnel am Meeresboden, während die Studenten ihren individuellen Beschäftigungen nachgingen. Die meisten sahen dabei nichts von der faszinierenden Unterwasserwelt, die sie umgab. Sie waren in Videospielen oder Chatrooms unterwegs, die fleißigeren unter ihnen widmeten sich ihren Seminararbeiten.
In Porto Cameria spalteten sich die Kapseln ihrer Gruppe vom Rest des Zuges ab und fuhren durch eine Schleuse hinauf in die Magnetschienen, die sich durch die Häuserschluchten wanden.
Die Küstenstadt sah zunächst nicht viel anders aus als Antibique. Türme mit hohen, glänzenden Glasfassaden so weit das Auge reichte, dazwischen ein Netz aus Trassen auf verschiedenen Ebenen.
Dann jedoch drangen sie immer weiter in die Randbezirke vor, bis es Gebäude nur noch in großem Abstand gab und schließlich eine Endstation in Sicht kam.
Erin war nie zuvor an einer Endstation gewesen. Südlich davon befand sich keine Bebauung mehr und es begann ein weitläufiger, zum Wasser hin abfallender Pinienwald. Die Gegend war menschenleer.
Erin schluckte. Eine seltsame Nervosität machte sich in ihr breit. Ob das gut oder schlecht war, konnte sie noch nicht sagen.
Kaum ausgestiegen, verließen sie den gepflasterten Bahnsteig und wanderten auf einem schmalen Pfad in den Wald hinein. Frau Sanchez lief voraus, blieb zwischendurch aber immer wieder stehen, um sie auf etwas hinzuweisen.
»Riecht ihr das?«, fragte sie. »Das ist der Pinienwald. Ich liebe diesen Duft.«
Erin nahm einen tiefen Atemzug. Es roch warm, holzig und süß-würzig. Viele Städte in Laguna Mar waren von Pinienwäldern umgeben, aber so bewusst hatte sie diesen Geruch noch nie wahrgenommen. Der Boden war mit Nadeln bedeckt, sie machten ihn federnd weich.
»Schhht«, flüsterte die Professorin und wies sie an, stehenzubleiben. »Seht ihr das da oben?« Sie deutete in das Astwerk eines Baumes. »Das ist eine Maranische Goldfeder.«
Nach intensivem Suchen entdeckte Erin den kleinen Vogel. Er sah aus wie eine Mini-Eule und hatte auffällig abstehende, goldgelb schimmernde Federn an Kopf und Schwanz.
»Den gleichen Vogel gibt es auch in Jawhara. Dort wird er Jawharanischer Sonnenvogel genannt.«
Als der Weg zunehmend steil und felsig wurde, konnte man immer wieder einen der Sandalenträger fluchen hören. Viele von ihnen waren noch nie auf solchen Wegen gewandert, denn es gab keinen Grund für Maranes, die Städte zu verlassen, schließlich hatte man dort alles, was man brauchte. Und wer doch mal Lust auf einen Waldspaziergang hatte, machte ihn eben virtuell. Warum sollte man erst zu einer Endstation fahren, um sich dann auf einem felsigen Weg die Zehen anzuhauen?
Nach etwa zwanzig Minuten – manche beschwerten sich schon, wie lange es denn dauere – traten sie aus dem Wald hinaus auf einen kleinen, geschotterten Platz.
Vor ihnen lag ein abgeschlossenes Areal, umgeben von einem hohen, mit rostigem Stacheldraht gekrönten Zaun. Frau Sanchez öffnete das Tor darin mit einem metallenen Schlüssel, einem ziemlich alten Ding, wie es heute niemand in Laguna Mar mehr verwendete.
Sie traten ein. Zu ihrer Linken erstreckte sich hinter einer Mauer aus groben Steinen der Strand, zu ihrer Rechten befand sich die Altmaranische Villa. Sie bot einen ungewöhnlichen Anblick. Ihre Fassade bestand aus ungleich großen Steinblöcken, die Fenster waren für maranische Verhältnisse recht klein und weit nach innen versetzt. Sie wurden von hölzernen Fensterläden verschlossen. Das und die vielen Pflanzen, die aus allen Fugen wuchsen, ließen das Haus verlassen aussehen.
Erins Meinung nach hatte es einen gewissen Charme, war nicht so geradlinig wie die heutigen Gebäude, nicht so gepflegt mit der von den Fensterläden abblätternden blauen Farbe. Es war irgendwie ... echt. Die modernen maranischen Häuser dagegen hätten genauso gut eine Animation ihrer AR-Linsen sein können. Zum Teil waren sie das auch. Gab es einen Riss in einer Fassade, wurde er durch AR-Dekore überdeckt. Dergleichen schien es hier nicht zu geben.
