Pandora Stone - Morgen kommt vielleicht nie mehr - Barry Jonsberg - E-Book

Pandora Stone - Morgen kommt vielleicht nie mehr E-Book

Barry Jonsberg

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9,99 €

Beschreibung

Stell dir vor, deine Erinnerung ist die Zukunft. Und es liegt in deiner Hand, sie zu verhindern.

Pandora will es nicht glauben. Bei ihrer Flucht aus der Akademie haben sie und Jen das tödliche Virus in die Welt gebracht. In drei Monaten geschieht, was in ihrer Erinnerung bereits Vergangenheit ist: Die Menschheit wird von einem tödlichen Virus ausgelöscht. Außer wenigen Drahtziehern und den ausgewählten Jugendlichen wird es keine Überlebenden geben.

Pan ist fest entschlossen, die Welt zu retten, doch Jens Erinnerung wurde manipuliert und die Gruppe ist mehr denn je überzeugt, dass die Welt dort draußen vernichtet wurde. Nun ist Pandoras Gabe gefragt, um den Untergang der Welt noch zu verhindern.

Das faszinierende Finale der Pandora-Stone-Trilogie von Barry Jonsberg.

Alle Bände der Pandora-Stone-Trilogie

Band 1 - Heute beginnt das Ende der Welt

Band 2 - Gestern ist noch nicht vorbei

Band 3 - Morgen kommt vielleicht nie mehr

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Seitenzahl: 424

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BARRY JONSBERG

Morgen kommt vielleicht nie mehr

Aus dem Englischen von Bettina Obrecht

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Erstmals als cbt Taschenbuch Februar 2021

© 2017 by Barry Jonsberg

© 2021 für die deutschsprachige Ausgabe

cbj Kinder- und Jugendbuch Verlag

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

»Pandora Jones – Reckoning« bei Allen & Unwin, AUS

Aus dem Englischen von Bettina Obrecht

Umschlaggestaltung: Geviert, Grafik & Typografie

Umschlagmotive © Getty Images (Xuanyu Han Carlo A, Suriyapong Thongsawang)

FK · Herstellung: AS

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-17832-1V001www.cbj-verlag.de

Prolog

Dunkelheit und das dumpfe Geräusch von Schritten auf Metallböden. Ein weiteres Geräusch. Stoßweiser, keuchender Atem.

Pandora Stone rennt, aber sie weiß nicht, wohin sie rennt. Oder wovor sie davonrennt. Vor der Dunkelheit? Eine Hand hält die ihre, sie ist kalt und feucht. Panik liegt schwer in der Luft.

Eine Tür geht auf und Licht brennt in ihren Augen. Pan hält an, blinzelt Tränen weg und wird weitergezerrt. Jen zerrt sie weiter, flüstert eindringliche Worte, aber der eisige Salzwind bläst sie davon. Ein Schiff. Ein Tanker. Der Himmel ist mit unheilverkündenden Wolken dunkel verhangen und da ist so ein leises Brummen. Schwarze Insekten schweben näher – eines auf der rechten, ein zweites auf der linken Seite. Aus ihrer Richtung droht Gefahr. Pan kann es spüren.

Wieder rennt sie, klettert eine Leiter hoch, über stählerne, rostzerfressene Plattformen, überall blättert die Farbe ab, Jens Hand in der ihren, keuchendes Atmen, so laut, dass es das Brummen der Insekten übertönt – aber ist es wirklich ihr eigener Atem oder stammt er von ihren Verfolgern, die mit jedem Schritt näher kommen? Ihre Schulterblätter jucken, rechnen jeden Moment mit einer Gewehrkugel, aber der Schuss fällt nicht. Und jetzt liegt ein letztes Stück Deck zwischen ihnen und dem weiten grauen Ozean, eine unüberwindliche Barriere. Sie haben nur zwei Möglichkeiten: sich ergeben oder sterben.

Männer nähern sich, schwärmen über das Deck aus.

»Legt eure Waffen nieder.«

Es ist noch nicht so weit. Sie will noch nicht sterben. Nicht solange es noch Hoffnung gibt, mag sie noch so dürftig sein. Sie spürt Zustimmung im Druck von Jens Hand. Oder ist es Resignation?

Ein Mann zieht seine Sturmmütze ab, er wendet den anderen Männern seinen Rücken zu.

Pan hat ihn einmal gekannt. Vielleicht hat sie ihn einmal geliebt. Das Gefühl lässt sich nicht mehr fassen, ist unscharf geworden.

Seine Lippen bilden tonlos die Worte: »Vertrau mir.« Und dann schießt er auf Pan.

Sie blickt hinunter auf ihre Brust. Sie spürt keinen Schmerz, aber vom Rand ihres Sichtfelds her wird es immer dunkler, bis nichts bleibt außer einem schwachen Nachhall in ihrem Kopf.

»Pandora!«

Die Stimme füllt die Leere und sie sitzt sofort kerzengerade im Bett, ihr Herz hämmert.

»Ich brauche dich. Jetzt.«

Pan weiß, dass der Ruf nur in ihrem eigenen Kopf vorhanden ist, aber sie antwortet trotzdem.

»Mum, ich komme.«

Pan rennt durch die Straßen von Melbourne, achtet nicht auf hupende Autos, kreischende Bremsen, Flüche, die ihr aus Autofenstern entgegengeschleudert werden. Sie rennt durch Parks und Seitenstraßen. Sie rennt, bis sie nur noch keuchend atmen kann und ihr ganzer Körper schmerzt. Und dann rennt sie noch schneller.

Die Eingangstür ihres Hauses steht offen und das helle Tageslicht lässt das Innere des Hauses schwarz, bedrohlich erscheinen. Pan stolpert in den Flur und hält an, ihre Augen müssen sich an die Finsternis gewöhnen.

»Mum?«, schreit sie laut, aber niemand antwortet. Von irgendwo kommt ein leises Ticken, vielleicht von den Wasserrohren, die sich ausdehnen oder zusammenziehen. »Mum!«, ruft sie wieder, und diesmal hört sie ein Geräusch von oben. Ein ersticktes Schluchzen? Sie nimmt zwei Treppenstufen auf einmal.

Das Schlafzimmer ihrer Mutter ist leer, die zusammengeknäulten Bettlaken liegen halb auf dem Boden. Pan rennt weiter zum Zimmer von Danny. Ihrem Bruder. Seine Tür ist geschlossen, doch Pans Sinne sind hellwach, nehmen Signale wahr, die sie nicht genau einordnen kann. Aber eins weiß sie: Hinter dieser Tür wartet großer Kummer. Ihre Hand auf dem Türknauf zittert.

Ihre Mutter sitzt an Dannys Bett, wiegt sich langsam hin und her. Ihr Gesicht ist verzerrt und verzweifeltes Klagen dringt aus ihrem Mund. Ihr Blick ist starr auf das Bündel in ihrem Arm gerichtet. Sie sieht gar nicht auf, als Pan eintritt.

Die Zeit vergeht bleibt beinahe stehen.

Es dauert eine Ewigkeit, bis Pan den Abstand zwischen sich und ihrer Mutter überwunden hat. Es ist schwer zu erkennen, was ihre Mutter da im Arm hält, doch Pan weiß, es ist ihr Bruder. Sie tritt näher, aber es fühlt sich an, als wate sie durch Öl. Noch ein Schritt, wieder vergeht eine Ewigkeit.

Ihre Mutter sieht auf, begegnet ihrem Blick und Pan zuckt entsetzt zurück: So viel Hass liegt im Blick ihrer Mutter. Es ist ein Schlag gegen ihre Brust und sie taumelt.

»Sieh dir an, was du getan hast, Pandora Stone.« Die Stimme ihrer Mutter ist hart und die Worte schneiden tief wie scharfkantiges Gestein. »Sieh dir an, was du getan hast!«

Sie hält Pan das Bündel entgegen und die Decke löst sich, fällt auseinander.

Dannys Gesicht. Weiß bis auf einen roten Fleck, der sich von seinem Mund bis zu seinem Kinn ausbreitet, grell auf seinem Hals leuchtet.

