8,99 €
Alle Paare dieser fünf Erzählungen sind Liebende. Überraschende Rituale von Anziehung und Abstoßung werden durchgespielt: Der Hirte und der Räuber. Zwei junge Männer aus dem Nomadenstamm, die den Initiationsritus vollziehen müssen. Der Todesengel Azrail und der kühne, rebellische Brückenbauer Deli Dumrul, der alevitische Kulttänzer und die Prinzessin aus dem Kristallpalast, ja sogar der osmanische Großwesir und der stumme Bote erfahren das Geheimnis der Liebe bedrohlich und beglückend zugleich. »Der Mensch hat nur Kraft, wenn er im Leben und in der Liebe verletzbar bleibt. Mich haben Liebesverhältnisse stark gemacht, wenn sie mich besiegten. Vorausgesetzt, die Verletzungen sind heilbar. Das ist es, was ich unter Seelenpflege verstehe.« Murathan Mungan
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 362
Veröffentlichungsjahr: 2019
Alle Paare dieser fünf Erzählungen sind Liebende: Der Hirte und der Räuber. Der Todesengel Azrail und der kühne, rebellische Brückenbauer. Der alevitische Tänzer und die Prinzessin. Ja sogar der osmanische Großwesir und der stumme Bote erfahren das Geheimnis der Liebe bedrohlich und beglückend zugleich.
Zur Webseite mit allen Informationen zu diesem Buch.
Murathan Mungan (*1955) gilt als einer der vielseitigsten und experimentierfreudigsten Autoren der türkischen Gegenwartsliteratur. Er verwertet Stoffe aus Liedern, Sagen, Märchen und Mythologien der Kurden, Araber und Türken. Er ist als Theaterautor und freier Schriftsteller tätig.
Zur Webseite von Murathan Mungan.
Dieses Buch gibt es in folgenden Ausgaben: Taschenbuch, E-Book (EPUB) – Ihre Ausgabe, E-Book (Apple-Geräte), E-Book (Kindle)
Mehr Informationen, Pressestimmen und Dokumente finden Sie auch im Anhang.
Murathan Mungan
Palast des Ostens
Erzählungen
Aus dem Türkischen von Birgit Linde und Alex Bischof
Türkische Bibliothek
E-Book-Ausgabe
Unionsverlag
HINWEIS: Ihr Lesegerät arbeitet einer veralteten Software (MOBI). Die Darstellung dieses E-Books ist vermutlich an gewissen Stellen unvollkommen. Der Text des Buches ist davon nicht betroffen.
Die türkischen Originalausgaben: Ökkeş İle Cengâver und Binali İle Temir in Cenk Hikayeleri, 1993; Dumrul İle Azrail in 7 Mühür; 2002; Muradhan İle Selvihan und Ulak İle Sadrazam in Lal Masallar;1993. Alle Bände erschienen im Verlag Metis Yayınları.
Türkische Bibliothek im Unionsverlag, Zürich, herausgegeben von Erika Glassen und Jens Peter Laut. Eine Initiative der Robert Bosch Stiftung.
© by Murathan Mungan 1993, 2002
© by Unionsverlag, Zürich 2024
Alle Rechte vorbehalten
Umschlag: Erol Akyavaş, Udaipur (Ausschnitt, 1991)
Umschlaggestaltung: Martina Heuer
ISBN 978-3-293-30565-6
Diese E-Book-Ausgabe ist optimiert für EPUB-Lesegeräte
Produziert mit der Software transpect (le-tex, Leipzig)
Version vom 27.07.2024, 02:51h
Transpect-Version: ()
DRM Information: Der Unionsverlag liefert alle E-Books mit Wasserzeichen aus, also ohne harten Kopierschutz. Damit möchten wir Ihnen das Lesen erleichtern. Es kann sein, dass der Händler, von dem Sie dieses E-Book erworben haben, es nachträglich mit hartem Kopierschutz versehen hat.
Bitte beachten Sie die Urheberrechte. Dadurch ermöglichen Sie den Autoren, Bücher zu schreiben, und den Verlagen, Bücher zu verlegen.
Falls Sie ein E-Book aus dem Unionsverlag gekauft haben und nicht mehr in der Lage sind, es zu lesen, ersetzen wir es Ihnen. Dies kann zum Beispiel geschehen, wenn Ihr E-Book-Shop schließt, wenn Sie von einem Anbieter zu einem anderen wechseln oder wenn Sie Ihr Lesegerät wechseln.
Viele unserer E-Books enthalten zusätzliche informative Dokumente: Interviews mit den Autorinnen und Autoren, Artikel und Materialien. Dieses Bonus-Material wird laufend ergänzt und erweitert.
Durch die datenbankgestütze Produktionweise werden unsere E-Books regelmäßig aktualisiert. Satzfehler (kommen leider vor) werden behoben, die Information zu Autor und Werk wird nachgeführt, Bonus-Dokumente werden erweitert, neue Lesegeräte werden unterstützt. Falls Ihr E-Book-Shop keine Möglichkeit anbietet, Ihr gekauftes E-Book zu aktualisieren, liefern wir es Ihnen direkt.
Wir versuchen, das Bestmögliche aus Ihrem Lesegerät oder Ihrer Lese-App herauszuholen. Darum stellen wir jedes E-Book in drei optimierten Ausgaben her:
Standard EPUB: Für Reader von Sony, Tolino, Kobo etc.Kindle: Für Reader von Amazon (E-Ink-Geräte und Tablets)Apple: Für iPad, iPhone und MacE-Books aus dem Unionsverlag werden mit Sorgfalt gestaltet und lebenslang weiter gepflegt. Wir geben uns Mühe, klassisches herstellerisches Handwerk mit modernsten Mitteln der digitalen Produktion zu verbinden.
Machen Sie Vorschläge, was wir verbessern können. Bitte melden Sie uns Satzfehler, Unschönheiten, Ärgernisse. Gerne bedanken wir uns mit einer kostenlosen e-Story Ihrer Wahl.
Informationen dazu auf der E-Book-Startseite des Unionsverlags
Cover
Über dieses Buch
Titelseite
Impressum
Unsere Angebote für Sie
Inhaltsverzeichnis
PALAST DES OSTENS
Ökkeş und CengâverDumrul und AzrailDer HügelDrei PfortenAn der Pforte der MutterAn der Pforte des VatersAn der Pforte der GeliebtenWieder der HügelBinali und Temir1 – Avar kam und blieb vor dem Toten stehen2 – Diesen unerwarteten Glücksstrom in seinem Innern spürte Temir …3 – Der Regen hat gerade begonnen4 – Sag schon, wem gehören diese Berge?«5 – Der Bach rinnt wie ein dünner, stechender Schmerz …6 – Es ist die Zeit danach, die Zeit danach …Muradhan und SelvihanDer Großwesir und sein BoteErstes SandorakelZweites SandorakelDrittes SandorakelNachwortWorterklärungenZur Aussprache des TürkischenUmschlagmotivMehr über dieses Buch
Über Murathan Mungan
Andere Bücher, die Sie interessieren könnten
Zum Thema Türkische Bibliothek
Zum Thema Türkei
Am östlichen Mittelmeer: die Berggipfel des Taurus in der Umarmung des Meeres.
