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Ein Ermittler mit Narben. Eine alte Verschwörung erwacht. Der neue Band der erfolgreichen Thriller-Serie! Für alle Fans von Skandinavien-Krimis und Leser*innen von Stieg Larsson, David Lagercantz und Jussi Adler-Olsen. Niels Oxen und Margrethe Franck müssen sich einer schockierenden Wahrheit stellen: Dunkle Mächte treiben den Wiederaufbau des Danehof voran. Axel Mossman, vorübergehend zurück auf seinem Posten als Geheimdienstchef, bittet die beiden erneut um Hilfe im Kampf gegen den mächtigen Geheimbund, den sie vor Jahren zerschlagen haben. Er glaubt seinen mächtigsten Gegner besiegt, doch das Böse lässt sich niemals auslöschen. Als einer der mutmaßlichen neuen Anführer leblos in einem See in Schweden gefunden wird und gleichzeitig der Tod eines jungen chinesischen IT-Studenten Rätsel aufgibt, müssen Oxen und Franck erkennen, dass ihre Ermittlungen längst eine Kettenreaktion tödlicher Ereignisse in Gang gesetzt haben. Die Zeit für den letzten Showdown zwischen Oxen und Danehof ist gekommen. OXEN. Interregnum ist unabhängig von den weiteren Bänden der Reihe lesbar. Alle Bände der Niels-Oxen-Reihe: Band 1: OXEN. Das erste Opfer Band 2: OXEN. Der dunkle Mann Band 3: OXEN. Gefrorene Flammen Band 4: OXEN. Lupus Band 5: OXEN. Noctis Band 6: OXEN. Pilgrim Band 7: OXEN. Interregnum Von Jens Henrik Jensen sind bei dtv außerdem die skandinavischen Thriller-Serien SØG und EAST erschienen.
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Seitenzahl: 750
Veröffentlichungsjahr: 2026
Niels Oxen und Margrethe Franck müssen sich einer schockierenden Wahrheit stellen: Dunkle Mächte treiben den Wiederaufbau des Danehof voran. Axel Mossman, vorübergehend zurück auf seinem Posten als Geheimdienstchef, bittet die beiden um einen letzten Showdown mit dem mächtigen Geheimbund, den sie vor Jahren zerschlagen haben. Doch als einer der mutmaßlichen neuen Anführer leblos in einem See in Schweden gefunden wird und gleichzeitig der Tod eines jungen chinesischen IT-Studenten Rätsel aufgibt, müssen Oxen und Franck erkennen, dass ihre Ermittlungen längst eine Kettenreaktion tödlicher Ereignisse in Gang gesetzt haben.
OXEN – Das erste Opfer
OXEN – Der dunkle Mann
OXEN – Gefrorene Flammen
OXEN – Lupus
OXEN – Noctis
OXEN – Pilgrim
SØG – Dunkel liegt die See
SØG – Schwarzer Himmel
SØG – Land ohne Licht
EAST – Welt ohne Seele
EAST – Auf tiefem Grund
EAST – Jagd im Zwielicht
Jens Henrik Jensen
Interregnum
Thriller
Aus dem Dänischen von Gabriele Haefs und Christel Hildebrandt
Interregnum
Interregnum n. ›Zwischenherrschaft, Zeitraum ohne rechtmäßige Regierung‹, allgemein ›zeitweiliger Zustand ohne Oberhaupt‹. Entlehnung (18. Jh.) von lat. interregnum ›Zwischenregierung‹, ursprünglich ›Zeit zwischen dem Tod des letzten Königs oder dessen Absetzung und der Wahl des neuen Königs‹, dann (zur Zeit der Republik) ›Zeit zwischen dem Abgang der alten und der Wahl der neuen Konsuln‹, Zusammensetzung aus lat. inter ›zwischen‹ und regnum ›Königsgewalt, Königsherrschaft‹ (nach lat. rex ›König‹).
Oft werden diese Perioden vermieden, indem der neue Regent beim Tode des vorherigen ausgerufen wird.
Hin und wieder war die Periode jedoch deutlich länger und, historisch gesehen, von politischer und sozialer Instabilität geprägt.
Im weiteren Sinne wird das Wort heute im allgemeinen Sprachgebrauch in der Bedeutung eines Übergangs benutzt, eines Zwischenstadiums, eines Machtvakuums, in dem höchstwahrscheinlich nichts Wichtiges passiert.
Freie Zusammenfassung, Quellen:
Digitales Wörterbuch der Deutschen Sprache,
Wikipedia
Der Vollmond hüllte die endlosen Wälder in seinen schwachen Schein und ließ die vielen Seen wie Fragmente eines zerbrochenen Spiegels glänzen. Kein Windhauch rührte sich. Die mitternächtliche Stunde war genau so kalt, wie es an einem späten wolkenfreien Abend Mitte September in Småland in Schweden zu erwarten war.
Am südlichen Ende eines der Seen, abgegrenzt durch Tannen- und Kiefernwald, stand ein Mann über seine Sachen gebeugt, die auf einem flachen Stein am Ufer ausgebreitet waren.
Er verzichtete auf eine Taschenlampe. Routiniert zog er den schwarzen Taucheranzug an, schnappte sich das lange Reißverschlussband auf dem Rücken und zog es bis in den Nacken zu. Er hockte sich hin, ergriff sein starkes Fernglas und richtete es auf das nördliche Seeufer.
Das rot gestrichene Haus mit den weißen Fensterrahmen, Eckpfeilern und Giebelbrettern lag nur fünfzig Meter vom Seeufer entfernt, etwas erhöht auf einem Hügel. Neben einer Baumgruppe befand sich ein Bootshaus und rechts davon ein Steg ins Wasser. Die übrigen Gebäude des kleinen verlassenen Hofes, Gästehaus, Garage, Scheune und mehrere kleine Schuppen, lagen höher.
Von seinem Standpunkt aus konnte er in der Dunkelheit nur ein gelbes Viereck sehen, doch er wusste von seinen früheren Observationen, bei denen er im Wald sehr viel näher an den Hof herangekommen war, dass dort hinter dem erleuchteten Fenster, das zum See zeigte, ein Mann saß – genau wie an den vorherigen Abenden.
Der Mann tat jeden Abend das Gleiche. Er saß da, in seine Arbeit am Laptop versunken, der auf dem Schreibtisch stand. Nur wenige Male war er aufgestanden, um in die Küche zu gehen und sich vielleicht eine frische Tasse Tee zu kochen oder eine Scheibe Knäckebrot zu holen. Zweimal hatte er auch seinen Schäferhund hinausgelassen – um ihn dann eine halbe Stunde später wieder hereinzuholen. Jeden Abend die gleiche Routine.
Jetzt war auf der anderen Seite der glänzenden Oberfläche des Sees eine schwarze Silhouette im Fenster zu erkennen. Dann wurden die Gardinen zugezogen.
Der Mann in dem Taucheranzug setzte das Fernglas ab und legte es in den kleinen wasserdichten dry bag mit Tragegurten, in dem auch der restliche Teil seiner sparsamen Ausrüstung verstaut war. Dann nahm er ihn auf den Rücken, zog seinen Anzug zurecht, schlüpfte in die Schwimmflossen und machte sich bereit.
Es waren knapp zwei Kilometer Luftlinie bis zu dem erleuchteten Fenster zu schwimmen. Ungefähr die gesamte Länge des lang gestreckten Sees, von Südwest nach Nordost. Keine große Sache.
Er ging rückwärts ins Wasser, bis es ihm schon fast bis zu den Hüften reichte und er sich umdrehen und die Schwimmflossen zum Einsatz bringen konnte.
Mit ruhigen, kräftigen Bewegungen glitt er voran, durchbrach die glatte Oberfläche. Die meiste Arbeit überließ er den Beinen, während er zwischen Kraulen und Brustschwimmen abwechselte.
Durch seine minutiösen Vorbereitungen wusste er, dass um den See herum vereinzelte weit voneinander entfernte Häuser standen sowie einige Höfe und Ferienhäuser im Westen, aber ihnen allen gemeinsam war, dass sie ein gutes Stück vom Ufer entfernt lagen, mit Ausnahme von ein paar wenigen Häusern an der nordöstlichen Spitze des Sees. Dort oben befand sich auch eine Gruppe von Häusern und Höfen an einer kleinen Schotterstraße. In einigen von ihnen war im Lauf des Abends Licht zu sehen gewesen, doch es war längst gelöscht worden.
Auch wenn der Mond alles deutlich zum Vorschein brachte und der Mann komplette Finsternis für seinen Auftrag bevorzugt hätte, fühlte er sich sicher, während er den See der Länge nach durchquerte.
Dazu brauchte er nicht lange. Weniger als eine halbe Stunde.
Das Fenster, das leuchtende Viereck in der Dunkelheit, kam näher und näher, bis er schließlich den Badesteg erreichte. Er konnte vor dem nächsten Schritt, den sein Plan vorsah, tief Luft holen.
Dieser nächste Schritt erforderte Geduld. Dass der Schäferhund seinen Besitzer begleitete, war keine Überraschung gewesen. Dagegen hatte er sich gewappnet. Aber er konnte nicht wissen, wann der Hund noch einmal hinausgelassen wurde, vermutlich ein letztes Mal in der Nacht. Und deshalb musste er im Wasser bleiben.
Er nahm den wasserdichten Rucksack ab, holte die Plastiktüte heraus und legte sie auf die Bohlen des Badestegs, innerhalb seiner Reichweite, – und war damit bereit.
Seine Armbanduhr behielt er im Auge. Es war bereits richtig spät geworden. Wollte der Mann im Fenster sein Tagwerk am Computer nicht bald einmal abschließen und zufrieden zu Bett gehen?
Es dauerte nur einen Moment, da öffnete sich die Tür, um gleich wieder geschlossen zu werden. Der Hund war draußen. Und er konnte sehen, wie sich der Mann wieder hinter die dünne Gardine setzte.