»Du hast ihn umgebracht, Pandora«, sagt ihre Mutter. »Deinen eigenen Bruder. Bist du jetzt zufrieden, Pandora? Ja?« Ihre Mutter steht auf, geht einen Schritt auf sie zu. Pans Füße sind wie festgeschraubt. Ihre Mutter hält ihr das Bündel hin. »Nimm ihn!«, sagt sie. »Komm, nimm ihn schon.« Pan steht immer noch wie erstarrt. »Jetzt nimm ihn schon, du Miststück!« Speichel sprüht aus dem Mund ihrer Mutter, landet warm und feucht in Pans Gesicht.

Pan streckt die Arme aus und empfängt ihren Bruder.

Danny sieht im Tod nicht friedlich aus. Gequält sieht er aus. Seine Augen sind weit aufgerissen, schmerzerfüllt. Und dann blinzelt er, hustet. Ein feiner Blutstrahl sprüht auf Pans Gesicht und sie schreit auf. Als sie wieder hinsieht, sind Dannys Mundwinkel nach unten verzogen, als würde er die Zähne fletschen, und seine Augen sind leer.

Und dann hustet ihre Mutter …

Pan schrie laut und setzte sich im Bett auf. Der Traum war noch immer da, wirkte echter als das leere Krankenzimmer, das schwache Sonnenlicht, das durch die Glastüren drang, der Vorhang, an dem der Wind zerrte. Sie schrie und schrie und ihre Kehle war rau und schmerzte, aber sie konnte nicht aufhören. Am Rande nahm sie wahr, dass Menschen ins Zimmer gestürzt kamen, dass sich Hände auf ihre Schultern legten, dass man sie wieder in die Kissen zwang und ihr Körper sich wehrte, dann war da ein Nadelstich und das Medikament strömte durch ihren Körper. Sie schrie.

Aber sie sah nur eins: die Augen ihres Bruders, die Leere darin. Das Bild verblasste ganz langsam und sie spürte, wie sie tiefer und tiefer in einen Ort hineinsank, an dem es keine Schmerzen mehr gab. Sie rollte sich zusammen und empfing dankbar die Dunkelheit, machte sich ganz klein, den Daumen im Mund, schloss die Augen und bettelte um Vergessen. Mehr als alles andere wünschte sie, die Monster würden verschwinden …

»Pandora.«

Sie stöhnte, wandte sich von der Stimme ab. Hier ist es so friedlich. Lass mich. Ich will dich nicht hören.

»Pandora. Hör mir zu.«

Sie machte die Augen auf, rechnete mit Schreckensbildern, aber sie sah nur einen hellen, vertrauten Raum. Sie saß an einem Schreibtisch und ihr gegenüber saß ein Mann. Es war nicht Dr. Morgan, sondern Professor Goldberg. Pan bewegte den Kopf, der sich schwer und von ihrem Körper losgelöst anfühlte. Sie wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war. Sie musterte Professor Goldbergs Erscheinung. Das faltige Gesicht, die Augen, die früher so humorvoll gefunkelt hatten, so lebendig, und jetzt so kalt und tot wie Kieselsteine wirkten. Den graumelierten Bart.

»Lassen Sie mich in Ruhe«, sagte sie. Jedenfalls glaubte sie, das zu sagen. Es war schwer zu erkennen, was wirklich geschah und was nicht. Der Professor ignorierte ihren Wunsch, also hatte sie die Worte vielleicht nur in ihrem Kopf ausgesprochen.

»Du wirst eine Weile etwas desorientiert sein«, sagte er. »Wir mussten dir ein Beruhigungsmittel geben, als du hysterisch wurdest. Seine Wirkung wird vergehen und dein Kopf wird sich wieder klären. Hast du verstanden?«

»Lassen Sie mich in Ruhe.«

»Gleich. Aber jetzt sollst du erst einmal Antworten auf die Fragen bekommen, die du schon so lange stellst. Du hättest doch gerne Antworten, oder?«

»Ja.«

»Gut.« Der Professor setzte sich anders hin, strich sich über den Bart und schüttelte den Kopf. »Pandora Stone«, sagte er. »Du bist schon die ganze Zeit ein so großes Problem und gleichzeitig ein so kostbares Juwel. Du bist die Zukunft, Pandora, aber ich vermute, du hast keine Vorstellung davon, was für eine entscheidende Bedeutung du hast. Bald wirst du es verstehen, versprochen.«

Pan blinzelte. Etwas Merkwürdiges geschah. Sie fühlte sich entspannt, doch sie nahm alles vollkommen bewusst wahr. Ihr fielen die Worte des Professors wieder ein: dass sie, Pan, gerade den Untergang der Menschheit ausgelöst hatte, sie, die ahnungslose Quelle jenes Virus war, das sich über die ganze Welt ausbreiten würde. Und sie spürte, wie wahr die Worte des Professors waren. Das Schuldgefühl, das mit dieser Erkenntnis verbunden war, blieb bestehen, ein harter, schmerzender Knoten in ihrer Brust. Aber sie beobachtete ihre eigene Empfindung und fühlte auf merkwürdige Weise eine große Distanz dazu. Man bot ihr Antworten an und aus tiefstem Herzen verlangte sie genau danach.

»Bist du bereit, Pandora?«

»Ja.«

Der Professor legte die Fingerspitzen aneinander.

»Ich weiß, dass du nicht alles glauben wirst«, sagte er. »Das ist vernünftig, wenn man bedenkt, was du durchgemacht hast. Aber ich versichere dir, ich werde dir nur die Wahrheit sagen, so gut ich kann. Du musst dich entscheiden, ob du sie glaubst oder nicht. Verstehen wir uns?«

»Ja.«

Professor Goldberg beugte sich vor und legte die Hände flach auf den Tisch.

»Also, ich gebe dir jetzt mal den Kontext, oder wie man das heute so sagt. Im Laufe der letzten fünf Jahre haben wir rund um den Erdball Kinder entführt. Einige, so wie dich, haben wir hierher zur Akademie gebracht, andere sind in ähnlichen Institutionen irgendwo auf der Welt gelandet, alle sicher abgeschirmt, verborgen vor den neugierigen Blicken der Gesellschaft.«

»Aber …«

Der Professor hob eine Hand.

»Bitte, Pandora, lass mich zu Ende reden, dann beantworte ich auch deine Fragen. Aber so kommen wir am besten zurecht. Vertrau mir.«

Vertrau mir. Pan verstummte.

»Also gut. Wir haben Kinder entführt. Ungefähr zehntausend, die wir auf der Grundlage diskreter, sehr aufwändiger Überwachung und Analyse ausgesucht haben. Wir haben nicht einfach die nächstbesten entführt, Pandora. Wir wollten ganz bestimmte Kinder haben, solche mit besonderen Begabungen. Nach und nach haben wir sie ausfindig gemacht.«

»Warum?«

Der Professor zögerte, lächelte, aber es war ein kaltes Lächeln. »Wie gesagt«, fuhr er fort, »zehntausend handverlesene junge Menschen, überall auf der Welt auf spezielle Einrichtungen verteilt. Stell es dir so vor: Das hier ist die Akademie, aber es gibt noch weitere angegliederte Schulen. Ihr alle werdet gleichzeitig euren Abschluss machen und von unterschiedlichen Ausgangspunkten in die Welt ausschwärmen.« Der Professor zog eine Pfeife aus der Jackentasche und klopfte damit auf den Tisch. Dann zückte er einen Tabaksbeutel aus derselben Tasche und stopfte gekonnt den Pfeifenkopf. »Komm, wir gehen eine Runde spazieren.«

Professor Goldberg ging los, ohne eine Antwort abzuwarten. Pan folgte ihm. Er zündete sich die Pfeife an, während er an der Schwester am Empfang des Spitals vorbeispazierte. Sie schüttelte den Kopf über ihn, aber er beachtete sie nicht. Er hielt auf den Ausgang zu, zog dabei eine stinkende Wolke hinter sich her. Pan musste fast rennen, um ihm folgen zu können. Es war eine Erleichterung, als sie draußen standen. Der Professor atmete die saubere Luft tief ein und deutete mit dem Pfeifenstiel in Richtung des Gartens auf dem Dach der Welt.

