Palast aus Gold und Tränen - Christian Handel - E-Book

Palast aus Gold und Tränen E-Book

Christian Handel

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Beschreibung

Wie weit würdest du gehen, um den Fluch einer Hexe zu brechen?Ein geheimer Auftrag führt die Dämonenjägerinnen Muireann und Rose an den Zarenhof. Dort soll eine rauschende Hochzeit stattfinden, zu der sämtliche Adelige der umliegenden Länder geladen sind. Muireann und ihre Partnerin hoffen, dort eine Spur jenes Monsters aufzunehmen, das sie gerade jagen.Doch in der Nacht vor der Trauung verschwindet die junge Braut spurlos. Will einer der Gäste die Hochzeit verhindern? Oder sind übernatürliche Kräfte am Werk? Die Ermittlungen führen tief hinein in die Wälder des Zarenreiches das Zuhause der zwielichtigen Hexe Baba Yaga.Teil 1 : Rosen und Knochen Die Hexenwald-ChronikenTeil 2 : Palast aus Gold und Tränen Die Hexenwald-ChronikenTeil 3 : folgt

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Palast aus Gold und Tränen

Die Hexenwald-Chroniken

Christian Handel

Copyright © 2020 by

Drachenmond Verlag GmbH

Auf der Weide 6

50354 Hürth

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Stephan R. Bellem

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Marie Graßhoff

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-518-2

Alle Rechte vorbehalten

Für Jessi & für Stephan

Inhalt

1. Grimoire

2. Zu Hause

3. Das Frühstück mit der Ziege

4. Die Mühlenhexe

5. Pflanzenmagie

6. Das Ritual

7. Die Hüterin der Toten

8. Der Bär auf dem Dachboden

9. Markttag

10. Das Feentor

11. Schwanensee

12. Die Gemahlin des Steinernen Königs

13. Die Gänsehirtin

14. Dämonen

15. Die Eisfrau

16. Die Reise durchs Zarenland

17. Der Bergpalast des Zaren

18. Die Audienz bei der Zarenfamilie

19. Die königlichen Gärten

20. Der Feuervogel

21. Die Erste Hexe des Reiches

22. Wie ein schlagendes Herz

23. Der Weg zur Baba Yaga

24. Handel mit einer Hexe

25. Das Märchen von den zwei Schwestern

26. Die verschwundene Prinzessin

27. Der Geheime Hof

28. Der Zorn des Schneeadlers

29. In der Palastküche

30. Geständnisse

31. Geisterbraut

32. Die Gemächer der Tränenzarin

33. Die Sternengrotte

34. Das Lager der Steppenreiter

35. Vorbereitungen

36. Das Reittier in die Geisterwelt

37. Geisterbeschwörung

38. Brennende Totenschädel

39. Das Angebot der Baba Yaga

40. Traum oder Wirklichkeit?

41. Das Geständnis

42. Die Knochen der Geisterfrau

43. Die Erpressung

44. Gold und Tränen

45. Weißdorn und Vogelfedern

46. Das Ultimatum

47. Der Rat einer Königin

48. Keine Zeit für Trauer

49. Auf in den Kampf

50. Alles hat seinen Preis

51. Königin aus Eis und Schnee

Nachwort

Grimoire

Das Zauberbuch lag in der Mitte des Raums, direkt auf dem Boden der kleinen Dachkammer. Ein Dutzend Kerzen spendete flackerndes Licht. Wachs rann an ihnen herunter und tropfte auf die Dielen. Im ganzen Zimmer duftete es nach Honig. Ich schloss den Kreis, den ich in großzügigem Abstand um das Buch gezogen hatte, und kniete mich neben Rose. Sie schenkte mir ein nervöses Lächeln und ich drückte kurz meine Lippen auf ihren Mund. »Mach dir keine Sorgen«, sagte ich und wünschte, ich würde mich so selbstsicher fühlen, wie ich mich gab.

»Mach ich nicht.«

Rose log, das wusste ich. Vor uns lag das Zauberbuch einer Hexe, die unzählige Kinder abgeschlachtet hatte. Es war so lang wie mein Unterarm und so dick wie ein Ziegelstein. Seine Seiten bestanden aus vergilbtem Pergament und das Leder, in das es gebunden war, schien schwarz wie die Nacht. In den letzten Monaten hatte ich mich oft gefragt, welche finsteren Geheimnisse es beherbergte. Bisher hatte ich dem Drang, es aufzuschlagen, widerstehen können. Vermutlich half es, dass Rose das Buch in ihrem Rucksack verwahrte, und nicht ich.

Seit mehreren Monden suchten wir nach der Eigentümerin des Grimoires – erfolglos. Jede noch so kleine Spur war im Sand verlaufen und allmählich gingen uns die Ideen aus. Das Zauberbuch musste uns einfach einen Hinweis darauf liefern, wohin die Hexe geflohen war.

Nervös blickte ich zur Tür.

Rose legte mir die Hand auf die Schulter. »Keine Bange. Nach dem Abendessen stört uns hier niemand mehr.«

Bei dem Gedanken, dass uns ihre Mutter oder ihre Schwester unvorbereitet erwischten, wurde mir gleichzeitig heiß und kalt. Rose und ich waren bereits seit mehreren Jahren ein Paar und ihre Familie hatte das längst akzeptiert. Es gab dennoch Dinge, von denen es mir lieber war, dass sie sie nicht zu Gesicht bekamen. Dazu zählte auch die Zauberei. Noch hatte ich nicht den Mut aufgebracht, ihnen zu gestehen, dass ich magische Kräfte besaß. Es war schwer genug gewesen, Rose die Wahrheit zu sagen, und sie liebte mich bedingungslos.

Deshalb hatte ich auch den Salzkreis gezogen. Ich wollte nicht, dass irgendwelche Geräusche, die bei dem entstanden, was wir vorhatten, nach außen drangen.

»Ich bin so weit.« Entschlossen schlug ich das Buch auf.

Seltsame Schriftzeichen, Symbole und Illustrationen zogen sich über das Papier. Sie waren mit roter und blauer Tinte gemalt, in einer schön geschwungenen, regelmäßigen Handschrift. Die wenigsten davon konnte ich lesen.

Neben einem Text, der dem Versmaß zufolge ein Gedicht oder Spruch war, ringelte sich die Silhouette einer Schlange. Auf der nächsten Seite war erstaunlich detailverliebt eine Waldpflanze gemalt, ihre einzelnen Bestandteile mit winzigen, akkuraten Buchstaben beschriftet.

Das half mir nicht. Ich blätterte um. Weitere Schriftzeichen, weitere Symbole. Auch sie konnte ich nicht lesen. Also blätterte ich noch einmal um. Und noch mal.

»Verstehst du, was dort steht?«, fragte Rose.

Ich schüttelte den Kopf. Mit den Fingern fuhr ich die Linie einer Eulenzeichnung nach.

»Schlag es weiter hinten auf. Vielleicht steht da ja etwas, was wir lesen können.«

Ich schlug das Buch in der Mitte auf und blätterte einige Seiten vorwärts. Die Handschrift blieb die gleiche, auch wenn die Linienführung aggressiver geworden war und die Zeichnungen immer düsterer. Statt Pflanzen und Vögel bedeckten nun seltsame Hybridwesen die Seiten. Eine Kreatur besaß den Rumpf und die Schwanzspitze eines Raben, aber einen reptilienartigen Hals und Kopf. Es gab Totenköpfe, aus deren Augen Flammen loderten. Und ein menschliches Herz, durch dessen Muskelfleisch sich Würmer fraßen.

Als ich die nächste Seite umblätterte und eine Pastete erkannte, musste ich würgen. Auch Rose hinter mir stöhnte auf. Wir hatten das Grimoire in der Hütte einer Waldhexe gefunden, die ihre Zauberkraft dadurch genährt hatte, dass sie sich von Kindern ernährte. Die Geister ihrer Opfer hatten mich durch Visionen daran teilhaben lassen, was mit ihnen geschehen war. Die Zeichnung der Pastete weckte in mir die Erinnerung an Margarete und ihren Bruder Hans, die von der Hexe gezwungen wurden, mit menschlichen Innereien gefülltes Backwerk zu verspeisen.

»Du musst das nicht tun.« Rose streichelte meinen Oberarm. »Wir können aufhören. Vermutlich ist das Grimoire auch nichts anderes als eine weitere Sackgasse.«

Margarete und Hans waren die letzten Opfer der Hexe gewesen. Ich hatte geschworen, sie zu rächen. Dazu musste ich ihre Mörderin jedoch erst einmal finden.

Deshalb beugte ich mich nach vorn. »Eins haben wir noch nicht probiert.«

»Du willst eine Vision heraufbeschwören.«

Ich nickte.

»Ich weiß nicht …« Besorgnis schwang in ihrer Stimme mit.

»Du hast mich auch in der Hütte beschützt.«

»Damals hatten wir keine andere Wahl.«

Das stimmte. Warum die Visionen damals zu mir gekommen waren, wusste ich bis heute nicht. Sie hatten mich dann überkommen, wenn ich einen bestimmten Gegenstand berührte. Damals hatte ich geglaubt, dass die Visionen mich gesucht hatten; dass die Geisterkinder sie vielleicht geschickt hatten. In meinem ganzen Leben war ich nie zuvor von Visionen übermannt worden. Aber Hellsicht war eine Fähigkeit, die man den Selkies nachsagte, und ich fragte mich, ob ich sie, wie so vieles andere, von meiner Mutter geerbt haben könnte. Ich erinnerte mich an einen Spruch, den sie geflüstert hatte, wenn sie vor einer mit Meerwasser gefüllten Schüssel stand oder im Dunkeln vor einem Fenster, gegen das von außen der Regen peitschte. Manchmal hatte sich dann statt ihres Abbildes etwas anderes in der Scheibe gespiegelt: schaumgekrönte Wellenkämme, eine geheimnisvolle Unterwasserwelt, in der sich farbenprächtige Fischschwärme tummelten, das kleine Boot meines Vaters im Sturm. Solange meine Mutter bei uns lebte, war er immer sicher nach Hause gekommen. War es ihr Zauber gewesen, der uns beschützt hatte?

