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Freising in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts: In der bayerischen Domstadt mit ihren urigen Kneipen genießt Rolf das studentische Leben. Es ist eine Zeit voller Lebensfreude und Musik. Alles scheint möglich, so auch Rolfs Lebenstraum von einer eigenen Brauerei mit Erlebnisgastronomie, dem Panama Haus. Doch bei dem Versuch, seinen Traum zu verwirklichen, gerät Rolf ins Visier der organisierten Kriminalität. Es beginnt ein mörderischer Kampf gegen die verbrecherischen Machenschaften der Mailänder Mafia. Auch Rolfs Freundin Edi schwebt in größter Gefahr ...
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Seitenzahl: 422
Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhalt
Impressum 2
Zitat 3
Widmung 4
Vorwort 5
Kapitel 1 6
Kapitel 2 29
Kapitel 3 49
Kapitel 4 62
Kapitel 5 77
Kapitel 6 102
Kapitel 7 128
Kapitel 8 144
Kapitel 9 163
Kapitel 10 177
Kapitel 11 205
Kapitel 12 225
Kapitel 13 243
Kapitel 14 259
Kapitel 15 267
Kapitel 16 281
Kapitel 17 301
Nachwort 311
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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© 2022 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99131-192-8
ISBN e-book: 978-3-99131-193-5
Lektorat: Bea Greshake
Umschlagfoto: Pixattitude, Konstantin Kamenetskiy, Sergey Dzyuba | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Zitat
Ich hoffe, dass die Mafia
sich nach all den Jahren
nicht mehr so an mich erinnert,
wie ich mich an sie erinnere.
Rudolf Ernst
Widmung
Für meine Freunde
Sepp und Andreas W.,
die uns leider viel zu früh
verlassen haben.
Vorwort
Wir fühlen uns sicher in der Gesellschaft, in der wir leben, und haben nur alltägliche kleine Sorgen. Wir ärgern uns über den Chef oder Kollegen, die Heizkostenrechnung vom Vorjahr muss bezahlt werden, die Kinder haben wieder Schnupfen. Wir haben keine großen Werte, keinen Schmuck oder Kunst daheim und brauchen uns deshalb nicht vor Einbrechern zu fürchten. Uns geht es gut, wovor sollten wir Angst haben? Wir haben kein großes Vermögen, wieso sollte man uns erpressen?
Vor diesem Sommer habe ich auch so gedacht, vor einem Sommer, der alles veränderte. Aus dem sicheren Gefühl, meine Tochter abends freudig umarmen zu können, wurde Unsicherheit, sie nie wieder zu sehen. Aus Alltagssorgen wurde die lähmende Angst, sie zu verlieren.
Ich habe bezahlt für die Sicherheit meiner Tochter. Viel Geld bezahlt dafür, dass es ihr immer gut geht, sie nicht entführt oder verschleppt wird. Es darf ihr nichts geschehen. Sie sollte so frei leben dürfen, wie es ein sechzehnjähriges Mädchen kann, sicher und unbeschwert, egal, wo sie sich bewegt oder aufhält. Das war es mir wert, auf die Schutzgelderpressung einzugehen und zu bezahlen. Aber kann ich mir wirklich sicher sein, dass die sich an die Abmachung halten?
Was ist, wenn die Sicherheit trügerisch ist? Sie haben unser Geld. Sie haben uns ausspioniert und wissen alles über uns. Was wissen wir von ihnen? Geht es meiner Tochter noch gut? Kommt sie heute Abend heim? Oder muss ich sie suchen? Wo soll ich sie dann suchen? Ich glaubte, dass alles vorbei sei, wenn ich bezahle, aber es ist noch lange nicht vorbei.
Sepp Kamrath, Edis Vater
Kapitel 1
1968 Venezuela
Es war ein sehr heißer, staubiger Sonntag in einem kleinen Ort nahe Caracas in Venezuela. Nach dem Gottesdienst und dem Segen des Pfarrers verließen zwei Männer die Kirche St. Josef und traten von der Kühle des fast fensterlosen Innenraums in die gleißende Sommerhitze. Die Sonne stand kurz vor ihrem Tageszenit und es war zu heiß zum Arbeiten, doch diese beiden Männer hatten noch einen Auftrag zu erledigen. Sie verabschiedeten sich herzlich von ihren Frauen und küssten ihre Kinder, setzten sich ins Auto und fuhren los. Ihr Ziel war klar und ihr Auftrag auch. Wenn sie sich beeilten, konnten sie bis zum Mittagessen wieder bei ihren Familien sein. Das Anwesen, zu dem sie fuhren, lag einsam in einer ländlichen Gegend, zwölf Meilen außerhalb von Caracas.
Ein junges Mädchen, sie war elf oder zwölf Jahre alt, stand am Fenster im Obergeschoss des Wohnhauses. Ihr dunkles Haar fiel ihr wellig auf die Schultern und sie war glücklich, denn ihre Eltern hatten ihr erlaubt, ihr schönstes Sommerkleid anzuziehen. Es war aus einem leichten, luftigen Stoff mit bunten Blumenmustern sowie mit rosa Spitzen umsäumt.
Die Jalousien auf der Südseite des Hauses waren herunter gelassen und schräg gestellt, so konnte die Mittagshitze nicht ins Haus. Das Mädchen schaute durch die frei gebliebenen Schlitze der Holzlamellen. Ihr Blick ging auf die Landstraße, die ohne Schatten in der prallen Mittagssonne lag. Es war Trockenzeit und der Landschaft sah man an, dass es schon längere Zeit nicht mehr geregnet hatte. Wenn sie Gäste oder Freunde erwarteten, dann sah das Mädchen immer aus diesem Fenster. Weit sichtbar waren die Staubwolken, die von den Fahrzeugen auf der unbefestigten Straße aufgewirbelt wurden, dann zu sehen.
An jenem Sonntag wurde kein Besuch erwartet, aber eine Staubwolke in der Ferne kündigte an, dass ein Auto auf den Hof zufuhr. Ihr Vater stand vor dem Haupteingang des Anwesens, auch er blickte in die Richtung, aus der sich das Fahrzeug näherte. Kurz darauf bog eine schwarze Limousine in die Hofeinfahrt ein, fuhr einen Bogen und stoppte vor ihrem Vater.
Das Mädchen sah, wie zwei Männer aus dem Wagen stiegen, sie trugen trotz der Sommerhitze schwarze Anzüge. Weil das Fenster nur angelehnt war, konnte das Mädchen von dem Gespräch der Männer alles verstehen.
„Miguel Tresselt?“, fragte einer der Männer.
„Ja, der bin ich“, antwortete ihr Vater, „was wollt ihr an diesem heiligen Sonntag von mir?“
„Wir sollen dir schöne Grüße von Don Vittore Borletto ausrichten. Er sagte zu uns: Beseitigt das Problem.“
„Von Borletto … Problem?“
Bevor ihr Vater begriff, um was es ging, zogen beide Männer ihre Pistolen unter ihren Jacketts hervor und richteten sie auf ihn. Nicht ein Anzeichen von Schuldgefühl oder Reue war in ihren Gesichtern zu sehen, als sie schossen, jeder von ihnen drei- oder viermal. Ihr Vater sackte auf seine Knie nieder und fiel mit dem Gesicht in den Staub des Vorplatzes. Auf seinem weißen Hemd erschienen rote Flecken, die schnell größer wurden.
Das Mädchen sah mit Entsetzen, was geschah, ihre Beine versagten ihr und sie sackte zusammen. Sie zitterte am ganzen Körper. Mit letzter Kraft presste sie ihre Hände auf den Mund, um nicht laut zu schreien. Ihre Augen waren weit aufgerissen und füllten sich mit Tränen. Ihr war klar, sie durfte keinen Laut von sich geben, sich nicht bemerkbar machen. Das Mädchen wusste, dass sie diesen Moment und den Namen, den sie gehört hatte, ihr Leben lang nicht vergessen würde.
