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Ganz von vorn anfangen und alles hinter sich lassen – geht das? Und warum sollte jemand eine doch offensichtlich erfolgreiche Arbeit aufgeben und sich auf ein Abenteuer mit ungewissem Ausgang einlassen? Und dann gleich mitten ins tiefe Afrika, nach Simbabwe, kurz nach der Unabhängigkeit. Zwei Koffer und drei Kisten reisen mit. Alles andere lässt Theodor Frank zurück. Je weniger Gepäck, desto besser – glaubt er zumindest. Bis er feststellt, dass man die eigene Geschichte nie zurücklassen kann. Man kann aber aufhören, vor ihr zu fliehen.
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Seitenzahl: 262
Veröffentlichungsjahr: 2022
Stephan Beyer
PAMBERI
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Danksagung
PROLOG
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EPILOG
Impressum neobooks
PAMBERI
Copyright @ 2022 Stephan Beyer
All Rights Reserved
Ich möchte mich bei denjenigen Menschen bedanken, die dieses Manuskript auf dem Weg zum Buch auf besondere Weise begleitet haben.
Claudia Huber-Eustachi, mit der mich eine über 40-jährige Freundschaft verbindet, war die erste Person, die mein Manuskript las. Es ist keine Untertreibung zu sagen, dass ihre Freude am Lesen und ihre Kommentare zum Manuskript mir über Jahre hinweg sehr dabei halfen, mein Buchprojekt weiterzuverfolgen.
Meine Schwester Birgit Vögtle, deren Wertschätzung und Rückmeldung zum Buch eine große Unterstützung für mich waren.
Patrick Simper, der die verschiedenen Versionen der Manuskripte mehrfach redigierte und immer zur Stelle war, wenn ich ihn um Rat oder Hilfe bat. Er hat die Entstehung von Pamberi von Anfang bis Ende begleitet.
Dörte Fuchs und ihrem professionellen Lektorat, das von mir sehr geschätzt wird.
Der irische Missionar Dave Accleby, gleichzeitig Bibliothekar der umfangreichen, allerdings vernachlässigten Büchersammlung der Roman Catholic Church Institution Whitestone, in seinem Bemühen der systematischen Katalogisierung aller vorhandenen Werke, öffnete einen gebundenen Folianten, dessen Buchrücken bis zur Unkenntlichkeit verblasst war. Zu seiner Überraschung fand er schon auf der ersten Seite Hinweise dafür, dass er etwas Kurioses und Ungewöhnliches in Händen hielt.
Der Band war verfasst von einem Samuel Whitestone, in der Region bekannt als Gründer der nach ihm benannten Institution im Jahre 1897 und damit einer der ältesten Schulen in Simbabwe. Als Accleby in den teilweise losen Seiten zu blättern begann, wurde ihm bewusst, dass er ein umfangreiches englisches Wörterbuch zur Shona-Sprache in Händen hielt, die in den meisten Teilen des Landes gesprochen wurde. Eine systematische Dokumentation dieser Sprache war inzwischen eine wenig aufregende Angelegenheit.
Das Besondere an diesem Kompendium war jedoch der Zeitpunkt seiner Verfassung. Samuel Whitestone war in den frühen Zwanzigerjahren verstorben und hatte die meiste Zeit seines Lebens im südlichen Afrika verbracht. Ein umfangreiches Diktionär zur Übersetzung von Shona ins Englische war zu jenem Zeitpunkt ein eher belächeltes Unternehmen zu nennen. Für Accleby war die Qualität und Vollständigkeit dieses Wörterbuches nicht unmittelbar einsichtig. Aber sicherlich stellte dieses Buch ein Kuriosum dar, dessen Erforschung sich lohnte.
Er hob das Volumen vorsichtig auf, um es sicher zu verwahren und unter Umständen restaurieren zu können. Dabei löste sich eine Seite und kam, nach flattrigem Flug, direkt vor seinen Füßen zu liegen. Das Wort Pamberi stach ihm unübersehbar in die Augen, zum einen, weil es sich in seinen schwarzen Lettern inmitten verblasster Wörter aufdrängte, zum anderen, weil Accleby die Ausführlichkeit der nachfolgenden beschriebenen Wortbedeutungen auffiel. Er hob das Blatt auf, um es genauer in Augenschein zu nehmen.
Die ersten Einträge entsprachen dem vorherrschenden Allgemeinwissen. Das Wort Pamberi wurde oft zur Veranschaulichung der Lage einer Sache oder eines Dinges im Raum benutzt. `In front of` oder `anterior` waren übliche Übersetzungen. Als Beispiel wurde `anterior teeth`, Frontzähne, genannt. Das Wort wurde allerdings auch benutzt, um nicht nur eine örtliche Lage, sondern eine Richtung anzuzeigen. Eine der aufgeführten Beispiele beschrieb es als `advance from a starting point`, in etwa zu übersetzen als `Voranschreiten von einem Anfangspunkt´. Acclebys Neugierde wurde weiterhin angeregt durch die nachfolgenden Vermerke, die in den allgemein bekannten Wörterbüchern, die erst ab den Fünfzigerjahren existierten, eher selten waren.
