Palast der Erinnerungen - Debra Dean - E-Book

Palast der Erinnerungen E-Book

Debra Dean

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Beschreibung

Gemälde als Flucht aus der kalten Realität - »Palast der Erinnerungen« von Debra Dean Die junge Marina ist Museumsführerin in der berühmten Leningrader Eremitage. Früher umgaben sie faszinierende Gemälde und die tiefe Zuneigung des Mannes, den sie liebt. Nun aber, im Winter 1941, ist sie allein und die Museumssäle sind leer. In der Stadt herrschen Hunger, Not und Verzweiflung. Doch Marina hat ihren eigenen Weg gefunden, das Elend zu ertragen: Sie geht von Saal zu Saal und erinnert sich der Meisterwerke, die vor dem Krieg dort hingen. Sie sieht anmutige Gesten, betörende Farben, die Strahlkraft des Lichts. So entsteht in Marina das ganze Museum zu neuem Leben. Vor allem die Erinnerung an die Madonnenbilder und ihre Schönheit lassen sie alles überleben. Jahrzehnte später sind es wieder die Madonnenbilder, die ihr Trost spenden. Marina, deren Gedächtnis sie immer häufiger im Stich lässt, flüchtet sich erneut zu den Bildern und erlebt noch einmal Geborgenheit und Glück. »Was für ein tröstlicher Gedanke, den Debra Dean ihrem Romandebüt »Palast der Erinnerungen« zugrunde gelegt hat: Es ist die Schönheit der Kunst, die jede Finsternis erhellt. Nach der Lektüre dieses Buches glaubt man fest daran.« - Brigitte Begeisterte Leserstimmen: »Ein Buch über Liebe, Schönheit und über die Kraft der Imagination. Volle Punktzahl(...).« »Hier ist alles vereint, was einem Roman Spannung, Dynamik und die nötige Dramatik verleiht.« »Liebevoll, romantisch, anrührend und realistisch...«

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Seitenzahl: 333

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Debra Dean

Palast der Erinnerungen

Roman

Aus dem Amerikanischen von Judith Schwaab

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Die junge Marina ist Museumsführerin in der berühmten Leningrader Eremitage. Früher umgaben sie faszinierende Gemälde und die tiefe Zuneigung des Mannes, den sie liebt. Nun aber, im Winter 1941, ist sie allein und die Museumssäle sind leer. In der Stadt herrschen Hunger, Not und Verzweiflung. Doch Marina hat ihren eigenen Weg gefunden, das Elend zu ertragen: Sie geht von Saal zu Saal und erinnert sich der Meisterwerke, die vor dem Krieg dort hingen. Sie sieht anmutige Gesten, betörende Farben, die Strahlkraft des Lichts. So entsteht in Marina das ganze Museum zu neuem Leben. Vor allem die Erinnerung an die Madonnenbilder und ihre Schönheit lassen sie alles überleben. Jahrzehnte später sind es wieder die Madonnenbilder, die ihr Trost spenden. Marina, deren Gedächtnis sie immer häufiger im Stich lässt, flüchtet sich erneut zu den Bildern und erlebt noch einmal Geborgenheit und Glück.

Inhaltsübersicht

Motto

Widmung

Hier entlang, bitte. Wir [...]

Es ist, als hätte [...]

Da sind wir, im [...]

Es ist so, als [...]

Seit einer halben Stunde [...]

Noch bevor das Entwarnungssignal [...]

Ihre Mutter sitzt Helen [...]

Das hier gilt als [...]

Woran sie sich erinnert, [...]

Für die Mitglieder der [...]

Seit dem Beginn der [...]

Marina will unbedingt aussteigen. [...]

Ja, ist er nicht [...]

Der erste Schnee kommt [...]

Hinter einem bauschigen weißen [...]

Selbst im Schlaf hört [...]

Es ist wie beim [...]

Der Rembrandt-Saal. Zuerst scheint [...]

Es ist spät. Der [...]

Fünfundsiebzig Gramm Brot. Brot, [...]

In der Nacht wacht [...]

Hören Sie nur.

Ihre Enkeltochter heiratet. Katie, [...]

Der Majolika-Saal. Er heißt [...]

Zu Beginn des Monats [...]

Der Rubens-Saal. Selbst hier, [...]

Sieht sie nicht wunderschön [...]

Auf dem Newski-Prospekt sind [...]

Einer der fünf Säle, [...]

Die Tische im Innenhof [...]

Am Morgen ist Viktor [...]

Helen schreckt aus dem [...]

Viele der Räume haben [...]

Kälte sickert durch den [...]

Die Suche weitet sich [...]

Im März werden die [...]

Am ersten Tag, als [...]

Grün. Das Wort kommt [...]

Helen gleitet in den [...]

Es sind vielleicht drei [...]

In einigen Jahren, wenn [...]

Nachwort der Autorin

Dank

Doch ich spür wieder ihre Schauer

Nun vor der Schönheit Übermacht.

 

Alexander Puschkin

Für Cliff, meinen Reisebegleiter

 

 

 

Hier entlang, bitte. Wir stehen im spanischen Oberlichtsaal. Die drei Oberlichtsäle wurden dafür konzipiert, die größten Gemälde der Sammlung auszustellen. Schauen Sie nach oben. Das riesige Gewölbe und der Fries sehen mit ihren reich verzierten und vergoldeten Arabesken wie eine Hochzeitstorte aus. Licht strömt auf das Parkett herab, das die Farbe von Weizen hat, das tiefe Rot der Wände wurde den ursprünglichen Wandverkleidungen aus Stoff nachempfunden. Jeder der Oberlichtsäle ist mit kostbaren Vasen und stehenden Kandelabern geschmückt, die Tische sind in alter russischer Mosaiktechnik mit Einlegearbeiten aus Halbedelsteinen bedeckt.

Hier drüben, zu unserer Linken, sehen wir einen Tisch, auf dem ein schweres weißes Tuch liegt. Drei spanische Bauern sitzen beim Mittagsmahl. Der Bauer in der Mitte hält eine Karaffe Wein hoch und bietet uns etwas zu trinken an. Offensichtlich sind sie guter Dinge. Es ist ein leichtes Mahl – ein Teller Sardinen, ein Granatapfel, ein Laib Brot –, aber das ist mehr als genug. Es ist ein ganzer Laib Brot, und weißes noch dazu, nicht das Blockadebrot, das hauptsächlich aus Sägespänen gebacken wird.