»Sollen wir?« fragte er. »Von dem Ausblick kann ich nie genug bekommen.«

Erneut wartete er ihre Antwort gar nicht ab, sondern schritt über die felsige Ebene auf das Felsplateau und den steilen Abgrund zu. Wie lange ist es her, dass Jen und ich hier heraufgeklettert sind?, fragte sich Pan. Sie konnte es nicht einschätzen, aber als sie an Jen dachte, schlug ihr Herz wie wild. Was hatte Professor Goldberg gesagt? Dass sie nicht mit Jens Hilfe rechnen konnte? Was hatte das zu bedeuten? Was hatten sie ihrer Freundin angetan? Pan spürte, dass die Antwort gnadenlos ausfallen würde. Gnadenlos und erschütternd. Sie schüttelte den Kopf, aber das Gefühl ließ sich nicht vertreiben.

Der Professor blieb einige Meter vor dem Abgrund stehen und sah hinaus auf das Gelände der Akademie, die Mauer, das dahinterliegende Dorf, das Meer. Er sog noch einmal an der Pfeife und ein dünnes Rauchwölkchen schlängelte sich aus seinem Mund.

»Du hast gefragt, warum, Pandora. Das ist überhaupt die entscheidende Frage.«

Einen schwindelerregenden Moment lang erfasste Pandora das dringende Bedürfnis, hinter den Professor zu treten und ihn über die Kante zu stoßen.

»Wenn du das tun würdest, Pandora«, sagte Professor Goldberg mit ruhiger Stimme, »würdest du die Antworten auf deine Fragen nie erfahren.« Er lachte, bückte sich und klopfte die Asche seiner Pfeife auf dem Felsboden aus. »Das hast du doch gerade gedacht, stimmt’s? Eine Möglichkeit, ganz schnell Genugtuung zu bekommen. Keine Sorge, meine Liebe. Ich kann deine Gedanken nicht lesen, jedenfalls nicht so, wie du dir das vorstellst.«

»Aber …«

Der Professor hob erneut die Hand.

»Du möchtest wissen, warum wir Kinder entführt haben und warum wir den Plan hatten, ein Virus auf die restliche Welt loszulassen, ein Plan, dem du … zuvorgekommen bist. Es ist eigentlich ganz einfach. Diese Akademie und die anderen stellen eine moderne Version der Arche Noah dar. Wenn die Menschheit ausgestorben ist, werdet ihr sie ersetzen. Es ist ein Neuanfang.« Er wandte sich Pan zu. »Du hattest einen Hund, Pandora, vor einigen Jahre. Einen Hütehundmischling namens Daisy.«

Pan schwieg, aber der Professor lächelte dennoch.

»Ich weiß vieles über dich, Pandora«, sagte er. »Zum Beispiel weiß ich, dass Daisy in eine Tierklinik gebracht wurde und nicht zurückkehrte. Würdest du mir verraten, warum das so war?«

»Krebs«, sagte Pan. »Daisy hatte Krebs.«

»So ist es«, sagte Professor Goldberg. »Dein Hund hatte Schmerzen und ihr konntet es nicht ertragen, ihn leiden zu sehen. Als liebevolle, verantwortungsbewusste Besitzer habt ihr Daisy einschläfern lassen.« Er richtete seinen Blick wieder auf die Akademie. »Genau das tun wir hier, Pandora. Die Welt leidet. Sie liegt im Sterben und es gibt keinerlei Aussichten auf Genesung.« Er verschränkte die Hände hinter seinem Rücken und sah in den Himmel. Die Sonne tauchte aus einem Dunstschleier zwischen den Wolken auf.

»Die Welt von ihrem Elend zu erlösen, Pandora, ist ein Akt der Liebe. Mancher würde sagen, es ist eine heilige Pflicht.«

1.

Sie setzten sich einander gegenüber an einen Tisch, auf grüne Plastik-Gartenstühle im Garten auf dem Dach der Welt. Es war eine merkwürdig nostalgische Szene und einen Moment lang dachte Pan, jeden Moment würde jemand mit einem Tablett auftauchen, beladen mit Gebäck und Tee für zwei Personen. Nichts war zu hören bis auf den fernen, kreischenden Schrei eines Raubvogels.

Professor Goldberg zog ein Smartphone aus der Tasche und legte es zwischen sie beide auf den Tisch. Er lächelte.

»Ich hantiere nicht so gern mit moderner Technik«, sagte er. »Aber ich muss zugeben, dieses Gerät hier ist äußerst praktisch.« Er legte eine Hand auf das Gehäuse. »Ich möchte dir ein Video zeigen, Pandora. Ich vermute, du wirst es informativ finden. Aber zuerst kommt die Fragestunde. Du fragst, ich antworte.«

Pan hatte das Gefühl, gleichzeitig ganz weit weg zu sein und trotzdem vollkommen klar zu denken. Sie durchforstete die vielen Fragen und versuchte, sie nach Dringlichkeit zu ordnen.

»Warum liegt die Welt im Sterben?«

Professor Goldberg schüttelte den Kopf.

»Komm schon, Pandora. Das weißt du so gut wie ich. Wir haben die Welt verwüstet, zahllose Tier- und Pflanzenarten dabei dezimiert. Die Menschheit ist dafür verantwortlich, dass wir uns am Rande eines Massenaussterbens befinden. Wir schrecken noch nicht einmal davor zurück, Unseresgleichen zu töten. In diesem Moment finden mehr Kriege statt als jemals zuvor in der Geschichte.«

»Kriege lassen sich beenden.«

»Nein, Pandora. Kriege lassen sich unterbrechen. Von Zeit zu Zeit. Und, vertrau mir, damit kenne ich mich aus. Ich war lange Jahre bei der Armee, habe Kampfhubschrauber geflogen. Ich weiß es also aus erster Hand.« Er verstummte und ein Lächeln umspielte seine Lippen. »Es kommt mir vor, als wäre es eine Ewigkeit her, aber eines habe ich dabei gelernt: Der technische Fortschritt hat uns Möglichkeiten eröffnet, einander effektiver umzubringen.«

»Ist das nicht Heuchelei, wenn jemand, der den Mord an Milliarden Menschen plant, so etwas sagt?«

Professor Goldberg winkte ab.

»Wir sind Abschaum. Das sind wir einfach. So sind wir gemacht.«

»Nicht wir alle.«

»Nicht wir alle, aber so viele von uns, dass es für das Ende der Menschheit ausreicht. Die Frage ist nicht ob, sondern wann es so weit kommt. Pass auf, das hier ist eine interessante, aber nicht wirklich überraschende Tatsache: Wenn die Insekten von der Erdoberfläche verschwinden würden, dann würde innerhalb von fünfzig Jahren das ganze Leben auf der Erde erlöschen. Wenn die Menschen aussterben würden, dann würden innerhalb von fünfzig Jahren alle anderen Lebensformen wieder gedeihen und sich vermehren.«

Pan schwieg.

»Die Menschheit, Pandora, ist zu einem Luxus geworden, den sich dieser Planet nicht mehr leisten kann.«

Ich sitze hier am Tisch einem Wahnsinnigen gegenüber, dachte Pan.

»Was ist das für ein Virus?«, fragte sie.

Es schien, als sei der Professor von dieser Frage enttäuscht.

»Ein von Menschen gemachtes natürlich«, sagte er. »Eines von Millionen, die hergestellt werden, um größtmöglichen Schaden anzurichten. Sie ruhen in Militärlabors rund um den Globus, bis sie gebraucht werden. Oder bis es einen Unfall gibt. Eine Frage der Zeit, sonst nichts. Wir haben dieses hier gewählt, weil es relativ einfach ist, es aufzuhalten. Alle Schüler wurden bei ihrer Aufnahme sowohl mit dem Virus, wie auch mit dem … ich denke, Gegenmittel wäre das einfachste Wort dafür … infiziert. Dieses Virus wird nach drei Monaten aktiv.«

Uns bleibt also immer noch Zeit, dachte Pan. Drei Monate. Sie versuchte, sich diesen Gedanken nicht anmerken zu lassen.

