Ottokar Heisenberg - Ein relativ unscharfer Typ - Mark Löschner - E-Book

Ottokar Heisenberg - Ein relativ unscharfer Typ E-Book

Mark Löschner

0,0

Beschreibung

Ottokar Heisenberg mag Albert Einstein nicht, weil der die Lichtgeschwindigkeit zum allgemeingültigen Tempolimit erklärt hat. Mit Hilfe der Quantenphysik will Ottokar dieses umgehen und erfindet zufällig aufgrund eines Vorzeichenfehlers die Zeitreise. Zusammen mit seinem Freund Tom erlebt Ottokar so haarsträubende Abenteuer an verschiedenen Orten in Raum und Zeit. Und dann ist da noch eine geheimnisvolle, schöne Frau aus der Zukunft.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 266

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Mark Löschner

Ottokar Heisenberg - Ein relativ unscharfer Typ

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Ungewollte Ankunft

Die Wohnung

Der Nachbar

Warum Tom nach Dresden umzog

Erster Arbeitstag, erstes Problem

Merkwürdigkeiten

Zweiter Arbeitstag

Der Mann auf dem Balkon

Ottokars Wohnung

Ottokar

Erklärungsversuche

Das Experiment

Die Vereinten

Die Zukunft

Die Wächter der Zeit

Zeit! Was ist schon Zeit?

Die Mondlandung

Vom Mond zur Erde

Bielefeld

Flucht

Bestandsaufnahme

Bielefeld, die Zweite

Planck

Erwischt!

Rettung

Entwischt!

Überraschender Besuch

Schluss mit Lustig

Danksagung

Impressum neobooks

Ungewollte Ankunft

Irgendwo in diesem unglaublichen Ort, den halbwegs intelligente Zweibeiner poetisch als Universum bezeichnen, kreiste ein kleiner Planet fröhlich um eine rote Sonne. Der Planet liebte die Sonne, weil sie ihn wärmte und auf einer stabilen Bahn hielt, sodass er nicht in die dunkle Einsamkeit des Weltalls verschwand. Dort war es ihm einfach zu kalt und zu einsam. Und zu dunkel. Hier, rund um die Sonne, seine so innig geliebte Sonne, hatte dieser kleine knubbelige Planet nicht nur Licht und Wärme sondern auch Gesellschaft. Da zogen in nächster Nachbarschaft weitere knubbelige Geschwister ihre Bahnen um die Sonne, die ihm in Farbe und Größe ähnlich waren und etwas weiter draußen seine großen Geschwister: riesige Gasplaneten, welche die kleineren inneren Planeten in ihre Bahnen einschlossen und sie vor diesen fiesen Asteroiden beschützten, die nichts anderes im Sinn hatten, als den kleinen unschuldigen knubbeligen Planeten weitere Knubbel zu verpassen. Der kleine fröhliche Planet mochte seine Geschwister und es gab auch nie Zank mit ihnen, obwohl er doch ein wenig neidisch auf einen von ihnen war. Er nannte ihn Ringo, denn er hatte wunderschöne Ringe, die im Sonnenlicht in einer schier endlosen Farbenpracht glitzerten. Der kleine Planet, der von seinen Geschwistern einfach nur ‚Nummer Drei‘ genannt wurde, hatte keine solche Farbenpracht. Seine Oberfläche war eigentlich dunkelgelb und schwarz gemustert, hatte aber aufgrund des Sonnenlichts eine rötliche Färbung. Damit sah er fast genauso langweilig wie seine Nachbarn aus, aber da er eh nichts daran ändern konnte, drehte er weiter fröhlich seine Kreise. Für schlechte Laune gab es ja keinen wirklichen Grund.

Auf einer seiner dunkelgelben und aufgrund des Lichtes eher dunkelroten Ebene bemerkte der Planet plötzlich etwas unerhörtes: Ein ganz kleines lokal sehr eingeschränktes Gewitter.

‚Aua‘, dachte der Planet. ‚Was war denn das? Die Gewittersaison ist doch schon lange vorbei! Mal schauen, was das wieder ist.‘

Es war eigentlich kein richtiges Gewitter sondern eher eine kugelförmige elektrische Entladung von vielleicht drei Metern Durchmesser. Sie tauchte plötzlich auf, blitzte ein paar Sekunden vor sich hin und verschwand.

‚Hm, das war jetzt aber kurz‘, dachte der Planet. ‚Ach egal, nichts passiert und ich kreise weiter fröhlich um meine Sonne. Schubidu!‘

Der Planet versuchte zu pfeifen, dann fiel ihm aber ein, dass er als Planet null Ahnung von Musik und definitiv noch weniger vom Pfeifen einer einigermaßen musikalischen Melodie hatte. Während er über das Musikproblem nachdachte, bemerkte der Planet nicht die beiden Männer, welche von der Entladung zurückgelassen wurden.

Diese beiden Männer fielen mit einem kurzen Stöhnen zu Boden und blieben auf dem Rücken liegen. Nach ein paar weiteren Stöhngeräuschen drehte sich der erste auf den Bauch und erhob sich auf Hände und Knie. Er keuchte eine Reihe von Flüchen.

„Verdammt! Was ist denn jetzt schon wieder passiert? Und warum ist das hier so heiss?“ fragte er dann.

Der zweite Mann stützte seinen Oberkörper auf die Ellenbogen. Nach einem flüchtigen Blick in alle Richtungen räusperte er sich und hustete kurz.

