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In "Painful Secrets", dem zweiten Band der Trilogie "The Pain of your Lies", stehen Amber und Jason erneut im Mittelpunkt. Amber spürt immer stärker, dass Jasons dunkle Vergangenheit nicht nur ihn, sondern auch ihre aufkeimende Beziehung bedroht. Während sie sich nach Nähe und Vertrauen sehnt, stößt sie an die Mauern, die Jason um sein Herz errichtet hat. Doch je mehr Geheimnisse ans Licht kommen, desto gefährlicher wird es für beide – und Amber muss entscheiden, ob ihre Liebe stark genug ist, den Abgrund auszuhalten, in den Jason sie unweigerlich hineinzieht.
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Seitenzahl: 467
Veröffentlichungsjahr: 2025
Frederike Baumgarte
Painful Secrets
New Adult
Band 2
Impressum
Widmung
Sensible Inhalte
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Lieber Leser
Danksagung
Sensible Inhalte
© 2025 Frederike Baumgarte
Autorin: Frederike Baumgarte
Cover & Satz: Frederike Baumgarte
Verwendete Materialien: Einige Bildelemente wurden mit Canva Pro und MidJourney (KI-gestützt) erstellt
ISBN: 978-3-384-68893-4
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, Heinz-Beusen-Stieg 5, 22926 Ahrensburg, Deutschland
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ist ohne ihre Zustimmung unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: Frederike Baumgarte c/o WirFinden.Es Naß und Hellie GbR, Kirchgasse 19, 65817 Eppstein, Germany.Kontaktadresse nach EU-Produktsicherheitsverordnung:
Für die, die Geheimnisse tragen, die schwer auf ihren Herzen lasten.
Ich wünsche euch den Mut, euch zu öffnen und die Menschen zu sehen, die euch trotz allem lieben.
Diese Serie enthält schwierige Themen und sensible Inhalte, die für den einen oder anderen triggernd sein könnten.
Wenn du sensibel bist, lies es nicht oder nur unter Vorbehalt.
Eine genaue Auflistung findest du aus Spoilergründen am Ende des Buches.
Amber
Fünf Minuten vor dem ersten Klingeln meines Weckers wachte ich auf. Die Aufregung, die gefühlt meinen gesamten Körper zum Vibrieren brachte, hatte mich zunächst viel zu spät einschlafen lassen, dafür gesorgt, dass ich mich nachts durch mein Boxspringbett gewälzt hatte und mich nun viel zu früh wieder geweckt.
Heute war mein erster Tag am College. Ein neuer Lebensabschnitt. Ab heute war ich Studentin und nicht mehr Schülerin.
Doch meine Freude hielt sich in Grenzen. Zu schwer wog die Erinnerung an meinen achtzehnten Geburtstag vor einer Woche. Es hätte etwas Besonderes werden sollen, etwas Großartiges. Stattdessen war es schlichtweg furchtbar gewesen.
Verärgert rieb ich mir über die Augen. Ich wollte diesen Tag nicht mit trübsinnigen Gedanken beginnen. Ich wollte mich auf mein neues Leben freuen. Dabei war es noch nicht allzu lange her, da hatte ich ähnlich gedacht; hatte erwartet, in Summerlin neu anfangen zu können, nachdem mir meine Mutter keine Wahl gelassen hatte.
Und zeitweise hatte es sich auch so angefühlt: gut. Sich plötzlich in der Upper Class wiederzufinden, war nach einer überraschend kurzen Zeit gar nicht mehr so schrecklich gewesen, wie ich anfangs befürchtet hatte. Kurz nach meinem High-School-Abschluss hatte meine Mutter beschlossen, dass wir zu Sam ziehen würden. Sam, ein alter Freund aus der Collegezeit, mit dem sie offensichtlich doch mehr verband als nur eine platonische Freundschaft. Und dann gab es da noch Kate, seine Tochter. Sie war drei Jahre älter als ich, und bis vor einer Woche hatten wir uns gut verstanden. So gut, dass sie sogar Lucy, meine beste Freundin aus der Kindheit, vom Thron gestoßen hatte.
Bei dem Gedanken an Kate ging ein leichtes Ziehen durch meine Brust. Sie war mir in so kurzer Zeit so sehr ans Herz gewachsen, dass die Distanz schmerzte, die sich zwischen uns aufgetan hatte.
Ich gab auf. Auch wenn ich noch länger grübelnd in meinem Bett liegen bleiben würde, die trüben Gedanken würden dennoch nicht verschwinden. Seufzend schlug ich die Bettdecke zurück und stand auf.
Ich griff nach dem Outfit, das ich mir gestern Abend für meinen ersten Tag an der Summerlin Heights Academy herausgelegt hatte. Mein Stil hatte sich in den letzten Wochen verändert. Hatte ich in Palm Beach noch weite Jeans, mindestens knielange Röcke und alles mit Blumenmuster bevorzugt, das meine Figur eher verbarg, so hatte ich durch Kate entdeckt, wie schön und wohl ich mich doch in Kleidung fühlte, die sie betonte. Nicht nur, weil ich nicht mehr so nach Kleinkind aussah, sondern weil ich mich seit unserer Ankunft mehr und mehr selbst gefunden hatte und dies auch ausstrahlen wollte.
Und ja, sie waren sündhaft teuer. Sie kosteten mehr, als ich jemals gedacht hatte, für Klamotten auszugeben. Aber Shoppen ohne Limit, in den exklusivsten Läden in Summerlin und Las Vegas, machte unglaublich Spaß.
Nach einer kurzen Dusche zog ich mir meine beigefarbene Stoffhose an. Dazu trug ich ein türkisfarbenes Oberteil, das durch den leichten Stoff sanft und gleichzeitig figurbetont über meinen Bauch fiel. Während es vorn fast hochgeschlossen war, hatte es auf dem Rücken einen Cut-Out, der dazu führte, dass ich keinen BH tragen konnte. Hier waren meine etwas zu klein geratenen Brüste endlich mal ein Vorteil: Ich benötigte eigentlich keinen BH.
Für das Make-up ließ ich mir etwas mehr Zeit. Ich versuchte, die Tipps umzusetzen, die Kate mir in den letzten Wochen gegeben hatte. Allerdings dauerte es etwas, bis ich gänzlich zufrieden war.
Ein letzter prüfender Blick ließ mich eine Amber sehen, die mir gefiel. Ich war nicht mehr das kleine, naive Mädchen aus Florida. The Ridges hatte mich verändert. Äußerlich sah ich aus wie ein Mädchen aus der Upper Class. Tja, und innerlich? Da war ich irgendetwas dazwischen.
Ich schwankte zwischen dem Gefühl, noch nicht erwachsen zu sein. Gleichzeitig kam ich mir im Vergleich zu meiner Zeit vor The Ridges sehr viel älter vor. Spätestens mein achtzehnter Geburtstag hatte mir nicht nur meine Unschuld genommen, sondern auch einen Großteil meiner Naivität. Alkohol, Drogen, illegale Autorennen und Sex im Drogenrausch. Das alles konnte ich nun von meiner Bucket List streichen. Dinge, die nie darauf gestanden hatten.
Und doch hatte ich all das erlebt.
»Amber?«
Als ich die Stimme meiner Mom hörte, schreckte ich aus meinen Gedanken hoch. Schon wieder war ich in ihnen versunken. Hastig griff ich nach meiner neuen Tasche, stopfte schnell noch das MacBook hinein und verließ mein Zimmer. »Ich komme«, rief ich über den Flur und hatte keine Ahnung, ob meine Mutter mich überhaupt hörte.
Die Villa der Everharts war riesig und luxuriös. Und wie alles hier in The Ridges hatte es mich anfangs erschlagen.
Als ich die breite Treppe hinunter ins Foyer ging, sah ich Sam und meine Mom mit einem breiten Grinsen vor der Haustür stehen.
Ich runzelte die Stirn. »Was ist los?«
Meine Mom breitete die Arme aus und zog mich überschwänglich an sich. »Ahh, meine Kleine geht jetzt aufs College. Ich kann es gar nicht glauben.«
Ich erwiderte die Umarmung und schloss für einen Moment die Augen. Ich war vielleicht achtzehn, allerdings fühlte sich ein Teil von mir wie fünf und war so aufgeregt wie vor dem ersten Tag an der Preschool.
Nachdem wir uns wieder voneinander gelöst hatten, trat Sam einen Schritt näher. »Ich wünsche dir heute einen richtig tollen Tag. Die SHA wird dir alle Türen öffnen.«
Ich nickte. Ja, das hatte Kate mir bereits gesagt. In den letzten Tagen waren mir ihre Worte immer wieder durch den Kopf gegangen: Erfolg richtet sich nicht nur nach dem Abschluss, sondern vor allem nach den richtigen Kontakten, und die musste ich bereits im College knüpfen. Und mit richtigen Kontakten waren natürlich sie und ihre Clique gemeint. Und das hatte sie nicht aus purer Selbstüberschätzung gesagt, sondern weil es wahrscheinlich die Realität war.