»Wer sind Sie?«, fragte sie. »Wer steckt hinter der Akademie?«

Professor Goldberg lächelte. Offenbar war diese Frage mehr nach seinem Geschmack und Pan fühlte sich irgendwie geschmeichelt, weil sie seine Anerkennung gewonnen hatte.

»Wer hat in dieser Welt die Macht, Pandora?«, fragte er. »Und bitte vermeide plumpe Antworten. Dafür bist du zu intelligent.«

»Sagen Sie es mir.«

Der Professor lehnte sich zurück und legte die Fingerspitzen aneinander.

»Naive Menschen würden sagen, dass die Macht in unserer Welt in den Händen von Regierungen – Präsidenten – liegt. Aber nur ein Dummkopf kann glauben, dass jemand wie der Präsident der Vereinigten Staaten wirklich Macht besitzt. Demokratie ist etwas Schönes, aber warum ist sie das Regierungssystem unserer Wahl? Weil sie für nichts und niemanden eine Bedrohung darstellt.« Er lächelte. »Vor vielen Jahren, als ich Student war, gab es so eine Redensart: Wenn Wahlen etwas ändern könnten, wären sie verboten.«

»Sie haben meine Frage nicht beantwortet.«

»Stimmt. Ich werde ganz zurecht ermahnt. Ich könnte die zwanzig mächtigsten Menschen auf dieser Welt aufzählen und von keinem von ihnen hättest du jemals gehört. Das sind die Leute, die hinter der Akademie stecken, Pandora. Leute, die mehr Macht besitzen, als du dir vorstellen kannst. Ein Zusammenschluss von ähnlich denkenden Menschen, die genau wissen – ebenso wie ich – dass es nur eine Möglichkeit gibt, die Menschheit zu retten: Indem man sie ausmerzt. Alle Schüler wurden sorgfältig ausgewählt, auf der Grundlage komplexer Kriterien – ethnische Zugehörigkeit, religiöser Glaube, Begabungen und Fähigkeiten, welche der nächsten Generation der Menschheit bestmögliche Überlebenschancen sichern. Eure Zahl wird wachsen, aber es dauert seine Zeit. Zeit, in welcher der Planet heilen kann. Hoffentlich werdet ihr die Fehler nicht wiederholen, die uns an diesen Punkt gebracht haben, und eure Kinder und deren Kinder werden eine Welt erben, für die die Menschheit eine Zierde ist, keine Heimsuchung.«

»Warum bin ich so besonders? Zumindest Ihrer Meinung nach.«

Der Professor legte die Hände hinter den Kopf und lächelte wieder. Einen Augenblick lang schloss er die Augen.

»Pandora, als wir am Rand der Klippe standen und ich dir gesagt habe, du sollst mich lieber nicht hinunterstürzen, da habe ich gesagt, ich kann keine Gedanken lesen. Das kann ich wirklich nicht. Was du da erlebt hast, war simple Logik, wenn man so will, habe ich deine Person gelesen, die Denkweise, die eine Person wie du haben mag.« Professor Goldberg schlug die Augen auf. »Du dagegen, besitzt wirklich eine solche Fähigkeit. Und sie hat sich weiterentwickelt, seit du hier angekommen bist. Wer weiß, wie weit sie sich noch entwickeln wird? Du könntest der Schlüssel sein, wenn es darum geht, den Menschen grenzenlose Möglichkeiten zu eröffnen. Wunder, die wir uns nicht einmal vorstellen können.«

Er trommelte ungeduldig auf der Tischplatte. »So, jetzt lese ich noch einmal kurz deine Gedanken. Du möchtest nach Cara fragen, deiner Freundin, deren Leiche du oben am Berg gefunden hast. Aber du fürchtest dich vor der Antwort.«

Pan sagte nichts, hielt ihren Blick starr auf Professor Goldberg gerichtet.

Er zuckte mit den Achseln. »Es ist ganz einfach«, fuhr er fort. »Cara hatte ähnliche Fähigkeiten wie du, vielleicht war ihr Potential sogar noch größer. Auch sie hatte Mutmaßungen, was die wahre Natur der Akademie anging. Aber ihre geistige Gesundheit war … instabil. An dem Abend, an dem sie verschwunden ist, stieg sie die Treppe zum Spital empor und setzte sich hin, nicht weit von der Stelle, an der wir jetzt sitzen. Es war eine bitterkalte Nacht und sie war nicht entsprechend angezogen. Vielleicht wäre sie erfroren, aber sie wollte nichts dem Zufall überlassen.« Professor Goldberg seufzte. »Cara rollte die Ärmel hoch und schlitzte sich die Pulsadern an beiden Armen auf. Dann erwartete sie ihren Tod.« Als er weiterredete, war es kaum mehr als ein Flüstern und sein Blick war auf etwas hinter Pans Schulter gerichtet. »Wir hätten es wissen müssen, wir hätten es verhindern müssen. Wir haben versagt. Und ich habe mir geschworen, dass wir nicht noch einmal versagen würden.«

»Sie haben ihre Leiche auf den Berg gebracht, um mich zu testen.« Es war eine Feststellung, keine Frage.

Professor Goldberg trommelte wieder mit einem Finger auf den Tisch. »Ja«, sagte er. »Ihr Tod war eine Verschwendung, aber es war wenigstens keine vollkommene Verschwendung. Du hast diesen Test bestanden, auch wenn an diesem tragischen Vorfall sonst nichts Gutes war.«

»Eine letzte Frage«, sagte Pan. Die Ruhe und Sachlichkeit, mit der ihr Verstand arbeitete, schwand allmählich und gleichzeitig übermannte sie die Müdigkeit. »Wie können Sie Erinnerungen einpflanzen?«

»Ach, ich bitte dich, sagte Goldberg. »Die Technologie existiert seit Jahrzehnten, seit Neurowissenschaftler eine Möglichkeit gefunden haben, im Hippocampus von Mäusen künstlich Channelrhodopsine zu stimulieren. Diese Idee haben wir aufgegriffen die besten Wissenschaftler engagiert und ihnen praktisch unbegrenzte finanzielle Mittel zur Verfügung gestellt. Jetzt haben wir die Möglichkeiten, Erinnerungen auszulöschen oder auch neue zu implantieren.« Er nahm das Smartphone in die Hand, wischte über das Display und tippte ein Passwort ein. »Alle Schüler und einige der Angestellten.« Er hob die Augenbrauen, als Pan ihn verwirrt ansah. »Ah ja. Einige der Angestellten glauben genau das, was auch alle Schüler der Akademie glauben. Über das Virus. Andere, wie ich selbst, wissen Bescheid. Das gilt auch für die Dorfbewohner. Frag mich jetzt nicht nach Namen, Pandora, denn ich werde es dir nicht verraten. Vielleicht findest du es ja selbst heraus.«

Pan versuchte, weiter konzentriert zuzuhören, aber es war schwierig; Müdigkeit drohte sie zu überwältigen. Sie kämpfte dagegen an. Wenn das hier vorbei war, vermutete sie – wusste sie –, würde es nie mehr dazu kommen, dass Professor Goldberg ihr wieder ein Interview gewährte. Die Zeit arbeitete gegen sie, ebenso wie vieles andere, und sie bemühte sich, diesen Moment festzuhalten. Frag einfach weiter, dachte sie. Halte dieses Gespräch in Gang.

»Was ist mit Nate?« Sobald sie die Worte ausgesprochen hatte, wusste sie, dass es die richtige Frage gewesen war. Professor Goldbergs Miene verdüsterte sich und in seinem Blick lagen … so viele Gefühle gleichzeitig, dass es schwierig war, sie auseinanderzuhalten. Aber alle liefen auf eines hinaus: Liebe.

Es dauerte nur eine Sekunde, bis der Professor sich wieder im Griff hatte. Er lächelte.

»Ich dachte, du hättest deine letzte Frage gestellt«, sagte er.

Pan schwieg.

Professor Goldberg verschränkte die Hände und legte das Kinn auf die Daumenwurzeln.

