Out Of Order - Anna Hochhalter - E-Book

Out Of Order E-Book

Anna Hochhalter

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Beschreibung

Die zwanzigjährige Isa, eigentlich Luisa, bricht aus der rheinland-pfälzischen Schuhstadt Pirmasens ans andere Ende der Welt aus. Weg von ihrer Familie und weg von dem Druck, eine sinnvolle Richtung nach dem Schulabschluss einschlagen zu müssen. Ein Jahr lang will sie ganz klassisch als Backpackerin durch Australien reisen. Völlig naiv und unvorbereitet stolpert sie dabei rastlos von einer amüsant absurden Situation in die nächste, erlebt wilde Begegnungen mit Mensch und Tier und dreht Loopings auf einer chaotischen Emotionsachterbahn. Wie lange dauert nochmal ein Jahr am anderen Ende der Welt?

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EPUB
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Seitenzahl: 404

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Anna Hochhalter

Out Of Order

Am anderen Ende der Welt

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Kimi

2. Marie

3. Nick

4. Rio

5. Terence

6. Olly

7. Jenny

8. Charlie

9. Tommy

10. Fynn

11. John

12. Karl

13. Sam

14. Calypso

15. David

16. Rosie

17. Ares

18. Alice

19. Richard

20. Justin

21. Andy

Impressum neobooks

1. Kimi

„Ich habe gelesen, dass in Australien jedes Jahr mindestens ein Deutscher von einem Krokodil gefressen wird.“

„Also wirklich, Mama. Das glaubst du doch selbst nicht!“

„Doch. Es ist wahr! Das habe ich so gelesen!“

„Was für ein Quatsch! Warum denn ausgerechnet ein Deutscher? Was macht das für einen Unterschied, aus welchem Land die Mahlzeit kommt?“

„Das weiß ich auch nicht. Darüber wurde nichts geschrieben, aber du sollst dich in Australien vorsehen!“

„Wo hast du das denn überhaupt gelesen?“

„Ich meine, es stand in der Brigitte oder in der … ach keine Ahnung, wo das stand. In einer Zeitschrift eben.“

„Mensch Mama, das kann ich nun wirklich nicht ernst nehmen! Das ist doch echt Blödsinn!“

„Das solltest du aber ernst nehmen! Australien ist ein sehr gefährliches Land und zudem auch noch unheimlich weit weg. Hättest du dir nicht Spanien oder Frankreich aussuchen können? Da gibt es zumindest keine Krokodile. Und dort hätten wir dich zwischendurch wenigstens besuchen kommen können. Willst du es dir nicht noch einmal überlegen?“

„Ja und genau aus dem Grund ist es nämlich nicht Frankreich oder Spanien geworden! Da hätte ich ja gleich zu Hause bleiben können.“

„Luisa, also wirklich! Reg dich bitte nicht auf. Ich will doch nur das Beste für dich und denke, dass ein Land ohne Krokodile sicherer wäre!“

„Mama, nun lass mal die arme Isa in Ruhe mit deinen Krokodilen. Wir wollten uns doch einen schönen Abend zusammen machen, bevor sie morgen um diese Zeit im Flugzeug sitzt! Außerdem ist es jetzt nun wirklich zu spät für einen Reiseabbruch, meinst du nicht?!“

„Ihr habt ja recht“, seufzt Mama. „Es ist nur so, dass sie noch nie so weit weg war von zu Hause und so lange und dann auch noch ganz alleine!“

„Sie schafft das schon!“

„Ich schaffe das schon!“, bekräftige ich.

„Bist du denn mit dem Packen fertig?“, fragt mich Viki.

„Noch nicht ganz. Ich packe zu Ende, wenn Kimi wach i…“, ehe ich meinen Satz beenden kann, dringt ein schrilles Kreischen aus meinem Zimmer zu uns durch. „Na bitte“, lacht Viki auf und schiebt ihren Stuhl vom Tisch zurück. „Sieht aus, als könntest du jetzt gleich weiterpacken!“

„Ja, sieht wohl so aus.“ Ich folge meiner Schwester, die vorsichtig die angelehnte Tür meines Zimmers öffnet.

„Haaaallloooo, na wer ist denn da schon wieder wach? Komm her, mein kleiner Sonnenschein.“

Bei Vikis Anblick hält Kimi sofort inne und das Schreien verwandelt sich in ein gurgelndes Lachen. Sie hebt den Kleinen hoch, sodass er sich schlaftrunken an ihre Schulter kuscheln kann. Wie können Babys nur so niedlich sein, selbst verschlafen mit hochroten Backen, quer übers Gesicht verlaufenden Kissenabdrücken und unheimlich … stinkend! Igitt. Ja, dieses Kind braucht dringend eine neue Windel.

„MAAAMMAA“, ruft Viki. „Ich brauche die Wickelta…“

Als könnte Mama Gedanken lesen, hält sie ihr im nächsten Moment wortlos die Tasche hin.

„Danke.“

Während Viki Kimi auf meinem Bett, wie des Öfteren, wickelt, klaube ich mir meinen Rucksack und packe einige letzte Kleidungsstücke ein. Mama steht an den Kleiderschrank gelehnt daneben. Ich fühle mich leicht beobachtet, wie des Öfteren. Bestimmt denkt sie, dass ich meine T-Shirts hätte bügeln sollen und dass ein Extrapaar Unterhosen sicher nicht schaden würde. Oder sie macht sich Sorgen um meinen Rücken und fragt sich, wie ich diesen Rucksack überhaupt tragen soll. Nein. Weit gefehlt. Es ist etwas anderes, worüber sie sich Sorgen macht.

„Fast hätte ich es vergessen“, löst sich Mama aus ihrer Haltung. Sie verschwindet in wenigen Schritten aus dem Zimmer, um mit einer kleinen Tüte in ihrer Hand gleich wieder zurückzukommen.

„Was ist das?“ Ich ziehe den Inhalt aus der Tüte und entfalte zwei beige, lange, feste Strümpfe. Verwundert blicke ich erst zu Mama und dann zu Viki, die nur grinsend mit den Schultern zuckt. Mein Gesicht spricht wohl Bände.

„Das sind Thrombosestrümpfe für den langen Flug.“

„Das sind bitte was?“, frage ich, obwohl ich ganz genau verstanden habe, was Mama gesagt hat.

„Thrombosestrümpfe. Ich war letzte Woche bei der Hausärztin und irgendwie haben wir über dich gesprochen. Ich weiß gar nicht mehr, wie wir auf dich gekommen sind …“

Ich schon.

„… Jedenfalls habe ich ihr von deinem Vorhaben erzählt. Sie empfahl solche Strümpfe, weil der Flug doch so lang ist und sich der Druck im Flugzeug auf den Blutfluss auswirkt. Jedenfalls helfen sie, damit das Blut besser fließt und du keine Thrombose da oben bekommst“, erklärt sie.

Ich öffne den Mund, um etwas zu entgegnen, schließe ihn aber gleich wieder, weil mir dazu nichts Sinnvolles einfällt. Stattdessen schaue ich Hilfe suchend zu Viki, die mittlerweile auf der Bettkante sitzt, während Kimi auf ihrem Schoß stehend lebhaft auf und ab hüpft. Würde es helfen, Mama zu erklären, dass ich so etwas auf keinen Fall anziehen kann, will, werde? Dass ich erst zwanzig Jahre alt bin und somit viel zu jung für Beige? Wahrscheinlich nicht.