Ich wollte mich schon abwenden, als Sam plötzlich etwas aus seiner Hosentasche zog. Meine Augen wurden groß, als ich einen Autoschlüssel erkannte. War es das, was ich dachte?
Sams Zähne blitzten auf, als er mir den Schlüssel überreichte. »Als Studentin brauchst du ein eigenes Auto, nicht wahr?«
Meine Finger zitterten beinahe, als ich den Schlüssel entgegennahm. Ich konnte einen Aufschrei nicht unterdrücken, als ich die Automarke erkannte. »Ein Lexus?«, rief ich.
Sam und meine Mom nickten.
»Wo steht er?« Meine Stimme überschlug sich.
Mit einer großen Geste öffnete Sam die Haustür.
Als ich meinen Blick nach draußen richtete, stand dort direkt vor den Treppenstufen ein blau-glänzendes Cabrio. Ungläubig sah ich Sam an. »Das gehört mir?«
Er nickte. »Ja, das gehört dir.«
Ich quietschte vor Freude auf, umarmte Sam stürmisch und rannte die Stufen hinab. Ehrfürchtig umrundete ich den Wagen, ließ meine Finger über den Lack gleiten und öffnete schließlich die Fahrertür. Langsam ließ ich mich auf den Ledersitz gleiten und bestaunte das champagnerfarbene Interieur. Es war einfach nur der Hammer.
Ich hatte zwar kein Faible für Autos, aber nachdem mein Vater meinen Mercedes einkassiert hatte, war das hier schlichtweg ein wahr gewordener Traum.
In diesem Moment fiel ein Schatten auf mich. Als ich hochsah, stand Kate neben mir.
»Das ist ein Lexus LC 500«, erklärte sie mir und zwinkerte mir zu. »Nur, falls du gefragt wirst.«
Immer noch ganz aus dem Häuschen ließ ich meine Finger über das Lederlenkrad gleiten. »Das ist der Wahnsinn.«
»Ja, ich dachte mir schon, dass es dir gefallen wird.«
Ich hielte inne. »Hast du ihn ausgesucht?«
Sie nickte in die Richtung unserer Eltern. »Sie haben mich gefragt, welches Auto dir gefallen könnte. Ich habe gesagt, dass es auf jeden Fall ein blaues Cabrio sein muss. Türkis wäre natürlich optimal gewesen, allerdings wäre das eine Sonderfarbe und nicht mehr pünktlich geliefert worden.« Ihre Augen wanderten über das Auto. »Ich hoffe, es gefällt dir trotzdem.«
»Gott, ja!«, rief ich. »Es ist perfekt.«
Meine eigenen Worte hallten in meinen Ohren nach. Perfekt. So wie in Summerlin alles oberflächlich perfekt war. Am Anfang hatte mich diese Tatsache gestört, doch wenn es bedeutete, dieses Auto mein Eigen nennen zu können, störte mich der Perfektionismus nicht.
Kate sah mich schweigend an. Eine unangenehme Stille entstand zwischen uns, und mir lagen so viele Worte auf der Zunge, die ich sagen wollte, aber kein einziges kam über meine Lippen.
Schließlich unterbrach sie die Spannung zwischen uns, klopfte leicht auf die Tür und trat einen Schritt zurück. »Ich wünsche dir viel Spaß an deinem ersten Tag.«
»Danke«, gab ich murmelnd zurück und fühlte wieder einmal die Distanz zwischen uns schwer auf mir lasten. Ich wollte das nicht. Ich wollte, dass wir uns wieder so gut verstanden wie in den letzten Wochen. Ich wollte meine Schwester zurück.
In diesem Moment trat meine Mom an mein neues Auto und reichte mir eine Papiertüte und einen Thermobecher. »Hier, frische Bagels und Kaffee. Ich dachte, du willst bestimmt gleich eine Spritztour machen, bevor du zum College fährst.«
O ja, und wie ich das wollte.
Ich nahm mein Frühstück entgegen und startete den Motor. Langsam rollte ich die Auffahrt hinunter zum großen Metalltor, das mit edlen goldenen Ornamenten verziert war.
Das Gefühl in dem Moment, als der Lexus die Straße entlang rollte, war unbeschreiblich. Dagegen war die Freiheit, die ich in Kates Cabrio gespürt hatte, als wir zum Lake Mead gefahren waren, nichts. Nicht nur die Straße schien mir zu gehören, sondern das gesamte Leben lag vor mir und wartete darauf, entdeckt zu werden.
Kate hatte mich mal gefragt, was ich im Leben erreichen wollte. Ich hatte keine Antwort parat gehabt. Und ich wusste immer noch nicht, was genau ich eigentlich wollte, doch zum ersten Mal fühlte es sich so an, als säße ich selbst am Steuer meines Lebens. Ich konnte die Richtung bestimmen, und Sam hatte recht: Durch die Summerlin Heights Academy stand mir die Welt offen. Ich musste sie nur erobern.
Ich drehte das Radio auf, genoss den Fahrtwind, der durch meine Haare wehte, und verließ The Ridges schließlich durch eins der bewachten Tore, die das Viertel vom restlichen Summerlin abschotteten.
Mein neues Leben begann hier und jetzt. Und zum ersten Mal war ich dabei auf mich allein gestellt. Keine Lucy, in deren Schatten ich mich verkriechen konnte und auch keine Kate, die mich an die Hand nahm. Aber genau diese Tatsache fühlte sich plötzlich gut an.
Ich fuhr die Straßen von Summerlin entlang und entdeckte meinen neuen Wohnort noch einmal neu. Ich war jetzt nicht länger die Fremde. Mit dem Lexus fühlte es sich an, als würde ich dazugehören.
Als ich in die Straße einbog, die zum College führte, begann mein Herz vor Aufregung wieder schneller zu schlagen. Doch durch die Autofahrt und die Freude über meinen neuen Wagen waren meine trübsinnigen Gedanken verschwunden. In einer lässigen Bewegung lenkte ich meinen Lexus in eine Parklücke, schaltete den Motor aus und atmete tief durch. Mein Blick fiel durch die Frontscheibe. Ich sah einige Studenten auf dem Campus, teilweise in Grüppchen stehend, teilweise allein. Einige unterhielten sich aufgeregt, während andere in meine Richtung starrten.
Offenbar fiel mein Wagen auf. Ich griff nach der Tasche, die mir meine Mom extra für das College gekauft hatte, und nach meinem Kaffeebecher. Betont lässig, als wäre ich die Ruhe selbst, stieg ich aus dem Auto und mit einer lockeren Geste, die ich mir bei Kate abgeschaut hatte, schob ich meine Sonnenbrille auf den Kopf.
Ich schulterte meine Tasche und steuerte zielsicher auf den Haupteingang zu. In der letzten E-Mail hatte gestanden, dass unsere offizielle Begrüßung in der Aula stattfinden würde.
Die Blicke, die mich verfolgten, versuchte ich zu ignorieren. Doch am Rande registrierte ich, dass die Jungen mir nicht wie früher in der Highschool naserümpfend hinterherschauten. Dieses Mal lag Anerkennung in ihren Augen.
Ein leichtes Lächeln umspielte meine Lippen. Scheiße, war das ein gutes Gefühl. Wenn ich gewusst hätte, dass einem diese Blicke so guttaten, hätte ich mir vor Jahren schon ein anderes Outfit und Auftreten zugelegt.
Wobei, vielleicht hatte ich die Erfahrungen aus dem Sommer gebraucht, um dort hinzugelangen, wo ich jetzt stand: Ich nahm mein Leben selbst in die Hand.
In der Aula waren einige Stuhlreihen aufgestellt worden, die Bühne war ausgeleuchtet, und die Scheinwerfer richteten sich auf das hölzerne Podium, das mit verschnörkelten Elementen ziemlich exklusiv aussah. Da die meisten Studenten noch draußen standen, hatte ich freie Wahl und entschied mich für einen Platz in der zweiten Reihe. Viele Reihen gab es ohnehin nicht, denn die Summerlin Heights Academy nahm jedes Semester nur hundert neue Studenten auf.
Nachdem ich mich gesetzt hatte, füllte sich der Saal langsam, und wenig später ließ sich ein Mädchen auf den Stuhl neben mir fallen. Ihr Haar war so hell, dass es im Licht aussah, als wäre es aus Gold. Sie trug ein roséfarbenes Kostüm, und als sie mir ein freundliches Lächeln zuwarf, erkannte ich sie. Nur, dass ich sie das letzte Mal mit einem lustvoll verzerrten Gesicht gesehen hatte.
