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Ich hasse sie! Ich hasse mich! Borderline, purer Selbsthass und Selbstmordgedanken – das Leben von Bastian gerät immer mehr aus den Fugen. Währenddessen steht die Ehe seiner Mutter Conny vor dem Aus. Verzweifelt versucht sie zu retten, was sich ihr in Scherben darbietet. Und muss erkennen: Kann sie ihrem Sohn nicht helfen, ist auch sie selbst verloren. Hat sie die Kraft, sie beide zu retten?
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Seitenzahl: 262
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Stephan Diederichs
Panikhort
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog 05. Juni 2008
1. Kapitel 02. Juni 2015
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel Zwei Monate später
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel 14. Dezember 2015
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
Impressum neobooks
Stephan Diederichs
Panikhort
Text: Stephan Diederichs©
Cover: Stephan Diederichs©
Lektorat: Eva-Maria Bergerbusch
Herstellung und Verlag: neobooks
Kontakt: Stephan Diederichs, Keplerstraße 11, 45147 Essen
E-Mail: [email protected]
Homepage: stephandiederichs.de
Alle Rechte, einschließlich des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks, sind vorbehalten.
Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder bereits verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Über den Autor:
Stephan Diederichs wurde 1991 in Bocholt/Nordrhein-Westfalen geboren und lebt heute in Essen. Bereits früh entdeckte er durch das Schreiben von Kurzgeschichten die Leidenschaft zur Literatur für sich. 2014 begann er mit Panikhort. Bis zum Sommer 2017 studierte er Journalismus und PR in Gelsenkirchen. In seiner Freizeit widmet er sich gerne dem Züchten von Bäumen und ist viel mit seinem Hund unterwegs.
Momentan widmet er sich vollständig dem Schreiben. Weitere Projekte im Genre Fantasy-Thriller und Fantasy sind geplant.
Mehr über den Autor erfahren Sie unter: www.stephandiederichs.de
stephandiederichsautor
@stephandiederichs
Es war ein ausgesprochen warmer Junitag, an dem die Sonne von einem fast wolkenlosen Himmel brannte. Ein seichter, wenig kühlender Wind glitt über Bastians erhitzte Haut. Die Eiche aus des Nachbars Grundstück spendete wohltuenden Schatten. Bastian schmiegte sich an den Zaun unter ihrem mächtigen Blätterdach, der die Grundstücke voneinander trennte und ließ den müden Blick über den weitläufigen Garten mit seinen vielen Beeten voller Geranien, Glockenblumen und Rosen schweifen. Für Bastian war es ein Ort der Ruhe und der Erholung, an dem er gerne mit seinen Eltern spielte oder im frisch gemähten Gras weilte.
Gegenüber von ihm wippte die Schaukel in der leichten Brise, von der er gerade heruntergesprungen war und sich in den Schatten begeben hatte. Sein Kopf fühlte sich schwer und bleiern an, so als würde eine unsichtbare Hand ihn zur Erde zerren. Für einen Augenblick schloss er die Augen und atmete ruhig in sich hinein. Beim Fangenspiel hatten er und sein Vater wieder etwas übertrieben und nun saß dieser unter der wippenden Markise auf der Terrasse am anderen Ende des Gartens und erfrischte sich mit einem Glas gekühlten Wassers die Stirn. Seine Mutter war hereingeeilt, um Bastian eine Apfelschorle zuzubereiten. Er liebte ihre Schorlen. Sie bereitete ihm oft seine Lieblingsspeisen und Getränke vor. Bastian wünschte sich nichts sehnlicher als eines ihrer selbstgemachten Eis auf seiner Zunge zu spüren. Für ihn konnte es keine bessere Mutter geben als die seine, das war unmöglich. Sie kümmerte sich liebevoll um all seine Belange. Leider ließ sie auch die lästige Strenge nicht vermissen, die fast jeder Mutter innewohnte. Manchmal wünschte sich Bastian ein paar mehr Freiheiten, wie sie viele seiner Klassenkameraden sie genossen. So musste er oft schon vor sechs Uhr Zuhause sein, da seine Mutter das Abendessen fertig hatte oder recht früh ins Bett, wie er befand. Doch alles in allem konnte er kaum glücklicher sein.
Unweigerlich musste er an seinen besten Freund Mark denken, dem derartiges Glück nicht beschieden war. Seine Mutter war vor drei Monaten bei einem Autounfall gestorben. Wie es wohl sein musste, ohne eine Mutter aufzuwachsen, die einem sagte, wie sehr sie einen liebt? Bastian konnte sich das nicht vorstellen und er wollte es an diesem wundervollen Tag auch nicht.
