Panoptikum - Joseph Roth - E-Book

Panoptikum E-Book

Joseph Roth

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Beschreibung

Eine Sammlung von Prosastücken und Feuilleton-Beiträgen des Schriftstellers und früheren FAZ-Feuilletonisten Joseph Roth. Roth reiste jahrelang als Korrespondent für die Frankfurter Zeitung durch ganz Europa, von Moskau nach Paris, von Wien nach Berlin. Er war der berühmteste Feuilletonist Deutschlands. Die Texte stammen größtenteils aus der Frankfurter Zeitung, wo sie zuerst erschienen sind.

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Seitenzahl: 185

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Panoptikum

Gestalten und Kulissen

Joseph Roth

Panoptikum

© Joseph Roth 1930

Umschlaggestaltung unter Verwendung von Bildmaterial von swapnilmr / Pixabay

© Lunata Berlin 2019

Inhalt

Panoptikum am Sonntag

Gedicht von Wandkalendern

Man munkelt bei Schwannecke

Trübsal einer Straßenbahn im Ruhrgebiet

Der Rauch verbindet Städte

Der Polizeireporter Heinrich G

Fräulein Larissa, der Modereporter

Der Nachtredakteur Gustav K

Der Kongreß

Sentimentale Reportage

Ankunft im Hotel

Der Portier

Der alte Kellner

Der Koch in der Küche

Der Patron

»Madame Annette«

Abschied vom Hotel

Einzug in Albanien

Artikel über Albanien

Die russische Grenze

Briefe aus Deutschland

Briefe aus Deutschland

Brief aus Polen

Weihnachten in Cochinchina

Bemerkungen zum Tonfilm

Seine k. und k. apostolische Majestät

Bei der Betrachtung von Schlachtenbildern

Auf das Antlitz eines alten Dichters

Über den Autor

Panoptikum am Sonntag

Für Benno Reifenberg

Eines Tages – es war ein Sonntag – wich die Scheu, mit der ich oft an dem Musée Grevin vorbeigegangen war. Es regnete in Abständen. Die Wolken, die aus Schwefel zu sein schienen, strömten ein gelbes Licht aus. Am Nachmittag bekamen die sonntäglich gekleideten Menschen den Ausdruck abgekämpfter, feierlicher und vergeblich auferstandener Schatten. Es war, als ob der Sonntag, zu dem sie ausgezogen waren, ausgefallen sei. An seiner Stelle befand sich eine Art verregneter und trüber Lücke, die den verflossenen Samstag vom künftigen Montag trennte und in der die verlorenen Spaziergänger umherschwankten, geisterhaft und körperlich zugleich und alle wie aus Wachs. Mit ihnen verglichen waren die wächsernen Puppen im Musée Grevin aufrichtigere Imitationen. Das gelbe Licht der Lampen in den fensterlosen Räumen, die niemals den Tag gekannt hatten, vermischte sich so innig mit dem Dämmer, der aus den Winkeln kam, daß beide aus dem gleichen Stoff zu sein schienen und Hell und Dunkel Geschwister. Die Gestalten der Geschichte und die bescheinigte Authentizität ihrer Gesichter, Bratenröcke, Kostüme, Zylinder; die Schatten, die sie wie zum Beweis ihrer Lebendigkeit auf den Fußboden warfen; die wächserne Starrheit ihrer Stellungen; und schließlich die unheimliche Stummheit, die lebende Zeitgenossen und längst Verstorbene gleichmäßig ausströmten: das alles kam mir wie eine angenehmere Fortsetzung und Bestätigung jenes gelben Sonntags vor, den ich eben verlassen hatte. Manche Persönlichkeiten hielten den einen Fuß vorgestreckt, die Hose warf unter dem Knie ebenso lebenswahr unbeabsichtigte Falten wie über dem Hals das Kinn ein Doppelkinn, und hundert kleine Nachlässigkeiten des Schneiders und der Natur waren bemüht, selbst dem verstockten Zweifler die wahre Existenz der Figuren zu beweisen. Ja, der Zuschauer kam oft dazu, mit dem eigenen Wunsch die Absicht des Panoptikums zu unterstützen.