Also griff er nach dem Klumpen Fleisch, den er aus dreihundert Gramm rohem Rinderhack geformt hatte, und schwamm ans Ufer. Es dauerte nur wenige Sekunden, da kam der Hund über den Rasen angesprungen. Der unwiderstehliche Fleischkloß war vor seinem Maul gelandet, bevor er dazu kam zu bellen.
Der Mann zog sich wieder ans Ende des Badestegs zurück, um abzuwarten.
Kaum hatte der Hund das Fleisch hinuntergeschlungen, betrat er den Steg, kam ein paar Schritte auf den Fremden zu und schaute ihn neugierig an. Dann drehte er sich um und lief die Anhöhe hinauf.
Der Mann hatte sorgfältig drei kleine Gelatinekapseln unter das Hackfleisch gemischt, kurz bevor er sich den Taucheranzug übergestreift hatte. Mit einer Spritze hatte er davor die Fischölkapseln entleert und stattdessen in jede einen Milliliter Pentobarbital injiziert. Ein Stoff, den die meisten Tierärzte zum Einschläfern von Tieren benutzen, dann allerdings in deutlich höherer Dosis. Der einzige Haken an der Sache war, dass es sehr bitter schmeckte. Deshalb die Kapseln.
Nichts war dem Zufall überlassen worden. Er wusste, dass der Schäferhund ein Rüde war, ziemlich groß – ungefähr fünfunddreißig Kilo schwer. In ungefähr einer halben Stunde würde er wegknicken – und mindestens drei Stunden lang bewusstlos bleiben. Und es würden vermutlich bis zu vier Stunden vergehen, bis er wieder auf den Beinen war.
Ein vollkommen ausreichender Zeitraum.
Der Mann verwendete die Stoppuhrfunktion seiner Armbanduhr. Nach sechzehn Minuten kehrte der Schäferhund ans Ufer zurück, schnüffelte herum und wandte sich dann wieder ab. Der Mann verhielt sich vollkommen still im Wasser.
Nach weiteren fünfundzwanzig Minuten meinte er das Tier oben auf der Anhöhe zu erkennen. Es lag im Gras. Jetzt musste er sich beeilen.
Er kletterte auf den Steg, zog die Schwimmflossen aus, befreite sich aus dem Taucheranzug, trocknete sich schnell ab und schlüpfte in einen schwarzen Trainingsanzug und Schuhe mit glatten Sohlen, die keinen Profilabdruck hinterließen. Er eilte hinauf zu der Tür unter dem Vordach – und machte sich bereit. Bald würde nach dem Hund gerufen werden.
Als die Tür sich nach langen Minuten des Wartens erneut öffnete und der Besitzer des Hundes auf die Terrasse trat, sprang er blitzschnell hinter den Mann, legte ihm den linken Arm um den Hals und verstärkte den Druck, während er in der anderen Hand seinen Dolch hielt und raunte: »Ich habe einen Dolch … Wenn du dich irgendwie wehrst, bring ich dich um. Auf der Stelle. Los. Wir gehen rein. Langsam.«
Er stand am Herd und rührte im Topf, wobei er gleichzeitig ein wachsames Auge auf die Pasta im Topf auf der anderen Flamme hatte. Es duftete ziemlich gut, hätte man ihn gefragt, und …
»Papa?«
Das war Magnus, der aus dem Wohnzimmer rief. Obwohl er sich eigentlich daran gewöhnt hatte, war »Papa« immer noch ein Wort, das ihm augenblicklich das Herz wärmte. Bei dem Gedanken an ihre gemeinsame Wandertour auf dem Hærvejen und dem Gendarmstien vor nicht allzu langer Zeit musste er lächeln. Er wusste, würde er mit einer Antwort zu lange warten, dann …
»Papa?«
… richtig, das Wort wurde wiederholt. Doppelte Freude.
»Jap?«
»Wann gibt es Essen? Ich habe mega Hunger.«
»In fünf Minuten.«
Kurz darauf tauchte Magnus in der Küchentür auf, schlug die Hacken zusammen und blieb kerzengerade stehen, während er mit ernster Miene militärisch grüßte.
»Einfacher Soldat Oxen meldet sich zur Inspektion!«
Wieder einmal hatte sein Sohn in der speziellen Schublade der Kommode herumgewühlt. Er hatte das bordeauxfarbene Jägerbarett auf und sich das Tapferkeitskreuz an sein T-Shirt geheftet. Wie schon so oft.
»Wenn es wirklich eine Inspektion gäbe, würdest du dazu aufgefordert werden, deine Ausrüstung in Ordnung zu bringen und erst wiederzukommen, wenn das geschehen ist.«
»Wieso?«
Er lächelte.
»Hast du jemals einen Jägersoldaten in weißen Tennissocken und mit einem T-Shirt gesehen, das aus der Hose hängt?«
Magnus zuckte mit den Schultern.
»Und außerdem«, fuhr der Vater fort, »sind deine guns viel zu klein, Magnus.«
Er klopfte sich auf den Bizeps des rechten Arms und wusste, diese Provokation würde einen Angriff auslösen.
»Zu klein! Na warte!«
Magnus umklammerte den Vater und versuchte, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen.
»Hey, hey, ich bin hier am Kochen, pass auf.«
Grinsend trat Magnus einen Schritt zurück.
»Zu klein … Was sagst du da … Warte nur, Papa. Eines Tages werde ich dich besiegen.«
»Daran habe ich keinen Zweifel, mein Lieber – wenn wir nur lange genug warten. Holst du zwei Teller? Das Essen ist fertig.«
Kurz darauf setzten sie sich an den kleinen Küchentisch, die beiden Töpfe zwischen sich. Pasta in dem einen, die Soße in dem anderen.
»Ey …« Er nickte in Richtung Barrett.
»Was denn?« Magnus grinste trotzig.
»Keine Kopfbedeckung am Tisch. Du kennst die Regeln.«
»Bei Mama zu Hause habe ich aber ganz oft …«
»Du bist nicht bei Mama zu Hause.«
»Nein, ich weiß. Aber zuerst musst du dich entschuldigen.«
»Wofür?«
»Für deinen schlechten Witz über meine guns.«
»Das war kein Witz.«
»Hallo. Kannst du nicht sehen, dass sie größer geworden sind? Ich gehe dreimal die Woche zum Training.«
Magnus legte das Barrett auf den Tisch, winkelte den rechten Arm an und spannte ihn mit verzerrtem Gesicht.
»Und, was sagst du jetzt?«
Der Vater nickte anerkennend.
»Ja, stimmt. Respekt. Aber vergiss nicht, es dreht sich nicht nur um Kraft. Es geht auch darum, blitzschnell zu sein. Mit den Gedanken. Und der Handlung.«
Magnus senkte den Arm, nickte und schaute skeptisch in den Soßentopf.
»Was gibt es?«
»Indianereintopf …«
»Indianer? Also … das sagt man doch nicht mehr.«
»Ach, und warum nicht?«
»Ich habe eine Aufgabe in der Schule gekriegt. Ich soll über woke schreiben.«
»Über einen Wok? Ich habe nicht gedacht, dass es in Hauswirtschaft Hausaufgaben gibt.«
Magnus lachte auf und schüttelte resigniert den Kopf. Dann schaufelte er sich einen ganzen Pastaberg auf seinen Teller und anschließend ein paar große Löffel Soße.
»Manchmal bist du echt witzig … Das heißt nicht Hauswirtschaft, das heißt Lebensmittelkunde. Das habe ich dir schon hundertmal erzählt. Und man hat das Fach nur in der sechsten Klasse, obligatorisch. Ich bin fünfzehn Jahre alt – und gehe in die neunte Klasse – und ich heiße Magnus. Hallo … Und nein, ich habe nicht Wok gemeint, sondern woke. Weißt du nicht, was das bedeutet?«
»Ich mach doch nur Spaß. Glaubst du etwa, ich kenne nicht den Unterschied zwischen einer asiatischen Bratpfanne und dem anderen. Woke.«
»Kennst du den Unterschied wirklich? Dann kannst du ihn mir ja erklären, mir und meinen kleinen guns?«
Grinsend zuckte er mit den Schultern. »Woke? Also, ist etwas schwer, mal eben zu erklären. So aus dem hohlen Bauch … Man könnte sagen, dass … Nun, das kommt doch aus dem Englischen, nicht wahr?«
»Papa … Du hast nicht die geringste Ahnung, was woke bedeutet. Du weißt vielleicht, wie viele Wölfe es in Westjütland gibt, wie alt die sind, wie schnell sie laufen und wie weit sie schwimmen können – und du kannst exakt sagen, wie viele Rudel es im Yellowstone Park gibt und wie groß ihr potenzieller Zuwachs im Verhältnis zum letzten Jahr ist. Aber woke … Davon hast du nicht die geringste Ahnung. Ich fass es nicht …«
Magnus verdrehte die Augen und machte sich dann über seine Pasta her.
»Aber vielleicht kannst du dann deinem alten wolfsverrückten Vater erklären, was es bedeutet?«
»Aber natürlich …« Magnus schluckte. »Woke bedeutet, gegen soziale Ungerechtigkeit, Rassismus und fehlende Gleichberechtigung zwischen Männern und Frauen und alles in der Art vorzugehen. Kannst du dich noch an das Eis erinnern, das ›Eskimo‹ hieß?«
»Ja klar.«
»Der Name wurde geändert, um die Inuit nicht zu diskriminieren oder lächerlich zu machen. Und deshalb habe ich das über den Indianereintopf gesagt.«
»Weil der die Indianer lächerlich macht?«
»Na ja, ich weiß auch nicht so genau, aber ich glaube, dass einige der Meinung sind, dass der Name unpassend ist.«
»Aber so heißt das doch, das habe ich mir nicht ausgedacht.«
»Ich erkläre es dir ja nur. Ein anderes Beispiel: Vor ein paar Jahren hat der berühmteste amerikanische Footballclub seinen Namen geändert. Die Mannschaft hieß Washington Redskins.«
»Rothäute.«
»Genau. Aber dann gab es jemanden, der meinte, das sei rassistisch gegenüber den indigenen Amerikanern, also den Indianern. Es gab heiße Diskussionen und einige der Sponsoren drohten damit, sich zurückzuziehen. Das Ganze endete damit, dass der Club das Wort Redskins entfernte und auch ihr Logo änderte, das einen Indianer zeigte.«
»Hm … Und wie heißen sie jetzt?«
»Sie haben ein paarmal den Namen gewechselt. Jetzt heißen sie Washington Commanders. Stark, was?«
Der Vater nickte mit nachdenklicher Miene.