Sie reichte mir ihre Hand. »Hey, ich bin Ella Ashmore.«
»Ich weiß«, rutschte es mir heraus, während ich ihre Hand schüttelte.
Irritiert zog sie ihre Augenbrauen zusammen. »Kennen wir uns?« Entschuldigend schaute sie mich an. »Tut mir leid, aber ich kann mich nicht erinnern.«
»Ich habe dich auf dem Debütantinnenball gesehen. Du hast den Anfang gemacht«, fügte ich schnell hinzu, denn sie musste schließlich nicht wissen, dass ich sie auf der Terrasse erwischt hatte, als sie ganz andere Dinge getan hatte, als nur zu tanzen.
Und das mit dem Jungen, den ich vergessen wollte.
Ihr Gesicht leuchtete auf. Anscheinend war der Ball für sie eine gute Erinnerung. »Das stimmt.« Sie legte ihre Stirn in Falten und musterte mich nachdenklich.
Ich beschloss, ihr auf die Sprünge zu helfen, denn offensichtlich erkannte sie mich nicht. Das überraschte mich nicht, denn ich war immer diejenige, die auf einer Veranstaltung am Rand stand und für die meisten unsichtbar war. »Amber Hayne«, antwortete ich.
Kaum hatte ich meinen Namen genannt, erhellte sich Ellas Gesicht. »Du bist die, die bei der Damenwahl mit Jason getanzt hat, oder?« Sie deutete auf meine Haare. »Ich habe dich gar nicht erkannt. Du hast eine neue Frisur.«
Bei den Erinnerungen, die sie mit ihren Worten heraufbeschwor, konnte ich ein Erröten nicht verhindern und nickte bestätigend. Was hätte ich auch sagen sollen? Dass ich wünschte, ich hätte es nicht getan? Denn irgendwie hatte mit diesem Tanz alles angefangen. Da hatte Jason mir das erste Mal das Gefühl gegeben, alles um mich herum vergessen zu können und mich zum ersten Mal auf eine angenehme Weise lebendig und gesehen gefühlt.
Ella seufzte auf. »Ah, Jason ist auch echt heiß, aber leider nichts auf Dauer.«
Ich erwiderte nichts, denn ich hatte keine Lust auf das Thema.
Leider schien Ella mein Schweigen nicht richtig deuten zu können, denn sie beugte sich neugierig zu mir hinüber, als würden wir Geheimnisse austauschen wie Junior-High-Schüler. »Du musst mir eins verraten: Wie hast du es geschafft, dass er mit dir tanzt? Ich meine, es ist bekannt, dass er grundsätzlich niemals bei der Damenwahl tanzt.«
Das hatte Kate mir damals auch gesagt. Damals … das klang irgendwie falsch, denn es war nur drei Monate her, und gleichzeitig kam es mir wie eine Ewigkeit vor. Betont gelassen zuckte ich mit den Schultern. »Keine Ahnung. Vielleicht hatte er nur Mitleid.«
Ellas Augen wurden groß. »Mitleid? Jason?« Sie lachte auf. »Das glaube ich nicht. Nichts und niemand erregt sein Mitleid.«
Bei diesen Worten spannte ich meinen Rücken an. Jason hatte sehr wohl die Fähigkeit, Mitleid zu haben. Ich hatte es in seinen Augen gesehen. Auf dem Jahrmarkt, für den kleinen Jungen und auch für Kate, als diese mit ihrem Horrortrip zu kämpfen hatte.
Ach, scheiße! Jetzt verteidigte ich ihn auch noch. Unmerklich schüttelte ich den Kopf. »Wer weiß schon, was in ihm vorgeht?«, murmelte ich ausweichend und war froh, als ich im Augenwinkel sah, wie Direktor Hastings ans Podium trat. Ich deutete nach vorn, in der Hoffnung, dass Ella endlich das Thema fallen ließ und den Mund halten würde.
»Sie sind Ihre Zukunft und wir legen den Grundstein, um die beste aller möglichen Versionen Ihrer Zukunft wahr werden zu lassen.« Die Stimme des Direktors hallte durch die Aula. Selbst ohne Mikrofon war er in jeder Ecke gut zu verstehen. Anscheinend war die Akustik des Raumes so konzipiert, dass der Hall seiner Stimme perfekt in jede Reihe getragen wurde. »Mit diesen Worten möchte ich Sie auf der Summerlin Heights Academy willkommen heißen.«
Die Begrüßung durch den Direktor und verschiedene andere Lehrer dauerte fast eine Stunde. Danach wurden wir in Kleingruppen älteren Studenten zugeordnet, die uns über den Campus führen sollten.
Zack, ein Student aus dem letzten Semester, der Ella, mir und acht weiteren Freshmen das College zeigte, erfüllte sämtliche Klischees, die man als Mädchen über einen Senior haben konnte. Hochgewachsen, aber nicht zu groß, breite Schultern, jedoch nicht massiv. Dazu mittelblonde Haare, die seine blauen Augen strahlen ließen, und zur Krönung ein sympathisches Lächeln. Insgesamt also der Typ, der Mädchen in ihren Träumen besucht.
Ich verbrachte die Führung mehr damit, ihn und meine Kommilitonen zu beobachten, als ihm zuzuhören. Das lag auch daran, dass Kate mir das College bereits gezeigt und mir in den letzten Wochen so viel erzählt hatte, dass ich hier gefühlsmäßig schon ein und aus ging.
»Habt ihr noch Fragen?« Zack sah in die Runde und nachdem alle den Kopf geschüttelt hatten, nickte er zufrieden. »Dann habt ihr euren ersten Tag geschafft, und ich wünsche euch für die kommende Woche viel Spaß. So einfach wird es nie wieder.« Er grinste breit.
Ella, die neben mir stand, seufzte leise. »Ich glaube, wenn hier alle Studenten so gut aussehen, dann kann die Collegezeit nur gut werden.«
Ich musste mich zwingen, meine Skepsis nicht allzu deutlich zu zeigen. Die Collegezeit davon abhängig zu machen, wie gut die Jungs aussahen, fand ich ein wenig befremdlich. Als Ella ihrer Aussage jedoch noch etwas hinzufügte, klärte sich für mich alles.
»Mir ist es ehrlich gesagt egal, was ich für einen Abschluss mache. Ich will mir nur einen attraktiven, wohlhabenden Mann aus gutem Hause angeln und dann mein Leben lang im Luxus baden.« Sie zwinkerte mir verschwörerisch zu. »Und du?«
Ich starrte sie für einen Moment fassungslos an. Ich hielt mich nicht für besonders emanzipiert, allerdings hatte meine Mom bereits den Fehler gemacht, sich finanziell und emotional von meinem Vater abhängig zu machen. Diesen Fehler würde ich garantiert nicht wiederholen. »Weiß ich noch nicht«, gab ich schließlich zu. »Aber ich werde mir keinen Ehemann suchen. Ich will auf eigenen Beinen stehen.«
Ella neigte ihren Kopf. »Also, ich möchte nicht mein Leben lang arbeiten müssen. Das kann mein Mann machen. Dafür bin ich ihm eine schöne und treue Ehefrau und kümmere mich um die ganzen sozialen Verpflichtungen.«
Ich konnte ein Augenrollen kaum unterdrücken. Es war nicht so, dass ich den Gedanken Hausfrau und Mutter zu sein so furchtbar fand, sondern mehr die Faulheit und die Geldgier, die bei Ella aus allen Poren zu sickern schien.
Sie wartete kurz, als ich jedoch nichts erwiderte, zuckte sie mit den Schultern und verabschiedete sich.
Kopfschüttelnd wandte ich mich ab und lehnte mich gegen die Palme, unter der wir gestanden hatten. Ich genoss den Schatten, denn die Sonne brannte bereits heiß vom Himmel, und holte meine Wasserflasche heraus. Ich leerte sie bis auf den letzten Tropfen und ließ meinen Blick über die breite Glasfront der SHA gleiten.
Ich hatte ein gutes Gefühl. Ein sehr gutes sogar. Etwas, das ich nie für möglich gehalten hatte, denn nachdem Lucys und mein Plan, gemeinsam am Riverton Ridge College zu studieren, durch meinen plötzlichen Umzug zerstört worden war, hatte ich angenommen, dass jedes andere College einfach nur blöd sein konnte. Aber wie so vieles hatte sich auch das geändert. Für einen kurzen Moment dachte ich an Lucy. Sie hatte heute ebenfalls ihren ersten Tag am Riverton Ridge College, und ein Teil von mir wollte wissen, wie es bei ihr lief. Der Teil, der daran gewöhnt war, dass Lucy meine Welt gewesen war.
