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Ihr Leben lang wünscht sich Phian, ihrem goldenen Käfig zu entfliehen. Zu ihrer eigenen Sicherheit von ihrem Vater in der Residenz festgehalten, lernt sie somit ihre außergewöhnliche Stadt Panteona auf verbotenen Ausflügen kennen. Doch ihr Vater sollte recht behalten und sie gerät schon bald in Gefahr. Auf ihrer darauffolgenden Flucht gelingt ihr allerdings etwas, womit sie niemals gerechnet hätte. Sie verlässt Panteona. Die Stadt, der angeblich niemand entkommen kann. Phians plötzliche Freiheit eröffnet ihr auf ungeahnte Weise neue Wege. Wege, die sie nicht nur zur Wahrheit über ihre Stadt führen, sondern auch zur Wahrheit über sich selbst.
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Seitenzahl: 542
Veröffentlichungsjahr: 2022
Patrizia K. Werner
Panteona
Das Erwachen
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Inhaltsverzeichnis
Titel
TITEL
IMPRESSUM
WIDMUNG
PROLOG
KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
KAPITEL 19
KAPITEL 20
KAPITEL 21
FORTSETZUNG 2
FORTSETZUNG 3
Impressum neobooks
PATRIZIA K. WERNER
Roman
2. Auflage Juli 2022
Deutsche Erstausgabe Mai 2019
Copyright © 2019 Patrizia K. Werner
Herausgegeben von: Patrizia K. Werner
Covergestaltung: Patrizia K. Werner
unter der Verwendung von Shutterstockbildern
Alle Rechte, einschließlich des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.
Dies ist eine fiktive Geschichte. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen, Orten und sonstigen Begebenheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.
Für meine große Liebe Björn, weil er an mich glaubt
und mich bei allem unterstützt.
Jahr 2310
»Ich hoffe, wir haben keinen Fehler begangen«, raunte der grauhaarige Mann und verschränkte die Hände hinter seinem Rücken. Er stand auf einer erhöhten Veranda, unter ihm ein weitläufiger Park, der ihn von einer Metropole trennte, die von Wolkenkratzern geprägt war.
Der hochgewachsene Mann zu seiner Linken nickte seufzend. »In unserer Lage war es das Beste, das wir tun konnten, mein Freund.«
Finley fröstelte es plötzlich in der Windstille, die den kühlen Abend prägte. »Logan, wir haben es gemeinsam mit all den anderen geschafft in einer Welt voller Zerstörung eine rettende Insel zu schaffen. Doch wie lange wird es dauern, bis die folgenden Generationen die Fehler der alten wiederholen?«
»Wovon sprichst du?«
»Na, ich meine, dass wir in Zukunft womöglich an der gleichen Stelle stehen werden, wenn … ja, wenn …« Er verstummte und senkte den Blick.
»… wenn die Ressourcen aufgebraucht sind?«, beendete Logan den Satz seines Freundes und seine buschigen Augenbrauen zogen sich grübelnd in der Mitte zusammen. »Dazu wird es so schnell nicht kommen, Finley. Dafür haben wir schließlich selbst gesorgt. Die Wissenschaft versieht uns mit den neusten Mitteln zur Nahrungserzeugung. Energie gewinnen wir durch Wind- und Sonnenkraft und wir sind von so viel Sand umgeben, dass wir noch in tausend Jahren Glas herstellen können, um unsere technischen Anlagen und Gebäude …«
»Ja, ja, und Plastik werden wir so oft recyceln können, dass es uns praktisch nie ausgeht. Ich versteh schon, was du mir sagen willst. Aber sollte die Atmosphäre der Außenwelt nicht schnell wieder Normalwerte zeigen, dann werden wir dennoch Probleme mit den vielen Menschen in dieser Stadt bekommen. Noch ist zwar von allem genug da und auch der Platz reicht aus. Aber du weißt, dass sich das ändern kann.«
»Du machst dir Sorgen um ungelegte Eier«, bemerkte Logan barsch. »Es könnte auch alles gut gehen und in nur wenigen Jahren hat sich die Welt von der Zerstörung weitestgehend erholt. Die Pflanzen werden wieder zahlreich sprießen, Tiere werden durch neu entstandene Wälder streifen und wir können uns wieder hinaus trauen.«
Finley nickte stumm, als ein Klopfen ihn zusammenzucken ließ.