Die Männer schauten sich um, wohl prüfend, ob sie beobachtet wurden, und steckten die Waffen wieder ein. Sie stiegen in ihr Auto und fuhren in einem Bogen zurück auf die Landstraße, hinter dem Auto bildete sich wieder eine große Staubwolke.
1982 Wo bin ich?
Mein Schädel schien zu platzen, so weh tat mir mein Kopf … er war schwer. Meine Gedanken schüttelten sich, fielen durcheinander und waren nicht zu greifen. ‚Was ist los, wo bin ich?‘
Der Druck in meinem Kopf war übergroß und schien noch weiter zu wachsen. Es fühlte sich fürchterlich an.
‚Diese unerträglichen Schmerzen.Erwache ich aus einem Tiefschlaf oder einem Koma, oder was ist los?‘Vorsichtig, nur mit einem leichten Blinzeln des linken Auges, mehr war nicht möglich, versuchte ich meine Umgebung wahrzunehmen. ‚Wo bin ich?‘Ein weißer Hintergrund, den ich verschwommen sah, wie durch den Schlitz einer quer liegenden Schießscharte, sowie ein hell orangener Lichtschein, der mich blendete. Schnell schloss ich wieder das Auge.
‚Diese unerträglichen Schmerzen.‘ Mein Kopf begann hin- und herzuwackeln, scheuerte über das Kopfkissen, um die Schmerzen abzuschütteln. Ich wollte ihn fassen, ihn halten. Aber es ging nicht. Meine Arme bewegten sich nicht, etwas hielt sie fest, hielt meine Hände zurück.
Die Schmerzen ließen nicht nach. ‚Diese unglaubliche Pein!Was soll ich dagegen machen?‘Mein Kopf bewegte sich schneller, scheuerte weiter auf dem Kopfkissen hin und her. ‚Ist es überhaupt mein Kopf?‘Gleich würde es ihn zerreißen. Zerspringen würde er, um dem inneren Druck nachzugeben. ‚Kann ein Kopf platzen?‘
Vielleicht war die einzige Lösung mich nicht zu bewegen. Ich versuchte es wieder, versuchte den Kopf zu fassen, ihn ruhig zu halten. Aber es ging nicht, meine Arme konnte ich nicht heben, mit meinen Händen kam ich nicht zum Kopf. ‚Ich kann mich nicht bewegen. Ist das schlimm?‘
Meine Augen waren geschlossen, ich traute mich nicht sie wieder zu öffnen. Es würde noch schlimmer werden, sobald sie mir auch noch Informationen lieferten. Das Denken fiel mir schwer.
‚Nein, nicht, ich darf nicht wieder einschlafen.Wo bin ich?‘
Mein Gesicht, ich versuchte es zu berühren, es ging nicht. ‚Ich bin ans Bett gefesselt.‘
Meine Gedanken kamen zurück, … ‚was ist passiert?Warum habe ich die Spritze bekommen? Was wollen die von mir?‘Die Gedanken waren nicht gut. Ich musste meine Augen öffnen. Mühsam … aus einem schmalen Spalt Licht wurde mehr. Ich erkannte etwas, … weiße Krankenzimmerschränke. Schlagartig überfiel mich eine fürchterliche Angst, schien mich zu erdrücken und mein Herz begann wie verrückt zu rasen.‚Oh Gott, bitte nicht‘.Das Gebet drehte sich widerhallend in meinem leeren Schädel.‚Oh Gott nein, bitte lass es nicht so sein, bitte nicht.‘
Eine gewaltige Hitzewelle überkam mich und trieb meinen Herzschlag nach oben. In meinem Hirn dröhnte ein Vorschlaghammer. Kalter Schweiß strömte aus all meinen Poren. Lief über mein Gesicht, kitzelte auf den Wangen, durchtränkte Laken und Kopfkissen, auf denen ich lag. Nun wusste ich, wo ich war und was geschehen war. Borletto hatte gewonnen. Die Mafia hatte mich erwischt, … aus dem Verkehr gezogen. Ich hatte sie unterschätzt. Die Angst umklammerte mich, presste mir die Luft aus der Lunge.
„Neieieieinn, nein, nein, nein, nein, nicht Borletto … nicht Borletto“, schrie ich auf, so laut, dass meine Ohren dröhnten. Jeder in dem Haus musste es gehört haben. Laut und langanhaltend folgte ein ununterbrochener Schrei, bis die Schmerzen in meinem ausgetrockneten Hals mich wieder verstummen ließen.
‚Schreien?‘In der wieder eingetretenen Stille hörte ich nur meinen eigenen lauten Atem. Niemand kam! ‚Falsch, Schreien ist falsch. Nein, ich darf nicht mehr schreien. Das ist keine Lösung. Vielleicht ist das alles nur eine Verwechslung? Oder was, wenn die nur einen Grund suchten, mich hier festzuhalten? Wenn ich laut schreie, bekomme ich womöglich noch eine Spritze und dann komme ich hier nie wieder raus.‘
Ich schwitzte und fror gleichzeitig, hatte eine Gänsehaut an Armen und Beinen, konnte nicht aufhören zu zittern. Meine Augen konnte ich nicht mehr öffnen, wie zwei runde, schwere Kugeln lagen sie in meinem Gesicht, verweigerten ihre Aufgaben. Nie wieder würde ich sie öffnen können. Alles schmerzte und eine große Übelkeit überkam mich.
Das war ein Irrtum, das musste ein Irrtum sein, es würde sich bestimmt alles aufklären. ‚Und wenn nicht?‘
Wieder einschlafen und solange schlafen, bis die Kopfschmerzen weg sind. ‚Wird alles gut sein, wenn ich wieder wach werde?‘
Morgen eine Tasse Kaffee und alles wird gut. ‚Werde ich Kaffee bekommen?‘
Meine Augenlider wurden noch schwerer, alles drehte sich. ‚Hoffentlich nur eine Verwechslung … nicht die Mafia!‘Ich fiel wieder in eine tiefe Ohnmacht.
Bayern, Freising, drei Monate zuvor
Es war an einem der ersten warmen Maitage, Anfang der achtziger Jahre in Freising. Ich saß in meinem Taxi und wartete auf Fahrgäste, als meine Kollegin Sarah, begleitet von einem frühsommerlichen Luftzug und mit viel Schwung, sich auf den Beifahrersitz setzte.
„Hallo Rolf, leg doch das langweilige Buch zur Seite.“ Sie griff nach meinem Fachbuch und drehte es so, dass sie die Überschrift lesen konnte. Damit ihr Blick frei war, streifte sie mit der anderen Hand ihre brünetten Haare, die ihr ins Gesicht gefallen waren, zur Seite.
„Verfahrenstechnik“, las sie mit respektvollem Klang in ihrer Stimme laut vor, wobei allerdings ihr Tonfall abwertend nach unten ging. „Oh Mann, du versaust dir den wunderschönen Abend. Es geht auf den Sommer zu, die Sonne strahlt uns an und du liest so ein Zeug.“
Ich nahm das Buch wieder zurück, klappte es zu und legte es zur Seite. „Auch wenn es noch so langweilig für dich sein mag, für mich ist es essentiell. Ich muss mir den Stoff reinziehen, ansonsten schaffe ich mein Studium nicht.
Und von wegen ‚wunderschönen Abend versauen‘. Der war in dem Moment schon ruiniert, als ich mich ins Taxi gesetzt hatte, um auf Leute zu warten, die bei dem schönen Wetter lieber zu Fuß gehen, anstatt Taxi zu fahren.
