PANTA RHEI - Everything flows - Lutz C. Heger - E-Book

PANTA RHEI - Everything flows E-Book

Lutz C. Heger

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Beschreibung

Es handelt sich nicht um eine Autobiografie, bedient sich aber zweifelsfrei deren Wurzeln. Friedbert beschließt im Alter von 16 Jahren in Leipzig, Chirurg zu werden. Er umschifft die Klippen bis zum Abitur dank eines Lehrers erfolgreich und wird anschließend mit diesen auf offener See konfrontiert. Er muss seinen Wehrdienst -Voraussetzung für die Zulassung zum Studium - bei der Marine leisten. Bereits vor dem Abitur lernt er die Staatssicherheit kennen, weitere Begegnungen sind unabwendbar. Seine erste große Liebe Barbara flüchtet mit ihrer Familie gen Westen. Er nutzt den Einberufungsbefehl auf ein Schiff der Volksmarine unbewusst zur Flucht vor der Stasi. Das Studium fasziniert ihn nach Jahren der intellektuellen Enthaltsamkeit. Er lernt zunächst die Kommilitonin Pia und dann ihre Schwester Susi, Sportstudentin und zukünftige Trainerin, kennen. Die unterschiedlichen Anforderungen ihrer beider Studiengänge differieren jedoch zunehmend auch ihr Miteinander. Friedbert kann den Herausforderungen seines Studiums nicht ausweichen. Er entscheidet sich, als Susanne einen Pakt mit dem Sportregime eingeht. Sie trennen sich nach vielen gemeinsamen und wunderschönen Momenten. Nach erfolgreichem Abschluss seines Studiums beginnt er als Assistenzarzt in der Universitätsklinik Leipzig. Er liebt seinen Beruf und irgendwann auch die leitende OP-Schwester Elisabeth. Die Tage und Nächte in der Klinik fordern ihn. Einen Teil seiner Freizeit opfert er für erneute Literaturrecherchen und für Operationen im Tierstall. Eine Dissertation wird verlangt, er erlebt ein Déjà-vu beim Schreiben derselben. Er ist kein Schriftsteller und quält sich nun um ein Vielfaches mehr als bei seiner Diplomarbeit. Elisabeth unterstützt ihn auch hierbei liebevoll. Als beide im Frühjahr 1989 eine Einladung nach Köln erhalten, bemerkt er spät, wie er sich von seinem Staat entfremdet hat.

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Seitenzahl: 389

Veröffentlichungsjahr: 2022

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PANTA RHEI

EVERYTHING FLOWS

Nichts ist leichter als Selbstbetrug,

Inhaltsverzeichnis:

1.    Schule

Schule

   Um drei Uhr nachmittags verließ Friedbert das Krankenhaus, der Himmel zeigte sich in den dunkelsten Grautönen, so, als würde gleich die Nacht einbrechen wollen. Mai 1970. Ein böiger Wind in Kombination mit einem beginnenden Gewitterregen hatte die Menschen von den Straßen vertrieben und obwohl er durch ein kurzes Frösteln und Schließen seiner Jacke reagierte, ging er mit einem überzeugten Lächeln im Gesicht und festem Schritt in Richtung Straßenbahn. Er reckte dabei mehrfach siegesbewusst die Faust gen Himmel, als wolle er sagen: „Was willst du von mir? Ich bin Friedbert Schubert, fast sechzehn Jahre alt, und ich habe soeben beschlossen, Chirurg zu werden.“

 „Ich will und ich werde.“

 „Ich werde, weil ich es will.“

 „Ich will und ich werde!“

 „Ich werde, weil ich es will!“

   Plötzlich verharrte er in all seiner überschwänglichen Dynamik. Ursache für diesen Sinneswandel waren nicht die Blitze am Himmel, diese ignorierte er weiterhin. Es war ein Blitz in seinem Gehirn, und dieses wollte oder musste die angestaute Energie nunmehr auch entladen. „Und wenn ich es nicht schaffe, das Abitur und das Studium?“, fragte er sich plötzlich. Angst nahm ihn in seinen Bann und hüllte ihn ein wie eine Spinne ihr Opfer. Er registrierte erst jetzt, dass sich die Blitze näherten. Aus diesem Grund fuchtelte er mit beiden Händen in Kopfhöhe, als wolle er all diese verscheuchen. Aber im Prinzip ging es ihm nur um den einen: den in seinem Kopf. Jüngst wurde in der Schule Heraklit besprochen und zwei seiner Aphorismen hatte Friedbert verinnerlicht: „Alles steuert der Blitz!“ und „Panta Rhei! Alles im Fluss!“

   Obwohl der Regen ihm nunmehr ins Gesicht peitschte, ignorierte er, dass seine Kunstlederjacke mit all ihren Bruchstellen ihre schützende Funktion zugunsten einer drainierenden aufgegeben hatte. Weil er dieses Utensil aber liebte, hatte er sich daran gewöhnen müssen. Wie aus einem Traum gerissen registrierte er nun sowohl das Unwetter selbst als auch das zeitkonforme Auftreten von Blitz und Donner: Das Gewitter befand sich genau über ihm. Seine Angst steigerte sich und diese war nunmehr einzig hervorgerufen durch die zuckenden Blitze am Himmel, alle vorherigen Gedanken schienen durch den prasselnden Regen weggespült und im nächsten Gully verschwunden zu sein. Er hatte Angst und rannte zu einem freistehenden Wohnhaus auf der gegenüberliegenden Straßenseite, um sich unterzustellen. Aber der böige Wind drückte den Regen zunehmend gegen die Haustür, somit wurde der erhoffte Schutz ad absurdum geführt. Er wollte die Tür durch Betätigen der Klinke öffnen, jedoch war dies aus Ermangelung einer solchen unmöglich. Während er noch grübelte, wie man wohl durch diese Tür kommen könnte, schließlich sah das Haus bewohnt aus, tippte ihm jemand von hinten auf die Schulter.

   „Lass mich mal. Das ist wahrlich ein Sauwetter.“ Ein Gesicht, umrahmt von klatschnassen Haarsträhnen, auf dem unzählige Regentropfen mit wenigen Sommersprossen konkurrierten, lächelte ihn an. Sein Blick folgte kurzzeitig der Richtung der abperlenden Regentropfen, jedoch im Gegensatz zu diesen nicht infolge der Schwerkraft. Neugierde und aufkeimende Hormone lenkten diesen. Jenseits des Halses dominierten letztere zweifelsfrei: nicht nur die blonden Haare klebten regenbedingt, sondern auch ihr völlig durchnässtes, weißes und hauchdünnes Kleid mit Tulpenmotiven, was wiederum nicht nur ihre Taille lasziv betonte. Seine Augen suchten erneut ihr Gesicht. Und im selben Moment wurde ihm bewusst, dass er sie vorher schon mal gesehen haben musste: die Krankenschwester aus der Notaufnahme! Sie war lediglich für kurze Zeit im Behandlungszimmer und hantierte in seinem Rücken. Aber ihre Erscheinung hatte sichtlich seine Biologielehrerin beeindruckt, Frau Donner fixierte sie mit leicht geöffnetem Mund und rastlosen Augenbewegungen. Diese veranlassten ihn, allerdings zu spät, sich umzudrehen.  Er sah sie nur noch silhouettenhaft von hinten, mit einem lockeren Hüftschwung den Raum verlassen. Es war die Krankenschwester aus der Notaufnahme! Und sie hatte ihn soeben angesprochen, er hätte sich das nie gewagt. Sie erschien schließlich älter als er.