Der Himmel darüber gehört den Vögeln (ihre Flügel verdunkeln die Sonne).
Die Natur hier ist groß wie das Schicksal der Menschen.
Die dichten Wälder lassen nicht jeden durch, der Mensch verläuft sich leicht, findet den Weg zur nächsten Herberge nicht. Wer keinen Unterschlupf kennt, auf den stürzt sich der Tod wie ein Raubvogel. Die funkelnden Sterne führen Karawanen ins Verderben.
Die Nomaden der Stämme brauchen mutige Herzen, sind große Helden mit starken Armen.
Mit blutigen Ritualen wachsen die Menschen hier auf.
Ahnungslos treiben sie ihre Rösser zum Rastplatz und finden keinen Weg zurück. Zu spät suchen sie dann die verlorenen Spuren. Doch nun versperrt ihnen das Leben den Durchgang.
Blau glänzte das östliche Mittelmeer und verströmte mit lauen Winden flimmerndes Licht. Die Gipfel der Berge zeichneten wieder einmal die Kulisse von Zorn, Stolz und Liebe in den Dämmerschein eines Morgens.
Dunst und Licht, Morgen und Sonne, Liebe und Zorn – für Ökkeş und Cengâver begann jetzt ein Märchen.
Der Frühling ging zu Ende. Der Sommer begann. Die Erde quoll auf. Alle Pflanzen und Saaten erwachten zum Leben. Die Blumen kamen hervor aus ihren Schmollwinkeln.
Jener Sommer … Wie viele Sommer sind seither verstrichen. Wie viele verschiedene Leben haben wir gelebt, später. Aber keines brachte ihn zurück.
Von den Höhen des Berges war das Meer zu sehen. Es schien so nah, als könntest du es berühren und darin deine Finger netzen. Aber der Weg zum Meer dauerte einen Tag auf dem Pferderücken.
Alles war wie im Märchen damals. Wir lebten wie im Zauber eines Märchens. Der Dunst der Erde stieg in die Bäume, umhüllte sie wie undurchdringlicher Nebel. Das Licht der Sonne schlüpfte durch die Zweige der Bäume und ließ das Geheimnis des Nebels funkeln wie in einem Spiegel.
Wir begriffen: Bald ist der Frühling vorbei.
Vorbei … Wie viele Sommer sind seither verstrichen? Wie viele Jahre? Aber keines brachte etwas von dem, was wir verloren hatten, zurück. Ringsum nur verlorene Schönheit und unstillbare Sehnsucht, ich denke zurück an jenen Berggipfel. An dich. An die Buchen.
Wie im Märchen …
Dunst und Licht, Morgen und Sonne, Liebe und Zorn. So begann das Märchen von Ökkeş und Cengâver.
Die Augen von Ökkeş sprühten in der Dunkelheit der Nacht wie zwei Funkenherde. In einer Ecke des dunklen Zimmers lag er und rührte sich nicht, als sei er ans Bett gefesselt. Feucht schimmernd, hell lodernd standen seine Augen weit offen. Schlossen sich nicht für einen Augenblick. Vor Schmerzen, dachte seine Mutter zuerst. Ein paar Mal näherte sie sich vorsichtig. »Ökkeş«, flüsterte sie mit ihrer warmen, weichen Stimme ganz nah. »Ökkeş, schlaf noch ein wenig. Du weißt doch, für morgen früh musst du all deine Kräfte sammeln. Du musst, Sohn.«
Ökkeş schwieg. Ruhig durchdachte er alles. Er befragte Herz und Verstand. Was bedeutet der Brauch? Bis jetzt hatte er über die Bräuche, die Gerechtigkeit dieser Bräuche noch nie nachgedacht. Er hatte ganz einfach so gelebt, wie man es ihn gelehrt hatte. Jetzt prüfte er alles. Mit dem Abstand, den ihm das Bett, in dem er lag, und der Schmerz, den er erlebt hatte, gewährten, überdachte er erneut, was man ihm beigebracht hatte. »Was ist der Sinn dieses Brauchs?«, fragte er sich. Der Brauch, dieses alte Gesetz, ist eine Prüfung im Schmerz, ein Lernen durch Schmerz. Das war fürs Erste alles, was er gelernt hatte. Die Mutter strich ihm übers Haar. Sie hoffte, seinen Schmerz zu lindern. Eine Berührung ist wie ein Wundverband, dachte sie.
»Es ist kein Schmerz, Mutter«, sagte Ökkeş. »Es ist kein körperlicher Schmerz.«
Seine Mutter nickte verständnisvoll, zärtlich. Sie war die lebenserfahrene Gefährtin seiner Erlebnisse, die Komplizin seiner Schmerzen; aber doch so fern von ihm selbst. Dann nahm sie einen tiefen Zug aus ihrer Zigarette. Sie ließ den Rauch, der sich in der Dunkelheit verdichtete, langsam zwischen den ausgetrockneten Lippen entweichen.
»Den Freund prüft man in Feindschaft, Sohn«, sagte sie. Dann schwieg sie plötzlich. Nach den ersten Worten stockte sie voller Zweifel. Sie musste abwägen, was sie sagen wollte. Vor einiger Zeit hatte sie eingesehen, dass sie gegenüber Ökkeş besonnen handeln und reden musste; Ökkeş war von besonderer Art. Ganz anders als seine Altersgenossen. Das beunruhigte seine Mutter und machte sie gleichzeitig glücklich. Ökkeş war anders, aber sie musste weitersprechen, musste ihm alles sagen: »So gebietet es der Brauch. Und morgen früh bist du dran!«
Ökkeş richtete seinen Funken sprühenden Blick auf sie, und er schnitt ihre Worte ab wie ein Messer. Diese Augen waren bedrohlich. Waren grausam.
»Genau deshalb schäme ich mich«, sagte er. »Und morgen früh ich! Was für eine Prüfung ist das, Mutter? Was für eine Prüfung?«
»Sohn, du redest, als würdest du die Bräuche des Stammes nicht kennen. Du weißt doch, dass sie die großen Prüfungen sind. Die alten Gesetze, die dem Verstand und dem Herzen den Weg zeigen. Die Richtschnur des Lebens. Das ist die Prüfung der Männlichkeit. Warum tust du so, als könntest du es nicht verstehen? Du bist jetzt fünfzehn Jahre alt. Du wirst zum Mann. Es ist Zeit, deine Männlichkeit auf die Probe zu stellen. Wie kann der, der den Schmerz dieser beiden Tage nicht erträgt, ein Leben lang Schmerzen ertragen, Sohn?«
»Wenn das ganze Leben wie diese zwei Tage sein soll, mach ich mich davon, Mutter. Egal wie, dann bin ich auch für euch verschollen.«
»Du redest wie ein Kind, Ökkeş. So viele Jahre seid ihr nun schon Freunde, hattest du nie Streit mit Cengâver? Habt ihr nie einen Ringkampf miteinander gehabt? Nimm das doch einfach als Ringkampf, als Spiel.«
»Das kann ich nicht, Mutter, das kann ich nicht! Das ist kein Spiel, das ist grausam.«
»Tut es sehr weh? Hat er dich arg geschlagen?«
»Ich habe keine Schmerzen am Körper, Mutter, mein Herz tut weh.«
»Wie schwer du es dir doch machst, Ökkeş. Ich hätte nicht gedacht, dass du so leiden würdest. Merk dir endlich, es ist eine zweite Beschneidung, Sohn. Es gibt keinen anderen Weg, dem Stamm zu zeigen, dass du ein Mann bist.«
Danach strich sie ihm die Wunden mit einer Salbe ein, in der alle Kräuter des Waldes zerrieben waren. Als würde sie ihn streicheln, sanft, zärtlich wanderte ihre Hand über seinen jungen Körper. »Wenn ich nur wüsste, wie ich deine Schmerzen lindern könnte«, sagte sie. Dann stand sie vorsichtig auf. Als würde sie sich zum Gebet aufstellen, blieb sie vor Ökkeşʼ Füßen stehen.