Eigentlich müsste ich viel mehr für die Uni machen und nun warte ich schon seit einer Dreiviertelstunde auf eine Fahrt. Heute ist kein guter Tag zum Geldverdienen, da hätte ich mich besser um mein Studium gekümmert.“ Ich überschüttete Sarah mit meiner Unzufriedenheit.
„Aber ich bin doch jetzt da, dann muss es dir doch gut gehen.“ Sarah startete mit ihrer smarten Offensive den Versuch, mich wieder zu beruhigen.
Ich drehte mich mehr zu ihr hin, ihre Augen strahlten wie immer. „Oh Sarah, ich liebe dein Lächeln und freue mich, dass du da bist. Aber immer, wenn du hier bei mir bist, fällt mir mein Problem ein: Du hast einen Freund und dein Freund ist auch mein Freund.“ Meine Stimmung sackte weiter ab, als ich das sagte. Was bei Sarah dazu führte, dass sie mich nicht mehr so erfreut anschaute wie zuvor.
„Geht es dir wenigstens gut?“, fragte ich daher hilflos nach.
Ihre Antwort war heftiger als erwartet: „Rolf, was machst du überhaupt? Ich komme zu dir ins Taxi und anstatt dich zu freuen, beschwerst du dich unentwegt.“ Ihre Stimmung war nun auch gekippt und die Antwort passte mir nicht. Unbewusst hatte ich das Gespräch an einen für Sarah sensiblen Punkt gelenkt. Das merkte ich an ihrer Reaktion. Sie war mit ihrer Aussage auch noch nicht fertig.
„Du hast doch bereits ein Studium abgeschlossen, das habe ich nicht. Wieso arbeitest du nicht in deinem Job? Wieso bist du noch hier und wartest in einem Taxi auf Arbeit. Wieso fährst du überhaupt noch Taxi? Ich würde es nicht mehr machen, mit einem abgeschlossenen Studium wie du. Mir scheint es so, als ob du Angst hast. Angst davor, dass du in deinem Beruf arbeiten musst, oder täusche ich mich da?“
Sie war ziemlich gereizt, als sie mir das sagte, so kannte ich sie bis dahin nicht. Was hatte ich nur falsch gemacht?
„Langsam, Sarah, langsam“, ich versuchte die Situation wieder zu drehen und sie zu beruhigen. „Vielleicht hast du Recht, ich sollte mir was anderes suchen und in meinem Beruf arbeiten. Aber vorerst studiere ich noch Getränketechnologie, das Zweitstudium will ich auch noch schaffen, habe nur noch zwei Semester.“ Während ich das sagte, kam mir in den Sinn, dass sie nicht ganz Unrecht hatte, und ich stockte in meiner Aussage, bevor ich leiser fortfuhr.
„Aber wahrscheinlich ist das auch nicht mein großes Ziel. Wegen des Studiums bin ich nach Bayern gekommen, glaube aber, dass das noch nicht alles war. Ich habe das Gefühl, ich habe nur einen Zwischenstand erreicht und bin mir nicht sicher mit dem, was ich hier noch mache.“
„Wie meinst du das?“, Sarah fragte erstaunlich ruhig nach.
„Es ist so, als ob ich aus Freising noch nicht weg kann, noch eine Zeit bleiben sollte, weil noch etwas Wichtiges geschehen wird. Weißt du, es ist ein unbestimmtes Gefühl, ich kann es nicht beschreiben, so etwas wie eine Bestimmung. So als müsste ich hier noch auf einen wichtigen Menschen in meinem Leben warten. Auf eine Person, die mich, obwohl ich sie noch nicht kenne, noch zurückhält.
Einen Job in meinem Beruf finde ich definitiv nicht in Freising, sondern nur in einem anderen Ort. Dann bin ich auch weg und sitze nicht mehr hier mit dir im Taxi.“
Sarah hörte mir ruhig zu. Sie war wieder entspannt und drehte sich nebenbei eine dünne Zigarette. Sie sagte nichts, ich nutzte die Zeit und sprach weiter.
„Daher kann ich noch nicht weg, ich muss noch bleiben. Meine Wünsche und Vorstellungen vom Leben sind sehr viel größer als das, was derzeit passiert. Die Ziele, die ich vor Augen habe, die kann ich heute noch nicht formulieren. Es ist so, als ob mir noch etwas fehlt und ich noch nicht die Energie habe, um alles zu verstehen oder umzusetzen.“
Sarah hatte mir erstaunlich aufmerksam zugehört, nebenbei ihre Zigarette angezündet und das Autofenster geöffnet.
„Klingt recht spannend“, sagte sie dann auch und blies den Rauch aus dem offenen Fenster. „Aber fehlt es dir nicht nur an Kreativität, weil du immer in diesem Taxi sitzt und langsam verblödest? Denk doch weiter. Wenn du doch weißt, dass dir Energie fehlt, dann gib dir selber einen Ruck. Übernimm Verantwortung für dein Leben und werde aktiv, denke darüber nach, wie deine Zukunft aussehen könnte. Mach dich doch selbstständig, entwickle eine Geschäftsidee und bau ein eigenes Unternehmen auf. Dann kannst du auch hier bleiben und dem Menschen, der dir noch fehlt, Zeit geben, dich zu finden.“
Das Gespräch war gut zwei Wochen her und ihre Worte hatten mich noch lange beschäftigt. Für mich war es die richtige Ansage zur richtigen Zeit gewesen.
Auch wenn man das Gefühl hat, dass noch irgendetwas passieren muss oder dass man auf etwas oder jemanden wartet, gerade dann muss man Änderungen vornehmen, weil ansonsten nichts passiert. Wenn man nur auf Veränderungen wartet, wird nichts geschehen, oder es wird nur das geschehen, was man nicht wollte.
Es war an der Zeit, dass ich meine Zukunft aktiver angehe. Nur auf Situationen zu reagieren, auf Studieninhalte oder auf Taxigäste zu warten, war zu wenig.
Ich beschloss, mein eigenes Unternehmen zu gründen, bloß wo bekam ich eine gute Geschäftsidee her?
Der Österreicher
Ein paar Tage später saß ich wieder im Taxi. Mein Sitz war leicht schräg gestellt, meine Augen halb geschlossen und ich genoss die Abendsonne, die den Wagen schön erwärmte. „Ja, das müsste gehen“, leise sprach ich zu mir, so als Selbstbestätigung, niemand konnte es hören. Ich hatte einen super Gedanken, eine Geschäftsidee zu meiner Selbstständigkeit. Die war richtig gut und ich musste noch genauer darüber nachdenken und sie durchrechnen.
In der Reihe der wartenden Taxis war ich an dritter Stelle, die S-Bahn war vor ein paar Minuten eingefahren. Noch tief versunken in meinen Überlegungen riss plötzlich ein Mann die rechte Autotür auf und setzte sich auf den Beifahrersitz.
Das mochte ich nicht so gerne, wenn die Fahrgäste neben mir saßen, dafür war ich zu introvertiert. Auf dem Rücksitz störten sie mich nicht so sehr. Aber es war zu spät, ich konnte den Mann nicht mehr nach hinten schicken.
„Wohin darf ich Sie bitte fahren?“ Das war nicht wirklich eine Frage, sondern nicht mehr als eine Floskel, die ich, noch in Gedanken versunken, dem Fahrgast entgegenbrachte. Ich stellte meinen Sitz gerade und startete den Motor.
„Wohin, weiß ich schon, aber ich weiß nicht, wo das ist“, antwortete er mir auf meine Frage. Die Antwort war nicht wirklich eindeutig und wurde in starkem Wiener Dialekt ausgesprochen. ‚Wieder so ein Komiker‘, dachte ich mir, ‚und dazu noch ein Österreicher, aber vielleicht kennt er sich in Freising nicht aus‘.
„Haben Sie eine Adresse?“, fragte ich so höflich wie möglich nach.
„Nein, hab ich nicht“, war die knappe Antwort.