Die anderen Bewohner des Museums bekommen jeden Tag nur drei kleine Stücke Brot zugeteilt. Brot, das die Größe und die Farbe von Kieselsteinen hat. Manchmal gibt es auch gefrorene Kartoffeln, die jemand aus einem Garten am Stadtrand ausgegraben hat. Vor der Belagerung hatte Direktor Orbeli große Mengen Leinöl bestellt, mit denen die Wände des Museums gestrichen werden sollten. Manchmal braten wir uns darin Kartoffelstückchen. Sind die Kartoffeln und das Öl dann verbraucht, werden wir aus dem Klebstoff, mit dem Bilderrahmen verleimt werden, eine Sülze machen und sie essen.

Der Mann zur Rechten, der uns den nach oben gereckten Daumen zeigt, ist vermutlich der Künstler selbst. Diego Rodriguez de Silva y Velazquez. Das Bild stammt aus seiner frühen Zeit in Sevilla und gehört zu einem Genre von Gemälden, das man bodegones, Kneipenszenen, nennt.

 

 

 

Es ist, als hätte man sie in eine zweidimensionale Welt versetzt, ein Buch vielleicht, in dem sie nur auf dieser einen Seite existiert. Wird diese Seite umgeblättert, verschwindet alles, was darauf zu sehen war, aus dem Blickfeld.

Als sie zu sich kommt, steht Marina vor dem Spülbecken in der Küche und hält einen Topf mit Wasser in der Hand. Aber sie weiß nicht, warum. Spült sie den Topf ab? Oder hat sie ihn gerade mit Wasser gefüllt? Es ist ein Rätsel. Manchmal braucht sie ihren ganzen Verstand, um die Welt aus den Stücken zusammenzusetzen, die sie vorfindet: eine offene Dose FolgersKaffee, ein Eierkarton auf dem Tresen, der schwache Duft nach Toast. Frühstück. Hat sie etwas gegessen? Sie kann sich nicht erinnern. Na gut, fühlt sie sich hungrig oder satt? Hungrig, beschließt sie.

Und da ist nun das Wunder dieser fünf weißen Eier, die vor ihr in einer Styroporschachtel liegen. Fast kann sie die seidige Weichheit des Eigelbs auf der Zunge spüren. Na los, sagt sie sich, iss.

Als Dmitri, ihr Mann, mit dem schmutzigen Frühstücksgeschirr in die Küche kommt, ist sie gerade dabei, noch ein paar Eier abzukochen.

»Was machst du?«, fragt er.

Sie bemerkt das Geschirr in seinen Händen, das angetrocknete, verschmierte Eigelb in der Schüssel, den Beweis dafür, dass sie schon gegessen hat, vor vielleicht kaum mehr als zehn Minuten.

»Ich habe noch Hunger.«

Eigentlich ist ihr der Hunger vergangen, aber sie sagt es trotzdem.

Dmitri stellt die Teller ab, nimmt ihr den Wassertopf aus den Händen und stellt ihn ebenfalls auf die Anrichte. Kurz streifen seine trockenen Lippen ihren Hals, dann schiebt er sie sanft aus der Küche.

»Die Hochzeit«, erinnert er sie. »Wir müssen uns anziehen. Elena hat aus dem Hotel angerufen und gesagt, dass sie auf dem Weg ist.«

»Elena ist hier?«

»Sie ist gestern Nacht angekommen, weißt du noch?« Marina kann sich nicht daran erinnern, ihre Tochter gesehen zu haben, dabei ist sie sich sicher, dass das etwas ist, was sie nicht vergessen würde.

»Wo ist sie?«

»Sie hat die Nacht am Flughafen verbracht. Der Flug war verspätet.«

»Ist sie für die Hochzeit gekommen?«

»Ja.«

An diesem Wochenende findet eine Hochzeit statt, aber sie kann sich nicht erinnern, wer heiratet. Dmitri sagt, dass sie die beiden kennt, und sicher will sie seine Angaben nicht in Zweifel ziehen, aber …

»Und wessen Hochzeit ist es denn nun?«

»Die von Katie, Andrejs Tochter. Mit Cooper.«

Katie ist ihre Enkelin. Aber wer ist Cooper? Den Namen hätte sie doch bestimmt behalten.

»Wir haben ihn an Weihnachten kennen gelernt«, sagt Dmitri, »und dann noch mal bei Andrej und Naureen vor ein paar Wochen gesehen. Er ist sehr groß.« Er wartet auf ein Zeichen der Zustimmung von ihr, aber es kommt nicht. »Du hast das blaue Kleid mit den Blumen angehabt, und zum Abendessen hat es Lachs gegeben«, versucht er nachzuhelfen.

Immer noch nichts. Sie sieht einen Hauch von Verzweiflung in seinen Augen. Manchmal ist dieser Blick für sie der einzige Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt. Sie fängt mit dem Kleid an. Blau. Ein blaues Kleid mit Blumen. Jetzt, wo sie sich anstrengt, taucht es endlich vor ihrem inneren Auge auf. Sie hat es bei Penney’s gekauft.

»Es hat einen plissierten Kragen«, verkündet sie stolz.

»Was ist das?« Er zieht die Stirn in Falten.

»Das Kleid. Und Fliederzweige.« Jetzt kann sie sich den genauen Farbton des Stoffes ins Gedächtnis rufen. Es hat denselben leuchtend blauen Ton wie das Kleid der Frau in Blau.

Thomas Gainsborough. Die Herzogin von Beaufort. Genau

dieses Bild hat sie damals während der Evakuierung verpackt. Sie weiß noch, wie sie es zuerst aus dem vergoldeten Außenrahmen und dann aus dem Keilrahmen genommen haben, auf den es gespannt war.

Was auch immer das ist, das ihr Gehirn auffrisst, es verzehrt nur die jüngeren Erinnerungen, die Momente, die noch nicht gereift sind. Was in ihrer Erinnerung weiter zurückliegt, ist gut erhalten, mehr als gut erhalten. Momente, die sich in Leningrad vor über sechzig Jahren ereigneten, sind so frisch, so lebendig, so unvermittelt und so duftend, wie sie es damals waren.