»Du musst jetzt etwas schlafen«, sagte sie. »Für morgen musst du deine Kräfte sammeln. Deine Beine müssen flink sein wie die Beine eines Rehs, und deine Fäuste müssen zupacken wie die Krallen eines Raubvogels. Morgen früh werde ich dir auch etwas Proviant richten und mitgeben. Vom Gipfel des Berges werden sie einen weiten Kreis nach unten ziehen. Einen weiten Kreis bis zur oberen Grenze von Çiftekoyaklar, mit dem Gipfel des Berges als Mittelpunkt. Über diese Linie lassen sie weder dich noch Cengâver. Dort ist die Grenze des Ritus. Vergiss das bloß nie. Es ist die Stelle, wo die Grenze des Ritus beginnt. Bis Çiftekoyaklar werdet ihr reiten. Um eure Kräfte zu schonen, bringen sie euch auf Pferden dorthin. Zuerst lassen sie Cengâver gehen. Etwas später schicken sie dich hinterher. Aber geh bloß nicht in die Irre. Verfolge nicht die falsche Fährte. Du hast Zeit von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, nutze sie gut. Dein Feind ist Cengâver, aber auch die Zeit ist dein Feind. Behalte das Sonnenlicht im Auge, beachte, wo die Sonne steht. Cengâver ist dein Freund, dein Kamerad seit so vielen Jahren. Wohin geht er, wo versteckt er sich, welche Plätze liebt er? Das musst du dir gut eingeprägt haben. In all den Jahren hast du sicher seinen Charakter kennen gelernt; hast gewiss seine Neigungen, auch seine ängstlichen Seiten erforscht. Lass dich bloß nicht in die Irre führen, mein Sohn. Cengâver ist dein bester Freund. Ich weiß. Er hat sein Zelt in deinem Herzen aufgeschlagen. Auch das weiß ich. Tu nur zwei Tage so, als sei er dein Feind. Komm bloß nicht mit leeren Händen ins Dorf zurück, Sohn. Lass mich nicht das Gesicht verlieren. Bring mir keine Schande. Mach mich nicht zur Mutter eines halben Mannes. Ich flehe dich an! Vertreibe aus deinem Herzen die Liebe zu Cengâver. Für zwei Tage knüpfe einen schwarzen Zauber an deine Augen, hänge an dein Herz schwarze Amulette. Tu so, als sei Cengâver dein Feind. Als sei er dein Todfeind. Als sei er ein Raubvogel, der es auf deine Ehre abgesehen hat. Das ist deine zweite Beschneidung. Komm nicht mit leeren Händen ins Dorf zurück. Danach kann Cengâver wieder dein Herzensvogel sein.«
»Danach ist alles anders. Es kann niemals mehr werden wie früher. Genau das ist der Grund meiner Angst.«
»Doch, doch, mein Sohn. Warum denn nicht? Das ist nur eine Feindschaft für zwei Tage. Der Brauch will es so. Wer diesen Ritus nicht vollführt hat, kann kein Freund fürs Leben sein. Seit unzähligen Jahren sind unsere Ahnen so zu erwachsenen Männern geworden. Wie die schmale, nadelfeine Brücke zum Paradies ist das; du wirst etwas ins Schwitzen kommen. Die heiße Feuer- und Flammenfront der Hölle wirst du auf einer Seite deines Gesichts spüren. Aber am Ende wirst du ein ganzer Mann sein. Du wirst in der Welt der Männer sesshaft werden. Ist das etwa nichts, Sohn?«
»Doch vielleicht werde ich Cengâver verlieren. Vielleicht werden wir einander verlieren. Am Ende, Mutter, sind wir weder Kameraden noch Feinde. Gar nichts mehr!«
»Ein Dickkopf bist du, mein Sohn. Wenn du verlierst, dann verlierst du! Verliere Cengâver, verliere die Kameradschaft. Aber verspiele nicht den Ruf der Familie! Achte auf den Ruf, die Ehre dieses Herdes. Nachdem ich deinen Vater verloren habe, bist du meine einzige Hoffnung, mein einziges Lebenslicht. Du bist der einzige Mann in diesem Haus. Vergiss das nicht! Deshalb will ich kein schwarzes Band um meine Stirn binden, deshalb soll mein Herz nicht Scham überschwemmen, deshalb möchte ich nicht die Mutter eines halben Mannes sein. Das wünsche ich mir von dir. Das hoffe ich. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang hast du Zeit. Du weißt, es ist dein Leben. Dein ganzes Leben. Ein falscher Schritt, ein Irrtum, ein Fehler, jede kleine Unbedachtheit bringt dich auf einen Weg ohne Rückkehr. Ein Leben lang wird unser Gesicht im Staub liegen, bedeckt von Schande. Deinetwegen. Das Leben lässt sich nicht wiederholen, Sohn. Das Leben lässt sich nicht wiederholen. Wenn du hinter der Beute her bist, wirst du das erkennen. Vergiss es bloß nicht. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang; vom Gipfel des Berges bis Çiftekoyaklar … Jeden Ort musst du Meter für Meter absuchen. Das ist keine Jagd wie die Rebhuhnjagd oder die Hirschjagd. Wer von dieser Jagd mit leeren Händen zurückkommt, dem vergibt kein Stamm. Denk nicht, du hättest reichlich Zeit, Sohn, weil Sommertage lang sind, Sommertage sind wie die Jugend, sie vergehen schnell. Die Jugend führt den Menschen in die Irre, lass dich nicht täuschen, Sohn. Und verschließe dein Herz für Cengâver. Du sollst von Rache erfüllt sein, aus den Wunden, die er deinem Körper zugefügt hat, soll deine Wut hervorbrechen, morgen sollen deine Adern zu eng werden für dein Blut, gleich am Morgen musst du dich mit deiner Männlichkeit gürten wie mit einer Waffe; du musst deiner Beute nachstellen. Die musst du in die Enge treiben und sogleich niederstrecken. Der Gefasste darf gegen seinen Jäger die Hand nicht erheben, das gebietet der Brauch. Er darf gegen dich die Hand nicht erheben. Bis er nicht mehr vom Boden aufstehen kann, musst du ihn schlagen. Dann, mit dem Abend, werden die Reiter aufs Schlachtfeld kommen, in ihren Händen Fackeln. Euch beide werden sie auf Pferderücken werfen, und wenn ihr zurück ins Dorf kommt, werden Trommeln geschlagen. Wenn ich die Trommeln höre, Sohn, werde ich zur Türe kommen und dich und deine Ehre