„Also, Sie müssen mir schon sagen, wohin Sie möchten, ich kenne hier doch alle Straßen und jede Kneipe und bringe Sie überall hin, dafür sitze ich hier.“ Ich grinste breit und versuchte weiter freundlich zu bleiben.
„Ja, ich hoffe, du kennst dich hier aus, ich möchte schließlich etwas erleben, und zwar jetzt gleich! Museum kannst du vergessen und Biergärten haben wir in Wien selber genug. Für Discos bin ich zu alt und die machen sowieso erst später auf, das weiß ich auch und da will ich auch nicht hin.“
„Also bitte, wohin? Was anderes haben wir hier auch nicht.“ Sollte das ein Ratespiel werden? Langsam begann ich mich zu ärgern. Das Taxameter hatte ich noch nicht angemacht, der Motor lief und die Diskussion, wohin der Mann gefahren werden wollte, ging mir schon zu lange. Die Kollegen hinter mir drängelten und warteten darauf, dass ich losfuhr und meinen Platz frei machte.
„Wenn Sie was erleben wollen, muss ich Sie nach München fahren“, schlug ich vor.
„Aber da komme ich doch gerade her. In der Stadt haben’s gesagt, dass ihr einen super Puff auf dem Land habt. Da möchte ich hin.“
„Ja endlich, wieso sagen Sie denn das nicht gleich, wo Sie hinwollen, und nein, der Puff in Freising ist schon lang wieder geschlossen. Aber ich kann Sie nach München fahren, zu einem Bordell gleich im Münchener Norden.“ Na bitte, ich freute mich, das würde eine gute Tour werden. Das lange Warten und die Diskussion hätten sich dann wenigstens gelohnt.
„Wie, nach München, das ist viel zu teuer.“ Der Wiener legte wieder eine kurze Denkpause ein, um dann fortzufahren. „O.k., fahren wir, aber ich zahle nur 30 Mark.“
„Nein, nein, so läuft das nicht! Ich mache das Taxameter an und Sie zahlen den Preis, der angezeigt wird.
Ich hasste das Feilschen um den Fahrpreis, andererseits wollte ich die Fahrt gerne machen und schaltete die Uhr an.
„Ja, o. k.“, der Österreicher stimmte zu.
Ich nahm das Mikrofon und meldete mich bei meiner Taxizentrale ab,›Zentrale! Wagen 3 fährt nach München‹
›Wagen 3! Wenn du wieder zurück bist, kommst gleich zum Abendessen in die Zentrale‹, war die Antwort. Der Zentralendienst wurde heute von der Oma gemacht und über die Einladung zum Abendessen freute ich mich.
Während der Fahrt war mein Fahrgast schweigsam. Eine knappe halbe Stunde später waren wir am Ziel und ich forderte meine Bezahlung ein.
„Lass uns erst reingehen, ich muss schauen, ob ich hier auch bleiben will“, bei den Worten machte der Österreicher die Tür auf und stieg aus. Ich fluchte leise, das war nicht gut für mich, aber mir blieb keine andere Wahl, als den Motor abzustellen und ebenfalls den Wagen zu verlassen. Solange ich mein Geld nicht hatte, musste ich dem Österreicher schnell hinterher, zumal dieser schon an der Tür zum Lokal war und kurz darauf auch darin verschwand. Er durfte mir auf keinen Fall entwischen, denn in dem Haus gab es zu viele Türen, hinter denen es mir unmöglich war, ihn zu suchen.
Zügig ging ich ihm nach und stand einen Moment später schon mitten drin im Nachtclub. Erst sah ich nicht viel, es war nicht allzu hell in der Bar, ziemlich schwach beleuchtet. Das weiche Licht der abgependelten Lampen machte die Anwesenden, vor allem die sieben oder acht Damen an der quadratischen Bar, die knappe Bekleidung verdeckte nicht viel von ihnen, schöner als sie bestimmt bei Tageslicht aussahen. An der gegenüberliegenden Querseite saß eine dunkelhäutige Schönheit, die der Österreicher direkt ansteuerte. Er fing auch gleich ein Gespräch mit ihr an, zumindest versuchte er sich mit ihr zu unterhalten.
Er sah mich und fuchtelte sofort mit den Armen, um mich zu sich zu winken.‚Na,‘ dachte ich mir,‚der hat große Sehnsucht nach mir. Der will doch nicht seine Taxifahrt so dringend bezahlen‘. Wie Recht ich doch hatte.
Als ich zu ihm kam, griff er mir an die Schulter und zog mich noch dichter zu sich heran. „Du musst mir helfen“, sprach er im leisen Ton.
„Und ich bekomme jetzt die Fahrt bezahlt, sechsundfünfzig Mark.“ Meine Antwort war ebenso leise, aber energischer. Dabei holte ich meine große Taxigeldbörse heraus und öffnete sie zum Zeichen, dass ich das Geld nun gerne in Empfang nehmen würde.
„Ja, aber du musst mir helfen, ich …“.
„Jetzt bezahlen Sie mir erst die Fahrt“, unterbrach ich ihn, meine Stimme wurde lauter und meine Stimmung verdüsterte sich.
„Die Frau spricht nur Englisch und ich verstehe kein Wort. Sprich du mit ihr und dann bezahle ich dich“, forderte er mich auf.
Ich stand zwischen dem Österreicher und der Dame. Diese verfolgte die Diskussion zwischen meinem Fahrgast und mir mit ihren übergroßen Augen. Sie verstand nicht, um was es ging. Ich bemerkte das, als ich in ihr Gesicht blickte.
Auch registrierte ich, dass sich vorne am Eingang eine verdammt mächtige Gestalt aufgebaut hatte und den Raum aufmerksam überblickte. Das war sicher der Rausschmeißer. Der sah nicht so aus, als ob er Unruhe in diesem Etablissement tolerieren würde. Mit dem Österreicher ums Geld feilschen, in einem Geschäft, in dem es um Harmonie und Zufriedenheit ging, war keine gute Idee.
Um zum Abschluss zu kommen, musste ich folglich den Vermittler zwischen meinem Fahrgast und der Frau spielen. Als ich meinen Blick hob, sah ich direkt in die großen braunen Augen der jungen Dame. Ich kramte mein Schulenglisch heraus und fragte sie: „What’s your name?“
„Bonny“, sie sagte das ein wenig schüchtern.
„O.k. Bonny, everything is fine, I think he likes you“, antwortete ich und deutete dabei auf den Österreicher, der mich erwartungsvoll anschaute.
„Geht doch, hat sie schon etwas über ihren Preis gesagt?“, fragte der und war gleichzeitig ungeduldig sowie begeistert. Ich atmete tief durch, bevor ich antworteten konnte.
„Sie kann doch nicht mit einem Wort ihren Namen und ihren Preis angeben. Sie heißt Bonny. Hallo, ich bin nicht ihr Zuhälter, was verlangen Sie da von mir?“ Der Schrank in der Ecke schaute verdammt grimmig, die für mich unangenehme Situation spitzte sich zu. „Sechsundfünfzig Mark, auf geht’s, bezahlen!“, obwohl ich die Lautstärke durch meine gepressten Lippen regulierte, war das eine deutliche Ansage.
Der Österreicher öffnete seine Geldbörse, die nicht viel kleiner war als meine, und nahm einen Fünfzigmarkschein heraus. „Wir werden doch nicht gleich sauer sein, o. k., hier hast du fünfzig Mark.“ Mein Blick ging in seine Geldbörse, es war unglaublich! Der hatte einen Haufen Scheine dabei, die Geldbörse war so richtig voll. Nicht nur ein paar kleine, sondern prall voll mit den großen Scheinen. Der konnte sich diese Schönheit locker leisten und ich musste um mein Geld betteln, wobei immer noch sechs Mark fehlten. Der Kleiderschrank fixierte mich.