Mit Trübsal in der Stimme sagte er: „Ich habe keine Ahnung. Und das ist die Antwort auf beide Fragen.“

Der erste Mann hob seinen Oberkörper und schaute sich vorsichtig um. Er sah in der näheren Umgebung nichts weiter als gleißenden, dunkelroten Sand. Am Horizont nahm er dunkle Formen wahr, die für ihn wie Berge aussahen. Er schwitzte und atmete schwer.

„Na toll“, sagte er vorwurfsvoll. „Du hast uns in irgendeine Wüste teleportiert. Du und deine blöden Experimente!“

„Die sind nicht blöd“, erwiderte der andere ein wenig beleidigt. „Nur etwas überraschend im Ergebnis“, setzte er etwas leiser und mit niedergeschlagener Stimme hinzu.

Er rappelte sich auf und sah sich prüfend um.

„Als erstes müssen wir Wasser finden und dann schauen wir mal weiter“, sagte er bestimmend.

Der erste Mann stand ebenfalls auf, klopfte sich den Sand von der Kleidung und schaute auf ein kleines flaches Instrument, welches er aus seiner Hosentasche gezogen hatte.

„War ja klar!“ schimpfte er. „Kein Netz! Du hast uns bestimmt in die einzige Wüste auf diesem Planeten katapultiert, die noch nicht touristisch erschlossen ist und damit auch kein Handynetz hat.“

„Ich glaube nicht, dass wir auf diesem Planeten so etwas wie ein Handynetz finden werden“, erwiderte der andere und deutete nach oben.

Sein Gefährte folgte dem Arm mit seinen Blicken und erstarrte.

„Oh nein, die Sonne ist ja rot! Du hast uns auf einen anderen Planeten gebeamt! Wir werden sterben!“

„Scheinbar ja. Aber sterben werden wir eh, niemand lebt ewig. Zumindest gibt es hier genug Sauerstoff.“

„Woher willst du das wissen?“

„Wir leben noch und das Atmen funktioniert, oder?“

Der erste Mann zog prüfend die heisse Luft mehrfach durch den Mund ein und aus. Aufgrund der heissen und trockenen Luft musste er husten.

„Ja, okay, scheint zu stimmen“, sagte er unter Tränen und nach Atem ringend. „Und jetzt? Wie kommen wir zurück zur Erde? Hast du einen Plan?“

„In groben Zügen ja: Wasser finden, sich etwas umschauen und Kontakt zu den Eingeborenen herstellen. Vielleicht gibt es ja so etwas auf diesem Planeten.“

Etwas leiser setzte er murmelnd hinzu: „Und dabei wollte ich nur ein Kaugummi über zehn Zentimeter teleportieren.“

Die Wohnung

Irgendwo in der Galaxis, welche von halbwegs intelligenten humanoiden Zweibeinern poetisch als Milchstraße bezeichnet wurde, fand auf einem kleinen blassblauen unscheinbaren Planeten eine Wohnungsbesichtigung statt.

„Die Wohnung ist ein wirkliches Schmuckstück, ein außergewöhnlicher Glücksfall für sie. Ihre außerordentlich schöne Lage, umgeben von vielen Grünflächen, fernab der Hauptstraße und doch direkt angebunden an öffentliche Verkehrsmittel ist ein Highlight. Der Große Garten ist nur wenige Gehminuten entfernt. Geschäfte zur Deckung des täglichen Bedarfs befinden sich in unmittelbarer Nähe und die Innenstadt mit den vielfältigen Shoppingmöglichkeiten erreichen sie innerhalb weniger Minuten, ob mit öffentlichen Verkehrsmitteln, mit dem Auto oder sogar zu Fuß! Die Wohnung ist genau wie das gesamte Gebäude in einem Top-Zustand. Genau so, wie man es von einem nur wenige Jahre alten Neubau erwartet.“

„20 Jahre sind für sie wenig?“

„Wie kommen sie auf 20 Jahre?“

„Im Aufzug ist ein Typschild mit dem Baujahr angebracht und ich denke nicht, dass man einen alten Aufzug in dieses Gebäude eingebaut hat.“

„Oh, ich sehe, sie haben ein Auge für Details! Sie müssen verstehen, in einer Stadt, in der die Bausubstanz im Schnitt über 40 Jahre alt ist, kann man solch ein Gebäude schon mal als Neubau wahrnehmen. Sehen sie sich doch bitte den wunderschönen Ausblick vom großzügigen Balkon an. Ist doch herrlich, oder?“

Die Frau im Businesskostüm gab sich alle Mühe, Tom die Wohnung schmackhaft zu machen und fuhr fort:

„Zwei großzügige Zimmer, ein geschmackvoll eingerichtetes Bad und die hoch funktionelle Küche bilden ein schönes Ensemble, in welchem man sich wirklich wohlfühlen kann. Und das alles für eine mehr als angemessene Miete.“

45 Quadratmeter aufgeteilt auf Flur, Küche, Bad, einen mickrigen Balkon und noch zwei Räume ergaben im Werbe-Neusprech der Maklerin zwei großzügige Zimmer. Zumindest großzügig im Vergleich zur Küche, deren Funktionalität sich augenscheinlich darin erschöpfte, dass man durch einfaches Umdrehen auf der Stelle alle Schränke und Arbeitsplatten erreichen konnte. War die Küchentür geschlossen, konnte man als normal grosser Erwachsener noch nicht mal umfallen. Zumindest bei der Miete hatte Corinna Harttisch, wie die Maklerin hiess, nicht übertrieben. Sie lag fast zehn Prozent unter dem Stadtdurchschnitt.