Auf den Gesichtern der lebendigen Besucher wieder lagerte ebenfalls eine Stummheit, die aus Ehrfurcht, Schrecken und Staunen bestand, wie ein matter Widerschein jener Figuren. Niemand wagte laut zu sprechen. Alle flüsterten oder murmelten, als befänden sie sich wirklich in der Nähe der bedeutenden oder furchtbaren Persönlichkeiten und als könnten sie durch einen stärkeren Laut die Puppen zu einem unwilligen Fluch veranlassen. Ein Geruch von lange ungelüfteten Kleidern schwebte um alle Denkmäler und machte sie noch realer. Gleichzeitig aber mit der Furcht, die sie einflößten, fühlte man eine Art Mitleid mit ihnen, den ewig eingeschlossenen, und empfand es fast als ein Unrecht, daß ihre Vorbilder, die noch lebten, in der schönen freien Luft und an den grünen Tischen der Weltgeschichte atmen und handeln durften. Es war, als stünde hier im Panoptikum der wahre Poincaré zum Beispiel und draußen führe irgendwo in einem Auto zu einem offiziellen Ereignis der nachgemachte. Denn alles Wesentliche und Kennzeichnende schien die wächserne Puppe dem lebendigen Vorbild abgelauscht und weggenommen zu haben, so daß dieses ohne seine stabilen Züge in der Welt herumlief. Und ebenso wie die Zeitgenossen der Erde, so schienen die toten Heroen dem Jenseits entwendet worden zu sein; und für die Dauer meines Aufenthalts im Panoptikum war es mir klar, daß sich in der Unterwelt nur die billigen Durchschnittsschatten aufhalten konnten, die für die Geschichte wie für das Musée Grevin überhaupt nicht von Bedeutung waren.

Im Sterbezimmer Napoleons auf St. Helena roch man das schwelende Licht, obwohl es von einer elektrischen Birne kam, und man erstarrte in Ehrfurcht vor dem doppelten Schweigen des Todes: dem metaphysischen und dem imitierten. Für die Ewigkeit festgehalten war die Ewigkeit selbst, und das Flügelrauschen des Todesengels hatte seine Flüchtigkeit verloren und war beständig geworden, eingefangen im Sterbezimmer. Die authentischen Gegenstände aus Napoleons Besitz, seine Taschenuhr zum Beispiel, die auf dem Nachttisch lag, strömten eine überzeugende Echtheit aus, wie Gewürze Düfte verbreiten. Jede kleinste Lücke zwischen den nachgemachten Tatsachen, in die etwa die Phantasie des Betrachters hätte schlüpfen können, war ausgefüllt mit einer nachgemachten Wahrscheinlichkeit zumindest. Also war die Wirklichkeit nicht nur imitiert, sondern sogar übertroffen. Es war eine Welt, in der jede körperliche Erscheinung der menschlichen Phantasie vorgriff, um sie überflüssig zu machen, und in der alles plastisch vorhanden zu sein schien, was man sich sonst mit geschlossenen Augen kaum in verschwimmenden Umrissen ausmalen darf. Die Schatten waren eben Körper geworden und warfen eigene Schatten.

Über allem lag eine makabre Stimmung. Aber sie entströmte nicht so sehr den dargestellten Katastrophen (wie etwa der Christenverfolgung in Rom und der unterirdischen Welt der Katakomben), sondern viel eher der unerbittlichen Körperlichkeit, in die alle Ausgeburten der Phantasie hineingesprungen waren, dieser wächsernen Härte, umgeben von historisch unanfechtbaren Requisiten und diesem legitimen Geschichtsunterricht, an dem nicht mehr gezweifelt werden konnte, einfach, weil er aus Wachs war und gar nicht vom Fleck zu rühren. Es war wie eine Begegnung mit okkulten Erscheinungen, obwohl alles Okkulte und der Vernunft schwer Zugängliche rationalistisch präpariert allen irdischen Sinnen aufgedrängt wurde. Man konnte Wunder mit körperlichen Augen sehen und war infolgedessen ein bißchen niedergedrückt und in Sorge, die liebe Erde zu verlieren, auf der man so gerne glaubend und zweifelnd herumwandert.