»Was hältst du davon, Papa?«
Er konnte einen tiefen Seufzer nicht zurückhalten. »Was ich denke … Hm … Ich denke, dass es schon Sinn macht, Fehler aus der Vergangenheit zu korrigieren – manchmal. Aber ich denke auch, dass wir dabei sind, eine Welt zu schaffen, in der die Leute vierundzwanzig Stunden am Tag damit beschäftigt sind, aufzupassen, dass die Worte und Namen von jedem und allem absolut korrekt sind – während sie sich in Wirklichkeit doch lieber damit beschäftigen sollten, Kriege zu beenden, Armut und Hunger zu bekämpfen, Kindern zu einem besseren Leben zu verhelfen.«
Magnus nickte mit ernster Miene. »Du meinst … den Fokus verändern … Danke für den Hinweis … Den kann ich vielleicht für meine Hausaufgabe brauchen, auf die eine oder andere Art und Weise. Aber … Immerhin weißt du jetzt, was woke bedeutet. Übrigens behaupten einige in den USA, dass woke tot ist, vorbei, out. Na ja, auf jeden Fall soll ich was darüber schreiben.«
Oxen nickte. Dann sagte er: »Aber jetzt habe ich einen Begriff für dich.«
»Okay. Nämlich?«
»Kalter Hund … was bedeutet das?«
»Kalter Hund? Äh …«
»Na, sag schon.«
»Tja, ein Hund, dem kalt ist, ist im Eis eingebrochen? Jedenfalls ist er noch besser dran als ein toter Hund. Jetzt staunst du, was?« Magnus lächelte selbstsicher.
Sein Vater schüttelte den Kopf und seufzte demonstrativ. »Zu früh gefreut. Ein Kalter Hund ist eine Art Kuchen, aus Butterkeksen und Palmfett mit Schokolade. Sehr lecker, aber sehr fettig, eine Kalorienbombe.«
»Fettig? Iiih.«
»Ich kann zu Weihnachten ja mal einen Kalten Hund machen.«
»Dazu kommt von mir laut und deutlich ein ›Nein, danke‹. Und außerdem, das ist rassistisch. Den Hunden gegenüber.«
Grinsend aßen sie weiter.
Wieder einmal fiel ihm Magnus’ großer Appetit auf. Inzwischen aßen sie beide gleich viel. Und eines schönen Tages würde der Bursche ihn überholen. Aber eigentlich war das ein schöner Gedanke.
»Wie ich dir am Telefon gesagt habe, Magnus … Ich habe heute Abend noch was vor.«
»Schon okay. Nach dem Essen gehe ich zu Ayla und schlafe dann heute bei Mama. Aber sonst hast du doch eigentlich nie was vor. Was willst du …«
»Ich werde Mossman besuchen.«
»Der vom PET?«
»Genau. Der dort mal der Chef war.«
»Und worüber wollt ihr reden? Über einen neuen Job?«
Oxen zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Und was habt ihr vor, Ayla und du?«
»Vielleicht fahren wir mit dem Fahrrad runter zum Jachthafen in Skovshoved und essen Eis. Aber du sagst nicht zu irgendwas Ja, das gefährlich ist, Papa?«
»Verstanden.«
Es war erst ungefähr zweieinhalb Monate her, dass er das letzte Mal vor der Eingangstür zu Axel Mossmans Villa in Kokkedal gestanden hatte. Und zwar einen Tag nach einem sonderbaren Essen im Keller eines Restaurants am Kongens Nytorv.
Während sie dort gesessen hatten, hatte ihnen Mossman, der ehemalige Chef des polizeilichen Nachrichtendienstes, eine Wahnsinnsidee unterbreitet, natürlich bis ins kleinste Detail geplant und in Wahrheit dazu da, sein grande finale vorzubereiten.
Die detaillierte Dramaturgie des alten Geheimdienstkämpfers war aufgebaut wie Vorspeise, Hauptgericht, Dessert, die passenden Weine und Kaffee, alles wortreich und blumig beschrieben.
Zu guter Letzt, und das hatte allen einen Schauer über den Rücken gejagt, hatte Mossman darum gebeten, sich zusammen mit ein paar Kellnern zu einem »Familienfoto« aufzustellen. Entstanden waren dabei ziemlich unaufgeregte Fotos und kleine Videoclips.
Kopfschüttelnd war Oxen zusammen mit Margrethe Franck und Sally Finnsen später gegangen. Das war so ein absurdes Theater gewesen, dass sie anschließend noch in eine Bar gehen mussten, um sich bei einigen weiteren Drinks darüber auszutauschen.
Als ihn am nächsten Morgen zwei Beamte von der Polizei von Nordseeland aufsuchten, um sich zu erkundigen, wo er am Abend zuvor gewesen war, hatte er einen Kater gehabt wie seit vielen Jahren nicht mehr. Ihm war in den Sinn gekommen, dass es doch am einfachsten und glaubwürdigsten wäre, eines dieser albernen Videos aus dem Restaurant abzuspielen. Und natürlich erkannten die Beamten Mossman auf der Stelle und wurden sehr viel freundlicher.
Es stellte sich heraus, dass am selben Abend ein reicher Mann in seiner Strandvilla in Espergærde liquidiert worden war – und er selbst in dieser Sache unter Verdacht stand.
Auch Margrethe Franck hatte an diesem Morgen Besuch von Polizeibeamten bekommen. Und am Vormittag waren die Beamten auch in Finnsens Büro in der Polizeizentrale aufgetaucht. Auch Franck und Finnsen konnten die Frage nach ihrem Verbleib problemlos beantworten – allein, indem sie das peinliche Video abspielten. Sozusagen ein Alibion demand.
Allen wurde deutlich, dass Mossman an jenem Abend das letzte Teilchen in seinem großen Puzzlespiel gelegt hatte. Und dass er jedem in jeder Hinsicht überlegen war.
Und jetzt standen sie wieder hier.
So schnell.
Margrethe Franck drückte auf den Klingelknopf und sah Oxen an. »Verdammt, sehr seltsam, wo wir uns plötzlich überall über den Weg laufen, Niels«, bemerkte sie mit einem ironischen Lächeln.
Er nickte brummend.
»Und geheimnisvoll wie immer. Warum spuckt er es nicht einfach aus?«
»Weil Mossman dann nicht Mossman wäre. Zumindest bleibt uns auf diese Weise erspart, dass er bei uns zu Hause aufschlägt, seine verdammte Tweedmütze am Türgriff aufhängt und die Beine auf den Tisch legt, bevor er zu schnarchen anfängt.«
Franck legte ihm beruhigend eine Hand auf den Arm, gerade als drinnen Schritte zu hören waren und die Tür geöffnet wurde.
Axel Mossman schenkte ihnen ein breites Lächeln.
»Oxen … Willkommen. Und Margrethe … Kommt doch rein. Meine Frau ist heute Abend zu Hause, deshalb schlage ich vor, dass wir in den Keller gehen«, erklärte er, schloss die Tür hinter ihnen und führte sie die Treppe hinunter in den Keller, in dem sie schon so viele Stunden miteinander verbracht hatten.
Oxen fiel auf, dass Mossman Franck mit Vornamen ansprach – wieder. Genau wie vor gar nicht allzu langer Zeit, als er an sie appelliert hatte, sie solle doch in der Sache mit dem Verkauf der Panama-Papiere an die Steuerbehörde Vertrauen haben. Und, nicht zuletzt, ihm vertrauen, als es um die Jagd nach der mysteriösen Gestalt ging, die Sally Finnsens Bruder damals im Teufelskeller unter der alten Ziegelei ermordet hatte.
Bedeutete »Margrethe«, dass Mossman mal wieder Bedarf an einer neuen Vertrauenserklärung hatte? Und wenn ja, wieso? Was war da im Busch, jetzt wo der ehemalige PET-Chef sie gebeten hatte, wieder bei ihm anzutreten?
Einer nach dem anderen gingen sie die schmale Kellertreppe hinunter.
Was Recht war, sollte auch Recht bleiben. Und es war falsch, den Mann als ehemaligen Chef zu bezeichnen. Er war in höchstem Maß ihr jetziger Chef. Er war der Chef des PET. Genau so lange, wie es notwendig war. Eine Chance, die sich als Konsequenz aus dem großen Betrug und der anschließenden Entlassung seines Nachfolgers Salomonsen ergeben und die Axel Mossman ergriffen hatte.
Vielleicht hatte der alte Meister Margrethe Franck deshalb mit Vornamen angesprochen, weil die beiden – der Chef und seine rechte Hand – in der Vergangenheit ein kurzes, hingebungsvolles Intermezzo gehabt hatten, das im PET-Hauptquartier in Søborg für eine kleine Weile wieder zum Leben erweckt worden war.
Mossman öffnete die Tür am Ende der Treppe. »Bitte, nehmt Platz, liebe Freunde.«
Mit einer Handbewegung bat er sie, sich an den lang gestreckten Tisch in der Mitte des Raumes zu setzen. »Und bitte schön«, fuhr er fort, »hier sind Becher und in der Thermoskanne ist frischer Kaffee.«
Sie nahmen Platz und Mossman schenkte allen ein. »Alles gut in Svanemøllen und Umgebung, Soldat?«
Dieser zuckte mit den Schultern. »Nun ja …«
Mossman lächelte und schien zu überlegen, wo er anfangen sollte. Mit einem Kopfnicken sah er zur hinteren Wand.