»Ein Versuch«, drängte ich. »Du hast es mir versprochen.«

Rose grummelte. Trotzdem rappelte sie sich auf und ging hinüber zu der eisenbeschlagenen Truhe, die am Fußende des Bettes stand. Sie hielt es für keine gute Idee, mit meinen magischen Fähigkeiten zu experimentieren. Missmutig öffnete sie den Deckel, kramte darin herum und kam mit einer bronzenen Schüssel und einer kleinen Glasphiole zurück.

»Wehe, du bist nicht vorsichtig.«

Achtsam stieg sie über die Salzlinie und drückte mir die Gegenstände in die Hand. Ich lächelte und wartete, bis sie sich wieder neben mich gesetzt hatte. Dann stellte ich die handtellergroße Schale vor mir auf den Boden und schüttete getrocknete Mondraute aus der Phiole hinein. Ich überlegte, ob ich die Pflanzenblätter mit einem Zauber zum Brennen bringen sollte, entschied mich aber dagegen. Rose mochte akzeptiert haben, dass Magie in meinem Blut floss. Deshalb musste sie das noch lange nicht mögen. Ich wollte den Bogen nicht überspannen. Also griff ich nach einer der Kerzen und entzündete mit deren Flamme vorsichtig das Kräutergemisch. Wachs tropfte mir dabei auf die Hand. Ich zischte, mehr erschrocken als vor Schmerz, und reichte Rose die Kerze. Dann beugte ich mich über die Schale. Rauch stieg auf, tanzte als dünne Säule der Decke entgegen. Sein säuerliches Aroma kitzelte mir in der Nase. Ich war froh, den Salzkreis gezogen zu haben, denn so würden weder Geräusche noch der Geruch der verbrennenden Kräuter nach außen dringen.

Ich zwang mich dazu, langsam und tief einzuatmen, und ließ den Rauch seine Wirkung entfalten. Mein Herz begann schneller zu schlagen, Schweißperlen bildeten sich auf meiner Stirn. Nach einem halben Dutzend Atemzügen schob ich die Schale beiseite und legte die Handflächen auf das Pergament. Rau wie poröser Stein fühlte es sich unter meinen Fingern an, schuppig und warm wie die Haut einer Schlange.

Was hatte meine Mutter damals immer geflüstert?

Seit sie mich und meinen Vater vor vielen Jahren verlassen hatte, um zu ihrem Volk zurückzukehren, hatte ich mich nach Kräften bemüht, alles zu vergessen, was mit ihr zu tun hatte. Es war nicht leicht, sich jetzt wieder an Einzelheiten zu erinnern.

Der Geruch der verbrennenden Kräuter veränderte sich. Er wurde weniger würzig, dafür frischer, salziger.

»Tha mi airson fhai cinn«, flüsterte ich. Die Worte waren plötzlich da. Lass mich sehen.

Zunächst geschah nichts. Ich heftete meinen Blick fest auf die Seiten vor mir und zwang mich, geduldig zu bleiben. Zauber brauchten ihre Zeit. Dann spürte ich ein Kribbeln in meinem Bauch und unter meinen Handflächen und wusste: etwas geschah.

Der Salzgeruch wurde schwächer und die Symbole auf dem Pergament begannen plötzlich an Kontur zu verlieren. Mein Blick trübte sich, als hätte ich Tränen in den Augen, und Rose und die Dachkammer traten in den Hintergrund. Die Tintenschlange, deren Schwanzspitze zwischen meinen Fingern hervorlugte, zuckte auf dem Pergament. Plötzlich gaben die Seiten nach. Meine Hände versanken im Grimoire wie in Flussschlamm. Der Rauch aus der Schale …

… verwandelt sich in Schnee.

Eiskristalle tanzen um mich herum und ein scharfer Wind bläst mir ins Gesicht. Sonst ist da nichts. Ich kneife die Augen zusammen, um mich vor den Flocken zu schützen, die die Böen mir entgegenwehen. Ihr Kuss brennt auf meiner Haut. Alles um mich herum ist weiß. Obwohl ich keine Ahnung habe, wo ich bin, weiß ich instinktiv, dass ich mich inmitten einer riesigen Ebene befinde, schutzlos den Launen der Natur ausgeliefert. Ich blicke mich nach Rose um, vergeblich. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen. Ich will …

»Muireann! Lass sofort das Buch los!«

Rose’ Stimme holte mich zurück in die Gegenwart. Die Schneelandschaft um mich herum verschwand. Ich befand mich wieder in der Dachkammer. Rose hatte meine Hände gepackt und vom Buch gezerrt.

Ich blinzelte, brauchte einen Moment, bis ich wieder richtig bei mir war.

»Es war seltsam«, sagte ich träge. »Ich habe etwas gesehen. Anders, aber auch ähnlich der Visionen im Hexenhaus …«

»Muireann«, unterbrach mich Rose scharf und die Furcht in ihrer Stimme ließ mich zusammenzucken. »Deine Hände!«

Verwirrt blickte ich nach unten. Eine dunkelblaue Tintenspur schlängelte sich um die Finger meiner rechten Hand. Ich erstarrte. Es handelte sich um die Kreuzotter aus dem Buch. Während ich ungläubig auf sie hinunterstarrte, sah ich, dass sie ihren Kopf zwischen meinem Ringfinger und Mittelfinger hindurchsteckte und sich langsam über meinen Handrücken schob. Reflexartig schüttelte ich die Hand, doch das störte die Schlange nicht. Sie kringelte sich um mein Gelenk und wanderte weiter nach oben. Sie war nicht das einzige Symbol, das seinen Weg vom Buch auf meine Haut gefunden hatte.

Die beiden aufgeschlagenen Pergamentseiten vor mir waren leer. Stattdessen wuselten auf meinen Händen und Unterarmen Buch­staben, Linien und unverständliche Symbole wie lebendige Tätowierungen. Tatsächlich spürte ich sie gar nicht, aber sie machten mir Angst.

»Was ist das?!« Rose klang panisch.

Ich streckte die Hände weit von mir. Ich hatte keine Ahnung. »Verschwinde aus dem Salzkreis!«

Rose schüttelte den Kopf.

Im Kerzenflackern schienen die flachen Tätowierungen Schatten zu werfen.

»Du musst«, presste ich so ruhig wie möglich hervor. »Ich sollte die Linie nicht übertreten. Bring mir Salbei. Und Rosenwasser. Aus der Truhe. Schnell.«

Ohne ein weiteres Wort stand Rose auf und sprang zur Truhe hinüber. Beinahe hätte sie dabei den Salzkreis mit dem Fuß verwischt. Das hätte gerade noch gefehlt.

Während Rose hinter mir herumkramte, heftete ich meinen Blick wieder auf die Symbole aus dem Hexenbuch, die an meinen Armen höher und höher kletterten. Inzwischen hatten sie fast meine Ellenbogen erreicht. Ich versuchte, tief durchzuatmen und so die Angst zu unterdrücken, die in mir aufstieg. Verzweifelt zermarterte ich mir das Hirn. Was auch immer wir jetzt taten, wir mussten schnell handeln.

»Bring mir die roten Bänder von deiner Schwester mit.«

Leni hatte mir zum Winterfest zwei dunkelrote Haarbänder geschenkt, die sie selbst mit einem aufwendigen Muster aus goldenem Faden bestickt hatte. Die Bänder hatten beinahe die Farbe von Rose’ Haaren. Sie waren wunderschön.

Mein Herz verkrampfte sich, als ich daran dachte, was als Nächstes zu tun war.

»Schneide sie in vier Teile. Bitte beeil dich!«

Den Zeigefinger meiner rechten Hand drückte ich vorsichtig auf eine dunkelblaue Rune, die auf der Innenseite meines linken Unterarms zitterte. Nichts. Ich spürte gar nichts. Und das Symbol ließ sich von meiner Berührung nicht beeindrucken.

Da war Rose wieder heran und ließ Stoffbeutelchen und ein mit Wachs zugepfropftes Tongefäß zu Boden gleiten. Sie zog ihren Dolch und einen Augenblick später flatterten vier rote Bänder auf den Dielen­boden.

»Was hast du vor?«

»Du musst mir helfen.«

»Was soll ich tun?«

»Ich werde gleich ein paar Blätter Salbei kauen und einen Spruch aufsagen«, erklärte ich ihr, während ich hastig die Beutel durchsuchte. »Sobald ich damit fertig bin, musst du die Bänder nehmen und mir jeweils eins um jeden Oberarm binden, oberhalb des Bereichs, auf dem sich die Zeichen befinden. Wir müssen ihnen den Weg abschneiden.«

Ich öffnete das Tongefäß mit dem Rosenwasser und tauchte die Bänder hinein.

»Die anderen beiden Bänder binden wir danach um meine Handgelenke. Wir sperren die Tintenzeichen ein, verstehst du?«

»Nein.« Rose schluckte und griff nach den Bändern. »Aber das ist egal. Du kannst es mir später erklären.«

»Danke«, sagte ich und steckte mir ein paar getrocknete Salbeiblätter und etwas Minze in den Mund. So schnell wie möglich kaute ich darauf herum. Das intensive Aroma der Pflanzen breitete sich auf meiner Zunge aus.