An diesem Punkt, offensichtlich in Erwartung einer längeren Untersuchung, ließ sich Accleby auf einen verloren herumstehenden Stuhl nieder, setzte seine Lesebrille auf und begutachtete jede Zeile aufmerksam.
Pamberi, so hieß es im Text, stand auch für ein Fortschreiten und das Erreichen eines Zieles.
Die Überschrift über die abschließende Sektion: Bedeutungen des Wortes Pamberi als Vornamen, mit nachfolgender Ausführung der Qualitäten, die diesem Namen zugeordnet waren. Wie es schien, hatte Whitestone, abgesehen von seiner Affinität zum Christentum, auch mit den zur Zeit der Jahrhundertwende in manchen esoterischen Kreisen gern praktizierten spirituellen Techniken geliebäugelt. Whitestone hatte nämlich unter der Überschrift `persönliche Qualitäten des Namens` dem Wort die Zahlen 6 und 22 zugeordnet.
Besonders kurios allerdings fand Accleby die Beschreibung eines Menschen mit diesem Vornamen als `Erforscher unbekannten Gebietes`.
Ungewöhnlich erschien ihm auch, dass neben diesen Kurz-Charakterisierungen ein Satz folgte, dem Whitestone anscheinend Wichtigkeit beigemessen haben musste: `Your desire to seek the truth is so strong that you may find yourself neglecting or sacrificing that which is important and close to you.`
Accleby wurde in diesem Augenblick zur Pflicht gerufen und legte das Blatt auf den Deckel des Bandes, verließ den Raum und überließ seine Entdeckung erneut dem unsichtbar langsamen Verfall.
Als Theodor Frank die alte Bibliothek aufsuchte, um sich eine der langen, ausgemusterten Kirchenbänke auszusuchen, die Direktor Khumalo ihm als Gartenmöbel überlassen wollte, huschte sein Blick über die Seite und blieb, wie auch Acclebys, an dem Wort Pamberi hängen. Er hatte es schon oft genug gehört. Es war der Befreiungsruf der Unabhängigkeitsbewegung und der herrschenden ZANU/PF.
Die Glocke für den Nachmittagsunterricht erinnerte ihn unmissverständlich, dass weitere Nachforschungen warten mussten. Er las deshalb nur den letzten Satz, den er für sich wie folgt übersetzte: `Dein Drang nach der Wahrheit zu suchen ist so stark, dass du dich in einer Situation befinden könntest, in der du das, was dir wichtig und nahe ist, vernachlässigst oder sogar opferst. `
Er stieß einen Laut des Erstaunens auf. Ein Shona-Wort beschrieb seine persönliche Situation so angebracht, und dieses Blatt lag vor ihm, wie es schien, um von ihm gesehen zu werden.
Doch die Zeit drängte. Kurz entschlossen nahm er die Seite mit in den Unterricht und fügte sie danach zu seinen Tagebüchern.
Ein kurzer Blick nach links und rechts – weit und breit war kein anderes Fahrzeug zu sehen. Er drehte den Gashebel bis zum Anschlag. Die Maschine machte einen Satz und beschleunigte.
Die Landschaft links und rechts huschte jetzt nur noch schemenhaft an ihm vorbei. Er genoss es, in Bewegung zu sein, unterwegs zu etwas Neuem. Was hinter ihm lag, verblasste. Für Augenblicke war er wieder ganz im Hier und Jetzt.
Sein Hochgefühl währte nicht lang. Der Motor begann zu stottern, und die Maschine verlor zunehmend an Geschwindigkeit. Theo Frank ließ sie auf dem breiten Seitenstreifen ausrollen, warf Helm und Handschuhe zu Boden und öffnete den Deckel des Benzintanks. Nicht einmal ein leises Plätschern von Restbenzin war zu hören. Der Tank war leer.
Widerwillig stieg er ab, stellte sich an die Straße und blickte zurück auf das holprige Asphaltband, über dessen Schlaglöcher er eben noch mit diesem besonderen Gefühl von Freiheit hinweggefegt war. Die Teerstraße war schmal. Damit zwei Autos aneinander vorbeikamen, musste jeder Fahrer seinen Wagen zur Hälfte auf den unbefestigten Seitenstreifen steuern. Zäune trennten das dürre Grasland von der Straße. Kühe drängten sich Schatten suchend unter einen Baum. Kleine, schneeweiße Wolken schwebten wie eine friedliche Herde Schafe im blauen Himmel. Der Geruch von Eukalyptusbäumen stieg ihm in die Nase. Insekten begannen sich für ihn zu interessieren. Unwirsch schlug er nach ihnen.
Flavio Galdani hatte sich ein kleines Imperium aufgebaut, dessen Name inzwischen in ganz Italien bekannt war. Ihm gehörten Firmen und Konzerne. Er baute Zitronen an, züchtete Pferde und ließ Mode entwerfen. Kurzerhand: Er wusste, wie man aus viel Geld noch mehr Geld machte. Um den Unternehmergeist seines Sohnes Manuele zu schüren und ihm zu einer guten Startposition zu verhelfen, hatte er ihm vor ein paar Jahren zum Geburtstag eine Firma für Theaterausstattungen geschenkt. Offensichtlich hatte Manuele die Leidenschaft fürs Geschäftemachen von seinem Vater geerbt. Nun war er mit jugendlichem Überschwang dabei, den deutschen Markt zu erobern. Als Theo ihn zum ersten Mal getroffen hatte, waren ihm sofort seine drahtige Figur und die stahlblauen, kalten Augen aufgefallen. Sie hatten ihn einen Moment zögern lassen, doch dann hatte er seine zukünftige Rolle in der Firma mit einem Handschlag besiegelt.