„Ich weiß, was du denkst, aber bitte zieh sie an. Mir zuliebe! Bitte. Ich würde mich wohler dabei fühlen.“

Ich presse meine Lippen aufeinander und nicke. „Ok.“

Großartig! Jetzt darf ich mir überlegen, was ich am besten anziehe, um diese hässlichen Omastützstrümpfe zu verstecken. Wahrscheinlich zwicken und kratzen die auch noch, so wie die aussehen.

Ein bisschen sitzen wir noch zusammen am Küchentisch, essen Waffeln mit Kirschen und Sahne, wie ich es mir gewünscht habe, und reden über Gott und die Welt. Vor allem aber beobachten wir Kimi, wie er Faxen macht und wie er nach jeder Kleinigkeit auf dem Tisch greift. Mama gönnt sich ein Glas Wein. Viki darf nicht, da sie stillt und ich verzichte, weil ich lieber einen klaren Kopf für morgen bewahren möchte. Aus dem klaren Kopf wird jedoch nichts. Die Nacht ist eine einzige Katastrophe. Erst kann ich ewig nicht einschlafen und als es mit dem Schlafen dann endlich doch klappt, sind die Träume noch wirrer als meine Gedanken im Wachzustand. Jetzt liege ich also wieder hellwach da. Zum gefühlt hundertsten Mal drehe ich mich von einer Seite auf die andere und wieder zurück. Da war irgendetwas mit dem alten Perserteppich im Wohnzimmer, dessen Muster ich schon immer befremdlich fand. Genau! Ich stand barfuß auf dem Teppich und las in dem Muster, als es sich plötzlich anfing zu verwandeln. Es bewegte sich und formte beige gummiartige Schatten, die in ihren Umrissen Krokodilen ähnelten. Die Oberfläche des Teppichs wurde immer weicher, verlor immer mehr an Festigkeit, sodass ich langsam einsank wie in Treibsand. Die hellen Krokodilschatten kamen näher, aber ich konnte nicht weg. Sie schnappten nach mir. Das war der Moment, der mich zuckend aufwachen ließ.

Dieser Teppich! Ich drehe mich wieder auf den Rücken und starre die dunkle Decke an, die kurz von Scheinwerfern eines vorbeifahrenden Autos erhellt wird. Meine Gedanken springen über den Teppich zurück zu dem Moment in meinem Leben, als ich zum ersten Mal verreist bin. Alleine. Ich war vier Jahre alt war. Meine Mama ließ mich für eine kurze Zeit alleine, um etwas in der Nähe zu erledigen. Hin und wieder tat sie das, wenn es nicht anders ging. Aber nie für lange. Sie setzte mich dann immer auf diesen alten, warmen Perserteppich im Wohnzimmer, den wir noch immer haben, und drückte mir ein Spielzeug in die Hand, das mich beschäftigen sollte, bis sie wiederkam. Sie wusste, ich würde nichts anstellen.

„Denn Luisa ist ein braves Kind“, sagte sie stets.

Genauso auf dem Wohnzimmerteppich spielend, wie mich Mama zurückgelassen hatte, würde sie mich bei ihrer Rückkehr auch wieder vorfinden. Normalerweise. Ich weiß noch, dass es ein heißer Sommertag war und dass Mama die Fenster in allen Räumen kippte, damit ein kühler Luftzug entstand. Viel half es nicht. Es blieb heiß. Ich erinnere mich auch, dass ich so eine Art leises, gedehntes Wehen in den Räumen wahrnahm. Es verlor sich irgendwo zwischen Küche und Bad. Mit einem Mal spürte ich diesen Sog, einen plötzlichen inneren Drang, die Wohnung zu verlassen. Nicht weil mir zu heiß war, sondern einfach so, aus einem undefinierten Impuls heraus. Ich wollte auf die Straße, auf der ich mich noch nie zuvor ohne Mama oder Viki bewegt hatte. Intuitiv legte ich mein Spielzeug beiseite, öffnete die Wohnungstür, lief die Treppe hinunter und dann raus. Die Haustür knallte hinter mir zu. Da stand ich nun und blickte in die Welt. Und die Welt blickte zurück. Ich dachte nach, glaube ich. Wahllos in der Gegend wollte ich wohl nicht umherlaufen. Ich hätte mich schließlich verlaufen können. Also brauchte ich ein Reiseziel. Damals lebte meine Oma noch und wohnte ganz in der Nähe. Ich war sicher, den Weg zu ihrer Wohnung finden zu können. Damit hatte ich mein Reiseziel. Zielstrebig marschierte ich los. In einem gemäßigten Tempo, denn ich wollte ja auf der Reise nichts verpassen. Vor allem aber musste ich konzentriert bleiben, um nicht irgendwo falsch abzubiegen, was eigentlich relativ unmöglich war. Denn sobald man die kleine verkehrsberuhigte Kreuzung direkt vor der Haustür überquert hatte, musste man nur noch geradeaus gehen. Zu Fuß brauchte man keine fünf Minuten, aber mir kam der Weg weit vor. So einen Weg alleine zu gehen, ist etwas ganz anderes. Die Aufmerksamkeit ist eine andere. Und als ich bei meiner Oma klingelte, fühlte ich mich unheimlich stolz, angekommen zu sein. Meine Oma allerdings war alles andere als stolz. Sie war einfach nur erschrocken über meinen eigenständigen Besuch. Es war das letzte Mal, dass Mama mich alleine in der Wohnung ließ. Viki muss zu diesem Zeitpunkt in der Schule gewesen sein. Aber eigentlich spielt es auch keine Rolle, wo Viki an diesem Tag war. Was eine Rolle spielt, ist, dass dieser Sog nach draußen in die Ferne an diesem Tag erwachte und wachblieb. Dass ausgerechnet dieser Moment sich derart eingebrannt hat, während ich mich an andere gar nicht mehr erinnere. Der Wecker klingelt. Ich gähne ausgiebig und richte mich auf. Auf geht´s!

„Und jetzt?“, fragt Mama, als wir wenige Stunden später in der Abflughalle des Frankfurter Flughafens stehen, die Anzeigetafel anstarrend. Die Buchstaben und Zahlen sortieren sich klackernd neu. Ein Aufruf nach einer beliebigen Person hallt in einem verschobenen Echo durch das Terminal, gefolgt von der Information, das Gepäck nicht unbeaufsichtigt zu lassen. Um uns herum ist es relativ leer. Kaum Menschen. Kein Wunder. Es ist noch sehr früh. Wir sind sehr früh!

Ich zucke mit den Schultern „Keine Ahnung, was wir jetzt tun sollen“, gähne ich gedankenverloren in den Raum hinein, woraufhin Viki auflacht.

„Ich glaube, Isa ist im noch Halbschlaf!“

„Halbschlaf ist noch milde ausgedrückt. Ich fühle mich wie ein Zombie, dessen Augenringe über Nacht ein Eigenleben entwickelt haben.“

„Du warst doch diejenige, die darauf bestanden hat, so früh loszufahren. Du hättest ruhig noch mindestens eine Stunde länger schlafen können!“, entgegnet Viki.

„Jaaaa“, seufze ich. „Ich weiß, aber ich hatte einfach Angst, den Flug zu verpassen. Du weißt, wie unberechenbar der Verkehr auf der A3 ist. Da ist eigentlich immer Stau!“

„Außer heute!“, setzt sie nach, während Kimi munter in ihren Armen baumelt und Unverständliches vor sich hin brabbelt.

„Ja und was machen wir denn nun mit der Zeit?“, hakt Mama nach. „Ich meine, ich bin froh, dass wir noch so viel Zeit zusammen haben, aber wa…“ Sie kommt nicht weiter.

„Ok“, unterbreche ich sie. „Wie wäre es mit einem zweiten Frühstück?“

„McDonald´s? Wie immer?“, schlägt Viki vor.