»Herein«, rief Logan durch die weit geöffnete Verandatür in sein Büro.
Die Tür wurde einen Spaltbreit aufgerissen und der Kopf eines jungen Mannes mit blassem Gesicht lugte hinein.
»Ah, Jaxon, mein Guter. Kommen Sie rein.«
Jaxon räusperte sich und trat ein. Unter seinem Arm hatte er eine dünne Mappe mit Papieren geklemmt, die er augenblicklich in beide Hände nahm, als er sich den Männern auf der Veranda näherte.
»Schön, dass ich Sie noch antreffe«, sagte er hektisch und hielt Logan den Hefter entgegen. »Hier sind die Daten, die Sie angefordert haben.«
Sofort griff Logan zu der Brille in seiner obersten Jackentasche und setze sie sich über seinen krummen Nasenrücken.
»Und Sie hatten umgehend um die Berichterstattung gebeten, sobald die letzten Vorbereitungen abgeschlossen sind«, fuhr Jaxon fort und straffte sich, als Logan mit einem überraschten Blick von der Mappe zu ihm aufsah.
»Soll das etwa heißen, dass …« Logans Stimme verstummte, als Jaxon augenblicklich nickte.
»Es ist also vollbracht«, raunte Finley im Hintergrund und alle drei Männer sahen mit einem Mal zur Stadt hinaus. Doch ihre Blicke richteten sich nicht auf die hoch aufragenden Gebäude, sondern nach oben auf die transparente Halbkugel. Geformt aus tausenden von gläsernen Platten stülpte sie sich gemeinsam mit zehn weiteren Kuppeln dieser Art über die gesamte Metropole.
Logan seufzte schwer. »Nun sind wir abgeschieden von der Außenwelt, der Welt, die einst unser Zuhause gewesen war und nun unser Feind geworden ist.«
»Die Sauerstoffkonzentration hat ein Rekordtief von 9,567 Volumen-Prozent erreicht. Tendenz sinkend«, erklärte Jaxon leise.
Mit einem Nicken nahm Logan den Wert zur Kenntnis und murmelte: »Panteona. Was für ein passender Name für unsere neue Heimat, nicht wahr?«
Finley atmete schwer aus. »Pantheon. Einst die größte Kuppel der Welt. Wer hätte gedacht, dass wir knapp zweitausendzweihundert Jahre später es schaffen würden, seine Größe um ein Vielfaches zu übertreffen.«
Jahr 3602
Mit schweißnassen Fingern strich Phian über die Erhebungen der Stickerei, die den rechten Ärmel ihres Mantels zierte. Es waren der Buchstaben A und die Ziffer 1, das Symbol einer Hausangestellten des höchsten Ranges. Sie fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen und hob den Kopf. Falls alles schiefgehen sollte, könnte sie ihre wahre Identität damit verbergen. Hastig versteckte sie noch ihren weißblonden Zopf unter der Kapuze und wandte sich zum Fenster ihres Zimmers. Mit einem Blick über ihre Schulter zurück zu ihrem Bett, unter dessen Decke zwei Kissen einen Körper formten, zupfte sie an ihrem Umhang. Schließlich zuckten ihre Augen zu ihrem Nachttisch, wo sich der Zeiger ihres Weckers auf neun Uhr abends zubewegte.
Sie schnappte nach Luft. Es war so weit.
Die Ordnungswachen hatten Schichtwechsel.
Zögernd setzte sie einen Fuß vor den anderen, trat ans Fenster heran und ein Blick heraus bewies ihr, dass der richtige Moment gekommen war.