»Nathaniel ist mein Enkel«, sagte er. »Das habe ich dir schon gesagt.«

»Ja. Aber wie passt er ins Bild?«

»Das liegt doch auf der Hand!« Der Professor wirkte verärgert, er bewahrte nur mühsam die Fassung. »Die Welt steht kurz vor ihrer Zerstörung. Er gehört zu meiner Familie. Der einzige Angehörige, den ich noch habe. Es ist doch klar, dass ich ihn beschütze. Genau genommen war das eine der Bedingungen dafür, dass ich mich diesem … Projekt … anschließe.«

Pan versuchte, Professor Goldbergs Blick und seine Körpersprache zu deuten, aber er gab sich jetzt keine Blöße mehr.

»Also gehört Nate zum inneren Zirkel, wollen Sie das damit sagen?«, fragte sie. »Er weiß alles, was Sie wissen. Sie haben ihm den Auftrag gegeben, dicht bei den Mitgliedern meiner Gruppe zu bleiben – uns zu überwachen und mich und Jen am Ende auf diesem Schiff zu verraten. Ist es so?«

Professor Goldberg sah ihr in die Augen.

»Sein Einsatz hat uns allen gedient«, sagte er. »Du wirst ihn nicht wiedersehen, Pandora. Erst wenn du hinausgehst in die Ruinen der Zivilisation und dort rettest, was zu retten ist.« Er rieb sich die Augen. »Ich weiß, welche Gefühle du für Nathaniel hegst«, fügte er hinzu. »Und er für dich. Vielleicht gibt es eine Zukunft für diese Gefühle. Aber diese Zukunft ist nicht jetzt.«

»Sie haben meine Frage nicht beantwortet.«

»Eine andere Antwort wirst du von mir nicht hören.«

Pan nickte. Es steckte mehr dahinter, das war klar.

»Und was passiert jetzt mit mir?«, fragte sie.

Professor Goldberg spreizte die Hände. »Nichts. Warum sollten wir etwas tun? Du kehrst in die Akademie zurück, nimmst weiter am Unterricht teil, bereitest dich auf die neue Welt vor. Deine kleine Eskapade hat nichts daran geändert. Wir machen weiter, Pandora … so wie du es tun wirst und tun musst.«

»Damit werden Sie nicht durchkommen.«

Diesmal lachte der Professor.

»Ein abgedroschener Satz, aber vergessen wir das erst mal. Warum sollten wir nicht damit durchkommen? Erklär mir das bitte.«

»Weil Jen und ich die Wahrheit kennen. Wenn Sie uns nicht umbringen, erzählen wir es allen. Alle hier glauben, ihre Eltern, Familien und Freunde sind tot. Sind sie aber nicht. Sie leben. Stellen Sie sich mal vor, wie wütend sie werden, wenn sie erfahren, was wir wissen. Die Schüler werden Sie in Stücke reißen.«

Professor Goldberg griff wieder nach dem Smartphone, tippte erneut das Passwort ein und sah stirnrunzelnd aufs Display.

»Ich hatte ein Video erwähnt, Pandora. Ich schlage vor, du siehst es dir an.« Er tippte aufs Display und reichte Pan das Handy. Es fühlte sich in ihrer Hand merkwürdig an, beinahe schmerzhaft – eine Erinnerung an eine verlorene Welt. Sie ist gar nicht für immer verloren, rief sie sich in Erinnerung. Sie ist immer noch da draußen. Dennoch sah das scharfe digitale Display fremdartig aus. Als sie es in ihren Händen drehte, rotierte auch das Bild und ihr Herz fing wild an zu klopfen.

Das Standbild zeigte Jens Gesicht. Sie hatte den Kopf zur Seite gedreht, auf ihrem Gesicht lag ein schwaches Lächeln. Pan tippte auf den Play-Button und Jens Gesicht wurde lebendig.

Wir sind in einen schweren Sturm geraten.

Die Stimme aus dem Smartphone klang fremd, dünn und künstlich. Jen rieb sich über die Nase.

Wir dachten, wir würden sterben, ich und Pandora.

Was ist passiert?

Die Stimme war durch die Aufnahme verzerrt, aber erkennbar. Gwynne. Die Kamera blieb auf Jen fixiert, die mit den Schultern zuckte.

Der Sturm hat ewig gedauert. Sie hat mich gerettet, wissen Sie? Pandora. Ich verdanke ihr mein Leben.

Jen wischte sich über die Augen, aber es ging so schnell, dass man es leicht hätte übersehen können.

Als der Sturm vorbei war, saßen wir ganz schön in der Scheiße. Unser Boot sank. Wir haben so lange durchgehalten, wie es ging, aber dieses Boot ist einfach … unter unseren Füßen versunken.

Und dann?

Gwynnes Stimme war vollkommen emotionslos.

Wir sind geschwommen. Was sonst?

Jen lachte.

Da draußen, mitten im Meer. Nur wir beide. Wir sind geschwommen, als hätten wir ein Ziel. Aber ich glaube, wir waren beide sicher, dass wir sterben würden. Pandora hat ein Notsignal ausgelöst, aber es ist nichts passiert. Ich meine, wenn die Welt da draußen noch existiert hätte, wie Pandora dachte, dann wäre innerhalb kürzester Zeit ein Rettungshubschrauber aufgetaucht. Aber nichts. Jeder Minute, die verging, war ein Nagel in den Sarg ihrer Theorie. Es war ganz schön traurig.

Und warum seid ihr nicht umgekommen?

Pan konnte den Blick nicht vom Display losreißen. Sie wartete auf Jens Worte, ihr Mund war trocken, in ihrem Magen rumorte es.

Der Hubschrauber der Akademie hat uns aufgelesen.

Jen lächelte.

In einem Moment war da nichts außer Wasser – und im nächsten Moment schwebte schon der Hubschrauber über uns. Sie haben uns mit der Winde hochgezogen; erst Pan, dann mich. Ich konnte gar nicht glauben, dass wir in Sicherheit sind. Wir haben ganz lange gar nichts gesagt, vermutlich waren wir einfach überwältigt, und dann haben wir angefangen zu lachen.

Ihr seid in die Akademie zurückgeflogen?

Nicht gleich. Zuerst hat der Helikopter-Typ – er hat übrigens nichts gesagt. Der Mann sollte ernsthaft an seinen sozialen Fähigkeiten arbeiten. Er hat uns in diese Stadt geflogen, ungefähr eine halbe Stunde von der Stelle entfernt, an der er uns aufgelesen hat.

Welche Stadt denn?

Keine Ahnung. Wie gesagt, der Typ war nicht sehr gesprächig. Aber es war eine große Stadt, die ganze Landschaft zersiedelt. Und er hat einen Moment lang über dem Geschäftszentrum in der Luft gestanden.

Jen runzelte die Stirn, biss sich auf die Lippen, starrte in die Ferne, hinter der Kameralinse. Das Schweigen zog sich in die Länge.

Was hast du gesehen?

Jen schauderte, als erwache sie aus einem bösen Traum. Diesmal war ihr Lächeln leblos.

Tod, sagte sie. Überall. Leichen in den Straßen. Einige kaum mehr als Knochen, andere als ob … o Mann … als ob Tiere an ihnen gewesen wären, an dem, was von ihnen übrig war. Der Gestank. Es war … hey, können wir vielleicht nicht über all das reden? Ich habe gerade die Albträume überwunden und das hier ist jetzt nicht gerade hilfreich.

Okay. Dann seid ihr in die Akademie zurückgekommen?

Jens Miene hellte sich auf.

Genau. Ins Spital. Pan war in schlechtem Zustand, aber mir ging es einigermaßen gut, körperlich wenigstens. Der Arzt hat mir gesagt, sie würden Pan eine Woche lang drin behalten, um sicherzugehen, dass sie wieder ganz hergestellt ist.

Und du?

Ich? Ich gehe morgen wieder runter in die Akademie.

Was wirst du den anderen Schülern erzählen?

Die Wahrheit. Was sonst? Wir sind abgehauen, wir sind gerettet worden, wir haben gesehen, wie es da draußen aussieht. Und jetzt sind wir wieder da.