„Apropos Miete“, hob Tom bedeutungsschwer zu seiner Verhandlung an. „Mit der Formulierung ‚mehr als angemessen‘ haben sie den Nagel auf den Kopf getroffen. Im wahrsten Sinne des Wortes. Ich bin bereit, noch heute den Mietvertrag zu unterschreiben, wenn die Höhe der Miete nur angemessen ist und nicht mehr als das. Sagen wir fünf Prozent weniger und ich garantiere ihnen, dass sie innerhalb von 48 Stunden ihre Provision bekommen. Natürlich auf dem bisherigen Mietpreis basierend. Das ist mehr als fair.“

„Das ist ein sehr großzügiges Angebot“, erwiderte die Maklerin mit einem Lächeln, welches freundlich sein sollte aber eher unsicher wirkte. „Allerdings müssen sie in Betracht ziehen, dass solch eine wunderschöne Wohnung in bester Lage sehr begehrt ist. Einer Minderung des Mietpreises wird mein Klient wohl nicht zustimmen.“

„Wenn diese Wohnung so begehrt ist, warum steht sie dann seit drei Jahren leer?“

„Wie kommen sie denn darauf?“ fragte die Maklerin sichtlich betroffen.

„Nun ja, es gibt das Internet-Archiv, in welchem alle alten Internetseiten gespeichert werden und da kann man schön den alle sechs Monate fallenden Mietpreis verfolgen. Und das seit mehr als drei Jahren, als diese Wohnung das erste Mal von Ihrem Maklerbüro als ‚sofort bezugsfertig‘ angeboten wurde. Ich vermute mal, das geschah nachdem der Vermieter bereits einige Zeit selber versucht hat, die Wohnung zu vermieten. Und das in dieser schnell wachsenden Stadt!“

„Äh, ich muss sagen, auch hier zeigen sie eine besondere Beobachtungsgabe“, entgegnete die Maklerin unsicher. „Solch ein Angebot muss ich erst mit meinem Klienten besprechen, das geht nicht so einfach.“

Aber sie wollte Tom nicht so einfach von der Angel lassen und fragte mit etwas mehr Sicherheit in der Stimme: „Sie sind also an der Wohnung interessiert?“

„Ja, aber nur zu den Konditionen, die ich eben genannt habe.“

Tom sah demonstrativ auf seine Armbanduhr.

„Entschuldigen sie bitte, aber ich habe noch einen anderen Besichtigungstermin, den ich wahrnehmen möchte“, fuhr er fort. „Sie haben ja meine Nummer und können mich jederzeit anrufen. Ich bedanke mich für die Besichtigung und wünsche ihnen noch einen schönen Tag.“ Tom lächelte kurz ohne zu winken und ging dann zielstrebig auf die Wohnungstür zu.

„Warten sie kurz!“ rief die Maklerin aus.

Tom hielt inne und drehte sich um.

„Okay, sagen wir zwei Prozent weniger Miete und sie bekommen die Wohnung“, sagte die Maklerin.

„Drei Prozent und wir haben einen Deal“, entgegnete Tom mit einem Grinsen.

„Na gut, drei Prozent, abgemacht“, entgegnete die sichtlich genervte Maklerin mit einem unterdrückten Seufzen und hängenden Schultern.

Tom folgte mit seinem Auto der Maklerin zu ihrem Büro, wo er den Mietvertrag unterschrieb und die Schlüssel für die Wohnung erhielt.

Bei der außerordentlich freundlichen Verabschiedung fragte er die Maklerin: „Sagen sie mir ganz ehrlich eins: Was hat sie überzeugt, auf mein Angebot einzugehen? Die Aussicht auf die schnelle Provision oder mein Trick mit dem erfundenen weiteren Besichtigungstermin?“

„Ganz ehrlich?“ antwortete die Maklerin mit einem breiten Grinsen. „Die Kenntnis darüber, dass der Vermieter bereits den Auftrag erteilt hat, ab nächsten Monat die Miete um weitere sieben Prozent zu senken. Einen schönen Tag wünsche ich noch!“

„Mist!“ entfuhr es Tom.

Der Nachbar

Tom kehrte nach der mehr oder weniger erfolgreichen Unterzeichnung des Mietvertrages zu seiner neuen Wohnung zurück. Er hatte sich nur kurz darüber geärgert, dass sein seit Tagen ausgetüftelter Plan zum Senken des Mietpreises nicht vollständig funktioniert hat. Während der Fahrt kam ihm aber in den Sinn, dass er doch irgendwie billiger aus der Sache herausgekommen war. Deswegen verbuchte er das Anmieten der Wohnung als teilweisen Erfolg.

‚Think positive’, dachte er und bemühte sich zu lächeln, was ihm auch leidlich gelang.

Er hakte die Episode im Geiste ab und konzentrierte sich auf den nächsten Schritt. Er wollte die Zimmer schnell vermessen und der Umzugsfirma, welche seine Möbel zwischengelagert hatte, eine Skizze geben, damit diese seine Möbel einräumen konnten, während er sich um andere Dinge kümmerte.