Wir sind einverstanden. Etwas Besseres fällt uns sowieso nicht ein. Wir brauchen keinen Wegweiser zum Fast Food. Den Frankfurter Flughafen kennen wir längst in- und auswendig. Wie viele Male haben wir hier bereits ein Flugzeug bestiegen, haben jemanden begrüßt oder verabschiedet. Aber so weit, wie ich heute fliegen werde, bin ich noch nie geflogen. Meinen bis obenhin vollgestopften roten Reiserucksack habe ich glücklicherweise bereits einchecken können. Ihn habe ich extra für die große Reise gekauft und all meine Freunde darauf etwas schreiben oder zeichnen lassen. Jetzt hat der Rucksack Charakter und ich meine Freunde bei mir. Auch Mama und Viki haben etwas geschrieben. Kimi haben wir einen Handabdruck machen lassen. Nach unserem Snack und einem großen Kaffee schlendern wir ein wenig durch den Flughafen, schauen uns diverse Vitrinen an, bis wir uns dann langsam Richtung Sicherheitskontrolle begeben. Kimi baumelt mittlerweile in meinen Armen herum. Ich drücke ihn ein wenig fester an mich, sauge seinen süßlich milchigen Babygeruch ein. Er wird mir fehlen und er wird mich vergessen. Babys vergessen schnell. Ich werde lange weg sein, zu lange für sein Gedächtnis. Der Gedanke schmerzt mich, aber ich lasse es mir nicht anmerken. Stattdessen fange ich Kimis Blick auf und reagiere auf sein gurgelndes Brabbeln mit ähnlichen Geräuschen. Er lacht. An der Sicherheitskontrolle angekommen, heißt es ernsthaft Abschiednehmen. Hier werden wir uns gleich trennen müssen. Ich merke, wie sich ein undefiniertes Kribbeln zu einem Knoten in meinem Bauchraum verfestigt. Das Klackern und Piepsen der Technik lässt den Knoten wachsen, sodass ich vor Aufregung kaum mehr atmen kann. Gleich werde ich hier also durchgehen und dann werde ich alleine klarkommen müssen. Ein ganzes Jahr lang werde ich meine Familie nicht wiedersehen. Meine Freunde. Ich atmete tief durch und versuche mich an dem Gedanken festzuhalten, dass es eben nur ein Jahr ist und dass ein Jahr schneller vorbei sein wird, als man denkt. Vor allem, wenn man etwas zu tun hat, und in Australien werde ich definitiv viel zu tun haben, hoffe ich jedenfalls. Und dann werde ich klarer wieder zurückkommen, als ich es jetzt bin. Hier werden wir uns dann wieder sehen. Viki wird mich abholen. Kimi wird vermutlich laufen können und Mama wird einfach Mama sein. Aber jetzt muss ich erst einmal Tschüss sagen.

„Ach, bevor ich es vergesse“, setzt Viki an und holt etwas aus ihrer Handtasche hervor. „Hier. Das ist für dich, aber du darfst es erst im Flugzeug öffnen.“

„Was ist das?“

Viki verdreht die Augen. „Ich sagte doch. Erst im Flugzeug!“

„Und das hier ist mein Geschenk.“ Im nächsten Moment drückt mir Mama einen Umschlag in die Hand.

„Ist das ...?“

„… eine kleine Finanzspritze als Unterstützung!“

„Ich danke euch! Vielen Dank!“

Ich hasse das! Ich hasse solche Abschiede. Sie sind immer so emotional und da wir alle drei nah am Wasser gebaut sind, kommen uns natürlich schnell die Tränen hoch. Nacheinander umarmen mich Mama und Viki und nacheinander sagen sie das, was man bei einem solchen Abschied eben sagt. Und ich antworte das, was man dann eben so antwortet.

„Gute Reise!“

„Danke!“

„Pass auf dich auf!“

„Werde ich ganz bestimmt machen!“

„Hab viel Spaß!“

„Den werde ich haben!“

„Wir vermissen dich jetzt schon!“

„Ich euch auch!“

„Guu al lala guu“

„Und melde dich!“

„Klar melde ich mich! Warum sollte ich mich denn auch nicht melden?!“

„Hab euch lieb!“

„Wir dich auch!“

Ich bin komplett überfordert von der Abschiedssituation und kann mich vor allem von Kimi kaum losreißen. Dieses kleine Häufchen Mensch, das es vor wenigen Monaten noch so eilig hatte, auf die Welt zu kommen und das nun alle mit seinen leuchtend blauen Kulleraugen für sich einnimmt. Aber es nützt nichts. Ich muss los. Ich will los! Es drängt mich fort von hier. Und so reihe ich mich ein, um die Sicherheitskontrolle zu passieren. Immer wieder drehe ich mich zu meiner Familie um, die keinen Blick von mir abwendet. Die beiden winken jedes Mal gequält lächelnd, wenn ich zu ihnen schaue und auch ich winke gequält lächelnd zurück. Nur Kimi blickt in der Gegend umher. Er begreift natürlich nicht, was hier vor sich geht. Die Schlange wird kürzer, bis letztendlich ich an der Reihe bin. Ich zeige Reisepass und Boardingpass, lege meine Sachen auf das Fließband und passiere problemlos die Kontrolle, wodurch sich der Blickkontakt zu meiner Familie endgültig verliert.

Ich laufe und laufe und laufe. Die Strecke zu meinem Gate ist weit, sodass mein Innenleben etwas Zeit hat, seine Balance wiederzugewinnen. Mein Atem wird mit jedem Schritt ruhiger. Allmählich löst sich der Knoten auf. Der Druck im Herzen schwindet. Die Tränen kommen nicht mehr hoch. Nur das Kribbeln im Bauch bleibt. Vorfreude. Die freudige Spannung schwillt an, als ich eine Qantas-Maschine durch die Scheibe vorbeifahren sehe. Ob das schon meine ist? Am Gate angekommen, fallen mir viele junge Leute wie ich auf. Wir haben dasselbe Ziel, nehme ich an. Ich traue mich nicht, zu einem oder einer von ihnen rüberzugehen und ein Gespräch anzufangen. Lieber beobachte ich sie aus sicherer Entfernung. Fremde Menschen. Und dann werde ich auch noch Englisch sprechen müssen. Und einen Job suchen. Und Obdach. Und, und, und. Ich ärgere mich über die Schule. Ich habe keine Ahnung von all dem. Ich fühle mich nicht vorbereitet auf das Leben. Das wurde mir im letzten Schuljahr klar, wo mir diese dämlichen Funktionen zum Hals raushingen, von denen ich wusste, dass ich sie nie wieder brauchen würde und als mir klar wurde, dass ich keine Ahnung habe, wozu ich eine Lohnsteuerkarte brauche. Wo ich die überhaupt herbekomme. Keine Ahnung, was ich überhaupt brauche, um eigenständig in der Gesellschaft zu bestehen. Ein Klo! Da sollte ich lieber mal hin. Ja, das ist eine gute Idee. Bevor ich ins Flugzeug steige und bevor ich mich ganz den panischen Gedanken über meine Ahnungslosigkeit dem Leben gegenüber ergebe. Ich könnte dann auch diese schrecklichen, juckenden Thrombosestrümpfe unter meiner Jeans wieder hochziehen, die statt bequem an den Oberschenkeln zu sitzen, schon jetzt in den Kniekehlen hängen und das Blut eher abschnüren, als es besser fließen zu lassen.