»Déjà-vu auf brauner Juteleinwand, nicht wahr? Wir hatten unsere besten Tage hier, als wir die Wand mit unseren weit verzweigten Ermittlungsergebnissen vollgetackert haben, die dazu dienen sollten, Danehof zu besiegen. Eine finstere Machtelite, eingeschlossen in eine ehrenhafte Demokratie wie die unsere. Manchmal kommt es mir immer noch gänzlich unwirklich vor. Nur die Götter wissen, wie sehr das hätte schiefgehen können, hätten wir diese Bedrohung nicht abgewendet.«
»Aber das haben wir. Alles ist gut. Warum hast du uns eigentlich hergebeten?«
In aller Ruhe hob Mossman eine Hand und seufzte tief. »Apropos, Margrethe, und zwar ein sehr wichtiges Apropos … Danehof …«
»Was meinst du?« Sie warf ihm einen verwunderten Blick zu.
»Well … Lass mich anders anfangen.« Mossman legte seine großen Hände um den Becher und starrte einen Moment lang in den Kaffee. Dann hob er den Blick, sah seine Gäste abwechselnd an und begann von Neuem. »Wir befinden uns momentan in einem regulären Interregnum. Deshalb können wir nur …«
Vielleicht war es die hochgezogene Augenbraue. Vielleicht lag etwas Skeptisches in seinem Blick, den er dem alten PET-Chef über den Tisch zuwarf. Das war weder woke gemeint noch hatte es mit Eskimos oder Rothäuten zu tun, dennoch spürte er, dass er sich auf Glatteis begab. Wahrscheinlich sah er aus wie ein großes Fragezeichen. Jedenfalls hielt Mossman inne.
Doch er hielt dem Blick seines Chefs stand. »Interregnum?«, versuchte er es zögernd. »Das klingt ein wenig wie … Enddarmuntersuchung.«
»… mit dem Fernglas«, warf Margrethe Franck trocken ein.
Mossman gluckste, dass die Hautfalten unter seinem Kinn munter hin und her schaukelten.
»Sorry, meine Freunde. Das ist Lateinisch.« Lächelnd fuhr er fort. »Ein Interregnum ist die Periode zwischen dem Tod eines Königs und der Krönung seines Nachfolgers. Oder sollen wir in diesen geschlechtsneutralen Zeiten lieber ›nach dem Ende einer Regentschaft‹ sagen? Wie dem auch sei, es ist ein Machtvakuum, das im Lauf der Geschichte häufig von Chaos und Instabilität gekennzeichnet war. Ein wichtiges Interregnum in der dänischen Geschichte gab es nach dem Tod von Frederik I. 1533, als der Reichsrat die Königswahl hinausschob und damit den Bürgerkrieg auslöste, den wir unter dem Namen Grevens Fejde kennen und der von 1534 bis 1536 herrschte.«
»Aber im Augenblick haben wir einen ›König‹. Nämlich dich«, erwiderte Margrethe Franck.
»Korrekt. Dennoch, es ist und bleibt ein Interregnum. Und das endet erst, wenn das Feld der Kandidaten eingegrenzt ist oder wenn diverse Kuhhandel zwischen Bezirkschefs, Politikern und anderen Bürokraten eingegangen wurden – und ein neuer Chef des PET eingesetzt wird. Genau in dem Moment werde ich wieder in einen unwichtigen Pensionisten verwandelt. Ein Staubhäufchen in einer entlegenen Ecke der Geschichte. Dieses Interregnum ist unwiderruflich meine letzte Stunde hier am Tisch. My last performance … Es wird von mir erwartet, dass ich das Schiff über Wasser halte – und die Papierstapel auf meinem Schreibtisch in Søborg ein wenig hin und her schiebe, während die Zeit arbeitet. Und nichts anderes … Man könnte versucht sein, darin hässliche Geringschätzung zu sehen, aber so sieht es nun einmal aus.«
Mossman stellte seinen Becher ab und erhob sich. Er sah sonderbar verbittert aus.
Oxen sah zu Mossman und dann zu Margrethe Franck. Irgendetwas stimmte nicht. Etwas, das Axel Mossman offensichtlich bedrückte.
Der alte PET-Chef hatte seine Hände inzwischen auf die Stuhllehne gestützt und sich ein wenig vorgebeugt.
»Mein lieber Soldat, liebe Margrethe … Ihr müsst verstehen … Wir haben keine Zeit zu verlieren … Ich habe euch hierhergebeten, weil ich einen Fehler gemacht habe. Ich habe nicht genügend Sorgfalt walten lassen. Ihr seid der Auffassung, wir hätten die Macht des Bösen zerschlagen. Ach ja. Leider hat diese Wahrheit keine Gültigkeit mehr. Danehof lebt …«
Der weiße Toyota Kombi stand in einer Lichtung und hier endeten die Reifenspuren, fast einen Kilometer entfernt von der schmalen asphaltierten Straße, die das große Waldgebiet durchschnitt.
Auf dem Rand des offenen Kofferraums saß ein Mann. Die Heckklappe, die über seinem Kopf in die Luft ragte, schützte ihn vor dem feinen Regen.
Der Mann trug jägergrüne Hosen und ein rotes Holzfällerhemd. Er wirkte wie Anfang vierzig. Immer wieder sah er kurz auf seine Armbanduhr, schob dann die Hand in eine Tasche und holte ein Handy heraus, das spezielle Handy, das er für seine Tour nach Schweden bekommen hatte – mit strengen Hinweisen, wie und wann er es benutzen sollte.
Erneut schaute er auf die Uhr. Jetzt war es exakt 20:00 Uhr. Er tippte die Nummer ein, die auswendig zu lernen ihm aufgetragen worden war.
»Sierra hier«, sagte er, als sein Anruf angenommen worden war. Sierra war S im phonetischen Alphabet der NATO. Und das S stand außerdem für »Schweden«.
Es ging allein darum, sich korrekt zu identifizieren.
»Charlie«, ertönte es am anderen Ende. C für »Commander«. »Ihr Status, Sierra?«
Das genügte als Einleitung. Der Mann am anderen Ende der Leitung verlor keine Zeit mit überflüssigen Floskeln.
»Alles läuft nach Plan«, sagte Sierra. »Bisher ist es noch nicht entdeckt worden. In den anderen Ferienhäusern hat niemand etwas bemerkt. Und die übrigen Einwohner ahnen offenbar nichts Böses. Der Hund streift ein wenig herum, bleibt aber in der Nähe des Hauses. Soll ich noch warten?«
»Bis du den gegenteiligen Bescheid gekriegt hast, ja. Und vergiss nicht, bleib im Freien.«
»Ich habe im Auto geschlafen.«
»Gut. Wir sprechen im nächsten Zeitfenster wieder.«
Es wurde aufgelegt.
Der Mann im Holzfällerhemd blieb reglos sitzen und starrte mit kritischem Blick auf das Handy in seiner Handfläche. Sein Auftraggeber legte die Latte verdammt hoch, was die Sicherheitsvorkehrungen betraf.
Pensionen, Jugendherbergen, Motels und Hotels, jede Form offizieller Übernachtungsstätten war tabu. Es ging darum, eine Gästeregistrierung und die Gefahr einer Videoüberwachung möglichst zu vermeiden. Und in gleichem Maße tabu: Bezahlung mit der Karte, es war nur Bargeld erlaubt. Und natürlich hatte er sich an die Befehle gehalten und sein eigenes Handy zu Hause gelassen.
Selbst für die Entsorgung des Taucheranzugs und der Schwimmflossen hatte er Instruktionen erhalten. Ein Abfallcontainer war ein No-Go. Seine gesamte Ausrüstung wurde mit Benzin übergossen, dann verbrannt und die verkohlten Reste sorgfältig im Waldboden vergraben – meilenweit vom Tatort entfernt.
Es war spät und er hatte Hunger. Also holte er einen kleinen Gaskocher heraus, dazu eine Tüte schockgefrorenes, getrocknetes Hähnchencurry, die zusammen mit diversen notwendigen Utensilien in einem kleinen Pappkarton verstaut war.
Zeit fürs Abendessen.
Danehof lebt …
Der Kaffeebecher kippte Margrethe Franck aus der Hand, als hätten Mossmans Worte eine solche Kraft, dass sie ein unkontrolliertes Zucken in ihrem Arm auslösten. Eine Woge dunklen Kaffees schwappte über den Tisch.
Auch er selbst spürte eine heftige Reaktion im ganzen Körper. Wie eine elektrische Entladung, die ihn dazu brachte, für eine Sekunde zu erstarren, um dann ein eisiges Gefühl wahrzunehmen, das sich entlang der Wirbelsäule sammelte. Er dachte nichts. Registrierte nur ein tiefes Unbehagen. Und die Kälte.
»Ja … Danehof lebt …«
Axel Mossman wiederholte sich, atmete schwer aus – und blieb reglos vor ihnen sitzen, als hätte er die Kaffeepfütze gar nicht bemerkt.
Franck sprang auf. »Zum Teufel! Was meinst du damit, Axel?«, rief sie. Kaffee tropfte vom Tisch.
Oxen schob seinen Stuhl zurück, blieb aber sitzen, die Arme vor der Brust verschränkt. »Was heißt das? Lebt?«
Er hörte sich selbst die vier Wörter ausstoßen. Lauter als beabsichtigt. Fast wie eine Anklage, die er in den Raum schleuderte.
Axel Mossman breitete entschuldigend die Arme aus, senkte den Kopf und blieb stehen wie jemand, der auf die Vergebung seiner Sünden wartete – oder auf den Henker am Schafott.
»Ich weiß, liebe Freunde, es ist ein Schock. Wie gesagt … Ich habe einen Fehler gemacht. Und das bedauere ich zutiefst …«
Als wäre Mossman erst jetzt der verschüttete Kaffee aufgefallen, holte er die Küchenrolle, die auf dem Kühlschrank stand, wischte den Kaffee auf und fuhr in aller Ruhe fort: »Well, wollen wir uns nicht wieder setzen, Margrethe? Wir können doch nicht hier stehen und Wurzeln schlagen. Wir haben keine Zeit.«
Als beide wieder Platz genommen hatten, fuhr Mossman, ohne zu zögern, fort: »Also, ihr bekommt die Zusammenfassung, kurz und knapp. Ihr erinnert euch doch noch an Helene Kiss Hassing, nicht wahr?«
Beide nickten.