Allerdings hatte sich auch das seit meinem Geburtstag geändert. Wobei, nein, eigentlich hatte das schon mit dem Umzug nach Summerlin angefangen. Anfangs hatten wir noch oft und ausgiebig telefoniert. Doch je mehr ich mich in The Ridges eingelebt hatte, desto weniger Kontakt hatten wir gehabt. Außerdem hatte ich ihr auch vieles nicht erzählen wollen. Wie sollte ich ihr von den Drogen und illegalen Autorennen berichten, ohne dass sie anfing, sich Sorgen zu machen? Trotz allem hatte ich sie weiterhin als meine beste Freundin bezeichnet. Diesen Rang verlor man schließlich nicht so einfach, nur weil man nicht mehr Tür an Tür wohnte. Doch dann war sie auf meinem Geburtstag aufgetaucht, und ehrlicherweise musste ich mir eingestehen: Wenn sie nicht gewesen wäre, wäre all das, weswegen ich eine Woche lang kaum in den Spiegel schauen konnte, nicht passiert.
Wenn sie nicht mit Jason herumgemacht hätte, dann …
»Ist das dein Lexus?«
Eine dunkle, melodische Stimme unterbrach meine Gedanken. Erleichterung durchströmte mich kurz, weil ich wieder einmal abgedriftet war und mich jemand aus meinem Gedankenchaos herausholte, bevor ich mich weiter darin verlieren konnte. Dabei hatte ich mir vorgenommen, alles, was mit meinem Geburtstag zusammenhing, zu vergessen. Als ich hochschaute, stand Zack neben meinem neuen Auto.
Ich nickte. »Ja, warum?«
Er stieß einen anerkennenden Pfiff aus, während er sich über die Tür beugte, um einen besseren Blick in das Innere werfen zu können. »Geiles Auto.«
Unsinnigerweise stieg eine Art Stolz in mir auf, und ich trat aus dem Schatten heraus. »Ein Lexus LC 500«, gab ich mein neuestes Wissen zum Besten.
Ein breites, sympathisches Grinsen erschien auf dem Gesicht des Jungen. »Eine Frau, die sich auskennt.«
Ich lachte auf. »Geht so. Meine Schwester hat es mir heute extra noch eingetrichtert.« Bei der Bezeichnung hatte ich für ein Millisekunde gezögert, jedoch passte es im Grunde, und ich musste einem fremden Jungen auch nicht gleich meine komplizierte Familiengeschichte erzählen.
Zack streckte seinen Oberkörper wieder durch und kam einen Schritt auf mich zu. »Ah, damit du vor den Jungs angeben kannst?«
Sein Lächeln wirkte amüsiert, sodass ich nicht anders konnte, als ihn verschmitzt anzugrinsen. »Vielleicht.« Für eine Sekunde schoss vor Nervosität Adrenalin durch meine Adern. Flirtete ich etwa gerade? Das hatte ich noch nie getan. Um meine Unsicherheit zu kaschieren, lehnte ich mich mit meinem Hintern gegen die Motorhaube.
Auffordernd streckte Zack mir seine Hand entgegen. »Du warst in meiner Gruppe«, stellte er fest.
Ich nahm die mir dargebotene Hand und schüttelte sie leicht. »Amber.«
Er nickte, als könne er dadurch meinen Namen abspeichern. »Schön, dich kennenzulernen. Du warst eben ziemlich still.«
»Meine Schwester hat mich in den Ferien schon herumgeführt, deswegen hast du mir leider nicht allzu viel Neues gezeigt.«
O mein Gott. Meine Stimme hatte eindeutig flirty geklungen, und die Zweideutigkeit meiner Worte, die dadurch entstanden war, ließ mich beinahe erröten. Was musste Zack nur von mir denken?
Doch dieser zwinkerte mir belustigt zu. »Möchtest du denn etwas Neues sehen?«
Plötzlich wurde mir heiß, und vor allem fühlte ich mich unwohl. Das war ein Terrain, auf dem ich mich nicht auskannte. Auf diese Art redete Kate mit Jungs und sie würde auch prompt eine Antwort parat haben, allerdings herrschte in meinem Kopf bloß gähnende Leere. Bemüht lässig winkte ich ab. »Nein, danke. Für heute habe ich genug neue Leute kennengelernt.«
Zack zuckte zurück und legte gespielt verletzt die Hand auf seine Brust. »Autsch.«
Siedenheiß wurde mir bewusst, dass ich ihm soeben eine knallharte Abfuhr erteilt hatte. Das war gar nicht meine Absicht gewesen; ich hatte ehrlich gesagt wirklich keine Lust auf noch mehr Eindrücke und wollte nach Hause.
Doch bevor ich etwas erwidern konnte, nickte er verabschiedend. »Vielleicht das nächste Mal. Dann bin ich ja nicht neu für dich, sondern fast schon eine alte Gewohnheit.«
Das ließ mich auflachen. »Du meinst, wie ein alter Ohrensessel, den man sich bequem gesessen hat?«
»Also mit einem Ohrensessel wurde ich noch nie verglichen.«
»Es gibt für alles ein erstes Mal«, erwiderte ich und hätte mir kurz darauf am liebsten auf die Zunge gebissen.
»So wie dein erster Tag am College.« Zack schien Gott sei Dank keine Lust mehr auf Zweideutigkeiten zu haben. »Ich wünsche dir auf jeden Fall eine gute Heimfahrt.«
»Danke.«
Er hob seine Hand als Zeichen, dass er verschwinden würde und ging.
Erst jetzt spürte ich, dass mein Herz schneller schlug. Anscheinend hatte das kurze Gespräch mich doch ein wenig aus der Fassung gebracht. Tatsache war, dass ich nie ein Mädchen gewesen war, das mit Jungen locker hatte umgehen können.
Als ich Zack nachschaute, drehte er sich noch einmal zu mir um. »Wir sehen uns nächste Woche«, rief er fröhlich. »Ich werde auf jeden Fall nach deinem Lexus Ausschau halten.«
Ich hob meine Hand und winkte zurück, um zu zeigen, dass ich ihn verstanden hatte. Insgeheim revidierte ich meine Aussage: Doch ich war ein Mädchen, das locker mit Jungs umgehen konnte. Ich hatte es früher nur nie ausprobiert. Und obwohl ich gerne auf viele Erfahrungen, die ich im Sommer gemacht hatte, verzichtet hätte, so hatten sie mich wenigstens meinen ersten Tag am College souverän meistern lassen. Ich hatte sogar mit einem attraktiven Jungen geflirtet.
Mit einem Lächeln im Gesicht stieg ich in meinen neuen Wagen und fuhr nach Hause.
Nach Hause. Zum ersten Mal fühlte sich das nicht fremd an, sondern sogar richtig. Still und heimlich war The Ridges zu meinem Zuhause geworden.
Dort angekommen, empfing mich jedoch absolute Leere, wenn man vom Personal einmal absah. Sam würde erst abends nach Hause kommen, meine Mom war auch noch nicht wieder da, und Kate hing vermutlich mit ihren Freunden ab.
Nachdem ich etwas zu Mittag gegessen hatte, das mir die Köchin servierte, verkrümelte ich mich in mein Zimmer und durchstöberte meinen Onlinezugang zur SHA.
Erst als es Zeit zum Abendessen war, verließ ich mein Zimmer wieder. Als ich die Treppe ins Erdgeschoss hinunterging, sah ich, wie Sam meiner Mom einen Kuss gab und dann durch die Haustür verschwand.
Meine Mutter einen anderen Mann als meinen Vater küssen zu sehen, war ungewohnt. Jedoch wenigstens längst nicht so peinlich, wie die beiden beim Sex zu erwischen, wie es Kate und mir vor einigen Wochen passiert war. Bei dem Gedanken daran hatte ich Mühe, nicht wieder rot zu werden.
Ich sprang die letzte Stufe hinunter. Das Geräusch ließ meine Mom aufhorchen und sich umdrehen.
»Muss Sam noch mal weg?«, fragte ich.
»Ja, er hat mich nur kurz zu Hause abgesetzt und etwas geholt. Er hat gleich noch ein wichtiges Meeting.«
»Also seid ihr jetzt zusammen?«
Ein beinahe verträumtes Lächeln umspielte ihre Mundwinkel. »Ja. Wir wollten es Kate und dir heute Abend sagen.«
Spontan umarmte ich sie. »Das freut mich für dich.« Und das meinte ich ernst. Meine Mom wieder glücklich zu sehen, nachdem mein Vater ihr alles genommen und sie wortwörtlich auf die Straße gesetzt hatte, bedeutete mir viel.
