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Leserstimmen: "Herrlich erfrischend mit viel Witz und Ironie. Sich selbst auf die Schippe nehmen können und schreibtechnisch etwas Ausgefallenes zu wagen, das imponiert mir! Die Sprache wirkt ausgereift und wird vielfältig eingesetzt. Wunderbar skizzierte Personen, die vor Lebendigkeit nur so sprudeln."(Rebecker - Neobooks) "Feindgebiete: Komisch, skurril, heiter! Mir hat dieser nicht ganz alltägliche Stil gefallen. Ich mag "Querschreiberinnen" die einen eigenen Weg einschlagen und ihn sehr konsequent durchziehen…" (Landris - Neobooks) "Fifty shades of Heidi: Dass ich so schnell bei Seite 498 angelangt bin, ist bereits das erste große Kompliment an das Buch, denn für gewöhnlich lese ich immer mal 5/6 Seiten am Stück. Dieses Buch ist aber sehr kurzweilig und unterhaltsam." (Ingo - Thalia) "Wolf in der Kuckucksuhr: Der vorliegende Text der Erstveröffentlichung ist ein ambitioniertes Werk, mit viel Herzblut und Talent niedergeschrieben. Der Text birgt einen unsagbaren Schatz - er hat Humor. Und den findet man leider viel zu selten." (Reinmund Frommer - Neobooks) "Katharsis durch Katachrese: Markante Figurenzeichnung mit schwungvoller Pinselführung. Da wird der Büroalltag doch gleich plastisch bis ennervierend. Underdogs und Catfights haben so freien Lauf. Die Sprache ist bemerkenswert. Heidis Gedankengänge spielen teilweise ins Werther'eske (ich musste an jene Episode beim fürstlichen Gesandten denken und erwartete in jedem Abschnitt das Wort "Raritätenkasten")." (ScriptorSeverus - Neobooks) Heidi Hagenbert ist jung, frisch diplomiert und an beherzter Zuversicht mangelt es ihr nicht. Von nun an beginnt ein Leben in Saus und Braus. Alsbald muss sie feststellen, dass jenes nicht gänzlich so opulent verlaufen soll wie beizeiten erträumt. Der Sold ist mickrig, ihre temperamentvolle Chefin bedient sich eines monarchischen Führungsstils und Betriebswirtschaft klang in der Theorie betörender. Wenn doch wenigstens die Liebe all dies nivellieren würde..
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Seitenzahl: 654
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Sandra Vahle
Otto hat Flick Flacks gekauft
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Vorwort
Polen gegen Äquator
Du nimmst kein Blatt in den Mund
Ich fahre dich umher
Die Finger aufessen
Damit löscht du keine Probleme
Am besten malst du es ihm
Mühsam ernährt sich das Murmeltier
Das stellt ihr alsbald unter
Die Rechnung ohne den Hirten gemacht
Die Arme hat sich gebrochen
Eine Taube macht noch keinen Sommer
Ich bin kein bissiger Eislöwe
Der Plunder
Sie schiebt sich ein ruhiges Ei
Thunfischringe
Schaumoper
Nicht auf den langen Schrank schieben
Wer Picknick macht, der rostet
Der Pinguinflüsterer
Wenn du dir ein Bein zerreißt
Ich fahre nicht in ein Kaufhaus
Otto rudert im Internet
Jetzt geht`s um die Bratwurst
Unter Staatsfrauen
Aus der Nase angeln
Auge um Auge, Zunge um Zunge
A wie Emil
Aus dem Ballermann geschossen
Hier ist der Zollstock hoch gelegt
Zur richtigen Zeit in der richtigen Stellung
Geld wie Stroh
Das kannst du dir abschmecken
Langes Wort, kurzer Sinn
Schwacher Schmied in der Kette
Woanders schnorcheln
Wir wandern auf dem Zahnfleisch
Andrea tauchte nichts
Du passt gut ins Konzert
Das Leben ist kein Reiterstall
Die Wogen bügeln
Alter Norweger
Außer Sicht
Die saufen nicht in Arbeit
Wir veranlassen eine Gutziffer
Rüdiger ist in Heidi geknallt
Fliederlila Brille
Otto hat Flick Flacks gekauft
Unter ihre Fetischisten nehmen
Keine Buchung ohne Belag
Du verschleimst 90 Prozent deiner Arbeitszeit
Richtig was im Kasten
Schlechtes Bachgefühl
Das schüttelt
Das outet aus
Junkie Food
Der fegt nicht an meinem Stuhl
Da kann ich mich ja gleich umhängen
Die Forderungen singen
Hast du Gedächtnisschwung?
Mutter bei die Fische
Auf dem falschen Stampfer
Karl hat mich gebetet
Da klappt mir ja nun wahrlich der Zahnstein hinunter
Deine eigene Schaufel gegraben
Ein dickes Feld
Habt ihr Buchstaben?
Ans Bein hinkeln
Wir schwitzen um
Hornissen im Bauch
Ein Wink mit dem Zaunfinger
Das sieht ein Blinder mit Krücken
Karl bringt es auf den Sprung
Ohne mit dem Wimpel zu zucken
Time to say arrivederci
Ich reinige meine Hände in Unschuld
Biermonsun
Abwarten und Teer trinken
Lachen ist die beste Chirurgie
Ohne Fleiß – kein Gewinn
Das Licht unter dem Tunnel
Nachwort
Impressum neobooks
Die Gesellschaft ist wie Zug fahren. Man kann ein Ticket für die erste oder zweite Klasse lösen. Gelegentlich steigen Passagiere aus. Freiwillig oder weil sie beim Schwarzfahren ertappt wurden. Einige fahren irgendwann einmal wieder mit, andere können sich keinen Fahrschein mehr leisten. Manch einer ist nicht länger gewillt, den geforderten Preis zu bezahlen.
Indes die Mehrheit allesamt einen Platz im gewünschten Abteil erbeutet und oftmals genehm verweilt, scheinen die Rebellen dem Wohlstand zum Opfer gefallen. Hin und wieder aber walten dergleichen noch gewissenhaft ihres Amtes. Jene, welche das Risiko wagen, auf den Zug zu springen, ins Fahrerhaus zu klettern, um die Fahrtrichtung zu ändern.
Meine Motivation dieses Buch zu schreiben, zehrt einerseits von dem unaufhaltsamen Drang, meinem Gerechtigkeitssinn nachzugehen, andererseits von der scharfsinnigen Erkenntnis neu gewonnener Zeit. Denn eins hat mich das vergangene halbe Jahr gelehrt: Wer zu viel arbeitet, hat keine Zeit, um Geld zu verdienen.
Zeit - nein Muße - schlummert ungeduldig und Reichtum verbinde ich vordergründig mit Freiheit. Ich könnte den ausgeklügelten Racheplan in die Tat umsetzen, der darin besteht, exakt den Aktienanteil meines ehemaligen Arbeitgebers zu erwerben, der mich in die erfreuliche Lage katapultiert, meine ebenso ehemalige Chefin hochkant rauszuschmeißen. Falls dies nicht gelingt, labe ich mich an dem Gedanken der Selbsttherapie mitsamt dem genügsamen Ziel, meinen Seelenfrieden wiederzufinden. In der ersten oder zweiten Klasse.
„Na, dann legen Sie mal los!“, fordert mich der grazile Franzose in seinem schwarzen, edlen Nadelstreifenanzug auf, indessen er mich von oben bis unten durchdringend mustert. „Die Bühne ge`ört Ihnen!“
Nirgendwo sonst schreibt das Leben derart packende Erfolgsgeschichten. Vom Tellerwäscher zum Millionär - über Nacht zum berühmten Filmstar. Hier werden Träume erbarmungslos gejagt, umkämpft und nicht selten gelebt. Willkommen in Hollywood!
Es scheint als öffnen sich lang verschlossene Türen, wobei die Betonung auf scheint liegt, denn mit unseren Träumen ist das so eine Sache. Oft träumen wir sie ein Leben lang, ohne dass sie jemals wahr werden. Zu oft bestehen in der Wirklichkeit hartnäckig Abweichungen hinsichtlich Personen, Ort und Handlung. So wie bisweilen in dieser Geschichte. Mal minimal, mal gravierend. Sollte man deshalb aufhören zu träumen? Niemals, schwor sich einst ein unerbittliches Träumerlein, derweil es vertrauter Musik lauschte und einen nachdenklichen Blick hinaus ins Dunkel der Nacht warf. Niemals.
Die runden Tische im Speisesaal eines in die Jahre gekommenen Nobelhotels sind von Tischdecken altweißen Jaquardstoffes bedeckt. Pompöse Kronleuchter sowie nostalgische Gemälde lassen vergangenen Glanz erahnen, der schrammige Zustand des Parketts aus Kastanienholz und barocken Mobiliars gewährt Nüchternheit. Auf dem hölzernen Tresen liegt ein Tafelservice bereit, akkurat der Größe nach angeordnet. Das Sortiment an Gläsern wurde durcheinander drapiert, vermutlich um den Schwierigkeitsgrad zu erhöhen. Unverhofft geht es ans Eingemachte, unter wachsamer Begutachtung.
„Nichts leichter als das”, denke ich sorglos.
Weit gefehlt! Schlagartig breitet sich Panik in mir aus, nicht ein klarer Gedanke will fortan gelingen. Die Teller, das Besteck, dann die Gläser?
„Wir `aben nischt den ganzen Tag Zeit, Mademoiselle!“, erinnert der Monsieur mich indiskret daran, endlich zu beginnen. „Worauf warten Sie?“
Darauf, dass meine Nervosität schwindet, doch macht sie mir einen Strich durch die Rechnung. Bei ihm sah es so einfach aus. Mit routinierten Bewegungen, aber zugleich fast tänzerisch samt der Leichtigkeit eines Akrobaten zeigte er uns wenige Minuten zuvor, wie man diese Aufgabe galant löst. Ich hingegen verharre wie gelähmt, den erwartungsvollen Blicken der Jurymitglieder und einer Vielzahl der vornehmlich weiblichen Mitstreiter ausgeliefert.
Für irgendwas muss ich mich entscheiden. Die Teller. Puh, die sind ganz schön schwer! Bedeutend leichter ist die Vorspeisenvariante nicht. Weiter geht`s Heidi, versuch dich zu konzentrieren. Die Gläser! Ich glaube, die großen bauchigen sind für den Rotwein und werden rechts oben am Tellerrand platziert - sicher bin ich mir nicht. Mist, wäre nicht zuerst das Besteck fällig gewesen?
Zu spät, denn ich halte bereits zwei Stiele in der Hand. Hoffentlich bemerkt es niemand. Hastig stelle ich die Rotweinkelche an den vermeintlich richtigen Platz. Links daneben die kleineren für den Weißwein. Aber wohin mit den Wassergläsern? Verflixt!