»Du musst die Knoten sorgfältig knüpfen. Die Bänder dürfen nicht verrutschen.«

Mit der Rechten schob ich meinen Hemdsärmel nach oben und streckte ihr meinen Arm entgegen. Eine winzige Tintenkröte schwamm gerade auf meine Armbeuge zu.

»Stad! Chan eil an córr.«

Rose zögerte nicht. Sie wand das rote Band um meinen Oberarm, knüpfte einen Knoten und zog ihn zu. Dann griff sie nach dem nächsten Band und kümmerte sich um meinen anderen Arm. Ich unterdrückte ein nervöses Lächeln.

»Du brauchst keine Angst davor zu haben, mich zu berühren«, versprach ich ihr. »Ich glaube, der Zauber soll mich mehr aufwühlen als mir schaden. Dir sollte er nichts anhaben.«

»Seit wann bist du eine Sachkundige für Hexenflüche?« Rose’ Stimme klang scharf, doch ich war mir sicher, dass das nur an ihrer Sorge um mich lag.

»Jetzt die Handgelenke«, sagte ich, nachdem sie auch den zweiten Knoten festgezurrt hatte. »Bitte nicht so fest. Den Bändern kommt eher eine symbolische Bedeutung zu. Du brauchst mir nicht das Blut abzuschnüren.«

Rose hob eine Augenbraue. »Zu fest?« Sie blickte auf meinen Oberarm, wo sich die Tintenfiguren am Rand des roten Bandes stauten wie an einem Damm. Sie schoben sich aufeinander und überlagerten sich, bis eine Handfläche breit keine helle Haut mehr zu sehen war.

Ich schüttelte den Kopf.

»Warum auch noch die Handgelenke? Vielleicht musst du nur abwarten und die Zeichen wandern wieder in die andere Richtung und verschwinden von selbst.«

»Vielleicht. Irgendwie glaube ich das nicht. Wenn wir noch rote Bänder an den Unterarmen verknoten, stehen die Chancen gut, dass wir diese … Symbole einkesseln und sie sich nicht zum falschen Zeitpunkt über meine Finger und Handflächen schlängeln. Oder was denkst du, was deine Mutter sagen wird, wenn ich ihr beim Kochen eine Kartoffel reiche und sie plötzlich eine Schabe aus Tinte von meiner Handfläche aus anstarrt?«

Rose seufzte und griff nach dem letzten Bandstück. »Hast du schon eine Idee, wie wir die Dinger endgültig loswerden?«

»Keine, außer der offensichtlichen.«

»Irina«, grummelte Rose.

»Sie wird wissen, was zu tun ist.«

»Wir jagen Hexen. Wir sollten sie nicht um Hilfe bitten.«

Ich hätte anführen können, dass Irina keine Hexe war, sondern eine Zauberin, und dass sie uns schon mehr als einmal geholfen hatte. Aber viel genutzt hätte das nicht. Rose mochte es nicht, jemandem etwas schuldig zu sein – schon gar nicht einer Magiewirkerin.

»Ich weiß, mein Vorschlag gefällt dir nicht. Lass uns bitte heute nicht darüber streiten. Vielleicht fällt uns bis morgen ja noch etwas anderes ein. Jetzt lass uns erst mal hier aufräumen.«

Mit einem tiefen Seufzen stand Rose auf, fuhr mir im Vorbeigehen mit der Hand über die schwarzen Haare und ging hinüber zur Tür, um Besen und Kehrschaufel zu holen. Ich begann derweil damit, die Kräutersäckchen wieder in die Truhe zu räumen. Für heute hatte ich genug Chaos verursacht.

Zu Hause

Später lagen wir Seite an Seite in dem breiten Holzbett und beobachteten die blauen Linien, die an meinen Unterarmen wie Insekten herumkrabbelten. Ich hatte gehofft, mit der Zeit würden sie erstarren. Doch die Einzigen, die von Augenblick zu Augenblick träger wurden, waren Rose und ich. Seufzend zog ich schließlich die weißen Ärmel meines Nachtgewandes bis zu den Handgelenken hinunter, damit ich den Anblick der wandernden Symbole nicht länger ertragen musste.

Ich schwitzte, und ich war mir nicht sicher, ob das an den Symbolen lag, die vom Hexenbuch zu mir übergesprungen waren, oder nur an den Sorgen, die ich mir deshalb machte. Trotzdem kuschelte ich mich eng an Rose. Ihre Nähe beruhigte mich.

Es hätte wunderbar sein sollen, nach unzähligen Übernachtungen im Wald, auf der Straße oder auf Strohsäcken in irgendwelchen Herbergen endlich wieder ein paar Nächte in einem richtigen Zuhause zu verbringen. Dass ich das jetzt wegen des schiefgegangenen Rituals nicht genießen konnte, ärgerte mich. Ich liebte das alte, knarzende Holzbett, in dem Rose und ich schliefen, wenn wir ihre Familie besuchten. Früher hatten sie und ihre Schwester sich die kleine Dachkammer geteilt. Inzwischen war Leni ausgezogen, und auch wenn Rose viel unterwegs war, so gehörte das Zimmer doch inzwischen ganz ihr. Obwohl nicht allen in ihrer Familie die körperliche Seite unserer Beziehung ganz geheuer war, so hatten sie mich doch mit offenen Armen aufgenommen und ich fühlte mich nicht länger wie eine Fremde. Ich besaß nur wenige Habseligkeiten, an denen mir wirklich etwas lag. Jene, die ich bei der Dämonenjagd nicht bei mir trug, bewahrte ich inzwischen in der reich mit Schnitzereien verzierten Truhe am Fuß unseres Bettes auf.

Wir kamen zwischen unseren Aufträgen sehr unregelmäßig hierher, aber wann immer wir ankamen – ob angekündigt oder nicht –, hatte Rose’ Mutter Helene die Betten gelüftet und kleine Beutelchen mit Lavendel unter die Kopfkissen gelegt. Wenn ich mich in die weichen Federn sinken ließ und den beruhigenden Duft einatmete, fühlte ich mich geliebt und geborgen.

Jedenfalls für gewöhnlich.

Jetzt konnte ich nur an meinen missglückten Zauber denken.

»Es tut mir leid, dass ich darauf bestanden habe, es mit dem Grimoire zu versuchen.«

Rose griff unter der Bettdecke meine Hand und drückte sie fest. »Das muss es nicht. Ich verstehe, warum du es wolltest.«

»Trotzdem macht es dir weniger Angst, ins Zarenreich zu gehen.«

Das war nämlich Rose’ Vorschlag, die Kindsmörderin zur Strecke zu bringen. Die Hexe befand sich im Körper des Mädchens, dem ich versprochen hatte, es zu rächen. Die Hexe hatte Margarete den Körper gestohlen, ehe sie sie getötet hatte. Gemeinsam mit Rose suchte ich seit dem Frühling nach ihr. Gerüchten zufolge hatte sie inzwischen einen Prinzen verführt. Wir wussten nicht, ob das stimmte. Da es uns sonst an Anhaltspunkten fehlte, hatten wir entgegen unserer sonstigen Gepflogenheiten die Dörfer und Wälder hinter uns gelassen und zogen durch die Städte. Doch die Kindsmörderin verwischte ihre Spuren gut. Jetzt hatten wir erfahren, dass im Zarenreich bald eine königliche Hochzeit stattfinden sollte, zu der Vertreter aus sämtlichen umliegenden Ländern eingeladen waren. Seit Tagen versuchte Rose, mich davon zu überzeugen, mit ihr die Grenze nach Osten zu überqueren und an den Feierlichkeiten teilzunehmen.

»Zahlreiche Adelige werden dort versammelt sein«, pflegte sie täglich mindestens einmal zu sagen. »Wenn sie sich wirklich einen Prinzen unter den Nagel gerissen hat, werden wir sie mit hoher Wahrscheinlichkeit dort antreffen. Oder zumindest erfahren, wo sie sich aufhält.«

Anders als Rose beunruhigte mich die Vorstellung, mich mit ihr auf einer königlichen Hochzeit einzuschleichen, zu der wir nicht eingeladen waren. In einem Reich, in dem wir auf dem Scheiterhaufen brennen würden, wenn jemand herausfand, dass wir uns liebten. Hierzulande mochten gleichgeschlechtliche Beziehungen nicht gern gesehen sein, doch sie wurden immerhin nicht mit dem Tode bestraft.

»Wir werden vorsichtig sein«, wischte Rose auch jetzt meine Gedanken beiseite.

Zärtlich drückte ich ihr einen Kuss in die Halsbeuge. »Das könnten wir dort nicht machen.«

»Es wäre nur für eine Weile. Und du weißt, was du mir bedeutest, auch ohne dass ich dir das ständig zeigen muss.«

»Soll das heißen, das hier würde dir gar nicht fehlen?«, fragte ich unschuldig und begann, an ihrem Ohrläppchen zu knabbern.

Rose drehte ihren Kopf und blickte mich mit funkelnden Augen an.

»Du Biest!«

Langsam beugte sie sich mit ihrem Gesicht näher und näher, öffnete die Lippen – und verzog sie zu einem spöttischen Lächeln. »Du weißt genau, wie sehr ich dich liebe.« Sie wich zurück. »Aber ich kann mich beherrschen.«

Ich musste lachen und spürte, wie sich der Druck auf meiner Brust langsam verflüchtigte. Gemeinsam würde uns schon etwas einfallen, wie ich diese verfluchten Symbole wieder loswurde. Irina würde wissen, was zu tun war.