»Da sollen wir wohnen?«, entrüstete sich Ramón. »Das ist ja alt!«
Ein paar der Studenten hatten derweil mit anderen Problemen zu kämpfen. Naomi blieb plötzlich stehen und bewegte ihre Augen immer wieder nach oben links. »Ich kann keine Nachrichten empfangen! Was ist los?«
»Sieht so aus, als hättest du kein Netz.«
»Kein Netz? Was bedeutet das?«
»Kein Zugriff auf Informationen, Nachrichten, Plattformen, eben all das. Geht bei mir auch gerade nicht.«
»Wie bitte? Ist meine BioCom defekt? Muss ich zur Reparatur?«
Frau Sanchez versuchte, sie zu beruhigen. »Ich vergaß, zu erwähnen, dass die Netzabdeckung hier nicht besonders gut ist. Dieses Gebiet ist die meiste Zeit des Jahres unbewohnt, da hat es die maranische Infrastrukturbehörde nicht für nötig gehalten, es zu versorgen. Aber macht euch keine Gedanken, es ist ja nur vorübergehend. Spätestens am Sonntag bei unserer Rückreise funktioniert alles wieder wie gewohnt.«
Naomi stöhnte. »Ich will sofort nach Hause.«
Erin schnaubte. Die Streberin war doch nur mitgekommen, um im MarChat Beiträge darüber zu posten, wie furchtbar sie Frau Sanchez fand und wie absurd ihre Ideen waren. Wie schade, dass sie das nun nicht mehr konnte.
Die Professorin öffnete die hölzerne Haustür und erweckte das Gebäude Stück für Stück zum Leben – soweit das eben möglich war. Sie zog Tücher von den Möbeln und von dem kleinen (echten!) Springbrunnen in der Eingangshalle. In einem riesigen Schaltschrank legte sie Hebel für Strom und Wasser um. Schon begann die Fontäne des kleinen Brunnens vor sich hin zu plätschern. Eine zentrale Haussteuerung mit BioCom, die man über Gesten oder AR-Linsen bedienen konnte, suchte man hier vergeblich. Stattdessen waren Schalter an allen möglichen und unmöglichen Stellen platziert, die man erst finden und drücken musste, damit dann im Zweifelsfall doch nicht das passierte, was man wollte.
Beim Beziehen ihres gemeinsamen Zimmers mit Erin und Mariah schaffte Livina es, die Wand zum Nachbarzimmer wegfahren zu lassen, statt das Licht anzuschalten.
Naomi, die dahinter zum Vorschein kam, beschwerte sich sofort lauthals. War es nicht schon genug, dass man sich hier ein Zimmer zu dritt teilen musste?
Erin wunderte sich, dass sie noch nicht gegangen war. Vielleicht hatte sie Angst, sich im Wald zu verlaufen?
Wenig später war die gesamte Gruppe in der Küche versammelt. Ihre Aufgabe für die nächsten Stunden: ein traditionelles maranisches Abendessen kochen.
Das sollte eine Herausforderung werden, schließlich hatten die meisten von ihnen nie kochen gelernt, gab es doch Hausroboter, die das viel schneller und besser konnten.
Ihr Menü für den Abend bestand aus drei Gängen. Als Vorspeise gab es eine ArtFisch-Suppe mit Zitronengras, dazu selbst gebackene Brötchen, als Hauptgang gegrillten ArtLachs in Kräutermarinade und zum Abschluss Maranische Creme mit karamellisierten Bananen.
»Eigentlich wollte ich echten Lachs besorgen, ganz wie früher. Die Bestände haben sich mittlerweile erholt, es wäre also möglich gewesen. Die Hochschulleitung hat es mir jedoch verboten.« Frau Sanchez zuckte mit den Schultern. »Ich hätte gerne gesehen, ob ihr es hinbekommt, einen Fisch auszunehmen.«
Naomi verzog das Gesicht, als wolle sie etwas sagen, beließ es dann aber dabei.
Erin war mit Delano zum Bananenkaramellisieren eingeteilt worden. Er verkündete, dass er bei seinem Onkel schon einmal selbst gekocht habe, und ging hoch motiviert an die Sache. Bereits beim Anstellen des Herds geriet er jedoch ins Stocken.
»Ok, keine Ahnung, wie dieses Ding funktioniert. Dass man es nicht mit BioCom machen kann, habe ich mir ja schon gedacht. Ich habe mal einen Film über alte Küchengeräte gesehen. Aber das hier?! Heißt das Flammensymbol etwa, dass da echtes Feuer rauskommt?«
»So ist es«, bestätigte Frau Sanchez. »Das ist ein Gasherd.«
Sie zeigte ihnen, wie man ihn anstellte. Delano zuckte beim Anblick der Flammen zusammen. Um es zu überspielen, schüttelte er die Arme aus, wie bei der Vorbereitung auf eine sportliche Aktivität. »Marano. Also gut.«
Ihre Aufgabe stellte sich als eine der schwierigsten heraus. Beim ersten Versuch, Zucker zu karamellisieren, schafften sie es, eine stinkende schwarze Masse herzustellen, die so fest an der Pfanne klebte, dass sie sie nur noch entsorgen konnten. Bei ihrem nächsten Versuch half Frau Sanchez ihnen, den richtigen Zeitpunkt abzupassen, um die Zuckermasse von der Hitze zu nehmen und die Bananenscheiben darin zu wenden.