   „Du siehst ja grausam aus! Hat dich ein Blitz gestreift? Wir kennen uns. Mein Name ist Barbara, meine Freunde nennen mich Babsi. Aber offiziell: Schwesterschülerin Barbara. Und du heißt Friedel, oder? Siggi aus deiner Klasse ist mein Bruder. Ich habe euch manchmal beim Fußball zugeschaut. Erinnerst du dich? Was hast du mit dem Doktor gemacht, er schwärmte ja wie euphorisiert von dir? Bist du ein Spanner? Du wolltest dich doch nur vor dem Gewitter schützen, oder?“ sprudelte es aus ihr heraus. Stille. Es waren für ihn zu viele Fragen. Sie stand neben ihm, immer noch im Türrahmen. „Frieder werde ich genannt, bitte nicht Friedel“, entfuhr es ihm lediglich. Er schaute ihr hilflos ins Gesicht und bemerkte unterschiedliche Farben in ihren Augen, eines war blau, das andere grün. „Schön, dass du auch woanders hinschauen kannst, du kleiner Schwerenöter. Und Siggi meinte, du seiest schüchtern. Komm mit zu mir, du solltest dich abtrocknen, du bist ja nass bis auf die Haut.“ Als wolle sie es prüfen, fuhr sie mit ihrer Hand zunächst sanft über seine Stirnund legte sie dann auf seine Schulter. „Ich habe meinem Papa nur versprochen, keine Männer mitzunehmen. Von pubertierenden Jungen war keine Rede. Siggi kommt auch ab und zu vorbei. Also komm, aber benimm dich. Ich kann Judo. Und bilde dir nichts ein, dass ich dich hereinbitte, hast du Siggi zu verdanken. Er mag dich und erzählt immer wieder von eurer Clique.“ Sie fasste seine Hand und zog ihn in eine kleine Wohnung, ein Zimmer, direkt nebenan. Parterre. Friedbert schwieg die ganze Zeit. Sie öffnete einen Schrank, neben diesem stand ein Bett und weiterhin ein Tisch mit zwei Stühlen im Raum, holte eine grauweiß melierte Trainingsjacke heraus und reichte sie ihm mit den Worten, dass er sein nasses Zeug ausziehen solle. Zumindest oben herum und dass er die Hose anbehalten solle, da diese ja nur klamm wäre. Und dass er sich nicht schämen solle, sie wüsste, wie Jungen aussehen, weil sie zwei Brüder habe. Was ihn wiederum dazu veranlasste zu erwidern, dass er zwei pubertierende und meist halbnackt herumspringende Schwestern ertragen müsste. Beide lachten.

   „Ich gehe schnell duschen und setze Teewasser an. Wenn du dann aufgießen könntest? Wie heißt du nun wirklich?“ „Babsi, meine Eltern haben mich Friedbert genannt, aber bitte sag Frieder.“ „Geht klar, Frieder. Teewasser nicht vergessen.“ Sie verschwand hinter einer schmalen Tür und im selben Augenblick vernahmen seine Ohren das Verriegeln derselben sowie das Plätschern eines Duschstrahles. Er fragte sich, ob sie sich denn gar nicht ausgezogen habe und versuchte mit dieser Ungewissheit seinen aufkeimenden Hang zum Voyeurismus gleichzeitig zu unterdrücken und zu erklären. Er war im gleichen Atemzug am Schlüsselloch und spähte hinein. Aber nur hinein und nicht hindurch, weil der senkrecht stehende Schlüssel letzteres nicht ermöglichte. Er erschrak, als der Teekessel im grellen Ton zu pfeifen begann und schüttete das kochende Wasser in die Kanne. Anschließend entledigte er sich seines nassen Hemdes, streifte die Trainingsjacke über und zog den Reißverschluss lediglich bis zur Mitte hoch. Schließlich hatte er schon, wenn auch wenige, Haare auf der Brust.

   Barbara kam in eine Dampfwolke gehüllt aus der Dusche und entschuldigte sich mit den Worten, dass sie die Tür offenlassen müsse, da sonst mangels Fenster der Dampf nicht abziehen könne. Der zu diesem Zweck installierte Ventilator sei schon seit Monaten defekt und ein Ersatz nicht aufzutreiben. Neben einem um die Haare gewickelten Handtuch, wie es nur das feminine Geschlecht beherrscht, umhüllte sie ein Bademantel, der aber keinesfalls den Anforderungen eines Mädchenpensionats entsprochen hätte.  Er nahm, mit einem Blick fragend, zwei Tassen aus einem Regal und goss den Tee hinein. Sie setzten sich gegenüber. „So, Frieder, jetzt erzähle mir doch bitte, was du mit dem Dr. Bästlein gemacht hast. Er hat nur noch von dir geschwärmt und das tut er selten, sehr selten sogar. Zumindest, wenn es sich nicht um Frauen handelt. Also, ich höre!“ „Ach, Barbara.“ „Babsi, bitte.“ „Ja. Babsi. Also, mit ihm habe ich eigentlich gar nichts gemacht. Vielleicht steht er auf Jungen? Ich jedenfalls nicht.“ Dabei schaute er ihr lächelnd zunächst in das grüne und anschließend in das blaue Auge und ließ den Blick nach unten gleiten. Was sie wiederum veranlasste, den Sitz ihres Bademantels zu überprüfen und diesenüber der Brust zu raffen. Beide tranken ihren Tee. „Frieder, Dr. Bästleinist als Frauenheld bekannt. Ich wurde am ersten Tag bereits vor ihm gewarnt und am zweiten Tag von ihm zum Essen eingeladen. Alles klar? Aber wir kommen vom Thema weg. Wie war das jetzt mit dir?“ „Ja, entschuldige. Also: Wir hatten heute einen Klassenausflug auf den Scherbelberg, Biologie, Pflanzen bestimmen und so weiter. Kennst du einen Stinkenden Storchenschnabel?“ „Du leidest ja unter Ideenflucht. Bleib beim Thema. Nein, kenne ich nicht. Muss man den kennen?“ „Bleib beim Thema“, warf er grinsend ein und schaute ihr in die Augen. Diesmal nur in die Augen, weil sie ihre rechte Hand schützend vor den Ausschnitt gelegt hatte. „Also, Babsi, ich bleibe beim Thema. Wir hätten lieber die biologischen Untersuchungen am anderen Geschlecht durchgeführt, aber unser dementsprechender Vorschlag wurde von den Mädels inklusive der Lehrerin abgelehnt.“ „Du Angeber, Widerspruch zwischen Wunsch und Wirklichkeit.“ „Jetzt hör zu und unterbrich mich nicht laufend. Ich habe als einziger unserer Klasse eine Ausbildung zum Sanitäter und muss deswegen bei Ausflügen immer den entsprechenden Erste-Hilfe-Koffer mitnehmen. Ja, er wird mir auch mal abgenommen. Aber es nervt schon, denn eigentlich ist er meist überflüssig. Aber heute eben nicht. Frau Donner ging Pipi machen und Andreas nutzte die Chance, um Macho zu spielen. Andreas, das muss ich dir sagen, hat bei eben dieser Lehrerin bei der Behandlung der Geschlechtsorgane des Huhnes einen neuen Begriff geprägt: Eierrutschbahn statt Eileiter. Das Gebrüll war damals grenzenlos und eine Zeitlang nannten wir ihn: Eiruba. Also, eben dieser Wortschöpfer als versuchter Macho machte Klimmzüge an einem nahezu horizontalen Ast einer alten Eiche und damit nicht genug. Der Ast machte einen lauten Knacks und Andi fiel mit einem Aufschrei auf einen großen Steinbrocken so unglücklich, dass es ein zweites Mal Knacks machte. Aber diesmal war dieses Geräusch eben durch Andis Unterarm bedingt. Beide Knochen, Elle und Speiche, gebrochen und zusätzlich noch abgeknickt. Es war kein schöner Anblick.“ „Das glaube ich dir ungesehen.“ „Unsere Frau Lehrerin kam angerannt, wurde kreidebleich und musste sich setzen. Zur Erinnerung: Biologielehrerin. Wahrscheinlich hatte sie ihre Blasenentleerung abrupt und unvollendet abgeschlossen, als sie den Schrei hörte. So in etwa wie Beethovens Neunte.“ „Hör auf damit! Deine Vergleiche hinken. Und du hast ihm geholfen?“

   Sie hatte vor Aufregung ihre schützende Hand vergessen, diese lag ebenso wie die andere nunmehr neben ihrer Tasse. Sie saß ihm immer noch gegenüber, jetzt nach vorn gebeugt, als könne sie ihn so besser hören. Dieser wahrscheinlich unbemerkte Kontrollverlust bezüglich ihrer Körperhaltung brachte seine Sinnesnerven erneut in Wallung und ließ seine Hormone Achterbahn fahren. Er erhob sich und begann herumzulaufen, um bei passender Position Barbara genauer betrachten zu können. Und da der Bademantel einseitig überlappt war, wählte er bewusst die passende Seite für seine Schritte. Er wagte es nicht, sich hinter sie zu stellen, um über ihre Schulter zu schauen. Sie schien sein voyeuristisches, skopophilesGehabe bewusst oder unbewusst nicht zu bemerken.