Sie erwiderte meine Umarmung und strich mit ihren Händen über meinen Rücken. »Also bist du nicht mehr sauer auf mich, weil ich dich gezwungen habe, nach Summerlin zu ziehen?«
Darüber musste ich kurz nachdenken. War ich noch sauer? Auf jeden Fall nicht so sehr, wie ich es am Anfang gewesen war. Nichtsdestotrotz wünschte sich ein Teil von mir in ein Paralleluniversum, in dem meine Mom mir erlaubt hätte, mit Lucy aufs Riverton Ridge College zu gehen.
Andererseits wäre ich dann immer noch die alte, langweilige Amber, die zu schüchtern war, um mit gut aussehenden Jungen zu reden.
Die neue Amber gefiel mir sehr viel besser. Ich löste mich ein wenig aus der Umarmung, damit ich meine Mom anschauen konnte. »Nein, ist schon okay. Ich meine, die SHA wird mir vermutlich wirklich Türen öffnen, von denen ich sonst nur hätte träumen können.« Und dass Lucys und meine Freundschaft einen nicht mehr zu reparierenden Bruch erlitten hatte, musste ich ihr ja nicht erzählen.
Meine Mom seufzte erleichtert. »Das freut mich zu hören. Ich habe so gehofft, dass du hier gut ankommst und dich einlebst.« Unsicherheit trat in ihre Augen. »Was ist mit dir und Kate? Habt ihr euch gestritten?«
Ich trat einen Schritt zurück und zog meine Unterlippe zwischen die Zähne. »So was in der Art«, murmelte ich ausweichend.
Mitfühlend sah meine Mutter mich an. »Willst du darüber reden?«
Ich schüttelte den Kopf. »Nein, ehrlich gesagt nicht.«
Sie strich mit ihrer Hand kurz über meinen Arm. »Das renkt sich bestimmt wieder ein.« Sie deutete auf das Esszimmer. »Das Abendessen ist schon serviert worden. Kommst du?«
»Ja, mein Magen hat bereits geknurrt.«
Sichtlich erfreut steuerte meine Mom das Esszimmer an. »Es tut mir auch leid, dass ich heute Mittag nicht zu Hause war. Ich hätte gerne sofort alles von deinem Tag erfahren, allerdings hatten wir in der Kanzlei noch einen wichtigen Kunden und der Chef wollte, dass ich dabei bin.« Sie warf mir einen entschuldigenden Blick zu. »Du weißt schon, damit ich schneller wieder reinkomme nach der langen Pause und meine Anwaltsprüfung bald ablegen kann.«
»Alles gut, Mom«, versicherte ich ihr, »ich bin schließlich keine zehn mehr.«
Es war nicht so, dass ich nicht den Drang verspürt hätte, ihr sofort von meinem ersten Tag zu erzählen. Ich hätte nur gerne irgendjemanden gehabt, dem ich davon hätte berichten können. Aber Tatsache war, dass ich niemanden gehabt hatte, mit dem ich meinen ersten Tag am College hätte Revue passieren lassen zu können. Es gab keine Lucy mehr, und zwischen Kate und mir herrschte Eiszeit, seitdem ich ihr gesagt hatte, dass ich keinen Kontakt mehr zu ihr und ihrer Clique wollte. Tja, und sonst hatte ich niemanden hier.
Ich brauchte dringend neue Freunde.
Erst mal setzte ich mich jedoch mit meiner Mom an den Tisch und genoss die Zweisamkeit, denn Kate war noch immer nicht wieder aufgetaucht. Die Unruhe, die in mir aufsteigen wollte, versuchte ich zu verdrängen. Nur zu gerne hätte ich gewusst, was sie gerade tat. Eine Party, bevor das College auch für die oberen Semester losging? Ein illegales Autorennen in der Wüste? Ein Kinobesuch mit kleinen bunten Pillen, damit der Film besser kickte?
Beim letzten Gedanken verkrampfte sich meine Hand um die Gabel. Ich sollte aufhören, mir um Kate und das Leben, das sie führte, Gedanken zu machen. Wenn sie sich zerstören wollte, dann war das ihre Entscheidung.
Das Problem war nur, dass ich sie vermisste. Ihre fröhliche und ehrliche Art.
Ich zwang mir ein Lächeln ins Gesicht. »Ich habe ein Mädchen kennengelernt«, bemerkte ich zwischen zwei Bissen. »Sie heißt Ella.«
Meine Mom sah mich freudestrahlend an. »Oh, das klingt doch schön. Vielleicht werdet ihr ja Freunde.«
Ja, vielleicht würden wir das.
2
Amber
Die erste Woche verging wie im Flug. Obwohl mir die Einführungsveranstaltungen gefielen, konnte ich es kaum erwarten, dass endlich das normale Studentenleben anfing. Ich wollte mich voll und ganz als Studentin fühlen und war gespannt auf die ersten richtigen Vorlesungen. Große Auswahl hatte ich im ersten Semester leider noch nicht, und ich würde garantiert unter dem einen oder anderen Fach leiden, dennoch war ich motiviert.
Ich hatte zwar immer noch kein konkretes Ziel, jedoch ich war mittlerweile sicher, dass ich das im Laufe des nächsten Jahres herausfinden würde. Und wenn ich am Ende des ersten Collegejahres immer noch vollkommen planlos durch die Gegend lief, konnte ich meinen persönlichen Mentor zu Rate ziehen. Denn jeder Student hatte einen Mentor, der einem zur Seite stand und bei Fragen und Problemen helfen sollte. Und das die gesamte Studentenzeit über. Ein Service, für den Sam wahrscheinlich auch monatlich einiges an Geld springen ließ. Ich hatte mich bisher nicht getraut zu fragen, wie viel ihn mein Besuch an der SHA eigentlich kostete. Würde ich auch nicht. Ich hatte ohnehin schon ein schlechtes Gewissen, weil Sam so viel Geld für mich ausgab, als sei ich seine eigene Tochter. Die Kreditkarte, der Lexus. Es wäre dumm gewesen, all das nicht anzunehmen, also hatte ich mir vorgenommen, etwas aus dieser Zeit zu machen.
Als ich am Montag mein Müsli in mich hinein löffelte, setzte sich Kate zu mir und biss genüsslich in ihren Bagel. »Heute geht’s los.«
Ich sah auf. »Ja, dein letztes Jahr.«
»Und dein erstes«, erwiderte sie, und in ihren Augen lag ein wehmütiger Glanz.
Bei diesem Blick musste ich schlucken. In diesem Moment kam mir mein Verhalten aus den letzten zwei Wochen kindisch vor, und vielleicht waren einige meiner Worte auch unfair gewesen. »Das war irgendwie anders geplant«, murmelte ich leise.
Kate schien zu wissen, was ich meinte, und nickte. »Wir wollten zusammen fahren.«
Als ob das das Einzige gewesen wäre, was wir geplant hatten. Wir hatten uns vorgenommen, mein erstes und ihr letztes Jahr am College gemeinsam zu verbringen.
Die Vorstellung, mit Kate zusammen in meinem Lexus zum College zu fahren, schmerzte fast. Ich focht innerlich einen Kampf aus, bevor ich sie zögernd ansah. »Möchtest du bei mir mitfahren?«
Meine Ziehschwester sah mich einen Moment lang ausdruckslos an, bevor sie langsam ihren Bagel zurück auf den Teller legte. »Ist das deine Art, um Entschuldigung zu bitten?«
Ich wollte erwidern, dass ich wohl nicht die Einzige war, die sich entschuldigen sollte, als sie sich vorbeugte und ihre Stimme senkte: »Es tut mir leid, dass du deine Party so scheiße fandest. Aber ich finde es nicht fair, mir die Schuld dafür zu geben. Ich habe dich nicht gezwungen, Pep einzuwerfen. Und auch nicht, Mike abzuschleppen.«
Am liebsten hätte ich aufgeschrien, weil es zu hören noch viel schlimmer war als meine Erinnerung daran. Es machte mir bewusst, wie sehr ich abgestürzt war. Ich öffnete den Mund, weil ich widersprechen wollte. Doch dann wurde mir klar, dass sie recht hatte. Sie hatte mich nicht gezwungen. Das hatte sie nie getan. Ich konnte ihr schließlich nicht vorwerfen, wie sie ihr Leben lebte. Ich konnte mich nur entscheiden, dass ich jemanden nicht in meinem Leben haben wollte, dessen Lebensstil mich offensichtlich negativ beeinflusste. Im Grunde konnte ich also nur mir selbst Vorwürfe machen. Etwas, das ich seit dieser Nacht auch permanent tat.
Sie verzog ihr Gesicht. »Ich finde es echt unfair, weißt du, Amber? Ich habe dich nie zu irgendetwas gedrängt, und jetzt stellst du mich als Buhmann dar.«
»Das tut mir leid«, gab ich schließlich zu und rutschte unruhig auf meinem Stuhl hin und her. »Ich war nur so unfassbar wütend auf alles und jeden und …« Ich stockte, weil mir die nächsten Worte schwerfielen. »Und vor allem auf mich selbst.«
Kates Gesichtszüge wurden milder.