Der Wachmann unter ihrem Zimmer hatte die Schicht beendet. Phian wusste, dass es nur wenige Minuten dauern würde, bis die nächste Wache zu ihrer Ablöse kam. Also drückte sie rasch den Fensterhebel und zog sich kurz darauf mit beiden Händen am Rahmen hoch. In der kleinen Öffnung kauernd vergewisserte sie sich noch einmal, dass sie allein war. Dann sprang sie mit einem Satz in die Krone der künstlichen Eiche vor ihr.
Die Blätter raschelten und Phian hielt inne, sicher, dass jemand sie gehört haben muss. Doch als keiner auftauchte, kletterte sie den Baumstamm herab.
Geduckt, um nicht von einer der Kameras entdeckt zu werden, hetzte sie über den Hof hinter einen der synthetischen Sträucher. Zwischen dessen Ästen spähte sie zum Pavillon hinaus, der sich zwanzig Schritte vor ihr erstreckte. Eine Wache lief dort auf und ab. Sie wartete, bis sie ihr den Rücken zuwandte, und stieg dann die Mauer empor, die den Hof säumte. Oben angekommen sprang sie rasch auf die gegenüberliegende Seite, einem Park, dessen Schwärze hier und dort von Lichtkegeln durchbrochen wurde. In ihnen erblickte sie weitere Ordnungswachen, die den Kiesweg einige Schritte neben ihr beaufsichtigten.
Sie presste die Lippen aufeinander und wich in den Schatten zurück. Nun kamen ihr doch erste Zweifel, aufzubrechen und das ausgerechnet in der Nacht vor ihrer Beurteilung. Schließlich hatte ihr Vater hohe Erwartungen an seine einzige Tochter. Sollte sie da nicht lieber lernen? Und was würde er erst sagen, wenn man sie hier draußen entdecken würde? Unsicher flackerten ihre Augen zur Mauer, die düster wie ein Gefängniswall in den grauen Abendhimmel hineinragte. Obwohl dahinter ihr Zuhause war, jagte es ihr plötzlich Angst ein.
»Sei kein Feigling, Phian«, raunte sie und atmete tief ein. »Es ist zu spät, die Entscheidung noch zu ändern.« Sie nickte, wenngleich es keiner sah, warf einen Blick hinüber zu den Wachen und rannte hinter den nächsten Strauch.
Einige Büsche und Bäume später kam sie schließlich am umrahmenden Wassergraben des Parks an. Ihr Unterkleid klebte ihr am schweißnassen Rücken, als sie sich an den Baumstamm lehnte und um ihn herumschaute. In nächster Nähe war ein Wachmann, der energisch seine Hosentaschen durchsuchte.
Oh verdammt!, fluchte Phian tonlos und zog den Kopf hastig zurück.
Und was nun?
Langsam sah sie zurück zur Wache. Scheinbar hatte diese gefunden, was sie suchte, denn nun stand sie starr da und füllte ihre Elektrozigarette nach.
Phian ließ ihren Blick hinter ihn wandern. Die Brücke, die über den Wassergraben führte, stand verlassen da. Nur wie kommt sie an dem Wachmann vorbei? Sie sah sich nach allen Seiten um, als sie der scharfe Ton der Ordnungswache zusammenfahren ließ.
»Verfluchtes Scheißteil!«
Phian holte tief Luft und blickte um den Baum herum.
Mit gebeugten Knien hetzte der Wachmann der Ampulle hinterher, die den Abhang vor der Brücke hinabrollte.
Das ist meine Chance.
Gerade als die Wache sich nach dem Fläschchen bückte, hob sie einen Stein auf und warf ihn über den Mann hinweg in das Gestrüpp auf der anderen Seite.