2. Marie

Außentemperatur -48 °C. Höhe 11.277 m. Geschwindigkeit 924 km/h. Zwischen mir und meiner Familie liegen bereits Tausende von Kilometern und dabei bin ich noch nicht einmal richtig am anderen Ende der Welt angekommen. In ein paar Stunden werde ich in Singapur landen, wo ich mir im Bad eines Hotelzimmers einen Haufen nasses Klopapier ins Gesicht drücken werde, damit meine Nase endlich aufhört zu bluten.

„Du siehst ein bisschen aus wie ein Schwein!“, wird Marie lachen.

„Haha, sehr witzig. Pass auf, sonst fange ich gleich zu grunzen an!“, werde ich entgegnen und mir neues Papier von der Rolle abwickeln.

„Das hört gleich auf. Ist sicher vom Druck. Oder von der Klimaanlage im Flugzeug.“

Und wenn das mit dem Nasenbluten endlich abgehakt ist, werden wir das Hotel verlassen und durch das nächtliche Singapur streifen. Wir werden seine Lichter bewundern und uns bei unseren Streifzügen an den rissigen Fassaden orientieren. Aber noch sind wir in der Luft. Noch schläft Marie im Sitz neben mir. Und ich bin froh, dass sie nicht so schnarcht wie der Typ zu ihrer Linken. Meine Kopfhörer habe ich bereits bis zum Anschlag aufgedreht und dennoch betten sich die Schnarchgeräusche als parallele Soundebene in meine Musik ungefragt ein. Einen Moment lang verliere ich mich im Rhythmus seines sich hebenden und senkenden dicken Bauches. Ich wünschte, ich könnte auch einfach einschlafen, aber ich bin hellwach. Mir fällt Maries Pferd Heidi ein, das sie in Stuttgart schweren Herzens zurücklassen musste und von dem sie mir, noch ehe sie sich neben mich setzte, angefangen hat zu erzählen. Wie ich reist auch Marie alleine. Wie ich ist auch sie gerade erst zwanzig geworden. Frisch das Abi in der Tasche. Und wie ich, und das ist wirklich ein ungewöhnlicher Zufall, steuert sie in Singapur dasselbe Hotel und in Sydney dasselbe Hostel an. Ich habe nichts mit Pferden am Hut. Wenn ich es mir recht überlege, finde ich sie sogar irgendwie gruselig. Maries Pferd ist rotbraun? Karamell? Kupfer? Es ist orange. Ich stelle mir vor, wie Heidi mit ihrem orangenen Schwanz erfolglos Fliegen weg zu wedeln versucht und wie sie erfolgreich streng nach Heu riecht. Bei dem Gedanken an Heu und Fliegen fangen meine Omastützstrümpfe unter der Jeans sofort wieder an zu jucken. Vielen Dank auch! Ich kratze an den Waden, aber es hilft nicht. Das Kratzen verstärkt das Jucken sogar noch mehr. Die Dinger zwicken in den Kniekehlen und nerven mich schon seit … eigentlich seitdem ich sie aus der Tüte gezogen habe. Ich verrenke mich in meinem Sitz, mache ein Bein lang und versuche den Strumpf irgendwie durch die Hose hindurch zu greifen, um ihn etwas hochzuziehen. So richtig will das jedoch nicht klappen. Auch das Bein zu wechseln bringt nichts.

„Was macht du da?“, fragt mich Marie.

„Was? Ich will diese dämlichen Strümpfe hochziehen … oder noch besser ausziehen! Die sitzen aber so fest, dass ich da nicht richtig rankomme. Es geht weder hoch noch runter. Ich halte es nicht mehr aus mit diesen Dingern!“

„Die Thrombosestrümpfe von deiner Mutter?“

„Jaaa“, seufze ich.

„Zeig mal her!“, fordert mich Marie auf und ist keine Sekunde später dabei, an meinem Bein zu hantieren. Sie hebt meinen Fuß zu sich auf den Schoß, wodurch ich hart in meinen Sitz zurückfalle. Während sie versucht, mein Hosenbein hochzukrempeln, halte ich dagegen. Zwecklos. Ich schäme mich für dieses grässliche Beige.

„Stell dich nicht so an. Halt du die Jeans und ich ziehe an dem Strumpf.“

Naserümpfend und mit hochrotem Kopf, jedenfalls fühlt er sich so an, folge ich der Anweisung meiner Sitznachbarin. Tatsächlich bewegt sich der Strumpf nach unten. Bis zum Knöchel klappt es sogar richtig gut. Nur das letzte Stück, die Ferse ist schwierig. Zu eng. Zu gerafft. Umständlich ziehen wir in Teamwork den Stoff Millimeter für Millimeter ab. Was für ein befreiendes Gefühl! Wie leicht sich mein Bein im Vergleich zum anderen nun bewegen kann. Beinah schwerelos. Wie dankbar es für die wiedergewonnene Freiheit ist. Dasselbe versuchen wir nun mit dem anderen Bein. Erneut hakt es an der Ferse. Und diesmal sitzt das letzte Stück Stoff einfach viel zu fest.

„Mein Gott, deine Fersen scheinen echt asymmetrisch zu sein. Die hier ist definitiv dicker als die andere!“

„Die ist einfach nur schon geschwollen von dem ganzen Zerren und Drücken und Schieben“, wehre ich mich. Abgesehen davon. „Welcher Mensch ist schon symmetrisch?!“

„Ok, ich ziehe einfach mal mit Kraft und du hältst dagegen! Vielleicht geht´s so. Ist ja nur noch ein kleines Stück.“

Ich lasse mich darauf ein. Die Idee macht Sinn. Der Strumpf bewegt sich erst langsam, spannt sich dann aber unter Maries Ziehen immer weiter an, bis er abrupt und unkontrolliert über die Ferse rutscht und mit den letzten Zentimetern seiner Spitze den Bauch ihres schnarchenden Sitznachbarn peitscht. Während wir in der Bewegung erstarren, hustet dieser kurz durch einen Schnarcher auf, um dann seine Position zu wechseln und wieder tiefer in den Schlaf zu fallen. Wir hingegen fallen in ein ausgiebiges Kichern, das erst abklingt, als es ein Meer an Lachtränen freigibt.

„Pack die Dinger bloß so weit wie möglich weg!“

„Wenn ich könnte, würde ich sie sofort aus dem Flugzeugfenster schmeißen!“

Aber meine Handtasche sollte vorerst als So-weit-wie-möglich reichen. Als ich sie öffne, entdecke ich Vikis Päckchen, das ich im Flugzeug aufmachen sollte. Daran habe ich irgendwie gar nicht mehr gedacht. Ich hole das Päckchen hervor, stecke die Strümpfe mechanisch in die Tasche und verstaue diese wieder unter dem Sitz vor mir. Nachdem ich behutsam das Band löse, entfalte ich ebenso behutsam eine Papierkante nach der anderen. Das ist ein Buch. Ich blättere durch die Seiten. Ein Notizbuch. Auch eine Karte ist dabei.

Liebe Isa,

Dieses Notizbuch ist nicht für dich, sondern für mich, damit ich all deine Abenteuer lesen kann, wenn du wieder da bist. Komm ja nicht zurück, bevor das Buch nicht voll ist! Genieß jeden Moment! Hab dich lieb, deine Viktoria.