»Vielleicht sollten wir das Grimoire bei Irina lassen.«

»Vielleicht …« Rose klang nicht überzeugt. »Hältst du es wirklich für eine gute Idee, das Buch bei einer wie ihr zu lassen?«

»Irina wirkt weiße Magie.«

»Letztes Jahr um diese Zeit hätte ich gesagt, so etwas wie weiße und schwarze Magie gibt es nicht. Sondern nur Magie. Dass es keinen Unterschied macht, ob sich jemand als Hexe, Zauberin, Fluchbringer oder Magier bezeichnet.«

»Bevor du erfahren hast, dass meine Mutter eine Selkie war.« Meine Stimme klang traurig.

Rose lehnte ihren Kopf an meinen.

»Ich liebe dich deshalb nicht weniger, das musst du mir glauben.« Sie seufzte tief. »Damals war die Welt … einfacher.«

»Sie war nicht einfacher, Rose. Es kam dir nur so vor.«

»Ich weiß«, sagte sie, und dann schwiegen wir eine Weile.

»Es ist nur …« Sie schlug die Decke zurück und setzte sich mit untergeschlagenen Beinen aufs Bett, mir gegenüber, damit sie mir direkt in die Augen sehen konnte. »Seit wir im Haus der Hexe waren. Seit deinen Visionen. Du … es gefällt dir, mit der Magie zu experimentieren, habe ich recht?«

Rose’ rote Locken reflektierten das Licht der Kerze auf dem Nachttisch. Ihr Gesicht schien selbst wie in Flammen getaucht und die Sommersprossen auf ihrer Nase und ihren Wangen hoben sich deutlich von der sonnengebräunten Haut ab.

Unschlüssig zupfte ich mit den Fingern an einem der Bänder um mein Handgelenk, ließ das aber gleich wieder bleiben, als es sich zu lösen drohte.

»Als ich Orkney verlassen habe, dachte ich, ich könnte alles hinter mir zurücklassen. All die traurigen Erinnerungen. An meine Mutter, die gegangen ist. An meinen Vater, der ihr auf seine Art folgte. An Tante Raelyn, für die ich einfach nicht die Tochter sein konnte, die sie sich wünschte.« Ich griff nach ihrer Hand. »Eine Zeit lang ist mir das gelungen. Ich habe ein neues Leben begonnen. Mit dir habe ich endlich die Familie gefunden, von der ich immer geträumt habe.«

Rose lächelte und ich drückte ihre Hand fester.

»An jenem Morgen auf dem Grundstück der Hexe, als ich meinen ersten Zauber seit Jahren gewebt habe … Ich habe es nicht sofort bemerkt, aber inzwischen weiß ich, dass ich nicht nur die schlechten Erinnerungen in Orkney zurückgelassen habe, sondern auch die guten.

Ich weiß, ich habe oft davon erzählt, wie wütend ich auf meine Mutter bin. Weil ihr das Meer wichtiger war als ihr kleines Mädchen. Doch damals am Strand, Rose … Wenn sie sicher war, dass uns niemand beobachten konnte, brachte sie Muschelschalen dazu, vor uns im Kreis zu tanzen, und färbte durch einen Handstreich und einen gemurmelten Zauber die Federn einer Möwe von weiß zu rosa. Um mich zum Lachen zu bringen. Es lag nichts Arglistiges in ihrer Magie.«

»Und du meinst, der Möwe hat es gefallen, rosafarbene Federn zu besitzen?«

»Es war doch nur für ein paar Augenblicke«, sagte ich und zog mich von ihr zurück. »Vielleicht habe ich es auch schlecht erklärt.«

»Tut mir leid, wenn ich den Finger in die Wunde lege, Mui­reann. Aber es ist längst an der Zeit, dass wir darüber sprechen. Früher sind wir nur mit Messern und Bögen auf Jagd gegangen. Den letzten Mühlenkobold hast du mit einem deiner Sprüche aus seinem Versteck getrieben.«

»Und es hat uns eine Menge Zeit gespart.«

Rose nickte. »Das hat es. Aber es fühlt sich falsch an, die Dinge so zu erledigen, wenn wir eigentlich diejenigen sind, die Monster, Hexen und Dämonen jagen. Wenn wir uns ihre Methoden zu eigen machen …«

»Gegen einen Schutzkreis hast du allerdings ganz und gar nichts«, unterbrach ich sie beleidigt.

Sie ließ den Kopf hängen. »Da hast du wohl recht. Vielleicht sollten wir auf ihn künftig ebenfalls verzichten.« Sie fuhr sich unschlüssig durchs Haar. »Er erschien mir so harmlos.«

»Er ist nicht nur eine Linie aus Salz, wenn es das ist, was du glaubst.« Meine Stimme klang angriffslustiger, als ich es beabsichtigt hatte. »Ohne den richtigen Spruch und den entsprechenden Einsatz von Magie wäre er vollkommen nutzlos.«

»Vielleicht hast du recht. Vielleicht gibt es wirklich Zauberei, die nicht schadet. Aber ich mag es nicht, wenn du einfach so mit der Magie herumexperimentierst.«

»Ich weiß genau, was ich tue.«

»Tust du das?« Mit hochgezogenen Augenbrauen richtete sie ihren Blick auf meine Unterarme.

»Das ist gemein«, sagte ich und zupfte verlegen an den Ärmel­säumen meines Schlafgewands. »Du warst damit einverstanden, dass wir es versuchen.«

»Das war ich. Und es war ein Fehler.«

In diesem Moment war ich so wütend und enttäuscht von ihr, dass ich nicht wusste, was ich darauf antworten sollte. Dabei hätte mich ihre Reaktion eigentlich nicht überraschen dürfen.

Einen Moment später lenkte sie ein. »Vielleicht war es auch kein Fehler, Muir. Ich will mich nicht mit dir streiten. Ich gebe zu, dass uns deine kleinen Zaubertricks in den letzten Wochen oft geholfen haben. Das ändert nichts daran, dass sie mir Angst machen.«

»Angst? Vor mir?«

»Nicht vor dir! Um dich.«

Sie griff wieder nach vorn und zog meine Hände in ihren Schoß. »Denk daran, was Irina gesagt hat, als wir sie das erste Mal um Hilfe gebeten haben: Magie hat immer ihren Preis.«

»Meine Mutter hat jahrelang …«

»Du bist aber keine Selkie.«

Ich wollte meine Hände zurückziehen, Rose ließ jedoch nicht los. Stattdessen sah sie mir tief in die Augen. »Ihr Blut mag in deinen Adern fließen. Trotzdem bist du keine von ihnen. Du bist ein Mensch. Und jeden Zauber, den du sprichst, bezahlst du mit einem Stück deiner selbst.«

Dem konnte ich nichts entgegensetzen. Nicht viele Menschen konnten Magie wirken. Die, die es taten, wurden vor ihrer Zeit alt und welk, bekamen schmerzende Buckel, triefende Nasen und wässrige Augen. Die Magie war das Feuer, das sie nach und nach auffraß. Es war die eigene Lebensenergie, mit der ein Magiewirker für jeden Spruch bezahlte. Oder die Lebensenergie eines anderen. Das taten die verabscheuungswürdigen Kreaturen, die wir jagten. Sie bezahlten ihre faulen Zauber mit fremder Währung. Sie stahlen die Energie anderer. Sie bluteten Kinder aus, um durch fremdes Leben selbst jung und schön zu bleiben. Wie es die Hexe getan hatte, deren Grimoire bei uns in der Dachkammer lag. Wie ich es aber nie, nie, niemals tun würde. Was bedeutete: Wenn ich Magie einsetzte, alterte ich ein winziges Stückchen schneller, als es die Natur vorsah.

»Ich will dich nicht verlieren«, flüsterte Rose kläglich. »Nicht deshalb.«

Und mit diesen Worten verlosch meine Wut.

»Ich wollte dir keine Angst machen.«

Sie zog mich in ihre Arme und ich vergrub meinen Kopf in ihren Haaren. Normalerweise rochen sie nach Kamille und Frühling. Jetzt hing noch der Rauch der verbrannten Mondraute darin.

»Ich will dir doch gar nicht verbieten, dich mit deinem Erbe auseinanderzusetzen.« Sie streichelte mir sanft über den Rücken. »Ich wünschte mir nur, du würdest dich bei der Jagd wieder etwas mehr auf deinen Silberdolch verlassen und etwas weniger auf deine Magie.«

Ich wagte nicht zu antworten, weil ich nicht genau wusste, was ich sagen sollte. Ich wollte Rose nicht anlügen. Einen Moment lang verharrten wir in unserer Umarmung, dann lösten wir uns langsam voneinander.

»Es ist spät, wir sollten versuchen zu schlafen.«

Ich nickte und ließ mich zurück in mein Kissen fallen.

Rose stand noch einmal auf, um das Fenster einen Spalt zu öffnen, damit frische Luft und die Kühle der Nacht in die Dachkammer strömen konnten.

»Was hältst du davon, wenn ich dich wieder im Stabkampf unterrichte?«, fragte sie, während sie unter die Decke schlüpfte.