Nur in einer einzigen Abteilung – Palais de Mirages, im Märchenpalast also – war die Begegnung mit dem Wunderbaren nicht schrecklich, sondern heiter. In diesem Palast sind alle Wände und die Decke aus Spiegeln. In der Mitte stehen ein paar Säulen, deren Aufgabe es ist, nicht die Decke zu stützen, sondern sich selbst zu vervielfältigen. Es ist ein besonderes System drehbarer Spiegel, die ein unwahrscheinliches Getöse verursachen, sobald man sie in Bewegung bringt. Um das Getöse zu übertönen, veranstaltet ein Orgelmechanismus eine Opernmusik, die aus Porzellanhimmeln, Messingsphären und Stanniolplaneten zu kommen scheint. Eine Zeitlang ist es stockfinster. Eine Pause, die dazu dient, die erregten Sinne auf ein neues Märchen vorzubereiten, und allen Besuchern Gelegenheit gibt, die Körper ihrer vertrauten Begleiterinnen wie fremde Wunder im Finstern zu fühlen. Dann leuchtet es langsam auf, von hunderttausend Lampen und Ampeln, violett, gelb, grün, blau, rot, und man befindet sich im orientalischen Palast, der von durchsichtigen Säulen getragen wird. Vor einigen Minuten waren es noch dichtbelaubte Eichen und Ahornbäume, und man befand sich in einem deutsch-französischen Märchenwald mit Orgelgezwitscher. Bald dröhnt es wieder, und flugs stehen wir unter einem blauen Sternen- und Kometenzelt.

Erst in diesem Palast gelangten die Besucher aus der flüsternden Furcht in ihre natürliche Spektakelfreude. Denn sosehr auch hier das Unwahrscheinlichste wirklich geworden war, so blieb doch diese von vornherein zugestandene Märchenhaftigkeit ein Kinderspiel, verglichen mit den Wahrscheinlichkeiten und Wirklichkeiten der menschlichen Geschichte. Es war keineswegs merkwürdig, aus dem Wald in die Alhambra mit einem Schlag versetzt zu werden. Aber unmöglich schien die Kreuzigung Christi, der Tod Napoleons, die Ermordung Marats, das Zirkusspiel der Römer. Ja, selbst die zeitgenössischen Politiker, deren Leistungen erst in hundert Jahren die panoptikale Reife erlangt haben werden, wirkten schon so, wie sie dastanden, im Bratenrock und Zylinder, unmöglich und gespenstisch. Wie wenige von all den Besuchern wußten, daß sie vor sich selbst erschrocken waren und eigentlich noch in den Straßen hätten erschrecken müssen – – vor ihrem eigenen Spiegelbild in einem Schaufenster! Da gingen sie wieder herum, aus Wachs und aus Gips, mit allen Schrecknissen des Panoptikums in der eigenen Brust, und eines jeden Seele war eine Folterkammer. Es regnete immer noch, schief und strichweise, die gelben Wolken galoppierten über den Dächern, und tausend Regenschirme schwankten unheimlich über den Köpfen der Unheimlichen ...

Gedicht von Wandkalendern

In meiner Kindheit (und vielleicht nur in dem Land, in dem ich sie verlebt habe) gab es eine besondere Art von Wandkalendern, an die ich mich jedes Jahr in den Wintermonaten erinnere, wie man sich an Weihnachtsbäume und Großmütter erinnert, an Bilderbücher und Bonbons, an alle Personen und Dinge, die einen Glanz, eine Süße und eine Wärme hatten und die in ein gläsernes Grab gesunken scheinen, immer noch sichtbar, aber tot, Reliquien der heiligen Kindheit. Die Wandkalender bestanden, wie die heutigen auch, aus einem dicken Bündel neuer, glänzender, schwarzer und roter Tage, über die wie ein Bühnenvorhang ein buntes Blättchen gelegt war, darstellend einen Ast voll roter Kirschen oder ein Büschel Veilchen, jedenfalls immer ein blühendes Versprechen des neuen noch zugeklappten Jahres. Das Bündel der 365 Tage steckte an einem ziemlich großen und breiten Pappendeckel, der die Wand, das senkrechte Fundament war, auf dem sich das neue Jahr zu erheben gedachte. Dieses harte Papier war von einem noch härteren Glanz überzogen, von einer lackierten Schicht, einer spiegelnden, gewölbten Oberfläche, in der sich die Sonne konzentrierte, wenn der Wandkalender gegenüber dem Fenster hing, und in der, wie eine ferne Erzählung vom Wetter, die Färbungen des Himmels und der Luft zu lesen waren. Doch war diese Eigenschaft des Glanzes nur eine angenehme sekundäre. Während das Wichtigste die gepreßte, erhabene Illustration auf dem Pappendeckel war, die, obwohl sie das ganze Jahr naturgemäß nicht wechselte, dennoch nicht die gleiche zu bleiben schien und ihre Aktualität bis zum 1. Dezember bewahrte, zu welcher Zeit schon die Erwartung des neuen Kalenders das Bild auf dem alten gewohnt und gewöhnlich machte.