Spontan entscheide ich mich für die goldene Mitte, obzwar verbissen unsicher. Endlich beim Besteck angelangt, greife ich hektisch vier Messer und drei Gabeln. Der werte Franzose verengt strafend die Augen, mit sinkendem Schamgefühl grinst er verschmitzt. Allseitige Erheiterung folgt gehemmt. Zumindest amüsiere ich die Leute, das ist auch ein Talent.
„Denken Sie nischt, dass Sie eine Kleinischkeit vergessen `aben?”
Sämtliche Augenpaare sind weiterhin auf mich gerichtet.
„Tschuldigung”, stammele ich beinahe flüsternd.
Mir wird warm. Glücklicherweise sind in dem Saal keine Spiegel angebracht. So bleibt mir der errötete Anblick erspart und ich kann das Ausmaß lediglich anhand meiner gefühlten Körpertemperatur abschätzen.
„Pas de problème! Sind Sie ein wenisch aufgeregt?”
Ja verdammt! Und selten fühlte ich mich unwohler in meiner Haut. Nicht mal eine simple Herausforderung wie diesen gottverfluchten Tisch einzudecken, bekomme ich derzeit auf die Reihe. Lächelnd versuche ich die Situation zu umspielen, dabei würde ich am liebsten im Erdboden versinken.
„Mademoiselle!“ Der französische Herr zieht kritisch die Augenbrauen hoch. „Isch ma`che I`nen einen Vorschlag: Sie ge`en `inaus und atmen zwei Minuten dursch. Danach kommen Sie wieder `inein und wir tun alle so, als sei es das erschte Mal!“
Die zweite Chance zum Tisch eindecken! Soll ich mich geehrt oder gedemütigt fühlen? Ich bin mir unschlüssig. Peinlich berührt verlasse ich den geräumigen Saal. Kurzzeitig erwäge ich, mich zu verduften, aber wie automatisiert wandert die rechte Hand zur schweren Türklinke aus Messing. Eine Niederlage aus Feigheit wäre armselig und kühner Wagemut findet Belohnung. Der zweite Anlauf endet sieggekrönt, wenngleich beharrlich nicht annähernd elegant.
Nachdem die Konkurrenz den praktischen Part mehr oder weniger souverän absolviert hat, geleitet mich der anspruchsvolle Monsieur zum Vorstellungsgespräch.
„Sie waren sehr nervös vor`in“, stellt er zu Beginn treffend fest. „Darf isch fragen warum? Peut-être weil Sie als Allererschte dran waren?“
„Nein, das war nicht das Problem“, antworte ich verlegen, denn mein Auftritt ärgert mich. „Keine Ahnung, wie ich diese ständige Unsicherheit besser in den Griff kriegen kann. Einmal habe ich es sogar mit Baldrian versucht, hat aber nicht funktioniert. Ich wurde bloß müde und wäre fast eingeschlafen.“
Dass es sich dabei um meine Führerscheinprüfung handelte, erwähne ich nicht.
„Daran müssen Sie unbedingt arbeiten! Sisch verkaufen zu können, sisch zu präsentieren ischt très wischtig in dieser Gesellschaft. In jeder Bransche. Glauben Sie mir, isch weiß wovon isch spresche. Wissen Sie, was mir immer `ilft?“
Schwungvoll erhebt sich der französische Herr, um sodann gemächlich in die Knie zu gehen. Verwundert gucke ich ihn an. Gleichzeitig breitet er seine Arme aus, holt tief Luft und atmet sie langsam wieder aus.
„Das ischt die Kunst der Entspannung!“ Eine nahezu anmutige Aura ummantelt ihn. „Sie sollten es ausprobieren.“
Belustigt nehme ich seinen Rat zur Kenntnis.
„Mademoiselle, wie gut ischt ihr Englisch?“, wechselt er das Thema.
„Ok - denke ich.“
„Es wird eine Menge ausländische Prominenz zugegen sein.“
Der Herr reicht mir ein Blatt Papier und bittet mich, es auszufüllen. Zur Abwechslung bereitet mir das keine Schwierigkeiten, der kleine Übersetzungstest fragt Getränkearten und Small Talk ab.
„Was ma`chen Sie beruflich?“, erkundigt er sich interessiert, derweil ich ihm die Lösungen zuschiebe.
„Ich habe Betriebswirtschaft studiert…“
„Oh, wie isch!“, unterbricht er mich plötzlich. „Immerhin zwei Semester! Diese abscheulische Lernerei…isch war jung und dumm. Sie sollten misch nischt als Vorbild nehmen, auch wenn isch erfreulischerweise nischt auf der Straße gelandet bin. Dieu merci! Wann werden Sie fertig sein?“
„Mein Diplom habe ich schon - seit drei Monaten...“, erkläre ich beschämt, wobei ich im Grunde stolz sein könnte. Aber gleich wird er wissen wollen, wonach es mir dürstet, weshalb ich mich unter Wert verkaufe. Anstatt die imaginäre Bewirtung von VIP-Gästen anlässlich einer Fußball-WM zu versemmeln, sollte ich bei einer erstklassigen, renommierten Firma verweilen. Inklusive eines schmucken Büros und einer Bezahlung, von der eine Kellnerin wehmütig träumt. Nach Sekunden betretenen Schweigens folgt die unangenehme Frage wie erwartet.
„Was `at Sie zu uns verschlagen?“
„Ich versuche die Zeit zu überbrücken bis ich eine feste Anstellung gefunden habe“, entgegne ich kleinlaut.
„Die `eutige Wirtschaft ischt von Krisen gebeutelt“, zeigt er sich verständnisvoll und wirft einen flüchtigen Blick in meine Bewerbungsunterlagen. „Oh là là, 23 Ja`re! Das ischt se`r jung, da beginnen andere erscht mit einem Studium.“
So sollte ich es sehen - mehr davon!
„Welcher Dummkopf würde nischt gerne mit Ihnen zusammenarbeiten wollen? Eine sympathische Mademoiselle wie Sie wird mit Sischer`eit zügig das Rischtige finden.“
Der charmante Monsieur scheint Gedanken lesen zu können.
„Merci beaucoup“, bedanke ich mich artig mit Hilfe limitierter Französisch-Kenntnisse. „Ich hoffe, Sie behalten Recht.“
„Sûrement, da bin isch mir absolut sischer!“, spricht er mir eisern Mut zu.
Nachdenklich begebe ich mich in die restaurierte Empfangshalle, um auf das Ergebnis zu warten. Mittlerweile ist es vierzehn Uhr und diese Schlacht, vorab geschickt als kurze Schulung getarnt, sollte laut Agentur längst vorbei sein. Die Nachmittagsschicht in der Eisdiele rückt fordernd näher, Hartz IV möchte ich nicht in Anspruch nehmen. Gut, dass meine Miete günstig ist, so sitzt trotzdem ab und an mal ein neues Lieblingstop drin. Die lang ersehnten Louboutin-Pumps indes befinden sich nach wie vor in weiter Ferne.
Ich gerate ins Grübeln. Soll ich eine Verspätung bei meiner Haupteinnahmequelle riskieren? Angesichts der ohnehin fraglichen Teilnahme, entscheide ich mich aufzubrechen, um Eis zu verkaufen.
Ein abendlicher Anruf sorgt für Klarheit und Ungewissheit zugleich. Worin lag die Absage begründet? War mein Unvermögen ausschlaggebend?
Wenige Tage später ruft die Mittelsdame der Agentur neuerlich an. „Polen gegen Ecuador“ im Feindgebiet Gelsenkirchen wird der erste von insgesamt vier Einsätzen sein. Sicher hatte der nette Franzose sein Veto eingelegt, dass jemand abgesprungen ist, halte ich für unrealistisch. Die Gewichtung der Wahrheit obliegt häufig der Maßgeblichkeit, bestimmt wird es ein aufregendes Erlebnis und das Geld kann ich allemal gebrauchen.
Als ich das Handy niederlege, flacht aufsteigende Freude übereilt ab - ausgelöst von dem ansehnlichen Stapel Absagen, der den Schreibtisch einnimmt. Unverkennbar zeigt niemand Interesse an einer motivierten Hochschulabsolventin, in meiner Vorstellung ereilte sie ein anderes Schicksal.
Täglich flattern neue, spannende Angebote in den Briefkasten. Die Qual der Wahl bereitet mir schlaflose Nächte, doch irgendwann fällt die Entscheidung und gewonnen hat Herzblatt Nummer zwanzig mit den interessantesten Aufgaben, besten Arbeitszeiten und einem Einkommen, bei dem die reale Chance besteht, nicht am Ende des Geldes noch Monat übrig zu haben - die ersten Gehälter zählen nicht.
Das private Glück komplettieren der liebevolle, treue, gutaussehende und stets potente Herzkönig sowie zwei, drei oder vielleicht sogar vier wohlerzogene Sprösslinge. Dazu ein schickes Haus mit reichlich Liebe eingerichtet. Eine Kochinsel schmückt die moderne Hochglanzküche, eine begehbare Dusche das Bad aus Naturstein und einladende Himmelbetten die royalen Schlafgemächer. Lieblingsbücher tapezieren das Lesezimmer, fein säuberlich sortierte Designerstücke den großzügigen Ankleideraum. Zudem verfügt die bescheidene Unterkunft über diverse Kinderzimmer, ein eigenes Fitnessstudio mitsamt Wellnessbereich und Sauna. Einen Waschraum. Ein Heimkino. Nicht zu vergessen der Außenpool, umgeben von einer Gartenanlage, die ohne den fleißigen Gärtner niemals so zauberhaft wäre.
Ich habe genug von all den Nebenjobs! Nicht, weil sie mir keinen Spaß bereitet haben. Im Gegenteil - zeitweilig hatte sich ein ernstzunehmender Berufswunsch entwickelt.
Als ich mich in einem früheren Sommerurlaub Hals über Kopf in den heißblütigen Italiener Matteo verliebte, war es mein Traum mit ihm in Igea Marina, ein idyllisches Fleckchen im sonnigen Italien, eine Strandbar zu eröffnen - täglicher Konsum der Serie „Saint Tropez“ bestärkte diese Idee wesenslos. Wenn schon kellnern, dann wenigstens am Strand. Bei Sonne und mit Blick aufs Meer. In meiner eigenen Bar. Mit Mr. Lover.
Nicht ohne Tränen, dafür unwiederbringlich erlosch das Feuer jener leidenschaftlichen Liebschaft eines Tages, was gleichsam impliziert, dass meiner aufstrebenden Karriere als Betriebswirtin keine Herzen im Weg liegen.