Ich zog eine Grimasse. »Das lassen wir lieber. Darin war ich nie sonderlich gut.«

Rose kicherte. »Das kann man so nicht sagen. Da musst du dir nur die Narbe ansehen, die ich von unserer letzten Kampfstunde zurückbehalten habe.«

Die sichelförmige Narbe an ihrer linken Schulter verdankte Rose nicht meinem Kampfgeschick. Als ich sie während einer unserer Übungsrunden einen Waldhügel hinunterjagte, war ich auf nassem Laub ausgerutscht und der Länge nach hingefallen. Den Kampfstab hatte ich dabei dummerweise nicht losgelassen und Rose mit der harten Kante seines oberen Endes die Haut auf dem Rücken aufgerissen. Sie musste mit vier Stichen genäht werden. Und es war die einzige ernsthafte Wunde, die ich ihr beim Stockkampf jemals zugefügt hatte.

»Wir können gern morgen gegeneinander antreten, wenn du Lust auf weitere Narben hast.« Spielerisch boxte ich ihr gegen die Schulter. Dabei rutschte mein Hemdsärmel nach hinten. Die blauen Tinten­linien auf meinem Unterarm bewegten sich nun nicht mehr so schnell, schienen jedoch dunkler geworden zu sein. Täuschte ich mich, oder ging ein sanftes Glühen von ihnen aus? Als ich Rose anblickte, erkannte ich, dass sie es auch bemerkte. Ich schluckte. Rose sammelte sich als Erste und zog mir energisch wieder den Stoff über den Arm.

»Morgen gehen wir als Erstes zu Irina«, sagte sie. »Schlaf jetzt, und mach dir keine Sorgen mehr.«

Das war freilich unmöglich.

Trotzdem ließ ich es dabei bewenden und erwiderte nicht mehr als »Gute Nacht«, als sie mir einen Kuss auf die Wange hauchte. Danach beugte sich Rose über mich, um die Kerze auf dem Nachtschränkchen auszublasen, und zog mich fest in ihre Arme. Mein Kopf lag an ihrer Brust und ich konnte ihren schnellen Herzschlag hören.

In dieser Nacht träumte ich das erste Mal von Schnee.

Das Frühstück mit der Ziege

Am nächsten Morgen waren die Tintensymbole immer noch da. Mit einem Seufzen schlüpfte ich in ein violett eingefärbtes Leinenhemd, dessen Ärmel eng anlagen und so meine Unterarme bedeckten. Die roten Bänder versteckte ich so gut wie möglich unter den Bünden. Beim Waschen hatte ich sorgfältig darauf geachtet, sie nicht mit Wasser zu benetzen, auch wenn ich keine Ahnung hatte, ob das wirklich nötig war. Dann gingen Rose und ich nach unten, um ihrer Familie bei der Hofarbeit zu helfen. Normalerweise liefen wir jeden Morgen einige Meilen, um in Form zu bleiben. Bei der Dämonenjagd kam es oft darauf an, schnell zu sein, und ich hatte keine Lust, mich von einem Moorgeist fressen zu lassen, weil ich aus Bequemlichkeit meine Körperertüchtigung einmal zu oft hatte ausfallen lassen.

Weil wir nicht wussten, wie die Symbole auf meinen Armen auf körperliche Anstrengung reagieren würden, beschlossen wir dennoch, heute eine Ausnahme zu machen. Die Arbeit auf dem Gehöft war vermutlich ohnehin ein angemessener Ersatz. Zumindest für Rose, die losging, die Kühe zu melken und dann ihrem Vater und zwei ihrer Brüder zur Hand zu gehen. Ich ging in den Hühnerstall, um die Tiere in die eingezäunte Freifläche auf der Obstwiese zu lassen, ihren Wasser- und Futtertrog aufzufüllen und nach frisch gelegten Eiern zu suchen.

Mit einem Dutzend Eiern kehrte ich ins Haus zurück. Helene stand am großen Tisch in der Wohnküche und schnitt Brot in Scheiben. Hinter ihr auf dem Herd stand eine Kupferkanne, in der sie Wasser erhitzte. In einem weich gepolsterten Schaukelstuhl am Fenster saß Ursula, Eckharts Frau, ihren neugeborenen Sohn an die Brust gedrückt. Sie schien über dem Stillen eingeschlafen zu sein.

Helene drehte den Kopf in meine Richtung, als ich hereinkam, und lächelte mich an. »Guten Morgen. Hast du gut geschlafen?«

Das hatte ich nicht, aber das konnte ich ihr kaum sagen. Also quälte ich mir ein Lächeln ins Gesicht, eilte quer durch den Raum und öffnete die Tür zur kleinen Vorratskammer, wo ich die Eier in einem Weidenkorb verstaute.

Danach ging ich zum Schrank, um erst einige Holzbretter und Besteck hervorzuholen, danach ein Glas von Helenes selbst gemachtem Mus. Die Butter holte ich aus dem Keller, in den man durch eine außerhalb des Hauses angebrachte Luke kam.

Ich war gerade dabei, eine Rübe in Scheiben zu schneiden, als lärmend die Tür aufflog und unter großem Gelächter Rose und ihre Brüder in die Wohnküche stolperten. Lasse, Rose’ jüngster Bruder, hing an ihrem Arm und ließ sich von ihr hinterherschleifen. Er war vor Kurzem zehn geworden, das jüngste Kind von Lennard und Helene, ein Nachzügler.

»Jetzt sag schon, Rosalie«, bettelte er. »Wie habt ihr den Bergtroll besiegt?«

»Nicht so laut!«, herrschte ihn Ursula an, die offenbar doch wach war. »Die Kinder sind noch im Bett. Und das Kleine ist gerade endlich eingeschlafen.«

Die Männer wurden augenblicklich leiser. Rose verdrehte die Augen.

»Schon gut«, sagte sie mit gesenkter Stimme. »Du musst deshalb nicht so einen Aufstand machen.« Sie setzte Lasse auf dem Boden ab und strubbelte ihm durch die Haare. »Ich erzähl’ es dir später, versprochen.«

»Ach nein, erzähl es jetzt. Bitte.«

»Lasse«, mahnte nun auch seine Mutter streng. Mehr musste sie nicht sagen. Gehorsam, wenn auch unzufrieden, fügte er sich in sein Schicksal und schlurfte zur Bank, um sich auf seinen Platz zu setzen.

»Hast du dir auch die Hände gewaschen?« fragte Helene.

»Freilich!«, erklärte er entrüstet, nur um sich eine weitere spitze Bemerkung von Ursula einzufangen. Jetzt verdrehte auch ich die Augen. Es gab schon einen Grund, weshalb Rose und ihr ältester Bruder Björn Ursula nur die Ziege nannten. Wenn sie es nicht hören konnte.

Eckhart, Rose’ mittlerer Bruder, stellte den tönernen Milchkrug ab, den er von draußen mitgebracht hatte, und ging hinüber zu seiner Frau, um ihr einen Kuss auf den Scheitel zu drücken und mit verzückten Augen auf sein Jüngstes hinunterzugucken. Merkte er nicht, was für einen Besen er geheiratet hatte? Vermutlich nicht. Dass ausgerechnet diese beiden eines Tages den Hof von Lennard und Helene übernehmen würden, darüber war ich nicht gerade begeistert. Im Grunde genommen war Eckhart kein schlechter Kerl. Er war nur ein Jahr älter als Rose und stand ihr damit altersmäßig von all ihren Geschwistern am nächsten. Trotzdem war er derjenige, mit dem ich am wenigsten anfangen konnte. Und ihr ging es da genauso.

Als Rose’ Vater Lennard in die Wohnstube kam, setzten wir uns um den großen Esstisch und begannen mit dem Frühstück.

»Was habt ihr beide heute vor?«, fragte Lennard Rose, als wir uns dem Ende der Mahlzeit näherten.

Rose und ich sahen uns über den Tisch hinweg an. Ich saß auf einem der Stühle, neben Helene, damit ich schnell aufstehen und zum Vorratsschrank gehen konnte, wenn etwas fehlte. Rose saß zwischen ihre beiden Brüder eingekeilt auf der Eckbank.

»Wir werden wohl Irina einen Besuch abstatten«, sagte sie schließlich.

Lennard hob die Augenbraue.

»Es haben sich während unserer letzten Aufträge einige Fragen angesammelt, von denen wir hoffen, dass sie die Antwort kennt.«

»Was für Fragen?«, wollte Lasse wissen.

Rose verzog das Gesicht zu einer Grimasse, krümmte ihre Finger zu Krallen und stieß ein Knurren aus. »Das werde ich dir doch nicht auf die Nase binden, argloses Menschenkind.«

Lasse blieb unbeeindruckt. »Hat es mit Hexerei zu tun?«

Ich verschluckte mich fast an einem Bissen Brot und trank schnell etwas Milch, um nicht antworten zu müssen.

»Oder mit Dämonen?« fragte er mit weit aufgerissenen Augen. »Ich will auch auf Dämonenjagd gehen.«

Neben mir erstarrte Helene. Ich konnte mir vorstellen, was in ihrem Kopf vor sich ging. Das Dämonenjagen war eine ehrenhafte, wenn auch sehr gefährliche Angelegenheit. Es genügte ihr sicher, dass sie sich bereits um zwei ihrer Kinder Sorgen machen musste. Björn war schon als junger Kerl Hexenschlächter geworden, und Rose war in seine Fußstapfen getreten. Jetzt fehlte es noch, dass auch Lasse diesen Weg einschlug.

Lennard setzte zu einer Erwiderung an, aber Ursula war schneller. »Du, ein Dämonenjäger? Letzte Woche hast du dich noch vor einer Ratte im Keller gefürchtet.«

»Gar nicht wahr!«

»Ursula«, mahnte Eckhart seine Frau sanft.