Die unerwartete Gelegenheit, plötzlich zum Verkaufsleiter der Firma Galdani ernannt zu werden, verdankte er glücklichen Umständen. Zwar konnte er einiges vorweisen, was ihn für eine derartige Aufgabe qualifizierte, seine fließenden Italienischkenntnisse, sein Auftreten, sein Kunststudium – letztlich war der entscheidende Faktor wohl doch, dass Manueles technischer Direktor Didier Laroche mit der Schwester seiner Freundin Sarah verheiratet war.
Mit unnachahmlich französischem Zungenschlag klärte Monsieur Laroche Theo über das auf, was auf ihn zukommen würde:
„Das ganze Theatergeschäft ist Kunst, und Sie sind Künstler, Theo. Was das Geschäft angät – machen Sie einfach nur das, was isch Ihnen sagge, und es wird alles sehr erfolgreisch werrden. 'alten Sie sisch nur an meine Anweisunggen. Und wissen Sie, Theo“, fuhr er fort. „Isch 'abe gerade eine Auftrag in Münschen. Den übernemmen Sie. Die Provision können Sie auch gleisch 'aben. Das wird eine gute Start für Sie.“
Theo wollte ihm alles glauben. Hals über Kopf tauchte er in eine neue Welt ein.
Nur eine halbe Stunde zum Flughafen Mulhouse, Direktflug nach Genua, eine kurze Fahrt in die geschäftige Altstadt – und er befand sich in einem neuen, unbekannten Leben voller fremdartiger Gerüche, Geräusche und Farben.
Laroche gab im Speisesaal des Hotels gute Ratschläge zum Besten:
„Sie wissen, Theo, Manuele ist unerfarren. Sie dürfen ihm das nischt übbelnemmen. Sein Vater ist die Boss von ganze Familie. Er 'at seine Son diese Unternemmen geschenkt. Manuele glaubt des'alb, man kann die Welt kaufen. Er 'at auch misch gekauft. Sans doute, er 'at das Rischtige getan. Auch Sie 'aben eine Preis, glauben Sie mir. Wenn Sie auf misch 'ören, werden Sie bald reisch sein. Und Sie werden 'ochinteressante Menschen kennenlernen. Bien sûr! Isch werde Sie mit die Direktoren von die Scala und die Opéra de Paris bekannt machen. Dort 'aben wir eine große Auftrag. Isch brauche Sie dort. Wir farren schon morgen.“
Seine Worte erlaubten keinen Widerspruch – und sie klangen verlockend.
Das Geräusch eines näherkommenden Fahrzeuges schreckte ihn aus seinen Gedanken. Zwischen den Büschen tauchte ein schaukelnder Peugeot auf, der tief durchhing, gelegentlich hinten aufsetzte und dabei Funken sprühte. Er war voll besetzt. Der Fahrer hob grüßend die Hand und fuhr weiter, ohne den Fuß vom Gas zu nehmen.
Missgelaunt ging Theo zu seinem Motorrad zurück und lehnte sich dagegen.
Auf der Fahrt zum Mailänder Opernhaus begann Laroche von seiner neuen Wunderwaffe zu erzählen, als weihe er seinen neuen Mitarbeiter in ein Geheimnis ein, das dieser unter allen Umständen bewahren müsse.
„Theo, diese Plastik ist einmalig. Niemand kann sie produzieren. Wir 'aben langge experimentiert. Sie müssen die Plastik zu riesige Vor'ängge verarbeiten, manschmal zwanzig Meter breit und fünfzehn Meter 'och. Das Patent 'abe isch entwickelt.“
Theo hatte Laroches Ausführungen bisher immer mit einer Mischung aus Staunen und Zweifel zugehört, ohne ihn zu unterbrechen. Doch er konnte seine Neugier nicht mehr bändigen:
„Ich dachte, Sie haben Philosophie studiert. Wie wird man dann technischer Direktor einer solchen Firma?“
„Oh, ’abe isch ihnen das nischt erzählt? Ist eine lange Geschischte. Wollen Sie wissen, wieso isch für Manuele arbeite? Isch war noch jung, so wie Sie. Meine Eltern sind ’alb algerisch, oui? Damals war Algerien noch französisch Kolonie. Isch bin also eine afrikanische Franzos.“
Er sah Theo an, als ob er ihn auffordern wollte, an dieser Stelle zu lachen.