»Ja, die Justizministerin«, ergänzte Franck. »Konservativ.«
»Und vielleicht erinnert ihr euch auch noch, dass sie zusammen mit mir bei der Müllverbrennungsanlage in Amager war, als das gesamte Archiv des Danehof in den Brennöfen zu Asche wurde und damit ausgelöscht war?«
Sie nickten simultan und behielten Mossman konzentriert im Blick.
Der fuhr fort: »Und ihr erinnert euch auch noch daran, dass ich von meinem Posten als Chef des PET entfernt wurde. Und zwar von Hassing persönlich. ›Aus gesundheitlichen Gründen‹, wie sie nahelegte. Es gab so einiges damals, was meinen Verdacht weckte. Ich war mir tatsächlich gar nicht sicher, ob Helene Kiss Hassing by the book spielte. Also brachte ich ein winziges Mikrofon an ihrem Mantelkragen an. Wir sahen zu, wie sich das gesamte Archiv in Rauch auflöste – und gaben beide unser Einverständnis zu dem kleinen Kuhhandel, der mich als Vorsitzenden einer Kommission vorsah, die sich um eine Modernisierung des Nachrichtendienstes kümmern sollte. Als abends alle Unterlagen verbrannt waren, setzte ich mich in mein Auto und verließ die Müllverbrennungsanlage. Kurz darauf brach auch Justizministerin Hassing auf. Ich folgte ihr. Sie fuhr hinaus zum Strandpark, wo in der Dunkelheit jemand auf sie wartete …«
»Wer?«, kam es scharf von Franck.
»Eilertsen«, antwortete Mossman. »Sagt der Name euch etwas?«
Oxen zuckte mit den Achseln. Sich Namen zu merken, war nicht seine starke Seite. Eilertsen sagte ihm nichts.
»Der Generalstaatsanwalt! Per Eilertsen.«
»Genau.«
»Oh fuck … Und?«
»Warte ab, Margrethe … Ich habe mich in der Nähe versteckt. Und ich habe die ganze Unterhaltung da draußen in der Dunkelheit hören können. Und sie natürlich aufgenommen. Man ist ja nicht ganz doof …«
Mossman nahm einen Laptop hoch, der auf dem Tresen neben dem Kühlschrank stand. Er war bereits eingeschaltet. Ein USB-Stick war eingesteckt. Mossman startete mit wenigen Klicks eine Sprachdatei.
»Hört gut zu«, ermahnte er seine Gäste mit erhobenem Zeigefinger.
Zuerst war nur Windrauschen zu hören. Dann begann ein Gespräch, das ungefähr drei Jahre zuvor geführt worden war.
»Hallo, Per.«
»Hallo, Helene.«
»Sitzt du schon lange hier?«
»Ich denke, so eine Stunde. Eine ziemlich laue Nacht … Das ist ein guter Platz, um nachzudenken. Und ich habe noch nie Angst im Dunkeln gehabt, auch nicht als Kind. Nein, eigentlich gefällt mir die Dunkelheit. Sie wirkt beruhigend … Ist alles gut gelaufen?«
»Alles ist weg. Drei Lastwagenladungen. Nicht ganz voll, aber dennoch mit vielen Kartons, die direkt in einem der Öfen ganz oben gelandet sind. Ich habe zusammen mit Mossman zugesehen. Bei Tageslicht hätten wir den Rauch noch besser sehen können.«
Eine kurze Pause. Man sah direkt vor sich, wie Hassing und Eilertsen die vier weißen Schornsteine mit den roten Lichtern, die Luftlinie gar nicht weit entfernt waren, musterten. Dann fuhr die damalige Justizministerin fort.
»Jetzt ist nichts außer Asche übrig.«
»So ist es am besten. Die Archive haben immer ein Risiko dargestellt. Wenn es nach mir ginge, wären sie schon vor langer Zeit vernichtet worden. Aber … das bedeutet nicht, dass es zu Ende ist. Das ist ein Neuanfang. Wir sind absolut frei, das zu tun, was wir wollen. Jetzt müssen wir gemeinsam überlegen, was für Dänemark das Beste ist.«
»Mossman ist überzeugt davon, dass nichts mehr übrig ist. Weder strukturell noch finanziell, wie er gesagt hat.«
»Wolf-Witte hat mich darüber informiert, wie der Notfallplan aktiviert werden kann, als er herausgefunden hat, was da hinter seinem Rücken vor sich ging. Er war ein äußerst vorsichtiger Mensch … Wir werden schon zurechtkommen. Aber nur gut, wenn Axel Mossman das glaubt. Er hat die Organisation mehr oder weniger im Alleingang zerstört.«
»Mossman? Vielleicht war es ja in Wirklichkeit dieser Jägersoldat. Der mit den vielen Medaillen?«
»Niels Oxen? Nun ja … Das ist wohl nur eine Frage der Reihenfolge der Ereignisse. Wäre er nicht von den Toten auferstanden, säßen wir heute nicht hier. Was ist mit den beiden anderen?«
»Die Frau ist wieder beim PET. Und Mossmans Neffe wurde erneut bei der Aarhuser Polizei eingestellt.«
»Schön. Dann belassen wir es dabei. Und lassen alles hinter uns, Helene. Wenden der Vergangenheit den Rücken zu. A new beginning … Eine Riesenverantwortung. Eine Riesenherausforderung. Wie oft kriegt man so eine Chance?«
»Das wird spannend, richtig spannend. Ich freue mich. Was machen wir mit Kajsa Corfitzen?«
»Sie ist raus. Es wäre zu riskant, sie wieder ins Spiel zu bringen.«
»Und Consilium? Das Beste wäre, wenn wir eine Agenda erstellen. Consilium wird sehr respektiert.«
Der Generalstaatsanwalt klang nachdenklich, als er antwortete.
»Wir können Consilium nicht mehr gebrauchen.«
»Mossman hat mir vor Kurzem erzählt, dass Kresten Hildmand der Letzte war, der ermordet worden ist. Und als Generalstaatsanwalt war diese Kartellsache doch dein großer Fall. Als zukünftiger Danehof-Leiter eine ziemlich hässliche Sache. Das ist schon ein Balanceakt – zwei so verschiedene Masken zu tragen. Ja, ich habe selbstverständlich angenommen, dass du das von Hildmand gewusst hast?«
Eilertsen räusperte sich. »Natürlich habe ich das gewusst. Es tut mir außerordentlich leid, dass ich gezwungen war, dir unkorrekte Informationen zu geben, aber ich musste dich erst einmal kennenlernen. Hildmand wäre wie ein Elefant im Porzellanladen gewesen, zumindest laut Wolf-Witte. Deshalb … Aber bereits lange vor Hildmand und der Kartellgeschichte waren Wolf-Witte und ich uns einig darüber, dass es meine Antrittsaufgabe sein sollte, dich hinzuzuholen. Ausschließlich aufgrund deiner Qualitäten. Übrigens stehen deine fünf Millionen zur Auszahlung bereit. Aber das muss äußerst vorsichtig geschehen. Hast du dir schon überlegt, wie es passieren soll?«
»Als Spitzenpolitikerin müssen meine Finanzen jeder Prüfung standhalten.«
»Das versteht sich von selbst.«
»Vielleicht ist deshalb Bargeld vorzuziehen. Stell es nur auf Stand-by. Es ist in erster Linie die Aufgabe und die Herausforderung, die mir etwas bedeuten. Die Möglichkeit, etwas bewirken zu können. Das Geld ist dabei sekundär.«
»Wir lassen erst einmal Gras über die Sache wachsen und dann lade ich so in einem Monat zum ersten Arbeitstag ein. Das ist ziemlich spät. Oder ziemlich früh, je nach Temperament. Fahr du zuerst los.«
Generalstaatsanwalt Per Eilertsen war als Letzter auf dem Band zu hören. Danach gab es nur wieder das Rauschen des Windes.
Mossman stoppte die Aufzeichnung. Auf seiner Stirn zeichneten sich tiefe Falten ab und in seinem Bluthundgesicht zeigten die Mundwinkel nach unten.
»Well …«
Mehr sagte er nicht.
Das Gespräch und die Perspektiven, die sich daraus ergaben, würden sowieso gleich zur Sprache kommen.
»Aber Axel …« Margrethe Frank klang wütend. »Warum zum Teufel hast du nichts davon erzählt? Wozu sollte das denn gut sein, diese ganze Geheimniskrämerei? Wir waren doch die ganze Zeit zusammen auf dem Weg. Warum hast du dein Wissen vor uns geheim gehalten?«
Axel Mossman zuckte mit den Schultern und breitete bedauernd die Arme aus. Genau wie er es vor gar nicht allzu langer Zeit im Restaurant getan hatte.
War da ein Funken von Verlegenheit im Gesicht des Mannes zu sehen? Oxen schielte zu Franck hinüber, deren Wangen leicht gerötet waren. Sie sah Mossman in die Augen.
»Ach, Scheiße, Margrethe …«, setzte Mossman an. »Du kennst es doch, das Spiel … Ich habe Vorrat gesammelt, um ein paar harte Winter zu überstehen. Ich habe mein Wissen verborgen, weil ich überzeugt war, dass ein Zeitpunkt kommen würde, zu dem es sich günstig ins Spiel bringen ließe. Ich bin …«
»Und wann sollte das bitte schön sein?« Er musste Mossman einfach unterbrechen. Denn er wusste, dass dieser in seinem Reden manchmal nicht zu stoppen war.