Steine revoltieren störrischer. Selbst die erste Hürde in Form eines Vorstellungsgespräches entsagt man mir und jenes mangelnde Hoheits-Zollen generiert schleichendes Unbehagen, dem Beruf in der Praxis gewachsen zu sein. Meine Erfahrung bezüglich Büroarbeit besteht aus einer mehrsemestrigen Tätigkeit als studentische Hilfskraft für Literaturrecherche. Durchaus ein verantwortungsvolles Amt, aber zweifellos nicht vergleichbar mit der intellektuell anspruchsvollen Herausforderung, die mich künftig erwartet. Oder eben nicht.
Ich bin jedenfalls bereit. Gespielt selbstsicher fordere ich eine Chance in der akademischen Berufswelt. Wann ist es endlich soweit? Für welches Unternehmen werde ich arbeiten? Was werden meine Aufgaben sein? Und schlussendlich die wohl bedeutsamste aller Fragen: Wird mir diese Arbeit gefallen?
Hinein mit dem feinen Zwirn in den Schrank, her mit den Bikinis. Sollte ich die Festanstellung gefunden und mir einen Luxusurlaub verdient haben?
Weder noch und mindest die Verneinung des ersten Teils der Frage begleitet Unverständnis und Zorn. Zudem beinahe Bitterkeit, doch beinhaltet diese den Verlust von Hoffnung und meine Mutter lehrte mich, dass Schwarzmalerei eine Tugend ist, der sich vorzugsweise die Mittelmäßigen bedienen. Folglich erfreue ich mich der positiven Ereignisse des vergangenen Vierteljahres, wie dem meines sagenhaften beruflichen Aufstiegs. Von wegen Kellnerin! Ich darf mich nun Praktikantin schimpfen.
Im Laufe des Lebens gerät der Mensch an Kreuzwege, die Entscheidungen fordern. Nicht übertragbare Verantwortung ist eine schwere Last, insbesondere wenn gänzlicher Einklang mit der Seele, dem Gewissen und Herzen inbegriffen, versagt bleibt. Redet man sich solch Bürde ungeniert schön, lastet sie nur halb so drückend.
Ausbeutung hin oder her - inzwischen schreiben wir den Monat September, ein Großteil der unzähligen Absagen war mit „mangelnder Berufserfahrung“ begründet und ein Praktikum liest sich besser im Lebenslauf als weitere Gastronomie-Jobs.
Anfang August begann das dreimonatige Abenteuer und bereits nach wenigen Tagen fand ich mich in der überschaubaren Unternehmensberatung nahe der Hamburger Alster gut zurecht - mitunter Dank im Studium erlernter Controlling-Werkzeuge, wie beispielsweise Pivot-Tabellen, die Eindruck schindende Zeitersparnis erwirken. Inwiefern jenes Schaffen von dem einer festangestellten Betriebswirtin abweicht, fällt mir schwer zu beurteilen. Eines weiß ich dagegen sicher. Irgendwas fühlt sich nicht richtig an, denn mein Praktikantengehalt und Designer-Schuhe wollen sich partout nicht miteinander anfreunden.
Um dem Mittelmaß zu entfliehen, rufe ich mir den lehrreichen Wink meiner Mutter ins Gedächtnis. Der Kurzurlaub mit Valeska war Balsam für Körper und Seele. Mallorca verfügt über malerische Ecken und das Zwei-Sterne-Hotel in Strandnähe bestach mit Sauberkeit, gemütlichen Zimmern sowie nationalen Fischgerichten. Obendrein verlor meine langjährige Freundin bei unserer abendlichen Partie Schach ausnahmslos - kurzum wir hatten eine feine Zeit.
Während ich das Flugzeug verlasse und die vom frischen Regen feuchte Luft inhaliere, beschließe ich guten Vorsatzes mir diese Erinnerungen zu bewahren. Wie ein unbeschwertes Kind freue ich mich darauf, eine Nacht in meiner Studentenwohnung verbringen zu können, die ich wegen der günstigen Miete parallel halten konnte. Ich plane, permanent nackt zu sein. Die Wohngemeinschaft in Hamburg lässt Privatsphäre nur bedingt zu und vermehrt als gleich verstärkt, plagt mich Heimweh.
Praktikanten sind heiß begehrte Ware, stelle ich nüchtern in Onkel Brunos altem Geländewagen fest, unterdessen die Dortmunder Umgebung vertraut einwirkt. Ursprünglich bewarb ich mich bei der Varlo AG auf eine Stelle als Controllerin, aber anstelle des parfümierten Vertrages, eingehüllt in meinen Lieblingsduft, schlug man mir ein befristetes Praktikum vor. Eine interessante Form aufmerksamer Zuvorkommenheit. Dafür wäre diese Leibeigenschaft, sofern es mir erlaubt wird sie anzutreten, in meiner Heimat und bietet die Aussicht auf eine Festanstellung. Was beschwere ich mich eigentlich?
Wenngleich stets bemüht, gelingen will es nicht. Wie soll man durchweg optimistisch gestimmt sein, wenn das opake Leben nach seinen eigenen Regeln spielt? Ungewissheit und enttäuschte Erwartungen überschatten mein sonniges Gemüt. Weshalb erhalte ich nicht jene rosaroten Möglichkeiten, die mir naiv vorschweben?
Sträubend wahre ich Distanz zum Mittelmaß - notfalls werde ich mir die Zuversicht intravenös einführen lassen. Das neue Praktikum bildet meine sichere Einstiegschance!
Am nächsten Morgen weckt mich ein entspanntes Gefühl, herrlich in den eigenen vier Wänden aufzuwachen. Da steht sie. In voller Pracht. Meine heißgeliebte Nespresso-Maschine. Wie sehr genieße ich diesen Moment der Ruhe mitsamt der verführerisch duftenden Versuchung kolumbianischen Ursprungs, ehe ich mich zeitig auf den Weg mache. Braun gebrannt, ausgeschlafen und angezogen.
„Das ist Ihr Besucherausweis“, erklärt mir die Dame am Empfang sorgsam, als ich um weit vor zehn Uhr eintreffe. „Sie werden gleich abgeholt - so lange können Sie im Wartebereich Platz nehmen.“
Angespannt folge ich ihrer Aufforderung, die modernen, schwarz gesteppten Drehsessel aus weichem Kunstleder locken einladend. Ich sehe mich ein wenig um. Fein gesprenkelter Marmorboden pflastert die Empfangshalle, die Anmeldung veredelt eine graue Hochglanzfront. Imposante Bilder mit grafischen Mustern im Popart-Stil sorgen inmitten großzügigem Tageslichteinfall durchs Panoramafenster für bunte Heiterkeit.
Langsam steigt Nervosität auf, meine Blicke schweifen weiter umher. Immer wieder schiele ich verstohlen zum Fahrstuhl hinüber, der fast vollständig aus Glas besteht. Die Herrschaften lassen sich Zeit. Es ist schon zwanzig nach zehn, bemerke ich ungeduldig.
Um mich abzulenken, blättere ich in der internen Firmenzeitschrift, die auf dem Glastisch vor mir liegt. Hoffentlich kommen nicht so viele Fragen zu den Produkten. Varlo ist ein Zulieferer von irgendwelchen Mikrochips in der Luftfahrtbranche und beim Studieren der Homepage verstand ich nur Bahnhof. Technik liegt mir so fern wie den Blau-Weißen der Meistertitel.
Zweiunddreißig Minuten nach zehn. Im Fahrstuhl fahren zwei Personen hinunter. Männlich und weiblich, wie ich erkennen kann. Beide steuern mich zielstrebig an, das sind sie bestimmt. Neugierig und aufgeregt zugleich stehe ich zur Begrüßung auf.
„Entschuldigen Sie bitte die Verspätung - Karl Bach“, stellt der Herr sich außer Puste vor, „und das ist meine Kollegin Frau Horst.“
„Hallo!“, lächelt die Frau, ehe sie mir freundlich die Hand entgegenstreckt.
„Heidi Hagenbert.“
„Schön! Wir freuen uns, Sie kennen zu lernen.“
Gleich im Gespräch ist Konzentration angesagt, doch lässt dieser kurze Moment vorab Raum für erste Eindrücke. Ich betrachte die beiden ein wenig genauer.
Herr Bach, um die sechzig, ist wohlgenährt - wahrscheinlich zu erklären mit häufigen Geschäftsessen. Überdies liegt die Vermutung nahe, dass er reichlich Kaffee konsumiert und wenig Schlaf findet. Er wirkt ausgelaugt.
Frau Horst, eine auffällig kleine Person Mitte vierzig, steht die Erschöpfung ebenfalls ins Gesicht geschrieben. Mein flüchtiges Schmunzeln gilt aber weder diesem Umstand noch ihrem Kleidungsstil. Der klassische Hosenanzug samt der hochwertigen Schluppenbluse, die bis zum Hals zugeknöpft ist, wirkt mondän und steht ihr ausgezeichnet.
„Darf ich Ihnen ein Getränk anbieten?“, erfragt Frau Horst aufmerksam, kaum haben wir den nah gelegenen Besprechungsraum betreten.
„Gerne!“
Nach dem üblichen Small-Talk übernimmt Herr Bach die Gesprächsführung. Mit Hilfe von Umsatzzahlen und diversen anderen Fakten stellt er das Unternehmen ausführlich vor. Weltweit beschäftigt Varlo fast hundertsiebzigtausend Mitarbeiter, davon ungefähr zweitausend am Dortmunder Standort. Ähnlich umfassend widmet er sich dem Werdegang von Frau Horst, von ihren Anfängen bis hin zu ihrer jetzigen Position als Abteilungsleiterin der Buchhaltung und des Controllings. Nun bin ich an der Reihe.
„Mit neunzehn, äh achtzehn habe ich mein Abitur gemacht...“
Verflixt! Wieso entgleitet mir neuerlich die Kontrolle? Haspelnd referiere ich die Stufen meines jungen Daseins und eine Besserung ist nicht in Sicht.
Mitsamt Hoffnung entsinne ich mich an die Übungen des souveränen Franzosen. Dasselbe Maß an Sanftmut und Autorität ausstrahlen, in sich ruhen ohne Arroganz - eine Kunst, die ich erstrebe zu beherrschen. Zur Beruhigung konzentriere ich mich auf meine Atmung. Tief ein und langsam wieder aus. Es hilft tatsächlich - meine Stimme wirkt gefestigter, das Stottern kontrollierter.