Schnell steckte ich mein Geld ein, als Bonny mir auf die Schulter tippte. „What’s the matter?“, fragte sie mich.
Ich hatte sie in dem Moment schon vergessen und drehte mich zu ihr um. Meine Anspannung war auf hundertachtzig und vor Wut wäre ich am liebsten geplatzt, so sauer war ich auf den Österreicher, konnte meine Stimmung aber nicht an Bonny auslassen. Also schnaufte ich kräftig durch, versuchte freundlich zu schauen und ihr zugewandt sagte ich: „Yes, he wants you.“
Der Österreicher hatte verdammt viel Geld und war aber gleichzeitig zu geizig, seine Taxifahrt komplett zu bezahlen. Da war er bei mir an den Falschen geraten. Also gab ich bei Bonny eine Bestellung auf: „Yes, he wants everything from you, the whole job performance. But first he asks you to order a bottle of champagne for him. Bye, Bonny, it’s time for me to go now.” Ohne mich von meinem Fahrgast zu verabschieden oder mich auch nur umzudrehen, verließ ich schnell das Lokal.
Der Champagner kostete den Österreicher in dem Puff ein Vermögen, vielleicht auch zwei. Hoffentlich flog das mit der teuren Bestellung nicht auf, bevor ich weg war. Also beschleunigte ich meine Schritte in Richtung Taxi, öffnete ebenso schnell die Wagentür und setzte mich rein, startete den Wagen und fuhr im rutschigen Kies das Fahrzeug zügig zurück. Mein Blick in den Rückspiegel war nicht so gut, ich sah den Rausschmeißer. Er kam aus der Tür gestürmt und winkte mir zu.
„Hey, hey“, rief er, „warte mal.“
Der erste Gang bei dem Wagen hakte wie immer, wenn es pressierte. Ich war nicht schnell genug und da klopfte es auch schon auf dem Autodach, er war bei mir. Mir blieb keine andere Wahl mehr, ich trat die Bremse tief durch und ließ das Fenster herunter, den Motor ließ ich sicherheitshalber laufen.
Der Kerl beugte sich runter zum Fenster und schnaufte eine kräftige Whisky-Cola Atemwolke ins Auto.
„Wir haben eine neue Regelung für Taxifahrer. Du hast dir einen Zehner verdient für den Gast, den du uns gebracht hast. Beim nächsten Mal meldest dich bei mir, kriegst wieder einen pro Nase, oder … du weißt schon“. Dabei reichte er mir einen Zehnmarkschein durchs Autofenster. Er klopfte noch zweimal zur Verabschiedung aufs Autodach, drehte sich weg und ging wieder langsamen Schrittes ins Haus.
Da war das Trinkgeld, ich fädelte mich zufrieden in den Verkehr ein und fuhr zurück nach Freising.
Ach ja, das Abendessen bei der Oma war fertig. Bei dem Gedanken spürte ich meinen Magen und fuhr zügig zurück zur Zentrale. In Freising angekommen war bis zur Ankunft der nächsten S-Bahn noch eine halbe Stunde Zeit, die würde reichen zum Abendessen.
Die Wohngemeinschaft
Am nächsten Morgen wachte ich schon um halb sieben auf. Viel zu früh, aber eine innere positive Unruhe ließ mich nicht mehr weiterschlafen. Meine Geschäftsidee von gestern wollte ich heute zu Papier bringen und bis zur ersten Vorlesung um elf Uhr blieb mir noch Zeit, die ich entsprechend nutzen wollte.
Mit meinen Freunden Norbert und Andi wohnte ich in einer Wohngemeinschaft, zentral mitten in der Altstadt, gleich in der Nähe zur Diskothek in der Hauptstraße. Wir wohnten, so wie es bei Brauereistudenten sein sollte, in einer alten, stillgelegten Brauerei, dem Hacklbräu. Unsere Wohnung war oberhalb des ehemaligen Sudhauses, in dem über vierhundert Jahre Bier gebraut wurde. Wir hofften, dass von dieser alten Braustätte eine Inspiration für unser Studium ausging, wir haben lange darauf gewartet, sie ist leider nie eingetreten.
Das Taxiunternehmen, für das meine WG Freunde und ich fuhren, hatte seine Zentrale im gleichen Haus und die Autos parkten immer im Innenhof.
Ich stand auf, um das Frühstück vorzubereiten. Weil das Badezimmer in unserer Wohnung fehlte, war die Dusche in unserer großen Küche eingebaut. Schon im Flur hörte ich das Wasser rauschen. Norbert und Andi konnten das nicht sein, die schliefen immer länger. Folglich machte ich eine neue Bekanntschaft, sie seifte sich unter der Dusche gerade ein. Soweit ich durch das gemusterte Glas der Tür erkennen konnte, war sie hübsch. Auf dem Stuhl vor der Dusche lag ihre Kleidung.
„Guten Morgen, ich bin der Rolf. Lass dich nicht stören, ich koche nur Kaffee, Frühstück gibt’s in zehn Minuten“, rief ich ihr zu.
„Schöne Idee“, antwortete sie etwas lauter, um das Rauschen des Duschwassers zu übertönen, „aber darauf kann ich nicht warten. Ich muss zum Krankenhaus, zur Arbeit, meine Schicht fängt an.“ Dann drehte sie das Wasser ab. Die Duschtür ging auf und sie griff nach dem einzigen großen Handtuch, das da war, das wir alle immer benutzten und das am Wochenende gewechselt wurde. Wir hatten vereinbart, dass ein Handtuch für alle kein Problem sei, weil man nach dem Duschen sauber ist und das Handtuch somit beim Abtrocknen nur nass wird. Damit sparten wir eine Menge Waschpulver ein.
„Mein Name ist Moni, sagst du dem Andi, dass ich ihn heute nach meiner Schicht anrufe?”, bat sie mich.
„Ja, mach ich. Magst du wirklich nicht zum Frühstück bleiben? Ich habe frische Semmeln und Brezen. Die habe ich heute Nacht um drei bei der kleinen Bäckerei neben dem Jagdhaus in der Hauptstraße besorgt.“
Moni zog sich schnell an. „Klingt gut, aber ich bin heute leider spät dran und kann nicht bleiben.“ Nach den Worten verschwand sie.
Von dem frischen Kaffeeduft wurde Andi wach und wir frühstückten gemeinsam. „Wieso bist du denn schon so früh aufgestanden? Mutierst du zum Streber?“, fragte er mich.
„Ich möchte heute Kosten und Erträge einer Gasthausbrauerei durchrechnen und mich damit vielleicht selbstständig machen. Das bedeutet für mich früh aufstehen“, informierte ich ihn.
„Da hast du viel vor, Kleinbrauereien sind teuer, du wirst viel Investitionskapital brauchen und eine gute Idee, wie du viele Gäste ins Lokal bringst, damit du den Bieransatz sicherst. Ansonsten bist du gleich wieder pleite“.
Das war nicht unbedingt ein positiver Zuspruch von Andi.
Ich erklärte ihm meine Geschäftsidee. Um die Kosten zu decken, plante ich ein Bowlingcenter mit ein. Bei wechselnden Belegungen der Bahnen könnten so bis zu zweihundert Gäste jeden Tag in das Lokal kommen, um mein Bier zu trinken.
Eine Stunde später saß ich an meinem Schreibtisch und hätte Verfahrenstechnik lernen müssen, wäre auch sehr wichtig gewesen. Aber der Geschäftsplan schien mir ebenfalls sehr wichtig zu sein und für mich momentan viel interessanter. Die Idee musste ich erfassen, die Kosten, die Einnahmen und die Ausgaben durchkalkulieren, … das war noch viel Arbeit.