***

Meine Nase hat endlich aufgehört zu bluten. Ich wische mir das letzte bisschen Rot aus dem Gesicht. Den Rest erledigen leichtes Make-up und Mascara. Obwohl die Uhr gegen Mitternacht läuft oder gerade, weil die Uhr gegen Mitternacht läuft, wollen wir keine Zeit verlieren. Der Zwischenstopp in Singapur gibt uns nur eine Nacht und einen halben Tag, um in die Stadt einzutauchen. Mit einem Stadtplan in der Hand streunen wir in den lebendigen Straßen umher, begutachten die Melange an verkommenen und modernen Gebäuden, Menschen mit milchigen Plastiktüten, den mehr oder weniger regen Rollerverkehr. Die Luft ist stickig, feucht, heiß. Sie wiegt schwer in unseren Lungen und auf unserer Haut. Sie ist so körperlich. So einnehmend. Sie fordert unseren Atem heraus. Auf der Suche nach einem Restaurant biegen wir in eine weitere Seitenstraße ein. Ja. Die Straßen leben wirklich. Sie sind dreckig, durchwoben von einer eingefärbten Nässe, in der sich bunt blinkende Lichter spiegeln, und sie riechen nach gammeligem Parfum. Ich bin begeistert! Genau das wollte ich! Das Neue, das Fremde! Und jetzt bin ich mittendrin.

Mittlerweile haben wir Mitternacht weit hinter uns gelassen. Wir sitzen draußen in irgendeiner unbestimmten Ecke an einem wackeligen Aluminiumtisch, der definitiv schon bessere Zeiten gesehen hat und warten auf unser Essen. Ich wundere mich, ob er dem Gewicht gefüllter Teller überhaupt standhalten kann. Neben uns stehen noch drei solcher Tische. An einem davon sitzt ein Mann, ein Einheimischer. Keine Touristen weit und breit. Darauf haben wir geachtet. Ob das eine gute Idee war, bin ich mir nicht ganz sicher. Ich blicke zur Glasvitrine, die das sonderbare Innenleben des Lokals freilegt. Der Laden sieht stark heruntergekommen und improvisiert aus. Nicht gerade einladend. Aber etwas anderes konnten wir nicht finden. Jedenfalls nicht in dieser Gegend hier, wo auch immer wir uns gerade befinden.

„Ich traue denen kein Stück über den Weg! Wieso starren die uns überhaupt die ganze Zeit an?“, sage ich zu Marie und „Noch nie einen Touri gesehen oder was?“ zu den drei Ratten in der Kanalrinne neben uns.

„Naja, ich denke, die wissen einfach ganz genau, dass wir gleich etwas Leckeres zu essen bekommen. Die liegen auf der Lauer.“

„Meine Güte, haben wir uns vielleicht eine Ecke ausgesucht! Ich habe beim Essen noch nie Ratten unter meinen Füßen gehabt. Da! Jetzt glotzt die mich schon wieder so verdächtig an! Komm ja nicht auf dumme Gedanken! Ich werde bestimmt nichts mit euch teilen. Da könnt ihr Gift drauf nehmen. Am besten Rattengift!“

„Habt ihr das gehört!“, raunt nun auch Marie die Ratten an. „Seht euch lieber vor!“

Die Fliegengittertür wird knarrend aufgestoßen und fällt, als der Kellner mit unserem Essen auf die Straße hinaustritt, hinter ihm wieder zu. Er stellt die Nudelsuppe vor mich hin und das Reisgericht vor Marie. Wir tauschend die Teller, denn ich hatte das Reisgericht und Marie die Suppe bestellt. Beide Gerichte sehen herrlich aus. Sie duften wunderbar gegen das Straßenparfum an. Unvermittelt schreit der Kellner etwas, das wir nicht verstehen, in Richtung Fliegengittereingangstür. Offensichtlich hat er unsere drei pelzigen Musketiere entdeckt. Im nächsten Augenblick erscheint ein älterer Mann mit einem Besen in der Hand und geht schimpfend auf die Ratten los. Marie und ich tauschen belustigte Blicke aus. Es ist zu köstlich, wie der Mann im fleckigen, hellblauen T-Shirt versucht, die Ratten, die beinah so groß sind wie er selbst, zu verscheuchen und wie er scheitert, denn die Ratten denken nicht im Geringsten daran, sich auch nur einen Zentimeter zur Seite zu bewegen. Also lässt er es am Ende doch gut sein und verschwindet zurück ins Lokal.

„Ich glaube, das hat er gerade nur für uns gemacht“, erklärt Marie. „Die Ratten scheint man nicht so einfach wegzubekommen. Ich glaube, dass sich die Menschen hier einfach mit ihnen arrangieren. In einer Art Co-Existenz.“

„Hm. Ich bin mir da nicht so sicher. Wie dem auch sei, das wird jedenfalls mein erstes Abenteuer für Viki sein! Sie wird mich umbringen, dass ich ihr das antue. Weißt du, sie hat nämlich eine Maus-Ratten-und-alles-was-danach-aussieht-Phobie.“

„Oje. Die Arme, dass sie so unter dir leiden muss!“, grinst Marie.

„Eigentlich leidet keine von uns unter der anderen. Wir haben sogar ein sehr gutes Verhältnis. Sie ist immer auf meiner Seite und ich stehe auch immer hinter ihr. Vielleicht könnten wir gleich noch versuchen, einen Supermarkt zu finden? Ich würde gerne Kleber kaufen, um die Flugtickets und all solche Sachen in das Buch zu kleben. Das würde sie sicher auch gerne sehen.“

„Klar. Wir können versuchen, Kleber zu besorgen.“

„Weißt du zufällig, was Kleber auf Englisch heißt?“

„Paper stuff", antwortet Marie nach einer zögerlichen Pause.

„Paper stuff?“, wiederhole ich mit hochgezogener Augenbraue. Sie weiß genauso wenig, was Kleber auf Englisch heißt, wie ich.

***

Mir dröhnt der Schädel. Wo ist die hibbelige, aufgedrehte Stimmung von gestern Nacht hin? Ich bin halb tot, als der Wecker klingelt. Jetzt haut die Erschöpfung mit voller Wucht rein. Die Zeitverschiebung. Das späte Essen. 9.00 Uhr morgens. Marie zieht neben mir ihre Decke über den Kopf und dreht sich knurrend weg. Die Dame an der Rezeption war gestern Nacht sehr kulant und stornierte Maries Zimmer, sodass wir uns mein Zimmer teilen konnten. Ich schubse Marie in die Seite und sie mich zurück. Keine von uns will zuerst ins Bad, aber es wäre blöd, das Frühstück zu verpassen, also ergibt sich Marie letztendlich und kriecht als Erste aus den Federn. Kurze Zeit später krieche auch ich hinterher. In Form einer Stadtrundfahrt folgt ein strammes Touriprogramm, dessen Stationen wir im Halbschlaf abarbeiten. Nachher werde ich den Blick vom Botanischen Garten auf das Meer, das seltsamerweise so aussieht, als läge das Wasser höher über den Bergkanten, notieren. Als sei der Horizont gegen die Gesetze der Physik verschoben, werde ich schreiben. Auch die vielen bunten Vögel und den monsunartigen Platzregen, der in Nullkommanichts tiefe Pfützen im aufgerissenen Asphalt kreiert, werde ich festhalten.

„Ja, solche Regenschauer habe ich in den neun Monaten quer durch Asien öfter erlebt", erzählt Stine. Braungebrannte, makellos strahlende Haut. Kurzes hellblondes Haar, dunkle Augen. Sie sieht genauso aus, wie ich mir eine richtige Backpackerin vorstelle. Sie strahlt Mut und Freiheit aus. Eine gewisse Entspanntheit und Zuversicht. Ich checke das Display. Noch fünf Stunden bis Sydney. Stines letzte Station.

„Ich bleibe auch nur eine Woche in Sydney, bis es wieder nach Dänemark geht.“ Sie erzählt von Asien und von ihrem Freund, mit dem sie die große Reise begonnen hat, der dann aber ziemlich schnell zu ihrem Ex-Freund wurde.