und deinen Ruhm empfangen. Ich werde einen Freudenschrei ausstoßen, der dieses Kampfes würdig ist, ich werde mein Kopftuch schwenken und Halay tanzen. Aber wenn ich zusammen mit dem Hufschlag die Trommeln nicht höre, werde ich mir Blei in die Ohren gießen, und wenn die Scham mich lässt, werde ich in einen tiefen Schlaf fallen. Das alles hätte dir eigentlich dein Vater erzählen müssen. Aber ich bin zur Unzeit allein geblieben. Deine Mutter ist früh Witwe geworden. Und dieser Herd hat außer dir keinen Mann. Der Rauch von diesem Herd wird durch deine Ehre mutig sein Haupt gen Himmel recken. Sonst wird unsere Stirn im Staub liegen ein Leben lang. Wir werden im Staub kriechen. Das ist alles, was ich zu sagen habe. Jetzt tu, was du für richtig hältst. Cengâver ist jetzt deine Beute; nichts anderes. Als er dich im Namen der Männlichkeit erbarmungslos geschlagen hat, nachdem sie dich an diesen Baum gebunden hatten, da hat er auch nicht erst sein Herz befragt. Frag doch deine Wunden. Die Wunden an deinem Körper zeigen es dir, frag sie doch, sprechen sie etwa wie dein Herz?«
Die Mutter verstummte und zog sich in ihre Ecke zurück. Sie öffnete ihre Tabakdose und begann sich eine Zigarette zu drehen. Jetzt war alles gesagt, was gesagt werden musste. Was sie selbst anging, so war ihr Herz ruhig. Ökkeşʼ Herz aber raste. In ihm tosten widerstreitende Gefühle, Zorn und Wut. Er konnte sich nicht beruhigen. Die Tyrannei des Brauchs erdrückte ihn wie ein stechender Schmerz. Er wollte, dass es kein Morgen gäbe. Über heute dachte er nach. Wie über eine ferne Erinnerung. Aber seine Wunden waren frisch. Er konnte sich nichts vormachen. Seine Mutter hatte Recht. Aber Recht oder Unrecht spielte ohnehin keine Rolle bei dem, was geschah. Es lag jenseits davon. Es war etwas dran an der Sache. Das spürte er. Eine Regung tief in seinem Innern. Irgendetwas stimmte nicht. Vielleicht sollte er es wirklich angehen wie ein Spiel. Noch einmal horchte Ökkeş tief in sich hinein. Seit dem Morgen hatte er jeden Augenblick, unablässig, in sich hinein gehorcht; sein Herz befragt. Doch so vielen Fragen und Verhören war es nicht gewachsen. Sein Herz war jetzt matt, müde.
Er dachte über Cengâver nach. (Lag er jetzt auf seiner Matratze in tiefem Schlaf? War sein Herz hart wie seine Faust?) Waren sie immer noch Kameraden? Waren sie immer noch Brüder? Jetzt wusste er das nicht. Jetzt wusste er überhaupt nichts. Diese Freundschaft war in so vielen Jahren, durch so viele Prüfungen gewachsen. (War es wirklich Freundschaft? Würden sie bis zum Schluss jedem Schmerz widerstehen können? Auch zusammen?) Wurden sie durch dieses Ritual auf die Probe gestellt? Hatten sie denn nicht in diesen vielen gemeinsamen Jahren selbst alles auf die Probe stellen können? Hatten sie nicht so viel gemeinsam ins Herz geschlossen? Brauchten sie diese Prüfung, oder konnten sie nur noch alles verlieren? Offenen Auges würden sie alles verlieren.
Er begriff den Brauch nicht. »Riten sind wie Zauberei, Sohn«, hatte seine Mutter gesagt. »Einen Ritus versteht man nicht, der Verstand muss sich ihm unterordnen.« Seine Mutter war eine starke, energische Frau. Er durfte sie nicht demütigen. Ihre strahlend blauen Augen beruhigten Ökkeş wie ein endloses Wiegen. Wie ferne Meere waren die Augen seiner Mutter. (Den Berg heruntersteigen, die Ebene durchqueren; hin zum fernen Meer.)
Schmerzhaft drückte die Decke seines Lagers auf die Wunden. Bohrender Schmerz im Innern. Allein fühlte er sich. Einsam, verlassen. Am Himmel stieg ein einsamer Mond empor. (Ah, diese Sommernächte … selbst dann …) Durchs Fenster drang der Mond ins Zimmer, übergoss die ärmlichen Dinge im Zimmer mit Licht. Und draußen heulten die Hunde. In seine Nase drang der Geruch der Berge, der Wälder, der Tannen, der Eichen, der Erlen, der Buchen. (Zuletzt der Buchen.)
Den ganzen Wald wollte er niederbrennen.
Dieser Kampf musste ein Ende haben.
Heute war er an einen großen Baum gebunden worden. (»Es gibt drei Söhne, die sind derselben Wurzel entsprossen, Sohn. Der erste heißt Geduld, der zweite Zorn, der letzte aber ist schön. Schön, und – er heißt Tod.«) Siebenfach wickelten sie ihn mit einem Seil an den Baum. Als man ihn festband, stieg Ökkeş eine Röte ins Gesicht. Er schämte sich. Schweiß floss an seinem Leib herab. Die Füße trugen seinen Körper nicht mehr. Es war nicht der Schmerz, der Ökkeş schreckte, es war nicht Angst um das Leben. Cengâver machte ihm Angst. Nach der siebten Umschlingung des Seils konnte sich Ökkeş nicht mehr rühren. Das Hemd klebte ihm am Leib. Das erste Licht der Sonne trennte den fahlen Schleier über Bergen und Wäldern. Ein schwach und müde gewordener Wind, der das Meer überquert hatte, durchsetzte die Luft mit einem kaum merklichen Algengeruch.
Cengâver wurde nach altem Brauch auf die Probe gestellt vor den Augen des Stammes. Doch Ökkeş stellte Cengâver auf die Probe. (Das war bei diesem Brauch etwas, das niemand wusste.) Wenn in Cengâvers Fuß sich ein Dorn hineinbohren würde oder wenn ein Rosendorn in seinen Finger stechen würde, würde auch Ökkeş diesen Schmerz spüren. Gemeinsam würde ihr Atem sich beschleunigen, würde sich ihr Brustkorb heben und senken wie der Blasebalg des Schmieds. Doch jetzt sollte Cengâvers Faust auf Ökkeşʼ Gesicht niederprallen, es bis zur Unkenntlichkeit entstellen? Seinem Körper unheilbare Wunden zufügen? Jeder Faustschlag eine unheilbare Seelenwunde. Alles wäre vorbei, unwiederbringlich.