„Interessant…“, stoppt Herr Bach mich nach einer Weile abrupt. „…also urplötzlich kam dann der Lehrer-Beruf für Fräulein Hagenbert nicht mehr in Frage?“
„Auf gar keinen Fall!“, reagiere ich zur eigenen Verblüffung nahezu mit selbstbewusster Empörung. In Anbetracht mangelnder Nerven und Geduld für pubertierende Schüler verbannte ich Nachhilfe geben relativ schnell meines Nebenjobrepertoires. „Wie kommen Sie darauf?“
„Na, aufgrund Ihres abgebrochenen Lehramtsstudiums!“
„Ich habe die Sprachen nicht auf Lehramt, sondern auf Magister studiert.“
Irritiert schaut er mich an. Irgendwie beruhigend, dass ins Fettnäpfchen treten nicht ausschließlich der unbeholfenen Heidi vorbehalten ist. Eine kleine Pause entsteht. Herr Bach blättert in seinen Unterlagen und umgeht die Situation geschickt, indem er seine Kollegin bittet, zu übernehmen. Eindringlich studiert Frau Horst meinen Lebenslauf.
„Ah, ich sehe - Sie haben zwei SAP Seminare im Studium belegt.“ Interessiert hebt sie ihren Blick. „Bravissimo - wie der Zufall es vorsieht, arbeiten wir mit diesem Programm. Worin lagen die thematischen Schwerpunkte Ihrer Kurse?“
„Kostenstellen- und Investitionsrechnung.“
„Wunderbar! Welche Methoden hatten Sie behandelt?“, fragt sie gezielt nach.
„Eine war - glaube ich - die Kostenvergleichsrechnung…“
„Glauben kann man an den lieben Gott! Sie wollten sagen, Sie wissen es?“
„Ja genau - ich weiß es.“
„Gut, und die anderen?“
Hilfe, ich bin nicht imstande, sämtliche Methoden wiederzugeben. Die beiden Seminare sind eine Weile her und an Einzelheiten kann ich mich nur wage erinnern. Durchatmen! Mit der empfehlenswerten Taktik in Form penetranter Gegenfragen rette ich mich von Frage zu Frage, aber sobald annähernd Zufriedenheit waltet, schiebt Frau Horst rasch die nächste Stolperfalle hinterher. Dieses Spielchen läuft seit nunmehr zwanzig Minuten. Oder noch länger?
„Does you agree, that we will continue our conversation now in english? If you work at Varlo, it is very important, that you can speak English without mistakes!”
„Sure!“, übe ich mich mehr schlecht als recht in Souveränität - unvermeidbar huscht mir der Hauch eines Grinsens übers Gesicht. Heißt es nicht Do you agree?
Frau Horst startet erneut einen Fragenmarathon und obwohl ich wiederholt versuche, ihr sinnreiche Antworten zu liefern, schwimme ich weiterhin in einer Tour.
„Schluss für heute!“, unterbricht Herr Bach sie irgendwann endlich. „Wir werden schon sehen, ob sie was drauf hat. Wenn ja, bleibt sie und wenn nicht, kriegt sie nach den drei Monaten ein Zeugnis und gut ist.“
„Karl - du nimmst kein Blatt in den Mund!“, fügt Frau Horst dem hinzu.
Cool, das hört sich ganz nach einer Zusage an. Geht doch! Jedoch fühle ich mich wie eine Statistin, da Herr Bach durchgängig in der dritten Person von mir redet. „Sie dürfen mich ruhig direkt ansprechen, auch wenn Sie mich nicht für voll nehmen, weil ich nervös bin. Ich hatte bisher nicht viele Gespräche dieser Art“, würde ich ihm am liebsten sagen, aber das lass ich lieber.
„Heißt das, mir ist der Praktikumsplatz sicher?“, frage ich stattdessen schüchtern nach, um hundertprozentige Gewissheit zu erlangen.
„Selbstverständlich. Ab November geht`s los - sobald das Praktikum bei den Fischessern vorüber ist“, sorgt Herr Bach in seiner lockeren und burschikosen Art für finale Klarheit. „Gehalt zahlen wir dasselbe, Urlaub gibt`s bei uns nicht! Ein junger Hüpfer muss erstmal Gras fressen!“
Moment mal! Eine Verschlechterung meines vorherigen Sklavendaseins. Warum erhalte ich keinen Urlaub? Ist das überhaupt rechtens? Ehe sich die Gutsherren hastig aus Termingründen verabschieden, lächeln sie mir aufmunternd zu. Den Arbeitsvertrag wollen sie mir postalisch zusenden.
Mit authentischer Vorfreude verlasse ich meinen zukünftigen Arbeitgeber. Wir werden sehen. Entweder ich überzeuge oder nicht. Ich werde jedenfalls alles in meiner Macht stehende tun, um mein Ziel zu erreichen.
Herr Bach kriegt jeden Morgen einen frisch gepressten Orangensaft und sollte ich einen guten Draht zu Frau Horst entwickeln, werde ich das Malheur mit den gelblichen Haaren samt Feingefühl in die richtigen Wege leiten. Brünette können gleichermaßen Spaß erleben - das kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.
Jenseits all dieser potenziell karrierefördernden Initiativen fürchte ich bei manch weiterem Akt an persönliche Schmerzgrenzen zu stoßen. Weder werde ich Gras fressen noch Blätter in den Mund nehmen! Geschweige denn gewisse andere Dinge.
Schon manches Mal wünschte ich mir, Männer verfügten über die Eigenschaften eines Weckers. Allenthalben auf meinen Wunsch hin klingeln - mitsamt den Signalen, welche eine sanfte Besinnung gewähren und unmittelbar eingestellt werden, sobald meine Lebensgeister genugsam Licht ertrutzen. Mein Wecker und ich pflegen eine Beziehung von Labsal geprägt und auch an diesem Morgen garantiert mein treuer Freund Verlässlichkeit.
Nach zügiger Erledigung morgendlicher Rituale wie duschen, schminken und Kaffee trinken, stellt sich mir die Kleiderfrage. Um auf der sicheren Seite zu sein, entscheide ich mich für eine schwarze Stoffhose kombiniert mit einer hellblauen Bluse. Die Haare binde ich zu einem locker geflochtenen Zopf. Mal sehen, was die anderen so tragen. Vielleicht sind Jeans, wenigstens dunkle, ja erlaubt.
Beim Verlassen der Wohnung laufe ich gegen Valeskas Begrüßungsgirlande. „Herzlich Willkommen!“ in großen, bunten Buchstaben. Ein gutes Omen für den Anfang.
Draußen ist es kalt und ungemütlich, typisches Novemberwetter. Ich bin froh, dass mein Arbeitsweg kurz ist, nach fünfundzwanzig Minuten mit dem Bus komme ich an. Die Dame vom Empfang ruft eine junge Frau herbei und indessen sie uns einander bekannt macht, stellt sich mir grübelnd die Frage, wieso jene Position in inakzeptabler Regelmäßigkeit mit repräsentativen Exemplaren weiblichen Geschlechts besetzt wird.
„Folge mir“, werde ich sogleich geduzt, „und entschuldige bitte meine Fahne, ich habe gestern zu viel gesoffen.“ Atemübungen weichen Ludmillas Art der Formlosigkeit - schlummernde Anspannung schwindet eilends.
„In welchem Bereich wirst du dein Praktikum machen?“, erkundigt sie sich neugierig, derweil uns der Fahrstuhl ins zweite Stockwerk befördert.
„Im Controlling.“
„Bei Francesca?“
„Francesca? Wenn es sich dabei um Frau Horst handelt, dann ja.“
„Volltreffer! Unsere herzallerliebste italienische Feuernudel. Na denn viel Glück!“ Trostspendend klopft Ludmilla mir auf die Schulter. „Das wirst du brauchen!“
Auf meinen befremdeten Blick hin, versucht sie sich näher zu erklären.
„Francesca ist sehr streng und stellt Anforderungen an ihr Team, die schier unmöglich sind zu erfüllen. Ich will dir keine Angst machen, aber sie kann eine richtige Furie sein. Niemand mag sie leiden…“ Klingt ja vielversprechend.
„So, da sind wir. Mal sehen, wie lange du bleiben wirst.“
Meine unverblümte Neukollegin beweist ein geschicktes Händchen dafür, wie man Leute an ihrem ersten Arbeitstag bestmöglich motiviert.
Beim Betreten des Bürotrakts trifft mich ein Schock anderer Art. Graue Tristesse!
Das schmucke Flair, was im Empfangsbereich zugegen war, ist verschwunden, registriere ich begleitet von einer steifen Brise Ernüchterung. Wo sind die Bilder an den Wänden? „Stromberg“ - Feeling übermannt mich, gleich trottet sicher Ernie entlang.
Ludmillas Büro liegt am Ende des Flures und sticht hervor, denn ähnlich wie die Panoramafront und der Fahrstuhl besteht es größtenteils aus Glas. Der Architekt schien eine Vorliebe für diesen Feststoff gehabt zu haben. Sämtliche Büros, die wir passierten, wurden mindestens mit einer Glastür versehen.
„Francesca kommt bestimmt gleich - sie ist immer eine der Ersten. Du kannst dich so lange an Janas Schreibtisch setzen.“
Ludmilla lässt sich durch meine Anwesenheit nicht stören. Routiniert fährt sie ihren Computer hoch und prüft die Anrufliste ihres Telefons. Es vergehen nur wenige Minuten, bis ich meine neue Chefin entdecke, die mich aufgrund der Glasfront desgleichen erblickt. Dynamisch und im Vergleich zu unserer letzten Begegnung nicht minder elegant gekleidet, steuert Frau Horst auf mich zu. Nach knapper Begrüßung äußert sie eine Frage, deren Sinnhaftigkeit mir nicht auf Anhieb einleuchten will.
„Warum kommen Sie erst jetzt?“ Ist sie nicht selbst eben erst gekommen? Außerdem ist es doch noch früh - gerade einmal kurz vor acht.
„Ich versteh nicht genau, worauf die Frage abzielt…“, stocke ich unbeholfen, bis Frau Horst mich energisch unterbricht.
„Wir hatten Sie vor einem Monat erwartet!“
„Wieso das denn?“, reagiere ich verdutzt mit einer Gegenfrage. „Herr Bach meinte doch, es ginge in Ordnung, wenn ich zuerst mein Praktikum in Hamburg beende. Aber ich habe auch den Vertrag dabei…“
Ich bin mir relativ sicher, dass es sich so verhielt.
„Nein, da täuschen Sie sich! Sie sollten ab Oktober bei uns anfangen.“
Es muss sich um ein Missverständnis handeln. Fragt sich bloß, für wen. Verunsichert krame ich den Vertrag hervor. Hoffentlich ist der Fehler nicht auf meinem Mist gewachsen - das wäre mir verdammt unangenehm und alles andere als ein gelungener Start.
„…absolviert ein Praktikum vom 01. November 2006 bis 31. Januar 2007.“
Schwarz auf weiß. Erleichtert zeige ich Frau Horst die Seite mit den Daten.