Das Bild erstarrte und Pan ließ das Handy aus ihren Fingern gleiten. Es fiel klappernd auf den Tisch. Professor Goldberg streckte die Hand aus und tippte mit einem leicht schmutzigen Fingernagel gegen das Lederetui. Er seufzte.

»Dein Name erinnert an eine bestimmte Sagengestalt, Pandora«, sagte er. »Aber in dieser Situation erinnerst du mich an eine andere. Hast du schon mal von der Prophetin Kassandra gehört?« Pan antwortete nicht, aber das schien den Professor gar nicht zu interessieren. »Sie war eigentlich eine tragische Figur. Auf ihr lag der Fluch, dass sie in die Zukunft sehen konnte … und sie lag immer richtig. Alles, was sie den Menschen sagte, entsprach der Wahrheit.« Er schmunzelte. »Das Problem war nur: Ihr war bestimmt, dass niemand ihr je glauben sollte. Das war ihr Fluch, Pandora: die Wahrheit zu sagen, aber nah und fern als Lügnerin zu gelten. Ich vermute, dieser Fluch wird auch dich treffen, Pandora.«

Professor Goldberg stand auf und nahm das Smartphone an sich.

»Es hat Kassandra zerstört«, sagte er. »Pass gut auf, dass es nicht auch dich zerstört, Pandora.«

Und dann ließ er sie allein, mit dem wunden Himmel, den grauen Felsen und dem einsamen Klagen eines fernen Vogels.

2.

Pan wollte nicht in die Akademie zurückkehren, aber sie wollte auch nicht im Spital bleiben. Nachdem sie einige Stunden lang gegen ihre Verzweiflung angekämpft hatte, sehnte sie sich nach einfacher Bewegung. Eine saubere Uniform lag am Ende ihres Betts und sie schlüpfte rasch hinein. Dann verließ sie das Spital durch die Glastüren und begab sich zu der in Stein gehauenen Treppe, die hinunter auf das Gelände der Akademie führte. Der Junge, der zur Schülervertretung gehörte, stand immer noch Wache, aber er trat zur Seite, als sie näherkam. Er sah sie nicht an, als sie den langen Abstieg in Angriff nahm.

Sie konnte jetzt vollkommen klar denken, war sich unter den gegebenen Umständen aber nicht sicher, ob sie das als Vorteil betrachten konnte. Ihre Situation war hoffnungslos. Der einzige Mensch, der ihre Geschichte bestätigen konnte, würde genau das Gegenteil berichten, und sie konnte Jen dafür noch nicht einmal böse sein. Jen würde einfach nur die Wahrheit erzählen, so wie sie sich ihr darstellte – also die Wahrheit, welche die Akademie in ihr Gehirn implantiert hatte. Wie sollte sie dagegen ankommen? Hey, Jen, erinnerst du dich, wie ich dir gesagt habe, dass sie uns Erinnerungen einpflanzen? Weißt du was? Sie haben es schon wieder getan. Alles, woran du dich da erinnerst, die Sache mit dem Hubschrauber, ist reine Erfindung. Ich sage dir jetzt, woran du dich in Wirklichkeit erinnern müsstest …

Pan eilte bereits der Ruf voraus, abstruse Verschwörungstheorien zu verbreiten. Wenn sie die Version ihrer Freundin in Zweifel zog, würde ihr niemand glauben. Alle würden denken, sie sei verrückt. Wenn Pan noch ein Fünkchen Sympathie für die Akademie gehegt hätte, würde sie ihr dafür danken, dass man sie wenigstens vorgewarnt hatte. Aber warum hatten sie ihr nicht dieselben falschen Erinnerungen ins Gehirn eingespielt wie Jen?

Strafe, dachte sie. Psychische Folter.

Pan erreichte den Fuß der Treppe und sah sich in der vertrauten Landschaft um. Zu ihrer Rechten lag die Laufbahn, auf der Miss Kingston ihre Schüler im Namen der Fitness quälte. In der Ferne lag die Kantine und noch dahinter Pans Schlafbaracke, ein unscheinbares Gebäude inmitten der verstreuten Unterrichtshütten. Eine dunkle Masse thronte über der Szenerie: die Mauer mit ihren sechs in den Himmel ragenden Wachtürmen. Pan erschauderte.

Die Akademie lag verlassen da. Alle befanden sich im Unterricht. Die Schüler beugten sich jetzt über altmodische Maschinen, erfuhren etwas über das Pflügen, über organischen Dünger, oder sie arbeiteten an ihrer Jagdtechnik. Vielleicht hielt Gwynne gerade eine Stunde zum Thema Selbstverteidigung. Die ganze Akademie bereitete sich auf eine Welt vor, die es gar nicht gab. Noch nicht.

Pan war klar, dass sie sich dieser Welt, in der alles auf Täuschung basierte, wieder anschließen musste, aber im Moment konnte sie sich noch nicht dazu überwinden. Sie brauchte dringend Zeit zum Nachdenken. Zu ihrer Rechten, im Schutz des steilen Felsmassivs, das zum Garten auf dem Dach der Welt und zum Spital führte, lag der Felshügel, den die Schüler zum Gedenken an den Tod von Cara und Nate gebaut hatten. Den angeblichen Tod von Nate. Sie ging langsam hinüber, setzte sich an den Fuß des Hügels, den Rücken gegen die Steine gelehnt. Der Fels bot Schutz vor der Sonne, die jetzt deutlich heißer brannte als bei ihrem letzten Aufenthalt hier. Sie sah hinaus auf die Laufbahn. So viele Erinnerungen. Miss Kingston, die strenge Fitnesstrainerin, wie sie zusah, wenn Pans Gruppe ihre Runden lief, Nate ganz vorne, seine Glieder in geschmeidiger Bewegung. Cara, die mühsam, weit abgeschlagen, hinterher humpelte. Beide nicht mehr da.

Die Vergangenheit kannst du nicht mehr ändern, Pandora, dachte sie. Aber was die Zukunft betrifft …

Sie schüttelte den Kopf. Soweit sie es beurteilen konnte, war auch die Zukunft nicht zu ändern. Sie allein gegen die geschlossenen Ränge der Akademie und die gewaltige Macht im Hintergrund. Sie, ein junges Mädchen. Keine Verbündeten. Es war unmöglich. Und dann dachte sie an ihren Bruder Danny.

Sie konnte sich doch hier nicht einfach ihrer Verzweiflung ergeben, die Sekunden, Minuten, Stunden und Wochen abhaken, bis er anfing zu husten. Bis alle anfingen zu husten. Pan hatte gegen eine solche Übermacht wahrscheinlich nicht die geringste Chance, aber sie würde es sich nie verzeihen, wenn sie es nicht wenigstens versuchte. Drei Monate. Sie würden in einem Wimpernschlag vergehen. Sie hatte nicht die Zeit, an einen Steinhügel gelehnt herumzusitzen, während für die Welt die Uhr tickte. Sie musste aktiv werden.

Pan stand auf und wischte sich den Hosenboden ab. Dann wanderte sie den Weg hinunter zur Kantine. Ich muss etwas tun, dachte sie. Das Problem war nur: Sie hatte keine Ahnung, was sie tun konnte.

Die Kantine füllte sich allmählich und Pans Gruppe saß an ihrem gewohnten Tisch, die Köpfe über ihre Schüsseln gebeugt. Pan blieb in der Tür stehen und wartete, bis sich ihre Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Niemand schien ihre Ankunft zu bemerken. Wei-Lin kratzte ihre Schüssel mit einem Brocken Brot aus. Sie hatte den Kopf zur Seite geneigt und lächelte, als sie etwas zu Sanjit, dem ruhigen Jungen aus Darwin, sagte. Wei-Lin gegenüber saßen Sam und Karl mit aneinander gepressten Schultern. Obwohl sie gerade nichts sagten, war zu erkennen, dass ihre Beziehung noch immer lebendig war – wenn überhaupt, dann war ihre Verbindung noch enger geworden. Es war aus ihrer Körperhaltung zu lesen, der beiläufigen Zuwendung zueinander. Der neue Junge – wie hieß er noch mal? Eric. Der Junge mit den feuerroten Haaren und der Vorliebe für Brandstiftung und Explosionen. Zumindest hatte er das behauptet – Pan hatte noch nicht die Zeit gehabt, die Wahrheit zu ergründen. Sie war mit Jen geflohen. Und schließlich … Jen. Pans Kehle schnürte sich zu.