»Ja, nun … Beispielsweise hätte es sein können, dass die Justizministerin ihr Versprechen, mir den Vorsitz der Kommission zu überlassen, nicht einlöst. Oder dass sie vieles andere nicht einhält. Sie hatte mir ja bereits einmal den Kampf angesagt. Mein Wissen bedeutete, dass ich sie fest im Griff hatte, an Händen und Füßen gefesselt sozusagen, ohne dass sie davon die geringste Ahnung hatte. Wenn ihr mir dieses drastische Bild verzeiht.«
»Aber die Bedrohung«, schaltete Franck sich wieder ein, »die Hassing und Eilertsen darstellten – oder darstellen –, die hast du ignoriert. Warum? Und warum hast du seither nicht eingegriffen?«
»Lasst mich zu der Aufnahme zurückkommen, die ihr gerade gehört habt. Die ist rasch zusammengefasst, oder? Der damalige Leiter des Danehof, Wolf-Witte, befürchtete, dass der Untergang kurz bevorstand. Danehof befand sich in einer Krisensituation. Er musste ihren Notfallplan in die Tat umsetzen – der besagte, die Überreste an Generalstaatsanwalt Per Eilertsen zu übergeben. Den Kronprinzen in dem geheimen Machtnetzwerk.«
»Du hattest doch die Aufnahme!«, rief Oxen laut dazwischen. »Du hättest ihn einfach abservieren können!«
Mossman schüttelte den Kopf. »Come on, Oxen. Niemand auf der Welt kann das als einen Beweis für was auch immer verwenden. Da sind ein Mann und eine Frau spät in der Nacht an einem Strand. Sie unterhalten sich. Sie haben nichts Kriminelles getan. Nur wir drei verstehen den Zusammenhang und können die düstere Perspektive erkennen. Nur wir.«
»Aber du hättest dein Wissen ins System einschleusen können – bis ganz nach oben«, warf Franck ein.
»Nein, Margrethe! Gerade die Justizministerin war doch meine oberste Chefin! Wo hätte ich denn sonst hingehen sollen? Zum Ministerpräsidenten? Niemand wollte auf mich hören, als ich vor Danehof gewarnt habe. Wie sollte ich plötzlich jemanden dazu bringen, zuzuhören, wie ein alter Mann über den Vogel Phönix schwatzt, eine Art Version Danehof 2.0? Ich stand mit meinen Informationen vollkommen allein da.«
»Ja, ganz besonders weil du sie nicht mit uns teilen wolltest …« Francks Wangen glühten immer noch.
»Und je mehr Zeit verging, umso schwieriger wurde es, mein Wissen ins Spiel zu bringen. Die Arbeit der Kommission war beendet, eine rein politische Paradedisziplin übrigens. Die Opposition war zufrieden. In die Schublade damit. Zugeschoben. Aus. Und ich ging in Pension, verdammt, zu einer ewigen Wanderung mit meinem Hund. Bis jetzt. Wir befinden uns in einem Machtvakuum, in dem ich entscheide, welche Ressourcen wir verwenden – aber wir wissen nicht, wie lange das Fenster noch geöffnet ist. Deshalb haben wir keine Zeit zu verlieren.«
»Gibt es einen Favoriten für den Posten des neuen PET-Chefs?«, erkundigte sich Franck.
»Ich weiß nicht mehr als du«, erwiderte Mossman.
»Aber … Hast du eine Vermutung, wann ein neuer Chef seinen Posten antreten könnte?«
»Nein, Margrethe. Ich bin dazu abgestellt, das Tor zum Reich zu bewachen. Nichts anderes. Ich stehe außerhalb der Machtzirkel. Bin eine Art Gast. Ich weiß nichts – und mir wird nichts gesagt.«
Sie waren fast am Ende des Weges angekommen, aber es gab immer noch etwas, das nicht zur Sprache gekommen war.
Oxen fragte: »Du willst uns ja wohl nicht erzählen, dass du in all den Jahren kein wachsames Auge auf Hassing und Eilertsen gehabt hast …«
»Well, Soldat. Teilweise hast du recht. Ich habe die Karriere und das Privatleben der beiden verfolgt – aus der Distanz –, so gut es ging. Eilertsen ist ein typischer Beamter und ein Karrieremensch, nach außen hin tadellos. Er stand an der Spitze der SØIK, der Staatsanwaltschaft für Wirtschafts- und schwere internationale Kriminalität, und das mehrere Jahre lang. Als im Zusammenhang mit strukturellen Veränderungen die SØIK abgewickelt wurde, bekam Eilertsen die Aufgabe übertragen, die Änderungen durchzuführen. Er wurde zum Chef der neuen Generalstaatsanwaltschaft für Sonderkriminalität ernannt, die bekannt dafür ist, dass sie eng mit der NSK, der neuen Nationalen Einheit für Sonderkriminalität, zusammenarbeitet. Es heißt, dass Eilertsen diese Transformation zur Zufriedenheit aller durchgeführt hat. Und auch Helene Kiss Hassing scheint ihre Karriere im Griff zu haben. Vielleicht läuft es sogar ein wenig zu gut für sie.«
»Was meinst du damit?«, fragte Franck.
»Sie hat sich so gut geschlagen, dass sie ihren Parteivorsitzenden in den Schatten gestellt hat, den betagten Nestor Jan Winkel. Auf jeden Fall hat er ihr das mächtige Justizministerium weggenommen und sie in einer großen Ministerrochade auf einen Platz als Forschungs- und Bildungsministerin zurückgesetzt. Alle haben sie bereits als neue Vorsitzende der Konservativen gesehen. Es war für jeden offensichtlich, dass sie mehr draufhatte, als nur hübsch auszusehen. Aber irgendwo auf dem Weg geriet sie ins Straucheln. Sie ließ sich scheiden. In aller Öffentlichkeit. Ihr psychopathischer Ex-Ehemann liebte es offenbar, in den Klatschblättern aufzutauchen. Was ihr ganz und gar nicht gefiel. Das war eine hässliche Affäre. Die Familie mit zwei Kindern löste sich auf. In ihrem letzten Jahr als Ministerin starb ihre Mutter. Schließlich nahm sie eine Auszeit, um sich um ihren dementen Vater zu kümmern. Er starb vor drei Monaten in einem Hospiz, aber Helene Kiss Hassing ist immer noch nicht ins Parlament zurückgekehrt. Es wird behauptet, sie wäre psychisch instabil und würde gar nicht mehr zurückkommen. Andere sind der Meinung, dass sie genauso klug ist wie eh und je und ein Comeback im großen Stil plant – und einen Anschlag auf den Parteivorsitzenden Winkel, der mittlerweile ziemlich schwach dasteht.«
Mossman verstummte und hob die Hände. »Das war die relativ kurze Version, meine Lieben«, fuhr er dann fort. »Ich bin fest davon überzeugt, dass Danehof sich in den letzten Jahren ziemlich bedeckt gehalten hat, dass der Wiederaufbau jedoch auf Stand-by steht. Dass die Reste der Organisation keine latente Bedrohung bedeuten. Aber, aber … Garantieren kann ich das nicht. Deshalb müssen wir die Ressourcen der Nachrichtendienste zu einer sehr viel gründlicheren Überprüfung von Hassing und Eilertsen nutzen. Jeder Stein muss umgedreht werden. Und wenn es morsche Wurzeln im Dunkeln gibt, müssen sie gekappt und entfernt werden.«
Nachdenklich wandte Franck ein: »Aber … wie willst du das anpacken? Nachforschungen bei zwei so wichtigen Personen werden in Søborg großes Misstrauen hervorrufen.«
»Ich werde eine spezielle Taskforce für diese Aufgabe gründen. Mit handverlesenen Leuten. Ich will …« Er brach ab.
»Du willst ihnen also erzählen, dass wir hinter Danehof her sind?«
»Nein, Soldat. Kein Wort über Danehof. Zu niemandem. Das behalten wir drei für uns. Die übrigen Mitarbeiter werden auf reiner need to know-Basis gehalten. Der übliche Modus Operandi. Nichts Neues. Und wir fangen morgen früh mit den ersten Übungen an …«
Franck hob die Hand, um sich bemerkbar zu machen.
»Aber, Axel … Möchtest du nicht vielleicht zuerst uns fragen, ob wir dabei sind?«
»Oh my God. Wie respektlos von mir.«
Er sah fragend vom einen zur anderen, der Blick unter den schweren Augenlidern scharf, musternd.
Keiner von ihnen antwortete.
Mossman fuhr also eifrig fort. »Es wäre ja wohl empörend banal, würde ich auf den Tisch klettern und wie irgendein halb toter Poet carpe diem rufen, viel zu lächerlich, Freunde. Aber der Countdown läuft. Und wir drei haben es schon einmal geschafft, sind miteinander durch dick und dünn gegangen. Wir haben uns unseren Weg in die Materie an gehängten Hunden vorbeigebahnt, das Attentat der dunklen Männer verhindert – und erinnert ihr euch, wie sie uns verstoßen haben? Wie sie uns und unsere Kreise zu Eis haben gefrieren lassen? Wir waren gefrorene Flammen – lebende Tote. Aber wir sind zurückgekehrt. Wir haben uns zusammengetan und dem Feind einen vernichtenden Schlag versetzt. Und jetzt sind wir gezwungen, den letzten Schritt zu tun und uns zu vergewissern, dass nicht alles vergebens war. Ich rechne mit dir, Soldat. Mein alter knight in shining black armour. Und ich rechne mit dir, Margrethe. Meine treue Waffengefährtin. Nein … Lasst es mich noch eine Stufe höher stellen: Die Nation rechnet mit euch. Nur dass die Nation nichts davon weiß. Und die Nation soll es niemals erfahren. Also, liebe Freunde … Was sagt ihr zur Operation Interregnum?«
Danehof. Eilertsen. Hassing.
Sie hatte verdammt schlecht geschlafen. Diese drei Größen waren ihr nach dem Treffen in Mossmans Keller die halbe Nacht durch den Kopf gekreist.