„Sie wissen, die 'älfte von die afrikanische Westküste war französisch. Während die Theologiestudium an der Sorbonne 'atte isch eine Freund – Joel. Joel kam aus Côte d’Ivoire. Was ist das auf Deutsch, Côte d’Ivoire?“
„Elfenbeinküste.“
„Rischtig. Elfenbeinküste. Joel wollte wieder nach 'ause. Mein Vater 'atte diese alte, rostige Peugeot, und isch dachte, der verkauft sisch gut in Yamassoukrou. Wir sind gefarren dursch die Wüste. Unterwegs 'aben uns Banditen überfallen. Auf Kamelen, arm wie Bettler und fast verdurstet wir sind angekommen. Aber wie zurück? Nun, Joels Vater 'atte ein Segelbott. Wir dachten, das ge't, einmal um Afrika 'erum bis nach Algier, immer an Küste entlang. Irgendwann bei Westküste Mauritanien fe'lt die Wind für Tage. Und es war 'eiß. Jetzt, was macht man ohne Wasser und in die 'itze in die Mitte von Nirgendwo? Sagen Sie, was würden Sie machen, Theo?“
Offensichtlich entzückt von seiner eigenen Geschichte sah Laroche Theo an. Der zuckte nur mit den Schultern.
„Nun, gibt es keine Alternativ – man bettet. Se'en Sie, Theo, des'alb 'abe isch Theologie studiert.“
Er grinste schelmisch. Theo fand, dass sich das alles ziemlich fantastisch und ausgedacht anhörte. Andererseits gefiel ihm die Geschichte. Eigentlich war es ihm gleichgültig, ob sie stimmte oder erfunden war.
„Ja, und dann?“, fragte er.
Er konnte die Fortsetzung kaum erwarten.
Theo horchte auf. Das nervtötende Zirpen von Zikaden wurde von dem langsam lauter werdenden Geräusch eines Automotors übertönt. In gemächlicher Fahrt näherte sich ein weißer Renault 5.
Hektisch begann Theo zu winken. Tatsächlich verlangsamte der Fahrer seine Fahrt und blieb schließlich neben ihm stehen. Am Steuer saß Herr Sibanda, der Buchhalter aus Whitestone, den Theo gestern in dessen Büro aufgesucht hatte, um sich als neue Lehrkraft zu melden.
„How are you, Mister Frank?“
Das war keine Frage nach seiner persönlichen Befindlichkeit, sondern am ehesten zu vergleichen mit dem Winken eines Nachbarn, der einem über den Zaun zuruft „Alles klar?“. Daumen hoch und gegengefragt: „Und bei dir?“ Daumen hoch. Super. Alles bestens. Am liebsten hätte Theo ihm seine Lebensgeschichte erzählt, damit sein Gegenüber auch wirklich verstand, wie es ihm ging. Doch hier war Zurückhaltung angebracht.
„Mir gehts gut, Herr Sibanda. Und Ihnen?“
„Gut, danke“, gab der ihm knapp zurück und fügte hinzu: „Was machen Sie hier mitten im Nirgendwo?“
„Kein Benzin mehr. Meinen Sie, es wäre möglich, mich nach Marondera mitzunehmen? Ich lasse das Motorrad so lange hier. Eine Fahrgelegenheit zurück finde ich dann sicher.“
„Sie haben Glück“, stellte sein Retter mit dem Anflug eines Lächelns fest. „Ich fahre nur kurz in die Stadt. Wenn Sie nichts weiter brauchen, kann ich Sie wieder mitnehmen. Werfen Sie Ihre Sachen auf den Rücksitz, und steigen Sie ein.“
Theo war nicht nach einer Unterhaltung zumute. Sibanda beendete schließlich das Schweigen:
„Und? Wie gefällt es ihnen in Simbabwe?“
Theo zögerte einen Moment. Was konnte er schon sagen? Alles war noch so fremd. Er war Tausende Kilometer entfernt von den Menschen, die ihm etwas bedeuteten. Der Schulleiter hatte ihm die Hand geschüttelt und ein kleines Backsteinhaus zugewiesen. Höflich hatte er geantwortet: „Ein sehr schönes Land. Ich freue mich auf die Arbeit an der Schule“, und erntete für seine Bemerkung ein leichtes Kopfnicken.
Sie waren beide erleichtert, als Theo an der Tankstelle ausstieg.
Die Hauptstraße schnitt eine schnurgerade Schneise durch den Ort. Links liefen Schienenstränge Richtung Mutare und Beira am Indischen Ozean, rechts reihten sich farbenfrohe Fassaden von Geschäften, aus denen laute und übersteuerte Musik drang. Die Gebäude duckten sich unter weit ausladende, von Holzpfeilern getragene Wellblechdächer, die den erhöhten Gehweg überschatteten. Schon von Weitem drängten sich Theo die riesigen Schriftzeichen des Supermarkts am Ende der Straße auf. Am Eingang zum ‚Food Giant‘ strömten ihm Ladenkunden entgegen. Die meisten waren Weiße, deren Einkaufswagen von schwarzen Ladenangestellten geschoben wurden. Leise Musik dudelte. Verdutzt bestaunte er die vollen Regale.
Unwillkürlich drifteten seine Gedanken zurück zu seinem Bewerbungsgespräch. In einem Geschäftshauskomplex in Frankfurt-Mitte hatte ein Sachbearbeiter Fotos aus einem ländlichen Afrika vor ihm ausgebreitet. Theo hatte die stereotypischen Bilder von strohgedeckten Hütten und unverputzten Ziegelsteinhäusern mit zerbrochenen Fenstern auch schon im Fernsehen gesehen und sie immer schnell vergessen. Doch während des Interviews hatte er bei der unvermeidlichen Frage, ob er sich vorstellen könne, dort zu unterrichten, schlucken müssen. Sein Gegenüber hatte ihn neugierig beobachtet.