Ihre Freundin beugte sich über den Tisch und redete mit Eric. Sie stach mit dem Löffel in die Luft, unterstrich ihre Aussage auf ihre übliche, energische Art. Einen Moment lang verspürte Pan den Drang, sich gegen den Türrahmen zu lehnen. Ihre Beine fühlten sich an wie aus Gummi. So viele Erinnerungen, so viele gemeinsamen Erfahrungen. Das Wissen, dass Jen sich nicht mehr an ihre wichtigste Erkenntnis erinnerte, traf sie wie ein Schlag und drohte sie zu überwältigen. Es dauerte eine Minute, bis Pan ihren Beinen wieder traute; dann ging sie auf den Tisch zu.

Beinahe im selben Moment wurde es in der Kantine still. Pan hielt den Blick starr auf den Tisch ihrer Freunde gerichtet, aber sie wusste, dass die Schüler einander mit den Ellbogen anstießen, als sie vorbeikam. Stille folgte ihr wie eine Bugwelle, aber unbeirrt setzte sie ihren Weg fort. Jen hob den Kopf und riss die Augen auf. Der Löffel fiel ihr aus der Hand und sie stand auf.

Jen sagte nichts, breitete nur die Arme aus.

Pan versuchte zu lächeln. Die Situation schien es zu erfordern, aber es fühlte sich künstlich an, ein »halte-durch«-Lächeln wie bei einer Zeremonie, zu der sie keinerlei emotionalen Bezug hatte. Die anderen der Gruppe standen ebenfalls auf und dann fing jemand zu ihrer Rechten an zu klatschen. Der Applaus war anfangs noch reserviert, aber andere nahmen ihn auf und der Klang schwoll an. Jen drängte sich so heftig an Eric vorbei, dass er stolperte und sich an der Bank festhalten musste. Und dann drückte Jen Pan so heftig an sich, dass Pan sich fragte, ob ihre Rippen dem Druck standhalten würden.

»Es ist so schön, dich zu sehen, Pandora«, flüsterte ihr Jen ins Ohr. »Wie geht es dir denn?« Sie trat einen Schritt zurück, die Hände auf Pans Schultern, und musterte ihr Gesicht. Dann drückte sie sie wieder an sich. Pan bekam nicht genug Luft, um zu protestieren.

»Hey, Jen.« Es war Wei-Lins Stimme, aber Pan konnte sie nicht sehen, weil ihr Gesicht noch immer in Jens Jacke gepresst war. »Brich das da ab, Jen. Ich meine nicht ihre Wirbelsäule. Du quetschst sie tot. Mach mal langsam.«

»Tut mir leid.« Diesmal ließ Jen sie richtig los, aber Pans Erleichterung war von kurzer Dauer. Sie wurde zuerst von Wei-Lin, dann von Karl und Sam gedrückt, und sogar Sanjit tätschelte ihr die Schulter. Eric hatte sich wieder gesetzt und Pan beobachtete, wie er heimlich Jens Brot in seine Schüssel schmuggelte.

Es war eine Erleichterung, als sie sich setzen konnte. Der Applaus war verebbt und die Schüler hatten sich wieder ihrem Essen zugewandt. Allerdings warfen immer noch viele Pan neugierige Blicke zu. Es war, als sei sie so eine Art Heldin, zurückgekehrt aus einem Krieg, in dem sie Ehrenvolles geleistet hatte. Jedenfalls war es ein himmelweiter Unterschied zu der Art, wie die Schüler sie normalerweise behandelten. Wei-Lin schien Pans Gedanken aus ihrer verwirrten Miene zu lesen.

»Es war dasselbe, als Jen vor ein paar Tagen hier aufgetaucht ist«, sagte sie.

Karl bestand darauf, ihre Essensration zu holen, doch Pan war nicht davon überzeugt, dass sie etwas essen konnte. Aber er freute sich so darüber, etwas Nützliches tun zu können, dass Pan es nicht übers Herz brachte, das Angebot abzulehnen.

»Jeder wollte Jen auf die Schulter klopfen«, fuhr Wei-Lin fort. »Ein paar von den jüngeren Schülern haben sie sogar um ein Autogramm gebeten. Kannst du dir das vorstellen?«

»Warum denn das?«, fragte Pan.

»Weil sie bescheuert sind, Pandora«, mischte sich Jen ein. »Wir sind abgehauen und jetzt denken sie, wir sind verdammte Heldinnen.« Jen griff nach ihrem Brot, erkannte dann, dass es nicht mehr da war. »Hey, wer hat mein Brot weggenommen? Ich hatte noch ein Stückchen übrig. Du etwa, Eric?«

Der rothaarige Junge grinste und zeigte dabei eine Reihe strahlend weißer Zähne. »Als würde ich von dir stehlen, Jen. Wir sind ein Team, ja?«

»Verdammt richtig«, sagte Jen. »Wenn ich sehe, dass du etwas von mir klaust, breche ich dir den Arm. Kapiert?«

Erics Grinsen wurde noch breiter. »Klar.« Er wandte sich an Pan. »Ich habe da eine Theorie«, sagte er. »Über deinen Promi-Status. Willst du sie hören?«

»Nein, will sie nicht«, knurrte Jen.

Eric ließ sich keinen Moment lang irritieren. »Eine Viertelstunde lang berühmt«, sagte er. »Wie im Reality TV. Wir brauchen Alltagshelden, Mann, und du bist so was. Du solltest Bodyguards anheuern und dich bei Interviews zickig benehmen und dir jede Menge Drogen einpfeifen. Was meinst du dazu?«

»Ich meine, du solltest die Klappe halten«, sagte Jen, aber Eric wandte den Blick nicht von Pan ab, die jetzt mit den Schultern zuckte und sich wieder zu einem Lächeln zwang. Karl kehrte mit einer Schüssel voll Brot und einer Substanz zurück, die an Marmelade erinnerte. Jedenfalls war sie rot, hatte aber die Konsistenz von Blut. Pan strich eine winzige Menge davon auf die Ecke einer Brotscheibe, biss ab und verzog das Gesicht.

»Willst du uns nicht von eurem Abenteuer erzählen?«, fragte Eric.

»Genau«, sagte Karl. »Erzähl uns alles. Komm schon.«

»Ich bin sicher, Jen hat euch schon alles erzählt«, sagte Pan. Sie biss noch einmal von ihrer Brotscheibe ab. Ohne Marmelade schmeckte es nur unwesentlich besser.

»Schon«, sagte Eric. »Aber wir haben deine Seite noch nicht gehört.«

Was Pan eigentlich tun wollte, war, in den Schlafsaal zurückgehen, weg von allen, und Luft holen. Hier lauerte zu viel emotionales und körperliches Chaos; sie war von Menschen umgeben, die die Welt, wie Pan sie jetzt kannte, nicht verstanden, nicht verstehen konnten. Aber es waren ihre Freunde, die einzigen, die ihr vielleicht helfen konnten, wenn es ihr gelang, einen Plan zu schmieden. Wir haben uns zu sehr entfremdet, dachte sie. Ich muss unser Vertrauensverhältnis wieder aufbauen.

»Jen hat euch wahrscheinlich vom Drachenfliegen erzählt«, bot sie an.

»Oh ja.« Karl brach in Gelächter aus. »Sie hat gesagt, du hast dir da oben auf dem Felsen in die Hosen gemacht. Aber du hast es durchgezogen und das erfordert ganz schön viel Mut.«

»Seht mal«, sagte Jen. »Vielleicht will Pan jetzt nicht darüber reden. Lasst ihr doch einen Moment Zeit, Leute.«

Eric lachte. »Und Jen hat erzählt, dass die Stoffbespannung sich allmählich aufgelöst hat.« Er hob eine Hand und ließ sie donnernd auf die Tischplatte fallen. »Ende Gelände, habt ihr jedenfalls gedacht.«

»Eric!«, sagte Wei-Lin.