Eine verirrte Wolke schob sich vor die erbarmungslose Sonne. Der Wetterfrosch im Radio hatte für heute den heißesten Tag der Woche angekündigt. Bastian mochte die Hitze nicht. Dann schwitzte er mehr als sonst und fühlte sich beim Rennen schneller schlapp. Er sah zum klapprigen Liegestuhl hinüber, auf dem sein Vater japsend saß. Egon hatte die Augen geschlossen. Das Hemd spannte sich über seinen großen, gewölbten Bauch. Nicht schon immer war er so korpulent gewesen. Bastian erinnerte sich an eine Zeit, da war er beinahe so schlank gewesen wie seine Mutter. Bei der Erinnerung daran, kam Bastian nicht umhin zu grinsen. Muss wohl an den vielen Süßigkeiten liegen, dachte er vergnügt.
Sein Blick folgte einer Wespe, die um ein Blatt über seinem Kopf herumtanzte. Dann flog sie in einem weiten Bogen zu den bunten Stiefmütterchen neben der Schaukel. Bastian seufzte zufrieden. Es war ein wunderbarer Tag für ihn. Zuerst hatte sein Vater mit ihm eine Runde Federball gespielt. Dabei war Egon rücklings in das Gemüsebeet getreten und hatte sich prompt eine Predigt von Conny eingehandelt. Wenig später war er auch noch über seine eigenen Füße gestolpert und auf den harten, vertrockneten Rasen aufgeschlagen. Bastian hatte so heftig gelacht, dass er Seitenstiche bekommen hatte. Schließlich hatten sie lieber Fangen gespielt und sich dabei so sehr verausgabt, dass Bastian schwindelig geworden war.
Er liebte solche Nachmittage mit seinen Eltern. Oft spielten sie fangen, Monopoly oder malten zusammen. Jedes Mal durchflutete ihn ein Gefühl der Wärme und Geborgenheit, weil sie sich so viel Zeit für ihn nahmen und nicht arbeiten, das Haus putzen oder den Rasen mähen mussten. Beide waren in diesen Stunden nur für ihn da und hörten ihm aufmerksam zu, wenn er von den Treffen mit Mark berichtete oder darüber, wie er auf den höchsten Baum im Wald geklettert war. Diese Nachmittage waren eine wunderbare Abwechslung zur öden Schule, wo er lernen musste, Buchstaben und Zahlen richtig zu schreiben.
Conny lugte zwischen den Lamellen an der Terrassentür hervor und kam mit einem vollen Tablett heraus. Sie reichte Egon ein neues Glas kühles Wasser und er trank gierig wie ein Hund, der nach Tagen der Entbehrung zum ersten Mal eine Pfütze entdeckt. Sie beugte sich zu ihrem Mann herunter und flüsterte ihm etwas ins Ohr, das Bastian nicht verstehen konnte. Dann lachte sie laut auf. Bastian musste ebenfalls schmunzeln. Wann immer seine Mutter lachte, sah es aus, als würde eine wunderhübsche Elfe aus einem Märchen die Lippen verziehen. Selbst sein Vater sagte immer, wie schön das Lächeln seiner Frau war.
Conny wirbelte herum und eilte zu ihrem Sohn, der sie mit einem Lächeln besah, und setzte sich neben ihn. Auch er nahm einen kräftigen Schluck. Die kalte Apfelschorle ließ ihn wohlig brummen. Es fühlte sich fantastisch an. Bastian brauchte nicht viel, um glücklich zu sein. Ein Tag mit seinen Eltern und seinem Lieblingsgetränk reichten da meist aus. Er knuffte seine Mutter in den Oberarm.
„Aua“, schrie sie gekünstelt auf und schubste ihren Sohn, dem dabei fast die Apfelschorle aus der Hand gefallen wäre. Beide mussten herzhaft lachen. Bastian nahm einen weiteren Schluck. Anschließend rülpste er aus tiefer Kehle, nahm den Daumen an die Stirn und reckte den kleinen Finger hinaus. „Schulz“, rief er und musste erneut kichern, sodass ihm die restliche Schorle aus der Nase tröpfelte.
„Du bist wie dein Vater!“, tadelte Conny ihn mit gespielter Entrüstung. Normalerweise beanstandete sie ein solch rüpelhaftes Verhalten, heute aber war es ihr offensichtlich gleichgültig. Was er aber besonders schätzte, war die Tatsache, dass er mit ihr über alles reden konnte, was ihn belastete. Neulich war er mit einem dunklen blauen Fleck am Bein und einer Schürfwunde am Kopf nach Hause gekommen und als er ihr erklärt hatte, dass Tom, ein hinterhältiger, fetter Junge aus der Nachbarschaft, ihn geschlagen hatte, hatte sie ihn tröstend in den Arm genommen. Er schrie nicht wegen jeder Schramme nach seiner Mutter, aber es tat ihm gut zu wissen, dass sie für ihn da war.
Mit seinem Handrücken wischte Bastian sich den Schweiß von der kirschroten Stirn. Er fühlte sich schläfrig von der Anstrengung und ließ sich zufrieden brummend auf den Rasen gleiten, das letzte Stückchen grün im Schatten der Eiche, das die Hitze noch übrig gelassen hatte. Ein warmer Strom durchfloss seinen Körper, der nichts mit den heißen Temperaturen zu tun hatte. Eine Wärme, die ihn umklammerte, wie eine Umarmung seiner Mutter. Mit geschlossenen Augen lauschte er seinen Erinnerungen an den wundervollen Tag.