Jetzt saß sie auf ihrem Platz im operativen Bereich und starrte mit leerem Blick auf den Klausdalsbrovej und den hektischen Morgenverkehr. Wie Lemminge drängten sich Fahrer immer wieder auf den engen Parkplatz an der Buddinge Station, wo doch schon per Definition alles besetzt war. Andere versuchten, die Rampe zum Parkdeck von Kvicklys hochzufahren, vielleicht brauchten sie ja bereits zum Tagesbeginn den Überblick, was sie zum Abendessen einkaufen wollten. Und schließlich floss weiter rechts auf dem großen Buddingevej der ewige Strom an Fahrzeugen dahin wie eine Art … Autopudding.
Alles war wie immer. Sie sah alles – ohne eigentlich irgendetwas wahrzunehmen.
Die ganze Zeit überlegte sie.
Sie war schon ein Stück weit gekommen und hatte sich bereits einige Spatenstiche tiefer in das scheinbar makellose Leben und Handeln des Generalstaatsanwalts Eilertsen gegraben.
Mossman hatte bis jetzt noch nicht zur Konferenz gerufen. Sie ging davon aus, dass er seine Mitarbeiter sorgfältig auswählen und dann eine Art Briefing geben würde, bevor die Arbeit ernsthaft in Gang kam. Vermutlich war geplant, dass Oxen und sie die eher kritischen Arbeiten im Tiefergraben zugewiesen bekamen. Also die Arbeiten, die auf die eine oder andere Weise eine tiefere Einsicht erforderte in das, was getan wurde – und nicht zuletzt, warum es getan wurde.
Sie konnte Mossmans Eile sehr gut verstehen. Schließlich ging es darum, den Worten Taten folgen zu lassen, Ressourcen bereitzustellen, solange der alte Meister und der PET sich im Interregnum befanden. Das würde …
Ihr Handy klingelte. Das war er.
»Ja?«
»In mein Büro. Sofort!«
Mossmans tiefe Stimme stieß den Befehl aus – und war im selben Moment wieder verstummt. Hastig stand sie auf. Der Ton war sonderbar gewesen. Und sie kannte ihn wirklich gut. Es eilte. Irgendetwas stimmte nicht, war nicht, wie es sein sollte.
Kurz darauf trat sie aus dem Lift, eilte den Flur entlang, steuerte direkt an der Sekretärin im Vorzimmer vorbei, klopfte an die Tür – und trat wie in guten alten Zeiten ein, ohne eine Antwort abzuwarten.
Axel Mossman saß reglos hinter seinem Schreibtisch, die Ellenbogen auf die Tischplatte gestützt, die Hände nachdenklich vor Nase und Mund gefaltet. Mit einem Nicken wies er zum Stuhl vor dem Schreibtisch.
»Setz dich. Und sieh dir das an.«
Er zeigte auf den großen Flachbildschirm an der Wand. Der Fernseher lief. Irgendwelche Nachrichten …
Sie schaute ihn verwundert an.
»Es kommt gleich, Margrethe. Die Nachrichten laufen morgens in Dauerschleife. Ich habe sie schon gesehen.«
»Was gesehen?«
»Das, was gleich kommt.«
Ihre hochgezogenen Augenbrauen brachten ihr keine weitere Antwort ein. Mossman saß immer noch mit gefalteten Händen da. Sie starrte auf den Bildschirm. Jetzt kam die Erkennungsmelodie für die Nachrichten. Dann war der Nachrichtensprecher zu sehen.
»Guten Morgen«, sagte er mit ernster Miene. »Wir gehen direkt zur Topnachricht des Tages: Der Leiter der Generalstaatsanwaltschaft für Sonderkriminalität, Per Eilertsen, ist in Schweden ums Leben gekommen. Er wurde ertrunken in einem See gefunden, in der Nähe des Anwesens seiner Familie bei Markaryd. Die schwedische Polizei hatte früh am Morgen eine Suchaktion eingeleitet, nachdem Eilertsens Familie keinen Kontakt zu ihm hatte herstellen können und ihn deshalb als vermisst gemeldet hatte.«
Es wurden Aufnahmen vom Ort des Geschehens gezeigt. Polizisten mit Hunden. Polizisten in einem Boot. Polizeitaucher im Wasser. Streifenwagen und Blaulicht zwischen den roten Holzhäusern.
Dann ein Polizeikommissar in Nahaufnahme, der entschlossen in die Kamera sah. Hinter ihm war ein Krankenwagen zu erkennen.
»Natürlich sind wir uns im Klaren darüber, dass es sich hier um eine äußerst wichtige Persönlichkeit handelt, aber auf den ersten Blick gibt es keine Anzeichen dafür, dass sich etwas Verdächtiges auf dem Grundstück zugetragen hat. Deshalb behandeln wir den Fall zunächst als einen tragischen Unfall«, erklärte der schwedische Polizeikommissar.
Der Nachrichtensprecher kam erneut ins Bild.
»Per Eilertsen wurde fünfundvierzig Jahre alt. Er machte Karriere als Justizbeamter und war jahrelang Chef der …«
Mossman schaltete den Fernseher aus.
»Weißt du mehr?«, fragte sie.
Mossman zuckte mit den Schultern. »Nicht viel. Ein bisschen off the record. Eilertsen hat sich offenbar ordentlich einen hinter die Binde gekippt und bekam Lust auf eine Abkühlung im See. Was man nicht tun sollte. Der Rest ist Spekulation. Momentan wissen wir noch nicht mehr. Es ist ja auch erst gut eine Stunde her, dass er gefunden wurde.«
»Also, gestern Abend haben wir beschlossen, Eilertsen auf Herz und Nieren zu durchleuchten, weil er angeblich in den letzten Jahren der Leiter des Danehof gewesen ist. Und heute ist Eilertsen tot. Wo stehen wir jetzt?«
Mossman atmete tief durch und schüttelte langsam den Kopf.
»Hm … Das Leben ist voller Zufälle und Fügungen. Voller Ereignisse, die statistisch gesehen nahezu unmöglich sind. Aber ich kann das nicht aushalten. Wenn ein Staatsanwalt ertrunken aufgefunden wird, ja, dann wird der ganz große Apparat in Gang gesetzt, ob er nun besoffen war oder nicht. Und es wird ja nicht weniger delikat durch die … Tatsache, dass …«
Mossman verstummte und verdrehte die Augen.
»Welche Tatsache, Axel?«
»Na ja … die Tatsache, dass Eilertsen nach allem, was der Flurfunk so verbreitet hat, als aussichtsreichster Kandidat für den Posten als … Chef des PET gehandelt wurde.«
Mossman rieb sich mit beiden Händen das Gesicht.
»Was! Chef des PET? Der Leiter des Danehof soll Chef des PET werden? Warum hast du gestern Abend nichts davon gesagt? Du hast behauptet, du wüsstest nichts.«
Mossman breitete entschuldigend die Arme aus – und lächelte schief.
»Well,da habe ich wohl vergessen, dass ich das wusste, Margrethe.«
»Du bist … verdammt noch mal echt unverbesserlich. Wir hätten uns während unseres kurzen Interregnums eine Riesenarbeit gemacht, hätten Eilertsens gesamtes Leben und Handeln durchpflügt, um ihn zu Fall zu bringen, bevor er überhaupt ernannt worden wäre.«
»Ich bin mir sicher, dass man in den höheren Etagen sehr gern gesehen hätte, wenn Eilertsen den Platz hier hinter meinem Schreibtisch eingenommen hätte.«
»Aber jetzt ist der Drecksack tot.«
»Auch wenn wir uns im Interregnum befinden, müssen wir untersuchen, ob überhaupt noch irgendetwas vom Danehof übrig ist. Etwas, das auf lange Sicht eine Bedrohung darstellen könnte.«
»Also Helene Kiss Hassing?«
»Genau. Und ich möchte weiterhin, dass Eilertsen und seine Hinterlassenschaften bis ins Detail auseinandergenommen werden. Es muss doch Computer, Handys, Unterlagen und was weiß ich noch alles geben. Das muss alles zusammengetragen werden. Aber zuerst wirst du nach Schweden fahren. Nimm Oxen mit. Der Soldat sieht manchmal Dinge, die sonst niemandem auffallen.«
»Offiziell?«
Mossman nickte.
»Offiziell. Aber diskret.«
»Kommt dir vielleicht gerade etwas Spezielles in den Sinn, wonach wir suchen sollen?«
Mossman zuckte mit den Schultern und versuchte zu lächeln.
»Nee … Ich habe nur eine Schwäche für fast alles, was schwedisch ist: Mora-Messer, Dalapferdchen, Lachs aus Mörrum, Zimtschnecken, Volvo, Björn Borg – sogar ABBA. Surströmming allerdings wird seinen Weg auf diese hymnische Liste nie finden. Was jedoch die polizeiliche Kompetenz dieses Wohlfahrtsstaats betrifft, so haben sie mich leider, leider noch nie sonderlich beeindruckt. Nach Palme hat mich nichts mehr so richtig überzeugt …«
»Dann kämmen wir also alles durch? Schauen denen über die Schulter? Ist es das, was du meinst?«
»Nehmt alles unter die Lupe. Und anschließend noch einmal. Schließlich war der Mann Generalstaatsanwalt für Sonderkriminalität – und Leiter des Danehof, zumindest dessen, was davon noch übrig war. Säuft sich so jemand um den Verstand und springt dann mitten im September in einen kalten, dunklen schwedischen See? Kann ja sein … Aber wir sollten da ganz sicher sein, Margrethe, ganz sicher.«
»Was für ein Morgen.«
»Es könnte kaum schlimmer sein. Und trotzdem ist dem so.«
»Was meinst du? Ist da noch mehr? Verschweigst du etwas?«
»Ich habe heute früh eine Mitteilung aus dem Büro des Premierministers bekommen: Der amerikanische Außenminister hat für nächste Woche seinen Besuch angesagt. Einen Besuch, den sich eigentlich niemand wünscht. Aber man kann ihn ja auch nicht ablehnen.«
»Grönland, wieder und wieder?«
»Keine Ahnung, was der Idiot will. Aber vermutlich stimmt das. Worum soll es denn sonst gehen? Und natürlich um die üblichen Behauptungen, wir seien Nassauer und Schmarotzer. Ich ertrage das nicht mehr. Mag mich einfach nicht mehr damit beschäftigen.«
»Aber diese Aufgabe können deine diversen Chefs doch wohl meistern, ohne dass du dich darum kümmern musst?«
»Ja, ich werde mir erlauben, diesen Dreck von meinem Schreibtisch zu wischen. So … Und jetzt ab nach Schweden, Margrethe.«
Mit ihrem roten Mini Cooper bog Margrethe Franck vorsichtig von der Teerstraße ab auf einen Feldweg. Sie schob die Sonnenbrille ins Haar, seufzte und schien vor allem zu bedauern, dass ihre Autofahrt vorbei war. Schon.