Pan spielte mit ihrem Brot, unfähig, noch einen Bissen hinunterzuwürgen, und ließ das Gerede über sich ergehen. Die Zeit läuft, dachte sie. Ich muss etwas unternehmen. Und zwar schnell. Was hatte Professor Goldberg gesagt? Drei Monate, dann würde sich das Virus aktivieren. Wie lange war es her, dass Jen und sie an Bord des Tankers waren? Sieben oder acht Tage vermutlich. Eine Woche war also schon weg, blieben noch elf. Natürlich noch weniger. Wahrscheinlich hatten sie nicht mehr als acht, dann musste sie draußen in der Welt sein – sonst blieb keine Zeit, die Katastrophe abzuwenden.

Selbst wenn sie noch einmal fliehen konnte – und wie wahrscheinlich war das, jetzt wo die Akademie sie genau im Blick hatte? –, wie sollte sie die Behörden davon überzeugen, die Sache ernst zu nehmen? Selbst wenn es ihr gelang, die Akademie zu lokalisieren und einen Journalisten darauf aufmerksam zu machen, oder jemanden, der mächtig genug war zu handeln – wie lange würde das alles dauern? Selbst wenn man ihr glaubte, die Zeit reichte einfach nicht aus. Ein künstliches Virus, das sie nicht näher bezeichnen konnte. Wie konnte jemand in dieser kurzen Zeit ein Gegenmittel finden, selbst wenn alle Informationen da waren? Es war unmöglich. Tränen traten Pan in die Augen. Unmöglich – aber hatte sie denn eine Wahl?

»… Hey, Pan. Na, wie hast du dich denn gefühlt, als das Boot gesunken ist?« Erics Worte rissen sie aus ihren Gedanken. »Ich meine, du hast doch bestimmt gedacht, jetzt bist du Haifischfutter.«

»Eric«, sagte Wei-Lin. »Du musst jetzt mal die Klappe halten.«

Welche anderen Fluchtmöglichkeiten gibt es? Vergiss die Mauer. Über die Berge? Das würde Wochen dauern.Monate. Nicht dass ich in diesen Bergen überleben könnte. Niemand könnte das. Was bleibt also? Der Hubschrauber. Ganz einfach – wenn ich es in den nächsten ein, zwei Wochen schaffe, ihn zu stehlen – und ihn fliegen zu lernen. Pan unterdrückte ein Schluchzen.

Wei-Lin redete noch immer. »Sie will nicht mehr dran denken, Eric, also hör jetzt auf, sie damit zu quälen.«

»Genau, zeig mal ein bisschen Respekt«, sagte Sam. »Sie haben die Welt da draußen gesehen und sie war tot. Tot, Eric. Wie unsensibel kann man denn sein? Ich meine …«

Pan stand ruckartig auf. Ihr Stuhl fiel um und es wurde erneut still. Von allen Seiten der Kantine richteten sich Blicke auf sie.

»Seid still!«, schrie sie. »Verdammt noch mal, ihr alle! Seid einfach still!«

Und dann war sie draußen, rannte, Wind auf der Haut und leichten Regen im Gesicht, der ihre Tränen verteilte und verwässerte. Pan rannte, als wäre ihr alles Böse dieser Welt dicht auf den Fersen und greife mit rot benetzten Fängen nach ihrem Hals. Aber egal, wie schnell sie rannte, die Verzweiflung kam näher, holte sie ein, mit jeder Sekunde, die verging.

3.

Pan rannte vollkommen planlos. Sie rannte, weil sie nicht anders konnte.

Erst als die Landschaft sich veränderte, verlangsamte sie ihren Schritt und sah sich um. Vor ihr lag der Wald, jener Wald, den ihr Nate vor so langer Zeit gezeigt hatte. Pan sah an der Bergflanke empor, die über den Baumwipfeln aufragte. Zuletzt war der Gipfel schneebedeckt gewesen, aber jetzt erblickte sie nur kahle Felswände mit einem gelegentlichen grünen Fleck, wo eine Pflanze sich mühsam festklammerte. Hoch über der Wolkendecke speisten die schmelzenden Eisdecken Ströme mit Schmelzwasser, die an der Bergflanke herabflossen wie Tränen. Pan erkannte drei, vier einzelne Bäche, die sich durch Spalten und Ritzen wanden. Jeder von ihnen erzeugte von Zeit zu Zeit einen kleinen Wasserfall. Sie wusste, dass diese Bäche zusammenfließen und auf den riesigen Wasserfall zustürzen würden, den sie selbst auf diese Entfernung hören konnte – er dröhnte wie eine Maschine, ließ den Boden unter ihren Füßen erzittern.

Pan ging in den Wald hinein.

Fast im gleichen Augenblick spürte sie die Ruhe, die sie schon bei ihrem ersten Besuch so in den Bann gezogen hatte. Ab und an drang Sonnenlicht durch das Laub und sprenkelte den Boden mit kleinen Pfützen aus Licht. Das Gras unter ihren Füßen federte und fühlte sich üppig an. Von dieser Seite hatte sie sich dem Wasserfall noch nie genähert. Aber sie vertraute ihren Ohren und bewegte sich tiefer in den Wald hinein, folgte dem Rauschen immer weiter. Nach wenigen Minuten übertönte das Donnern des herabstürzenden Wassers jedes andere Geräusch, aber sie sah weiterhin nur die Bäume und ihre schlanken, verschlungenen Äste. Da war kein Pfad, aber sie ging weiter, instinktiv zog es sie zum Wasserfall. Nicht nur wegen des Friedens, den sein Anblick bot, dem Kontrast zu der Ödnis der Akademie mit ihrer freudlosen Monotonie aus Felsen und Grau. Da war etwas anderes. Bilder kamen ihr in den Sinn, Bilder, an die sie sich nur zögernd erinnerte. Nate, der mit dem Rücken zu ihr dastand, umgeben von Gischtwolken, Regenbogen spielten über seinem Kopf. Wie er sich ihr zuwandte, den Kopf neigte, um ihr ins Ohr zu flüstern, sein Atem streichelte ihre Wange. Pan schauderte. Vertrau mir. Doch von allen Täuschungen, die ihr in der Akademie begegnet waren, war keine niederschmetternder als sein Verrat. Selbst in diesem Moment spürte sie den Schmerz wie eine körperliche Wunde unter dem Brustkorb. Sie versuchte, den Gedanken zu verdrängen. Es gab Wichtigeres, auf das sie sich konzentrieren musste. Und dennoch – das Bild von Nate inmitten der funkelnden Lichter wollte nicht weichen.

Der Wasserfall tauchte ganz plötzlich auf. Gerade noch hatte sie sich zwischen den Bäumen hindurchgekämpft, im nächsten Moment erreichte sie den Waldrand und stand vor einer Lichtung. Der Anblick war noch fantastischer, als sie ihn in Erinnerung hatte. Das Tosen des Wassers war lauter, der feine Sprühnebel verlieh der Szene eine fantastische Atmosphäre. Selbst auf ihre Entfernung – es waren bestimmt über fünfzig Meter – ging ein Nebel feiner Tröpfchen auf ihrer Haut nieder, die sich kühl auf ihrer Haut legten.

Pan stand mehrere Minuten lang nur da und sah sich alles an. Dann trat sie hinaus auf die Lichtung. Wenn es auf dem Gelände der Akademie einen Ort gab, an dem sie nachdenken konnte, dann war es dieser hier. Und sie musste unbedingt nachdenken.

Mitten auf der Lichtung lag ein großer Felsbrocken; er war teilweise im Erdboden versunken und mit Flechten überzogen. Pan ließ sich darauf nieder, und obwohl sie sofort spürte, wie Feuchtigkeit in ihre Kleider drang, ließ sie sich von dieser Unannehmlichkeit nicht stören. Sie stützte die Ellbogen auf die Knie und starrte in den Nebel. Die Zeit stand still.

Wenn sie in die Welt zurückkehrte, würde die Zeit drängen. Aber vorerst …