In der Eremitage packen sie die Bilder aus der Gemäldegalerie ein. Es ist nach Mitternacht, aber selbst ohne Strom ist es immer noch hell genug. Es ist Ende Juni, 1941, und die Sonne sinkt kaum unter den Horizont herab. Belye Notschi nennen sie das, die Weißen Nächte. Sie ist benommen vor Erschöpfung, und ihre Augen brennen vom Sägemehl und den Wattesträngen, mit denen sie die Bilder auspolstern. Ihre Kleider riechen muffig, und sie hat seit Tagen nicht mehr geschlafen. Es gibt einfach zu viel zu tun. Alle achtzehn oder zwanzig Stunden schleppt sie sich zu einem der Feldbetten nebenan und sinkt kurz in eine Art traumlose Betäubung. Schlaf kann man das eigentlich nicht nennen. Vielmehr ist es so, als würde man immer wieder für ein paar Momente einfach verschwinden. Als würde jemand das Licht ausknipsen. Nach etwa einer Stunde wird der Schalter wie durch Zauberhand wieder umgelegt, sie erhebt sich wie ein Roboter von ihrer Pritsche und macht sich wieder an die Arbeit.

Alle Türen und Fenster stehen weit offen, um so viel von dem verbliebenen Licht wie möglich hereinzulassen, doch es ist trotzdem schwülwarm. Flugzeuge brummen und dröhnen in der Luft, aber sie hat es sich abgewöhnt zusammenzuzucken, wenn sie eines direkt über ihnen hört. Innerhalb nur weniger Tage und Nächte sind die Flugzeuge Teil dieses seltsamen Traumes geworden, greifbar nah und unwirklich zugleich.

Am Sonntagmorgen hat Deutschland ohne Vorwarnung angegriffen. Niemand, offenbar nicht einmal Stalin, hat das kommen sehen. Keiner außer Direktor Orbeli, dem Museumsdirektor. Wie sonst ließe sich der detaillierte Evakuierungsplan erklären, der fast im selben Moment ausgegeben wurde, als die Nachricht vom Angriff im Radio kam? Auf dieser Liste ist jedes Gemälde, jede Statue, nahezu jedes Kunstobjekt, das sich im Besitz des Museums befindet, nummeriert und nach Größe sortiert aufgeführt. Noch viel verwunderlicher jedoch waren die Holzkisten und Schachteln, die vom Keller hochgebracht wurden und auf die jemand mit Schablonen bereits die jeweilige Nummer gemalt hatte. Kilometerlange Rollen mit Packpapier, Berge von Watte und Sägemehl, Packrollen für die Gemälde, all das ist aufgetaucht, als hätte jemand dies lange vorher bestimmt.

Sie und eine andere Museumsführerin, Tamara, sind gerade damit fertig geworden, den Gainsborough aus seinem Rahmen zu nehmen. Er gehört nicht zu ihren Lieblingsbildern. Abgebildet ist eine verwöhnte Frau mit gepudertem Haar, das zu einem lächerlich hohen Berg auf ihrem Kopf aufgetürmt ist und von einem albernen Federhütchen gekrönt wird. Trotzdem fällt es Marina auf, während sie die Leinwand zwischen mehrere Schichten Ölpapier bettet, wie nackt und bloß die Frauengestalt ohne ihren Rahmen wirkt. Als wollte sie sich schützen, hält die Dame mit der rechten Hand ihren blauen Umhang über der Brust zusammen. Sie scheint am Betrachter vorbeizuschauen, ihre dunklen Augen wirken starr. Plötzlich sieht das, was Marina immer für einen leeren Blick gehalten hat, traurig und still aus, als könnte diese Frau aus einer längst vergangenen herrschenden Klasse vorhersehen, wie sich ihr Schicksal noch einmal ändern wird.

Marina sagt zu Tamara: »Sie schaut ein bisschen so, als könnte sie in die Zukunft blicken.«

»Hm? Wen meinst du?« Unerklärlicherweise steht Dmitri am Fenster ihres Schlafzimmers. Er hält ein blaues Kleid hoch und nestelt an seinem Kragen herum.

»Die Frau in Blau. Das Gemälde von Gainsborough.«

»Wir sollten uns jetzt fertig anziehen. Elena kann jeden Moment hier sein.«

»Wo gehen wir hin?«

»Zu Katies Hochzeit.«

»Ja, natürlich.« Sie wendet sich von Dmitri ab und beginnt in ihrem Schmuckkästchen zu kramen. Eine Hochzeit, also sollte sie sich hübsch machen. Sie wird den Schmuck ihrer Mutter tragen, die Dinger, die an den Ohren hängen. Sie hat sie ziemlich deutlich vor Augen, aber das richtige Wort will ihr nicht einfallen. Und die Gegenstände selbst kann sie nicht finden. Sie könnte Dmitri fragen, wo sie wohl geblieben sind, aber dazu braucht sie zuerst das Wort. Die … ihrer Mutter – wie heißt das noch mal? Sie sind aus filigranem Gold, mit kleinen Rubinen daran. Marina sieht sie genau vor sich, aber zu dem Bild fällt ihr kein Wort ein, weder auf Englisch noch auf Russisch.

Sie weiß, was mit ihr geschieht, sie ist nicht dumm. Etwas frisst ihr Gedächtnis auf. Sie hat die Grippe gehabt (letzten Winter? Im Winter vor einem Jahr?) und ist fast daran gestorben. Sie, die immer stolz darauf gewesen war, dass sie nie krank wurde, die den Hungerwinter überlebt hatte, war damals sogar zu schwach, um aufzustehen. Dmitri fand sie vor ihrem Bett, wo sie zusammengebrochen war. Später konnte sie sich an mehrere Tage nicht mehr erinnern, eine ganze Woche, und als sie ins Leben zurückkehrte, war sie eine andere.

Das ist ihre Erklärung. Es gibt noch eine. Nachdem Dmitri ihr Notizbuch im Ofen gefunden hatte, sind sie zu einem Arzt gegangen, und er hat ihr Fragen gestellt. Es war so, als müsste sie noch einmal die Prüfung an der Kunstakademie ablegen, als sie mit ihren Antworten gegen ein Sperrfeuer von Fragen ihrer Professoren ankämpfte. Nennen Sie die bedeutendsten Künstler der Florentiner Schule und mehrere ihrer Werke, einschließlich der Lebensdaten und ihrer Herkunft. Was für einen Tag haben wir heute? Beschreiben Sie die technischen Vorgänge und Materialien bei der Entstehung eines Freskos. Ich nenne Ihnen jetzt drei Gegenstände, und Sie wiederholen sie für mich: Straße, Banane, Hammer. Ordnen Sie zu, welche der folgenden Kunstwerke in der ständigen Ausstellung des Staatlichen Museums von Leningrad hängen und welche im Puschkin-Museum in Moskau. Bitte zählen Sie in Siebenerschritten rückwärts von hundert. Können Sie mir die drei Gegenstände wiederholen, die ich eben genannt habe?