Das war der Tag, nachdem sich Bastians Leben für immer verändern sollte. Der letzte Tag, an dem seine Eltern glücklich waren – und der letzte Tag, an dem Bastian sich leicht und unbeschwert fühlte.
Es war wieder einer dieser verhassten Montage und trotz des frühen Morgens brachte die Sonne, die schon durch die Wolken lugte, schwülwarme Luft mit sich. Gedankenverloren stellte Bastian das Foto in dem selbstgebastelten Rahmen zurück auf den schweren Beistelltisch und ließ sich in die Kissen seines weichen Bettes zurücksinken. Früher hatte dieser einmal nett ausgeschaut mit seiner leuchtend roten Farbe, heute war das Holz zerkratzt und das Rot sah aus wie getrocknetes Blut. Trübsinnig dachte Bastian, dass der Tisch sich seinem Leben angepasst hatte.
Seit jenem Tag, an dem er zum letzten Mal etwas mit seinen Eltern unternommen hatte, waren mittlerweile sieben Jahre vergangen. Sieben Jahre, in denen sich sein Leben und allen voran seine Eltern grundlegend verändert hatten. Noch einmal warf er einen wehmütigen Blick auf das Foto. Es zeigte ihn an besagtem Tag, wie er mit seinem Vater Federball spielte. Geschossen hatte es seine Mutter, wie man unschwer erkennen konnte. Es war verwackelt und überbelichtet.
Ein trauriges Lächeln stahl sich auf Bastians knochiges, verhärmtes Gesicht. Schwerfällig, wie an jedem Morgen in letzter Zeit, trottete er zum Schrank hinüber. Er entschied sich für ein blaues T-Shirt mit einem grauen Gorilla darauf und eine verschlissene Jeans, wie sie viele aus seiner Klasse trugen.
„Ein bisschen Beeilung, Bastian. Der Schulbus wartet nicht auf dich!“, raunzte seine Mutter vom Flur herauf, gedämpft durch die geschlossene Tür seines Zimmers.
„Meine Fresse, darf ich mir die Hose noch anziehen?“, erwiderte Bastian giftig.
„In fünf Minuten bist du unten, hast du mich verstanden? Und gewöhn dir solche Schimpfwörter ab.“
Er setzte sich auf sein Bett und schlug das Hosenbein, das er sich gerade überstreifte, besonders laut auf den Boden. „Man, nerv‘ mich nicht. Du kannst nichts außer rumzumeckern.“
„Ich müsste nicht so viel schimpfen, wenn du nicht jeden Morgen trödeln würdest!“
Er wollte etwas Bissiges erwidern, aber seine Mutter war schon wieder nach unten gelaufen. Er kannte das, so verliefen ihre Begegnungen typischerweise. Wo Bastian und Conny früher stundenlang Zeit zusammen verbracht und geredet hatten, wechselten sie jetzt oft nur wenige, spitze Worte. Und diese mündeten nicht selten in einen Streit. Bastians Muskeln verspannten sich und sein Herz raste wütend, wenn er daran dachte, dass seine Mutter in der Küche auf ihn wartete. Er legte keinen Wert darauf, heute Morgen mit ihr zu reden.
Vor dem Spiegel neben dem Schrank zog er sich an. Er streifte sich das Shirt über seinen spindeldürren Oberkörper, aus dem die Rippen hervorstachen wie die Stäbe eines Xylophons. Für seine vierzehn Jahre war er klein; vor allem störte ihn aber, dass er so schmächtig war. Die meisten anderen in seiner Klasse überragten ihn zumeist um eine Kopflänge. Und beim Sportunterricht hatte er letztens neidvoll erkennen müssen, dass ein paar Jungs bereits definierte Bauch- und Brustmuskeln hatten, während er immer noch einen kindlich flachen Bauch durch die Gegend schleppte.
Mit einem Kamm wühlte er durch sein zerzaustes braunes Haar, das sich im Schlaf dazu entschieden hatte, sich wild um seinen Kopf zu schlängeln. Seine blasse Haut zog sich über seinen Schädel wie eine Totenmaske. Bastian fand sich hässlich. Unweigerlich kam ihm eine Situation aus der Schule in den Sinn, in der Kim Welsh, ein hübsches Mädchen aus seiner Klasse, ihn genau wegen seines schlechten Aussehens abgewiesen hatte. Sie hatte ihm zu verstehen gegeben, dass sie mit einem solch abstoßenden Jungen wie ihm niemals gehen würde. Sie hatte es nicht laut gesagt, aber Bastian hatte an ihrem angewiderten Blick gesehen, dass er seine Frage besser nie gestellt hätte.
An diesem Tag hatte er sich geschworen, nie wieder ein Mädchen ansprechen zu wollen, um der Peinlichkeit einer Abfuhr zu entgehen.