„Hm, das verstehe ich nicht. Egal!“ Blitzartig schlägt ihr schroffer Ton um. „Übrigens - wir duzen uns alle nach amerikanischem Vorbild. Wir sind eine große Familie. Ich bin Francesca.“
„Ok - Heidi!“
„Schön! Komm, ich zeig dir mein Büro!“
Francescas Arbeitsplatz erreichen wir innerhalb weniger Schritte. Graue Eintönigkeit und fehlende Bilder setzen sich fort. Ein veralteter Kalender mit Steinmotiven ziert kahle Wände, zwei vertrocknete Topfpflanzen die Fensterbank. Unzählige Aktenordner schmücken graue Regale, weitere pflastern den dunkelblauen Teppichboden. Kreuz und quer verteilt, sodass man Acht geben muss, nicht zu stolpern. Dem Chaos entgegen wirken zwei aufgeräumte Schreibtische, wobei die Anzahl flüchtiges Stutzen erwirkt. Ich nahm an, Abteilungsleiter besäßen das Privileg eines Einzelbüros.
„Darf ich dir unsere neue Praktikantin vorstellen!“, erhebt meine Vorgesetzte das Wort, als eine aschblonde Frau zielorientiert den Raum betritt. „Heidi kommt frisch von der Universität.“
Sich vorstellend heißt Rita mich willkommen - höflich reicht sie mir die Hand.
„Nett Sie kennen zu lernen!“, drücke ich fest zu.
„Dich!“, korrigiert Francesca eifrig. „Aber daran wirst du dich geschwind gewöhnen.“
Meine aufmerksame Chefin pickt eines der zahlreichen Hindernisse vom Boden auf, setzt sich an ihren Schreibtisch und blättert es im Eiltempo durch. Stehend schaue ich ihr über die Schultern. Jesus-Maria. Die schreiben aber ordentliche Umsätze, denke ich mit Ehrfurcht, als mir die horrenden Beträge ins Auge springen. Strebsam greift Francesca zur nächsten Barrikade, offenbar ist sie dringend auf der Suche nach einer bestimmten Rechnung.
Um mir die Wartezeit zu vertreiben, mustere ich Ritas auffälligen Kleidungsstil. Das verwaschene Batik-Top und die Glitzer-Jeans gedenken der wilden Siebziger und irgendwie reizt mich die Vorstellung, sie zeitgemäß umstylen zu dürfen. Insbesondere dieses enganliegende schwarze Samtband mit Herzanhänger am Hals ist mir ein Dorn im Auge.
„Könntest du mir wohl auf die Sprünge helfen?“, unterbricht Francesca ihre Suche nach geraumer Zeit. „In welchem Bereich solltest du dein Praktikum verrichten?“
Momente wie diese erfordern Contenance. Unverhohlen wird mir vor Augen geführt, wie weit unten ich mich in der Nahrungskette befinde.
„Im Controlling“, versuche ich dem fragenden Blick auszuweichen, keimender Frust soll Tarnung bewahren. Lieber stehe ich weiter wie bestellt und nicht abgeholt da.
„Im Controlling? Dann stehen wir vor einem gewaltigen Problem!“, verkündet meine aktive Chefin alarmierend, ehe sie den fünften Ordner mit einem Seufzer beiseite legt, um sodann hektisch ihren Schreibtisch zu durchwühlen.
„Vor welchem denn?“, hake ich beunruhigt nach.
„Allora - unter derartigen Umständen können wir dir keine Festanstellung offerieren! Wo versteckt sich nur diese diabolische Rechnung?“ Multitasking scheint Francesca kein Fremdwort zu sein. „Wenn du aber die Debitoren übernehmen würdest, gestaltet sich die Sachlage anders! Dann könnten wir sogar über eine Verkürzung in Verhandlung treten. Eventuell ein oder zwei Monate - abhängig davon, wie kompetent du deine Aufgabe meistern wirst!“
„Äh…ok…einverstanden“, antworte ich überrumpelt nach Sekunden an Bedenkzeit und begleitet von einem mulmigen Gefühl.
„Ausgezeichnet! Andrea ist ohnehin fehlbesetzt - der hellste Stern leuchtet in strahlenderen Farben! Einzig getoppt von ihrer Vorgängerin…“ Kopfschüttelnd lässt meine neue Chefin alte Erinnerungen aufleben. „Eine erschütternde Naturkatastrophe! Nicht eine Deadline war sie imstande einzuhalten…“
Francesca grinst mich ununterbrochen an, während sie mich im Detail über die kaum vorstellbare Unfähigkeit einer Person namens Doris aufklärt.
„Entschuldigung, wenn ich so direkt nachfrage“, fasse ich Mut zusammen und unterbreche meine leutselige Chefin in ihrem Redefluss, denn das Ganze klingt nicht so, als ob ich dieser Debitoren-Nummer in absehbarer Zeit entfliehen kann. „Es wäre schon wichtig für mich, irgendwann im Controlling zu arbeiten...“
Neben Unternehmensführung war das mein zweiter Studienschwerpunkt und der mutmaßlich realistischere, um Berufserfahrung zu sammeln.
„Keine Angst! Langfristig hegen wir andere Pläne mit dir!“, gelobt Francesca, derweil sie mir mütterlich die Wange tätschelt. „Alles zu seiner Zeit! Die Buchhaltung dient schlichtweg als Einstieg, nach und nach wirst du erste Controlling-Aufgaben übernehmen...“
Nickend signalisiere ich abermals mein vermeintliches Einverständnis.
„Schön!“ Beschwingt springt das quirlige Energiebündel vom Stuhl hoch. „Dann fahre ich dich nun umher, bevor mich diese mühselige Sucherei des Verstandes beraubt!“
Fieberhaft durchforstet Francesca ihre rote Furla-Tasche, indes ich ein geeignetes Transportmittel ersinne. Ein Auto? Hm, viel zu breit für die schmalen Flure. Ein Motorrad? Bei dem Lärm könnte ja niemand mehr arbeiten! Vielleicht ein Fahrrad? Nur wo soll ich sitzen? Auf dem Gepäckträger? Nein, ich kann mir nicht vorstellen, dass mir gleich am ersten Tag derart bittere Entehrung droht. Das ist viel zu unbequem, auch Grundhörige haben Grundrechte. Oder nicht?
„Kommst du?“, holt meine neue Chefin mich in die Realität zurück, ehe es mir wie Schuppen von den Augen fällt! Ein Tandem!
Triumphierend hält Francesca den aufgespürten Lippenstift in der Hand und legt eine Schicht auf. Gegen einen Adonis zum Anhimmeln hätte ich nichts einzuwenden.
Zunächst radeln wir zurück in den Glaskasten, in dem inzwischen ein zweites Mädchen anwesend ist. Derselbe Typ Frau wie Ludmilla - attraktiv, aufreizend verpackt und blutjung. Neuerlich erwacht die schlummernde Stylistin, und mit Blick auf die Make-up Ränder am Hals sowie den fingerbreiten Lidstrich, ingleichen die Visagistin. Bislang konnte ich jene Passionen exklusiv privat ausleben, selbstredend stets von Erfolg gekrönt - mit Ausnahme eines Smokey Eyes Desasters bei meiner offenherzigen Freundin Isabel, das aber nicht zählt. Da hatte ich zwei Maß Bier intus.
„Ihr kennt euch ja bereits - Ludmilla durchläuft eine Ausbildung zur Bürokauffrau“, verschafft Francesca mir einen Überblick der Personalien. „Und unsere reizende Jana ist die Sekretärin von Karl und Erich.“
Ergrimmt verzieht Jana ihr Gesicht. Erstaunlicherweise werden weder Mimik noch Schönheit durch die dicke Schminkschicht beeinträchtigt.
„Assistentin - Francesca. Nicht Sekretärin.“
Die Umbenennung verbessert die Sache merkbar. Termine koordinieren, Reisen buchen, Taxen rufen. Oder gar Kaffeeversorgung. Nur mit Milch. Und einer Prise Zucker. Gehört solch schmähliche Denunzierung nicht längst verboten im einundzwanzigsten Jahrhundert? Analog zum Empfangsmetier vornehmlich weiblich besetzt, fühlt die emphatische Emanze mit meiner leidtragenden Kollegin. Francesca straft Jana mit Ignoranz, der Praktikantin währenddes schenkt sie Aufmerksamkeit.
„Karl hast du ja im Vorstellungsgespräch kennen gelernt“, erläutert sie. „Erich werde ich dir beizeiten vorstellen; vorausgesetzt, der Herr wird sich dazu herablassen können, ein wenig seiner kostbaren Zeit zu opfern…“
„Er hat eben ne Menge Arbeit auf dem Tisch…so was soll`s geben…“
„So zu tun als sei man schwer beschäftigt, diese Kunst sollte dir bestens vertraut sein!“, verteilt Francesca Nase rümpfend eine Spitze, ehe sie wiederum mich fokussiert. „Glaub mir - der Graf von und zu hält sich für was Besseres! Erst seit kurzem dabei und weiß schon alles!“
„Wenn er von nichts ne Ahnung hätte, hätten sie ihn wohl kaum eingestellt…“, wird der unbeliebte Adel mit Inbrunst verteidigt. „Erst recht nicht als Finanzvorstand!“
„Ach - papperlapapp! Ein Luftikus ist er!“ Francesca redet sich warm. „Ich wäre für seine Position prädestiniert gewesen, aber personelle Fehlentscheidungen stehen ja hier an der Tagesordnung. Wenn ich nur an diesen Primitivling Gerd denke - der wäre fantastisch auf einer Baustelle aufgehoben! Oder die nutzlose Larissa - die würde ich nicht einmal eine Putzkolonne leiten lassen! Aber spätestens wenn Karl in Rente geht, werde ich auf der Karriereleiter eine Stufe nach oben klettern…“
Meine neue Chefin spricht in einer Lautstärke, die jeden, nicht allzu weit entfernt, Wort für Wort mithören lässt. Beschleicht sie keine Angst, dass einer der freimütig bekundeten Feindbilder überraschend auftauchen könnte? Offensichtlich nicht. Ebenso offensichtlich sind ihr ungebremster Ehrgeiz sowie das Drangsal, dass ihr die Existenz des neuen Finanzvorstandes, den man ihr ungefragt vor die Nase gesetzt hat, missfällt. Und dass sie und Jana nicht die besten Freundinnen sind.
Nachdem der Tratsch ein Ende fand, radeln wir in das nächste Büro, welches sich zwischen dem Glaskasten und Francescas Terrain befindet.