   „Alle riefen nach mir und meinem Koffer. Ich war genauso erschrocken wie die anderen. Aber ich war auch der Einäugige unter den Blinden. Wir alle haben gerade Stöcke gesucht, mit Watte und Mullbinden gepolstert und so den Arm geschient. Ach so, vorher hatte ich ihm noch ein Schmerzmittel gegeben. Die Biologielehrerin erbrach. Es wurden einige Schüler losgeschickt, um die Dringliche Medizinische Hilfe anzurufen. Aber du kennst das Problem: von fünf Telefonzellen sind vier defekt. Und so war es dann wohl auch.“ Er stand jetzt links neben ihr und wurde durch einen Blick auf ihre gelockerte Umhüllung belohnt. „Ihr seid doch aber zu Fuß in die Klinik gekommen, oder?“ „Ja. Wie bereits gesagt, Telefonzellen waren defekt und alle Krankenwagen unterwegs. Wenn es nur ein Armbruch wäre, könnte man ja laufen, haben die von der Zentrale gemeint.“ „Traurig, das System“, meinte Barbara verbunden mit einem tiefen Atemzug. Und unvermittelt fügte sie mit einem Lächeln um den von vollen Lippen geprägten Mund hinzu: „Soll ich sie dir zeigen?“

   Erwischt, ertappt, komplett ausgezogen und ausgelacht. Friedbert sah keine andere Möglichkeit, als sich in die Lethargie oder besser in Agonie zu flüchten. Er schloss die Augen und schwieg mit hochrotem Kopf. Und sie setzte nach: „Ihr Kerle seid schon komisch. Ich denke, du hast zwei Schwestern? Oder gelogen? Nein, Claudia kenne ich, sie ging in meine Parallelklasse. Ich jedenfalls kenne die Lümmel meiner Brüder und sie kennen ebenso meine Brüste.“

   Was für ein Spiel trieb sie mit ihm? Hatte aber nicht er dieses eigentlich provoziert? Er schämte sich mit einmal und schaute zur Tür. Er wollte nur noch weg von hier. „Ähh, Babsi, das ist doch etwas völlig anderes“, versuchte er stotternd zu erklären. Sie unterbrach ihn: „Frieder, ich hätte Appetit auf Eis und um zwei Ecken ist eine Eisbude, zumal es kaum mehr regnet.“ Ihr Schmollmund überzeugte Frieder, er griff in seine Hosentasche und holte 50 Pfennig hervor. Mehr Geld besaß er nicht, allerdings noch eine Straßenbahnkarte für die Rückfahrt. Also könnte er fünf Kugeln kaufen. Er wollte sie nicht um Geld bitten. Und als er hörte, dass sie nur drei wolle, atmete er auf. Somit blieben zwei Bälle für ihn übrig.

   Auf dem Weg zur Eisdiele kam ihm seine Biologielehrerin in den Sinn. Er stellte fest, dass sich in seinem Unterbewusstsein erstmals ein Mitgefühl für sie gezeigt hatte. Ihr Kreislaufkollaps und ihre Hilflosigkeit, als sie den abgeknickten Unterarm sah: Widerspruch zwischen Theorie und Praxis. Und er bereute, dass er sich mit seinen Mitschülern vor einiger Zeit zu Telefonterror hat hinreißen lassen: „Guten Tag Frau Donner, hier ist Blitz. Wollen wir zusammen ein Gewitter machen?“ Er musste lächeln und fragte sich, ob er heute erwachsen geworden sei.

   Nach 15 Minuten stand er mit dem Eis in der Tür, sie saß in gleicher Position am Tisch. Jedoch muss sie sich zwischenzeitlich bewegt haben, denn sie hatte sich angezogen. Ihm stach nicht das Schneeweiß der Bluse, sondern die Tatsache, dass auch der oberste Knopf geschlossen war, sofort ins Auge. Und sie trug einen Büstenhalter. Er war dankbar, dass sie sein Problem auf ihre Art gelöst hatte. Körpersprache! Sie lächelte und er wurde somit darin das erste Mal mit nahezu 16 Jahren mit der Raffinesse und Überlegenheit einer Frau konfrontiert. Sie war deswegen für ihn von Sekunde zu Sekunde eine Frau und dies nicht, weil sie zwei Jahre älter war als er.

   Barbara fragte ihn, ob er sich an den Rezitatorenwettbewerb vor einigen Jahren in der Schule erinnern würde. „Oh, ja. Und ich habe danach Alte Zicke zu dir gesagt, aber nicht, weil du ihn gewonnen hast. Sondern, weil du mich zutiefst beleidigt hast. Weißt du noch, wie?“ „Nein.“ „Du sagtest ‚Jüngelein, das lernst du auch noch‘. Und dann hast du mir ins Ohr geflüstert, dass mein Gedicht viel zu politisch gewesen sei. Ich wusste das selbst. Aber ich durfte auf Anweisung meiner damaligen Deutschlehrerin, die gleichzeitig Staatsbürgerkunde unterrichtete, nur dieses vortragen. Du hast damals gut gerochen, kein Parfüm. Nein. Einfach gut. Daran erinnere ich mich heute wieder.“ „Rieche ich heute auch gut?“ „Noch besser! Frisch geduscht eben. Was ich von mir nicht sagen kann.“   „Dein Gedicht war doch irgendwas mit Lenin, oder?“ „Ja. Die ‚Unbesiegbare Inschrift‘ von Bertolt Brecht. Und jeder Vers endete mit ‚Hoch Lenin‘. Lass es gut sein. Danach bekamen wir einen anderen Deutschlehrer. Er war an der Ostfront, obwohl er selbst nie darüber sprach. Aus seinem Mund haben wir niemals den Namen ‚Johann Wolfgang von Goethe‘ gehört. Er nannte ihn nur ‚Er‘. Von diesem Lehrer habe ich viel gelernt, sehr viel sogar.“ „Ich weiß, wen du meinst: Herrn Leistner.“ „Richtig. Wir hatten ihn das erste Mal in einer Vertretungsstunde. Deutsch. Sommer. Mittag und wahnsinnig heiß, es hätte eigentlich hitzefrei geben müssen. Alle Fenster offen. Und ein Traktor ohne Auspuff, zumindest hörte es sich so an, tuckerte ohrenbetäubend vorbei. Herr Leistner, meinte in seiner trockenen Art, dass man jetzt eine Handgranate zum Hinauswerfen haben müsse. Und nach einer Totenstille im Klassenraum ob der ungewohnten Empfehlung wies er uns noch in die Handhabung einer solchen ein. Man müsste vor dem Wurf bis drei zählen, sonst könnte der Traktorfahrer sie zurückwerfen und dann ginge die Granate hier drinnen los.“ Beide mussten lauthals lachen.