„Bastian! Komm jetzt runter oder du kannst zur Schule laufen! Der Bus fährt gleich“, rief Conny von unten herauf.
Bastian schnaubte. Wenigstens ist dir so etwas wichtig, dachte er. Wie ich am schnellsten aus dem Haus komme.
Am liebsten hätte er sein Zimmer nicht verlassen. Dieser Raum war für ihn eine Art Höhle geworden, in die er sich zurückziehen konnte. Hier zu sein bedeutete für ihn, seine Mutter nicht sehen zu müssen, die ihm ständig nur Vorwürfe machte.
Den Rucksack auf den Rücken geschnallt, trat er hinaus in den Flur, der dunkler war als eine sternenlose Nacht. Kein Fenster spendete diesem Korridor Licht. Er tastete wie ein Erblindeter nach einem Lichtschalter und lief die knarzenden Treppen hinunter, die in den unteren Flur führten, an dessen Ende sich die Tür zur Küche befand. Er hielt inne und überlegte kurz, ob er einfach ohne Frühstück zur Schule aufbrechen sollte. Sein Magen entschied anders. Die Küche war klein und vollgestopft mit einem ovalen Tisch in der Mitte. Dahinter befanden sich Herd und Kühlschrank, die zwischen wuchtigen Schränken eingepfercht waren. Über der Arbeitsfläche thronten Hängeschränke, die wie zu groß geratene Legobausteine wirkten und die Küche noch enger wirken ließen.
Wie Bastian erwartet hatte, stand Conny mit missbilligender Miene hinter dem Tisch, die Hände in die Hüften gestemmt. Bastians Augenlid zuckte. Er wartete nur darauf, dass seine Mutter in einem Tobsuchtsanfall anfangen würde zu keifen. Stattdessen rollte sie mit den Augen, ging zurück an den Herd und kratzte in der Pfanne herum. Eine braune Strähne löste sich aus ihrem Haarknoten und fiel ihr ins Gesicht. Sie legte die Stirn angestrengt in Falten, wie sie es immer tat, wenn sie irgendetwas nervte. Bastian war drauf und dran zu fragen, was los sei, entschied sich dann aber dagegen. Es interessierte sie schließlich auch nicht, was ihn bekümmerte.
„Was ist?“, blaffte Conny und fuhr sich mit der Hand durch die Haare. „Willst du nicht mal langsam essen, anstatt mich die ganze Zeit anzustarren?“ Sie drehte ihm den Rücken zu, holte Wurst aus dem Kühlschrank und warf sie vor ihm auf den Tisch.
Dieses Mal war es Bastian, der mit den Augen rollte. Eine eher harmlose Reaktion im Vergleich zu den letzten Auseinandersetzungen. „Mach das nochmal und du kannst gleich abhauen“, sagte sie gereizt, nahm den Spülschwamm von der Arbeitsplatte und warf ihn ins Wasser. Sie setzte sich schnaubend auf den Stuhl neben ihm und blickte aus dem Fenster.
Bastian musste sich beherrschen, nicht etwas Grobes zu erwidern. Er wollte sich nicht schon am frühen Morgen mit seiner Mutter streiten, da ihm dazu einfach die Lust und die Kraft fehlten.
Vor einigen Jahren hatten sie meist gemeinsam gefrühstückt. Doch mittlerweile war es Conny offenbar gleichgültig geworden, sich zu ihm zu gesellen. Und wenn sie mit ihm redete, hatte sie meist nur etwas an ihm zu bekritteln. Immer wieder hatte sie gemeint, dass er sowieso zu nichts zu gebrauchen sei und nichts könne. Während eines Streits in seinem elften Lebensjahr gipfelte das in eine Äußerung Connys: Sie hätte sich gewünscht, dass er niemals geboren worden wäre. Mit einem Kloß im Hals war Bastian in sein Zimmer gerannt, hatte verzweifelt auf sein von Tränen feuchtes Kissen eingedroschen und sich gewünscht zu sterben. An diesem Abend war etwas in ihm zerbrochen. Seitdem stand er jeden Morgen mit den gleichen schweren Gliedern, der gleichen inneren Leere auf, mit der er am Abend zuvor zu Bett ging.
Bis heute konnte er sich nicht erklären, weshalb seine Mutter auf einmal so abweisend und fies geworden war. Er hatte sich immer wieder gefragt, ob sie ihn nicht mehr liebte. Zwar hatte sie das nie laut gesagt, aber ihre Reaktionen ließen ihn oft zweifeln. Irgendetwas musste es mit ihm zu tun haben, da war er sich sicher. Warum sonst hatte sie sich so stark verändert? Bis vor wenigen Jahren hatte sie ihm täglich vor dem Zubettgehen und bevor er zur Schule gegangen war gesagt, dass er ihr leuchtender Stern gewesen sei. Sie liebte ihn nicht mehr. Zunehmend gewann die Überzeugung eine erdrückende Kraft in ihm. Sein Hals schnürte sich zu und seine Augen wurden von den ersten Tränen feucht. Er blickte rasch auf seine Füße, die er unter dem Stuhl gekreuzt hatte, damit seine Mutter seinen Gefühlsausbruch nicht mitbekam.