Als Voraussetzung für den späteren Geschäftserfolg war es noch wichtig, einen einprägsamen Namen für mein Projekt zu finden. Er musste unverwechselbar sein und bei den Leuten unweigerlich zu der Aussage führen ‚da muss ich hin‘!
Den ganzen Tag arbeitete ich an dem Business Plan, die Vorlesungen an der Uni schwänzte ich. Spät abends, als ich schon im Bett lag, kam mir die zündende Idee zur Namensgebung. Einer meiner Kommilitonen kam aus Panama. Panama klang exotisch. Zwei Besonderheiten in einem Haus, Gasthausbrauerei und Sport, vielleicht mit karibischem Ambiente, folglich sollte der Name ‚Panama Haus‘ sein.
Mailand
Vittore Borletto saß an seinem Schreibtisch in seinem Mailänder Büro. Er sah kurz auf, als Ricardo hereinkam. Ricardo trug schon wieder kein Jackett. Borletto schüttelte leicht verärgert darüber den Kopf.
„Mach die Tür zu und setz dich zu mir“, begann Borletto das Gespräch, „wir müssen über Bayern reden, schließlich sind wir einen großen Schritt weiter. Wir müssen mit unserem Vorhaben so langsam durchstarten.“
„War auch viel Arbeit und nicht so billig“, Ricardo setzte sich hin und runzelte die Stirn, er war sich nicht sicher, was sein Boss ihm sagen wollte.
„Über Geld reden wir später“, führte Borletto weiter aus. Er war unruhig, stand auf und ging im Raum auf und ab. „Zuerst habe ich ein anderes Anliegen: Unsere Organisation in Bayern läuft noch nicht rund. Zwar sind wir mit dem Ausbau unserer Netzwerke dort recht weit und wir haben schon wesentliche Partner auf unserer Gehaltsliste, darunter Politiker, Ärzte, Unternehmer. Aber die Aufgaben, die erledigt werden müssen, brauchen zu lang und wachsen uns so langsam über den Kopf.
Weil wir in Bayern immer noch Defizite in der Ordnung haben und auch klare Strukturen fehlen, fällt alles auf uns zurück, auf Mailand. Wir haben zu viel Arbeit. Alles wird von uns aus organisiert und gemacht. Wir müssen etwas ändern und die Arbeit dort lassen, wo sie anfällt. Und da stellt sich mir die Frage, wer kann uns helfen? Wer wird Bayern zukünftig führen und verantworten? Wer wird unser Chef vor Ort? Das sind zentralen Fragen und sie zu beantworten wird nicht einfach.
Die meisten neuen Mitglieder unserer Familie haben immer nur eines im Sinn, Geld verdienen. Das ist leider nur ihr einziges Ziel, schnelles Geld machen, egal wie. Diese Männer sind leicht in unsere Organisation einzubinden. Wir können ihnen vertrauen, aber wir können ihnen keine großen Aufgaben überlassen, eben weil ihnen der Biss, weil ihnen die Idee zu Größerem fehlt“, Borletto machte eine kurze Pause, strich eine Haarsträhne zurück und sprach weiter.
„Das müssen wir ändern oder wir werden es irgendwann nicht mehr schaffen und bereuen. Wir brauchen in Bayern unseren starken Mann. Einer, der als Partner bereit ist, sich mit wirksamen Zukunftsvisionen für die Organisation einzusetzen.“
Ricardo sah Borletto an, wie wichtig ihm das Gespräch war, und bestätigte ihn: „Ja, Boss, so ist es. Wir haben in Bayern unsere Organisation soweit aufgebaut. Wir können unsere Geschäfte dort hochfahren. Aber weil wir noch nicht wissen, welche Gegenwehr wir zu erwarten haben, agieren wir momentan noch so vorsichtig wie möglich. Durch eine bessere Präsenz vor Ort könnten wir sehr viel mehr erreichen.“
„Unser Mann in München, wie war noch sein Name?“
„Lorenzo“, Ricardo half ihm und sprach gleich weiter. „Wir haben zwei Leute in Freising und Lorenzo in München. Was Lorenzo macht, ist gut und es funktioniert. Aber ich halte nicht viel von ihm, er ist leider nicht mehr als ein Zuhälter. Anstatt ein seriöses Auto zu kaufen, fährt er gleich einen Porsche. Das zeigt mir, dass er über seine derzeitigen Jobs nicht hinauswachsen wird.“
Borletto setzte sich wieder hin, direkt Ricardo gegenüber und fixierte ihn mit seinem Blick: „Wir müssen diesen Mann bald finden. Ich würde dich gerne nach Bayern schicken, dir kann ich vertrauen, aber dich brauche ich hier. Daher eine neue Aufgabe: Finde unseren Mann, und zwar schnell!
Kommen wir zum Geld, wir haben viel investiert, das müssen wir uns zurückholen. Ich erwarte kurzfristige Erfolge. Ricardo, was hast du vorbereitet?“
„Schutzgelder! Wir werden Schutzgelder erpressen“, Ricardo sagte das mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Ihm war bewusst, dass er damit Borletto reizen würde.
Der polterte auch gleich los: „Schutzgelder in Restaurants und Gaststätten abkassieren, nein! Das ist ein Kleingeldgeschäft und mit einem zu hohen Aufwand verbunden. Ist zudem zu risikoreich. Nein, das machen wir sicherlich nicht!“ Borletto war aufgebracht und schüttelte seinen Kopf.
„Ganz ruhig, Boss, … ganz ruhig. Ich denke nicht an Kleingeld, sondern an große Scheine.“ Ricardo beruhigte Borletto wieder. „Wir bereiten ein anderes Schutzgeld vor. In München und Freising wohnt eine reiche Mittelschicht, Familien mit hübschen Töchtern, die beschützt werden müssen. Die Eltern werden uns gerne Schutzgelder dafür bezahlen, dass es ihren Töchtern gut geht, … dass ihnen nichts passiert.“
Er machte eine kurze Pause. Der Blick seines Gegenübers verriet ihm, dass er nicht nur Borlettos Aufmerksamkeit bekam, sondern in diesem Moment auch seinen Respekt erhielt.
„Sprich weiter“, war dessen erwartungsvolle Aufforderung.
„Wir werden aus der Anonymität heraus agieren und es wird keine Probleme geben. Das Geld wird von alleine fließen, ohne dass wir ein großes Risiko eingehen müssen. Alles ist vorbereitet.“
Edi
Edi stand vor dem Spiegel im Badezimmer und zog ihren Lid-strich nach. Ihre blonden Locken fielen ihr dabei immer wieder ins Gesicht, was sie ein wenig störte, da sie sich beeilen musste.
Sie musste das Bad wieder freigeben, es konnte nicht mehr lange dauern, und eine ihrer Schwestern würde an die Tür klopfen, spätestens dann musste sie raus. Es war jeden Morgen dasselbe Theater, wenn nicht sie das Bad blockierte, dann eine ihrer Schwestern oder der Bruder oder, noch schlimmer, der Vater.
Sie hatten zwei Bäder. Aber bei sechs Leuten, die zur gleichen Zeit aus dem Haus mussten, davon vier Mädchen im Teenageralter, plus Vater und jüngerem Bruder, da war es immer eng und trotz abgestimmter Koordination jeden Morgen der gleiche Stress. Und schon klopfte es an der Tür. „Ich muss auch noch rein!“
„Bin sofort fertig“, antwortete Edi nur knapp. Sie freute sich auf den morgigen Tag, auf ihren Geburtstag. Dann würde sie sechzehn werden. Für Edi noch eine magische Zahl, ein Alter, das zu mehr Rechten verhalf. Morgen wollte sie feiern.