Die Prüfung an der Akademie hatte sie mit Auszeichnung bestanden. Der Arzt jedoch war freundlich, aber nicht allzu beeindruckt. Er erklärte ihr, sie sei nicht mehr die Jüngste und ihre Verwirrtheit sei eine der bedauerlichen, aber nicht seltenen Veränderungen, die mit dem Alter einhergehen. Sie und Dmitri bekamen einen Stapel Infomaterial, ein Rezept sowie den Ratschlag, dass Geduld und Wachsamkeit die beste Methode seien, mit ihrer Schwäche umzugehen.

Weil sie manchmal vergisst, die Herdplatte abzustellen, benutzt sie den Herd nur noch, wenn Dmitri da ist, und auch dann nur, um Teewasser zu kochen. Selbst die Gerichte, die sie früher im Schlaf zubereiten konnte, sind ihr so oft misslungen, weil ein bisschen Mehl fehlte oder etwas anderes rätselhafterweise hinzukam, sodass sie nur noch selten kocht. Dmitri hat die meisten ihrer Aufgaben übernommen, nicht nur das Kochen, sondern auch das Einkaufen und Waschen. Ein junges Mädchen kommt zu ihnen, um zu putzen, obwohl Marina das kaum ertragen kann. Sie versucht ihr immer zu helfen oder ihr wenigstens einen Tee zu machen, aber das Mädchen sagt, dass es für seine Arbeit bezahlt wird und Marina sich ausruhen soll. »Legen Sie einfach die Füße hoch und fühlen Sie sich wie eine Königin«, drängt sie. »So würde ich das machen.« Marina versucht ihr dann zu erklären, dass niemand untätig herumsitzen und in die Luft gucken sollte, während ein anderer die Arbeit für ihn macht, aber es hat keinen Sinn. Schließlich haben sie einen Kompromiss gefunden, und das Mädchen hat ihr erlaubt, wenigstens Staub zu wischen.

Jetzt hat Dmitri die Kleider für sie aufs Bett gelegt: eine Hose, ein gestricktes Oberteil und einen Pullover.

Sie möchte ihn nicht kritisieren, aber sie hat den deutlichen Eindruck, dass die Sachen zu lässig für den Anlass sind. Dmitri hat nie ein sicheres Gespür für die richtige Kleidung gehabt. Wenn man ihm die Entscheidung überlässt, wird er am Schluss vielleicht eine braune Hose zu einem rot karierten Hemd und schwarzen Schuhen tragen. Sie ist nie so weit gegangen, das für ihn herauszulegen, was er tragen soll, aber früher hat sie immer dezente Vorschläge gemacht, ihm eine bestimmte Krawatte ans Herz gelegt oder ihm gesagt, wie sehr er ihr in einem bestimmten Hemd gefällt.

»Vielleicht sollte ich ein Kleid anziehen?«, fragt sie.

»Sicher kannst du das, wenn du möchtest, aber ich glaube, das hier ist bequemer. Es ist eine lange Fahrt.«

»Und dann ziehen wir uns für die Hochzeit um?«

»Die Hochzeit ist morgen. Heute fahren wir auf die Insel. Am Abend gibt es ein Essen, bei dem wir Coopers Eltern kennen lernen.«

»Verstehe.« Sie versteht überhaupt nichts, aber für den Moment will sie es dabei belassen.

»Na komm, Liebling, hoch mit den Armen«, sagt er. Sie hebt die Arme, und er zieht ihr das Nachthemd über den Kopf. Als ihr Kopf wieder zum Vorschein kommt, sieht sie einen nackten Körper, der sich in der Glastür des Schlafzimmerschrankes spiegelt. Der Anblick ist ein Schock, dieses vertrocknete alte Gerippe. Meistens schaut sie sich gar nicht an. Aber wenn sie es tut, dann ist ihr dieses Bild, das sie sieht, zwar vertraut, aber das ist nicht sie selbst. Es ist ein Körper, der ihr irgendwie bekannt vorkommt, die fleckige Haut, bleich wie bei einem Fisch und fast durchscheinend. Die Art, wie sie an den Armen und Knien locker herunterhängt. Und die schlaffen, leeren Brüste. Der Bauch ein Beutel aus Haut. Es sieht aus wie der Körper, den sie während des ersten Winters der Belagerung hatte. Das ist es. Natürlich gibt es Unterschiede. Zum Beispiel ist er weicher, ohne die scharfen Knochen. Aber für sie ist er ein ebenso fremdes Geschöpf wie jener andere Körper. Und störrisch ist er auch, denn er widersetzt sich mit derselben Gleichgültigkeit ihrem Willen, als gehörte er jemand ganz anderem.

Sie steigt vorsichtig in die Unterhose, die Dmitri zu ihren Füßen bereithält. Als er ihr den BH umlegt, hebt sie jede Brust an und schiebt sie in eines der Körbchen. An ihrem Rücken spürt sie seine arthritischen Finger, die damit kämpfen, Haken mit Ösen zu verbinden.

Erst jetzt wird ihr klar, dass sie wahrscheinlich so alt ist wie Anja, eine der babuschki aus der Eremitage. Es gab eine ganze Flottille von alten Damen in der Belegschaft der Eremitage, meistens Wärterinnen, die früher in den Ausstellungssälen saßen, die Gemälde im Auge behielten und die Besucher darauf hinwiesen, die Bilder nicht zu berühren. Anja war sehr alt. Sie konnte sich noch an den Tag erinnern, als Zar Alexander II. ermordet wurde, und erzählte Marina oft herrliche Geschichten über die Bälle, die die Zarin im Winterpalast abgehalten hatte. Anja war ein Überbleibsel der alten kapitalistischen Welt, eine Zeit, die in Marinas Augen so weit zurücklag wie die griechische Antike. Wenn sie jetzt darüber nachdenkt, so kann das höchstens dreißig, vierzig Jahre vor ihrer eigenen Geburt gewesen sein, eigentlich gar nicht so lang.

»Wann wurde Zar Alexander umgebracht?«

»Ach, vor … ich weiß nicht, Marina.« Sie hört den Hauch von Ärger in der Stimme ihres Ehemannes. Er macht sich immer noch am Verschluss ihres BHs zu schaffen. Sie sollte ein bisschen besser aufpassen.

»Man muss sie nicht alle zumachen«, sagt sie zu ihm.

»Ich hab’s schon fast.« Sein Gesicht ist hinter ihrem Rücken verborgen, weshalb sie seinen Ausdruck nicht sehen kann, aber das braucht sie auch nicht. Wenn er sich konzentriert, so wie jetzt, kaut er immer an seiner Unterlippe.