Warum weine ich jetzt? Es ist mir doch scheißegal, ob sie mich liebt oder nicht. Oder waren ihm ihre Zurückweisungen doch nicht gleichgültig? An diesem Morgen wünschte er sich nichts sehnlicher, als noch einmal sieben Jahre alt zu sein und von seiner Mutter in den Arm genommen zu werden. Ja, er vermisste dieses Gefühl der Zuneigung, aber sein Stolz verbat es ihm Schwäche zu zeigen.
„Wo ist Papa?“, erkundigte er sich beiläufig und hob den Kopf.
„Die Frage kannst du dir selber beantworten! Und wenn du jetzt nicht gleich isst, schmeiß ich es weg und du kannst mit hungrigem Magen zur Schule gehen.“ Ihre giftigen Augen spießten ihn auf, als besäße sie einen unsichtbaren Speer.
Umgehend bereute er es, überhaupt danach gefragt zu haben. Unsicher warf er einen Blick auf die Uhr; sie zeigte kurz nach sieben an, auch für seinen Vater eine eher ungewöhnlich frühe Zeit, um zur Arbeit aufzubrechen. Wahrscheinlich hat er es auch nicht mehr mit Mama ausgehalten, dachte er, nicht ohne ein wenig Genugtuung zu empfinden.
„Tschuldigung, dass ich frage.“
„Was ist denn jetzt schon wieder falsch?“ Sie klopfte sich mit ihren Fingern auf die Knie und schob den Unterkiefer drohend nach vorne. Bastian fand, dass sie so einem angriffslustigen Falken glich, der eine Maus mit seinen Krallen packen und mit seinem Schnabel zerfetzen wollte.
„Ach, ist jetzt auch egal. Ich hab noch zu tun.“ Sie wirbelte vom Stuhl hoch und ging zurück zur Spüle.
Ich habe zu tun. Noch so ein Spruch, den sie ständig brachte, wenn sie aufgebracht war. Sie und Papa haben sich ganz sicher wieder gestritten.
Mürrisch kaute Bastian auf seinem Toast herum. Angewidert spuckte er es zurück auf den Teller; die Unterseite war schwarz und schmeckte wie eine alte Schuhsohle.
„Was soll denn das jetzt wieder? Du bist doch keine fünf Jahre alt mehr, verdammt noch Mal!“, polterte Conny, fuhr herum und blitzte ihn zornig an.
„Das Toast ist völlig verbrannt.“
„Dann mach es selber, du undankbarer Nichtsnutz.“
Conny hieb mit der flachen Hand auf den Tisch. Bastian zuckte zusammen, in Erwartung einer weiteren Diskussion, warum er sich erdreistete, sie in diesem Ton anzusprechen.
„Ich bin es langsam leid, dass du ständig Widerworte gibst. Ich mache alles für dich und das Einzige, was ich zu hören bekomme, sind irgendwelche Unverschämtheiten von dir. Sieh zu, dass du abhaust, ehe ich mich vergesse.“
Bastian betrachtete das Funkeln in ihren scharfen, blauen Augen, das schon früher Ärger bedeutet hatte. Jedoch war sie ihn damals nie in einem solch schneidenden Ton angegangen, wie sie es heutzutage zu tun pflegte.
Sein Herz pochte wie eine Trommel. Im Grunde wollte er nichts lieber tun als auszuflippen, ihr den Teller ins Gesicht zu schleudern oder eine ihrer kostbaren Vasen zu zertrümmern. Wenn er sich vorstellte, wie sie kreidebleich vor Entsetzen auf die übergebliebenen Scherben äugte, empfand er plötzliche Freude. Er entschied sich aber, sich schweigend zu erheben und einfach den Raum zu verlassen. Vor seiner Mutter wollte er sich nicht die Blöße geben, ihr zu zeigen, wie sehr ihn ihre Bemerkungen getroffen hatten.
„Besser ist das. Sieh zu, dass du schnell zur Schule kommst!“, schrie Conny ihm hinterher.
Bastian lehnte sich gegen die weiße Wand im Treppenhaus. Ein schwerer Stein schien anstelle seines vollgestopften Kopfes auf seinen Schultern zu hängen. Eine nervöse Unruhe erfasste ihn, flatternde Gedanken rasten an ihm vorbei wie ein Porsche auf einer Autobahn. In seinem Magen breitete sich ein eigenartiges Kribbeln aus, als wäre seine Magensäure eine heiße, überlaufende Quelle. Er würde nichts lieber tun, als wieder zurück ins Bett zu gehen und den grässlichen Tag an sich vorbeiziehen lassen.