Was waren das für Illustrationen! Wie leuchteten die starken und einfachen Farben, Rot, Blau, Gold, Grün hochsommerlich mitten im Winter, von jener Kraft, hinter der die Kraft der Phantasie zurückbleibt und von der die Träume dennoch befruchtet werden! Eine Frau, schwarz von Haar, das ein tiefrotes Kopftuch zur Hälfte bedeckte, mit roten Wangen und knallblauen Augen, mit einem Hals und einer Büste wie weißer, noch vom Wasser glänzender und in Sonne segelnder Schwan, mit schweren Zöpfen, die sich an der Brust zusammenfanden wie von einem koketten Wind hingelegt – – solch eine Frau hielt mit beiden Armen ein papierenes Körbchen, das schräg im Pappendeckel steckte, wie mit der Laubsäge gearbeitet schien und nichts weniger als einen Korb voll Weintrauben darstellte, saftiger grüner und dunkelblauer, deren Farbe zwar an Karbonpapier erinnern mochte, aber an ein Karbonpapier, das man nur in der Kindheit kennt, das eine Art Wunder bedeutet, weil es ferne Striche und Buchstaben fernen Blättern vermittelt und das noch umständlicheren Schmutz erzeugt als ein Tintenstift. Welch eine Frau! Sie war offenbar vom Lande, eine Winzerin, ihre roten Lippen waren so weit geöffnet, daß man den siegreichen und gefährlichen Glanz ihrer Zähne sehen konnte. Obwohl sie aus Papier war und offensichtlich ohne Unterleib, schien sie dennoch im ganzen Zimmer einen merkwürdigen und erregenden Duft von Fleisch, Milch und Sommerregen zu verbreiten, sie war lebendig und mehr noch: eine Persönlichkeit, Vertreterin alles Weiblichen und Irdischen. Mit ihr verband ich den Begriff des »Heidnischen« und der Liebe zuerst, und lange Jahre später, als ich in nachbarlichen Dörfern die Bauernmädchen suchte, trug ich ein kindisches Verlangen nach jener Kalenderfrau, und jedem roten Kopftuch, das zwischen Grün aufbrannte, entsprach ein kleines rotes Feuer in meinem Herzen. Ja, heute noch lebt in dem von Skepsis verschont gebliebenen Teil meiner Seele die Sehnsucht nach dem schwarzen Mädchen – und obwohl ich das kurze Haar der Frauen liebe, kann ich an die Zöpfe nicht ohne Wehmut denken.

Und jedes Jahr kam eine andere Frau. Es kamen Wandkalender mit sentimentalen, zarten, blonden Feen, mit halbwüchsigen Backfischen, die an Schokolade erinnerten, mit Feen, die Kränze im Haar trugen. Und jede Frau versank bis zur Brust im Körbchen, das, wie ich später einmal erfuhr, dazu dienen sollte, Briefe aufzubewahren, in dem ich aber gefundene Haarnadeln gerne verbarg. Aber so weit ich mich heute erinnere, wurden die Wandkalender immer sachlicher, nach den blassen Frauen kamen nur noch Firmeninschriften, es scheint, daß sich die Phantasie der Kalenderfabrikanten allmählich erschöpfte oder daß sie die Erfahrung gemacht hatten, das die Reklame wirksamer sei, wenn kein Bild von ihr ablenke.

Vielleicht aber gab es diese Kalender auch später noch, nur ich sah sie nicht, weil ich inzwischen so groß geworden war, daß ich die Nägel überragte, an denen die Kalender hingen. Denn wir wachsen über unsere alten Freuden hinaus, andern entgegen, die so hoch hängen, daß wir sie nie erreichen.