Auch die anderen Gruppen hatten Probleme. Der dicke Qualm, den Naomi mit ihren verbrannten Zwiebeln verursachte, machte es sogar nötig, die Küche zeitweise zu räumen und alle Fenster aufzureißen. Die Lüftungsanlagen waren hier einfach nicht stark genug.
Ein paar von ihnen gaben frustriert auf und wurden kurzum damit beauftragt, Tische und Stühle auf den Vorplatz zu tragen und einzudecken.
Wenn auch mit kleinen Verlusten: Am Ende hatten sie ein komplettes Menü zustande gebracht. Die ArtFisch-Suppe war ein wenig salzig, ein paar der Brötchen mehr als nur knackig braun. Trotzdem konnte man alles essen und manches war sogar ganz lecker.
Erin mochte den gegrillten ArtLachs besonders, Delano schwärmte natürlich für seine perfekt karamellisierten Bananen.
Die meisten von ihnen waren recht stolz, das alles ohne Hausroboter hinbekommen zu haben. Nur Naomi hielt den ganzen Aufwand für unnötig.
»Warum hast du diesen Kurs überhaupt gewählt?«, fragte Erin sie ganz direkt.
»Aus demselben Grund wie alle anderen«, behauptete sie, »weil esmarano-gechillt klang. Ich hätte ja nicht gedacht, dass wir hier Hausroboter-Arbeit machen müssen!«
Erin schüttelte nur den Kopf und widmete sich erneut ihrem Nachtisch.
Die abendliche Freizeit nutzten Delano und Ramón, um in die Nachbarbucht zu verschwinden, wo sie die Jacht von Ramóns Familie holten. Sie wollten die Felsenküste entlangfahren und luden auch Erin und Livina dazu ein. Doch die zogen es vor, Frau Sanchez’ Geschichten zu lauschen.
»Wisst ihr, die Mauer wurde nicht ohne Übergänge konzipiert. Allein in dem Teil der Grenze, der Laguna Mar von Agambea trennt, gibt es zwanzig Wachtürme, jeder mit einem Durchgang.
In der Anfangszeit wurden noch des Öfteren kleine Delegationen über die Grenze gelassen, um Handel zu treiben. Erst im Laufe der Zeit und nachdem einige Händler nicht zurückgekehrt waren, wurde dies eingestellt. Die Wachtürme blieben weiter bemannt, um einen möglichen Angriff aus dem Norden zu verhindern. Als dann lange Zeit nichts passiert war, zog man nach und nach das Personal ab. Die Regierung scheint sich mittlerweile recht sicher zu sein, dass vom Norden keine Gefahr mehr ausgeht. Heute sind nämlich nur noch vier der Türme besetzt: die auf Höhe von Porto Colana, Calderra, Girona und Gorda. Schon seltsam, oder?«
Einige der Studenten schauten sie verwundert an, einige andere eher besorgt.
»Auch gibt es nur wenige Vorkehrungen, die verhindern, dass jemand von uns in den Norden gelangen könnte. Die größte Barriere ist unser Wille. Alles andere sind nur faule Tricks. Einblendungen über unsere AR-Linsen zum Beispiel, die uns patrouillierende Roboter zeigen, wo keine sind. Nein, wenn ich ehrlich bin, ist das mit dem Willen schon der erste und größte Trick. Wer von uns will schon in den Norden?«
War das gerade ein Zwinkern gewesen oder hatte Erin sich das eingebildet? Ihr Puls beschleunigte sich. Sie hatte ein paar drängende Fragen.
Als die Gruppe um Naomi durch einen Schwarm Mücken abgelenkt war, ergriff sie die Gelegenheit und fragte im Flüsterton: »Frau Sanchez, haben Sie denn keine Angst, dass offizielle Stellen – die Hochschulaufsicht oder die Regierung – etwas dagegen haben, dass sie uns solche Dinge erzählen? Ein Freund meinte, wir werden überwacht.«
Die Professorin schmunzelte. »Oh, sie haben ganz sicher etwas dagegen. Aber so schnell bekommen sie das nicht mit. Ich bitte euch ja nicht umsonst immer, eure Kopfhörer, die auch ein Mikrofon enthalten, abzunehmen. Und hier sind wir komplett von allen Kommunikationswegen abgeschnitten. Das hat einige Vorteile. Glaub mir, ich weiß, wo die Schlupflöcher sind.«
Das sollte Erin wohl beruhigen, doch sie war nicht überzeugt.
»Du wolltest aber noch etwas anderes fragen?«, hakte Frau Sanchez nach.