„Ja, kann ich“, hatte er schließlich geantwortet und versucht, überzeugt zu wirken, obwohl er das Gefühl gehabt hatte, ganz tief Luft holen zu müssen.
Nun stand er hier inmitten von gefüllten Regalen und fragte sich, warum dieses Afrika nicht wirklich den Erwartungen entsprach, die er mitgebracht hatte.
Mit vollen Einkaufstüten verließ er den Supermarkt, überquerte die Straße, lief an den bunten Auslagen entlang und blieb an der breiten Fensterfront eines Cafés stehen, das mit großen Schriftzügen für sich warb.
Die Glastür zum ‚Olde Tea Shoppe‘ öffnete sich quietschend, begleitet vom Bimmeln einer Türglocke. Neugierig streckte er den Kopf hinein. Es roch nach warmem Brot. Mit einer Tasse guten Kaffees und einem Stück Apfelkuchen mit Sahne vor sich wich die ungewohnte Welt jenseits der Tür mit der Glocke ein Stück zurück. Völlig unerwartet hatte er eine kleine Insel seiner eigenen Kultur gefunden. Das schien ihm tröstlich. Hier ließ es sich aushalten. Neugierig beobachtete Theo das Treiben vor den großen Fenstern, bis Sibanda vor dem Gebäude parkte.
Es war Zeit, auf die Mission zurückzukehren. Sein Retter fuhr ihn zu seinem Motorrad zurück, und wieder mit Benzin versorgt, sprang der Motor ohne Murren an. Mit einem vollen Rucksack machte er sich auf den Rückweg zur Missionsschule. Endlich hatte er Lebensmittel, und endlich konnte er sich ein eisgekühltes Bier genehmigen und den Staub des Tages herunterspülen. Er saß auf der Schwelle zur Küche, nippte nachdenklich an der Flasche und blickte in den Vorhof. Rote Erde und Steine, eingerahmt von den Überresten eines verfallenen Hühnerverschlags, daneben eine unverputzte Garage mit schief in den Angeln hängenden, verrosteten Flügeltüren, vergoldet vom Licht der untergehenden Sonne. Innerhalb von Minuten verschwand die orangefarbene Kugel, und tiefe Nacht legte sich so übergangslos über die Mission, als habe man eine Lampe ausgeknipst.
Unschlüssig stand Theo auf, wanderte ziellos durch die Zimmer und starrte alles an, als sei er in eine Ausstellung geraten, deren Sinn er noch nicht verstand. Der Vormieter hatte keinerlei Anstrengung unternommen, die Räume sauber zu hinterlassen. Die Wände, die einst hellblau gewesen sein mussten, waren vergraut. Dagegen konnte man eine riesige pinkfarbene Badewanne als einen gewissen Luxus ansehen. Als er ins heiße Wasser sank und die Augen schloss, verblichen alle Bilder und Gedanken für eine kurze Weile.
Eine nackte Glühbirne erhellte den kargen Raum, hinter dessen riesigem Fenster undurchdringliche Schwärze lauerte. Es war kühl geworden, und Theo kam in den Sinn, die Kerosinlampe einzuweihen. Zuerst glaubte er, er hätte sie in Brand gesteckt, da der Glühstrumpf aus Nylon sofort Feuer fing. Allerdings erlosch die Flamme nach einer Weile, und ein helles Glühen blieb zurück, begleitet vom lauten Zischen des austretenden Gases.
Er starrte noch eine Weile in das Licht, unfähig, sich vor den Gefühlen zu retten, vor denen er den ganzen Tag geflohen war. Als er sich beworben hatte, war ihm all das noch als ein großes Abenteuer erschienen. Jetzt sah er Sarahs ungläubigen, traurigen Gesichtsausdruck vor sich, als er ihr zu erklären versucht hatte, warum er die Chance, nach Afrika zu gehen, einfach nicht verpassen konnte.
„Na ja, irgendwann kommt eine Schiff, große Schiff, und wir sind gerettet.“
„Und das Segelboot?“
„Das Seggelboot ist mit Kran auf Deck und kann sisch ausru'n.“
„Und wie sind Sie dann Technischer Direktor geworden?“
„Geduld, Theo, Geschischte ge't weiter. Auf dem Schiff ist wunderschöne Frau, Nina, Sarahs Schwester. Schonn war passiert. Isch 'abe die Frau von meine Lebben gefunden. Eine schöne Zufall, nischt wa'r?“
Theo schüttelte nur noch den Kopf. Das war alles herrlich fantastisch.
„Wollen Sie Ende wissen?“
„Ja, schon.“
„Na ja, Nina ist Nischte von Gernot, und Herr Gernot, ihr Onkel, ist Chef von große Plastikfirma. Theo, in Deutschland, Sie wissen, Sie können intelligent sein wie Einstein, Sie finden keine Job, wenn Sie von Ausland kommen. Vitamin B 'at ge'olfen. So ’at alles angefanggen. Jetzt bin isch Ihr Vitamin B. So ist die Lebben!“
„Aber sie sind ja nicht mehr bei Gernot, sondern bei seinem Konkurrenten“, warf Theo ein.