Als Tom im Stockwerk, in welchem sich seine neue Wohnung befand,  aus dem Fahrstuhl steigen wollte, stand ein beeindruckend großer Mann vor ihm. Er trug moderne Arbeitskleidung mit dem riesigen Aufdruck ‚Hausmeister‘ darauf. Das Alter des Mannes war schwer zu schätzen, es lag gefühlt irgendwo zwischen 34 und 54 Jahren. Tom hätte auch 29 und 65 Jahre akzeptiert, da das Alter eben schwer zu schätzen war. Der Mann hatte ein freundliches bart- und brillenloses Gesicht, war von schlanker Statur und hatte sorgfältig kurzgeschnittenes, hellbraunes Haar.

„Oh! Hallo!“ begrüßte Tom den Mann leicht überrascht.

Der Mann lächelte freundlich.

„Guten Tag! Sie müssen der neue Mieter aus Nummer 21 sein“, sagte er. „Herzlich willkommen in ihrem neuen Zuhause! Ich bin der Hausmeister.“

„Vielen Dank! Das hat sich ja schnell herumgesprochen. Ich habe doch gerade erst den Mietvertrag unterschrieben. Wie haben sie das so schnell erfahren?“

„Nun ja, ich sah sie vorhin mit der Maklerin zusammen das Haus verlassen. Frau Harttisch hatte dieses Juhu-Vertragsabschluss-Lächeln im Gesicht und jetzt stehen sie hier vor mir.“

„Beeindruckende Kombinationsgabe.“

„Danke!“

Das Licht im fensterlosen Flur flackerte kurz.

„Ups, was ist denn das?“ fragte Tom überrascht und sah zu den Deckenleuchten auf.

„Ein kurzes Flackern der Lampen“, antwortete der Hausmeister ruhig ohne seinen Blick von Tom abzuwenden. „Nichts schlimmes, kommt ab und zu mal vor.“

Plötzlich stand wie aus dem Nichts ein weiterer Mann neben Tom und dem Hausmeister. Abgesehen davon, dass er etwas größer als Tom und etwas kleiner als der Hausmeister war, was somit seine Größe bei der anwesenden Bevölkerung zum Durchschnitt machte, bot er ansonsten ein nicht durchschnittliches Bild. Seine dunkelbraunen Haare waren mit grauen Strähnen durchsetzt und hingen ihm glatt und gepflegt bis auf die Schultern. Er trug einen beigen Trenchcoat offen über einem schwarzen T-Shirt. Die ausgeblichene Jeans wurde von knallroten Hosenträgern gehalten, die farblich überhaupt nicht zu den leuchtend gelben Sportschuhen passten. Der ungewöhnliche Gesamteindruck wurde von einem bart- und faltenlosem Gesicht mit beeindruckend hellblau leuchtenden Augen abgerundet.

„Hallo“, begrüßte der Mann Tom mit einem freundlichen Lächeln, ohne die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. „Ich bin Ottokar Heisenberg, und wohne dort am anderen Ende des Flurs. Wie ich unschwer überhören konnte, sind sie der Neue in der Wohnung Nummer 21. Fantastisch!“

Der Hausmeister legte ein säuerliches Gesicht auf, nickte Ottokar zu und sagte tonlos: „Herr Heisenberg.“

Ottokar antwortete ebenfalls mit einem Kopfnicken und sagte im gleichen Ton: „Hausmeister.“

Der Hausmeister stieg eilig in den Fahrstuhl und fuhr ins Erdgeschoss.

„Heisenberg?“ fragte Tom verwundert. „Wie der berühmte Physiker?“

„Nein, der hiess Werner. Ich heisse Ottokar. Ich wünsche ihnen noch viel Spass und Erfolg in ihrer neuen Wohnung. Man sieht sich sicherlich.“

Ottokar winkte kurz zum Abschied und ging dann zu der Seite des Flures, von wo er scheinbar gekommen war.

„Ich heisse übrigens Tom…“, versuchte Tom sich mit vollem Namen vorzustellen, kam aber nicht mehr zum Ende, da sein neuer Nachbar schon in einer der Wohnungstüren verschwunden war.

Tom zuckte mit den Schultern und ging in seine Wohnung.

Warum Tom nach Dresden umzog

Es war perfekt!

Tom lernte Susanne in einem gemeinsamen Seminar zum Thema ‚Deutsche und Europäische Normen in der Elektroindustrie’ an der Universität Hamburg kennen. Die beiden sahen sich, verliebten sich, gingen zusammen aus und beschlossen, sich von nun an gegenüber anderen Menschen als in einer festen Beziehung lebend zu bezeichnen. Tom studierte Technikredaktion, um später Bedienungsanleitungen zu schreiben, von denen er hoffte, dass sie von mehr Menschen gelesen würden, als wenn er irgendwelche Bücher schreiben würde. Susanne studierte Elektrotechnik und wollte später als Ingenieurin Geld verdienen. Die Beziehung stand auf einer festen Basis, da beide fast dieselben Vorlieben teilten. Sie mochten die gleiche Musik, die gleichen Filme und das gleiche Essen. Sie spielten sogar das gleiche Computer-Online-Rollenspiel. Darüber hinaus tolerierte Susanne durchaus Toms Vorliebe für eine obskure britische Science-Fiction-Serie und Tom tolerierte im Gegenzug die viermal im Jahr in der gemeinsamen Wohnung stattfindenden ‚Dirty-Dancing‘-Parties von Susanne. Die Beziehung lief harmonisch vor sich hin ohne die üblichen Reizthemen wie Heiraten, Kinderkriegen oder gar die Frage danach, wer den Geschirrspüler ausräumt, da sie keinen besaßen. Beide schlossen fast zeitgleich ihr Studium ab und bekamen sofort einen Job in Hamburg, sodass keiner umziehen musste. Susanne arbeitete bei einem großen Energiekonzern und Tom in einem mittelständischen Ingenieurbüro. Sie waren einfach nur glücklich und es hätte nicht nur aus ihrer Sicht, sondern auch aus Sicht ihrer Freunde ewig so weitergehen können. Die beiden galten bei allen als absolutes Traumpaar.