Man munkelt bei Schwannecke

Obgleich der Lärm, den die redenden Gäste verursachen, weit bedeutender ist als die Gegenstände, die sie behandeln, ergibt er doch jene Art der geselligen und undeutlichen Äußerung, die man Munkeln nennt. Die sehr bestimmte Lautheit nämlich, mit der einer dem andern eine Neuigkeit mitteilt, erzeugt schon selbst das akustische Halbdunkel, die tönende Dämmerung, in der jede Mitteilung ihre Konturen verliert, die Wahrheit den Schatten einer Lüge wirft und die Nachricht die Züge ihres eigenen Dementis trägt. Und wie im Licht einer zwar grellen, aber flackernden Flamme ein Gegenstand nicht deutlich agnosziert werden kann, ebenso fällt es dem angestrengten Lauscher schwer, eine Äußerung zu werten, die man ihm zugetragen hat; insbesondere wenn sie ein Geheimnis ist, wie in den meisten Fällen.

Das Lokal der Berliner Künstler und Literaten, in dem man um Mitternacht alle finden kann, die noch am Abend versichert hatten, sie gingen prinzipiell nicht mehr hin, ja, sie wären seit Jahr und Tag nicht dort gewesen, beherbergt eine Art arrivierter Boheme, deren Kreditfähigkeit bereits außer Zweifel ist. Keiner von diesen Gästen hätte es nötig, seine Schlafstätte später aufzusuchen, als es ihm sein bürgerlicher Instinkt befiehlt. Auch beschließt jeder jede Nacht, diesen Ort in der nächsten zu meiden. Aber die Angst, seine Freunde, die ihn erwarten, um mit ihm Gutes zu reden, könnten von ihm Schlechtes reden, wenn er nicht käme, veranlaßt ihn, sich tapfer dort zu zeigen, wo es vielleicht mutig wäre, abwesend zu sein. Er kommt, um die Eintracht nicht zu stören, die, aus Angst und Mißtrauen gebildet, in den Nischen nistet, und um sich und seinen Tisch vor jener üblen Nachrede zu bewahren, die schon am nachbarlichen gemunkelt wird. Hätte einer die Fähigkeit, an allen Tischen gleichzeitig zu sitzen, man würde an allen nur Gutes von ihm reden; und das Wunder, das er selbst vollbrächte, wäre noch gering im Vergleich zu jenem, das die anderen sich abzuringen hätten. Immerhin erreichen die meisten wenigstens die Grenze des Wunderbaren, indem sie sehr schnell einen Tisch nach dem andern kontrollieren. Aber immer noch bleiben sie hinter der Schnelligkeit zurück, mit der die Sitzenden das Thema zu wechseln verstehen – – und gelegentlich auch die Anschauung.

Es gibt freilich auch Sitzende, denen ihr Rang gerade noch erlaubt aufzustehen, nicht aber mehr, Besuche abzustatten. Auch sie sind nicht gefeit vor der Angst, irgend jemand könnte irgend etwas von ihnen erzählen. Aber sie tragen die Last, nicht wohlgelitten zu sein, wie einen Beweis für ihre Bedeutung – und das Mißtrauen, das die noch nicht so weit Arrivierten in Zuvorkommenheit packen, verwandeln die Bedeutenden in Verachtung und in Geringschätzung. Alle, die man im Augenblick nicht brauchen kann, sind für den, der sie erst nach einem Jahr brauchen wird, heute nur Luft, die er zwar atmet, aber nicht sieht. Gemach, gemach! Sie werden sich bald aus ihrer durchsichtigen Anonymität zu jener pseudonymen Körperlichkeit entwickelt haben, ohne die man unmöglich einen Lehnstuhl vor einem Bürotisch einnehmen kann. Sie, deren Sehnsucht es heute noch ist, Schatten von Körpern zu sein, werden einmal sogar eigene Schatten werfen, Protektionsschatten auf Anonyme, Durchsichtige und Luftige. Sie werden selbst die Filmreferate zu verteilen haben, die heute nur einige Male im Jahr wie göttliche Gnaden auf sie fallen, sie werden selbst in Konferenzen begriffen sein, wegen deren sie heute noch fortgeschickt werden, und sie werden bei Premieren neben den Kritikern sitzen, selber Kritiker, aber von einer »neuen Richtung«, mit einer neuen Terminologie, dank der sie vor Urteilen bewahrt und zu Vorurteilen angeregt werden. Deshalb empfiehlt es sich für Vorsichtige, auch nicht die Geringsten unter den Anwesenden zu übersehen, ja selbst die Unsichtbaren mit einer gewissen Achtung ins Auge zu fassen und die Schatten so zu begrüßen, als wären sie beredt und könnten erwidern. In den langen Jahren, in denen ich den deutschen Literaturbetrieb beobachten darf, habe ich schon gesehen, wie Nullen sich an Ziffern hängten und zusammen Zahlen ergaben, mit denen man natürlich rechnen mußte. Ja einige, die in der Gesellschaft bei Schwannecke die unbedeutende Funktion von ornamentalen vertikalen Linien auszuüben schienen, verwandelten sich in Striche, durch ahnungslose Rechnungen gemacht. Und manche Analphabeten, die, während sie in den Vorzimmern der Redaktionen warteten, die Zeitungen buchstabierten, begannen auf einmal, Bücher zu besprechen.