„Aaah“, Laroche zeigte verschmitztes Erstaunen und eine Geste der Bestätigung, dass er nichts weniger als diese Frage erwartet hatte. „Sie ’aben gutt aufgepasst. Aber das ist andere Geschischte.“ Laroche schaute Theo einen Augenblick fragend an: „Sie ’aben Verwandtschaft. Sie lieben alle, non?“
Theos Gesicht schien genügend zu verraten.
„Se’en Sie.“
Mit der Dämmerung erwachten auch die Vögel. Am liebsten wäre er wieder ins Reich seiner Träume zurückgeglitten. Fast trotzig hielt er die Augen geschlossen. Doch das Schnattern, Ratschen und Gurren, das den Morgen erfüllte, vertrieb die Träume der letzten Nacht. Schlaftrunken schlurfte er in die Küche. Kaffeefilter schienen in Marondera unbekannt zu sein. Er schnitt den Hals einer Plastikflasche ab, legte ein sauberes Taschentuch hinein und füllte es mit Kaffeepulver. Der Duft des frischen Melitta Kaffees zog wohltuend in seine Nase. Er nahm einen Schluck, schloss die Augen und atmete durch.
Als er sie wieder öffnete, stand ein Fremder vor dem Fenster.
Theo machte ihm die Türe auf.
„Du bist Scott, stimmt’s?“
„Gerade aus den Ferien zurück.“
Theo schüttelte ihm überrascht die Hand.
„Interessant. Mir wurde gesagt, wir müssten Montag schon hier sein. Also letzten Montag.“
„Ging mir beim ersten Mal auch so!“, konstatierte sein unerwarteter Gast.
In der Tat hatte die erste Woche einen überraschenden Verlauf genommen. Am ersten Schultag waren die Schüler aus allen Teilen des Landes angereist, am Dienstag hatte er sich durch die erste, ermüdend lange Lehrerkonferenz gequält, und am Mittwoch war das Schulgeld eingesammelt worden. Von den fünfzig Schülerinnen und Schülern einer Klasse hatte nur die Hälfte bezahlt. Der Rest wurde wieder nach Hause geschickt und angewiesen, nicht ohne Geld wiederzukommen. Am Donnerstag wurden Bücher ausgeteilt, und am letzten Tag der Woche war es offensichtlich allen unsinnig erschienen, noch mit richtigem Unterricht zu beginnen. Theo hatte vor einem verschlossenen Lehrerzimmer gestanden und war etwas ratlos in sein Häuschen zurückgekehrt.
„Übrigens …“ Bei dem Wort tauchte ein schelmisches Zucken auf Scotts Lippen auf. „… Ich hab hier was für dich, auf das du vielleicht schon lange wartest.“
Er zog er einen blauen Luftpostumschlag aus der Hosentasche seiner Jeans und hielt ihn Theo entgegen.
„Ich war gerade im Sekretariat und habe meine Post der letzten Wochen abgeholt. Ich dachte, ich bring dir das gleich mit.“
Theos Herz begann schneller zu schlagen. Die Handschrift auf dem Umschlag verriet ihm sofort, dass es die ersehnte Nachricht von Sarah war.
„Ich lass dich erst mal allein“, kündigte Scott an und fragte: „Was hältst du davon, wenn ich morgen was koche? Danach gehen wir zu Jellimans, in unsere Lehrerbar. Ich hol dich ab.“
Theo war sofort einverstanden. Er verabschiedete seinen Besucher, schloss hastig die Tür hinter sich, riss den Umschlag auf und entnahm den fein beschriebenen, leichten Papierbogen. Lange starrte er auf die handgeschriebenen Zeilen. Worte, die Sarah vor einer Woche geschrieben hatte. Bis sie seine Antwort erhielt, würde wieder eine Woche vergehen. Warten war Zeitverschwendung. Er musste ihr sofort antworten und machte sich daran, die letzte der Metallkisten auszupacken, die seit seiner Ankunft unberührt unter der Spüle der Küche gestanden hatte.
Zwischen Büchern und Decken tauchte eine alte Adler-Schreibmaschine auf. Das wertvolle Stück hatte er dem Firmenchef seines Vaters abgeluchst. Theo hievte das Schwergewicht auf seinen kleinen Schreibtisch. Sie schien aus Blei zu sein.
Er musste energisch auf die Tasten einhacken, um die Buchstaben, hoch an metallenen Fähnchen montiert, auf das Blatt zu schleudern, wo sie mit einem metallischen Klatschen auftrafen. Seine Finger tanzten über die Tastatur. Das Stakkato erfüllte den Raum.
Worte und Sätze formten sich mühelos, als würden sie ihm eingeflüstert. Er konnte kaum Schritt halten. Es gab so viel zu erzählen, so viele Gedanken und Gefühle zu beschreiben. Schließlich faltete er das Ergebnis sorgfältig zusammen, packte die Seiten in einen Luftpostumschlag und brachte ihn zum Sekretariat. Der Fahrer würde den Postsack noch am selben Tag in die Stadt transportieren.