Dann war es vorbei.

Innerhalb weniger Stunden änderte sich der Beziehungsstatus der Beiden in den sozialen Netzwerken auf Single, Tom stand unangemeldet vor der Tür eines Freundes und bat um zeitlich unbegrenztes Asyl und Susanne entledigte sich aller gemeinsam erstandener Gegenstände durch sorgfältige Zertrümmerung mittels eines Vorschlaghammers, eines Industrieholzschredders und einer wirklich brandgefährlichen Mischung aus Benzin und Streichhölzern. Über die wahren Hintergründe dieses beziehungsbeendenden Paukenschlages verloren die beiden nie ein Wort. Unbestätigte Hinweise aus der Bevölkerung deuten gerüchteweise auf eine fatale Verkettung von Missgeschicken hin, welche die Elemente Online-Spiel, falscher Mausklick zur falschen Zeit und mangelndes Verständnis für die Prioritätensetzung des jeweils anderen umfassen.

Tom fühlte sich fortan in Hamburg nicht mehr wohl, weil ihn alles an Susanne erinnerte. Schliesslich hatten sie fast dieselben Vorlieben und verkehrten in denselben Kneipen, Restaurants und Elektronikfachmärkten. Da kam Tom ein Versetzungsangebot seiner Firma nach Dresden genau zur rechten Zeit, welchem er zur völligen Verblüffung seines Chefs innerhalb von wenigen Sekundenbruchteilen zustimmte. Tom hatte nur einen Gedanken: ‚Weg aus Hamburg und irgendwo neu anfangen. Und vergiss endlich Susanne.‘ Okay, eigentlich waren es mehr als ein Gedanke. Aber sie waren außerordentlich eng miteinander verknüpft.

Erster Arbeitstag, erstes Problem

„Tom! Schön dass du da bist! Komm doch gleich in mein Büro!“ schallte es fröhlich über den Flur.

„Peter!“ rief Tom genauso überschwänglich zurück. „Schön dass du auch da bist! Ich bin gleich bei dir!“

Peter Lettrig, Toms neuer Chef in Dresden und ehemaliger Teamleiter in Hamburg, stutzte kurz und verschwand durch eine der Bürotüren.

Tom war am Tag nach der mehr oder minder erfolgreichen Wohnungsanmietung auf seiner neuen Arbeitsstelle erschienen. Er hatte der Möbelfirma, die seine Möbel zwischenlagerte, einen Schlüssel für seine Wohnung zukommen lassen. Da er Gleitzeit hatte und seine Firma sehr großzügig bei der Freizeitplanung war, verzichtete er darauf, Urlaub für den Umzug zu nehmen. ‚Spare in der Zeit, dann hast du in der Not‘ war Toms Motto.

Tom ging in Peters Büro. Es war einfach und funktionell eingerichtet, ohne den üblichen Schnickschnack, den ein Chefbüro normalerweise hatte. In Toms Firma wurde das Prinzip der flachen Hierarchie gepflegt. Ein älterer Kollege murrte darüber mal: „Man fühlt sich hier wie auf Island. Da haben die Leute auch nur Vornamen.“ Zum Prinzip der flachen Hierarchie gehörte auch, dass jedem Mitarbeiter, egal welche Position er innehatte, die gleichen Möbel zustanden.

Peter saß hinter seinem Schreibtisch und beendete mit einem Mausklick irgend eine Arbeit auf dem Computer, während er stumm auf den Stuhl vor seinem Schreibtisch wies. Tom folgte der Aufforderung und setzte sich. Dabei musterte er kurz seinen Chef und musste innerlich ein wenig grinsen: Peter hatte seine Kleidung seiner neuen Position angepasst. In Hamburg hatte Tom ihn noch in seinen letzten Tagen als stellvertretenden Teamleiter kennengelernt. Damals trug er Anzughosen und Hemden ohne Krawatte. Als er dann Teamleiter wurde, trug er zusätzlich eine Krawatte. Jetzt als Niederlassungsleiter hatte Peter seine Kleidung um eine Krawattennadel und edlere Manschettenknöpfe erweitert. Allerdings konnte Tom immer noch an der Kombination Krawatte, Hemd, Hose und Schuhe das genaue Datum ablesen: Es war der 16. September, ein Mittwoch. Schon in Hamburg spekulierten Tom und seine Kollegen, ob Peter einen Plan im Kleiderschrank hängen hatte, eine App auf dem Smartphone benutzte oder ob einfach seine Frau den Kleiderplan festlegte, da die Verbindung der wiederkehrenden Muster der Kleidungsstücke mit den entsprechenden Tagen im Kalender einfach jedem aufgefallen waren. 