„Es war eigentlich zu erwarten, dass es so kommt. Wir haben uns schon zu Hause nicht mehr so gut verstanden. Eine große Erleichterung also.“

„War es denn nicht komisch für dich, plötzlich alleine zu reisen? Ich meine, hattest du denn keine Angst? Ich meine … ich weiß auch nicht, was ich meine“, stottere ich.

Stine lacht auf. „Nein, ich hatte keine Angst. Wie gesagt, es war eine Erleichterung und da wir uns erst nach sechs Wochen on the road getrennt haben, kannte ich die Strukturen in Asien schon ein wenig. Ehrlich gesagt, habe ich mehr Angst davor, bald wieder zurück in Aarhus zu sein ... aber egal. Was ist mit dir? Du reist doch von Anfang an alleine.“

„Naja, ich weiß es nicht. Hin und wieder finde ich es schon ein klitzekleines bisschen unheimlich, wenn ich ehrlich bin. Aber eigentlich überwiegt die Aufregung. Die Freude, das Fernweh. Die Lust auf das Land.“

„Das Fremde ist immer am Anfang unheimlich. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich die Dinge einfach fügen, wenn man sie lässt. Da muss man gar nicht groß organisieren oder planen. Es öffnen sich Gelegenheiten und die ergreift man dann eben oder nicht. Du wirst schon sehen. Und als Alleinreisende lernt man viel schneller Leute kennen. Es gibt so viele, die mitreisen, ohne dass es einem bewusst ist.“

Als Stine das sagt, fällt mir meine erste Bekanntschaft Marie, die ein paar Reihen weiter vorne sitzt, ein. Wir wechseln das Thema und unterhalten uns weiter über das Flugzeugessen, dessen matschige Konsistenz und verkochter Geruch Würgereize bei Stine hervorrufen, während ich dem mehr als nur viel abgewinnen kann. Ich liebe es, diese kleinen Plastikbecher zu öffnen, und eigentlich schmeckt es mir auch. Stine schiebt ihr Essen zu mir rüber. Toll! Zwei Portionen für mich alleine.

Gegen 4.00 Uhr morgens landen wir endlich in Sydney. Ich verabschiede mich von Stine und treffe bei der Gepäckausgabe Marie, wie verabredet, wieder. Es dauert ewig, bis wir im Hostel ankommen. 6.30 Uhr. Irgendwie kommt es mir vor, als sei es noch immer derselbe Tag, an dem ich in Frankfurt losgeflogen bin. Es ist gefühlt seit drei Tagen derselbe Tag. In Wirklichkeit ist dem natürlich nicht so. Die Zeit spielt mir einen Streich. Nach derart viel Bewegung in ihr bin ich leicht durcheinander. Wir können erst gegen Mittag in unser Dorm, dürfen aber zumindest unser Gepäck im nach Schweiß riechenden Nebenraum abstellen. Bei einem kühlen, süßen Eiskaffee, den wir uns an der kleinen Bar im Hostel gönnen, beschließen wir, zur Harbour Bridge zu gehen, um uns einen ersten Eindruck von der Stadt zu verschaffen. Der nette Typ an der Rezeption breitet einen kleinen Stadtplan vor uns aus und erklärt uns den Weg. Die Harbour Bridge ist nicht weit weg vom Base Hostel. So wie es aussieht, werden wir nicht lange brauchen, bis wir auf der Brücke stehen werden. Bis mich das Opera House durch das Schutzgitter der Brücke anstrahlen wird und ich zurückstrahlen werde. Ich werde die Brise, die mich vom Ozean erreicht, auf ihr Aroma abtasten und ich werde mich frei fühlen. Es war eine gute Entscheidung. Hierher zu reisen war die einzig richtige Entscheidung. Ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal so vollkommen leicht gefühlt habe, wann ich das Gefühl hatte, keine Pflichten erfüllen zu müssen. Die durch den Schlafmangel bedingte Verlangsamung fügt meiner Leichtigkeit die Kirsche auf der Sahnetorte hinzu. Ich fühle, wie ich lächle. Weder Marie noch ich sprechen ein Wort. Wir stehen einfach nur da, jede versunken in sich selbst, hinaus oder hineinblickend in die graue Weite von Sydneys wohl bekanntester Aussicht. Ich habe keine Ahnung, was in der nächsten Zeit auf mich zukommen wird und schon gar nicht, was ich mit meinem Leben anstellen soll. Ich bin nur froh, weit weg zu sein. Die kleine Andeutung von Landkarte, die ich im Inneren spüre, reicht mir für diesen Moment aus. Eine vage Skizze, eine warme Bewegung im Herzen, die ich nicht deuten kann. Noch nicht. Ein bisschen so wie das angenehme Blubbern eines Outdoor-Whirlpools bei Minusgraden. Genau jetzt fängt etwas an, sich zu verändern und das soll es auch. Ein scharfes, ekelhaftes Geräusch zerschneidet den Fluss meiner Gedanken. Marie und ich drehen sofort unsere Köpfe in Richtung des Lauts. Wir haben überhaupt nicht bemerkt, dass da noch jemand neben uns auf der Brücke steht. Wiederholt zieht der Typ grunzend Spucke aus dem tiefsten Inneren seines Rachens hoch, holt aus und rotzt durch das Gitter soweit er kann. Entgeistert starren wir ihn an.

„Sorry Leute. Der erste Versuch war nix", sagt er.

3. Nick

Es grummelt und blitzt verdächtig in den dunklen Wolken, die sich hinter dem Opera House immer weiter zu einer massigen Formation verdichten. Wenn ich meine Uhr richtig umgestellt habe, dann ist Mittag auch schon durch. Unsere Zimmer dürften somit wohl bezugsfertig sein.

„Wollen wir langsam zurück zum Base? Ich würde es heute noch gern ins Internetcafé schaffen, um Mama und Viki zu schreiben, dass ich gut angekommen bin. Sonst habe ich ein schlechtes Gewissen.“

Wieder knurrt der Himmel, diesmal deutlich lauter und bedrohlicher. Wir treten den Heimweg an und verlassen die Brücke.

„Vielleicht könnten wir es sogar noch vor dem Regen bis zum Hostel schaffen! Ist ja nicht weit", sagt Marie.