»Was essen wir denn zu Mittag?«, fragt sie munter.

»Elena holt uns ab. Dann fahren wir nach Anacortes hoch. Wahrscheinlich essen wir etwas auf der Fähre.«

»Ja, ich weiß«, flunkert sie. »Aber vielleicht machen wir uns ein paar Brote zum Mitnehmen.«

Triumphierend schließt er die letzte Öse an ihrem BH und richtet sich auf. Jetzt kann sie ihn in dem Spiegel hinter ihr sehen. Auch er hat sich verändert: Aus ihrem feschen jungen Bräutigam ist dieser ältere, weißhaarige Mann geworden. Mit all den Falten unter seinen Augen und den Ringen unter seinem einst festen Kinn sieht es so aus, als wäre sein Gesicht geschmolzen. Seine Ohren sind so lang wie bei einem Hund.

»Also, was nun? Das Oberteil. Die Arme hoch, Madame.« Wieder hebt sie die Arme, und beide verschwinden aus dem Blickfeld.

 

 

 

Da sind wir, im Saal der französischen Kunst des achtzehnten Jahrhunderts. Der Raum ist zart wie ein angehaltener Atem, die taubengrauen Wände schwungvoll unter dem neoklassizistischen Deckengewölbe, die Parkettböden mit ihren herrlichen Einlegearbeiten ein anmutiges Menuett aus rhythmischen Kreisen und Bögen.

Hier drüben, an der langen Wand, steht ein junges Mädchen in einem schönen Kleid aus schwerer Seide. Im Halbdunkel hinter ihr, halb verborgen durch eine Tür, ihr junger Galan, und er küsst sie auf die Wange. Obwohl sie uns noch nicht entdeckt hat, ist sie auf der Hut, wie ein Reh, das aufmerksam auf die Geräusche aus dem Nebenzimmer lauscht, denn sie kann jeden Moment von den Frauen überrascht werden, die sich dort aufhalten. Man sieht sie jenseits der Tür, sehr undeutlich im Hintergrund. Die junge Frau scheint jederzeit bereit zur Flucht zu sein. Der lange, geschmeidige Umriss ihres Oberkörpers biegt sich unter der zarten Berührung seiner Lippen, vorbei an ihrem ausgestreckten Arm, und löst sich dann in den durchsichtigen Falten eines Schals in Luft auf.

Le baiser à la dérobée, hat Fragonard dieses Bild genannt, doch stehlen tut der Junge ihr nichts. Gestohlen ist der Moment, kurz bevor man sie ruft.

 

 

 

Es ist so, als würde sie für ein paar Momente verschwinden, als knipse jemand das Licht aus. Kurz darauf wird der Schalter wie durch Zauberhand wieder umgelegt. Wenn sie blinzelnd die Augen aufmacht, sieht sie das Gesicht ihres Freundes Dmitri vor sich. Sie hat das Gefühl, dass er sie beobachtet hat.

Seit dem Beginn des Krieges haben sie sich kaum gesehen. Obwohl sein Bataillon die ganze vergangene Woche auf dem Schlossplatz exerziert hat, obwohl sie den ganzen Tag durch die offenen Fenster der Eremitage die lauten Befehle und das Trommeln marschierender Füße gehört hat und obwohl sie wusste, dass nur wenige hundert Meter zwischen ihnen lagen, war einfach nicht die Zeit, sich zu treffen.

»Ich wollte dich ausführen. Bis morgen früh muss ich nicht in die Baracke zurück, und da dachte ich mir, wir könnten heute Abend essen gehen.«

»Essen? Wie viel Uhr ist es denn?«

»Fast neun.«

»Abends?«

Sie ist jetzt fast immer orientierungslos. Seit vielen Wochen schon ist die Belegschaft der Eremitage rund um die Uhr mit Packen beschäftigt, zu Mittag isst man mitgebrachte belegte Brote in den Sälen und verschwindet nur für einen kurzen Gang zur Toilette. Allein in der ersten Woche haben sie über eine halbe Million Kunstwerke und Kunstgegenstände verpackt. Dann, am letzten Abend des Juni, hat ein endloser Konvoi von Lastwagen die Kisten abgeholt. Im Güterdepot wartete ein Zug aus zweiundzwanzig Waggons, bewacht mit Maschinengewehren, darauf, die unschätzbaren Kunstwerke fortzuschaffen; sein Ziel war Staatsgeheimnis. Als sie danach durch die leeren Säle ging, durch ein Ödland aus zerfetztem Papier, konnte Marina nicht hinschauen. Viele der älteren Kollegen haben geweint.

Doch das war nur der sichtbare Teil, jene Meisterwerke, die zur ständigen Ausstellung gehören. Seither sind sie dabei, Hunderttausende von weiteren Kunstgegenständen, unbedeutenderen Gemälden und Zeichnungen, Skulpturen, Schmuck und Münzen, Sammlungen von Silber und Geschirr einzupacken. In wenigen Tagen wird ein zweiter Zug fahren, und es ist immer noch kein Ende in Sicht.

Trotzdem ist Marina, aus einem Grund, den sie nicht kennt, vom Dienst befreit, jedenfalls bis zum kommenden Morgen, an dem sie sich als Brandwache zurückmelden muss. Offenbar hat das Dmitri mit der Frau von der Lomonossow-Porzellanfabrik abgesprochen, die die Verpackung der zerbrechlichen Gegenstände überwacht; mehr will er ihr nicht sagen, und als er Marina abholte, hat die Genossin Markowitsch nur verraten, Dmitri habe ihr versprochen, ihre erste Tochter nach ihr zu benennen.

Die Genossin blinzelte Dmitri zu und sagte: »Dabei hat er mich gar nicht nach meinem Taufnamen gefragt.«

»Tut mir leid, Genossin Markowitsch, wie lautet er denn?«

»Ach, zu spät, Genosse Buriakow«, neckte sie ihn. »Jetzt ist die Sache schon abgemacht.« Sie wandte sich an Marina. »Geh nur. Aber sag nichts zu den anderen Mädchen. Noch jemanden kann ich nicht entbehren.«

Sie und Dmitri gehen langsam durch die Säle zurück, suchen sich ihren Weg durch ein Labyrinth aus versiegelten und beschrifteten Kisten und vorbei an Dutzenden von Frauen, die an langen Tischen voller Porzellan stehen oder auf dem Boden inmitten eines Waldes aus silbernen Kandelabern knien. Marina schämt sich dafür, dass sie einzig wegen eines Abendessens weggeht, aber dann treten sie an die frische Luft hinaus, sie spürt die frische Brise, die von der Newa hochweht, und ihre Gewissensbisse sind vergessen. Sie saugt die wohltuend kräftige Luft begierig in ihre Lungen und spürt, wie ihre Lebensgeister zurückkehren. Außer wenn sie als Brandwache bei jedem Sirenenheulen aufs Dach hochlaufen muss, ist sie in letzter Zeit kaum draußen gewesen; selbst zu Hause war sie nur ein paar Mal, und auch dann nur gerade lange genug, um zu baden und die frische Kleidung anzuziehen, die ihre Tante für sie gewaschen hat.