Ganz offensichtlich liebte sie ihr Auto und sie genoss es, mit dem Fahrersitz zu verschmelzen und Kilometer um Kilometer hinter sich zu lassen. Doch jetzt waren sie angekommen.
Plötzlich gab es ein knirschendes Geräusch. Der Wagenunterboden schrammte über die Erhöhung zwischen den Fahrspuren. Franck reagierte blitzschnell und lenkte den Wagen entlang der Spurkante.
»Wie weit noch, Niels?«
»Keine hundert Meter mehr.«
»Wenn es nicht besser wird, müssen wir zu Fuß gehen. Ich will den Wagen nicht durch irgendwelche blöden Schwedensteine ramponieren.«
Er nickte. Und lächelte.
Es war kurz nach Mittag. Die Fahrt von Kopenhagen bis hoch nach Markaryd in Kronobergs Län in Småland hatte nur ungefähr zwei Stunden gedauert. Über den Öresund, um Malmö herum, dann entlang der schwedischen Westküste und schließlich bei Helsingborg auf die E4. Nicht der Rede wert, wenn man in Kopenhagen lebte und gern unberührte Natur in relativ kurzer Zeit erreichen wollte. Und schon gar nicht der Rede wert, wenn Margrethe Franck hinter dem Steuer saß.
Nur die geraden kupferfarbenen Fichtenstämme schränkten den Blick auf den lang gestreckten, relativ schmalen See ein wenig ein. Es war der Hannabad-See, südwestlich von Markaryd gelegen. An seinem Ufer lag das Feriendomizil des Generalstaatsanwalts Per Eilertsen, ein klassischer schwedischer ehemaliger Bauernhof in Rot und Weiß. Das Anwesen war eines von acht oder neun, die über den Hang zum Seeufer hinunter verstreut lagen – und offenbar genügte ihre Anzahl nach schwedischen Vorstellungen für ein eigenes kleines gelbes Ortsschild. Hylte hieß der Ort.
Zu Anfang ihrer Fahrt hatten sie kurz über die letzte Neuigkeit gesprochen, über die Franck Oxen in Kenntnis gesetzt hatte: dass der amerikanische Außenminister sich zu einem Besuch eingeladen hatte, der natürlich viele Ressourcen des PET in Anspruch nahm. Aber auf die eine oder andere Art und Weise waren sie beide dieser Information gegenüber ziemlich gleichgültig, sowohl was die Amerikaner als auch was deren dummes Gerede über Grönland betraf. Vielmehr hatten sie bald über die absolut sonderbare Tatsache gesprochen, dass ziemlich genau in dem Moment, in dem sie beschlossen hatten, gemeinsam mit Axel Mossman Eilertsens Leben und Handeln eingehend zu untersuchen, der Kerl gestorben war. Ertrunken. Ausgerechnet in einem schwedischen Waldsee.
Franck hatte ihm von Mossmans koketter »Vergesslichkeit« am Abend zuvor erzählt: dass Eilertsen als der unangefochtene Topkandidat für den Posten als Chef des PET gehandelt wurde. Der Mann, dessen Stuhl Mossman warmhielt.
»Und jetzt ist er zu kalt, um ihn einzunehmen«, hatte Franck leicht zynisch konstatiert.
Er war der Meinung gewesen, dass Mossmans Vergesslichkeit eher dazu diente, kleine Teilchen all des Wissens zu schützen, das der Meister am liebsten für sich behielt – bis es ihm vorteilhaft erschien, es mit jemandem zu teilen. Sie hatten sich mit der Wahrheit zufriedengegeben, die indiskutabel war: dass Mossman immer kleine verborgene Depots von geheimem Wissen angelegt hatte. Gedacht für »einen harten Winter«, wie er sich bei ihrem Treffen im Keller ausgedrückt hatte.
Franck hatte sich nach Magnus erkundigt. Das tat sie immer. Und er spürte ein Gefühl der Erleichterung, dass er berichten konnte, wie gut sie sich verstanden – ohne etwas ausschmücken zu müssen. Sie lachten lauthals, als er die kleine Vater-Sohn-Séance über Indianereintopf, Wok und woke und all das andere zum Besten gab.
Franck ihrerseits hatte fröhlich von einem Erlebnis vor gar nicht allzu langer Zeit bei einem Ford-Händler erzählt. Sie war wie erstarrt gewesen vor maßloser Bewunderung beim Anblick eines echten Mustang Bullit, genau so einem, wie Steve McQueen ihn gehabt hatte. Dunkelgrün und unverwundbar. Mitten in dieser Offenbarung war sie von einem jungen Autoverkäufer bedrängt worden. Er wollte ihr ein Fahrzeug verkaufen, ein Elektroauto, einen Mustang Mach E mit einem Knopf, mit dem man einen Soundtrack aktivieren konnte, der ein wenig klang wie sechs bis acht lodernde Zylinder, wenn der E-Motor als eine Nummer zu leise empfunden wurde. Nachdem sie gemeinsam über den Wahnsinn gelacht hatten, schien es, als versänke Franck in ein tiefes Schweigen. Warum, konnte er nicht sagen.
Sie waren eine ganze Weile gefahren, ohne dass ein Wort fiel. Nicht, dass ihn das gestört hätte. Sie konnten problemlos eine lange Zeit des Schweigens miteinander verbringen. Nach einer halben Stunde hob sich die dunkle Wolke – und Franck begann wieder zu reden.
Jetzt waren sie angekommen. Sie entdeckten mehrere rote Gebäude auf einer großen Lichtung am Rand der Böschung.
Auch wenn inzwischen etwa vier Stunden vergangen waren, seit Eilertsens Leiche gefunden worden war, standen noch immer diverse Polizeiwagen auf dem Grundstück.
Während der Fahrt hatte Franck mit dem zuständigen Polizeibeamten vor Ort gesprochen, dessen Dienststelle sich im Markaryder Rathaus befand und der nun das zweifelhafte Vergnügen hatte, der Presse mit einer offiziellen Erklärung von höherer Stelle zu dienen. Etwas in der Art wie »mit Rücksicht auf die Ermittlungen derzeit kein Kommentar«. Aber wie sie es selbst im dänischen Fernsehen gesehen hatte, genügte so etwas nicht, um die Presse in Schach zu halten.
Sie hatte erfahren, dass ein gewisser Mikael Andersson, Kriminalkommissar von der Abteilung für Gewaltverbrechen, in Växjö die Ermittlungen leitete.
Franck war offenbar mit den schwedischen Prozeduren bestens vertraut. Eine Ermittlung geheim oder anfangs etwas unter Verschluss zu halten, hieß ›Voruntersuchung bei Verschlusssachen‹. So weit, so gut …
Langsam ließ sie den Wagen zwischen den Gebäuden ausrollen und parkte neben einem Brennholzschuppen. Überall auf dem Gelände waren Bereiche mit blau-gelbem Polizeiflatterband abgesperrt.
»Dann hoffen wir mal, dass das hier nice, clean and smooth ist, damit wir weiterkommen«, sagte er.
»Weiter? Nach Hause?«
»Weiter mit Helene Kiss Hassing.«
»Ja, unsere gesamte Aufmerksamkeit muss nun auf sie gerichtet sein. Sie ist jetzt allein, was Danehof angeht … Aber lass uns erst mal unsere schwedischen Kollegen kennenlernen. Dann sind wir schnell schlauer«, sagte sie und trommelte nachdenklich auf das lederne Lenkrad. »Und lass uns das freundlich und in aller Offenheit tun, ja, Niels?«
»Wie sonst?« Er nickte und stieg aus.
Sie gingen zwischen den Gebäuden hindurch zu dem Haus, auf dessen Terrasse mehrere Polizeibeamte standen.
»Mikael Andersson?«, fragte Franck.
Ein grauhaariger Mann mittleren Alters mit Goldrandbrille nickte lächelnd.
»Meine dänischen Gäste? Die örtliche Dienststelle hat mich natürlich informiert.«
Die beiden nickten.
»Vom Nachrichtendienst?«, fuhr der Schwede mit hochgezogenen Augenbrauen fort.
»Reine Routine«, versicherte Franck und gähnte verhalten, um ihre Anwesenheit noch unbedeutender erscheinen zu lassen. »Immerhin war der Mann Generalstaatsanwalt. Und von denen haben wir nicht so besonders viele …«
Mit nachdenklicher Miene nickte der Schwede erneut.
Franck fuhr mit einem leichten Grinsen fort: »Wir haben Sie im dänischen Fernsehen gesehen, kurz bevor wir losgefahren sind. Nicht so leicht mit der ›Voruntersuchung bei Verschlusssachen‹ in so einer kleinen Gemeinde, kann ich mir denken. Also, Hylte ist ja nur …«
»… ein Fliegendreck. Ja, genau. Deshalb … Ich musste der Presse ein kleines Appetithäppchen geben, um Ruhe zu haben«, erklärte der Kriminalkommissar und breitete leicht resigniert die Arme aus.
»Aber ein Gewaltverbrechen?« Franck sah den Polizeichef fragend an.
»Das ist einzig und allein darin begründet, dass wir sehr genau wissen, was es heißt, Generalstaatsanwalt in Dänemark zu sein.«
Wieder musste sie schmunzeln. »Okay, wären Sie so nett, uns auf den neuesten Stand zu bringen?«