»Diesen Sommer werden jedenfalls keine Dämonen gejagt, mein Lieber«, mischte sich Lennard ein. »Diesen Sommer wirst du mir auf den Feldern helfen. Bis zur Ernte ist es nicht mehr lang.«

»Wusstest du, dass es im Zarenreich einen Korngeist gibt, der den Bauern auf den Feldern auflauert?«, fragte Rose scheinheilig. Lasse riss die Augen auf und hing an ihren Lippen.

»Es ist ein weiblicher Geist. Man nennt ihn die Mittagsfrau. Sie trägt eine riesige Sense bei sich. Wenn die Mittagshitze am größten ist …«

»Rosalie.« Helene trommelte bedeutungsschwanger mit ihrem Zeigefinger auf den Tisch.

»Es ist wahr.«

Lasse ließ sich nicht einschüchtern. »Was passiert, wenn die Mittagshitze am größten ist?«

»Eckhart«, drängte die Ziege.

Eckhart räusperte sich. »Musst du deine Gruselgeschichten hier am Frühstückstisch erzählen, Rosalie?«

Ich sah, wie sich Rose’ Miene wütend verzog und sie zu einer Antwort ansetzte, aber Lennard war schneller. »Dein Bruder hat recht, Lockenköpfchen. Heb dir deine Geschichten für später auf.«

»Es ist keine Geschichte«, schmollte Rose.

»Wir müssen ohnehin gleich gehen.« Ich wandte mich zu Helene um. »Wir lassen dich ungern mit der ganzen Arbeit allein, nur sollten wir früh zu Irina aufbrechen. Wir wissen nicht, was sie heute geplant hat.«

Helene lächelte warm und legte ihre Hand auf meine. »Mach dir darüber keine Gedanken. Mit dem bisschen Geschirr komme ich schon zurecht. Und Lasse wird mir helfen. Nicht wahr?«

»Ja, Mama«, sagte dieser schicksalsergeben und biss in sein Brot. Pflaumenmus färbte die Winkel seines Mundes dunkel.

Ich schob meinen Stuhl zurück und stand auf. Rose steckte sich schnell einen letzten Bissen Käse in den Mund, ehe sie sich über ihrem Holzbrett die Krümel von den Händen rieb und ebenfalls aufstand.

»Zeit zum Aufbruch.«

»Schade, dass Björn noch nicht zurück ist. Ich bin mir sicher, er hätte euch gern zu Irina begleitet.« Helenes Mundwinkel zogen sich in der Andeutung eines Lächelns nach oben.

»Björn?«, fragte Rose misstrauisch.

»In den letzten Wochen hat er sie das eine oder andere Mal besucht«, sagte Helene schlicht und widmete sich wieder ihrer Mahlzeit. Rose blieb überrascht im Türrahmen stehen und sah sie verwundert an. Als ihre Mutter jedoch nichts weiter hinzufügte, zuckte sie mit den Schultern und öffnete mir die Tür, die zur Treppenstiege nach oben führte. Wenn wir uns auf den Weg zu Irina machten, durften wir das Grimoire nicht vergessen.

Die Mühlenhexe

Irina lebte in einer stillgelegten Mühle, eine halbe Wegstunde vom Dorf entfernt. Rose und ich gingen den schmalen Pfad am Rand des Waldes entlang, der sich hinter den Feldern fächerartig über die Landschaft ausbreitete. Obwohl es so früh am Morgen war, trieb uns die Hitze den Schweiß auf die Stirn. Deshalb bewegten wir uns eng im Schatten der hohen Fichten, deren harziges Aroma schwer in der Luft hing. Das Buch steckte gut verborgen in Rose’ Schulterbeutel. Ihren Kampfstab aus Eschenholz benutzte sie wie einen Wanderstock. Wenn man einmal von meinem Silberdolch absah, war ich unbewaffnet. Über meiner Schulter hing eine ausgebeulte Leinentasche, in der sich ein halbes Dutzend Hühnereier befanden. Helene hatte sie uns überlassen, damit wir nicht mit leeren Händen an Irinas Tür erscheinen mussten. Ich hatte die Zauberin vor vier Jahren kennengelernt, als Rose sie mit mir aufgesucht hatte, damit sie uns im Kampf gegen einen Schwarzalben beistand. Damals hatten wir uns an sie gewandt, weil uns keine andere Wahl geblieben war. Während ich eine Blindschleiche dabei beobachtete, wie sie vor mir über den Weg schlängelte und dann im hohen Weidegras verschwand, wurde mir bewusst, dass die Situation heute ganz ähnlich war.

Irina war kurz nach mir ins Dorf gekommen. Ursprünglich hatte sie nicht länger als einen Winter bleiben wollen. Inzwischen war die alte, verlassene Mühle, in die sie damals gezogen war, ihr Zuhause. Die Dorfbewohner hatten sie aufgrund ihrer Fremdartigkeit anfangs scharf beobachtet. Sie jedoch scherte sich nicht um die Meinung von Menschen, die zwar hinter ihrem Rücken über sie lästerten, aber dennoch zu ihr kamen, wenn die Not groß war. Sie flehten sie um Heiltränke an oder um Beistand bei einer schwierigen Geburt. Und Irina half, wo sie konnte.

Sie blieb eine Einzelgängerin. Wie ich hatte sie ihr altes Leben hinter sich gelassen und hier ein neues begonnen. Vielleicht war das der Grund, weshalb ich sie ein Stück weit in mein Herz gelassen hatte. Anders als Rose, die ihr nur mit äußerster Vorsicht begegnete. Hexe bleibt Hexe, und wenn sie sich hundert Mal Zauberin nennt, hatte sie einmal gesagt. Ob sie das Gleiche jetzt auch von mir dachte?

»Fandest du es eigentlich auch seltsam, was deine Mutter vorhin gesagt hat?«, fragte ich, um meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. »Dass es schade ist, dass Björn uns nicht begleiten kann.«

Rose zuckte nur mit den Schultern.

»Es klang ein bisschen so, als wolle sie die beiden verkuppeln«, fuhr ich fort.

»Unsinn!«

Ich unterdrückte ein Grinsen. »Sie sagte, Björn habe Irina in letzter Zeit mehrfach besucht.«

»Freilich.« Rose reichte mir den Eschenstab, damit sie sich den Pferdeschwanz neu binden konnte. »Vermutlich hat er mehr von ihrem ekligen Trank gebraucht.« Ihr Gesicht hellte sich auf. »Oder sie arbeiten an einer Möglichkeit, den Zauber endgültig zu brechen.«

»Meinst du nicht, davon hätten uns deine Eltern erzählt?«

Rose schürzte die Lippen und nahm den Kampfstab wieder an sich. »Wenn es so ist, hat Björn ihnen sicher nichts davon gesagt. Er will ihnen keine falschen Hoffnungen machen.«

Seite an Seite stapften wir weiter über den Waldweg. Ich glaubte nicht, dass Rose recht hatte, hielt es jedoch auch für keine gute Idee, ihr jetzt, kurz vor unserem Besuch bei Irina, zu widersprechen.

Die alte Mühle lag in einer Senke am Waldrand. Der Trampelpfad, dem wir folgten, führte direkt an ihr vorbei. Auf der anderen Seite des Gebäudes, dort wo das stillgelegte Mühlrad hing, plätscherte fröhlich ein Bachlauf über moosbewachsene Steine. Die Mühle hob sich wie eine kunterbunte Oase vor dem Grün des Hintergrunds ab. Tausend Farben explodierten rund um das aus Stein und dunklem Holz errichteten Gebäude: Korn- und Ringelblumen, Holunder und Schafgarbe, tiefrote Rosen, dunkelblaue Schwertlilien und rosa­farbenes Springkraut wetteiferten miteinander um die Vorherrschaft in dem prächtigen Garten, den Irina hegte und pflegte. Ein kleines Fleckchen, das wusste ich, war allein den Heilkräutern vorbehalten. Der größte Teil des Gartens jedoch war ein wildes Durcheinander aus den unterschiedlichsten Blumen, Obststräuchern, Gemüsebeetchen und Giftpflanzen. Kürbisse wuchsen neben Sonnenblumen, Brombeerbüsche neben Feldsalat und unweit der Erdbeeren erhoben sich die langen Stauden des Blutschierlings. Selbst die schmalen Kästen vor den Fenstern der Mühle hatte Irina bunt angestrichen, mit Erde befüllt und dann wild bepflanzt. Vom überdachten Absatz der Außentreppe im ersten Stock ergoss sich Goldregen ein halbes Stockwerk nach unten. Seine kräftige Farbe leuchtete üppig vor der dunklen Holzverkleidung.

Der Anblick war atemberaubend. Vor allem, wenn man wusste, wie die Mühle noch vor wenigen Jahren ausgesehen hatte. Halb verfallen war sie damals ein schwarzer Verschlag gewesen, der selbst im strahlendsten Sonnenschein traurig und unheimlich ausgesehen und eine böse Aura ausgestrahlt hatte. Bei meiner Ankunft im Dorf war die Mühle bereits seit Generationen als Spukhaus verschrien. Jahrzehntelang hatte niemand mehr darin gewohnt. Gerüchte gingen, dass etwas Schreckliches hinter diesen Mauern geschehen war. So recht erinnerte sich aber niemand mehr daran, was wirklich vorge­fallen war. Von Mord und Totschlag war die Rede, eine Zeit lang befand sich die Mühle in Räuberhand. All das Schlechte, was hinter ihren Wänden geschehen war, hatte das Gemäuer selbst verdorben und zu etwas Bösem gemacht.