„Das ist meine Kreditoren-Abteilung. Wir arbeiten sehr eng zusammen“, erklärt meine fidele Chefin stolz. „Chiara, Kerstin und Natalja.“
Viele neue Namen und Gesichter auf einmal, alle geschätzt Anfang bis Mitte dreißig. Die schöne Chiara trägt ihr pechschwarzes Haar zu einem Bob und hat eine beneidenswerte Figur, grazil in Szene gesetzt von einer leicht transparenten Bluse. Italienerinnen beweisen ein geschicktes Händchen für Mode. Kerstin, anders ähnlich wie Rita, ein ungeschicktes. Formlose Schnitte, kein Make-up und brünettes Haar mit ersten grauen Strähnen lassen sie unscheinbar wirken. Im Geiste sprühen Ideen wie funkelnde Blitze eines lichterhellen Feuerwerks. Eine Karamell-Tönung. Den Hauch von Rouge und Lippenstift in Koralle. Ein knalliger Schal mit Punkten. Schwarze Lack-Pumps. Natalja hingegen stellt keine potenzielle Kundin dar. Ihr Markenzeichen ist ein frecher hellblonder Pixi-Schnitt, der ihre feinen Gesichtszüge ausdrucksstark betont.
Nach gegenseitiger Bekanntmachung treten wir wieder in die Pedalen und Francesca lenkt uns in ein weiteres Büro, in dem unvorhergesehen Männer zugegen sind. Zwei an der Zahl und bei einem könnte ich erwägen, meine Lippen in vorteilhaftes Licht zu rücken. Nicht für den zwei Meter großen Michael, dem zehn Kilo mehr schmeicheln würden. Wenn, dann für Oliver. Dem rötlichen Haar zum Trotz besitzt er etwas, an dem es häufig mangelt. Ausstrahlung. Freilich ist aber auch in diesem Büro ein Frauenanteil existent, wir befinden uns schließlich in der Buchhaltung. Caroline - blond, schlank und intensiv gebräunt. Ihre Lederhaut lässt nur bedingt Rückschlüsse auf ihr Alter zu; dafür erfahre ich, dass sie gerne Caro genannt werden möchte.
„Allora, nun zeige ich dir dein zukünftiges Büro.“
Endlich - ich bin gespannt. Direkt gegenüber dem Männer-Büro steigen wir ab.
Mein Büro besteht aus der üblichen Einrichtung an Schreibtischen, Computern und offenen Aktenschränken. Lassen die Reinigungskräfte es außen vor?
Obzwar mit Abstand am winzigsten, belegen zentimeterbreite Staubdecken das graue Inventar. Bilder und Pflanzen sucht man ferner vergeblich und die Fenster offenbaren einen sensationellen Blick auf den trostlosen Innenhof. Das Kollegium, mit Ausnahme des Glaskastens, genießt die Aussicht auf ein Gebäude aus König Gottfrieds Zeiten - idyllisch eingebettet in den angrenzenden Wald. Heute scheint mein Glückstag zu sein.
Alle drei Arbeitsplätze sind besetzt. Zerstreut frage ich mich, wo ich sitzen werde und hoffe inständig nicht durchgängig auf einem Tandemsattel. Francesca lässt sich von der gespiegelten Verwirrung meiner Augen keineswegs aus dem Konzept bringen.
„Hallo ihr Lieben! Ich möchte euch mit einer neuen Kollegin bekannt machen. Heidi wird bei uns ein Praktikum in der Debitorenbuchhaltung absolvieren mit der Option, übernommen zu werden.“
Begeisterung sieht anders aus - das freundliche Lächeln wirkt gezwungen.
Meine souveräne Chefin entsagt sich Beirrens kontinuierlich, energiegeladen stellt sie mir die Belegschaft vor. Der junge Student Rüdiger sammelt erste Praxiserfahrungen und Kraftikus Martin bucht die Banken. Zu guter Letzt lerne ich die aktuelle Besetzung der Debitorenbuchhaltung kennen.
„Andrea - du wirst entlastet!“, verkündet Francesca euphorisch.
„Ähm!“, stutzt diese perplex. „Dass ich das noch erleben darf…“
„Du erledigst seit Wochen zwei Jobs - damit ist ab heute Schluss!“, zeigt sich unsere gemeinsame Vorgesetzte mitfühlend. „Ein derart unhaltbarer Zustand kann nicht ewig aufrechterhalten werden.“
„Na, das ist ja Spitzenklasse!“ Die deutlich erkennbare Ironie ist irgendwie belustigend. „Und wo soll sie bitteschön sitzen?“
Für den berechtigten Einwand wird rasch eine Lösung gefunden. Francesca verweist den scheuen Studenten unsanft des Büros - hinüber zu den Kreditoren.
Abschließend wendet sie sich Mut sprechend mir zu.
„Bei unserer gewitzten Andrea bist du in besten Händen. Sie wird dir alles erklären und dich in jeglicher Hinsicht unterstützen.“ Geschwind verabschiedet sich meine lebhafte Chefin. „Viel Erfolg!“
Hier werde ich also die nächste Zeit verbringen.
Mein Arbeitsplatz befindet sich vor Kopf, sodass ich mit dem Rücken zur Tür sitze. Seitlich von mir hantieren meine neuen Kollegen, mit denen ich von nun an ein Büro teilen werde - Martin zur Linken und Andrea zur Rechten. Die Outfits der beiden nehmen einer Sorge endgültig den Wind aus den Segeln, fürs Fitnessstudio bräuchten sie keinen Kleidungswechsel vornehmen.
Wie in den anderen Büros läuft im Hintergrund leise das Radio, was mir zusagt. Musik ist inspirierend und hebt die Stimmung. Sollte Andrea ähnlich empfänglich sein, bedarf es akut einer Endlosschleife ihres Lieblingsliedes.
„Echt stark, wie solche Sachen hier ablaufen!“, versteckt meine sportliche Kollegin ihren Groll nicht. Lautstark lässt sie über die informalen Umstrukturierungen Dampf ab. „Warum sollte man mich auch darüber informieren, dass jemand meine Dummheit ablöst? Die Art und Weise regt mich derbe auf, die Olle platzt hierein und stellt mich vor vollendete Tatsachen. Das ist mal wieder so typisch.“
Wortlos nehme ich das zur Kenntnis.
„Ganz großes Kino auch ihre Erleuchtung! Pah - zwei Jobs sind einer zu viel? Unglaublich, dass Francesca Horst das in diesem Leben nochmal bemerkt hat…“, macht sie ungebremst ihrem Ärger Luft.
„Jetzt freu dich doch lieber mal, dass du Unterstützung bekommst“, versucht der muskulöse Martin, sie zu besänftigen.
„Unterstützung? Sehr witzig! Zuerst muss ich sie einarbeiten - finde den Fehler! Außerdem sind wir mitten im Abschluss, da habe ich erst recht null Zeit, geschweige denn Muße. Und der ganze Urlaubskrempel ist auch liegen geblieben…“ Genervt verdreht meine gestresste Vorarbeiterin die Augen. „Na ja, ich habe zwar noch keinen blassen Schimmer wie, aber irgendwie werde ich das Kind mit ihr schon schaukeln.“
Anscheinend bin ich gut beraten, mich schnellstmöglich daran zu gewöhnen, dass ungeachtet meiner körperlichen Anwesenheit bevorzugt in der dritten Person von mir gesprochen wird. Jäher als gedacht bereitet Andrea dem ein Ende.
„Was gebe ich dir denn jetzt?“
Minuten an reiflicher Überlegung steigern die Spannung.
„Ach, du könntest den Stapel Ablage wegsortieren.“
„Klar, kein Problem“, entgegne ich wohlgesonnen.
So fühle ich mich wenigstens wie eine richtige Praktikantin.
Die erste Mittagspause naht. Francesca sammelte ihre Mitarbeiter der Bürofolge nach ein und bis auf Sonnenbank-Caro, Reh-Rüdiger und Rotschopf Oliver treten wir sie vollzählig an. Laut meiner sportlichen Vorarbeiterin bleibt das Trio aus freien Stücken fern, die Begleitung der Xanthippen dagegen wird seitens Francescas nicht erwünscht. Jana und Ludmilla seien kein adäquater Umgang. Nicht nur meine neue Chefin ist dem Tratsch zugeneigt.
Gemeinschaftlich überqueren wir den heruntergekommenen Innenhof und zu meiner Freude bietet das Ziel Kontrastprogramm. Die Kantine lässt denselben Architekten der Verwaltung vermuten, seine Handschrift - eine unleugbare Vorliebe für Glas - wurde bis zum Äußersten ausgeschöpft. Lichtdurchflutung aus allen Himmelsrichtungen schafft Offenheit und Atmosphäre.
Hinsichtlich des leiblichen Wohls besteht die Wahl zwischen einer reich bestückten Salattheke und drei Tagesgerichten. Angeboten wird Fleisch oder Fisch mit diversen Beilagen, nach Belieben variierbar. Das dritte Gericht ist vegetarisch. Bei diesem scheint der Koch seiner Kreativität freien Lauf zu lassen, zur Auswahl steht Heu-Suppe.
Daheim erfinde ich bisweilen ähnlich wilde Eigenkreationen - meine Spezialität ist ein Kalbsschnitzel in Parmesanpanade, belegt mit Kapern und Sardellen. Die Kombination mag sich ungenießbar anhören, ist aber saulecker. Ich glaube, ich wäre nicht gänzlich ungeeignet für den reizvollen Beruf des Kochs.
Noch immer fasziniert mich dieser moderne Neubau. Selbst der Boden, welcher das Erdgeschoss von der ersten Etage trennt, besteht aus dickem Glas. Da hat sich jemand augenscheinlich Gedanken gemacht. Bei schlechtem Wetter kann man die verantwortliche Person am nächsten Tage gepflegt zur Rede stellen, vorausgesetzt man hat sich gemerkt, wer seinen Teller nicht leer aß.
Architekt zu sein, könnte mir ebenfalls gefallen. Man erschafft Raum zum Leben und darf kreativ Ideen ausschlachten. Hätte ich wohl genug Talent dazu? Worin genau liegen eigentlich meine ausbaufähigsten Begabungen? Würde mein Modegespür für eine Stylisten-Laufbahn reichen? Meine Schminkkünste, um im Beruf der Visagistin Erfolg zu finden? Experimentelle Qualitäten als Koch, um ein Restaurant zu füllen?
Was zum Teufel ist nur los mit mir? Wenngleich meine Oscar-Rede seit dem zwölften Lebensjahr steht, sollte ich nicht im Ansatz über andere Berufe sinnieren, denn heute ist der erste Tag bei der Firma, welcher ich voraussichtlich die nächsten zehn Jahre als Controllerin dienlich sein werde. Mindestens. In absehbarer Zeit. Wenn alles gut läuft. Eine Sonnenblume muss geflissentlich wachsen und gedeihen, ehe sie in voller Pracht erblühen kann. Und bis dahin lerne ich wichtige Grundlagen in der Buchhaltung.