Auch Feindschaften unter den Gästen von Schwannecke können überraschende Folgen zeitigen, und nur ein Ahnungsloser ist imstande, an eine Feindschaft zu glauben und aus ihr etwa Nutzen für sich selbst ziehen zu wollen. Selbst nach einer unmißverständlichen Erklärung der sogenannten Tintenfehde – die zusammen mit der Tintenrache die gefährlichste Sitte der Schwannecke-Stämme bildet – kann niemand voraussehen, wie schnell ein Feuilletonist imstande ist, eine uralte, seit Wochen und Tagen stammende Feindschaft gegen einen Autor in einer langen, lobenden Kritik zu begraben, ohne daß jemand zu sagen wüßte warum, wieso und wozu. Ganz besonders unterrichtete Zwischenträger wissen dann manchmal zu berichten, daß gemeinsame Interessen für einen neuen Typ eleganter Sportautomobile die Gegner einander nahegebracht hätten. Denn seit einiger Zeit hat die Verpflichtung zum »Tempo«, in dem sich Um-, Neu- und Wiederaufbauten auf dem Kurfürstendamm und auch sonst im Lande vollziehen, sogar die Diener am Geist sowie dessen Bediente erfaßt, und alle sind imstande, hinter eine Fahrt mit 80-Kilometer-Geschwindigkeit eine Weltanschauung zurückzustellen. Vor dem Erlebnis der meßbaren Geschwindigkeit, mit der sie eine Straße dahinrasen, bleibt auch die Sensation jener unmeßbaren zurück, mit der sie ein Bekenntnis vergessen. Und seitdem in unserer zeitgenössischen Literatur ein Monokel ein Auge ersetzen kann, ist selbst in den Blicken einzelner Gegner Zu- oder Abneigung nicht mehr zu erkennen. Gedruckte Angriffe und Beleidigungen in unseren literarischen Blättern lese ich deshalb schon lange so, als wären es bereits Widerrufe und Entschuldigungen.

Nicht ohne Grund ärgere ich mich über die Innenarchitektur Schwanneckes, den langen Raum, den Korridor, an dessen beiden Seiten viereckige Nischen angenäht sind, so daß die Gästegruppen voneinander getrennt sind, als gehörten sie nicht zusammen. Mich kränkt die Enge dieses Raumes und der Umstand, daß er nicht alle faßt, die hineingehören. Ich ergebe mich gerne der Vision, die mich manchmal aufsucht, wenn ich in einer der Nischen am frühen Morgen sitze, der hier ein Anhang an die Nacht ist. Ich sehe einen kolossalen, übersichtlichen Schwanneckebau mit einer Kuppel, er faßt die ganze Literatur, die Öffentlichkeit und ihre Kritik, die Filmproduktion und ihre Rezensenten, die Bühne und ihre Referenten und sogar die Arbeitszimmer der einzelnen, die dem Snobismus der Einsamkeit huldigen, die ihnen nicht zusteht – auseinandergefallene und aufgelöste Arbeitszimmer, in denen nur die Schreibmaschinen die tönende Leere der Gedanken unterbrechen. Ich sehe ein unermeßliches, gewissermaßen übersinnliches Schwannecke, ein Pantheon der lebenden, wenn auch nicht lebendigen künstlerischen Öffentlichkeit, in der auch die Autogaragen der kühnen Schnelligkeitsdichter Raum fänden und eine Autorennbahn für die Besinger der Gegenwart und ein Flugplatz für die Feuilleton-Homere der Ozeanflieger.