Zügig überqueren wir die Straße. Die Karte sagt rechts, links, geradeaus, wieder links und dann müsste die Kenneth Street auch schon kommen. Wir gehen rechts, links, geradeaus, wieder links. Doch die Kenneth Street kommt nicht. Irgendwo auf dem Weg müssen wir falsch abgebogen sein oder haben die Karte falsch gelesen. Ein Donnern erschüttert die Luft und lässt uns aufschreiend zusammenzucken. Ich bekomme einen ersten Regentropfen ab und mir wird klar, dass wir nach Singapur nun die nächste Dusche kassieren werden. Als hätte Frau Holle den Schneeeimer und den Wassereimer zusammengemischt und voller Wonne über uns ausgekippt. Bei jedem Donnerschlag zucken wir zusammen und kreischen vor Schreck auf. Das Gewitter tobt direkt über uns. Dem Unwetter hilflos ausgesetzt irren wir nass bis auf die Knochen durch Sydneys Straßenlabyrinth. Mir ist, als würde die Welt gerade untergehen. Marie und ich reden nicht miteinander, sondern schreien regelrecht gegen die vom Wind beschleunigte, peitschende Regen- und Hagelwand an. Triefend, kalt und ausgepowert lasse ich mich nach gefühlt Jahrhunderten quälender Hostelsuche endlich auf mein Bett fallen, um nach einer Sekunde wieder aufzuspringen, da mir bewusst wird, dass mein Bett ebenfalls triefend, kalt und ausgepowert sein wird, wenn ich liegen bleibe. Nach einer heißen Dusche und mit sauberen Klamotten bleibe ich dann aber endlich liegen, die Augen geschlossen. Ich habe es nicht ins Internetcafé geschafft, um meiner Familie und meinen Freunden zu schreiben, dass ich gut angekommen bin. Der Regen hat mich niedergeschlagen, meine Stimmung geflutet. Mit jedem Herzschlag fühle ich den Nachklang des Donnerschlags und mit jedem Nachklang blitzen kaleidoskopartige Bilder vor meinem inneren Auge auf. Ich beschließe, dass es nicht der Regen war, sondern die Zeit, die drei Tage in einen einzigen Tag hineingequetscht hat. Wie ein Wurmloch, das ich passiert habe und dessen Nebenwirkung ein kleines inneres Chaos zur Folge hat. Ich sollte einfach mal eine Runde schlafen. Vielleicht habe ich danach ja sogar Lust, zu diesem komischen Hostel-Event zu gehen, wo irgendwelche T-Shirts verlost werden. Mein Discman liegt neben mir. Unter `Sunrise Over Sea´ von John Butler Trio gehe ich mögliche Stationen im Kopf durch. Sydney – Nationalpark Blue Mountain – Bushwalking. Newcastle. Brisbane. North Stradbroke Island und Sandboarding. Surfers Paradise – Surfen? Ich weiß nicht. Hoch Richtung Charters Tower. Great Barrier Reef – Tauchen? Nein. – Schnorcheln? Vielleicht. – Haie? Besser nicht! Flugzeug – nach Sydney – dann erst Blue Mountains? – Trip? – Melbourne – Eden Whale Watching? – 25 $ – Canberra. Adelaide. Mit dem Zug zum Uluru. Mit dem Flugzeug nach Perth. Mit dem Fahrrad zum Bungee Jumping. Kwinana Fwy. An der Westküste hoch nach Darwin.

Dieser Plan wird sich noch so oft ändern. Das ist mir jetzt schon klar.

***

„Wie fandst du die Backpackers Expo?“, will Marie wissen, als wir die Ausstellung verlassen.

„Naja, die Schlange, die mir der eine Typ um den Hals gelegt hat, war mir schon suspekt. Ich hatte ein bisschen die Befürchtung, dass sie mir mein neues T-Shirt versauen würde.“ Schlangen sehen im Fernsehen immer so unheimlich glitschig aus. Die bei der Expo war trocken, lauwarm, grau und rau. Wie mildes Sandpapier.

„Ich meine doch nicht die Schlange. Fandst du das Ganze informativ?“

„Um ehrlich zu sein, kann ich mich an die Hälfte gar nicht mehr erinnern. Bis zur Orientation um 14.00 Uhr haben wir noch etwas Zeit. Wollen wir etwas essen gehen?“, frage ich.

„Gute Idee!“

„Ich habe heute früh noch sieben Nächte mehr im Base gebucht. Sieben ist eine gute Zahl. Diese eine Woche gebe ich mir Zeit. Wenn ich bis dahin keinen Job gefunden habe, will ich weiter Richtung Norden reisen. Ich denke da an Byron Bay“, überlege ich laut. „Ich könnte unterwegs versuchen, auf einer dieser Fruit Farms zu jobben. So etwas haben die vorhin als Möglichkeit erwähnt.“

„Du kannst im Internet nach mehr Informationen darüber suchen.“, wirft Marie ein.

„Ja, morgen dann. Heute schaffe ich es bei all den Terminen wieder nicht ins Internetcafé. Morgen muss ich auch noch in ein anderes Zimmer umziehen. 415 oder so. Ein bisschen umständlich, aber anders geht’s nicht, meinte der Typ an der Rezeption. Mein jetziges Bett ist ab morgen leider schon anderweitig gebucht.“

„Immerhin hat es überhaupt geklappt, den Aufenthalt zu verlängern", gibt Marie zu bedenken.

„Ja, das stimmt!“

„Ich denke, ich bleibe länger in Sydney. Ich kann mir sogar einen oder zwei Monate vorstellen, wenn ich hier einen Job finde. Ich stresse mich da nicht. Hey, hast du nicht ein neues Handy gekauft? Lass uns die Nummern austauschen.“

„Ja! Und dann kann ich dir gleich eine Test-SMS schicken.“

Das Handy funktioniert einwandfrei. Dazu habe ich eine Telefonkarte besorgt, um billig nach Deutschland zu telefonieren.

„Wollen wir heute Abend losziehen und schauen, was hier nachts so geht?“

„Weißt du was, Marie, das ist eine fantastische Idee!“

Ich erzähle Marie von dem Club 3 Monkey´s, der mir bereits von mehreren Leuten aus dem Hostel empfohlen wurde. Das muss das Ding hier sein. Und gegen Mitternacht stehen Marie und ich dann auch vor dem Eingang des Clubs. Ein Schrank in Anzug stellt sich uns entgegen und mustert uns vom Scheitel bis zu den Zehen. Da sein Blick von unseren Zehen nicht wieder hochkommt, schauen wir ebenfalls an uns runter. In einem gleichgültigen Ton sagt er, dass er uns mit Flipflops nicht in den Club lassen wird. Wir müssen erst die Schuhe wechseln und sollen zur Seite gehen. Am liebsten würde ich jetzt im Erdboden versinken. Nach der Abfuhr dampfen wir schnellstmöglich zum Hostel, das zu unserem Glück um die Ecke liegt, ab. Nachdem wir uns mit clubgeeigneterem Schuhwerk dem Türsteher ein zweites Mal präsentieren, lässt er uns wortlos nickend passieren. An der Bar bestellen wir Cocktails und blättern pro Drink 14.40 $ hin. Uff, 9 Euro sind das ungefähr. Na gut. Wenigstens schmeckt mein Drink. Der Club ist voll. Wir bahnen uns den Weg ins zweite Obergeschoss. Eine lokale Live Band rockt eine kleine Bühne. Eine Weile bleiben wir. Rockmusik scheint hier sehr beliebt zu sein. Man hört sie an jeder Ecke. Die Band beendet ihren letzten Song, was uns dazu veranlasst, wieder eine Etage tiefer zu gehen. Leicht angeheitert tanzen wir ausgelassen zu uns bekannten Beats, bis uns Britney Spears die Tanzlaune vermiest. Und da es bereits 4.00 Uhr ist, beschließen wir, uns von Britney Spears ganz aus dem Club vertreiben zu lassen. Um noch ein wenig frische Luft zu schnappen, machen wir einen kleinen Umweg über den Hyde Park, wo wir uns zufrieden auf eine Bank setzen, wenngleich uns der Typ mit seiner McDonald´s Tüte auf der Bank schräg gegenüber seltsam vorkommt. Da wir ihn nicht im Geringsten zu interessieren scheinen, stufen wir ihn als harmlos ein. Im Hyde Park leuchten die Lichter der vorweihnachtlichen Dekoration von riesigen Bäumen auf uns herab. Solche Bäume kenne ich nicht. Ich bin so weit von einem vorweihnachtlichen Gefühl entfernt, wie man es nur sein kann. Es ist Ende November, also mitten im Sommer. Es ist mild, warm sogar. Da kommt einem die Idee von Weihnachten absurd vor. Marie beobachtet die Fledermäuse, wie sie zwischen den Bäumen lautstark flatternd manövrieren. Ich beobachte den breitbeinig sitzenden, schläfrigen Typen, wie er umständlich eine Pommes nach der anderen aus der Tüte fischt und wie er Mühe dabei hat, seinen Mund zu treffen. Wie alt mag er wohl sein? Um die fünfzig Jahre vielleicht? Er wirkt gut angetrunken. Und wie ich so über den Typen nachsinne, taucht mir nichts dir nichts eine fette Ratte aus dem Busch hinter ihm auf, huscht zwischen seinen Beinen durch, rennt quer über den Platz, um im nächsten Busch wieder zu verschwinden. Marie und ich schauen der Ratte stumm und wenig beeindruckt nach.