Sein Herz stocherte noch immer wild in seiner Brust herum. Ihm wurde übel, bis er sich auf einen festen Punkt an der Treppe konzentrierte. Dann atmete er tief durch. Die Luft im Flur war muffig, was am uralten Teppich liegen musste, der an den Ecken bereits ausfranste.
Dieser Tag, sieben Jahre später, fing genauso deprimierend an, wie viele seither.
„Du bist so ein verdammtes Mädchen!“, krächzte Tobi. Er war ein fieser Junge aus Bastians Klasse, der keine Gelegenheit ausließ, ihn zu mobben. Bastian hasste ihn. Tobis dümmlich grinsende Kumpanen Niklas und Ayhan hatten sich im Halbkreis um sie geschart und erwarteten den nächsten gemeinen Kommentar ihres Freundes.
Bastian drehte sich weg und ignorierte die drei, so gut er konnte. Er wartete vor dem Klassenraum darauf, dass seine Lehrerin, Frau Schullerus, ihn von diesen drei hirnverbrannten Idioten erlöste. Der Korridor ähnelte mit seinen hohen Fenstern und den bunt gekachelten Wänden einem alten Krankenhaus. Die verschmutzten Klassenzimmer waren hinter gelben Türen versteckt und ein steriler Geruch aus dem Chemieraum ganz am Ende des Ganges ätzte in Bastians Nase.
Tobi setzte zu einem neuen, spöttischen Seitenhieb an. „Seht nur, ich habe Angst vor Bällen und fange deswegen sofort an zu weinen und rufe nach meiner Mami.“ In den letzten Wochen hatte sich Tobis Stimme von einer kindlichen zu einer männlicheren Version entwickelt. Er legte sich den Handrücken auf die Stirn und tat so, als würde er einem Heulkrampf erliegen.
Er grölte und Ayhan und Niklas, stimmten mit ein. Ayhan war ein schmächtiger, gedrungener Typ mit dem ersten Flaum über seiner Oberlippe. Niklas hingegen war ein grobschlächtiger Schläger, der breiter als der Stamm einer alten Eiche war. Tobi stach aus dieser Gruppe hervor. Er war der mit Abstand hübscheste Junge der Schule, hatte blonde Haare, die sich über seine Ohren legten und tiefgründige blaue Augen. Irgendwie wollten die drei so gar nicht zusammenpassen.
„Hey Steinmann. Alles wird gut. Frau Schulerus hat deine Mami schon angerufen. Sie holt dich sofort ab.“ Wieder gab es schallendes Gelächter, das dreifach von den hohen Wänden widerhallte.
Noch ehe sie Bastian weiter erniedrigen konnten, rauschte Frau Schullerus über den Korridor und führte sie in das Klassenzimmer. Der Raum war länger als breit. Die Tischreihen erstreckten sich in Zweierreihen bis nach hinten zur Wand, überragt vom wuchtigen Lehrerpult aus Eichenholz, der gegenüber vom Eingang wie ein Thron wirkte. Kleine Figuren aus dem Kunstunterricht und Pflanzen zierten die Fensterbank. Wenn Bastian die Schule nicht so gehasst hätte, fände er es hier gemütlich. Er warf seine Tasche auf einen Tisch in der ersten Reihe und hockte sich missgelaunt auf einen der alten, knarrenden Stühle, die ungefähr so rückenfreundlich wie eine kalte Betonwand waren. Wieder hatte sich niemand neben ihn gesetzt. Warum sollte man mich auch mögen? Der Gedanke ergriff Besitz von ihm, quälte seine Eingeweide und ließ sein Herz stolpern. Niemand mag mich.
„Ist etwas nicht in Ordnung, Bastian?, fragte Frau Schullerus. Sie hatte ihnen aufgetragen eine Kurzgeschichte zu verfassen, doch Bastian hatte nach zwanzig Minuten immer noch nichts zu Papier gebracht.
Sie hockte sich vor Bastians Schreibtisch, die Unterarme auf die Tischplatte gelehnt. Bastian kam sich wie ein kleines Kind vor, wie sie ihn mitleidig musterte. Frau Schullerus lockiges, braunes Haar fiel über ihre Schulter. Ihr Gesicht war in Falten gebettet. Bis vor wenigen Jahren musste Tabea Schulerus jugendlich hübsch ausgesehen haben. Jetzt war davon einzig das Glimmen in ihren Augen geblieben.
„Nö“, grummelte Bastian geistesabwesend.
„Aber du hast noch nichts geschrieben. Soll ich dir helfen?“ Sie fasste nach vorne, legte die Hand auf sein Schreibheft.
„Nein.“ Warum will gerade sie mir helfen? Mir ist nicht zu helfen, dachte Bastian trüb. Er nahm tiefe Atemzüge, versuchte das siedend heiße Stechen in seiner Brust zu ignorieren, das den Ausbruch ankündigte. Die Arme verschränkt, lehnte er sich nach hinten, um Abstand von ihr zu gewinnen. Doch Frau Schullerus ließ sich nicht beirren, fuhr mit einem freundlichen Lächeln fort und fuhr ungeduldig mit dem Finger über sein Heft.