Peter wendete sich Tom zu, setzte ein überaus freundliches Lächeln auf und begann stakkatoartig zu sprechen:

„Wirklich sehr schön, dass du hier bist. Wir haben schon alle sehnsüchtig auf dich gewartet. Hast du die anderen schon kennengelernt? Nein? Das wirst du sicherlich noch. Hast du eine Wohnung gefunden? Ist sie okay? Very good! Dann können wir uns ja dem Daily Business zuwenden. Dein Workplace ist bereits prepared und wartet nur noch auf dich. Ich habe schon Martin gecallt, dass er mit dir die ganze administration erledigt. Login, Pad, Security und so weiter. Martin ist der Chief of Computer and Security Administration in dieser Location. Wie gefällt dir Dresden? Wunderschöne Stadt! Habe ich dir mal erzählt, dass meine Family aus der Nähe hier stammt? Das werden wir mal bei einem ordentlichen Drink in der besten Cocktailbar in der City nachholen.“

Peter wendete sich einem Mann zu, der vorsichtig durch die offene Bürotür eingetreten war.

„Ah, Martin! Come in! Das ist mein Teammember aus Hamburg, Tom. Du möchtest ihm wohl seinen Workplace zeigen. War schön mit dir zu plaudern, Tom. Ich habe jetzt ein Meeting. See you later!“

Bei dem stakkatohaften Vortrag blieb Tom nur ein Nicken oder Kopfschütteln. Peter wartete bei seinen Fragen selten auf eine Antwort. Genau so schnell, wie er gesprochen hatte, war er auch aus dem Büro verschwunden und liess Tom mit Martin alleine zurück.

Martin Frerand sah auf den ersten Blick wie ein Nerd aus. Auch der zweite und dritte Blick konnte diesen Eindruck nicht verändern. Seine halblangen strohblonden Haare hatten scheinbar noch nie etwas von einem Kamm oder einer Bürste gehört, geschweige denn gesehen. Die Sportschuhe, die er trug, sahen ebenso verschlissen und alt aus wie seine Jeans. Komplettiert wurde der Eindruck durch ein T-Shirt mit dem Aufdruck:

Ich bin stolz ein

Komputergenie

Commputtergenni

Combuterjenie

NERD

zu sein!

„Hallo, ich bin Martin“, stellte Martin sich mit einem Lächeln vor.

„Hallo! Ich bin Tom!“ antwortete Tom ebenso freundlich. „Schön dich kennenzulernen.“

Tom war aufgestanden und schüttelte Martin die Hand.

Martin schaute verstohlen kurz aus dem Büro auf beide Seiten des Flures und wendete sich dann Tom mit Verschwörermiene zu und sagte mit gesenkter Stimme: „Sag mal, hattest du den Peter wirklich schon als Teamleiter in Hamburg?“

„Jupp“, antwortete Tom grinsend, weil er genau ahnte, was als nächstes kam.

„Ist der schon immer so auf Speed gewesen?“ fragte Martin weiter.

„Das ist doch noch gar nichts“, antwortete Tom mit einer abfälligen Handbewegung. „Was glaubst du, wie der abging, als er von dem neuen Chefposten hier hörte. Eine Kollegin, Verena, machte sich den Spass und nahm alles auf, was Peter sagte und spielte es dann in halber Geschwindigkeit ab, um ja keine Information zu verpassen, wie sie scherzhaft bemerkte.“

„Meine Güte, das muss schrecklich gewesen sein“, erwiderte Martin sichtlich betroffen. „Ich weiss immer nicht, wie ich das alles einordnen soll, was er von sich gibt. Der redet viel zu schnell. Sein blödes Denglisch verwirrt nur noch mehr. Wie lange hast du den schon ertragen?“

„Schlappe drei Jahre. Du musst nur nicken oder den Kopf schütteln. Versuch dir ja nicht zu merken, was er sagt. Mach einfach deinen Job und alles wird gut. Er ist auch der einzige Mensch, den ich kenne, der mitten im Satz das Thema wechselt ohne ins Stottern zu kommen. Frage mich jetzt bitte nicht, wie er an den Posten in Hamburg oder gar hier gekommen ist. Ich habe in all der Zeit niemals etwas fachlich Richtiges von ihm gehört. Aber irgendwie scheint er sich durchmogeln zu können.“

„Tja, das ist eben der Unterschied: Er ist ein Macker und wir sind die Macher. Das blöde ist ja: Wir können ohne ihn. Nur merkt es irgendwie keiner in der Chefetage. Sind wahrscheinlich auch nur Macker. Komm, ich zeig dir deinen Schreibtisch und führ dich ein bisschen herum und mache dich mit den anderen bekannt.“

Nachdem Tom seine neuen Kollegen kennengelernt und seinen Schreibtisch mit dazugehörigem Computer durch Eingabe seines persönlichen Logins elektronisch als sein Revier markiert hatte, händigte Martin ihm noch ein Smartphone und einen Tablet-Computer aus.

„Oh, nochmals zwei Geräte?“ fragte Tom verwundert. „Jetzt muss ich wohl meinen Rucksack gegen einen größeren tauschen.“

„Wie, nochmals zwei Geräte?“ fragte Martin während Tom schon dabei war, sein Passwort in das neue Smartphone einzutippen.

„Ich habe doch noch die beiden Teile aus Hamburg“, antwortete Tom ohne hochzuschauen.