Alarmiert schreckte der Wachmann hoch. »Wer ist da?«, fragte er. Doch anstatt näher heranzutreten, blieb er stehen. »Nelian, Dan, seid ihr das?« Er nahm die Mütze vom Kopf und kratzte sich den blonden Schopf. »Kommt schon Leute. Ihr wisst, dass ich das nicht leiden kann.« Mit storchenartigen Schritten begann er sich darauf zuzubewegen. »Wenn ich euch erwische …« Er schob ein paar Äste beiseite und steckte den Kopf hinein.
Erst noch stockend, dann immer schneller, kroch Phian aus ihrem Versteck heraus und eilte über die Brücke. Hinter der meterhohen Mauer, die das Gewässer von der Straße trennte, hörte sie den Wachmann abermals fluchen und rannte los.
Als jedoch an der wenige Meter entfernten Kreuzung der Wagen einer Ordnungswacht in Schritttempo vorfuhr, machte sie erneut einen Satz und versteckte sich hinter einem parkenden Bus.
Mit pfeifendem Atem sog sie die kühle Luft in ihre Lungen und beobachtete, wie die Suchscheinwerfer ihre Straße hinunterglitten und von links nach rechts schwenkten. Doch ehe das Licht sie fand, fuhr die Ordnungswache weiter.
Keuchend schnellte Phian hoch und hastete in die Gasse gegenüber der Hauptstraße, bis sie schließlich mehrere Abzweigungen später ihr Ziel erreicht hatte.
Farin erwartete sie bereits. In seinem roten Mantel der Mittelschicht lehnte er sich gegen eine steinerne Sonnenuhr, dessen Zweck dank der umgebenden Wolkenkratzer längst verloren gegangen war.
Ein Lächeln zeichnete sich auf den Lippen des jungen Mannes ab, als er Phian entgegenkam. »Ich dachte schon, du hättest es dir anders überlegt.«
Phian grinste pflichtbewusst und blickte über ihre Schulter.
»Gab es Schwierigkeiten?« Farin folgte ihrem Blick.
Sie schüttelte den Kopf. »Nein, alles gut.«
»Hat dich jemand gesehen?«
»Ich denke nicht.« Phian verschränkte ihre Finger ineinander und lockerte sie wieder.
»Phian, wir können es auch verschieben.« Farin sah besorgt von ihren Händen auf.
»Nein.« Sie löste ihren Blick von der Gasse. »Lieber riskiere ich es, bei meinen Ausflügen erwischt zu werden, als in der Residenz gefangen zu sein.«
»An meiner Seite wirst du nicht erwischt.« Farin grinste breit. »Ich werde nicht zulassen, dass dir etwas passiert.«
Phian brummte. Es bestand kein Zweifel, dass ihr Freund unweigerlich für sie einstehen würde. Nur wenn eine Schar Ordnungswachen käme, könnte Farin nicht einmal sich selbst, geschweige denn, ihr helfen.
»Komm. Zeit, etwas Neues zu erleben.« Er legte den Arm um ihre Schultern.
»Da bin ich ganz dafür. Aber ich will wissen, wohin es geht«, sagte sie und rührte sich nicht.
»Lass dich überraschen.« Er warf ihr einen amüsierten Blick zu.
Sie kniff ihn in die Seite. »Du weißt, dass ich keine Überraschungen mag, also spuck es aus.«
Er zuckte zusammen und lachte auf, wobei ihm seine dunkelblonden Haare in die Stirn fielen. »Ich weiß, dass Geduld nicht deine Stärke ist, aber das macht es umso spannender für dich und natürlich auch für mich.«
Phian ließ abermals ein Brummen hören. Nur dieses Mal umspielte ein Lächeln ihre Lippen. Farin kannte sie so gut wie sonst keiner. Was vermutlich an dem Umstand lag, dass er nicht nur ihr bester, sondern obendrein ihr einziger Freund war.
Dass sie überhaupt einen Freund hatte, war aber auch dem Zufall zu verdanken. Hätte Farin sie nicht damals auf einem ihrer Streifzüge vor einem pöbelnden Mädchen gerettet, wäre Phian wahrscheinlich nicht nur allein geblieben. Sie hätte zudem den Zorn ihres Vaters zu spüren bekommen, der von ihren Wanderungen erfahren hätte.