„Sieh mal, versuche dir erst einmal vorz…“
„Ich habe nein gesagt. Warum kapieren Sie das nicht?“, sagte Bastian so laut, dass alle anderen in ihren Tuscheleien augenblicklich verstummten. Sein Gesicht glomm, als hätte er es auf eine heiße Herdplatte gelegt. Seine innere Stimme schrie ihn förmlich an, diesem Miststück zu zeigen, dass sie ihn gefälligst ihn Ruhe lassen sollte. Der Stift in seiner Hand zitterte mit seinen Fingern um die Wette, er konnte ihn kaum noch festhalten und doch umklammerte er ihn noch fester.
„Bastian, was für einen Ton gewöhnst du dir bitte an? In zehn Minuten gebt ihr eure Ergebnisse ab und dann will ich etwas von dir sehen. Also lass mich dir jetzt helfen“, erwiderte Frau Schulerus bestimmt.
„Nein, verdammt! Warum kapieren Sie das nicht? Lassen Sie mich in Ruhe!“
Bastians Herz bebte und rempelte schmerzhaft gegen seine Brust, aber es war ihm einerlei. Er wusste nicht, warum er so aufgebracht war. Diese Frau hatte ihm nichts getan und dennoch spürte er eine heiße, siedende Wut in sich aufkochen. Er wusste, wenn er jetzt die Beherrschung verlor, dann würde ein Besuch beim Rektor auf ihn warten, aber es fehlte nicht viel und unflätige Worte würden aus ihm hervorbrechen wie giftiger Eiter aus einer entzündeten Wunde.
„Bastian… Ich…“
„Er checkt es halt nicht“, johlte Tobi in einem fiepsigen, hohen Ton.
Nun war eine rote Linie bei Bastian überschritten. Er wirbelte von seinem Stuhl hoch und drehte sich zu Tobi herum, der eine Reihe hinter ihm saß. Seine Finger krallten sich in Tobis Federmappe und er schleuderte sie mit einem Schlenker seines Arms quer durch den ganzen Raum. Wie aus weiter Entfernung drang ein greller Schrei an Bastians Ohren, doch er war so in seinem Wutanfall gefangen, dass er ihn nicht richtig hörte.
„Das Einzige, was ich verstehe, ist, dass deine dämliche Fresse nichts anderes kann, als blöd zu grinsen“, kreischte Bastian. Tobi wurde leichenblass und lehnte sich unwillkürlich nach hinten.
Dann nahm Bastian sein Heft und riss nacheinander alle Seiten heraus. Sie flogen wie ein Schwarm Vögel über die Köpfe von Tobi, Niklas und Ayhan hinweg. Die drei schauten ungläubig zu, konnten mit ihrem beschränkten Horizont gar nicht begreifen, was eigentlich passierte.
Bastian riss die letzten Seiten in Fetzen, als sich von hinten jemand um seine Schultern schlang und ihn zu Boden ringen wollte. Aber Bastian wehrte sich. Er trat und schlug nach dem Angreifer, doch erwischte ihn nicht. Aus dem Augenwinkel sah er schwarzes, glänzendes Haar und wusste, dass es sich um Mark handelte, der sich auf ihn gestürzt hatte.
„Du!“, keifte Bastian, als sich weitere Arme um seine Hüfte schlangen und es schließlich schafften, ihn zu bändigen. Noch nie hatte er sich so ermattet gefühlt, wie eben jetzt. Er keuchte wie nach einer Wanderung durch die Berge.
„Du gehst sofort zum Schulleiter!“, sagte Frau Schulerus mit brüchiger Stimme. Ihr stand der kalte Schweiß auf der Stirn. Sie stand wie gelähmt neben den sich rangelnden Bastian und Mark, die sich langsam aufrichteten. In ihren Augen lag etwas Wirres und sie war außerstande, ihm in die Augen zu schauen. Erkannte Bastian Furcht in ihren Zügen?
Ich habe doch gewusst, dass sie mir auch nichthelfen will. Bastians Gedanken kreisten nur um diesen einen Einfall. Aufgebracht und immer noch keuchend stopfte Bastian seine Stifte und sein Heft in den Schulranzen. Für ihn sahen die entsetzten Gesichter seiner Klassenkameraden wie bizarre Masken aus, wie man sie an Fasching trug. Eisige Blicke folgten ihm.
„Bastian, was ist los mit dir?“
Sie fuhr die Bismarckallee entlang, die sich wie ein Strich durch die gesamte Stadt zog. Vor und hinter ihr schlängelten sich die Autos durch den dichten Verkehr, wie er an jedem Freitag die Straßen verstopfte. Von überall her drang das nervöse Hupen der anderen Autofahrer durch die geöffnete Fensterscheibe ihres Wagens. Conny betätigte den Knopf und das Fenster fuhr hoch. Sie sperrte die nervtötenden Geräusche und die vor Abgasen stehende Luft aus und drehte die Klimaanlage auf.