Der Dede hatte zuerst beide nebeneinander gestellt, beiden lange in die Augen geschaut. Wie über ein Lesepult gebeugt, schaute er. (Durch ihre Gesichter hindurch hatte er ihre Herzen gelesen.) Dann stand der Dede auf einem hohen Stein. (Bis zu den Füßen reichte sein weißes Gewand. Auf einem hennafarbenen Fels standen seine Füße. Mit diesen Felsen hatten sie sich immer die kleinen Finger hennafarben gefärbt.) Sie standen weiter unten. Ihre Schultern berührten sich. Sie waren gleich groß. Ihre Gesichter und ihre Augen waren sich zum Verwechseln ähnlich. Sie waren gleich alt. Sie waren unschuldig und rein. Unglaublich unschuldig und rein. Das derbe Gesetz der Männlichkeit hatte das festliche Leuchten in ihren Augen noch nicht verdunkelt. Sie hatten ihre Köpfe gehoben und schauten den Dede an. Zwei Augenpaare, Ökkeş und Cengâver, ein Blick. Um den Hals hatte jeder ein feuchtes Tuch gebunden, von den Knoten baumelte ein Knäuel roter Fäden herab. Ihre Arme hatten sie auf beiden Seiten an den Körper gepresst. Ihre Hände, ihre kleinen Finger berührten sich. (Auf ihren Fingernägeln glänzte ein blasser Hennafleck.) Der Dede dachte eine Zeit lang nach. Etwas später wählte er Ökkeş aus zum Fesseln; für die Flucht Cengâver. (In welchem Herzen sieht man das Feuer beim ersten Funken? In welchem Herzen brannte das Feuer zuerst? Jetzt das zu begreifen … Nach so vielen Sommern … Vielleicht lässt sich gerade das Erlebte niemals niederschreiben. Unmöglich, aus einem Märchen eine Geschichte zu machen.)
Plötzlich dringt leise ein Lied an sein Ohr: »Gerade die Rose des Freundes hat mich verletzt …« Nach der siebten Umschlingung des Seils wurden die Knoten geknüpft. (Den letzten Knoten knüpft Ökkeşʼ Kirve.) Ökkeş war jetzt bereit. (Der letzte Knoten war sein Schicksalsknoten.) Die Leute aus dem Dorf stiegen auf ihre Pferde. Eine Zeit lang warteten sie auf den Pferden mit starren Gesichtern. Dann ritten sie ein paar Mal um den Baum und Cengâver herum. Ihre stummen Augen hatten das Ritual eröffnet. Wenig später würden sie sich entfernen. Ökkeş und Cengâver würden alleine zurückbleiben. Alleine würden sie zurückbleiben. Und nicht mehr zurückkehren.
Einmal, als sie zusammen auf Pferden den Wald durchstreiften, war Cengâver im Sattel aufgestanden und hatte sich nach einer Baumkrone ausgestreckt. Er hatte einen Zweig abgebrochen und ihn Ökkeş gegeben. An der Spitze des Zweiges drei frische Knospen. Kurz vor der Blüte, im Frühling … »Stell ihn ins Wasser, Ökkeş, dann hast du drei blühende Zweige von mir …« Ökkeşʼ Herz bekam Flügel. Er streckte die Hand aus und nahm den Zweig aus Cengâvers Hand. Ihre Finger berührten sich, es war, als ob der ganze Wald aufblühte. Er behielt diesen Zweig bei sich. Als die weiß-rosa Blüten ganz aufgegangen waren, überfiel Ökkeş Enttäuschung. Es war eine grundlose Enttäuschung. Eine der unergründlichen Emotionen, die immer wieder vorkommen. (Seelenqual ist unerklärlich.) Wie im Zorn packte er plötzlich den Zweig und warf ihn in den Fluss. Der Fluss riss den Zweig schnell fort, dieser leuchtete mit seinen drei frischen, an den Spitzen gerade aufblühenden weiß-rosa Blüten auf dem Wasser, so festlich. Noch vor dem Abend haben sie sich beim Kaffeehaus umarmt. Alles war vergessen. Sie waren wieder versöhnt. (Es war ohnehin nichts gewesen …) Ökkeş kam der Zweig in den Sinn, den er in den Fluss geworfen hatte. Er war voll Reue. Er ging zum Fluss.
Der Fluss floss ruhig und breit dahin. Er hatte den Frühlingszweig mit den drei frischen, an den Spitzen gerade aufblühenden Knospen weggespült. Er schwamm davon, ein Frühlingszweig mit drei frischen, an den Spitzen gerade aufblühenden Knospen …
Eine Zeit lang konnte Ökkeş es nicht vergessen. Er hatte Cengâver nichts davon gesagt. Seine Wut trug er insgeheim wie Schuld mit sich. Er bemühte sich, nicht in grundlose Enttäuschung, in grundlosen Zorn zu verfallen. Aber in einer Ecke seines Herzens erinnerte er sich immer und immer wieder an den in den Fluss geworfenen Frühlingszweig. Jetzt plötzlich, als ihm die Arme so gebunden wurden (der letzte Knoten war über dem hennagefärbten kleinen Finger geknüpft worden), erinnerte er sich plötzlich an diesen Zweig. Diesen einen Zweig, den der Fluss ihm entrissen hatte. Er wollte nicht, dass der Fluss ihm noch irgendetwas entriss.
Plötzlich spürte er den ersten Faustschlag im Bauch. Er hob den Kopf, ihre Blicke begegneten sich. Genau in diesem Augenblick flog ein Funke in Ökkeşʼ Augen.
Der Funkenherd war jetzt entfacht. Cengâvers Männlichkeit vibrierte in der Luft. Seine Faust schwebte in der Luft. Seine Finger öffneten sich wieder. Unter Ökkeşʼ Blick vergaß Cengâver den Brauch, seine Männlichkeit, alles. Nicht Schmerz sprach aus Ökkeşʼ Augen. Das wusste Cengâver am besten. Diese Augen schauten ihn zum ersten Mal so an. Er begriff, dass das nicht mehr Ökkeş war, den er schlug. (Der Fluss hatte dieses Mal Ökkeş gepackt.) Cengâver senkte seinen Blick vor Ökkeş. Er beugte den Kopf.
»Ich muss, Ökkeş«, sagte er. »So fordert es der Brauch, das weißt du.«
Ökkeş schaute ihn verständnislos an. In keine Sprache waren seine Blicke zu übersetzen. Durch die Äste sickerte ein ödes Licht mitten auf den Platz.