„Hast du schon eine Wahl getroffen?“, erfragt meine neue Chefin neugierig, während ich versuche mich zu entscheiden, was mir bei der Auswahl von Essen stets schwer fällt. Bei der von Männern übrigens auch, aber das ist ein anderes Thema.
„Hm, entweder die Lasagne oder den Zander in Sahnesoße.“
Die Heu-Suppe ist raus, der innovative Koch möge mir die mangelnde Versuchsbereitschaft verzeihen. Ich gelobe Besserung.
„Du musst unbedingt die Lasagne austesten“, rät Francesca mir überzeugend. „Sie ist ein Gedicht - ich könnte mir die Finger nach ihr aufessen!“
Unbemerkt schleicht sich ein Lächeln auf mein Gesicht und hin und her gerissen überlege ich, den lustigen Versprecher meiner temperamentvollen Chefin zu korrigieren.
Einen Freund von mir verschlug es im Alter von sechzehn Jahren aus dem sonnigen Los Angeles ins nasskalte Deutschland - seinem Vater hatte sich eine lukrative Möglichkeit als Arzt ergeben - und unsere allererste Begegnung ist mir bildhaft als gleich herzerwärmend in Erinnerung. Amors Pfeil traf zielsicher mein junges unschuldiges Teenagerherz, als mich Joshua Galloway mit seinem schönsten Zahnpastalächeln angrinste, um recht unbeholfen den Weg zum Lehrerzimmer zu erfragen.
Da mein feiges Gemüt nicht wagte sehnsuchtsstillende Hilfeleistung einzufordern, versuchte ich es mit fachlicher. Anfangs zierte sich der lockige Sonnyboy, Amerikaner sind ein höfliches Völkchen. Sobald er jedoch betrunken war, machte es ihm nichts mehr aus, sämtliche meiner Verbrechen an der anglistischen Sprache nachträglich zu berichtigen, die er sich mit Liebe zum Detail eingespeichert hatte. Auf einer Party unseres gemeinsamen Freundes Max lief mein aufmerksamer Lehrmeister zu Höchstform auf, folglich unterbreitete ich ihm noch am selben Abend den Vorschlag eines stabilen Alkoholkonsums.
Eines Tages taten wir es. Morgens um elf. Es war ekelhaft. Aber zugleich über alle Maßen witzig. Frau Müller war kurz davor uns des Unterrichts zu verweisen. Joshua fand es lustig, mein Lineal zu beschlagnahmen und mich wiederholt damit zu piksen. Nach der Stunde fasste ich den festen Entschluss, ihm niemals wieder Sambuca zu geben. Lange Rede, kurzer Sinn: Ich war damals sehr froh über die Hilfe meines heimlichen Schwarms, denn so konnte ich mein Englisch wesentlich verbessern. Ob Francesca ähnlich dankbar wäre?
„Danke für den Tipp!“, beschließe ich, das nicht am heutigen Tage zu ergründen und gebe meine Bestellung auf. „Einmal die Lasagne bitte!“
„Guten Appetit zusammen“, wünscht uns Natalja, nachdem wir Platz genommen haben.
Die absolute Mehrheit entschied sich für die italienische Delikatesse, stellte ich erfreut fest, als ich die Teller begutachte. Mit Zuversicht probiere ich das erste Stück.
„Die Hausfrauen waren gestern diabolisch in Hochform“, lenkt meine muntere Chefin das Augenmerk der hungrigen Neu-Kollegen auf eine bekannte Serie. „Zum Glück hatte ich es endlich einmal geschafft, mich rechtzeitig von der Arbeit loszueisen.“
Sicher meint Francesca ihre Hausarbeit - die Ausstrahlung startet um viertel nach neun.
Schaut sonst niemand die unterhaltsame Serie? Einzig Rita und Michael bemühen sich, sparsam dosiert, dem Gespräch beizuwohnen, obgleich hinreichend Potenzial vorhanden scheint. In der Wisteria Lane wird selbst vor rachegesteuerten Mord nicht zurückgeschreckt.
Merkwürdige Schwingungen liegen in der Luft. Kontinuierliches Schweigen wechselt sich ab mit verräterischen Blicken. Blicke, welche Ludmillas morgendliche Andeutungen in Bezug auf Francescas Person untermauern. Sie scheint wahrlich nicht besonders beliebt zu sein, dabei macht sie doch einen netten Eindruck. Vielleicht ein wenig geschwätzig und impulsiv, aber ansonsten sympathisch. Vermutlich hat das einsilbige Kollegium nur einen schlechten Tag erwischt, die nächste Pause verläuft bestimmt redseliger.
Francescas Empfehlung bewahrheitete sich, die Lasagne war ein Gedicht. Meine Finger habe ich allerdings nicht aufgegessen, schließlich brauche ich jene noch, um den Rest des angebrochenen Nachmittages weiterhin Rechnungen in Ordner einsortieren zu können. So gesehen sind die Hände eines Praktikanten vergleichbar mit den Beinen eines Fußballers; unentbehrlich zur erfolgreichen Ausübung des Berufes. Mit Ausnahme von Kalle Riedle.
Da Ablagesortierung den Vorteil zwanglos konzentrierter Gehirnleistung birgt, bleibt Raum, um über die ereignisreichen Vorkommnisse des heutigen Tages nachzudenken. Fassen wir mal kurz zusammen.
Der Anblick meines Antlitzes überraschte, denn Francesca hatte eher mit mir gerechnet. Nicht zwei oder drei Tage. Nein, einen ganzen Monat. Weshalb rief man mich eigentlich nicht an und fragte, wo ich bleibe? Der Praktikantenstatus kennt offenbar keine Grenze nach unten. Ich sollte froh sein, dieselbe Luft atmen zu dürfen wie meine festeingestellten Mitmenschen - damit wird mir Ehre genug zuteil.
Im nächsten Schritt verkündete die speziöse Feuernudel, dass der vereinbarte Einsatz nur mit Abstrichen realisierbar ist. Aufgrund diffuser Personalplanung werde ich fortan die Debitoren bearbeiten und jene Wahl, von der sie in diesem Zusammenhang sprach, erschließt sich mir eisern nicht. Der Trumpf des längeren Hebels wurde gekonnt ausgespielt.
Ein wenig gereizt frage ich mich, welchem Zeitpunkt die geistreiche Idee jener Berufung entwuchs? Etwa schon im Vorstellungsgespräch? Falls ja, wieso erfolgte kein Hinweis auf die klitzekleine Planänderung?
In Anbetracht gegebener Umstände wurde mir jegliche Entscheidungsfreiheit geraubt. Weder konnte ich mich auf die neue Aufgabe vorbereiten, noch ist die Option einer Übernahme in Hamburg länger gegenwärtig.
Mangelnde Kommunikation zieht sich wie ein roter Faden durch sämtliche Ereignisse. Wieso wurde Andrea nicht darüber informiert, dass jemand Neues eines ihrer vermeintlich arbeitsintensiven Aufgabengebiete übernehmen soll?
Wehmütig denke ich an mein Praktikum im kühlen Norden zurück.
Bedient man sich zum Zwecke der Umschreibung eines kulinarischen Bildnisses, so mundete es delikat wie Crème Brulée. Die Begrüßung des ersten Tages erquickte ein opulenter Blumenstrauß in stilvoll eingerichteten Räumlichkeiten. Flache Hierarchien erstickten Spannungen im Keim und dank gereifter Excel-Kniffe mauserte ich zügig zum Liebling des Chefs, eingefleischte Borussia-Sympathie spielte mir unterstützend in die Karten. Herzchen Anni versüßte dehnbare Pausen mitsamt einem vorzüglichen Latte Macchiato und ein gründlicher Blick in Janniks Augen rettete Tage, an denen wir einer neuen Kapsellieferung entgegen sehnten.
Von all dem bin ich hier meilenweit entfernt. Varlo schmeckt nach dem ersten Bissen wie Wackelpudding. Olivers Augen glänzen nicht halb so verlockend wie die azurblauen Seen meines norwegischen Ex-Kollegen, mein Büro gleicht einer Rumpelkammer und Kaffee habe ich bislang nicht einmal angeboten bekommen.
Irgendwie beschleicht mich ein unwohles Gefühl. Nicht zwingend wegen des verstaubten Büros oder fehlenden Heißgetränkes, welches mir gewiss spätestens morgen offeriert wird. Auch das eingeschränkte Adonis-Potenzial ist zugegebenermaßen kein Weltuntergang.
Innerlich höre und sehe ich meine Mutter erhobenen Zeigefingers schimpfen, demnach fort mit der Schwarzmalerei und her mit den positiven Aspekten. Wenn ich mich nicht allzu dumm anstelle, wird mein Praktikum verkürzt. Heidi Hagenbert erhält die lang ersehnte Festanstellung und somit desgleichen Louboutins! Auf lange Sicht schmiedet die Chefetage gänzlich andere Pläne mit ihrer klugen Akademiker-Person und schon bald darf sie erste Controlling-Aufgaben übernehmen. Das Gedeihen einer Sonnenblume erfordert bekanntlich Zeit und die winterliche Jahreszeit bietet ohnehin keine optimalen Rahmenbedingungen.
Sorgfältig sortiere ich Rechnung um Rechnung, doch angesichts der Einfältigkeit dauert es nicht lange, bis mich erneut ein leiser Anflug von Resignation übermannt. Werde ich jemals Geduld erlernen? Und wer sagt überhaupt, dass Arbeit Spaß machen soll?
Am gestrigen Abend fanden meine Bedenken Gehör und erfreulicherweise wurden sie mit beruhigenden Worten abgeschwächt. Valeska meinte, anstelle vorschneller Schlüsse solle ich eine Tasse Tee ziehen lassen. Es sei nichts Ungewöhnliches, dass eine Chefin sich keiner großen Beliebtheit erfreut. Das könne genauso gut an den Mitarbeitern liegen. Sophie vertrat eine ähnliche Ansicht - Vorurteile seien gefährliche Ratgeber. Die Stellung verdiene eine Chance, unter Umständen bereite sie gar Vergnügen.
Es schlug weit nach Mitternacht, ehe ich Schlaf fand. Im heutigen Morgengrauen unterband ich das Klingeln meines verlässlichen Freundes gewissenlos, ohne im Anschluss aufzustehen. Abseits der interessanten Vorlieben, die Isabels aktueller Liebhaber bevorzugt, teilen sich mein kuschelig warmes Bett sowie das Gruselwetter die restliche Teilschuld.
Die Strafen der modernen Sklaverei sind mir nicht vertraut und so kann ich nur mutmaßen, welch Henker auf mich wartet, dafür dass ich der Varlo AG meine Frondienste an diesem verregneten Freitagmorgen erst ab halb zehn zur Verfügung stellen kann. Hoffentlich werde ich nicht ausgepeitscht.