Ich stieß meinen Löffel in das Müsli. »Können wir vielleicht neu starten?«
Meine Ziehschwester lachte auf, und es klang ein wenig zynisch. »Amber, das kann man nicht. Das funktioniert nur in Filmen.«
Wahrscheinlich hatte sie auch damit recht.
»Aber«, begann sie zögernd, »wir könnten gemeinsam zum College fahren, so wie wir es geplant hatten. Ich vermisse nämlich unsere Gespräche.«
»Das tue ich auch«, gab ich zu, und plötzlich fiel mir ein Stein vom Herzen. Nachdenklich rührte ich mit dem Löffel in den letzten Resten der Milch, die sich noch in meiner Schüssel befanden. »Ich glaube, ich brauchte erst einmal Abstand von allem. Aber ich möchte dich nicht verlieren.«
Ein schmales Grinsen umspielte Kates Lippen. »Also Liebeserklärungen machen kannst du.«
Wie aus Reflex streckte ich ihr die Zunge heraus, und in ihren Augen tanzten wieder diese amüsierten Funken, die ich schon so oft bei ihr gesehen hatte. Auch sie schien erleichtert zu sein. »Dein Auto oder meins?«
Kate runzelte die Stirn. »Was für eine Frage. Deins natürlich.«
Zwanzig Minuten später saßen wir in meinem Cabrio, und der Fahrtwind wehte uns sanft durch die Haare. Zwischen uns war es nicht mehr wie im Sommer. Als gäbe es eine unsichtbare Mauer zwischen Kate und mir, auch wenn wir mittlerweile ein Fenster eingebaut hatten, um miteinander zu reden. Und das Dumme war, dass ich mir auch nicht wünschte, es wäre wieder so wie im Sommer. Denn das hätte sich falsch angefühlt. Die Unbeschwertheit zwischen uns wünschte ich mir jedoch zurück. Als Kates und meine Freundschaft noch leicht gewesen war und ich nichts von den Drogen gewusst hatte. Dieses Wissen hatte einen Schatten auf unsere Freundschaft gelegt.
Langsam ließ ich den Lexus in die Parklücke rollen, und als ich den Motor ausschaltete, sahen Kate und ich uns wie auf Kommando an, ließen unsere Sonnenbrillen beinahe synchron von der Nase in die Haare gleiten und stiegen aus.
Gemeinsam gingen wir den Weg zum Hauptgebäude entlang und die plötzliche Menge an Studenten, die sich auf dem Campus drängten, drohte mich zu erschlagen. Es war deutlich zu sehen, dass mittlerweile das Semester auch für ältere Studenten begonnen hatte und der Campus nicht mehr den Freshmen gehörte.
Kate hob grüßend ihren Arm, und als ich ihrem Blick folgte, entdeckte ich Elias. Der Junge, mit dem sie irgendwie zusammen war und dann doch wieder nicht. Mein Herz schlug schneller. Außerdem war er Jasons bester Freund, und wo Elias war, würde Jason nicht weit sein.
Fragend wandte sich Kate zu mir. »Kommst du mit?«
Ich schüttelte den Kopf. Nein, auf keinen Fall. In diesem Moment entdeckte ich glücklicherweise Ella, mit der ich in der letzten Woche die meiste Zeit verbracht hatte, und deutete in ihre Richtung. »Ich gehe zu Ella.«
»Alles klar. Dann bis später.« Mit diesen Worten drehte sie sich um und begrüßte den Jungen mit den blonden Haaren mit einem langen Kuss.
Die Beziehung zwischen den beiden würde ich wohl nie verstehen. Kopfschüttelnd wandte ich mich ab und steuerte auf Ella zu, die bereits auf mich wartete.
Mit einem Lächeln hakte sie sich bei mir unter. »Und? Hast du dir schon überlegt, welche AG du wählst?«
Die Arbeitsgemeinschaften waren keine Pflicht, allerdings war es uns ans Herz gelegt worden, uns wenigstens für eine anzumelden und uns zu engagieren. Das würde sich bei einer späteren Bewerbung an einer Universität gut machen.
Ich war in den letzten zwei Tagen die lange Liste an verschiedenen Angeboten durchgegangen, und da die Sportaktivitäten und alles, was mit Kunst und Musik zu tun hatte, für mich von vorneherein ausfielen, war nicht viel übrig geblieben. »Ich denke, ich werde der Zeitung beitreten.«
»Oh, schreibst du gerne?«, hakte Ella überrascht nach und öffnete die Tür zum Nebengebäude, in dem unsere erste Vorlesung stattfinden würde.
»Nein, eigentlich lese ich nur gerne«, gab ich zu. »Aber alles andere liegt mir noch weniger. Und ich denke, Leute, die Korrektur lesen oder recherchieren, können sie immer gebrauchen.«
»Ich werde mich für das Cheerleadingteam bewerben und dem Schachclub beitreten.«
Überrascht sah ich hoch. »Eine interessante Mischung.«
»Cheerleading für mich und den Schachclub für die Connections.«
Ich nickte verstehend, während wir gemeinsam den Flur entlanggingen. »Ah, dein Plan, dir einen wohlhabenden Mann zu angeln.«
Ellas Stirn legte sich in Falten. »Du sagst es, als wäre es etwas Verwerfliches.« Ihre Unterlippe schob sich ein wenig vor, sodass sie auf einmal mindestens fünf Jahre jünger wirkte.
Hastig hob ich abwehrend die Hände. »Nein, jeder, wie er will.«
Stärker als notwendig stieß sie die Tür zum Hörsaal auf. Offensichtlich hatte sie meine Aussage wütend gemacht.
Hinter ihrem Rücken verdrehte ich die Augen und hätte beinahe laut geseufzt. Irgendwie hatte ich gehofft, dass die Freundschaft – oder was auch immer sich da zwischen Ella und mir entwickelte – einfach sein würde. Noch mehr komplizierte Beziehungen waren das Letzte, das ich gebrauchen konnte.
Nach der Vorlesung schien Ella sich beruhigt zu haben, denn sie verhielt sich wieder ganz normal. Ich hatte kurz überlegt, das Thema noch einmal anzusprechen, ließ es dann jedoch bleiben, weil ich keinen Streit heraufbeschwören wollte.
Die zweite Vorlesung hatten wir in Geschichte. Ein Fach, das ich mochte. Dementsprechend groß war meine Vorfreude und meine Erwartungen. Ich wurde nicht enttäuscht. Der Prof war jung, dynamisch und hatte eine Art zu reden, die die Atmosphäre im Kurs locker und angenehm machte. Nach dem Kurs freute ich mich bereits auf den nächsten bei ihm. Leider fanden die Geschichtsvorlesungen nur einmal in der Woche statt.
Die Mittagspause verbrachte ich mit Ella in der Mensa. Zwei Mädchen hatten sich zu uns an den Tisch gesetzt. Chloé und Melissa waren auch Freshmen. Wir tauschten uns über herrlich belanglose Dinge aus, und einige Male musste ich sogar lachen. Dennoch war ich nicht hundertprozentig bei der Sache, denn immer wieder scannten meine Augen die Umgebung nach einem dunkelblonden Haarschopf ab. Doch ich konnte weder Jason noch Kate oder ihre Freunde entdecken.
Ich musste mich mit dem Essen beeilen, denn die Zeitung-AG traf sich bereits um halb drei. Also verabschiedete ich mich von den drei Mädchen, räumte mein Tablett weg und verließ die Mensa durch die Glastür.
Heiße Luft schlug mir entgegen, sobald ich ins Freie trat. Ich tippte gegen die Sonnenbrille auf meinem Haar, sodass diese auf meine Nase fiel. Bevor ich meinen Weg fortsetzte, kramte ich in meiner Tasche nach dem Stundenplan. Natürlich stand mir dieser auch digital zur Verfügung, allerdings war ich bei Plänen oldschool: Ich musste sie einfach in Papierform in den Händen halten. Auf der Rückseite des Blattes hatte ich mir den Raumplan des Colleges gedruckt, nur zur Sicherheit. Diese Angewohnheit war heute meine Rettung, denn ich hatte mein Handy zu Hause vergessen. Ich hatte keinen blassen Schimmer, wo ich die »Redaktion« finden würde. Ja, sie nannten es tatsächlich Redaktion, was ich reichlich übertrieben fand für eine einfache Collegezeitung. Aber gut, in Summerlin war vieles komplett übertrieben.
Während ich den Plan studierte, nahm ich im Hintergrund Stimmen wahr, und bevor mir bewusst wurde, welche Stimme an mein Ohr drang, begann mein Puls bereits zu rasen und Adrenalin durch meine Adern zu schießen.