Ein Termin im Opernhaus von Lyon erforderte ihren zeitigen Aufbruch. Laroche hatte darauf bestanden, die gesamte Strecke zu fahren. Nach ihrer Ankunft eilte er zielstrebig und mit dynamischen Schritten durch die Korridore und einige Treppen hinauf und hinunter und hielt erst in einem riesigen Malersaal inne. Prüfend sog er die Luft ein und schloss die Augen:
„Rieschen Sie das? Das macht süschtig.“
Innerhalb kurzer Zeit waren sie von einer Gruppe Theatermaler umringt, die eben noch mit riesigen Pinseln eine auf den Boden gespannte Leinwand bearbeitet hatten. Nun lehnten sie sich lässig auf ihre Farbbesen, ungeachtet der Farbkleckse, die sie auf dem Boden hinterließen, und diskutierten mit Laroche, wie man den zwölf Meter breiten Nesselstoff, den die Firma Galdani geliefert hatte, sachgemäß aufspannen musste.
Ein freudiger Ausruf unterbrach ihre Fachsimpelei.
„Didier! Finalment!“
Alle Köpfe zuckten herum. Mit ausgebreiteten Armen und dem theatralischen Gang einer Diva näherte sich ein untersetzter Mann und umarmte Laroche, begleitet von einem Schwall französischer Worte. Theo konnte nur Fetzen aufschnappen, offenbar ging es um irgendein `problème à Paris`.
Laroche unterbrach ihn schließlich:
„Übrigens, das ist Theodor Frank, unser neuer Verkaufsleiter.“
„Delon, Alain Delon, technischer Direktor der Opéra de Paris.“
„Sie meinen …?“
Theo kam nicht dazu, die Frage zu beenden.
„Ja, genau, wie jener Alain Delon. Nicht verwandt, nicht verschwägert, nicht verheiratet.“
„Allerdings mit die gleische Temperament“, fügte Laroche zu.
Theo wurde von oben bis unten gemustert.
„Verheiratet?“
„Nein.“
„Verlobt?“
„Nein, auch nicht. Freundin.“
Delon reichte ihm die Hand, als erwarte er einen Handkuss.
„Didier“, rief Delon, „wir könnten alle einen wunderbaren Abend miteinander verbringen. Aber …“, er schaute auf seine Uhr, „… ich muss noch heute Abend nach Paris zurück. Morgen früh, neun Uhr, Champagner und Austern im Marché, d’accord? Keine Widerrede.“
„Alain, wer könnte dir widersprechen?“
„Also dann: bis morgen früh. Deinen Schützling kannst du gern mitbringen.“
Mit einem zufriedenen Lächeln wandte er sich abrupt ab und verließ seine Bühne ebenso theatralisch, wie er sie betreten hatte.
Aus dem Frühstück wurde nichts. Sie hatten nicht bedacht, dass sie in den frühen Morgenstunden die Straße mit all jenen teilen mussten, die auf dem Weg zur Arbeit waren. Es war nicht zu vermeiden, direkt zur Pariser Oper zu fahren.
Im Opernsaal standen Mario und Bruno, zwei Bühnenarbeiter der Firma Galdani, auf je einer Leiter und waren damit beschäftigt, einen Seidenvorhang aufzuhängen. Delon schaute mit gerunzelter Stirn zu.
„Qu’est-ce que c’est, hmmm? Was ist das?“
„Das ist unser Vorhang.“
„Und was hat der für eine Farbe?“
„Orange.“
„Ich habe aber nicht irgendein Orange bestellt und ganz sicher nicht dieses.“
Mario und Bruno warfen Laroche und Theo einen hilflosen Blick zu. Wie versteinert standen sie auf den obersten Sprossen ihrer Leitern, die Hände immer noch nach oben ausgestreckt, um den Stoff zu befestigen, reglos wie ein Denkmal. Hunderte Meter schwerer Seide hingen bereits an den Hängevorrichtungen der Bühne.
Delon drehte sich zu ihnen um.
„Didier, da bist du ja! Wo warst du? Ich habe die Flasche allein ausgetrunken. Ich war sehr einsam heute früh.“
Er wechselte übergangslos das Thema.
„Siehst du diesen Vorhang dort hinten? Das ist eine Zumutung. Wo bleibt dein feiner Sinn für Ästhetik?“
Theo erkannte das Material aus der Kollektion ihrer Firma. Es war durchsetzt mit feinen Baumwollfäden, deren unregelmäßige Struktur dem Stoff eine etwas rauere, taktile Qualität gaben. Das Besondere war der kaum wahrnehmbare Stich ins Grüne, wie die noch etwas unreifen Stellen einer Orange.
Laroche schien wenig beeindruckt von der Tirade. Gelassen antwortete er:
„Mon ami, beruhige disch. Wir finden eine Lösung.“
„Certainement, das kann nicht hängen bleiben, Didier. Verstehst du? Ich habe nicht irgendein Orange ausgewählt, sondern ein gedecktes Orange mit einem grünen Schimmer. Das hier ist nicht, was ich bestellt habe.“
„Ja, natürlisch, Alain, isch verstehe disch. Du weißt, wir sind beide Künstler. Nur das Beste zä'lt. Es muss perfekt sein.“
„Oui, perfection. Wir verstehen uns. Das Fernsehen wird die Produktion aufnehmen. Da muss alles stimmen, bis ins kleinste Detail.“
Mit diesen Worten setzte er sich wieder Richtung Vorhang in Bewegung und rief Mario und Bruno zu, sie sollten den Vorhang abnehmen.