»Also komm jetzt.« Im Dunkel der Hochhäuser führte Farin sie kurze Zeit später durch die Gassen ihrer Stadt.
Phian folgte ihm, den Blick hinauf zu den Sternen gerichtet, die in der Dämmerung hinter der gläsernen Kuppel pulsierten. Bei diesem Anblick überkam sie ein Gefühl der Ehrfurcht und sie fragte sich, wie es außerhalb Panteonas aussah.
Sie schloss die Augen und stellte sich die Hitze auf ihrer Haut vor, als sie plötzlich Stimmen hörte. Ruckartig ließ sie ihren Kopf sinken.
Im Licht der Außenleuchten erkannte sie ein paar Gestalten, die ihnen entgegenkamen.
»Rebellen«, hauchte Farin und verlangsamte seinen Gang.
»Ich weiß.« Phian beobachtete die Männer und Frauen vor ihnen, die mit Sicherheit ebenfalls keinen Erlaubnisschein bei sich hatten. Sie erkannte die Flaschen roter Sprühfarbe in ihren Händen und die panteonische Einheitskleidung, die sie schwarz eingefärbt hatten. Doch am auffälligsten war der Ausdruck in ihren Augen. Diese Mischung aus Überzeugung, dass einzig Richtige zu tun, und abgrundtiefer Verbitterung.
Je näher die Rebellen ihnen entgegenkamen, desto mehr wuchs in Phian der Drang, sich umzudrehen und davon zu laufen. In den Nachrichten hörte man immer wieder von all den Anschlägen auf Mitarbeiter und Gebäude der Regierung. Selbst vor Mord schreckten die Rebellen nicht zurück.
Und plötzlich kam Phian ein Gedanke.
Was wird wohl passieren, wenn sie mich, als die Tochter des Präsidenten erkennen?
Bald waren sie nur noch wenige Schritte entfernt und Phian zog ihre Kapuze tiefer in ihr Gesicht. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie dabei, wie einer der Rebellen seinem Nebenmann etwas zuflüsterte.
Mit eisigen Fingern packte Farin nach Phians Hand.
Jetzt ist alles vorbei.
Doch nichts geschah.
Die Rebellen schritten an ihnen vorbei, als ob sie einander nie gesehen hätten.
»Verdammt, das war knapp.« Phian spürte immer noch ihr Herz rasen.
»Wir waren unwichtig. Nur ein paar Herumtreiber, die genau wie wir nach der Sperrstunde hier draußen nichts verloren haben.«
Phian nickte. »Wir sollten dennoch schnell weiter.«
»Da stimme ich dir zu.«
Fünf endlose Straßen später hielt Farin Phian schließlich zurück. »Wir sind da.« Mit einer einladenden Bewegung zeigte er vor sich.
Sie folgte seinem ausgestreckten Arm. Noch immer waren sie von meterhohen Wohnhäusern umzingelt, die sich links und rechts die Gasse entlangzogen. »Ich verstehe nicht. Was willst du mir zeigen?«
Farin deutete auf einen gewaltigen Pfeiler, der an der Kreuzung vor ihnen in die Höhe schoss.
»Du willst doch nicht etwa sagen, dass wir da hinaufsollen?«
»Schon mal versucht?«, entgegnete er mit einem Grinsen.
Phian schüttelte den Kopf. Die Augen gebannt auf den Pfeiler, dessen einziger Zweck war, das über diesen Stadtteil gespannte Kuppeldach vor dem Einsturz zu bewahren.
»Dann wird es Zeit.« Mit einem Sprung setzte Farin sich wieder in Bewegung, erklomm die ersten Leitersprossen an dessen betonierten Fuß und drehte sich zu ihr um. »Na, was ist? Traust du dich nicht?«
Zögernd folgte sie ihm. »Farin, ich weiß nicht, ob …«
»Du wolltest doch deine Stadt besser kennenlernen?«
»Ja, schon, aber …«
»Von da oben hast du die beste Aussicht.«
»Woher willst du das wissen?«
»Na, was glaubst du wohl?« Er wandte sich wieder den Sprossen zu.