Erin blickte sich erneut zu Naomi um, bevor sie weitersprach. »Wir befinden uns ja sehr nah an der Grenze. Ich habe mich gefragt, ob auch hier einer dieser Übergänge ist?«
Frau Sanchez senkte ihre Stimme ebenfalls und beugte sich zu ihr herüber. »Zufällig befindet sich ganz in der Nähe einer. Hier in diesem Areal. Siehst du den Pfad, der in den Wald hineinführt? Er endet oben an der Mauer. Es ist nicht weit, aber es erfordert einen starken Willen und Durchhaltevermögen, um dort hinzugelangen. Ein sehr verlassener Ort. Soweit ich weiß, ist die Tür zum Wachturm nicht mal verschlossen.«
Die Professorin besah sie mit einem vielsagenden Blick.
Erin wollte fragen, ob sie selbst schon einmal dortgewesen war. Sie setzte gerade dazu an, als Ramón und Delano lachend auf den Platz traten. Sie waren von ihrem Ausflug zurückgekehrt und gesellten sich nun wieder zur Gruppe.
Frau Sanchez erhob sich. »Ich wünsche euch einen schönen Abend. Jetzt muss ich leider auf mein Zimmer, um ein paar Dinge für morgen vorzubereiten.«
Erin schaute ihr hinterher und seufzte.
Sie blieben noch ein wenig draußen sitzen. Für Maranes war es eine ungewöhnliche Art, den Abend zu verbringen, ganz ohne MarCocktails und die üblichen AR-Kostüme und Upgrades, die über die Linsen dargestellt wurden. Ohne funktionierende Landesnetz-Verbindung sah man die anderen genauso, wie sie wirklich waren. Das hatte etwas Intimes. Man merkte, dass es einigen unangenehm war. Naomi und ihre Freundinnen verließen die Runde dementsprechend früh. Daraufhin entspannten sich die anderen spürbar. Sie nahmen eine aktuelle Diskussion wieder auf.
Livina räusperte sich. »Also ich kann mir noch immer nicht vorstellen, dass alles so stimmt, wie Frau Sanchez es erzählt. Immerhin würde das bedeuten, dass man uns bisher nur Lügengeschichten eingetrichtert hat, damit wir die Nordreichischen hassen. Warum sollte jemand so etwas tun?«
»Damit er an die Macht kommt«, entgegnete Erin, »und sich dort hält. Carlos Cortez steckt dahinter.«
»Aber Cortez gibt es nicht mehr. Er wurde bei der Maranischen Revolution gestürzt und durch ein demokratisches System ersetzt. Es gibt keinen Grund, weiterhin Lügen über den Norden zu erzählen.«
»Vielleicht doch ...« Leo hatte angedeutet, dass es für die Regierung nützlich war, wenn die Maranes ein gemeinsames Feindbild hatten.
»Schluss jetzt mit Spekulationen!«, schimpfte Ramón. »Mir ist das herzlich egal und wir werden es nicht rausfinden, sofern wir nicht selbst hingehen und nachschauen.«
Als Erin an diesem Abend im Bett lag, dachte sie noch lange an den Grenzübergang. Sie malte sich aus, wie es dort aussehen würde. Dort und dahinter.
Mitten in der Nacht erwachte Erin. Es dauerte ein wenig, bis sie realisierte, wo sie war. Sie schaute sich in ihrem dunklen Zimmer um. Die anderen schliefen tief und fest. Fahle Strahlen des Mondlichts fielen durch die weißen Vorhänge, die sich sanft im Nachtwind wiegten. Kühle, frische Luft waberte zu ihr herüber und brachte den salzigen Geruch des Meeres mit sich, das leise vor sich hin rauschte. Auch ein leichter Pinienduft war mit dabei.
Sie wusste nicht genau, was sie bewog, als sie aufstand und sich so leise wie möglich anzog. ›Nur mal nachschauen‹, dachte sie, während sie die dunklen Flure entlangschlich. Konnte sie es bis zur Mauer schaffen? Vielleicht sogar einen Blick auf die andere Seite werfen? Eine solche Gelegenheit würde sie sicher so schnell nicht wieder bekommen.
Draußen war es kühl. Sie zog die dünne Jacke enger um sich. Den schmalen Pfad fand sie problemlos. Er führte, eingerahmt von Pinien, leicht bergauf. Es wurde immer dunkler, je weiter sie sich von der Villa entfernte. Etwas unheimlich war das schon. Sie konnte kaum ihre eigenen Füße erkennen. Instinktiv wollte sie den Nachtsichtmodus ihrer Linsen aktivieren, doch dann fiel ihr auf, dass die Funktion nicht verfügbar war. Lag das am fehlenden Empfang?
Zunächst war der Weg weich und von Piniennadeln bedeckt wie schon der, der zur Villa hingeführt hatte. Dann wurde er zunehmend steil und felsig. Erin musste furchtbar aufpassen in der Dunkelheit. Mehrfach geriet sie ins Straucheln und konnte sich nur mit Mühe fangen. Sie lauschte auf die Geräusche des Waldes. Es war still bis auf das entfernte Rauschen des Meeres und ein leises Rascheln in den Baumwipfeln.
Dann passierten mehrere Dinge gleichzeitig. Sie stolperte, etwas blitzte in ihrem Sichtfeld auf und höllische Kopfschmerzen überkamen sie.