»Wohin gehen wir?«, fragt sie.

»Du wirst schon sehen«, sagt Dmitri geheimnisvoll. Er nimmt sie am Arm und führt sie durch die Grüppchen von abendlichen Spaziergängern, quer über den Schlossplatz, unter dem Triumphbogen hindurch und hinüber zum Newski-Prospekt, der Haupteinkaufsstraße. Innerhalb weniger Wochen hat sich die Stadt völlig verändert. Die vergoldete Spitze der Peter-und-Pauls-Kathedrale ist komplett in Tarnstoff gehüllt, der Turm der Admiralität wurde mit grauer Farbe übermalt. Sie kommen an Schaufenstern vorbei, die kreuz und quer mit Papierstreifen überklebt sind, um bei Granatenbeschuss zu verhindern, dass Glas zu Bruch geht. Das Fenster einer Apotheke ist mit einer Art Spitzenmuster aus Blumen und Kreuzen bedeckt, so komplex wie ein Ei von Fabergé. Nach ein paar Blocks biegt Dmitri auf die Michailowskaja ein und bleibt vor dem Haupteingang des Hotels Grand Europa stehen. Die Spiegelglasfenster des Hotels sind hinter einer Wand von Sandsäcken verborgen, aber die Eingangstüren stehen offen, und von drinnen ist Musik zu hören.

»O nein, Dima. Da kann ich nicht reingehen. Schau mich doch an.« Das Hotel Grand Europa ist legendär für seine Eleganz, und sie trägt immer noch ihren blauen Arbeitskittel.

»Du siehst gut aus«, sagt er. »Was kümmert es dich, was die

Leute denken? Kennst du jemanden da drinnen?«

»Aber das ist furchtbar teuer.«

»Das stimmt. Aber wofür spare ich denn mein ganzes Geld?« Die Frage ist nicht rhetorisch gemeint; er scheint auf eine Antwort von ihr zu warten.

Als könnte er ihre Gedanken lesen, sagt er: »Es ist nicht so, dass ich völlig den Verstand verloren habe, Marina. Ich meine nur, dass ich es genauso gut auch jetzt ausgeben kann. Bis ich zurückkomme, ist der Rubel wahrscheinlich nicht einmal mehr eine leere Eierschale wert.« Er nimmt ihre Hand.

»Komm, tu mir den Gefallen. Es ist ein besonderer Abend.« Sie kann sich nicht vorstellen, was an diesem Abend so besonders sein soll, außer dass mittlerweile jeder Abend besonders ist. Jeder Tag und jede Nacht seit dem Beginn des Krieges sind erfüllt von einem ganz neuen Gefühl – dem Bewusstsein, dass die Welt dabei ist, sich zu verändern. Es ist ein seltsam berauschendes Gefühl, denn es besteht die Möglichkeit, dass die Sowjetunion ein besserer Ort sein wird, wenn das alles vorüber ist. Und Marina ist bereit für die Veränderung, ganz gleich, wie sie aussieht.

Der große Speisesaal im Art-déco-Stil ist brechend voll, alle Tische sind besetzt. Erstaunlich, wie es möglich ist, dass die Welt ins Wanken gerät und die Menschen trotzdem immer noch aufrecht durchs Leben gehen, ihren Alltag meistern, zum Abendessen ins Restaurant gehen, Pläne schmieden. Wenn man die unförmigen Gasmasken außer Acht lässt, die den vornehm gekleideten Restaurantbesuchern vom Hals baumeln, könnte man fast meinen, der Krieg, der draußen seine bedrohlichen Schatten wirft, sei nur ein Hirngespinst. Eine Harfenistin pflückt zarte Töne aus der Luft, und das bunte Licht aus den farbigen Oberlichtern spielt in den Wipfeln der Palmen.

Der Chefober geleitet sie durch den Saal zu einem Tisch in der Ecke. Er rückt für Marina den Stuhl zurecht, öffnet mit einer schwungvollen Geste die Stoffserviette für sie und legt sie quer über ihren Schoß. Wie durch Zauber erscheint neben Dmitri ein Kellner.

Dmitri bestellt Champagner und Ossietra-Kaviar, aber der Kellner wirft einen prüfenden Blick auf das junge Paar und vertraut ihnen leise an, der Kaviar sei den ausbeuterischen Preis nicht wert, den man dafür zahlen müsse. Er schaut sich unauffällig um. »Parteisekretär Kusnetsow war heute Abend zum Essen hier, und ich habe ihm genau dasselbe gesagt. Er hat stattdessen eine ausgezeichnete Fisch-Soljanka genommen und hinterher einen Stör in Sahnesoße mit Kartoffeln und dazu einen Gurkenund Tomatensalat.« Dmitri dankt dem Kellner und pflichtet ihm bei, sicher seien sie gut beraten, sich der weisen Entscheidung des Parteisekretärs anzuschließen.

Es ist in der Tat ein köstliches Mahl, und trotz ihrer Müdigkeit muss Marina zugeben, dass sie es sehr genießt. Dmitri ist still, doch Marina füllt die Schweigeminuten, indem sie ihm erzählt, welche Fortschritte sie im Museum machen.

»Ich packe Sachen ein, die ich noch nie zuvor gesehen habe. Ich hatte ja keine Ahnung. Du gehst auf deinen üblichen Routen durch das Museum, siehst jeden Tag dieselben Dinge, und dabei vergisst du, wie viel mehr es da gibt, das nicht ausgestellt wird. Ich glaube, es gibt niemanden, außer natürlich Orbeli, der auch nur die geringste Vorstellung davon hatte, wie viel zu evakuieren ist. Manchmal ist es geradezu überwältigend. Heute Morgen zum Beispiel habe ich etwas Unheimliches erlebt«, gesteht sie. Das hätte sie nie jemandem außer Dmitri anvertraut.