Jason.
Seine Stimme würde ich überall erkennen. Ich hatte immer gedacht, das sei ein dämliches Klischee, jedoch musste ich feststellen, dass es zutraf. Diese dunkle und gleichzeitig melodische Stimme, obwohl grundsätzlich jegliche Emotion zu fehlen schien, würde ich unter hunderttausend wiedererkennen. Denn niemals hatte das Hören einer Stimme meinen Puls beschleunigen, mein Herz rasen und meinen Verstand aussetzen lassen, wie seine es tat. Mein Brustkorb zog sich zusammen und ich fühlte mich wie auf Autopilot. Obwohl ich es nicht wollte, hob ich meinen Kopf. Am gegenüberliegenden Gebäude standen einige Jungs in Sportkleidung. Und mitten unter ihnen Jason. Er hatte sich mit dem Rücken an die Mauer gelehnt und schien sich für die Gespräche der anderen nicht zu interessieren. So desinteressiert wie eh und je.
Wut wallte in mir auf. Genau das war sein Scheißproblem! Er interessierte sich für nichts und niemanden. Er führte sich auf wie ein Gott, dem nichts etwas anhaben konnte und der auf niemanden Rücksicht nehmen musste. Angewidert wandte ich mich ab. Doch ich ärgerte mich nicht nur über Jasons Ausstrahlung und seinen komplett beschissenen Charakter; ich ärgerte mich auch über mich selbst. Denn noch immer lief ein Kribbeln durch meinen Körper, wenn ich ihn sah. Er verursachte immer noch diese Schmetterlinge in meinem Bauch. Wie dumm konnte man eigentlich sein?
Offenbar sehr, sehr dumm.
Ich öffnete wahllos die Tür, die mir am nächsten war, nur um Jasons Anblick entfliehen zu können. Sofort umhüllte mich eine angenehm kühle Luft, und ich atmete tief durch. Ich musste ihn dringend aus meinen Gedanken und meinem Herzen verbannen. Entschlossen warf ich einen Blick auf meinen Plan und stellte fest, dass ich sogar die richtige Tür genommen hatte.
Eine Treppe führte ins obere Stockwerk, und dort, ganz am Ende des Flures, befand sich die Redaktion. Mich übermannte die Nervosität, und in mir kam die Amber zum Vorschein, die ich gewesen war: zurückhaltend und in unbekannten Situationen immer unsicher und schüchtern.
Ich reckte mein Kinn. Dieses Mädchen wollte ich nicht mehr sein. In den letzten Wochen hatte ich gelernt, dass ich ein anderes sein konnte. Ich brauchte nur ein bisschen Mut. Energischer als ich mich fühlte, klopfte ich an die Tür und öffnete sie, ohne eine Antwort abzuwarten.
In dem Raum saßen zwei Mädchen und drei Jungs an einem kleinen Konferenztisch, und alle hatten ihre Laptops vor sich stehen.
Bevor jemand etwas sagen konnte, trat ich über die Türschwelle. »Hi, ich bin Amber und hatte mich für die Zeitung angemeldet.«
Das Mädchen mit den langen, beinahe schwarzen Haaren lächelte. »Stimmt.« Sie stand auf und reichte mir die Hand. »Schön, dass du dazukommen willst. Wir können immer Unterstützung gebrauchen. Ich bin Liz.«
Dankbar nahm ich ihre Hand, und mein Magen beruhigte sich allmählich. Offensichtlich gab es keinen Grund zur Aufregung.
Liz stellte mir das andere Mädchen, das einen so kurzen weißblonden Bob trug, dass ihr Gesicht unvorteilhaft betont wurde, als Michelle vor. Sie deutete auf die beiden Jungs, die neben Michelle saßen. »Das sind Benny und Mortimer.«
Bei dem Namen hatte ich Mühe, nicht zu schmunzeln. Welche Eltern nannten ihr Kind heutzutage noch Mortimer? Ich warf den beiden ein Lächeln zu, bevor ich mich dem letzten Jungen in der Runde zuwandte.
»Ich bin Aiden«, kam er Liz zuvor und seine dunkelblauen Augen musterten mich interessiert.
»Hey«, grüßte ich nochmals die kleine Runde.
Aiden drückte mit seinem Fuß gegen einen Stuhl, der am Tisch gestanden hatte. »Du kannst dich neben mich setzen.«
Die Einladung nahm ich gerne an. Froh, dass ich endlich nicht mehr auf dem Präsentierteller mitten im Raum stand, holte ich mein MacBook heraus. Nur für den Fall, dass ich mir etwas notieren wollte.
Liz klopfte mit einem Smartpen auf den Tisch. »Also, Leute, wo waren wir?«
Michelle warf einen Blick auf ihren Laptop. »Wir wollten gerade abstimmen, ob wir eine Beautyserie herausbringen wollen oder nicht.«
»Wir hatten bereits abgestimmt«, korrigierte Benny sie. »Und ihr habt zwei gegen drei verloren.«
Michelle beugte sich triumphierend vor. »Ja, allerdings haben wir jetzt ein neues Mitglied und müssen neu abstimmen.«
Alle Augen hefteten sich erst auf mich, dann auf Liz. Okay, offensichtlich war sie die Chefin.
»Da hat Michelle recht«, gab sie zu. »Also, wer alles für eine Beautyserie ist: Hand hoch.«
Während die Jungs sich nicht bewegten, hoben Liz und Michelle ihre Hand und sahen mich erwartungsvoll an.
Unwillkürlich hob ich ebenfalls meine Hand. Nicht, dass ich tatsächlich eine Meinung dazu hatte, denn unter »Beauty-Serie« konnte so ziemlich alles fallen. Ohne genauere Informationen konnte ich also nicht sagen, ob ich die Idee gut fand oder nicht. Jedoch hätte ich mich vermutlich bei den Mädchen gleich ins Aus geschossen, wenn ich mich enthalten oder gar dagegen gestimmt hätte.
»Unentschieden«, bemerkte Aiden.
»Ich bin die Chefredakteurin und habe zwei Stimmen«, warf Liz selbstbewusst ein und bestätigte damit meine Vermutung, dass sie das Sagen hatte. Mit einem zufriedenen Grinsen warf sie Michelle einen Blick zu. »Notiere die Serie schon mal als Content. Hast du schon eine Idee, wie wir sie nennen könnten?«
Michelle runzelte nachdenklich die Stirn. »Vielleicht ›polished perspectives‹?«
Liz ließ sich den Namen durch den Kopf gehen, schien jedoch noch nicht überzeugt zu sein.
In meinem Kopf ploppte eine Idee auf, doch ich zögerte. Gleich beim ersten Meeting als Neue mitmischen zu wollen, erschien mir unpassend. Allerdings lief in Summerlin alles über Selbstbewusstsein, und die neue Amber würde sich nicht in ein Schneckenhaus verkriechen. Ich lehnte mich augenscheinlich entspannt zurück. »Wie wäre es mit ›refined and radiant‹?«
Fünf Augenpaare richteten sich erneut auf mich. Liz tippte erneut mit ihrem Smartpen auf den Tisch. »Das gefällt mir.« Sie deutete auf Michelle. »Schreib das auf.«
Brav tippte Michelle den Titel in ihr Dokument, während mich eine Welle des Stolzes durchflutete. Das lief besser als gedacht.
Liz warf einen Blick auf ihr iPhone. »Wir müssen gleich Schluss machen. Steht irgendetwas Wichtiges an?«
Aiden nickte. »Ja, das Interview.«
»Stimmt, da war was.« Liz sah die Jungs herausfordernd an. »Wer von euch macht das?«
Benny und Mortimer hoben abwehrend die Hände. »Wir sind raus«, warf Benny ein. »Wir müssen noch die Geschäftsreise fürs Wochenende organisieren.«
Ich konnte mich gerade noch beherrschen, damit mir meine Gesichtszüge nicht entglitten. Geschäftsreise? Auf dem College? War das nicht ein wenig früh?
Liz seufzte. »Michelle und ich sind auch raus. Wir sind völlig ausgebucht mit der Planung der School’s-Back-Party.«
Langsam richteten sich zum dritten Mal alle Augenpaare auf mich, und ich ahnte Unheilvolles.
»Hast du schon mal ein Interview geführt?«, fragte Liz.
Hastig schüttelte ich den Kopf.
Sie zögerte kurz, bevor sie ungeduldig mit ihrem Smartpen wedelte. »Das ist nicht schwer. Google einfach vorher ein paar Interviews mit Baseballern, dann wirst du das schon hinkriegen.« Sie klopfte wieder mit ihrem Stift. Das Geräusch ging mir langsam aber sicher auf die Nerven. »Aiden kann dir helfen.«
Im Augenwinkel sah ich Aidens alles andere als begeisterten Blick, und ich fragte mich für einen Moment, ob es an mir lag. War die Vorstellung, mit mir zusammenzuarbeiten, so furchtbar?