Im nächsten Moment krümmte sie sich am Boden.
Was ist passiert? Erin schaute sich um, doch da war nichts. Regungslos lag sie da und lauschte. Stille.
Die Kopfschmerzen ließen allmählich nach, wurden jedoch von Übelkeit abgelöst. Sie wartete, atmete flach und geräuschlos. Erst als sie sicher war, allein zu sein, taumelte sie auf die Füße und ging langsam, Schritt für Schritt, zurück zur Villa.
Im Bad im Erdgeschoss übergab sie sich. Sie tastete ihren Kopf ab. Keine Spur einer Verletzung. Ihr Spiegelbild hatte eine ungesunde Gesichtsfarbe und starrte sie fragend an.
Als sie wieder im Bett lag, ging es ihr schon deutlich besser. Sie hatte kaum Gelegenheit, sich Fragen zu stellen. Auf einmal war sie unfassbar müde.
Am Samstagvormittag fühlte Erin sich verkatert. Bloß hatte sie keinen Alkohol getrunken. Sie verstand nicht, was in der Nacht mit ihr losgewesen war. Vielleicht Migräne?Kopfschüttelnd trat sie zu den anderen.
Ihre kleine Gruppe stand um den Brunnen in der Eingangshalle versammelt. Er war aus einem einzigen Stück Marmor gefertigt, erklärte ihnen Frau Sanchez. Alles per Hand. Die Studenten konnten sich überhaupt nicht vorstellen, wie das funktionieren sollte, also hatte die Professorin Hammer, Meißel und zwei Blöcke Stein mitgebracht. Nun durften sie sich daran ausprobieren.
Bei dem weichen Sandstein gelang es allen, ein mehr oder weniger definiertes Stück abzuschlagen. Bei dem dunklen, härteren Stein schaffte es zunächst niemand.
Ramón wollte das nicht auf sich beruhen lassen und schlug bei seinem zweiten Versuch mit so viel Aggression auf den Meißel ein, dass es ihm zumindest gelang, eine kleine Ecke abzutrennen – und den Griff zu zerbrechen.
Als sie sich wieder der Betrachtung des Brunnens zuwendeten, waren die Studenten auf einmal richtig beeindruckt.
Frau Sanchez wies sie auf die vielen typisch maranischen Motive hin: Delfine, Muscheln, Wellen und ein Schwarm Fische am Boden des unteren Beckens.
»Wenn ihr aber glaubt, dieser Brunnen enthält nur maranische Elemente, dann täuscht ihr euch.« Sie lenkte ihre Aufmerksamkeit auf die Säule, die das untere Becken trug. An ihr befanden sich Verzierungen, die wie Blätter und Ranken aussahen.
»Efeu«, erklärte sie, »eine Pflanze, die man zuhauf in Agambea antrifft. Und seht ihr die Struktur im Marmor dahinter? Sie soll an die Rinde eines Baumes erinnern. Die Säule stellt also einen Baumstamm dar.«
»Dort unten«, sie wies auf die Stelle, an der die Säule in die Basis überging, »sind Wurzeln angedeutet, die im Boden, also in der Basisplatte, verschwinden. Und nun hier, an der Unterseite des Beckens ...«
Sie mussten sich ein wenig bücken, um es erkennen zu können: Fünf Arme, ähnlich den Ästen eines Baumes, trugen das Bassin.
Frau Sanchez fuhr mit zunehmender Begeisterung fort.
»Seht ihr die Knoten hier? Jeder der fünf Arme trägt an dieser Stelle ein anderes Symbol, ein sogenanntes Wappen. Die Symbole stehen für die Königshäuser des Kontinents, die einstigen Herrscher der fünf Länder.«
Erin betrachtete das Wappen, das ihr am nächsten war. Es zeigte auf der einen Seite drei Ähren, auf der anderen eine Eule und in der Mitte etwas, das sie nicht erkennen konnte.
Frau Sanchez erläuterte: »Da haben wir die Catalassi in Dairivon, ihr Wappen schmücken goldene Ähren auf rotem Grund, sowie eine weiße Eule auf grünem Grund, stellvertretend nicht nur für ein hohes Vorkommen an Eulen, sondern auch für die größte Bibliothek des Nordens. Dazwischen befindet sich die Flamme, die für die Drachen steht.« Sie erklärte das so beiläufig, als glaubte sie, diese gäbe es wirklich.
»Dann wären da die Savonier in Agambea, ihr Symbol ein grüner Baum auf rotem Grund. Die heutige Flagge ähnelt dem noch, sie zeigt einen weißen Baum auf grünem Grund. Agambea ist zu weiten Teilen mit Wald bedeckt.
Die Irigarays von Avanindra haben eine dornenlose Rose auf weißem Grund nebst einem weißen Pferd auf grünem Grund in ihrem Wappen. Natürlich sind sie bekannt für ihre Pferdezucht.