»Ich war gerade dabei, ein Service aus belgischem Delfter Porzellan einzupacken. Auf jedem Teller ist eine andere Szene aus dieser Stadt abgebildet. Diese Zeichnungen sind so detailliert, fast wie kleine Gemälde, aber alles in Blau und Weiß. Stunde um Stunde nur Blau und Weiß, Blau und Weiß, immer Blau und Weiß, Teller um Teller, all diese feinen kleinen Bildchen von Häusern und Kanälen und Milchmädchen. Und ich nehme fast an, dass ich in einen Tagtraum geraten war, denn als ich diesen einen Teller eingepackt habe, war darauf die Vorderfront eines Hauses abgebildet, und mitten auf der Tür prangte ein großer, leuchtend roter Fleck. Ich fand das irgendwie komisch, hielt es aber für einen religiösen Bezug. Als ich dann jedoch zum nächsten Teller kam, war da wieder ein roter Fleck, diesmal im Wasser eines Kanals. Und noch mehr Rot. Schließlich erschien bei jedem Teller, den ich in die Hand nahm, eine rote Stelle auf dem Bild. Das war so unheimlich, dass sich mir die Nackenhaare aufstellten, und ich geriet ein bisschen in Panik, bis ich merkte, dass das mein Blut war. Nichts Beunruhigendes, das kommt bloß davon, wenn man so lange den Oberkörper nach vorne beugt. Jedem ist das schon einmal passiert, aber ich vermute, weil ich so müde war, bin ich gar nicht auf die Idee gekommen. Ich weiß, das klingt albern, da lachen die Hühner, aber einen Moment lang hatte ich wirklich geglaubt, ich hätte eine Vision.« Sie grinst über ihre eigene Lächerlichkeit. »Ich bin froh, wenn wir endlich mit dem Porzellan fertig sind. Es ist so zart und empfindlich, dass es mir langsam auf die Nerven geht. Ich schwöre dir, allein die Anzahl der Teetassen muss in die Tausende gehen. Du solltest sie mal sehen, Dima. Manche sind so dünnwandig, dass das Licht hindurchscheint. Und mittlerweile haben wir keine Watte zum Polstern mehr, sodass jede einzelne Tasse zuerst in Papier und dann noch einmal in Papierschnitzel gepackt werden muss, und trotzdem sehen sie so aus, als würden sie zerbrechen, wenn man sie nur anhaucht. Und dann noch all die Teller und Unterteller und Servierplatten. Du könntest ganz Leningrad zum Tee einladen, und das Geschirr würde dir trotzdem nicht ausgehen.«

Sie hält inne, als sie sieht, dass er mit den Gedanken offenbar ganz woanders ist.

»Tut mir leid«, sagt sie. »Wir haben uns seit Tagen kaum mehr gesehen, und ich plappere dir die Ohren über irgendwelches Geschirr voll. Du siehst auch müde aus. Packen sie euch hart an?«

Er sieht einen Moment lang seine Handrücken an und schaut ihr dann wieder in die Augen. »Morgen früh geht’s los.«

Sie ist so erschrocken, dass sie kein Wort mehr sagt. Sie haben nur ganze zehn Tage exerziert, nicht, wie ursprünglich erwartet, einen ganzen Monat; dabei sind das keine Soldaten, sondern Freiwillige der Volksarmee, zum größten Teil Männer mittleren Alters ohne militärische Erfahrung. Dmitri ist zwar jünger als die meisten seiner Kameraden, gibt aber deshalb auch keinen überzeugenderen Soldaten ab. Wie immer trägt er sein kragenloses Hemd und eine Hose aus leichtem Baumwollstoff, die sehr locker auf seinem schlaksigen Körper hängt. In einer der Hosentaschen steckt ein Taschenbuch, in der Hemdtasche ein Federhalter. Mit seinem langen, dünnen Haar und der Metallbrille sieht er genauso aus wie das, was er ist: ein Student der Literaturwissenschaft, der den Krieg bisher nur aus Büchern kennt.

»Wieso brecht ihr denn jetzt schon auf? Du hast ja noch nicht einmal eine Uniform«, sagt sie, als könnte eine Uniform ihn zu einem echten Soldaten machen.

Er berührt mit der Hand sein Armband, das das Zeichen der Freiwilligen Volksarmee trägt. »Wir brauchen keine Uniformen, Marina.« Und dann fügt er, fast wie zu sich selbst, hinzu: »Aber ein paar Gewehre könnten wir schon noch gebrauchen.«

Der Kellner hat ihnen den Tee gebracht. Sie legt die Hände um das warme Porzellan, pustet in den Dampf und starrt auf die Teeblätter, die am Grund der Tasse schwimmen.

»Wohin geht ihr?«, fragt sie schließlich.

»Wir dürfen es nicht sagen, aber du kannst es dir sicher denken.«

Er muss die Luga-Linie meinen. Jeden Morgen kommen jetzt Nachrichten vom Rückzug der Roten Armee. Einigen Spekulationen zufolge lassen sich die Truppen nur deshalb zurückdrängen, um mit dieser List den Feind tief in gegnerisches Gebiet vordringen zu lassen und ihn dann einzukesseln. Doch aus welchem Grund auch immer ist der Fluss Luga der Punkt, an dem die Armee zum Stehen gekommen ist. Etwa achtzig Kilometer südlich der Stadt gelegen, soll dort der letzte Schutzwall zwischen der deutschen Wehrmacht und Leningrad entstehen.

Zur Vorbereitung sind bereits Tausende von Bürgern rekrutiert worden, um Schützengräben auszuheben. Jeden Tag werden ein paar Packer mehr aus der Eremitage von ihrer Arbeit abgezogen und mit Schaufeln in der Hand in einen der Züge gesetzt, die in Richtung Süden fahren. Selbst Gymnasiasten werden für diese Arbeit herangezogen.

»Solange sie noch Schüler dorthin schicken«, sinniert Marina, »kann es nicht so schlimm sein, oder?«

Sie will lieber gar nicht daran denken, wie er das alles schaffen wird.

»Ich werde zurückkommen, Marina. Ich verspreche es.«

»Was meinst du damit?«, fragt sie. »Natürlich wirst du das. Alle sagen, es dauert nur noch ein paar Wochen.« So lautet zumindest der Zeitplan, der von offizieller Seite im Radio und in der Prawda verlautbart wurde, aber als sie es laut zu Dmitri sagt, sieht sie an seinem Blick, dass es ebenso gut eine Lüge sein könnte.