   „Babsi, ich muss nach Hause, muss noch Russisch lernen, wir schreiben morgen eine Arbeit. Ich mag diese Sprache nicht, auch wenn unsere Lehrerin meint, sie würde eines Tages die Weltsprache sein. Ich meine, Russisch wird nie Englisch oder Spanisch verdrängen oder auch nur einholen. Die Geschichte kann man nicht einfach umkrempeln.“ „Ach Frieder, ich sehe das genauso, aber wir werden es nicht ändern. ‚Hoch Lenin‘.“ „Ich muss wirklich los, die Russischlehrerin hat mich sowieso in ihr kaltes Herz geschlossen, nachdem ich sie vor etwa einem Jahr im Unterricht korrigiert habe. Hätte ich mir lieber verkneifen sollen. Ach, das ist übrigens genau jene Lehrerin, die im Physikraum vom Physiklehrer mit heruntergelassener Hose das Hebelgesetz anhand der Anatomie am menschlichen Körper erläutert bekommen hat. Praktische Nachhilfe.“ „Ja, mein Jüngling, ich habe davon gehört. Aber bitte: erst überlegen, dann die Zunge galoppieren lassen.“ „Babsi, sehen wir uns nochmal?“ „Ich überlege es mir, weil ich mir nicht sicher bin, ob du mich summa summarum oder nur einen Teil von mir meinst“, erwiderte sie und ließ ihren Blick mit einem Lächeln auf den Lippen an ihrem Körper hinabgleiten. Sie verabschiedete ihn an der zwei Meter entfernten Wohnungstür, küsste ihn verstohlen auf die rechte Wange und ergänzte: „Mach es gut und pass auf dich auf und lerne schön Russisch, damit aus dir im Sozialismus etwas wird. Du weißt ja, wo ich momentan arbeite. Momentan? Ja! Den Traum vom Studium habe auch ich noch lange nicht aufgegeben.“

   Friedberts Gang wurde nach einem anfänglich langsamen, weil gedankenverlorenen Schritt immer schneller, da es ihn zunehmend fröstelte. Auch die Gedanken, die sich allesamt um die letzten zwei Stunden drehten, konnten ihn nicht mehr erwärmen. Er fragte sich, ob sie beide sich je Wiedersehen würden. Und dann? Babsi erschien ihm in allen Dingen überlegen. Sie erschien ihm viel reifer als all die anderen Mädchen aus seiner Schule. Und warum studiert sie nicht? Ihr Bruder hatte ihm mal gesagt, seine Schwester hätte ein glattes Einser-Abitur hingelegt. Warum? Warum? Er musste sie wiedersehen.

   Seine Mutter würde sich Sorgen machen, bis Mitternacht fehlten nur noch zwei Stunden, und er beschloss, sie rasch anzurufen. Jedoch waren die beiden Telefonzellen, die er auf seinem Weg entdeckte, defekt: Einmal war der Hörer abgeschnitten, und das nächste Mal fehlte der gesamte Apparat. Also würde er wieder einmal sagen, dass er ja anrufen wollte, aber die Telefone alle defekt gewesen seien. Und diesmal müsste er nicht einmal lügen. Die defekten Telefonzellen waren eine viel benutzte, weil kaum überprüfbare, Ausrede. Und es gab sie mehr als genug. Das wussten auch seine Eltern.

   Er erreichte die Straßenbahn nach einem Zwischenspurt, der ihn nur kurzfristig aufwärmte. Er lächelte, denn es handelte sich um deren ältere Variante. Diese besaß aber einen unschätzbaren Vorteil: Die beiden Anhänger zeichneten sich durch einen tiefergelegten mittigen Einstieg mit zwei halbhohen Schiebetüren, die von jedermann geöffnet und geschlossen werden konnten, aus. Auch während der Fahrt. Und das erlaubte ihm, in der Nähe seines Wohnhauses an einer rechtwinkligen Kurve bei entsprechend gedrosselter Geschwindigkeit mühelos aus der Bahn zu springen. So auch diesmal.

Am darauffolgenden Samstag kurz nach sechs Uhr fand er gut gelaunt aus dem Bett, frühstückte spartanisch und hüpfte pfeifend die Treppe hinunter zum Fahrrad. Vor zwei Wochen hatte sich ein Metallteil in seinen Vorderreifen gebohrt und für einen Druckausgleich mit der Umgebung gesorgt. Also Rad ausbauen, Reifen runter und Loch flicken. Dieses war aber einfach nicht sichtbar und so zog es ihn, mit Schlauch und Luftpumpe bewaffnet, zum Waschbecken. Im Badezimmer hatten sich seine Schwestern eingeschlossen und belehrten ihn, wie es nur Schwestern können, leise zu sein, da alle noch schlafen würden. Also schlich er zur Küchenspüle. Das Loch war ebenso schnell gefunden wie er von seiner Mutter. Und sie musste ihn nicht unter Wasser drücken, hielt ihm dafür eine Standpauke über Hygiene und alles Mögliche. Friedbert nahm sich diplomatisch berechnend zurück, schließlich wollte er noch etwas Geld von ihr. Sie reichte ihm fünf Mark und sagte, dass er noch die leeren Flaschen zum Altstoffhandel bringen könne. Nach 30 Minuten war das Fahrrad repariert und er fuhr los, drei Taschen mit insgesamt 35 Flaschen baumelten am Lenker, und er errechnete, dass diese ihm nochmals 1,75 Mark einbringen könnten.

   Wiederum eine Stunde später bremste er vor Barbaras Haus. Hoffentlich ist sie da, dachte er, als er abwechselnd klingelte und klopfte. Erfolglos. Er kaufte sich in einer nahen Bäckerei ein Eclair und überlegte sich, ob dieses Gebäck Napoleon 1813 mit nach Leipzig gebracht haben könnte. Er setzte sich im gegenüberliegenden Spielplatz auf eine verrottete Bank und betrachtete das Gebäck eine Zeitlang liebevoll und grübelnd zugleich. Währenddessen besiegte jedoch seine kulinarische die intellektuelle Begierde, und er biss genüsslich in das Eclair. Das Malheur geschah erst beim zweiten Biss: Die Cremefüllung ergoss sich auf sein Hemd. Und in diesem Moment sah er Barbara auf der anderen Straßenseite, bepackt mit zwei gefüllten Einkaufsbeuteln. Friedbert versuchte hektisch, den Fleck mit Speichel zu entfernen, vergrößerte ihn aber nur. Er strich sich mit der Hand durch die Haare, in der anderen hielt er das angebissene Gebäck und überquerte die Straße. „Friedbert, was machst du denn hier? Waren wir verabredet?“ Ihre Fragen trafen ihn komplett unvorbereitet, und er sah seine einzige Chance, sich in eine Lüge zu retten. „Nein, nicht direkt“, stotterte er mit rotem Kopf und ergänzte: „Ich vermisse meinen Ausweis. Habe ich den vielleicht bei dir verloren?“ „Frieder, bevor du dein Eclair weiter auf dem Hemd und in deinen Haaren verteilst, lass mich vorher mal abbeißen und uns wegen deines Ausweises in der Wohnung schauen“, während sie in das angebotene Eclair biss. Und wieder machte sich ein Teil der Füllung auf Reisen, diesmal jedoch auf ihre Bluse.

   „Babsi, die werden doch nicht etwa das Backpulver mit Dynamit verwechselt haben?“ Da er sich seiner Lüge bewusst war und sie eine solche vermutete, verlief die Suche schnell, lustlos und natürlich erfolglos. Sie einigten sich ebenso schnell, mit etwas Proviant in den C-Park zu fahren. Dieser hieß offiziell Clara-Zetkin-Park, aber da dieser Name viel zu lang und politisch war sowie in der Hoffnung, den großen Bruder in New York eines Tages sehen zu dürfen, hatte sich nach und nach Centralpark und letztlich C-Park infolge der sächsischen Eigenständigkeit als Bezeichnung durchgesetzt. Friedbert besorgte noch zwei Eclairs, und als er zurückkam, wurde er schon mit belegten Brötchen und einer Thermoskanne Tee erwartet.