„Guten Morgen!“, werde ich lautstark begrüßt, als ich bemüht unerschrocken mein Büro betrete. Chiaras Organ weckt tote Tanten, was doch eigentlich die Aufgabe des Kaffees wäre - liegt darin die Ursache der Abstinenz begründet?
„Habe ich was verpasst?“, stutze ich überrascht, denn merkwürdigerweise sitzen gleich vier Leute in meinem Büro.
„Hier wird gespart, wo es nur möglich ist!“, zwinkert Chiara vielsagend. Nebst der einprägsamen Stimme kommt ihre Figur wiederum neidvoll zur Geltung, diesmal durch ein enganliegendes Strickkleid. „Da müssen sich schon mal fünf Leute ein Büro teilen.“
„Haha! Bitte nicht solche Scherze am frühen Morgen.“
Ich kann mich sehr wohl daran entsinnen, dass meine stilsichere Kollegin ihren Platz bei den Kreditoren hat und der riesige Michael im gegenüberliegenden Männer-Büro.
„Inspektor Gadget zeigt Andrea die Anlagenbuchhaltung und Iron Man unterweist meine dämliche Wenigkeit in das unsagbare Reich der Banken“, lässt Chiara mich mit Humor gespickt nicht länger im Unklaren.
„Ihr wechselt aber häufig eure Aufgaben“, stelle ich verwundert fest. Sollten meine Chancen fürs Controlling günstiger stehen als angenommen?
„Und was machst du dann demnächst?“, erkundige ich mich interessiert bei Iron Man.
Nachher schnappt er mir die Beute noch vor der Nase weg.
„Ich?“ Martin mustert mich prüfend - als überlege er, wie vertrauenswürdig ich bin. Gemächlich formt sich ein Lächeln auf seinem markanten Gesicht. „Ich arbeite zum Glück bald ganz woanders! Hauptsache weit weg von dem Puff hier!“
„Oh, das wusste ich nicht!“
Ebenso wenig war mir bekannt, in einem Bordell zu arbeiten. Dann hätte ich mindest den Schlüpfer passend zum BH ausgewählt.
„Wie kam es denn dazu?“ Solche Neuigkeiten machen neugierig und nur den Fragenden kann geholfen werden. „Hast du gekündigt? Oder…?“
Die Aufklärung steht in der Warteschleife.
„Wenn du keine Lust hast, mir das zu erklären, kannste es auch sein lassen!“ Wutentbrannt schmeißt Andrea einen Stapel Blätter zu Boden.
„Langsam reicht es mir!“ Michael scheint nicht weniger aufgebracht.
Was ist passiert? Aus dem Nichts ertönt ein donnerndes Wortgefecht, dabei saßen die zwei bis vor einer Minute friedlich nebeneinander.
„Seit sieben in der Früh hocke ich jetzt neben dir! Wenn du es dann beim fünften Mal immer noch nicht raffst, ist das nicht mein Bier. Irgendwann ist mal Schluss mit Einarbeitung!“
„Entschuldige - wovon redest du da bitteschön?“ Verständnislos schüttelt meine angegriffene Vorarbeiterin den Kopf. „Meinst du den Schnelldurchlauf letzte Woche? Vier Stunden? Verstehst du das etwa unter einer ordentlichen Einarbeitung? Ach - ich vergaß, plus die zwei von heute. Äußerst spendabel…“
„Du hast sie ja nicht mehr alle!“ Inspektor Gadget wirkt wie eine tickende Bombe, die jede Sekunde hochgeht. „Ich hab mir voll viel Mühe gegeben, dir alles zu erklären!“
„Pah, dass ich nicht lache! Wie ein Köter muss ich um Hilfe betteln...“
„Weil ich selbst genug zu tun hab!“ Wütend stemmt er die Hände in schmale Hüften. „Trotzdem beantworte ich jede einzelne deiner dämlichen Fragen.“
„Ha - jetzt gibst du`s sogar zu! Von dir aus rückst du nur mit dem Nötigsten raus und sobald ich mal nachfrage, stellste mich gleich als doof hin. Im Grunde ist es dir nämlich scheiß egal, ob ich klar komme oder nicht - Kollegenschwein nennt man so was…“
„Ja sicherlich! Hast du mal darüber nachgedacht, auf wen es zurückfällt, wenn du deine Böcke schießt? Wer darf denn dann den Tölpel spielen, der es dir nicht richtig beigebracht hat?“
„Das ist auch deine einzige Sorge. Weißt du was?“ Die Stimme meiner sportiven Kollegin wird zunehmend zittriger. „Ich scheiß auf deine ach so tolle Hilfe!“
„So was muss ich mir nun wirklich nicht sagen lassen!“
Verärgert stürmt Michael aus dem Büro. Andrea starrt geistesabwesend auf ihren Computer. Eben noch Geschrei, erfüllt nun beklemmendes Schweigen den Raum. So lange, bis eine Person redliche Tränen nicht länger zurückhalten kann.
„Der spinnt echt!“, entrüstet sich meine aufgelöste Kollegin. „Er lässt mich einfach hängen. Wie soll ich das denn nur alles alleine schaffen?“
Diese Frage bleibt desgleichen unbeantwortet wie die Umstände von Martins Ausscheiden. Sekunden später ist Andreas im wahrsten Sinne des Wortes riesiges Problem wieder da. Entschlossenen Schrittes und in weiblicher Begleitung.
„Wieso nimmst du Michaels Hilfe nicht an?“, fordert Francesca mit düsterer Miene eine Stellungnahme. „Dein Eifer lässt wahrlich zu wünschen übrig.“
„Pah, das ist jawohl eine Unverschämtheit…“
„So? Dann erläutere mir die Problematik aus deiner Sicht!“
„Weshalb? Frag doch deinen Michael. Dem glaubst du ja sowieso mehr…“ Kämpferisch ringt meine sichtlich überlastete Vorarbeiterin um Fassung. „So langsam habe ich echt keinen Bock mehr! Ich sollte mal anfangen an mich und meine Nerven zu denken!“
„Mamma Mia! In dir steckt ja eine richtige Dramaqueen!“ Wild und emotionsgeladen fuchtelt Francesca mit ringgeschmückten Fingern umher, ehe sie als neutrale Schlichterin waltet. „Jetzt beruhige dich! Wir werden diese Angelegenheit sachlich und vernünftig regeln.“
„Mit der Irren ein Ding der Unmöglichkeit!“ Genervt verdreht Michael die Augen.
„Du gehörst doch in eine Zwangsjacke...“, verteidigt sich die Angeklagte schlagfertig.
Es geht hin und her. In aller Gründlichkeit werden Michaels mehr oder weniger gelungene Einarbeitungsversuche ausdiskutiert. Sachlich ist was anderes. Vernünftig ebenfalls. Mehrfach bedient sich das streitlustige Trio einer persönlichen Spitze und Andrea versucht mittlerweile nicht länger, ihre Tränen zu unterdrücken. Niemand tröstet sie. Am liebsten würde ich sie in den Arm nehmen.
„Die ist total bescheuert! Mit der kann man einfach nicht zusammenarbeiten!“ Bestätigung suchend richtet Michael seinen Blick auf unsere gemeinsame Chefin.
„Du bist das Problem! Deine ganze Person ist ein einziges Problem!“, lässt die Bescheuerte das nicht auf sich sitzen. „Echt erbärmlich, wie du alles drehst!“
„Schluss jetzt - das führt zu nichts!“, spricht Francesca erzürnt ein Machtwort. „Wir klären das, wenn sich die Gemüter allseits beruhigt haben. Insbesondere Andreas!“
„Is klar…“, murmelt meine sportliche Kollegin verhalten.
„Jedes Mal drückst du alsbald auf die Tränendrüse.“ Stillschweigend nimmt Andrea die Zurechtweisung hin. „Damit löscht du keine Probleme!“
Die Feuerwehr brauchen wir jedenfalls nicht zu rufen - wie auf Kommando stoppen die Tränen. Erneut erwäge ich, meine temperamentvolle Chefin auf den unterhaltsamen Versprecher hinzuweisen, entscheide mich jedoch abermals dagegen, als ich in ihr erbostes Gesicht blicke. Ein anderes Mal vielleicht.
„Allora! Und nun begeben wir uns alle wieder an die Arbeit!“, beansprucht Francesca das letzte Wort.
Fluchtartig verlässt sie das Büro. Michael trottet hinterher.
Guten Morgen Tag zwei! Herzlich willkommen zurück im Ruhrpott bei der Varlo AG! Puff. Irre. Kollegenschwein. Zwangsjacke. Bescheuert. Erbärmlich. Ich muss mich verhört haben. Und ich muss mein Bildnis revidieren. Kein Wackelpudding. Schimmliger, abgelaufener Joghurt trifft es hundertmal besser. Von hilfsbereiten Kollegen, die ein angenehmes Arbeitsklima schaffen, hat das hier relativ wenig.
„Was für ein Hosenscheißer!“, findet zurückgehaltene Empörung Ausspruch, sobald die Tür zufällt. „Ich fasse es nicht! Rennt gleich zu Mami und petzt!“
„Die Alte und ihr kleiner Schoßhund sind keine Träne wert!“, überreicht Chiara samt tröstender Worte ein Taschentuch.
„Lange halte ich das nicht mehr aus!“, schluchzt unsere aufgewühlte Kollegin hemmungslos. „Sie hasst mich schon wie Doris!“
„Doris?“, frage ich wissbegierig, derweil Andrea dröhnend schnieft. „Wer ist das?“
„Sie hat früher die Debitoren bearbeitet“, nimmt unsere elegante Kollegin sich meiner an. „Die Alte hatte sie voll drauf - bei jedem kleinen Fehler ist sie derbe ausgerastet, meist ziemlich ungerechtfertigt.“
„Ah, meine dumme Vorvorgängerin!“, fällt der Groschen.
Martin berichtet mir Näheres. Detailliert erfahre ich von verschiedenen Vorfällen, die meistens in Geheule von Doris und knallenden Türen von Francesca mündeten.
„Der Drachen hat sie mit System fertig gemacht!“, legt Chiara Kanonenfutter nach, indes sich unsere angeschlagene Kollegin mühsam beruhigt. „Eines Mittags kehrte Doris nicht aus ihrer Pause zurück und einen Tag später reichte sie ihre Kündigung ein, ohne überhaupt eine neue Stelle zu haben.“
„Nur wegen Francesca?“, bringe ich Argwohn zum Ausdruck und nehme meine neue Chefin in Schutz. „Die Arme war wohl eher dem Druck nicht gewachsen. Francesca meinte, sie war eine gnadenlose Fehlbesetzung und total überfordert…“
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