„Echt? Das widerspricht aber der IT-Sicherheits-Leitlinie der Firma. Die Geräte sind nur auf den jeweiligen Standort beschränkt“, entgegnete Martin leicht verwirrt und sah auf sein eigenes Tablet. „Dann log dich mal nicht ein. Das muss ich klären.“

„Zu spät“, sagte Tom, der mit der Eingabe fertig war und lächelnd zu Martin hochblickte.

„Neeeeiiiiiin!“, schrie Martin verzweifelt.

Tom hatte recht: Es war wirklich zu spät.

Das Display des neuen Handys fing rot zu blinken an. Darüber hinaus war der Raum plötzlich von einem fiesen Warnton erfüllt, der von eben diesem Gerät ausging. Kurz darauf schaltete sich Toms Computer aus. Dann erschallten aus Toms Rucksack, der auf dem Boden neben seinem Schreibtisch lag, zwei weitere fiese Warntöne.

„Was ist denn jetzt los?“ fragte Tom völlig verwirrt.

„Du hast gerade die Hacker-Abwehr-Routine und die Diebstahlsicherung der Handys und Pads ausgelöst. Oh, Mann, das gibt Zoff!“

„Was habe ich?“ Toms Verwirrung wollte einfach nicht schwächer werden.

„Du hättest die Geräte in Hamburg abgeben müssen. Jetzt denkt das System, irgendjemand hat ein Firmenhandy geklaut und versucht sich in unser System zu hacken. Das kann nur von der Zentrale in Hamburg rückgängig gemacht werden. Ich muss sofort Dennis anrufen.“

Mit diesen Worten stürmte Martin aus dem Büro.

Tom sprang Martin hinterher und rief: „Und was mache ich jetzt mit den Fiepdingern hier?“

Martin blieb stehen und drehte sich um.

„Hier, der Schlüssel für den Panzerschrank im Serverraum.“ Martin warf Tom einen großen Panzerschrankschlüssel zu. „Der ist schalldicht, dann nerven die Teile nicht mehr.“

Martin lief weiter zu seinem Büro.

Tom sah sich den Schlüssel an.

„Toller erster Tag“, murmelte er völlig niedergeschlagen vor sich hin.

Peter stürmte an ihm vorbei über den Flur und rief: „Alarm, Alarm! Wir haben einen Alarm! Sofort jemand zu mir mit der Security-Checklist! Oh Hilfe, hoffentlich ist das kein Bombenalarm. Sofort jemand die Polizei, Feuerwehr, Technisches Hilfswerk und das BKA anrufen. Wir haben einen Alarm!“ Er rannte weiter und verschwand in seinem Büro.

Tom zuckte nur die Schultern, schnappte sich seine wirklich nervtötend laut fiependen Geräte und schloss sie im Panzerschrank im Serverraum ein. Von seinen neuen Kollegen bekam er auf dem Weg dorthin viele hämische Bemerkungen zu hören.

‚Wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung‘, dachte Tom und lächelte nur. Auf ein zusätzliches Winken verzichtete er. Das Einzige, was Toms Ego wirklich ankratzte, war die Tatsache, dass scheinbar alle seine Kollegen genau wussten, was falsch gelaufen war, während Tom nach mehrjähriger Zugehörigkeit zum Unternehmen heute das erste Mal etwas von der Hacker-Abwehr-Routine erfuhr.

Tom brachte den Panzerschrankschlüssel zu Martin zurück. Martins Büro war leicht zu finden. Auf dem offiziellen Türschild mit Martins Namen war seine Stellenbeschreibung mit dem Schriftzug ‚NERD‘ überklebt und der Großteil seiner Bürotür wurde von einem Plakat eingenommen, auf welchem eine verschwommene schwarzweisse Aufnahme eines Ufos mit den Worten ‚I want to believe‘ überschrieben war. Als Tom durch die halb geöffnete Bürotür eintrat, beendete Martin hinter seinem Schreibtisch stehend gerade ein Telefonat.

„Und nun?“ fragte Tom.

„Das war gerade Dennis am Telefon, der Chef-Admin aus Hamburg“, erwiderte Martin ein wenig niedergeschlagen. „Er sagte, dass die Geräte nach Hamburg gebracht werden müssen um dort freigeschossen zu werden. Danach wird dein Account wieder online geschaltet und du kannst ganz normal weiterarbeiten.“

„Wie lange wird das dauern?“

„Ich muss erst einen Reiseantrag stellen, persönlich mit den Geräten nach Hamburg fahren und dann ist alles wieder in Butter. Ich vermute, dass es wohl so zwei bis drei Wochen dauert“, antwortete Martin und die Niedergeschlagenheit in seiner Stimme verstärkte sich.

Tom brauste auf.

„Zwei bis drei Wochen?“ rief er. „So lange braucht ihr IT-Fritzen zum Freischalten meines Accounts?“

„Nein, das Freischalten dauert nur ein paar Minuten. Der Reiseantrag braucht nur so lange, um über den Schreibtisch von Peter zu wandern.“

„Na, Spitze!“

Tom liess die Schultern hängen.