Am Ende der Straße türmten sich hohe Gewitterwolken am Horizont. Es sah aus, als würden sie den Asphalt verschlucken. Das erste Donnergrollen rollte die Straße hinab und auch in Conny grummelten ihre Gedanken.
Sie konnte nicht fassen, dass Bastians Schuldirektor sie heute Morgen angerufen hatte. Er hatte ihr mitgeteilt, dass sie Bastian von der Schule abholen sollte. Am Telefon hatte sie nur verstanden, dass Bastian einen Mitschüler angegriffen hatte. Als sie dann im Büro von Aaron Seppälä aufgetaucht war, fand sie einen in sich zusammengesunkenen Jungen auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch des Rektors vor, der ihrem Sohn einfach nicht ähneln konnte. Wo war der charismatische, selbstbewusste Junge geblieben, der er einst gewesen war? Sie hatte gleichsam Mitleid und Groll gegen Bastian gehegt, da sie besseres zu tun hatte, als ihn nach einer Rauferei in der Schule aufzulesen. Sie hatte sich beim Schulleiter für diese Unannehmlichkeit entschuldigt und Bastian bedeutet ihr zum Auto zu folgen. Er war schweigsam hinter ihr her getrottet.
Nun saß er auf dem Beifahrersitz ihres neuen Mercedes und drückte sein schwerfällig anmutendes Gesicht an die kühle Fensterscheibe, ohne auf ihre Anmerkung einzugehen. Conny wusste nicht, ob er sie überhaupt gehört hatte. Vielleicht ignorierte er sie auch.
Schnaubend trat sie aufs Gaspedal und wäre beinahe in den abrupt bremsenden, vor ihr fahrenden Wagen gekracht. Wütend hämmerte sie auf die Hupe. Schon lange hatte sie es aufgegeben, Bastian zu verstehen. Er hatte sich verändert. Zunächst hatte sie es der Pubertät zugeschrieben, doch irgendetwas an seinem Verhalten beunruhigte sie. Als Kind war er wissbegierig, fröhlich und genügsam gewesen. Ihr war, als hätte sie jetzt einen völlig anderen Menschen neben sich sitzen.
Auch diesem Seppälä war aufgefallen, dass Bastian schneller aggressiv wurde, da er wohl nicht zum ersten Mal jemanden beleidigt hatte. Auch eine andere Lehrerin hatte berichtet, dass er sie vor wenigen Tagen angeschrien hatte. Für seine Attacke auf Tobi hatte er eine Verwarnung erhalten. Beim nächsten Mal setzte es einen Eintrag ins Klassenbuch. Im schlimmsten Fall würde er der Schule verwiesen werden, sollte dies öfter vorkommen. Die Worte des Schuldirektors klingelten in Connys Ohren wie eine nachhallende Triangel.
Beinahe hätte sie schon wieder nicht rechtzeitig gebremst und die vor ihr fahrende Frau auf dem Fahrrad gerammt.
„Meine Fresse, willst du uns umbringen?“, giftete Bastian und fummelte nervös am Gebläse der Klimaanlage auf seiner Seite herum.
Conny schnaufte und trommelte ungehalten auf das Lenkrad ein. „Wenn das dein einziges Problem ist, dann warst du wohl vorhin nicht anwesend, oder? Ist dir eigentlich klar, was du heute getan hast? Du hast einen Mitschüler angegriff…“
„Er ist ein Arschloch!“ Zornesfunkelnde Augen suchten die ihren, doch sie blickte stur auf die Straße hinaus, ohne sich wirklich auf den immer dichter werdenden Verkehr zu konzentrieren.
„Das ist mir egal. Du kannst nicht einfach ausrasten – und das mitten im Unterricht! Was hättest du denn gemacht? Dich mit ihm geprügelt? Vor den Augen deiner Klassenlehrerin? Bastian, wenn du ein Problem hast, dann komm gefälligst zu mir und wir klären das!“ Hilflos fuhr sie sie durch ihr weiches Haar, wie sie es immer tat, wenn sie ungeduldig war. Sie wollte endlich wissen, was ihn so ausrasten ließ.
Wie ein bockiges Kind drehte er sich wieder von ihr weg. Conny verzog die Lippen. So kam sie nicht weiter. Sie hielt an der nächsten Ampel an und Menschen mit fröhlich erhellten Mienen kreuzten den Gehweg, um in die eine Richtung zur Stadt und in die andere Richtung zum Park zu laufen und den Tag zu genießen. Wie gerne hätte Conny ihre beste Freundin Carolin angerufen, um sich mit ihr auf einen Kaffee zu treffen und ihren Frust zu vergessen.
Seit Wochen spielte dasselbe alte Lied. Bastian flippte aus, Conny fragte ihn, was los sei und er blockte ab. Sie konnte es nicht mehr ertragen. Zu allem Überfluss stritt sie deshalb ständig mit Egon. Ihre Ehe rauschte auf eine gefährliche Klippe zu, wenn sich nicht bald etwas änderte.