Niemand war gern hier vorbeigegangen, und so mancher Krämer und Wanderer hatte einen beträchtlichen Umweg in Kauf genommen, nur um nicht auf seinem Weg das seltsame Gebäude zu passieren. Rose hatte mir erzählt, dass die Dorfkinder früher Mutproben abgeschlossen hatten, wer sich näher daran herantraute. Vielleicht hatten die Dorfbewohner auch begonnen, Irina zu akzeptieren, weil sich mit ihrer Anwesenheit die Atmosphäre der Mühle völlig veränderte.

»Dann mal los.« Rose packte ihren Eschenstab, als würde sie in den Kampf ziehen, und trat vom Weg auf den Hof. Grinsend folge ich ihr in das Blumenmeer. In den Rabatten zu meiner Rechten hörte ich Insekten summen, und als wir am Wacholder vorbeikamen, sprang uns eine schwarz-weiß gefleckte Katze in den Weg und blickte uns fragend an. Wo Irina weilte, waren Tiere nicht weit.

»Es ist schön hier geworden, nicht wahr?« Behutsam fuhr ich mit meinen Fingerkuppen über die Blätter. Rose brummte nur. Ich schob mich an ihr vorbei und klopfte an die Tür. Irina war vermutlich eher geneigt, uns zu helfen, wenn ein freundliches Gesicht sie zuerst begrüßte. Außerdem waren die Tintenlinien im Grunde genommen mein Problem.

Irina öffnete nach meinem zweiten Klopfen. Sie hatte ihr schwarzes Haar in zahlreiche kleine Zöpfe geflochten und am Hinterkopf zu einem kunstvollen Knoten hochgesteckt. Es musste Stunden gedauert haben, sich so zu frisieren. Es sah wunderschön aus. Ich hatte so etwas noch nie gesehen.

Als sie erkannte, wer vor der Tür stand, lächelte sie. »Guten Morgen.«

Eine Bachstelze kam über den Hof geflattert und ließ sich auf ihrer Schulter nieder. Sie grub ihre Krallen in den Stoff von Irinas Hemd und schmiegte sich an sie. Die hob den Finger und streichelte sanft die helle Vogelbrust, ließ uns dabei jedoch keine Sekunde aus den Augen. »Na, kommt rein, ihr beide«, sagte sie dann.

Sie drehte sich um und verschwand im Haus, ohne sich zu versichern, dass wir ihr folgten. Über meine Schulter hinweg warf ich Rose einen Blick zu. Die aber zuckte nur mit den Schultern, und so betrat ich die alte Mühle.

Der Flur war schmal und dämmerig. Das dunkle Holz der Wandpaneele ließ ihn finster wirken. Daran konnten auch die Blumenkübel nichts ändern, die überall herumstanden. Ich hatte noch nie gesehen, dass man Efeu auch an einer Wand im Haus hochklettern ließ. So war Irina eben: eigen, wenn es um Pflanzen ging. Und um Tiere. Eine kleine Meise schmetterte uns ein fröhliches Lied entgegen. Sie saß auf einer abgestorbenen Baumwurzel, in die ein gnomenhaftes Gesicht geschnitzt war und die Irina an einer Stelle der Wand befestigt hatte, die noch nicht vom Efeu verschlungen worden war. Über den Boden vor uns flitzten im Zickzack zwei Eichhörnchen. Und durch die Geländerstreben einer Treppe, die steil nach oben führte, steckte ein Fuchs sein spitzes Gesicht. Er beobachtete uns wachsam und schien sich für die anderen Tiere überhaupt nicht zu interessieren.

»Passt auf bei der Treppe«, rief Irina uns zu, während sie vom Flur in eines der hinteren Zimmer abbog. »Den schwarzen Fleck dort habe ich immer noch nicht wegbekommen. Normalerweise ist er nur gefährlich, wenn man in den ersten Stock hinaufwill. Aber wenn Gäste im Haus sind, ist er unberechenbar.«

Unbehaglich warf ich einen Blick nach rechts. Das Zwielicht am Fuß der Treppe schien noch eine Spur düsterer zu sein als im restlichen Flur und irgendwie … kälter. Die Stelle löste widerstreitende Gefühle in mir aus: Beunruhigung, aber auch eine seltsame Faszination. Wie ein grauenhaftes Gemälde, von dem man einfach nicht den Blick abwenden konnte. Mein Herz begann zu klopfen und ich hatte das Gefühl, die Tintenflecken auf meinen Unterarmen herum­krabbeln zu spüren.

Rose schloss zu mir auf und legte mir die Hand auf die Schulter. Ob sie mich damit beruhigen wollte oder eher sich selbst, wusste ich nicht. Ihr ganzer Körper war angespannt.

»Komm«, stieß sie gepresst hervor und schob mich weiter.

Erleichtert atmete ich auf. Ich wusste selbst nicht weshalb, und schritt durch einen Türbogen in einen großen, lichten Raum, dessen hintere Fensterfront vom Fußboden bis zur Decke aus trübem Glas bestand. So dunkel es im Flur gewesen war, so hell war es hier.

Irina ging zu einem mächtigen Eichenholztisch in der Mitte des Raums. Darauf standen nicht nur allerlei Pflanzen, sondern auch Korbschalen, Tongefäße und Glasfläschchen. Vor Irina lagen ein hölzernes Schneidebrett und ein kleines Messer. Sie ergriff Mörser und Stößel. Hexenküche, schoss es mir durch den Kopf. Doch der Raum war so ganz anders als die unterirdische Gift- und Folterkammer der letzten Hexe, deren Haus wir betreten hatten. Wo uns das Grimoire in die Hände gefallen war. Das Kellerverlies jener Hexe hatte nach Blut, Angst und Tränen gestunken. Dieser Raum roch nach Frühling, Freundlichkeit und Leben.

»Wenn ihr Durst habt: Auf der Anrichte dort hinten steht ein Krug mit verdünntem Apfelsaft. Entschuldigt bitte, dass ich euch nicht selbst einschenke. Morgen ist Markttag und es gibt noch viel zu tun.«

Rose griff demonstrativ nach ihrer Wasserflasche am Gürtel und trank einen tiefen Schluck. Innerlich verdrehte ich die Augen, beschloss allerdings, keinesfalls auf das Thema einzugehen.

»Die Mühle ist unglaublich!«, platzte es stattdessen aus mir heraus.

Irina blickte auf und lächelte mich herzlich an. »Danke.« Sie deutete mit dem Kinn auf die Bank, die auf der anderen Seite des Tisches stand. »Setzt euch.«

Rose setzte zu einer Erwiderung an, aber ehe sie ablehnen konnte, zog ich sie mit mir zur Bank und ließ mich darauf nieder. Unsere Gastgeberin nahm auf einem Holzstuhl Platz, legte jedoch Mörser und Stößel nicht aus der Hand.

»Wie hast du das so schnell geschafft?«, fragte ich neugierig.

Irina grinste mich spitzbübisch an. »Magie.«

Mir wurde gleichzeitig heiß und kalt.

»Was führt euch zu mir?« Irina zupfte ein paar Blätter von einer Pflanze ab, um sie in den Mörser zu geben.

»Ich dachte, das wüsstest du. Hast du uns nicht erwartet?« Rose’ forscher Ton trieb mir die Röte ins Gesicht. Möglichst unauffällig trat ich ihr unter dem Tisch auf den Fuß.

Irina lachte nur. Der Bachstelze, die bis dahin auf ihrer Schulter gesessen hatte, wurde es offenbar zu unruhig auf ihrem Platz. Sie flog nach oben ins Gebälk, um sich dort niederzulassen. »Ich sehe, du hast immer noch deine Dornen. Warum kommst du zu mir, wenn du mir nicht traust?«

Ehe Rose antworten konnte, trat ich mit dem Fuß noch einmal zu. Fester diesmal.

»Sei uns nicht böse«, sagte ich schnell.

»Das bin ich nicht.«

Einen Augenblick lang schwiegen wir. Dann stellte Irina klappernd den Mörser beiseite und stand auf, um uns Apfelsaft einzuschenken.

Als sie uns die Getränke demonstrativ vor die Nase stellte, blitzten ihre Augen. »Ich weiß, dass du nicht aus reiner Höflichkeit auf einen Nachbarschaftsbesuch gekommen bist, Rosalie Lennards­tochter. Also: Was willst du?«

»Sie ist mit mir gekommen, weil ich sie darum gebeten habe. Ich bin es, die deine Hilfe braucht.« Ehe sie etwas erwidern konnte, nestelte ich an dem Hornknopf an meinem Ärmelbund herum und schob dann den Stoff nach oben, um den Unterarm freizulegen.

Als sie die Zeichen erblickte, finsterblau auf meiner schneeweißen Haut, sog Irina scharf die Luft ein. »Was ist das?!«

»Wir hatten gehofft, dass du uns das sagen könntest.« Rose’ Stimme klang nun nicht mehr angriffslustig.

»Sie sind von einem Zauberbuch«, sagte ich niedergeschlagen. »Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.«

Irina kam um den Tisch herum und setzte sich neben mich auf die Bank.

»Was für ein Zauberbuch?«

»Ein Grimoire.«

»Ich hab es dabei.« Rose ließ ihren Lederbeutel von der Schulter gleiten. Irina nahm meine Hand in ihre und beugte sich nah zu meinem Unterarm herunter. Die Symbole und Schlangenlinien führten wilde Tänze auf.

»Sind sie nur dort?«

Ich schüttelte den Kopf. »Auch auf dem anderen Unterarm.«

»Darf ich?«

Irina wartete meine Antwort nicht ab und schob auch den anderen Ärmel nach oben. In ihrer Miene spiegelte sich eine Mischung aus Faszination und Entsetzen, als sie eine Tintenspinne dabei beobachtete, wie sie sich zwischen zwei zackigen Runen hindurchquetschte und dann auf der Rückseite meines Arms verschwand.