Sie erreichten trotz ihrer Räder die Grünanlage allerdings viel später als geplant, da beide nebeneinander radelnd und sich unterhaltend von einem hinter einer Litfaßsäule hervorgesprungenen Volkspolizisten unsanft gestoppt wurden. Den anfänglichen Monolog des Polizisten über ihre Ordnungswidrigkeit erwiderte Barbara mit einem Lächeln und wiederholten Augenaufschlägen sowie mehrfachen Entschuldigungen. So entstand ein Dialog zwischen ihr und dem Polizisten. Friedbert wurde ignoriert und war froh darüber. Als sie dann noch begann, Grimms Märchen zu missbrauchen und etwas von der kranken Oma erzählte, zu der sie fahren wollten und ihm sogar ein Eclair anbot, gerieten die angedrohten zehn Mark Strafe in Vergessenheit. Nach einer nochmaligen Belehrung und dem Hinweis, dass er wegen möglicher Unterstellung von Bestechlichkeit das Gebäck nicht annehmen könne, durften sie weiterfahren und Friedbert musste ein Schmunzeln in Sichtweite des Ordnungshüters unterdrücken.

Beim Ausbreiten der Decke ließ er jedoch seinen Gesichtszügen nunmehr freien Lauf. Sie sah ihn an, registrierte es und fragte, was ihn so amüsiere oder ob er sie auslachen würde. „Nein Babsi, ich lache dich nicht aus, ich lache dich an. Aber scheinbar muss ich das noch etwas üben. Im Gegensatz zu dir. Grandios, wie du diesen Typen in Uniform eingewickelt oder besser ausgewickelt hast. Zum Schluss erinnerte er mich an eine nackte und gerupfte Weihnachtsgans, und das im Mai. Sechs-Monate-Bogen. Sauber gespannt. Ist deine Wickelfähigkeit angeboren oder erworben?“ Barbara gefiel diese Gesprächsrichtung nicht und sie erwiderte lediglich: „Ich lege das Essen hier links oben auf die Decke und schlage die Ecke um wegen der Sonne.“ Es vergingen keine zehn Minuten, als er aufstand, um die Thermoskanne zu holen und beim Betreten der Decke mit seinem rechten Fuß punktgenau den Proviant traf. „Friedbert, du bist ja noch schlimmer als meine Brüder zusammen. Und ein jeder von ihnen ist schon geradezu unausstehlich.“ Sie besichtigten das Malheur und mussten feststellen, dass neben einer deutlichen Deformierung aller Teile noch eine partielle Vermischung der Ingredienzien erfolgte: Vanillesoße auf den Käsebrötchen und Remoulade auf den Eclairs oder eben auch beides auf beiden. Was sie jedoch nicht davon abhielt, diese obskure Mischung mit einem Grinsen im Gesicht genussvoll zu vertilgen. Sie neckten sich eine Zeitlang und so näherte sich Barbaras Gesicht dem seinen. Ihre Augen waren geschlossen. Sie forderte ihn auf, zu sagen, welches das blaue sei. Er hüstelte verlegen, weil er es nicht wusste. Mit zusammen gekniffenem Gesicht erinnerte sie ihn, den Damen auch mal in die Augen zu schauen und nicht nur … na, er wisse schon. Er konnte sich nur aus dem Dilemma befreien, wenn er … Nein, das könne er nicht tun, während sich gleichzeitig seine rechte Hand unkontrolliert in Bewegung setzte. Diese streifte eher streichelnd ihre linke Brust. Barbara schrie: „Friedbert!“, und gab ihm eine Backpfeife, öffnete allerdings dank des Überraschungseffektes für Sekundenbruchteile die Augen. Das genügte ihm. „Das Linke ist das Blaue“, prustete er lachend heraus. Worauf auch seine andere Wange mit der Bemerkung, er sei ein Betrüger, unsanft gestreichelt wurde.

   Anschließend streckten sie sich lachend auf der Decke aus, tunlichst den linken oberen Bereich meidend, auf dem sich nunmehr ein deutlicher Fettfleck abzeichnete. Sie bat ihn, etwas über seine Familie und seine Kindheit zu erzählen. Durch zweimaliges Nachfragen beharrte sie darauf, bot aber an, zunächst über sich zu berichten.

   „Meine Kindheit war sehr schön, obwohl sie auch durch den Terror meiner Brüder geprägt war. Aber wir stehen immer noch zusammen, und das ist das Wichtigste für mich. Mit vereinten Kräften meiner Brüder gegen mich und alle drei vereint gegen die Eltern. Mein Vater ist Bauingenieur in einem Institut, die testen dort Beton auf seine Festigkeit. Und meine Mama ist jetzt wieder als Krankenschwester tätig. Mein Vater ist in Irland geboren und wegen der Liebe in die DDR gekommen. Das betont er immer wieder: wegen der Liebe. Aber du weißt, dass vor zwei Jahren, 1968 im Mai, die Universitätskirche Sankt Pauli auf Anweisung der Staatsführung gesprengt wurde, oder?“ Friedbert nickte stumm, und sie fuhr fort: „Mein Vater ist Katholik, kein streng Gläubiger und war immer offen für andere Weltanschauungen, auch für den Sozialismus. Aber als ich an diesem Tag nach Hause kam, saß er schluchzend auf dem Sofa und nahm mich in seine Arme. Er stammelte etwas von Kulturbarbarei sowie von Vandalismus und dass Kirchen nicht zum Weltbild der Oberen passen würden. Heute, nach zwei Jahren, glaube ich, dass mein Vater daran endgültig zerbrochen ist. Ich denke, eine tiefe Depression hält ihn gefangen. Er redet kaum mehr mit uns, stochert im Essen und trinkt fast jeden Abend Hochprozentiges. Aber warum erzähle ich dir das alles?“ Sie schwieg, schluchzte einmal und hielt sich die Hände vor das Gesicht. Er umfasste sie und strich ihr schweigend über die Haare.

   „Ich muss erst einmal versuchen, dich aufzumuntern. Doch, mir fällt etwas Schönes ein.“ Er lachte und krümmte sich dabei: „Wir wohnen fünf Minuten vom Völkerschlachtdenkmal entfernt, wir waren dort im Winter Rodeln, selbst wenn der Schnee auch nur ansatzweise das Gras bedeckte. Dieses Monument steht ja auf einem großen Erdhügel. Aber, man musste bremsen können. Zehn Meter Auslauf, dann stand der Friedhofszaun. Also, unser Andi raste mit voller Wucht gegen ein Zaunsfeld, das sich ihm widerstandslos ergab, umfiel und so den Weg ebnete für den weiteren Lauf des Schlittens. Dieser endete erst samt Andi in der Tiefe eines frisch ausgehobenen Grabes. Das Geschrei kannst du dir nicht vorstellen, und es verstummte erst durch Andis Frage aus der Tiefe des Grabes, ob er jetzt sterben müsse. Zwei Wochen Krankenhaus waren die Folge.“