„Apropos Peter“, sagte Martin. „Kannst du den vielleicht wieder einfangen bevor der noch den Bundespräsidenten anruft?“

„Der fängt sich schon von selber ein, vertrau mir. Zum Glück habe ich ja Gleitzeit. Ich fahre jetzt nach Hause.“

„Ja, in diesem Fall hast du wirklich Glück.“

Merkwürdigkeiten

Tom parkte sein Auto unweit des Hauseingangs. Er freute sich auf sein eingerichtetes neues Zuhause. Das Missgeschick in seiner Firma hatte ihm die Laune verdorben und das einzige, was ihn moralisch wieder aufrichten konnte waren seine eigenen vier Wände und seine eigenen Möbel. Das Hotelzimmer, welches er für seine ersten Tage in Dresden bezogen hatte, konnte da nicht ganz mithalten. Bevor er ins Haus ging öffnete er den Briefkasten und fand darin den Schlüssel, den er der Umzugsfirma gegeben hatte, zusammen mit einem kleinen Zettel, auf dem stand: ‚Alles erledigt. Rechnung folgt.‘ Da kurz vorher seine Telefongesellschaft, die mit einem deutschlandweiten Umzugsservice unter 24 Stunden geworben hatte, ihm per elektronischen Brief mitgeteilt hatte, dass er in seiner neuen Wohnung bereits die Vorzüge einer schnellen Internetverbindung mit allem drum und dran erfahren könne, ging Tom fröhlich pfeifend ins Haus, stieg in den Aufzug und fuhr in die vierte Etage zu seiner Wohnung. Er ging beschwingt auf seine Wohnungstür zu, schloss sie auf, hüpfte übermütig hindurch, liess die Tür ins Schloss fallen und sprang aufgeregt wie ein Kind zur weihnachtlichen Bescherungszeit durch den kurzen Flur ins Wohnzimmer und schrie:

„Was für ein Mist ist das denn!“

Tom konnte es nicht fassen. In seinem Wohnzimmer stand das Bett und der Nachttisch samt Nachttischlampe. Noch viel schlimmer als das war, dass der riesige Schlafzimmerschrank genau vor der Balkontür stand und diese komplett blockierte. Fassungslos stürmte er in sein Schlafzimmer, wo er alle Möbel vorfand, die eigentlich ins Wohnzimmer sollten. Tom taumelte zurück ins Wohnzimmer. Ihm fehlten einfach die Worte. Sein Gehirn versuchte mit der Situation fertigzuwerden, brauchte aber einige Momente dazu, was sich im geöffneten Zustand seines Mundes widerspiegelte. Dann fiel Toms Blick auf den Boden. Da lag der Zettel, den er an die Schlafzimmertür geklebt hatte. Auf ihm stand das Wort ‚Schlafzimmer‘. Jetzt konnte sein Gehirn mit der Situation etwas anfangen und vor seinem geistigen Auge entspann sich das Szenario, wie es sich abgespielt hatte:

Drei überaus fähige Möbelpacker hatten sehr zielgerichtet direkt vor dem Haus geparkt, in dem Toms neue Wohnung lag, und den ersten Satz Möbeln auf Rollpaletten verladen. Mit diesen ging es gleich im ersten Anlauf mit dem Fahrstuhl nach oben, denn Zeit ist Geld. Für die Türen hatte Tom ihnen den entsprechenden Schlüssel zukommen lassen. Der erste, der die Wohnung betrat, hatte die beiden Zeichnungen von Tom in der Hand, worauf mit sehr gut lesbaren Buchstaben, Zahlen und Strichen die genaue Position der Möbel im Wohn- und Schlafzimmer vermerkt war. Eine Zeichnung für die Küche und das Bad hatte sich Tom gespart, denn aufgrund der unermesslichen Kleinheit der beiden Räume war eh jedem klar, wo der kleine Badezimmerschrank und die Küchenausstattung hinmussten, denn sie passten jeweils nur an eine Stelle. Es sei denn, man wollte die Räume nicht mehr durch die Tür verlassen.

Der erste Möbelpacker öffnete rasch die Badezimmer- und Küchentür und warf ob der Größe einen mitleidigen Blick hinein.

„Links Bad, rechts Küche“, rief er über die Schulter seinen beiden Kollegen zu, während er durch die Wohnzimmertür ging.

„Was haben wir als erstes aufgeladen?“ fragte er seine beiden Kollegen.

„Schlafzimmer“, antwortete einer der anderen beiden nach einem kurzen Blick auf den Zettel am Schrank, den er auf der Rollpalette hinter sich herzog.

„Okay, dann hier aufstellen“, sagte der erste und heftete mit einem Klebestreifen Toms Schlafzimmerplan an die Wand neben der Tür und ging durch die Schlafzimmertür.

„Hä, das verstehe ich nicht“, sagte der zweite Möbelpacker, als er das Wohnzimmer betrat und auf den Plan schaute. „Nach dem Plan würde der Schrank vor der Balkontür stehen. Das macht doch keinen Sinn!“

„Du sollst die Möbel wie auf dem Plan aufstellen und keine Sinnsuche betreiben“, herrschte ihn der erste an. „Hier:“ Er zeigte auf die Pläne und den Zettel auf dem Boden,“Plan Schlafzimmer, Zettel ‚Schlafzimmer‘, also hier Schlafzimmer und durch die Tür Wohnzimmer. Wir haben noch zwei Kunden heute anzufahren. Zeit ist Geld!“

„Wer weiss, vielleicht hat der Typ Angst vor Einbrechern die über den Balkon kommen. Da ist so’n Schrank vor der Balkontür das Beste“, kommentierte der dritte Möbelpacker lapidar die ungewöhnliche Einrichtung.

So hatte ein nicht ganz so gut haftender Klebestreifen dafür gesorgt, dass die Räume beim möblieren vertauscht wurden. Jedenfalls stellte sich das Problem für Tom so dar.