Laroche zog Theo am Arm beiseite und flüsterte:
„Porca miseria, diese Künstler sind wie Frauen, wenn sie Tagge 'aben. Kunde ist König, non? Theo, wir nemmen die ganze Vor'ang wieder ab, legen die Stoff in Ihre Auto, und Sie fahren sofort zurück nach Genova. Isch telefoniere mit Manuele. Er muss andere Farbe finden. Dann kommen Sie gleisch mit neue Stoff zurück.“
Delon trat wieder zu ihnen und legte seinen Arm um Laroches Schulter:
„Ich vergebe dir. Komm doch heute Abend vorbei. Wir feiern ein wenig, d'accord?“
Laroche nickte und lächelte charmant. Ohne seine Antwort abzuwarten, schritt Delon dem Ausgang entgegen.
Laroche wandte sich den Bühnenbildnern zu. Er war wieder in seinem Element. Behände kletterte er auf ein Gerüst, um eine verklemmte Aufhängung zu lösen. Kaum wieder am Boden, begann er den Bühnenarbeitern die kreativen Möglichkeiten einer Rückprojektionswand aus dem weichen Plastik der Firma Galdani zu erläutern, und Minuten später war er auf dem Weg zum Flughafen. Er hatte einen dringenden Anruf aus Turin erhalten.
Mit Hunderten Metern Stoff, zusammengerollt hinter der Rückbank seines Fahrzeugs, passierte Theo die italienische Grenze.
Er rieb sich die Augen. Den ganzen Nachmittag hatte er über seine Schreibmaschine gebeugt auf der Terrasse gesessen. Darüber hatte er seine Umgebung völlig vergessen. Als er die ersten Nadelstiche auf seiner Haut spürte, war es zu spät. Die ungewohnt intensive Einstrahlung, besonders hier auf einer Höhe von sechzehnhundert Metern, hatte seine europäische Blässe schon längst in helles Rosa verwandelt. Die Buchstaben und Worte flimmerten vor seinen Augen.
Er zog das Blatt von der Walze seiner Schreibmaschine und flüchtete ins kühle Innere seiner vier Wände, warf sich aufs Bett und legte ein angefeuchtetes Handtuch auf sein Gesicht. Hellwach lag er unter dem kühlenden Tuch. Seit Langem hatte er sich nicht mehr so lebendig gefühlt. Die alte Adler verschaffte ihm einen ungeahnten Zugang zu einer vergessenen und verdrängten Vergangenheit.
Eine sonore Stimme schreckte ihn auf.
„Hello, Theo. Can I come in?“
Er antwortete nicht gleich, allerdings machte die Art des Klopfens deutlich, dass der Besucher hartnäckig sein würde.
Scott stand in der Tür.
„Oh, you’ve got the African sun in your face.“
Theo legte sich eine Hand auf die Stirn. Sie war glühend heiß. Als er in den Spiegel schaute, erschrak er.
„Gilt meine Einladung noch?“, fragte Scott zweifelnd.
„Natürlich, wenn dich mein rotes Gesicht nicht zu sehr ablenkt.“
„Ich habe gekühltes Bier im Kühlschrank.“
Das reichte, um Theo zu überzeugen. Gemeinsam bahnten sie sich einen Weg durch das Maisfeld zwischen ihren beiden Häusern. Hinter wild wachsenden Büschen, Kakteen und Eukalyptusbäumen versteckte sich ein flaches Gebäude, das im Vergleich zu dem winzigen Backsteinbau, in dem Theo wohnte, etwas kolonialistisch Großzügiges hatte.
Scott, der Theos neugierigen Blick wahrgenommen hatte, erklärte:
„Das ist das älteste Gebäude der Mission. Es wurde von irischen Missionaren in den Zwanzigerjahren erbaut.“
„Samuel Whitestone“, warf Theo ein.
„Das war der Begründer. Er hat den Grundstein zur Internatsschule gelegt und Schlafräume für die Schüler bauen lassen. Ob er mit diesem Haus direkt was zu tun hat, weiß ich nicht. Schon faszinierend, diese Kombination aus Kolonialismus und Herrenrassenmentalität, gepaart mit philanthropischer Großzügigkeit.“
Scott verabschiedete sich in die Küche, und Theo machte es sich in einem altmodischen Sessel auf der Veranda bequem. Er sank so tief ein, dass er die Sprungfedern spüren konnte.
Sein Blick schweifte durch den Garten. Der enorme Eukalyptusbaum, den er schon von Weitem bewundert hatte, ragte direkt vor ihm in den Himmel. Um ihn herum gediehen Guaven-, Mango- und Pfirsichbäume. An der Längsseite des Hauses wurzelte ein alter, weit ausladender Jacarandabaum, dessen feine Blättchen sich zu einem dichten Dach schlossen. Das Laubwerk der Msasabäume filterte ein warmes, orangefarbenes Licht aus der untergehenden Sonne.
Scott stieß mit dem Fuß die Tür auf und balancierte zwei mit Fleisch und Pasta beladene Teller auf dem Arm.
„Die meisten simbabwischen Lehrer versammeln sich bei Jellimans, um nach der Arbeit noch einen zu heben. Hast du Lust? Im Dunkeln sieht auch niemand dein leuchtendes Gesicht“, scherzte Scott.