   „Dass du mir im Sommer deine Wintergeschichten erzählst, ist schon merkwürdig. Muss ich jetzt bis zum Winter warten, damit du mir etwas vom Sommer erzählst?“ „Vielleicht nicht. Aber jetzt schließe die Augen. Winter: alles weiß und sauber, ja sauber, endlich sauber. Aber auch nur die ersten zwei Tage weiß, ich weiß. Vor zwei Jahren schneite es in drei Tagen über einen Meter, und wir bauten eine Schneehöhle mit einem ganz niedrigen Eingang, damit die Erwachsenen nicht hereinkamen. Der Vater meines Freundes versuchte es und lag danach eine Woche mit einem Bandscheibenvorfall flach. Für uns Kinder war dies ein Glücksfall, denn wir hatten erstmalig eine Friedenspfeife geraucht. Vielleicht hatte ihn unser Husten angelockt oder doch eher der Qualm. Schnee! Was gibt es Schöneres, als vor einer verschlossenen Schule zu stehen, weil sie wegen fehlender Kohlen nicht geheizt werden konnte. Wir wurden nach Hause geschickt. Es sei denn, wir wurden zum Schneeschippen auf den Hauptstraßen verdonnert. Aber verbunden mit Schneeballschlachten ließ sich auch das gut ertragen.“ Zögerlich und sehr leise fügte er hinzu: „Ob wir je in unserem Leben die schneebedeckten Alpen sehen werden?“ Er holte tief Luft, um fortzufahren: „Einmal hatte ich einem Mitschüler die Nase blutig geschlagen und erschrocken über das Ergebnis, konnte ich die Tränen nicht unterdrücken. Ihm ging es genauso, wir weinten beide, umarmten uns, und alles war wieder gut. Und geklaut habe ich auch einmal: Mutprobe, einen Brühwürfel im Konsum.“

   Friedbert geriet ins Schwärmen, und sie ließ ihn schmunzelnd gewähren, obwohl sie ähnliche Erfahrungen gesammelt hatte. „Oder aber auch die Vorweihnachtszeit. Die gesamte Familie musste die heißen Mandeln häuten, Zitronat schneiden sowie Rosinen auslesen und in Rum einlegen. Zum Schluss hatte mein Vater immer einen Schwips, weil nur er kosten durfte. Aber wir hatten füreinander einfach Zeit. Und am nächsten Morgen vor der Schule mussten wir alles zum Bäcker bugsieren, um nachmittags die fertigen Stollen abzuholen. Diese, und es waren immer um die 15 Stück, wurden dann auf dem Kleiderschrank deponiert. Und so konnte man den typisch aromatischen Geruch bis Ostern wahrnehmen, dann wurde auch meist erst das letzte Stück verzehrt. Das war der Bäcker, bei dem wir immer wieder nach Kuchenrändern nachfragten, obwohl es unsere Eltern verboten hatten. Das sei Bettelei, aber wir taten es trotzdem. Dieser Bäcker existiert aber nicht mehr; es wird erzählt, die gesamte Familie sei in den Westen abgehauen. Ach so, Sommer? Fußball, Fahrrad, Schwimmen, Fußball. Und am berühmten Denkmal herumspionieren, auf der Suche nach Überbleibsel von der großen Schlacht. Dort gibt es einen sehr schmalen Spalt zwischen den Granitblöcken, den nur wir kannten. Heute passe ich da auch nicht mehr durch. Aber ich traute mich nie, den Stein zu verrücken, dann wäre vielleicht das gesamte Denkmal eingestürzt.“ „Frieder, du Spinner. Ich hatte dich gebeten, über deine Familie zu erzählen!“, unterbrach sie ihn. „Ach, Babsi, eher unspektakulär. Kindergarten, Einschulung. Und alle, einschließlich Tanten und Onkel, Mitglieder der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, DER PARTEI. Ein Familientreffen entspricht also einer Parteiversammlung. Vater bildet seit zehn Jahren Lehrer aus, war früher Schulleiter. Dann sägte er mit seinen Genossen Anfang der 60er Jahre aus Überzeugung, ja, aus Überzeugung, die Antennen ab, die gen Westen gerichtet waren. Westfernsehen. Eine abgesägt, zwei neue wuchsen. Prinzip des Unkrautes. Irgendwann haben sie es aufgegeben.  Meine Mutti hat sich dem Patriarchen immer unterordnen müssen, das hat sie uns Kindern zuliebe auch getan und tut sie heute noch. Meine Oma hat einmal gesagt, ich hätte die Intelligenz und die Starrköpfigkeit von meinem Vater sowie die Liebe und Bauernschläue von meiner Mutter geerbt. Ich weiß es nicht.“

   Nachmittags kündigte ein Verdunkeln des westlichen Himmels das bereits am Morgen im Radio angedrohte Gewitter an, und Friedbert schlug vor, ins Kino zu gehen: „Ein Freund von mir hat ihn schon gesehen, ein Film aus Amerika: ‚Blutige Erdbeeren‘. Es soll sich um Studentenunruhen handeln. Ist eigentlich klar, sonst würde er bei uns nicht gezeigt. Er soll aber richtig gut sein, und wie oft kann man schon einen amerikanischen Film in unseren Kinos sehen? Und das Beste: ‚Something In The Air‘ wird gespielt, also Konzert inklusive.“ Sie diskutierten noch eine Weile, aber das nahende Donnergrollen forderte eine Entscheidung, und sie radelten los. „Babsi, schön hintereinanderfahren, besonders an der Litfaßsäule. Stopp. Da hing ein Kinoplan. Wirst du nicht gesehen haben, warst zu sehr mit dem Einwickeln des Polizisten beschäftigt. Entschuldigung!“ Sie fuhren äußerst vorschriftsmäßig an der Anschlagsäule vor, kein Uniformierter weit und breit. Der Film sollte im Capitol, dem cineastischen Wohnzimmer Leipzigs, gezeigt werden. Es waren noch zehn Minuten bis zum Beginn des Vorspannes. Also könnten sie es bequem im Plaudertempo schaffen. Beim Abschließen der Fahrräder gab es einen kurzen Disput, ob diese gemeinsam gesichert werden sollten oder jedes für sich. Diesen beendete Barbara allerdings forsch und zugleich warnend: „Frieder, wenn du zu aufdringlich wirst, im Dunkel des Kinos, stehe ich auf, schnappe mein Rad und düse davon.“

DerFilm hatte noch nicht begonnen, es lief die Vorschau, der Augenzeuge. Im Halbdunkel musste sich Friedbert die ernüchternde Tatsache eingestehen, dass die von ihm ersehnten letzten Reihen komplett besetzt waren wie nahezu der gesamte Saal. So begnügten sie sich notgedrungen mit Plätzen in der ersten Reihe. Er griff zögernd nach ihrer Hand, sie ließ es geschehen und benutzte diese als stilles Kommunikationsmittel, indem sie die seine handlungsabhängig presste oder locker hielt. Und dann kam der Moment: „Something in The Air“ dröhnte so ohrenbetäubend in den Saal, als habe der Filmvorführer den Lautstärkeregler auf Maximum gezogen. Barbara drückte seine Hand und führte sie zu ihrem Gesicht. Sie weinte. Er drehte das Procedere um, sodass nun ihre Finger sein Gesicht berührten. Es war feucht.

   Schweigend verließen sie das Kino und liefen zu ihren Fahrrädern. Plötzlich brach es aus Friedbert lauthals heraus: „Scheiße!“ Barbara zuckte ob der Lautstärke mehr als wegen des Wortes zusammen und schaute in seine Blickrichtung: Zwei Fahrräder oder besser nur anderthalb, denn die zwei Fahrräder hatten nur drei Räder. Sein Vorderrad befand sich nicht dort, wo es sein sollte. Es war verschwunden. Da sie beide ihre Hinterräder an einem Metallzaun angeschlossen hatten und nicht, wie von Friedbert vorgeschlagen, beide gemeinsam vorn und hinten, hatte der Dieb ein leichtes Spiel. Er wollte gerade belehrend darauf hinweisen, verkniff es sich aber und teilte ihr lediglich mit, dass es das am Morgen reparierte Rad gewesen sei. Sie strich ihm voller Empathie über die Haare und sagte, dass es ihr unendlich leidtäte. Ihre Diskussion um eine mögliche Anzeige bei der Polizei wurde wegen der voraussehbaren Erfolgslosigkeit so schnell beendet, wie sie begonnen hatte.