Trübsal einer Straßenbahn im Ruhrgebiet

Es regnet dünn und dauerhaft. Um zwölf Uhr fünfzehn geht die Straßenbahn ab. Um ein Uhr fünfundvierzig wird sie in der nächsten Stadt sein. Die Haltestelle ist vor einer Schenke. Ich trinke ein Kirschwasser und sehe durch die Netzornamente der Vorhänge auf die Straße. In so einem Regen werden die Geräusche unhörbar, genau wie im Schnee. Ja, hätten diese Vorhänge keine Ornamente, hätte diese gute Schenke überhaupt keine Vorhänge – wozu Vorhänge? –, dann könnte ich wohl die Straßenbahn kommen sehen. Ich zittere, sie könnte mir davonfahren, und gleichzeitig wünsche ich, sie täte es. Ich würde dann vielleicht mit der schnelleren, solideren, bequemeren Eisenbahn fahren. Nun aber stehe ich im Bann einer freigewählten Qual. Je mehr Zeit, Geduld, Kältegefühl, Kirschwasser und Abscheu ich in dieses Unternehmen investiere, desto schwerer fällt es mir, darauf zu verzichten. Die Zeit und der Regen rinnen.

Pünktlich, sie war gar nicht dazu verpflichtet, kommt die Straßenbahn. Ihr Trittbrett ist hoch und naß, auch der Fußboden im Innern des Wagens ist feucht, ein alter Mann raucht Pfeife, eine Frau sitzt, einen verhüllten Korb auf dem Schoß. Schulmädchen steigen ein, mit häßlichen, harten Schultornistern, auf die der Regen getrommelt hat; Ertüchtigungsinstrumente mit baumelndem Schwamm. Zwei Arbeiter lehnen auf dem Hinterperron neben dem Schaffner. Eine ländliche Magd ist da, sie trägt eine goldgefaßte Brille und ist barfuß. Sie mahnt mich an einen Pflug, der von einer Lokomotive gezogen wird. Niemand spricht. Alle machen sich auf die Qual einer langen Fahrt gefaßt. Eine solche Sammlung bedarf der vollkommenen Schweigsamkeit. Die harten Sitze aus glänzend poliertem Holz sind nicht nur kurz, sondern auch abschüssig. Hier sitzen heißt: fortwährend und fruchtlos hinaufrücken.

Wir fahren durch eine lange Straße, an schwarzen Häusern und Häuserlücken vorbei, an Brettern, an Zäunen, an einem Gelände, das keinen Sinn hat, nicht die Erwartung, jemals einen Garten, einen Acker oder ein Haus zu tragen. Es ist die Leiche eines Geländes. Die Stadt hört nicht auf. Wenn sie aber einmal aufhört, beginnt sofort die andere. Die Städte reichen einander die Straßen. Jedesmal halten wir vor braunen Wartehäuschen aus geteertem Holz, sie sehen aus wie die Urformen von Bahnhöfen in den wilden Teilen Amerikas. Jetzt kommen Schrebergärten, kleine Häuschen aus Dachpappe, die Sommerschlösser des kleinen Mannes und des Kaninchens. Auf spitzen Zaunlatten sind Krüge, Töpfe, Schüsseln aufgespießt wie abgeschnittene Häupter. Eine Fabrik, rote Ziegel, Backsteine, ein eisernes Gitter, ein kleines Portierhäuschen aus weißem Stein, mit sichtbarer Kontrolluhr, dahinter große Schlote, vier, fünf, sechs, bereit, sich noch zu vermehren, ihnen soll's nicht darauf ankommen.

Das Land will immer wieder anfangen, Land zu sein – und kann's nicht. Da sind keine Häuser. Jetzt könnte es eine Landstraße werden. Sogar Bäume stehen zu beiden Seiten und sind bereit, sie zu bestätigen. Aber unsere Straßenbahn bedarf der Drähte, und die Drähte bedürfen der langen, hölzernen Pfosten, der kahlen, an deren höchstem Ende ein paar weiße Porzellangefäße zu elektrischen Zwecken blühen. Karikaturen von Schneeglöckchen.

Hinten, weit, am Horizont, sind Bestrebungen der Natur im Gange, einen Wald hervorzubringen. Aber es ist kein Wald. Es entsteht eine Art beginnender Vegetationsglatze, mit vereinsamten Tannensträhnen.