»Wenn der Dede doch mich ausgewählt hätte, Ökkeş«, sagte Cengâver. »Wenn er zum Fesseln doch mich ausgesucht hätte. Glaub mir, der, der an den Baum gefesselt wird, hat es leichter. Er schlägt nicht als Erster, er wartet nur. Glaub mir, Ökkeş, meine Aufgabe ist viel schwerer. Ich muss dich schlagen. Selbst wenn in mein Herz ein Brandmal gebrannt wird, selbst wenn alles in mir aufgewühlt ist, meine Faust muss dem Brauch gehorchen. Vergib mir! Ich muss ein Mann werden. Ich muss es tun.«
Ökkeş schwieg. Ökkeş verstand überhaupt nichts. Hätte er denn, wenn Cengâver an den Baum gebunden wäre, ihn schlagen können? So erbarmungslos, so grausam, so feindselig? Hätte er zuschlagen können?
Cengâver weinte. Er flehte. Als schlüge er nicht Ökkeş, sondern sich selbst.
»Ich flehe dich an, beschimpfe mich, Ökkeş. Beschimpfe meine Mutter, meinen Vater, meine Ahnen! Schrei, was dir einfällt, irgendetwas, Ökkeş! Lass mich nicht allein mit meiner Scham. Hilf mir, hör auf, mir deine Hilfe zu verweigern, Ökkeş! Sag was, sag, was dir gerade einfällt, steh nicht so schweigend da, Ökkeş! Sag was, Ökkeş! Sag was! Sag was! Sag was! Mach mich nicht so fertig, lass mich nicht so hilflos dastehen, lass mich nicht allein, Ökkeş! Lass mich nicht allein. Hörst du mich, Ökkeş?«
Es war, als stehe Ökkeş neben sich selbst, als hätte er seinen Körper vergessen. Alles war wie ausgelöscht. Von fern kamen die Stimmen der Reiter. Ein Sonnenstrahl traf durch zwei Bäume hindurch auf Ökkeşʼ Gesicht, das beugte sich nieder.
Cengâver sank völlig außer Atem zu Boden. Er wartete auf die sich nähernden Reiter. Seine Faust blutete.
Die Reiter banden Ökkeş los. Das Seil ringelte sich um den Fuß des Baumes. Ökkeş warfen sie über ein Pferd und schickten ihn los.
Cengâver schaute auf den Baum. Der Baum war unschuldig. Er war allein.
Die ganze Nacht sprach Ökkeşʼ Mutter kein Wort mehr. Alles war gesagt worden. Die ganze Zeit grübelte sie und wartete ab. Ökkeş wusste, dass seine Mutter nicht schlief. Der Mond füllte das ganze Fenster aus. Eine zögernde, spannungsgeladene Nacht mit einem Mond ohne Hoffnung, der das Fenster eines Hauses ganz ausfüllte. Das ärmliche Zimmer war wie in Silber getaucht. Eine Nacht wie in einem Sommermärchen.
Ökkeş fühlte sich beraubt und zerstört. Sein Blick irrte umher, er fand keinen Schlaf. Endlos schien ihm die Einsamkeit der Nacht.
Die Pferde wurden schneller, als sie am Fuß von Çiftekoyaklar angekommen waren. Die Funken ihrer Hufeisen sprühten in den dunkelnden Abend hinein. Die Zeremonie war zu Ende. Sie waren außerhalb des heiligen Kreises. Ökkeşʼ Augen waren fest geschlossen. Als sie ins Dorf kamen, wurden Trommeln geschlagen. Cengâver war jetzt ein Mann. Er hatte Ökkeş geschlagen, bis er nicht mehr aufstehen, bis er seine Augen nicht mehr öffnen konnte. Ein starker junger Mann war Cengâver, einen starken Arm hatte er. (Nur starke Arme können die Zelte des Stammes aufrichten.) Wenn er morgen nicht von Ökkeş erwischt wird, wird er doppelt Mann sein. Ein Mann, der zuschlagen kann, ein Mann, der sich aus dem Staub machen kann, ein doppelter Mann wird er sein. Und Ökkeş wird, wenn er morgen Cengâver nicht finden kann, sein Gesicht doppelt verlieren.
Als die Pferde schneller trabten, spürte Ökkeş, dass Cengâver sich ihm genähert hatte. Er hatte sich offenbar in den Lärm der Hufeisen geflüchtet. (Er feierte seine frisch erworbene Männlichkeit.) Ökkeş konnte seine Augen nicht öffnen, Blut tropfte über sein Gesicht. Sie ritten nun nebeneinander her.
»Ökkeş, mein Bruder«, sagte Cengâver. »Ökkeş, hörst du mich? Ah, lieber Ökkeş, die Scham des Henkers ist schlimmer als der Schmerz seines Opfers, das muss ich dir sagen. Vergib mir, Bruder, brich nicht den Stab über mich! Du weißt, ich liebe dich. Glaub mir, morgen wirst du mich erwischen. Du wirst mich erwischen und niederstrecken. Ich werde nicht doppelt Mann sein, Ökkeş! Einfach Mann zu sein, genügt mir! Hörst du, Ökkeş?«
Am Abend küsste der Dede Cengâver auf die Stirn. »Jetzt bist du ein erwachsener Mann, Cengâver«, sagte er. »Bereite dich auf morgen vor. Deine Beine sollen sein wie die des flinken Rehs. Die Täler, in denen du dich versteckst, soll der Jäger nicht finden. Bleib von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang der Pranke des Jägers fern. Hab auch keine Angst, dass Sommertage lang sind. Sommertage sind wie ein Leben, Sohn, sie vergehen sehr schnell.«
Ökkeşʼ Augen öffneten sich nicht. Alle dachten, wegen der Schläge, die er bekommen hatte. Sie blickten auf Ökkeş und würdigten die Faust von Cengâver. Doch Ökkeş konnte seine Augen vor Scham nicht öffnen. Er wollte die Gesichter der anderen nicht sehen. Er dachte, wenn er den Menschen ins Gesicht schauen würde, würde er ihre Scham teilen, an ihrer Scham teilhaben … (Sie selbst aber bemerkten ihre Scham gar nicht.) Seine Augen hielt er fest geschlossen, als sie ihn nach Hause brachten. Er wollte sich aus allem heraushalten. Um an der Scham keinen Anteil zu haben, hatte er sich in die Verantwortungslosigkeit der Ohnmacht geflüchtet.
Cengâver hatte seine Männlichkeit an Ökkeşʼ jungem Körper erprobt. Je schlimmer die Wunden, die er zugefügt hatte, desto mächtiger seine Männlichkeit. So sahen es alle. Ökkeşʼ Wunden verband seine Mutter, salbte sie wieder und wieder die ganze Nacht. (Ökkeşʼ Körper roch nach Wald.) Zärtlich, behutsam streichelte sie seine Wunden. Er war gerade fünfzehn Jahre alt, da heilen die Wunden schnell.
Die Nacht hindurch hielt Ökkeş die Augen geöffnet. Nachdem alle gegangen waren, im Dunkeln …
Um sich nie wieder zu schließen, hatten sie sich geöffnet. Einem Irrtum wollte er auf die Spur kommen. Sein Kissen, sein Bett, seine Wunden wurden ihm zur Hölle. Da musste es doch einen Fehler, einen Irrtum geben. Den suchte er. Nicht Cengâver, diesen Irrtum wollte er jagen. Sein Verstand, seine Kenntnisse, seine Erfahrung reichten nicht aus, weder für die Jagd noch für das Gejagtwerden. Er musste es selbst herausfinden. Er war allein.