»Vielleicht«, kommt er ihr entgegen. »Wir können es zumindest hoffen. Aber der Krieg ist nie so einfach, wie sie es uns versprechen.«

Die Erde kippt ein winziges Bisschen zur Seite, und sie spürt, wie sie langsam den Halt unter den Füßen verliert. In all diesen Wochen des Packens und der hastigen Vorbereitungen ist es ihr nie in den Sinn gekommen, Angst zu haben. All das scheint ihr gar nicht wirklich zu sein. Aber wenn Leute weggehen, kehren sie oft nicht mehr zurück. Diese Erfahrung hat sie gemacht. Das ist die Wirklichkeit.

Als sie aus dem Restaurant treten, ist es fast Mitternacht. Die Stadt ist in das pastellfarbene Helldunkel der Abenddämmerung getaucht wie eine kolorierte Postkarte. Die Kuppel der St.Isaak-Kathedrale leuchtet in tiefem Gold. Über ihnen ziehen lange purpurrote Streifen am Himmel.

Sie schlendern am Ufer der Moika entlang und betreten die grüne, schattige Weite des Parks der Admiralität. In den Rasen sind lange Luftschutzgräben gepflügt worden. Dmitri bleibt unter einer Platane stehen und wendet sich ihr mit feierlicher Miene zu.

»Ich habe etwas für dich.« Er greift in die Brusttasche seines Hemdes und zieht einen schmalen Goldring mit einem Opal heraus.

»Ich weiß nicht, ob das deine Größe ist. Die Frau, die ihn mir verkauft hat, hatte Hände, die so ähnlich aussahen wie deine.« Er nestelt schüchtern an dem Ring herum.

»Möchtest du meine Frau werden? Nicht jetzt, aber wenn ich zurückkomme?«

Sie hat nie darüber nachgedacht, ob sie Dmitri heiraten möchte. In ihren romantischen Tagträumen hat es immer einen Liebhaber gegeben, dessen Aussehen und Charakter in einem geheimnisvollen Nebel verborgen waren; der Junge, der seit fast einem Jahrzehnt ihr treuer Begleiter ist, kam darin nie vor.

Sie war elf Jahre alt, als ihr Vater verhaftet wurde. Drei Monate später holte der schwarze Lieferwagen auch ihre Mutter ab, und das Leben, das sie vorher gekannt hatte, war zu Ende. Der Bruder ihrer Mutter und dessen schwangere Frau nahmen sie bei sich auf, und man steckte sie in eine neue Schule, wo niemand sie oder ihre Familie kannte. Sollte jemand fragen, hatte ihr Onkel Viktor sie angewiesen, dann solle sie sagen, ihre Eltern seien zu archäologischen Ausgrabungen unterwegs. Doch innerhalb weniger Wochen hatten die Gerüchte sie eingeholt. Der Kreis ihrer neuen Schulfreundinnen zog sich vor ihr zurück, und sie blieb allein, um sich herum ein Tuscheln und Flüstern, das von Tag zu Tag lauter wurde. Und dann trat Dmitri an ihre Seite.

Sein Vater war kurz vor ihrem festgenommen worden, doch anders als Marina war Dmitri insgeheim entschlossen, sich nicht aufzugeben. Er ging ihr mit gutem Beispiel voran und zeigte ihr, wie man vor den hinterhältigen Anspielungen der Lehrer nicht kuschte und mit hoch erhobenem Haupt über den Schulhof ging, obwohl die anderen einen behandelten, als hätte man eine ansteckende Krankheit. Als sie ihm gestand, dass sie sich nichts so sehr wünschte, wie beliebt zu sein, lachte er, ohne es böse zu meinen, und bemerkte, nur sehr gewöhnliche Leute seien beliebt. »Du kannst es ebenso gut akzeptieren, Marina«, sagte er. »Selbst wenn deine Eltern Parteigenossen wären, würdest du nie zu ihnen passen. Du bist kein gewöhnlicher Mensch. Und das ist viel besser, als beliebt zu sein, wenn du nur ein bisschen Mut hast.«

Sie hatte zwar den Verdacht, dass es mit ihrem Mut nicht weit her war, aber sie hatte auch keine große Wahl. Und Dmitri sollte Recht behalten. Die ganze Schule hindurch versuchte sie, so wenig wie möglich aufzufallen, und auch wenn es ihr nicht gelang, sich anzupassen, so erregte sie wenigstens keine Aufmerksamkeit. Seit man ihren Eltern als politischen Dissidenten den Prozess gemacht hatte, war sie gebrandmarkt, und selbst ihre harmlosesten Charakterzüge und Eigenheiten waren ein gefundenes Fressen. Sie hatte rotes Haar und war Linkshänderin, beides Anzeichen eines ungeordneten und fehlerhaften Charakters. Manchmal summte sie vor sich hin, ohne es zu merken, oder, noch schlimmer, sie verlor sich während des Unterrichts in ihren eigenen Gedanken, um dann vom Gekicher ihrer Klassenkameraden und dem wütenden Rufen des Lehrers aufzuwachen, der ihren Namen brüllte. Selbst als die Quälereien ihrer Mitschüler mit der Zeit an Grausamkeit abnahmen, sah sie es immer noch in ihren Augen – dieses kaum wahrnehmbare Abrücken von ihr, wenn sie eine Bemerkung gemacht hatte, die ihr selbst ganz normal erschienen war.

Nur wenn sie mit Dmitri zusammen war, gelang es ihr, frei und unbeschwert zu atmen und sie selbst zu sein. Sie wusste, dass sie ihm alles sagen konnte, was sie dachte, zum Beispiel, dass sie sich wünschte, in einem Gemälde von van Ruisdael leben zu können, und dann dachte er eine Weile ernst über ihre Worte nach und fragte sie, ob sie sich denn wirklich vorstellen könne, in einem statischen Moment glücklich zu sein, so idyllisch er auch sein mochte.

Später, als die anderen in ihrem Alter sich zu Pärchen zusammentaten, hatten auch die beiden ganz unbeholfen angefangen, sich zu küssen und Händchen zu halten. Er sagte ihr, er finde sie schön, was sie für eine bemerkenswerte Idee hielt, die ihrer Meinung nach niemand teilte außer gelegentlich einem Rüpel, der ihr auf der Straße etwas hinterherrief. Als er es zum ersten Mal sagte, nahm sie an, er meine eine Art innere Schönheit – denn er sprach oft in solch romantischen Begriffen –, doch nein, sagte er, er meine keineswegs ihre Seele. Sie sei körperlich begehrenswert. Trotzdem dachte sie immer, wenn sie sich küssten, sie täten es nur, um für andere zu üben.