Das Wappen der Arjuwani aus Jawhara zieren eine gelbe Sonne oben und eine grüne Palme darunter.
Und schließlich sind da noch die Lianos von Laguna Mar, deren Wappen einen grünen Baum umgeben von fünf Schlüsseln zeigt. Das einzige übrigens, aus dem kein Element in die heutige Flagge übernommen wurde.
Was denkt ihr, haben diese Wappen auf einem maranischen Brunnen zu suchen?«
Die Studenten schwiegen sich darüber aus.
»Na, keine Idee? Also gut, ich verrate es euch: Es soll uns an unsere gemeinsame Herkunft erinnern. Die fünf Königshäuser sind alle Äste ein und desselben Baumes und sie teilen sich dieselben Wurzeln. Nur auf einer derart soliden Säule kann ein Staat wie Laguna Mar stehen.« Sie deutete auf die Säule, den Stamm und die Becken des Brunnens.
»Woher wissen Sie das?«, fragte Naomi skeptisch.
»Ich halte eben Augen und Ohren offen. Wenn man einmal damit anfängt, ist es gar nicht so schwer.« Da war es wieder, dieses verschmitzte Lächeln.
Den Rest des Tages widmeten sie der Betrachtung der zahlreichen in der Villa verteilten Kunstwerke. Sie durften dazu zunächst einmal herumlaufen und sich alles ansehen.
Ölbilder von alten Segelschiffen hatten sie schon des Öfteren gesehen. Hier jedoch gab es Gemälde, die für maranische Augen befremdliche Dinge zeigten. Livina und eine weitere Kommilitonin standen gerade vor einem gruseligen Bild. Es stellte einen Wald dar und irgendwo, etwas versteckt im Schatten der Bäume, ein unheimliches Wesen. Es hatte Ähnlichkeit mit den Bären, die es früher in den Bergen gegeben haben sollte, sah aber deutlich bedrohlicher aus. Das Tier war komplett schwarz, mit dichtem, struppigem Fell, langen Klauen und einem furchteinflößenden Maul mit Hunderten spitzer Zähne, die es auf dem Bild gerade entblößte.
Die beiden waren sich nicht einig, ob es sich um die nordländische Version eines Bären handelte oder eher die Vorstellung zeigte, die man in Laguna Mar von den Bewohnern des Nordens hatte.
Ein Motiv in einem hässlich-pompösen, goldenen Holzrahmen zog Erins Aufmerksamkeit auf sich. Es zeigte eine Bergkette, jedoch nicht die grünen Berge, die Laguna Mar nach Norden hin von Agambea trennten, sondern weiße Berge.
›Das muss Schnee sein‹, dachte sie.
»Könnte die Bergkette sein, die Agambea im Norden von Avanindra abgrenzt«, vermutete Mariah. Erin schaute sie verblüfft an.
»Oh, in meiner Verwandtschaft wird noch die ein oder andere Erzählung vom Norden weitergegeben, übrigens ganz ähnliche Dinge, wie Frau Sanchez erzählt.« Sie zuckte mit den Achseln, als wäre das nichts Besonderes. »Ich finde es allerdings mutig, dass sie sich traut, so etwas in der Öffentlichkeit zu tun. Ich meine vor Studenten, deren Eltern im Wahrheitsministerium sitzen könnten.« Mariah nickte in Richtung einer kleinen Gruppe am anderen Ende des Flurs, darunter Naomi. »Ich würde das nicht mehr tun, aber, na ja, sie hat jedenfalls meinen Respekt.«
Mariah wendete sich wieder dem Bild zu. »Es heißt, es sei die einzige Bergkette, die permanent mit Schnee bedeckt ist. Siehst du die grünen Hügel, die sich davor erheben?«
Erin betrachtete nun auch die weite Landschaft im Vordergrund.
Zum ersten Mal wurde ihr klar, dass der Norden ziemlich groß sein musste, viel größer als Laguna Mar.
»Das muss Avanindra sein«, erklärte Mariah weiter. »Wir schauen also von Norden her auf die Bergkette. Und da müsste noch etwas sein ...« Sie ging nun ganz nah an das Bild heran. »Ja, hier! Siehst du das? Dieser Berg ist nicht schneebedeckt.«
Erin beugte sich ebenfalls vor. Tatsächlich, einer der Gipfel war nicht weiß-bläulich, sondern graubraun und oben flach, als wäre seine Spitze abgebrochen.
»Das muss der höchste Berg Agambeas sein. Er befindet sich ein ganzes Stück weiter hinten, mitten im Land. Man sieht ihn hier auf dem Bild, weil er höher als die anderen ist.«
»Aber warum gibt es dort keinen Schnee?«, fragte Erin. »Je höher, je kälter, ist das nicht so?«
»Die Lage hat auch einen Einfluss. In den nördlichsten Ländern ist es am kältesten. Aber in diesem Fall gab es noch einen anderen Grund: Es ist ein Vulkan. Ein aktiver Vulkan, aus dem ständig heiße Gase austreten. Deshalb schmilzt der Schnee dort sofort. Weißt du, was verrückt ist? Die Hauptstadt Agambeas, Denebola, liegt direkt daneben.«
Erin war beeindruckt von Mariahs Kenntnissen und gleichzeitig enttäuscht, dass niemand aus ihrer Familie etwas über den Norden wusste. Wobei – vielleicht nicht ganz? Es gab ja noch Leo.