   „Frieder, lass uns das Einrad zu meinem Onkel bugsieren. Er wohnt nur eine Stunde Fußweg entfernt, und seine Garage ist voller Fahrräder. Er ist so ein Typ Jäger und Sammler, na, eigentlich mehr Sammler. Er sammelt alles und bezeichnet Wegwerfen als Frevel und Überbleibsel des Kapitalismus. Nein, ein Jäger ist er beileibe nicht, denn alle Frauen, die er so erobern wollte, haben letztlich ihn abgeschossen. Nun lebt er allein mit seinem Hund. Ich glaube aber, er ist glücklich. So kann er sammeln und schrauben, ohne jemand fragen zu müssen.“

   Sie begaben sich auf den Weg. Mal schob er das Einrad, mal zog sie, mal schob sie, mal zog er. Irgendwann äußerte Friedbert den Verdacht, dass vielleicht ihr Onkel das Vorderrad eingesammelt haben könnte, da es ja nicht abgeschlossen war. Sie erwiderte: „Unsinn! Frieder!“, indem sie seinen Namen mit mindestens einer Oktave höher ausrief und gleichzeitig erwähnte, dass ihr Onkel Hauptkommissar bei der Mordkommission sei. Es sei denn, fügte sie noch süffisant hinzu, du hättest mit dem Schlauch jemand erwürgt, und er musste das Rad als Beweisstück beschlagnahmen.

   Besagter Kommissar – Mitte fünfzig, untersetzt, Vollbart und eine außerordentlich hohe Stirn – saß Pfeife rauchend vor einem vierstöckigen Haus auf einer knallroten Bank, die für einen maximalen Kontrast zu dem tristen grauen Wohnhaus sorgte, an dessen Fassade noch Einschusslöcher sichtbar waren und ringsherum im Laufe der Zeit der Putz bröckelte. Der marode Zustand wurde durch die mit Sperrholz notdürftig verkleideten defekten Schaufenster im Parterre noch verstärkt. Darüber ließen verwitterte und zum Teil unleserliche Buchstaben erahnen, dass hier einst ein Café und eine Kaffeerösterei beheimatet gewesen sein müssten. Das Dach erschien ihm wie das Fell einer vom Kampf gezeichneten Hyäne, uneben und fleckig. Inmitten brauner und gelber Dachziegel setzten sich rote Flecken ab. Nur die vielen Antennen, alle gen Westen gerichtet, störten den animalischen Vergleich. Insgesamt erschien das Haus Friedbert als ein museales Zeugnis des letzten Krieges.

   Zunächst begrüßte ein Hund bellend und springend die beiden Ankömmlinge. Barbaras Onkel freute sich nicht minder, jedoch anders, klopfte seine Pfeife aus und umarmte sie. Woraufhin sie sich angewidert zur Seite drehte und ihm versicherte, dass ihre Reaktion lediglich mit dem Tabakgeruch zusammenhing. Er begrüßte Friedbert ebenfalls herzlich: „Babsis Freunde sind auch meine Freunde. Ich heiße übrigens Theo. Wer von euch beiden kann Einrad fahren?“

   Barbara berichtete ihm aufgeregt von ihrem Malheur. Über das gesamte Gesicht grinsend prustete er aus sich heraus: „Beschlagnahmt habe ich das Rad nicht. Ich habe auch ein Alibi für die Zeit, ich war bei meiner Nachbarin und habe etwas repariert.“ Jetzt musste sie laut lachen: „Ich kann mir schon vorstellen, welche Mängel du behoben hast.“ Theo erhob sich wortlos und verschwand. Nach zehn Minuten erschien er wieder mit einem kompletten Vorderrad sowie einer Luftpumpe. 20 Minuten später war das Fahrrad repariert.

   Es war Freitagmittag und einer dieser heißen Tage Ende Mai. Alle hatten gehofft, dass es hitzefrei geben könnte, während Herr Leistner über Ihn und den FAUST philosophierte. Alle Schüler hofften auf Hitzefrei. Vor drei Tagen waren zwei Schüler aus Friedberts Klasse auf frischer Tat ertappt worden, als sie das Objekt der Begierde, das ausschlaggebende Thermometer manipulieren wollten. Seitdem musste der Hausmeister 15 Minuten vor dem Ablesen dieses selbst bewachen. Dazu hatte er mit Kreide einen Halbkreis markiert und thronte in diesem. Und jeder, der sich ihm näherte, wurde mit einem lockeren Spruch bedacht: „Zurück, zurück, euch sieht man doch schon von weitem an, dass ihr allesamt Fieber habt.“ Oder: „Zurück, zurück, ich sage zwar nicht, dass ihr alle warme Brüder seid, aber ausschließen kann ich es auch nicht.“ Der Schulleiter sah dieser Diktatur des Hausmeisters wohlwollend zu. In der letzten Stunde, Deutsch, mit Mephisto und Gretchen im Mittelpunkt, wurde ein Zettel durch die Bankreihen geschoben, auf dem geschrieben stand:  SCHWIMMEN!!!!!!!!!!!!!! 14 Uhr Gasthof Baalsdorf Treffen und dann ab zum Steinbruch Beucha. Es standen schon etliche Namen darauf, und Friedbert fügte den seinen dazu, stutzte jedoch kurz, als er Siggi mit Freundin las. Dieser hatte seinen Blick erwartet und erwiderte den seinen mit einem süffisanten Lächeln. Die Schulklingel ertönte und ließ FAUST, Mephisto, Gretchen und Auerbachs Keller in einer Schublade verschwinden, zumindest bis zur nächsten Woche.

   Sie trafen sich wie verabredet, aber auch nach einer Viertelstunde des Wartens und eifrigem Genuss von Fassbrause, die wie immer den leicht modrigen Geschmack als geliebte Beigabe enthielt, war nur die Hälfte der Zugesagten eingetroffen. Sie fuhren trotzdem die letzten Kilometer mit ihren Fahrrädern gemütlich los. Die Hitze hatte, verbunden mit einer zunehmenden Schwüle,ihren Höhepunkt erreicht und verdeutlichte dies mit ihrem konstanten Flimmern über dem Asphalt. Da nahezu alle bereits ihre Oberbekleidung abgelegt hatten, war das Ende der Radtour zeitgleich mit dem Beginn der Schwimmtour.  

   Der Steinbruch lag am Rand des kleinen Dorfes Beucha und war nahezu komplett von Felsen mit einer Höhe zwischen sechs und zehn Metern umsäumt. Auf dem höchsten von ihnen stand eine kleine Kirche, die in den Wirren der napoleonischen Kriege wechselnd von den Kosaken und Franzosen besetzt gewesen sei. Der Steinbruch sei erst vor 20 Jahren geflutet worden, nachdem über Jahrhunderte hier Granitporphyr abgebaut worden sei. Dieses Gestein hätte wesentlich zum Bau des Leipziger Völkerschlachtdenkmals beigetragen. Nunmehr sei das Gewässer im Durchschnitt 35 Meter und im Maximum 50 Meter tief, was glaubwürdig erschien, denn das Wasser war zwar immer glasklar, aber einige Grade niedriger als in den umliegenden Kiesgruben. Friedbert wusste das alles, denn wenige Wochen zuvor hatte ein Mitschüler darüber ein Referat gehalten. Aber die Affenwand wurde darin nicht erwähnt. Obwohl verboten, war diese die beliebteste Absprungstelle. Man musste ungefähr sechs bis acht Meter nahezu senkrecht empor kraxeln, um sich dann mit einem Schrei, dieser war obligat, in den See zu stürzen.