„Ist dem Typen wohl gar nicht aufgefallen", sage ich schmunzelnd zu Marie, als der Mann auch nach mehreren Sekunden keine Reaktion zeigt.

„Der ist wohl einfach zu dicht, um überhaupt noch etwas zu merken!“

„Oder die Leute haben sich tatsächlich, wie du sagst, an Ratten gewöhnt. Keiner beachtet sie. Sieh uns an! Nicht mal wir reagieren mehr auf sie!“, füge ich hinzu.

„Sie gehören hier zum Allta…“ Marie kommt nicht weiter.

„Hey!“, ruft der Typ unvermittelt. „War das gerade eine verfickte Ratte?“ Der Kopf schwankt ihm auf den Schultern.

„Jaa, das war gerade eine verfickte Ratte!“, bestätigen Marie und ich wie aus einem Hals.

„Fuck! Fuck, Fuck! FUCK!“, brüllt er vor sich hin. Die Lethargie ist nun einem nervösen Hin- und Herrutschen gewichen.

„Weißt du, ich glaube, die kann dein Essen riechen", sage ich ihm, warum auch immer.

Im nächsten Moment erhebt sich der Typ in einer präzisen Bewegung von seinem Platz, so als sei er mit einem Mal nüchtern, zerknüllt die McDonald´s-Tüte und schmettert sie mit voller Wucht unter den Worten „Die kann mein verficktes Essen haben!“ genau in den Busch, in den die Ratte verschwunden ist. Laut schimpfend trottet er davon.

„Hm, vielleicht kann man sich an Ratten doch nie wirklich gewöhnen“, kommentiert Marie. Ich nicke ihren Kommentar ab.

Mein Rhythmus ist im Eimer. Ich kann nicht schlafen. Die Zeit am anderen Ende der Welt dröhnt mir gewaltig im Kopf. Ich schnappe mir mein Handy, schlüpfe in meine Flipflops, zupfe meinen Pyjama zurecht und gehe nach draußen auf die Treppe. Keine Ahnung, wie spät es jetzt in Deutschland ist. Als ich gerade dabei bin, eine SMS an Viki zu tippen, fragt mich eine Spanierin nach einem Wecker. Ich habe keinen. Wir unterhalten uns ein bisschen. Ein Däne und ein Finne kommen dazu und steigen in das Gespräch ein. Nach einer Weile verschwinden die Spanierin und der Däne. Der Finne bleibt. Mit einem Kaffee in der Hand und nur in Unterhose kommt ein Engländer dazu. Kurze Zeit später zwei Schweizerinnen. Der Engländer geht wieder rein. Der Typ von der Rezeption kommt raus. Viki antwortet. Ich soll bei Mama auf dem Festnetz anrufen. Sie macht sich schon Sorgen. Natürlich macht sie sich Sorgen. Ich habe ja auch noch immer keine Zeit gefunden, mich zu melden. Ich entferne mich ein Stück von dem Kommen und Gehen auf der Treppe, um etwas Ruhe zum Sprechen zu haben. Die Nummer, die ich eintippen muss, ist endlos lang, aber es scheint zu funktionieren. Schon nach wenigen Tönen hebt Mama ab.

„Hallo Mama!“

„Luisa! Na endlich! Wieso meldest du dich nicht? Ich habe mir schon Gott weiß was ausgemalt! Wie geht es dir? Wie war der Flug? Bist du gut angekommen?“

„Ja, es ist alles gut, Mama. Ich hatte doch noch kein Handy und ins Internetcafé habe ich es auch noch nicht geschafft. Ich hatte einfach zu viel zu tun.“

„Aber melden hättest du dich wenigstens können! Hast du denn überhaupt was gegessen?“

„Na klar. Was für eine Frage!“

„Und wie ist Sydney? Du gehst doch nachts nicht alleine raus oder?“

„Nein. Ganz bestimmt nicht“, lüge ich. „Die Stadt ist eigenartig … in einem sehr positiven Sinn! Es ist toll hier. Die Menschen um mich herum sind supernett. Wie geht´s euch denn?“

„Ach, uns geht´s gut. Kimi hat sich gestern eine kleine Beule geholt. Viki hat sich nur einmal kurz weggedreht, da ist er vom Sofa gerollt. Naja, so ist das hier bei uns. Ja und wie sind deine Pläne? Hast du schon einen Job?“

„Mama, Isa ist gerade erst in Sydney gelandet. Lass sie doch erst mal richtig ankommen“, höre ich Vikis Stimme im Hintergrund.

„Ist ja gut, Viktoria. Was frage ich Luisa denn so Schlimmes? Isa, hörst du?! Pass bitte gut auf dich auf, ja? Du weißt, ich denke immer an dich.“

„Ich weiß, Mama, ich weiß. Ich pass auf, wie immer. Gibst du mir bitte Viki noch mal kurz?“

„Ja. Und melde dich!“

„Mach ich. Tschüss Mama.“

„Tschüss, mein Schatz!“

„Heyyy du Weltenbummlerin! Na, wie voll ist denn mein Notizbuch? Hast du überhaupt schon was reingeschrieben?“

„Hey Viki, na klar! Was denkst du denn?! Die ersten Seiten sind gefüllt. Vielen Dank noch mal für das tolle Geschenk. Ich habe mich echt gefreut, auch wenn es, wie du schreibst, für dich selbst ist“, grinse ich in den Hörer hinein.

Viki schnalzt mit der Zunge. „So ist das! Schön, deine Stimme zu hören. Du klingst munter.“

„Ja, zu munter für diese Uhrzeit. Naja egal. Und was ist mit dir? Du lässt deinen Sohn vom Sofa rollen, wie ich höre?“

Viki seufzt. „Ich muss ihn wohl oder übel anketten! Nee, alles gut. Er wird´s überleben. Halb so wild. Ich muss leider auch schon los. Nächstes Mal quatschen wir ein bisschen länger, ok?“

„Klar. Dann mach´s gut und gib Kimi einen dicken Schmatzer!“

„Mach ich. Hab dich lieb. Tschüss.“

„Bis dann.“

Das Gelächter von der Treppe dringt zu mir in meine dunkle Ecke etwas abseits durch. Der Anruf nach Hause hat das Dröhnen des Zeitunterschieds sogar noch verstärkt. Ich fühle mich schwer, als wäre eine Last wieder da. Die Kette, die Viki Kimi im Scherz anlegen wollte, fühle nun ich einmal mehr. Ich muss mehr Abstand gewinnen. Ich muss noch weiter weg.

***

Ich bin froh, nicht die einzige Frau in Dorm 415 zu sein. Da ist Chloé, die neben mir im Gemeinschaftsbad steht und Make-up aufträgt, während ich mir die Zähne putze. Sie klärt mich über unsere Mitbewohner auf, über die es eigentlich nicht viel aufzuklären gibt. Drei Typen, von denen einer einen merkwürdigen Eindruck auf sie macht. Als ich gestern Morgen eingezogen bin, hat der besagte Typ noch geschlafen. Den Tag über war ich nicht da. Und abends war er nicht da. Heute Morgen auch nicht. Sodass ich bis jetzt nur die anderen beiden kennengelernt habe.