Phian schaute den Pfeiler hinauf, dessen Ende so weit entfernt war, dass sie es nicht einmal erkennen konnte. Sie schluckte und sah erneut zu Farin, der gerade den Rand des Betonsockels erreichte. »Na gut«, hörte sie sich dann sagen und bewegte sich auf den Träger zu. »Ich will für dich hoffen, dass es das wert ist.«
»Dann musst du dich beeilen, bevor die Sonne komplett hinter dem Horizont verschwindet«, rief er und wartete auf sie.
»Ich hoffe, das schaffen wir.« Sie zog sich auf den Sockel neben ihm hoch, den Kopf in den Nacken gelegt und folgte mit den Augen den Querverstrebungen hinauf.
»Hast du Angst?«, fragte er plötzlich ernst.
Phian zuckte mit den Achseln. Normalerweise machten ihr große Höhen nichts aus, doch hier sprachen sie von mehreren Stockwerken.
»Pass auf«, begann er und zog seinen Mantel aus, »wir klettern auf der Innenseite, so haben wir noch die inneren Verstrebungen, die uns stützen. Außerdem gibt es ja noch die Plattformen alle fünf Meter, auf denen wir uns ausruhen können. Wenn du also merkst, du kannst nicht mehr weiter, machen wir dort halt. In Ordnung?« Er warf seinen Überwurf hinter sich und sah sie fragend an.
»In Ordnung.« Phian nickte und atmete tief ein.
»Also schön, dann los.« Voller Enthusiasmus stieg Farin zwischen die Träger und begann sich eine Stahlstrebe nach der anderen höher und höher zu ziehen. Phian warf ihren Mantel ebenfalls ab und kletterte ihm zögerlich hinterher.
Strebe für Strebe kamen sie der ersten Plattform näher und Phian wagte einen kurzen Blick nach unten.
Augenblicklich wurde ihr schwindelig und weil sie nicht fest genug zupackte, rutschte sie mit ihren schweißnassen Händen ab.
»Phian, pass auf!«, stieß Farin erschrocken aus, als Phian sich im letzten Moment festhalten konnte.
»Alles in Ordnung?« Farins Stimme klang mit einem Mal dünn.
Phian rang nach Luft und blickte erneut nach unten. »Das war verflucht knapp.« Ihr Herz schlug nun so schnell, dass sie den rasenden Takt in den Ohren pulsieren spürte. Trotz des Schreckens fühlte sie sich plötzlich so lebendig wie noch nie und sie musste sogar lachen. Das Adrenalin jagte durch ihre Adern wie eine glücklich machende Droge.
»Das war nicht lustig.« Farin schaute streng zu ihr hinab.
»Entschuldige.« Grinsend sah sie zu ihm hoch.
»Komm weiter.«
Vorsichtiger als zuvor folgte Phian ihrem Freund und schon bald hatten sie die ersten fünf Plattformen hinter sich.
»Farin, wie weit noch?« Der Schweiß an ihren Händen ließ sie immer öfter von den nackten Verstrebungen abrutschen.
»Auf der Platte da oben machen wir halt«, antwortete er keuchend.
Phian seufzte und fragte sich bereits, warum sie sich das überhaupt antat. Doch als Farin ihr auf die Plattform half, verschlug es ihr den Atem. Mit den letzten Streben hatten sie sich über den Wohnkomplex vor ihnen gebracht, was den Blick auf ein Panorama freigab, in der die Stadt in ihrem vollen Glanz erstrahlte.
»Und? Habe ich zu viel versprochen?« Farin lächelte ein wenig abgeschlagen und deutete in Richtung der untergehenden Sonne.