   Auf dem Rücken schwimmend hörte Friedbert mit einmal Siggis Stimme und sah ihn kurz darauf auf einem Plateau stehen: „Bitte aufpassen und es darf geklatscht werden. Du kannst!“ Im selben Moment tauchte neben ihm ein Wesen mit einer enormen Geschwindigkeit auf und sprang einen doppelten Salto, um kerzengerade nahezu ohne Spritzer in das Wasser zu tauchen. Es muss sich um eine Amphibie oder eine Nixehandeln, überlegte Friedbert, weil eben dieses Wesen nicht wieder an der Wasseroberfläche erschien. Er tauchte, um eventuell helfen zu können, sah aber nur die Unterkörper der anderen und keine Amphibie, auch keinen Fischschwanz. Und wer kann so schnell laufen und solange abtauchen? Er hatte einmal etwas von fliegenden Fischen gelesen, die es in den Ozeanen geben solle. Aber er hatte ja noch nie einen Ozean gesehen. Er musste Luft holen, schwamm nach oben, atmete dreimal tief ein und tauchte wieder ab, um das gleiche Bild vor Augen zu haben. Laut prustend kam er zurück an die Wasseroberfläche und sah in die lachenden Gesichter seiner Freunde. Im selben Moment wurde er von hinten, wenn auch sanft unter Wasser gedrückt. Wütend schnellte er nach oben, um den Angreifer zu attackieren. Was er aber nicht tat. Denn er schaute in ein Gesicht mit einem grünen und einem blauen Auge.

   „Babsi, was machst du hier? Und wieso kannst du so großartig springen?“, stotterte Friedbert. „Erzähle ich dir später. Jetzt geh zunächst einmal aus dem Wasser, du hast ganz kalte Hände.“ Den Vorteil des glasklaren Wassers hat sich dieses mit der Kälte desselben erkauft. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass er soeben ihr Gesicht gestreichelt hatte.

   „Und immer schön in Sichtweite bleiben“, rief Siggi ihnen hinterher. Und das taten sie auch: Sichtweite ja, Hörweite nein. Sie ließen sich abseits der anderen auf einer Decke nieder. „Wieso kannst du so großartig springen?“, wiederholte er seine Frage. „Wieso wohl? Zehn Jahre Leistungssport in der Deutschen Hochschule für Körperkultur. Zunächst war ich Schwimmerin, Kraulen und Rücken. So ab dem zwölften Lebensjahr machte die Biologie einen Strich durch meine Rechnung sowie die der Trainer. Ich wuchs nicht so schnell, wie es das Protokoll vorsah. Dann sollte ich Medikamente nehmen, Oral-Turi … oder so ähnlich. Das haben meine Eltern rigoros abgelehnt. Gott sei Dank. Und dann wurde ich zu den Springern versetzt, da ich so eine gute Körperbeherrschung hätte, bla, bla, bla. Sport macht mir wahnsinnigen Spaß, aber man muss auch mal gewinnen. Und das war beim Schwimmen zuletzt nicht mehr der Fall. Also Turmspringen. Wir sind ja früher schon öfters aus Spaß vom Zehner gehüpft, damit hatte ich nie ein Problem. Es war nur das erste Mal so etwas wie eine Mutprobe. Und den Steinbruch kenne ich wie meine Handtasche. Ich war oft mit meinen Mädels hier, während ihr am FKK, aus gutem Grund auf dem Bauch liegend, biologische Observationen …“

   Siggi hatte sich in der Mitte des Gesprächs zu ihnen gesellt und mehrfach genickt, musste nach dem letzten Satz allerdings schmunzeln. „Sie kennt eben ihre Brüder zu gut, das kann gefährlich sein, besonders bei so einem Schandmaul, dafür bräuchtest du eigentlich einen Waffenschein. Babsi, ich finde es sehr gut, dass du dich öffnest. Erzähl Friedbert alles, ihm kannst du vertrauen. Ich kenne ihn seit dem ersten Schuljahr.“

   Barbara sprang mit hochrotem Gesicht auf und schrie, bevor sie davonrannte: „Ich entscheide, was ich erzähle. Es ist mein Leben. Verdammt.“

   Sie legte sich bäuchlings auf ihre eigene Decke und verbarg das Gesicht in den gekreuzten Armen. Friedbert ging langsam auf sie zu und berührte mit seiner Hand sanft ihre Schulter, aber sie wies ihn schroff ab: „Lasst mich einfach alle in Ruhe. Wobei du ja nichts dafür kannst.“ Während sie den ersten Satz noch laut aus sich herauspresste, war der zweite kaum hörbar. Sie schluchzte leise. Er setzte sich neben sie und schwieg. Als er nach geraumer Zeit der Stille merkte, dass sie eingeschlafen war, legte er sich neben sie und tat es ihr gleich.

   Als er aufwachte und vorsichtig den Kopf zur Seite drehte, stellte er fest, dass er allein auf der Decke lag. Ein Zettel lag dort, wo vorher Barbara schlief: Entschuldige! Wir Mädels sind los, um noch etwas zum Grillen zu besorgen. Also bedeutete das indirekt, dass die Jungen für das Entfachen des Feuers zuständig sein sollten und besprach dies mit seinen Freunden. Pubertierender maskuliner Überheblichkeit folgend, kamen sie rasch zu dem Schluss, dass die Männer seit der Steinzeit für Jagd und Feuer verantwortlich waren und die Frauen eben für alles andere. Und sie waren dankbar, dass ihnen heute schon mal der Weg zum Konsum erspart bliebe. Der schnell gefundene Konsens lautete: Aber es gibt ja heute auch Fahrräder und diese zu betätigen würde für schöne Waden sorgen.

   Im selben Moment traf lautstark die feminine Fraktion ein und Babsi belehrte die Jungen bezüglich ihrer Weitsicht brutal eines Besseren, indem sie rief: „Holzkohle gab es keine.“ Friedbert verglich gedankenverloren die Waden der fünf Damen und stellte verschmitzt lächelnd fest, dass Wassersport für die Konturen des Habitus, aber auch speziell für den der Waden einen sehr positiven Einfluss haben müsse, denn Babsi besaß die schönsten. Eva hatte die muskulösesten von allen, aber bei einer eher geringen Körpergröße wirkten sie gedrungen und an der Grenze zum maskulinen. Allerdings brauchte sie diese, denn als ein aufstrebender Stern im Radrennsport stand sie kurz vor dem Einzug ins Internat der DHfK - der Deutschen Hochschule für Körperkultur. Bei ausreichendem Trainingseinsatz war hier der Abitur-Abschluss obligat. Sie fuhr jeden Tag zwischen 50 und 100 km mit ihresgleichen und war sie mal bei einem Radausflug mit den Klassenkameraden dabei, bestimmte sie nur ungern das Tempo und suchte ihre natürliche Bremse am Ende des Feldes. Ab und an verdeutlichte sie jedoch ihre Meinung zur Geschwindigkeit durch gequältes Gähnen oder riskantes freihändiges Fahren. Aber da Eva ein nicht enden wollendes Sammelsurium von Witzen auf Lager hatte, die sie erzählte, während die anderen mit hochrotem Kopf und nach Luft japsend strampelten, schließlich wollte sich keiner blamieren, war sie ein wertvolles Mitglied der Gemeinschaft.

   „Wer kommt mitHolzkohle besorgen? Allein fahre ich nicht. Mein Onkel wohnt fünf Kilometer von hier und er hat sich die DDR auf seine Art zu Nutzen gemacht. Er kauft immer alles Rare ein, wenn er es ergattern kann, egal, ob er es gerade braucht oder nicht, Bauholz, Raufasertapete, Zement oder auch Holzkohle. Also, wer kommt mit?“, fragte Siggi und nach Friedberts Zusage fuhren sie gemeinsam los.

   Nach einer Stunde kamen sie zurück und Eva konnte sich nicht verkneifen zu fragen, ob sie noch in einem Wirtshaus gewesen wären. Alle lachten, nur Siggi und Friedbert nicht.