Sie erinnerte sich nicht, wie lang es schon her war, dass er ihr zum ersten Mal über MarChat geschrieben hatte. Er hatte ihre Mutter gekannt, scheinbar sogar ziemlich gut. Erin vermutete, dass er mit ihr verwandt war, doch so genau hatte er sich nie dazu geäußert. Er schrieb in Rätseln. Seine Nachrichten regten sie zum Nachdenken an über das Leben, das sie führte und über ihre ganze kleine Welt. Irgendetwas stimmte hier nicht und so langsam stieg sie dahinter.
Gedankenverloren durchstreifte Erin die Villa und entdeckte auf der Innenseite der Kellertür noch ein interessantes Bild. Es war eigentlich nicht mehr als eine Postkarte, die in einen dekorativen Rahmen auf der Tür gesteckt worden war. Sie nahm sie heraus und betrachtete sie genauer. Die Karte zeigte einen mit leuchtend weißen Kieselsteinen bedeckten Weg inmitten eines Waldes. Er führte auf ein niedriges, hölzernes Tor zu und dahinter weiter in den Wald hinein. Das Tor stand einen Spaltbreit offen.
Irgendwie übte dieses Bild eine magische Anziehungskraft auf Erin aus. Das konnte kein gewöhnlicher Ort sein. Fast schien er nach ihr zu rufen. Sie wollte unbedingt dorthin, wo auch immer das war.
In der Hoffnung, einen Hinweis zu finden, drehte sie die Karte um. Auf der Rückseite stand tatsächlich etwas geschrieben, in schwarzer, verschnörkelter Schrift:
Einladung in die Gärten Yamodars von Denebola
Das musste eine ziemlich wirkungsvolle Einladung sein.
Etwas wurde ihr jetzt klar. Sie kannte diese Karte, hatte das Motiv schon einmal gesehen. Damals, als sie heimlich die Kiste mit den Hinterlassenschaften ihrer Mutter durchsucht hatte. Ihr Vater hatte sie erwischt und die Karte weggeworfen. Kein Wunder, sie zeigte einen Ort in Agambea.
Für den Samstagabend hatten sie ein Strandpicknick vorbereitet. Wie man meinen könnte in einer Meeresnation wie Laguna Mar nichts Außergewöhnliches. Das war es aber sehr wohl.
Sand war etwas Natürliches, Dreckiges und er setzte sich überall fest. Nichts für Maranes, die höchstens mal von einer Betonplattform aus ins Meer sprangen. Trotzdem hielten sie sich tapfer und manche gingen sogar baden.
Erin schwamm ein Stück weit raus zu einem Felsen und traf dahinter überraschend auf Delano.
»Pssst ...«, flüsterte er, als ob irgendwer sie hier belauschen könnte, »ich habe eine spektakuläre Entdeckung gemacht und würde sie gerne exklusiv mit dir teilen.«
Sie zog eine Augenbraue hoch. »Ah ja, okay, und das wäre?«
»Es ist nicht so einfach, da hinzukommen. Wir werden tauchen müssen.«
Skeptisch warf Erin einen Blick zurück zu den anderen. Livina beobachtete sie – und sah nicht glücklich aus. Konnte es sein, dass sie da etwas missverstanden hatte?
»Komm!«, rief Delano. Er war schon auf dem Weg.
Erin folgte ihm. Sie schwammen ein ganzes Stück um die Felsenküste herum, bis sie außer Sichtweite der Bucht waren.
»Ich habe es entdeckt, als ich mit Ramón um die Klippen gefahren bin«, erklärte Delano. Er deutete auf eine Stelle in der Felswand. Erin konnte dort nichts Besonderes erkennen.
»Unter Wasser«, fügte er hinzu.
Sie tauchte ab. Tatsächlich, knapp unter der Wasseroberfläche befand sich der Eingang zu einer Höhle: ein Spalt im Felsen, etwa zwei Meter hoch und einen breit.
Delano tauchte bereits darauf zu.
Erin hatte keine Ahnung, worauf sie sich einließ, aber wenn er schon einmal dortgewesen war, konnte es ja nicht so schlimm sein.
Sie tauchte ihm nach. Als sie die Höhle erreichte, wurde es schlagartig dunkler. Kurze Zeit lang konnte sie noch Delanos Umriss vor sich sehen, dann war nichts mehr erkennbar.
Maranes waren hervorragend im Schwimmen und ebenso gut im Tauchen. Sie konnten ohne Probleme mehrere Minuten unter Wasser bleiben. Doch nach einer Weile beschlich auch Erin ein unangenehmes Gefühl. Nahm dieser Tunnel irgendwann noch mal ein Ende oder sollte sie besser umkehren? Delano war nirgendwo zu sehen und sie hatte den Eindruck, dass die Felswände immer näher kamen. Aber dann waren sie auf einmal gar nicht mehr zu ertasten.