Susi, die ein Jahr ältere Schwester, hatte versprochen, mit ihr in eine Bar zu gehen, einen Laden, der absolut in war. Alles war schon länger geplant, sie hatte extra gespart, damit sie Susi zu einem Piccolo einladen und mit ihr auf den Geburtstag anstoßen könnte. Aber Susi hatte eine bessere Idee gehabt. „Wir bestellen uns nur einen Piccolo mit zwei Gläsern. Wir bezahlen einen und, so toll wie wir aussehen, kommen die anderen kleinen Flaschen von alleine zu uns“, hatte sie gesagt. Susi wusste anscheinend, wovon sie sprach, und der Gedanke Geld zu sparen gefiel Edi.
Die kleine Feier in der Gaststätte wäre dann die offizielle Geburtstagsfeier, ein weiterer Schritt in Richtung Selbstständigkeit. Und genau das war ihr wichtig.
Sie liebte ihre Eltern und Geschwister, sie hatten sehr viel Freude zusammen. Aber so als jüngste Tochter mit einem Kronprinzen als jüngeren Bruder fühlte sie sich nicht immer ausreichend berücksichtigt. Die Aufmerksamkeit der Familie galt immer ihren großen Schwestern oder dem jüngeren Bruder. Daher freute sie sich schon heute auf eine eigene Wohnung, die sie hoffentlich bald haben würde. Und wenn sie dann ab und an ihre Familie besuchen würde, fände sie auch Beachtung.
Morgen würde sie feiern. Nicht, dass sie nicht schon öfter bis nach Mitternacht in den Discos gewesen wäre, aber ab morgen würde es wieder ein Stück legaler und das späte Heimschleichen, wenn die Eltern schon schliefen, wäre nicht mehr so schlimm.
In der Schule war Edi sehr beliebt. Sie hatte nur immer das Gefühl, dass sie wie ein Küken für die Jungen in ihrer Klasse war, jeder wollte immer auf sie aufpassen. Und deshalb würde sie nur mit Susi feiern, die war ihr wichtig und nur ein Jahr älter als sie.
„Bist du eingeschlaaaafen!!!???“
Die Ansage war laut und verbunden mit einem starken Klopfen an der Tür. Sie musste nun wirklich das Bad räumen.
Kapitel 2
15. Juni
Es war Donnerstagabend. Andi und weitere Kommilitonen hatten ihre Diplomarbeit an der Uni abgegeben und wir feierten das in einer größeren Gruppe, es ging recht lebhaft zu.
Meine Arbeit der letzten Tage, den Businessplan weiter zu bearbeiten, war vorerst abgeschlossen. Alles war zu Papier gebracht und ich war stolz auf meine Arbeit. Die Vorlesungen hatte ich in den letzten Tagen nicht besucht. So langsam begann mein Studium unter meiner zusätzlichen Aufgabe zu leiden. Aber ich hatte es mir selber ausgesucht und es war trotzdem ein gutes Gefühl.
Eduardo saß mir direkt gegenüber und als ob er meine Gedanken gelesen hätte, sprach er mich darauf an. „Ich habe gehört, du willst dich selbstständig machen und hast eine Geschäftsidee entwickelt, was hast du vor?“ Eduardo war aus Venezuela. Seine Herkunft und Abstammung sah man ihm an, er war richtig gut aussehend mit seiner dunkler getönten Haut, zudem groß und sportlich durchtrainiert. Seine fast schulterlangen glatten schwarzen Haare trug er mit Mittelscheitel. Sein gesamtes Erscheinungsbild zusammen mit seiner charmanten Art machte ihn zum Schwarm der Kommilitoninnen.
Für mich war es nicht die richtige Kulisse und zu laut in dem Lokal, um übers Panama Haus zu sprechen, aber ich gab ihm bereitwillig Auskunft. Schließlich war ich richtig stolz auf mein Vorhaben.
„Es ist eine super Geschäftsidee, ich bin selber total begeistert davon. Die letzten Tage habe ich dafür gearbeitet. Es soll ein Bowlingcenter werden und ich möchte selbstgebrautes Bier ausschenken. Es soll das Panama Haus werden.
Heute habe ich den Geschäftsplan fertiggestellt und nächste Woche habe ich einen Termin mit einem Herrn Greiner von meiner Bank. Ich möchte mit ihm die Finanzierung des Vorhabens klären. Aber woher weißt du das schon wieder? Bis heute habe ich nur mit Andi und Sarah darüber gesprochen.“
Eduardo wich irgendwie aus. „Ich bekomme immer alles mit. Aber der Name und die Idee sind wirklich gut.“
„Ja, aber vorerst ist alles nur mein großer Traum, den ich noch realisieren muss. Vor allem die Finanzierung wird für mich verdammt schwer werden. Ich habe ausgerechnet, dass ich für die Umsetzung am Anfang ungefähr fünf Millionen investieren muss, die ich nicht habe. Der Banker wird mich abblitzen lassen, schließlich habe ich kein Vermögen, mit dem ich ihn beeindrucken könnte“, stöhnte ich.
„Och, es gibt immer einen Weg, ein Projekt zu finanzieren“, Eduardo war bei dem Gedanken locker, „von privat zum Beispiel oder mit Beteiligungen.“
„Mit Beteiligungen, das ist gut! Ich habe nichts und du gibst den Rest. Und schon ist es nicht mehr mein Geschäft und ich bin maximal leitender Angestellter. Das habe ich mir so nicht vorgestellt und es wird so nicht funktionieren“, ich schüttelte den Kopf.
„Es ist doch meine Idee und es soll mein Geschäft und meine Zukunft werden und nicht die eines Mannes, der ohnehin schon alles hat. Und wie soll ich fünf Millionen von privat finanzieren? Das läuft doch aufs Gleiche raus. Ich bin der Bittsteller und wenn ein Investor zusagt, hat er ein weiteres Unternehmen und ich bin nur Mitläufer.“
„Ganz locker“, Eduardo legte mir seine Hand zur Beruhigung auf den Arm. „Gute Geschäftsideen lassen sich immer finanzieren. Wenn du eine Rendite erwirtschaften kannst, bekommst du auch Geld.“ Er war sich mit seiner Aussage sehr sicher und ich sollte später noch darüber nachdenken.
Das Gespräch war für mich vorerst beendet, auch weil ich plötzlich abgelenkt war. Wenige Minuten zuvor waren zwei Mädels hereingekommen, beide noch sehr jung und wirklich hübsch. Sie setzten sich an die Bar, der Barhocker links neben ihnen blieb noch unbesetzt.
„Eduardo, ein andermal können wir uns weiter darüber unterhalten. Komm, wir wechseln an die Bar, dein Charme wird benötigt.“ Wir nahmen unsere Biergläser und wechselten zur Bar. Die anderen am Tisch waren so in ihre Gespräche vertieft, die würden uns nicht vermissen. Ich setzte mich auf den noch freien Barhocker, Eduardo stellte sich hinter ein Mädchen. Wie geplant kamen wir gleich ins Gespräch.
„Sorry, nicht dass wir euch hier zu sehr einengen, aber der Laden ist heute wirklich voll.“ Eduardo gefiel die mit den glatten, schulterlangen Haaren, wohl die Ältere der Beiden. Sie antwortete gleich auf Eduardos Gesprächseinstieg: „Ja, das glaube ich euch, deshalb habt ihr auch eure Plätze an dem großen Tisch aufgegeben und seid lieber hierhergekommen. Und außerdem schauen wir so schrecklich aus, dass ihr euch entschuldigen müsst?“
Mir fiel die Jüngere auf, sie sah so süß aus mit ihren großen Augen und dem blonden Lockenkopf.
„Nein, ihr seht wirklich toll aus. Und ja, du hast uns erwischt, wir sind tatsächlich an die Bar gekommen, um euch kennenzulernen. Das ist Eduardo, ich bin Rolf.“
„Wir sind Schwestern, ich bin Susi und das ist Edi, sie hat heute ihren sechzehnten Geburtstag.“
„Happy Birthday, Edi! Wow, noch so jung“, gratulierte ich.