Nicht als ein Ringen konnte er diesen Brauch ansehen, nicht als ein Spiel. Das war kein Ringkampf. Er ähnelte auch nicht einem Reiterspiel. Es roch nach Verrat, nach Treulosigkeit.
In diesem Spiel gab es einen Dolch, versteckt hinter dem Rücken. Dieser Brauch hatte etwas, das die Liebe, die Freundschaft, die Kameradschaft verletzte.
Jeder Brauch raubte dem Menschen etwas.
(Wenn er wüsste, wann und warum dieser Brauch entstanden war, ließe sich vielleicht alles lösen, klären in seinem Kopf.)
»So viele Jahre habe ich die Beute mit Cengâver geteilt. Wir zogen gemeinsam die Fohlen groß, gingen gemeinsam unsere Wege, teilten die Arbeit, halfen uns – nur die Mädchen hatten wir nicht gemeinsam. Zuerst haben wir immer von denselben Mädchen geträumt, immer haben wir denselben Mädchen aufgelauert und haben es später sein lassen. Mädchen kann man nicht teilen. Aber immer hat sich bei uns zweien ein Herzenswinkel in dasselbe Mädchen verliebt. Am Ende waren wir beide ratlos. Und wir beide haben aufgegeben. Aber selbst in solchen Situationen hegten wir keinen Hass, selbst dann hat uns der Zorn nicht entzweit. Im Gegenteil, unsere Zuneigung wuchs, und eine unbekannte Kraft brachte uns einander näher. Wir haben uns im Zorn, mit Liebe, im Streit auf die Probe gestellt. Gibt es dafür noch einen Brauch? Bis heute hat keiner von uns die Hand gegen den andern erhoben. Jeden Ringkampf kämpften wir nur zum Schein. Beide waren wir darauf aus zu verlieren; wir waren nie fanatisch beim Ringen; deshalb dauerten unsere Kämpfe endlos. Und doch …
Man sagt: »Das Männerkleid trägt man schon als Kind.«
Man sagt: »Den Tapfersten erkennt man mit sieben.«
Man sagt: »Setze den Knaben schon früh auf das ungezähmte Pferd, dann lernen sie beide das Aufbäumen.«
Man sagt: »Der Knabe muss den Schmerz lernen, damit der Körper des Mannes eine Festung wird.«
Warum das alles? Warum? Ich habe dich bis ins Innerste gekannt, Cengâver. Aber deine Faust hat mein Herz nie zu schmecken bekommen.
In der Morgendämmerung machten sich die Reiter auf den Weg. Der Stammesälteste ließ sein weißes Gewand über den Köpfen der Pferde wie eine Fahne flattern. Blütenrein brachte sein Vollbart mit silbernem Funkeln die frohe Botschaft vom Sonnenaufgang. Cengâvers Pferd war direkt neben dem des Dede. Dahinter die anderen Reiter und Ökkeş. (Die Beute ritt voraus.) Cengâvers Gesicht sah er auf dem ganzen Weg nie.
Als sie in Çiftekoyaklar ankamen, stieg Cengâver von seinem Pferd. Er küsste die Hand des Dede. Er drehte sich um und schaute Ökkeş lange an. Ihre Blicke kreuzten sich. Cengâvers Augen sagten, was er nicht in Worte fassen konnte. Schnell wandte er sich wieder um und senkte seinen Kopf wie ein kleines Kind. Seine Schultern hingen herab. Er war unschuldig, rein. (Ökkeş wollte weinen. Wollte lauthals heulen.) Dann ging Cengâver bergauf davon und verschwand. (Als würden sich die beiden nie wieder sehen.) Etwas später schickten sie Ökkeş hinterher. Erst küsste er, wie es der Ritus forderte, dem Dede die Hand. Dann marschierte Ökkeş langsam los. Cengâver war verschwunden.
Eine Zeit lang verfolgte er lustlos Cengâvers Spur. Er wollte für seine Wunden Rechenschaft verlangen. (Wegen seiner Freundschaft Rechenschaft verlangen.) Das Sonnenlicht drang behutsam durch die Zweige der Bäume und flackerte wie Schmetterlinge auf dem Waldboden. Die Erde, die Käfer und Insekten reckten sich in der Sonne. Grün lächelten all die Blumen, Gräser und Poleiminzensträucher. Die Erde erwachte zum Leben. Während er durch den dichten Wald streifte, wehte ein leichter Wind.
Beide, Ökkeş und Cengâver, standen im Frühling ihres Lebens. Doch jetzt, auf der Schwelle zum Sommer, standen sie vor der Prüfung, und der Frühling war vorbei. Mit fünfzehn war man ja erwachsen. Um in den Kreis der Männer zu gehören, um zu ihren Versammlungen zugelassen zu werden, musste man sich den Regeln unterwerfen. Auf dem ganzen Weg ging Ökkeş das durch den Kopf. Er wollte sich selbst vom Sinn dieses Ritus überzeugen. Der Glaube macht alles leichter; das wusste er. Seine Wunden mussten doch einen Sinn haben. Es musste doch auf dieser Welt etwas geben, das die Fäuste von Cengâver ihn lehrten. Auch wenn Ökkeş das überhaupt nicht lernen oder zur Kenntnis nehmen wollte. Was hatte Cengâver mit seinen Fäusten sagen wollen? Jetzt versuchte er es zu verstehen oder, falls er es nicht verstehen konnte, zu glauben.
Je näher er dem Berggipfel kam, desto deutlicher zeigte sich das Meer zwischen den dichten Bäumen hindurch als immer wieder unterbrochene, dünne Linie. (Cengâver würde er wegen seiner Mutter verprügeln; nicht seinetwegen.)
Ja, würde er ihn denn finden?
Würde er ihn überhaupt suchen?
Die ganze Nacht hatte er darüber nachgedacht: Würde er ihn suchen? Würde er ihn nicht suchen? Und wenn er ihn suchen, aber nicht finden würde? Auch das war möglich.
Aber es hatte keinen Sinn, sich selbst zu belügen. Wenn er ihn nicht fand, obwohl er ihn suchte – er war nun einmal mit jeder Faser an ein Versprechen gebunden. Ihn nicht zu finden, nein, das wäre keine Heldentat. Er wollte ihre Freundschaft bewahren. Aber damit stand er inzwischen allein. Was gab es überhaupt noch zu bewahren, nachdem er einmal angefangen hatte zu suchen? Wenn er gesucht, aber nicht gefunden hatte – würde er sich selbst, und erst recht denn die anderen, davon überzeugen können, dass das alles aus Freundschaft geschehen war? Unmöglich.
Der Gedanke, dass alles möglich war, und die Erkenntnis, dass er sich an nichts mehr halten konnte, schnürten Ökkeş das erwachsene Herz zusammen. Er sehnte sich nach unbeschwerten Tagen. Die Welt war ein heilloses Durcheinander geworden.