»Ich bin hier nur der Fotograf. Ich schreibe keine Artikel.«
Genervt rollte Liz mit den Augen, und obwohl sie mir am Anfang eigentlich sympathisch gewesen war, sank sie immer weiter auf der Sympathie-Skala. »Du sollst ja auch keinen Artikel schreiben, du sollst Anna nur ein wenig unterstützen.«
Als sie mich bei einem falschen Namen nannte, war ich für einen Moment wie erstarrt. Ich hatte keine Lust mehr darauf, übersehen zu werden oder dass ich es offensichtlich nicht wert war, sich meinen Namen zu merken. Ich heftete meine Augen auf Liz. »Amber«, verbesserte ich sie.
Irritiert blinzelte Liz mich an. »Oh, sorry.« Mit diesen Worten klappte sie ihren Laptop zu. »Also, dann haben wir alles geklärt.« Sie schaute abwechselnd von mir zu Aiden. »Ihr beide besprecht, wann ihr das Interview machen wollt, und wir sehen uns dann in zwei Wochen wieder.«
Wie auf Kommando klappte Michelle ebenfalls ihren Laptop zu und stand gemeinsam mit Liz auf. Bevor die beiden den Raum verließen, warf Liz mir noch einen Blick zu. »Und wir haben die Redaktionszeiten geändert. Dieses Semester treffen wir uns immer gleich zu Beginn der Mittagspause. Also wäre es schön, wenn du das nächste Mal pünktlich bist.«
Ich schluckte. Wie hatte die Stimmung und mein Eindruck von Liz nur so schnell kippen können? Ihr Gesicht zeigte nach wie vor ein freundliches Lächeln, allerdings ging ich innerlich mit jedem Satz, den sie von sich gab, mehr auf Abstand.
»Klar, ich werde darauf achten«, versicherte ich und versuchte mir meine Irritation nicht anmerken zu lassen.
Selbst wenn Liz ein wenig komisch war. Für meine Bewerbung an einer Uni brauchte ich nicht nur ein gutes Zeugnis, ich musste auch Engagement zeigen. Mir würde also keine Wahl bleiben, als mich mit Liz und den anderen gut zu stellen. Ich würde dieses Interview machen, auch wenn ich keine Ahnung davon hatte. Weder davon, wie man andere interviewte, noch wie man Artikel darüber schrieb. Und erst recht nicht von Baseball. Denn davon hatte ich genau so viel Ahnung wie Kate von Rabattgutscheinen. Nämlich absolut gar keine.
3
Jason
Ich war froh, dass das College endlich wieder losging. Nicht, dass ich wie einer dieser Streber das Lernen liebte. Allerdings bedeutete es, dass ich einen Grund hatte, von zu Hause zu flüchten. Die Ferien hatten sich schier endlos gezogen. Vor allem die letzten zwei Wochen seit Ambers Geburtstagsparty.
Nachdem wir die ersten beiden Vorlesungen hinter uns gebracht hatten, steuerten Elias und ich auf die Sporthalle zu. Auf das Baseballtraining hätte ich am ersten Tag gut verzichten können. Auch wenn ich gerne spielte, fehlte mir der Ehrgeiz, wirklich gut zu sein. Vielleicht war aber mein Ehrgeiz auch schon durch die zwei Studiengänge, die ich parallel studierte, aufgebraucht. Offiziell studierte ich Politikwissenschaften. Eine Instruktion meines Vaters, der ich mich nicht hatte entziehen können, denn er bezahlte schließlich die Studiengebühren. Parallel belegte ich jedoch die Kurse, die ich für den Bachelorabschluss in Ingenieurwissenschaften brauchte, ohne dass mein Vater davon wusste.
Wenn alles nach Plan lief, würde ich nächstes Jahr die SHA mit einem doppelten Bachelor verlassen, Summerlin den Rücken kehren, meinem Vater den Stinkefinger zeigen und nie wieder zurückkommen. Die Bewerbungen für drei verschiedene Firmen und für die Universitäten Harvard und das MIT in Cambridge hatte ich bereits in der Schublade liegen. Ich musste sie nur noch überarbeiten und abschicken.
Die Zeit, in der mein Vater mich mit seinem Geld und damit, dass er alles für mich bezahlte, unter Druck setzte, wäre dann endgültig vorbei. Ich würde meinen Master machen, gleichzeitig in einem Unternehmen arbeiten und mein eigenes Geld verdienen. Außerdem hatte ich mir in den letzten zwei Jahren ein kleines finanzielles Polster angelegt, das die Studiengebühren abdecken und für eine Eigentumswohnung reichen würde. Ich wusste, dass meine Eltern auch einen Fond für mich angelegt hatten, aber zum einen wollte ich das Geld nicht und zum anderen rechnete ich damit, dass mein Vater einen Weg fand, mir den Zugang dazu zu verwehren, sobald ich nicht mehr den Weg einschlug, den er vorgesehen hatte. Bei dem Gedanken, in einigen Monaten endgültig frei zu sein, stieg Erleichterung in mir hoch.
Für dieses Ziel riss ich mir seit über drei Jahren den Arsch auf. In der Schule hatte ich ständig Probleme bereitet, war aufmüpfig und respektlos gegenüber den Lehrern gewesen. Bei meinen Mitschülern war ich dafür bekannt, dass ich jede Prügelei mitgenommen hatte, die sich bot. Wobei ich ehrlicherweise sagen musste, dass ich die meisten davon selbst provoziert hatte. Die Wut, die ich seit meiner Kindheit empfand, hatte ein Ventil gebraucht.
Doch dann war ich aufs College gekommen und mir war die Erkenntnis gekommen, dass ich das alles hinter mir lassen konnte, wenn ich mich zusammenriss, den perfekten Sohn spielte, brav Politikwissenschaften studierte und nebenbei so viel Geld verdiente, dass ich ein gutes Startkapital hatte, wenn ich fortging.
Bei dem Gedanken, dass es mich nur noch wenige Monate kosten würde, stieg so etwas wie Vorfreude in mir auf. Nur noch ein verdammtes Jahr.
In der Umkleide herrschte das normale Gerede über die Ferien. Meine Teamkollegen wollten sich offenbar gegenseitig übertrumpfen, mit den von ihnen besuchten Urlaubsorten und Geschichten über die Weiber, die sie aufgerissen hatten. Am schlimmsten war unser Captain, der gleichzeitig der Catcher der Summerlin Scorchers war. Er hielt sich für den King, ich war mir jedoch sicher, dass maximal die Hälfte von dem stimmte, was er erzählte. Er flexte gern.
Elias und ich beteiligten uns nicht an den Gesprächen, warfen uns manchmal nur amüsierte oder auch genervte Blicke zu.
Schließlich verließen wir die Umkleide. Der Coach hatte uns zum Warmlaufen nach draußen bestellt. Er wollte mit einem »leichten Training« beginnen.
Während wir draußen vor dem Gebäude warteten, lehnte ich an der Mauer und plötzlich sah ich sie.
Bei ihrem ungewohnt energischen Schritt wehten ihre Haare leicht im Wind. Sie starrte auf einen Zettel in ihrer Hand und für einen Moment entdeckte ich wieder die Unsicherheit, die ich so gut von ihr kannte.
Während die Gespräche meiner Teamkollegen wie aus weiter Ferne an mein Ohr drangen, beobachtete ich sie. Sie schreckte hoch, als hätte sie meinen Blick gespürt und schaute sich um.
In diesem Moment stieß Elias mich in die Seite. Ich wandte mich zu ihm. »Was?«, murmelte ich genervt. Genervt, weil er mich dabei gestört hatte, Amber anzuschauen. Auch nach fast drei Monaten wusste ich immer noch nicht genau, weshalb sie mich so faszinierte. Aber Tatsache war, dass sie es tat. So sehr, dass sie mich in meinen Träumen verfolgte.
Dabei waren meine Nächte seit Jahren – Gott sei Dank – traumlos gewesen. Doch in den letzten zwei Wochen war ich unzählige Male morgens aufgewacht, und das Letzte, was ich im Traum vor mir gesehen hatte, war Amber. Manchmal hatte sie mich wütend angeschrien, manchmal hatte sie angekuschelt in meinen Armen gelegen, und manchmal hatte sie sich nackt unter mir geräkelt und meinen Namen in mein Ohr gestöhnt. An diesen Morgen war ich mit einem extrem harten Schwanz aufgewacht und hatte mir erst mal einen herunterholen müssen, weil mein Kopf voll mit Sexfantasien von Amber gewesen war.