„Sei bloß still“, Susi lachte, „sie ist so froh, dass sie sechzehn ist, und du sagst zu ihr, dass sie noch jung ist, da habt ihr gleich einen Konflikt.“
„O.k., aber hat nicht jeder einen zweiten Versuch verdient?“, fragte ich Edi.
„Natürlich, Rolf … oder?“
„Genau, also noch mal von vorne: Happy Birthday, Edi, alles Gute zum sechzehnten Geburtstag. Darf ich dich zu einem Piccolo einladen?“
Das war etwas, was ich sonst nie tat. Ich lud Frauen maximal auf einen Kaffee oder ein Bier ein und für überteuerte Piccolo in Gaststätten wollte ich kein Geld ausgeben. Aber heute, für dieses schöne Mädchen und weil ich noch immer aufgedreht war, weil mein Businessplan stand, war es mir eine Freude. Ich fühlte mich wie an einem Wendepunkt zu einem neuen Ziel.“
Sie dankte mir mit einem strahlenden Lächeln. „Danke, Rolf. Mich hat noch nie jemand zu einem Piccolo eingeladen.“
„Und ich habe das noch nie gemacht, jemandem einen Piccolo bezahlt. Aber heute und für dich mache ich das gerne, schließlich möchte ich der Erste sein, der dich einlädt. Und außerdem habe ich auch einen Grund zu feiern und deine Gesellschaft ist genau das, was den Abend erst so richtig gut macht.“
Die Feier konnte starten, ich freute mich auf einen schönen Abend mit dem Geburtstagskind. Zwischenzeitlich waren auch Eduardo und Susi in ein Gespräch vertieft.
Die kleine Bar
Es war bereits kurz vor neun Uhr, nach dem Abendessen in der Zentrale bei Oma war das meine erste Fahrt. Einundzwanzig Mark zwanzig und achtzig Pfennig Trinkgeld war bis dahin mein Umsatz. Das war nicht viel, manchmal lief das Taxigeschäft eben nicht.
Nach dem Bezahlen stieg mein Kunde aus und ich fuhr langsam durch die Hauptstraße mit dem Ziel Taxistand am Bahnhof. Es war ein unangenehmes Wetter, nur eine leichte Feuchtigkeit kam von oben, sodass der Scheibenwischer mit einem laut schubbernden Geräusch über die halb nasse Scheibe rutschte. Wegen dem Krach waren das Autoradio und der Funk schlecht zu verstehen. Es war einer der Tage, an denen man am besten nichts macht, dann kann man auch nichts falsch machen. Ich war unzufrieden und wäre besser in der WG geblieben, nun musste ich noch mindestens bis halb eins durchhalten und Taxi fahren.
Dann sah ich sie, ohne Schirm, den Kragen ihrer Jacke hochgeschlagen, die Haare wurden nass von der Feuchtigkeit. Es war das Geburtstagskind von neulich, Edi. Der Abend konnte doch noch etwas werden.
Langsam fuhr ich an ihr vorbei und blieb auf dem Seitenstreifen stehen. Als sie vorbeilief, sprach ich sie aus dem Autofenster an: „Hallo Edi, du wirst doch nass.“ Sie erkannte mich nicht gleich, beugte sich leicht runter und schaute zu mir in den Wagen.
„Ah, Rolf … wie, du fährst Taxi, ich dachte du bist Student.“
„Natürlich studiere ich, aber ich brauche doch auch Geld zum Leben, komm, setz dich rein“, dabei öffnete ich ihr die Tür.
„Ich habe kein Geld für ein Taxi und …“
„Ach rede nicht“, unterbrach ich sie. „Ich werde dir schon kein Geld abnehmen, komm, steige ein und du bist im Trockenen.“ Sie weigerte sich noch und ich wiederholte mich. Letztendlich aber trieb die unangenehme Feuchtigkeit sie dazu, sich zu mir ins Auto zu setzen.
„Wo willst du hin? Ich kann dich fahren, wohin du möchtest.“ Sie drehte sich zu mir herüber und schaute mich an. Ein Regentropfen lief von der Stirn auf ihre linke Wange. Ich wischte ihn zärtlich mit dem Handrücken weg, sie ließ es zu und lächelte.
„Zum Lindenkeller.“
„Aber da ist doch jetzt noch nichts los“, meinte ich. Da kam mir eine Idee: „Ich stelle das Taxi für eine halbe Stunde weg und mache mit dir eine kurze Pause. Ab zehn Uhr läuft das Geschäft vielleicht wieder besser. Beim Lindenkeller kann ich den Wagen schlecht abstellen, da werde ich zu schnell eingeparkt. Aber ich kenne eine besondere kleine Bar, heißt Eulenspiegel, alle sagen nur Eule dazu. Da lade ich dich auf einen Drink ein und wir können uns ein wenig unterhalten, was hältst du davon?“
„O.k., das klingt gut und ich habe heute ohnehin keinen festen Plan“, antwortete sie. Also fuhren wir zur Eule in der Prinz-Ludwig-Straße und ich parkte den Wagen in einer Seitenstraße. Anschließend meldete ich mich vorübergehend bei der Zentrale ab.
Die Gaststätte war noch recht leer, als wir sie betraten, nur ein Tisch war durch ein Pärchen besetzt. Die Wirtin begrüßte mich. „Hallo Rolf, heute schon so früh, hast du denn keinen Dienst?“ Sie kannte mich gut, denn ich ging nach dem Taxifahren gerne noch auf ein Bier in die Eule.
„Doch, aber ich mache eine kurze Pause, wir möchten nur schnell etwas trinken“, antwortete ich.
Wir wählten einen Platz an der Theke rechts vom Eingang neben dem Wurlitzer. Ich nahm ein Markstück und warf es in den Schlitz der Musikbox. „Fünf Platten können wir uns aussuchen, welche Musik magst du?“, fragte ich. „Edi, komm, suche du die Platten aus“.
Edi schaute sich die verfügbaren Musiktitel an. „Da sind nur alte Sachen drin … und Bonney M., da stehe ich überhaupt nicht drauf.“
„Was, da ist tolle Musik drin, zum Beispiel von Pat Boon und Paul Anka. Du kennst viele der alten Stücke nicht. Sie sind auch älter als ich und auch ich habe mich erst reinhören müssen. So einige sind echt klasse. Das hier zum Beispiel“, ich zeigte auf einen Titel, „‚Donna‘ von Ritchie Valens ist wirklich gut. Ritchie Valens starb 1959 bei einem Flugzeugabsturz und wurde nur 18 Jahre alt, aber seine Musik lebt weiter.“
Edi schmunzelte. „Das ist schade, aber auch lange her. War deutlich vor meiner Zeit und ich interessiere mich nicht so für das alte Zeug.“
„Bist dafür auch vielleicht noch ein bisschen zu jung.“
„Ich, zu jung, du spinnst wohl! Und was bist du? Schon ein alter Knacker, der …“ Edi redete sich in Rage und ich war amüsiert. Ihre Schwester Susi hatte mich schon, als wir uns kennen lernten, gewarnt. Aber wie nett sie doch war, wenn sie sich aufregte. Zwischenzeitlich hatte ich die Musik ausgesucht und aus der Jukebox klang ein Song von Drupi, ‚Una Piccola e fragile‘. Ja, so eine kleine Zerbrechliche saß vor mir. Sie sah mich mit ihren großen blaugrünen Augen an, sie war so süß, mir wurde warm ums Herz.
Aus der halben Stunde wurde eine Stunde, die Zeit verging schnell und leider war es für mich wieder Zeit, weiter Taxi zu fahren. Edi fragte mich: „Wieso müssen wir schon gehen? Es ist so schön mit dir, lass uns noch bleiben.“