Er setzte sich ziellos unter einen Baum. Mit einem Zweig stocherte er im Boden herum. Ungewollt dachte er an Cengâver. Wo der jetzt wohl war … Was er wohl fühlte … Hatte er Angst? Versteckte er sich? Machte er sich davon? Das alles traute er Cengâver nicht zu. Er hätte es auch nicht getan.
Diese Bäume kannte er alle. Diesen Wald, diesen Berggipfel, diese da und dort hervorsprudelnden Quellen. So wie sie jeden Flecken ihrer gemeinsamen Kindheit kannten, so kannten sie auch hier alles wie ihre eigene Handfläche. Was gab es da noch zu prüfen? Welche Probe hatten sie denn noch nicht bestanden?
Was hatte die Mutter zu ihm gesagt?
»Wo steckt Cengâver? Der Schlüssel zum Mannwerden steckt gerade in dieser Frage! So viele Jahre hattet ihr gemeinsame Wege und Ziele. Jetzt verfolge diese Spuren, schwebe über ihm wie ein Raubvogel! In deinen zornigen Augenbrauen müssen Falken flattern, Sohn! Auf deinen Pranken müssen Adler sitzen! So gehört sich das. Du musst deine Beute immer im Visier haben! Deine Aufmerksamkeit musst du ganz auf Cengâver richten!«
Viele Geheimnisse hat man in so vielen Jahren der Freundschaft, der Kameradschaft geteilt. Weggefährten haben einen gemeinsamen Rastplatz. Die sich ihn teilen, öffnen sich dem anderen. Die geheimen Winkel der eigenen Seele zeigt man nur seinem besten Freund. Ein Dolchstoß in den Rücken der Freundschaft ist dieser Ritus, der aus einem Freund einen Feind macht. Die ihn erfunden haben, was wollten sie bewahren?
Tief in den violetten Felsen am schmalen Pfad zum Berggipfel gibt es ineinander verschachtelte Höhlen. Im Innern herrscht eine undurchdringliche Dunkelheit. In diesen Höhlen sind sie immer wieder ohne Fackel herumgestreift. Hand in Hand, Seite an Seite. Hier war es still und kühl. So still, dass man sogar vom Atem ein Echo hörte.
In der Bergwand der Heiligen, dort, wo die Buchen dicht an dicht stehen, gibt es drei versteckte Täler. Tief in diesen drei Tälern verbergen sich drei Quellen. Dort hatten sie sich oft über ihren Proviant hergemacht. Dorthin könnte er jetzt gehen, Cengâver an einer dieser Quellen finden, ihn zu Boden werfen, aber hieße das nicht, die Freundschaft so vieler gemeinsamer Jahre treulos zu verraten? Wäre das nicht Verrat und Treulosigkeit? Er hatte nicht das Recht, einen so reinen, unberührten Ort so zu beschmutzen, so zu beflecken.
Dorthin würde er nicht gehen. Niemals. Selbst wenn er die Freundschaft nicht bewahren konnte, würde er doch die Erinnerung an diese Orte schützen, ihr junges Leben … Selbst wenn sie ihre Körper gegenseitig mit Fäusten zu Schanden schlügen, sie waren noch so jung, sie würden weiterleben.
Auch zu den hennafarbenen Felsen, wo sie sich auf der gemeinsamen Jagd in den Hinterhalt gelegt hatten, wo sie Schutz gesucht hatten, würde er nicht gehen. Cengâver war kein Reh, keine Turteltaube. Er war Cengâver. An keinem Ort ihrer gemeinsamen Erinnerungen wollte er Cengâver begegnen. Es sollte ein ganz anderer Ort sein. Es sollte ein Ort sein, der sie bis heute noch nie beherbergt hatte, der keine Spuren der Vergangenheit zeigte. Ohne irgendetwas zu beflecken, wollte er diesen unentwirrbaren Knoten lösen. Er wollte ihre fünfzehn jungen Jahre schützen. Er wusste, er würde an diesen Orten nicht nur den andern, sondern sie beide, Ökkeş und Cengâver zusammen, finden. (Das war der Anteil der Scham.) Das wollte er nicht. Er wollte nicht, dass auf ihr junges Leben ein Schatten fiel.
Er hatte immer noch die Hoffnung, aus diesem Kreis einige Dinge zu retten.
Er dachte an Cengâver. (Er konnte sein Bild nicht wachrufen.)
»Ah, wo bist du, Cengâver?«, rief er. »Wo steckst du in diesem Wald?«
Wo der jetzt war? Machte er sich davon? Versteckte er sich? Hatte er Angst? War er furchtsam? Nein, so war Cengâver nicht. Aber er hatte keine Ahnung, was Cengâver tun würde. Er konnte für Cengâvers Herz nicht bürgen. Nicht mehr. Wie sehr das weh tat. Mehr als jede Wunde am Körper. Er kannte seine geheimsten Verstecke, aber er konnte für sein Herz nicht mehr bürgen. War er ein Freund? War er ein Feind? Er wusste es nicht. Hatte er Ökkeş nicht die Faust spüren lassen? Hieß das, dass Cengâver nicht mehr der alte Cengâver war? Er wollte nicht länger über all das nachdenken. Sonst würde er zuletzt noch sich selbst verlieren, würde dadurch Verrat begehen.
Woran dachte Cengâver wohl jetzt? Cengâver, der fremde Cengâver. Er jagte einen Fremden, dessen Spur er nicht kannte. (Seit dem Augenblick, in dem er die Faust zum ersten Mal erhoben hatte, war Cengâver ein anderer. Als die Seile festgezogen waren, hatte er diesen ersten Faustschlag am meisten gefürchtet. Der letzte Knoten hing neben seinem hennagefärbten Fingernagel.)
Es brachte jetzt überhaupt nichts, über Vergangenes nachzudenken. Wenn Cengâver der alte Cengâver gewesen wäre, hätte er ihm nicht diesen ersten Faustschlag versetzen können. (Er hatte Cengâver verloren. Er musste sich daran gewöhnen.) Nicht Cengâver, nur die Vergangenheit versuchte er sich noch zu erhalten. (Sein junges Leben.) Sonst wäre es, als hätte er nie gelebt. Dorthin würde er nicht gehen. Sollte der andere sich doch an einem dieser Orte verstecken. Er würde nicht dorthin gehen. Cengâver hatte er zwar verloren, aber er wollte nicht alles verlieren. An andere Orte würde Ökkeş gehen, neue, völlig andere Orte. Der Wald war groß … Neue Plätze, ein neuer Cengâver. So sollte es sein.
»Ich habe meinen eigenen Ritus«, sagte sich Ökkeş. »Den meines Herzens.«
(In diesem Augenblick spürte er, dass etwas in seinem Herzen fehlte. Cengâver war nicht mehr da.)
»Seis drum«, sagte er. »Mein Ritus heilt sich selbst.« Dann sagte er: »Cengâver, ah, Cengâver! Wie konntest du mir das antun? Wie konntest du mir so fremd werden? Wie konntest du mein Feind werden? Und was für ein Feind? Nur ein alter Freund kann ja ein Feind werden, der so direkt ins Herz trifft. Ah, Cengâver!«