Gerade als Erin die Luft auszugehen begann und sie nun definitiv umkehren wollte, erkannte sie vor sich einen Lichtfleck, erst schemenhaft, dann immer deutlicher. Sie schwamm so schnell sie konnte darauf zu. Dann brach sie endlich durch die Wasseroberfläche.
Sie befanden sich in einer Höhle, die natürlichen Ursprungs zu sein schien, jedoch ein paar Unregelmäßigkeiten aufwies. Da war dieses Licht von oben, ein diffuses, unwirkliches Schimmern. Es entsprang mehreren runden Scheiben an der Decke. An einer Seite der Höhle führte eine Treppe aus dem Wasser hinaus und in einen Tunnel hinein.
Erin und Delano stiegen hinauf und gingen den Gang entlang. Er war grob in den Felsen gehauen worden und hatte überall ungleichmäßige Vertiefungen, Vorsprünge und Risse.
An seinem Ende befand sich eine gewaltige Eisentür, die mit Reliefs verziert war. Sie zeigten Bäume, Schiffe, Pferde, Fische und Eulen. In der Mitte gab es ein, im Gegensatz zu all den anderen erhabenen Motiven, vertieftes, kleines Symbol. Erin hielt es spontan für eines der Wappen, die sie auf dem Brunnen in der Villa gesehen hatten. Es kam ihr jedenfalls bekannt vor.
»Ich habe mir alles ganz genau angeschaut, aber nach wie vor keine Ahnung, wie man diese Tür öffnen kann«, erklärte Delano, »keine Klinke, kein Sensor, kein BioCom-Empfang. Es muss irgendein verdammt altes System sein. Auch kein Loch für einen Schlüssel oder so.«
Die Tür war nicht das einzige Rätsel, das sie in dieser Höhle vorfanden. Daneben prangte etwas weitaus Seltsameres: eine Botschaft, an die Wand geschmiert mit einer Flüssigkeit, die aussah wie – Blut! Und es schien frisch zu sein. Erin lief ein kalter Schauer über den Rücken. »Delano, das ist nicht witzig ...«
»Ich hab das nicht geschrieben. Es sah gestern genauso frisch aus wie heute. Ich habe versucht, es abzuwischen, aber es geht nicht. Abgefahren, oder?«
Ihr kam das alles eher unheimlich vor.
»Das Komische ist«, fuhr Delano fort, »riech mal!«
Erin ging näher an die Schrift heran. Sofort machte sie einen Satz zurück. Es roch nach echtem Blut! »Wer tut so etwas? Und warum?«
»Ich habe keine Ahnung.«
Sie trat noch einen Schritt zurück, um zu lesen, was dort geschrieben stand:
Traut nicht dem falschen Regenten,
seine Pläne sind nicht, wie sie scheinen,
er will euch entzweien, verspricht euch zu einen.
Im Innern des feurigen Berges
tritt die Wahrheit am Ende ans Licht.
Zu finden ihn und zu zerstören,
zögert nicht!
»Was soll das heißen?«, rätselte Erin.
»Kein Schimmer, aber gruselig, oder?«
Delano lachte. Er schien das Ganze für eine Kuriosität zu halten, für irgendeinen gut gemachten Scherz, um jemanden zu erschrecken.
Erin ahnte, dass mehr dahinterstecken könnte. Sie schaute hinauf zu der Linie etwas unterhalb der Decke des Ganges, die die Stelle markierte, bis zu der die Flut hochstieg. Dann betrachtete sie die Schrift noch einmal genauer. Sie sah nass aus. Wenn Delano das hier gestern genauso vorgefunden hatte, musste es zwischendurch unter Wasser gestanden haben. Trotzdem war es nicht verschwunden. Das ergab keinen Sinn. Dass er die Schrift gerade frisch aufgetragen hatte, glaubte sie auch nicht. So gut war er nicht im Lügen. Was sollte das also?
Gedankenverloren schaute Erin die Buchstaben weiter an, bis sie sich auf einmal zu bewegen schienen.
Sie erschrak heftig, stolperte. Dann blitzte ein Bild vor ihren Augen auf. Da saß eine Person, zusammengekauert und blutüberströmt, vor der Tür. Die Person sah aus –wie sie selbst!
So schnell die Erscheinung aufgetaucht war, verschwand sie auch wieder.
Im Nachhinein war sich Erin nicht mehr sicher, was sie da gesehen hatte. Sich selbst? Ihre Mutter? Das musste ein Streich gewesen sein, den ihr ihr Gehirn gespielt hatte!
Es war Anlass genug, sofort aus der Höhle zu verschwinden, ganz zum Leidwesen Delanos, der sich wohl einen lauschigen Abend an einem geheimen Ort ausgemalt hatte.