»Hast du das gemacht?« Irina deutete auf die Bänder, die ich immer noch um meine Oberarme und Handgelenke gebunden trug.

»Rose hat mir geholfen.«

»Salbei und Rosenwasser?«

Ich nickte. »Und Minze.«

»Kluges Mädchen.« Sie umschloss meine Hände fest mit den ihren. »Ich will dich nicht anlügen, Muireann. Das, was ich sehe … das sind keine harmlosen Symbole auf deinen Armen. Das ist Hexenwerk.«

Ich schluckte.

»Hier ist das Buch.« Rose klang ungewohnt leise, als sie das Grimoire vorsichtig auf den Tisch legte. Irina streckte den Arm aus, um es zu sich zu ziehen, aber sobald sie das bronzebeschlagene Leder berührte, zuckten ihre Finger zurück, als hätte sie sich verbrannt. Ihre Hände ballte sie zu Fäusten.

»Wo habt ihr das her?«, fragte sie scharf und ich konnte sehen, wie sich ihr Brustkorb schneller hob und senkte als gewöhnlich.

»Aus dem Keller einer Hexe«, sagte ich. »Es ist eine längere Geschichte.«

Irina verschränkte die Arme. »Wenn ich euch helfen soll, muss ich alles wissen.«

Also erzählten Rose und ich ihr abwechselnd die ganze schreckliche Geschichte.

Pflanzenmagie

Vor ein paar Monden haben wir den Auftrag angenommen, eine Hexe aufzuspüren und zur Strecke zu bringen. Genauer gesagt, ihren Geist«, begann Rose.

Irina runzelte die Stirn. »Ihren Geist?«

Ich schob den Stoff meines Hemdes wieder über meine Unterarme. »Zumindest dachten wir das. Wie sich herausstellte, war die Hexe gar nicht tot.«

»Die Dorfbewohner, die uns um Hilfe baten, nahmen das an, weil eines ihrer Opfer, ein Mädchen, ihr entkommen war und behauptet hatte, die Hexe in ihrem eigenen Backofen verbrannt zu haben.«

»Eine Lüge. Margarete konnte die Hexe zwar in deren eigenen Ofen stoßen. Der Hexe gelang es jedoch im letzten Moment, mit Margarete den Körper zu tauschen.« Plötzlich glaubte ich das Fauchen von Flammen zu hören. Einen Moment lang war ich wieder im Backofen der Hexe, zurückversetzt in eine meiner Visionen, in denen ich Margaretes Schicksal teilte. Die Luft um mich herum brannte. Es war fast unmöglich, sie in meine Lunge zu saugen. Mein Haar kräuselte sich in der Hitze, begann zu stinken, und das Eisen unter meinen Händen und Knien versengte mir die Haut. Ich musste mich zwingen, die Augen zu schließen und mir begreiflich zu machen, dass das nicht meine Erinnerungen waren, die mich quälten. Ich atmete langsam ein und aus, die Luft war warm, nicht heiß, und sie duftete nach Blüten und Blattwerk. Mein Herzschlag beruhigte sich, ich blinzelte und befand mich wieder in der lichtdurchfluteten Kräuterkammer.

Irina sah mich beunruhigt an.

»Alles gut«, log ich. »Ich war nur einen Moment … Es war nicht der Geist der Hexe, der im Wald spukte und den Bewohnern der umliegenden Dörfer Angst und Schrecken einjagte. Es waren die Geister der Opfer.«

»Eine von dieser Sorte also.«

»Ihre Opfer: Es waren alles Kinder.«

Irina nickte grimmig. »Das ergibt Sinn.«

Rose und ich starrten sie ungläubig an.

»Was ergibt daran Sinn?«, brach es aus mir heraus. »Sie hat sie in ihre Fänge gelockt und dann in ihrem Keller auf einer Art Stein­altar … Sie hat die Kinder nicht einfach nur getötet, sie hat sie geschlachtet! Wie Vieh. Sie hat sie ausbluten lassen. Sie hat sie zu Pasteten verarbeitet und …« Ich musste würgen.

Irina schüttelte schnell den Kopf. »So meinte ich das nicht. Bitte entschuldigt. Das Blut von Kindern verleiht ihr viel mehr Macht. Die Kraft im Blut von Menschen, die die Schwelle zum Erwachsenenalter überschritten haben, verbraucht sich schnell und nährt Magie kaum. Kinder hingegen – sie haben noch ihr ganzes Leben vor sich.«

»Das ist krank«, sagte Rose angeekelt.

Ich musterte Irina. Wie alt war sie eigentlich? Bis auf ein paar Lachfältchen um die Augen sah ihre Haut glatt und rein aus. Verdankte sie das dem Erbe ihres Vaters? Oder hatte auch sie bereits andere für das Wirken ihrer Zauber bluten lassen?

Das war das Problem, wenn man Hexen jagte. Man konnte sie äußerlich nicht erkennen. Die Schauergeschichten, die man Kindern erzählte, handelten von buckligen alten Frauen mit hervorspringendem Kinn und Warzen auf der Nase. Und tatsächlich sahen einige Hexen auch so aus. Das waren traurigerweise jene, die ihre Zauber nicht mit der Energie anderer, sondern mit der eigenen bezahlten. Gefährlich waren die, die jung und schön aussahen, ganz so, als ob sie kein Wässerchen trüben könnten.

Wie Irina.

Nein. Irina war anders. Es durfte nicht sein, dass …

»Wie habt ihr das alles überhaupt erfahren?«

»Von Margarete.«

»Das Mädchen, das anstelle der Hexe verbrannt ist?«

Ich nickte. »Sie … Auf der Waldlichtung, im Haus der Hexe. Ich bekam Visionen, wenn ich bestimmte Gegenstände berührt habe. Als würde ich durch Margaretes Augen sehen.«

»Ist das schon öfter passiert?«

Ich schüttelte den Kopf. »Ich glaube, es hat mit meinem Selkieblut zu tun.«

Irina schürzte die Lippen und nickte.

»Hast du gewusst, dass Muireann eine Magische ist?«, fragte Rose angriffslustig. Ich hielt den Atem an. Aber Irina schüttelte den Kopf.

»Nein. Ich habe gespürt, dass etwas an ihr anders ist.« Sie sah mich direkt an. »Ich dachte, das läge daran, dass sie aus dem Norden stammt. Albion und die Inseln sind von Magie durchdrungen. Sie klebt an allen, die von dort kommen, egal ob sie Zauber wirken können oder nicht.«

Nicht in allen Teilen der Welt wurden Hexen verfolgt. Der Zar im Osten hielt seine schützende Hand über sie – oder sie über ihn, je nachdem, wie man das sehen wollte. In Albion saß sogar eine Hexe auf dem Thron. Stolz trug Morgan den Beinahmen Hexenkönigin. Man sollte meinen, dass ich aufgrund der Tatsache, von dort zu stammen, schon immer eine freundlichere Gesinnung zur Zauberkunst gehabt hätte. Orkney, wo ich zur Welt gekommen war, lag jedoch so weit von Morgans Herrschersitz Camelot entfernt, dass die Menschen dort nach ganz anderen Sitten und Gebräuchen lebten.

»Und dort im Wald habt ihr dieses Buch gefunden?«

»Im Keller der Hexe«, sagte Rose.

Irina stand auf und ging wieder um den Tisch herum, den Blick nicht vom Buch nehmend. »Warum sie es wohl zurückgelassen hat?«

»Die Geister haben sie vertrieben.« Eine Spur Genugtuung stahl sich in meine Stimme. »Die Geister ihrer Opfer. Die Kinder. Sie haben uns geholfen, Margaretes gefangenen Geist zu befreien und sie mit ins Jenseits zu nehmen.«

»Dort spukt es jetzt nicht mehr.« Auch Rose klang stolz.

Irina schüttelte ungläubig den Kopf. »Ihr beide müsst mehr Glück als Verstand gehabt haben. Dass ihr überhaupt in Betracht gezogen habt, euch mit einer untoten Hexe anzulegen.«

Rose reckte entschlossen das Kinn nach vorn. »Was hätten wir denn tun sollen? Die Menschen, die uns um Hilfe gebeten haben, im Stich lassen?«

»Ihr hättet die Hexenschlächter rufen können.«

»Was hätte das genutzt? Sie wären nicht gekommen.«

Das hatten uns die Dorfbewohner damals erzählt. Hexen­schlächter nannten sich jene Dämonenjäger, die im Dienst der Krone standen und im Auftrag der Könige durch die Lande zogen, um Trolle, Alben und Werwesen zur Strecke zu bringen. Auch Rose und ich hatten einmal darüber nachgedacht, uns ihnen anzuschließen. Heute war ich froh, dass wir das nicht getan hatten. Wir waren frei, dorthin zu gehen, wohin es uns trieb, und die Aufträge anzunehmen, die wir wollten. Seit über vier Jahren taten wir das bereits und ich liebte unser Leben. Als Hexenschlächter wären wir nicht so frei gewesen.

»Es war leichtsinnig, den Auftrag nur zu zweit anzunehmen«, schalt uns Irina dennoch. »Stellt euch vor, es wäre wirklich der Geist der Hexe gewesen, mit dem ihr es zu tun bekommen hättet.«

Ich schluckte, Rose rollte mit den Augen. »Es ist doch alles gut gegangen, oder etwa nicht?«

Irina warf einen bedeutungsschwangeren Blick auf meine Unterarme und ich fühlte mich ertappt wie ein kleines Kind beim Stehlen einer Süßigkeit.