Stumm schüttelte Phian den Kopf, schritt näher an die Streben heran und umfasste den kalten Stahl. Majestätisch erhoben sich die unzähligen Wolkenkratzer vor der Abendsonne, wobei deren Strahlen eindrucksvoll zwischen den höchsten Stockwerken hindurchbrachen. Zeitgleich schienen die beleuchteten Fenster der Bewohner aus der Ferne zu glitzern. Von den Hochhäusern bis zu den Straßen und Gleisen, die sich an den Gebäuden vorbeischlängelten und dabei ihre Wege nicht nur miteinander, sondern auch übereinander kreuzten, erstreckte sich nun das gesamte Viertel ohne Geheimnisse vor ihr.
»An sandsturmfreien Tagen kann man sogar die Bezirke unter den anderen Kuppeln sehen.« Unbemerkt war Farin an ihre Seite getreten und zeigte auf die gläsernen Gewölbe, die außerhalb ihrer eigenen in der Abendröte leuchteten. »Komm, setz dich.«
Sie ließen sich auf dem harten Untergrund nieder und hängten ihre Beine über die Plattform.
»Beeindruckend, nicht wahr?«
Phian nickte, ohne ihre Augen abzuwenden, als eine grelle Stimme sie aufschrecken ließ.
Es war eine blonde Nachrichtensprecherin, die auf einer holographischen Projektion auf dem Hochhaus vor ihnen erschien.
»Bewohner Panteonas, heutiges Topthema – der Tod von Arawn Necreoum.« Mit einer Ernsthaftigkeit, die Phian ihr nicht abnahm, sprach sie in die Kamera und räusperte sich, ehe sie fortfuhr. »Seine kriminellen Machenschaften als Kopf der aufständischen Gruppe, die unsere geschätzte Regierung stürzen wollte, haben nach fünfzehn Jahren ihr Ende gefunden. Als man heute Morgen sein Versteck ausmachte, kam es zu einer Schießerei, bei der Arawn tödlich getroffen wurde.«
Das Bild eines Mannes mittleren Alters mit weißen Haaren, grellen Augen und durchscheinender Haut wurde eingeblendet.
»Unsere geliebte Stadt kann wieder aufatmen. Das Morden hat ein Ende.« Mit einem gekünstelten Strahlen legte sie ihren Kopf schräg und es wurde eine Werbepause eingespielt, in der für das neuste synthetische Fleisch geworben wurde.
Dreißig Sekunden später erschien erneut das makellose Gesicht der Nachrichtensprecherin. »Und hier noch die Daten zur Außenluft: Die Sauerstoffkonzentration bleibt unverändert bei 14,798 Volumen-Prozent, während der Kohlenstoffdioxidgehalt von 5,82 auf 5,81 Volumen-Prozent gesunken ist.« Sie lächelte knapp. »Ich wünsche einen schönen Abend.« Wieder folgte ein karges Lächeln. Doch statt einem Werbeeinspieler, erschien ein breitschultriger Mann mit einem dichten Bart unter eisblauen Augen.
»Dein Vater meldet sich persönlich?« Mit einem Nicken deutete Farin auf das Hologramm.
»Mhm, ich habe mitbekommen, wie er die Rede ausgearbeitet hat«, erklärte Phian und zuckte unbeeindruckt mit den Achseln.
»Meine geschätzten Bürger und Bürgerinnen Panteonas, ich spreche heute zu euch, weil es in den vergangenen Tagen zu einigen Missverständnissen kam. Hiermit will ich klarstellen, dass die neuste Verordnung zur Geburtenkontrolle keinesfalls als Bestrafung dient. Das Gesetz zur Sterilisation der Mitbürger, die den Wunsch nach einer Familie hegen, aber deren Gene kein vielversprechendes Mitglied für das Volk hervorbringen würden, müssen zum Wohle des Friedens gewahrt werden. Die Repräsentanten der elf Stadtviertel, unter anderem meine Wenigkeit, fühlten sich gezwungen dieses Gesetz zu verstärken, um der drohenden Überbevölkerung endlich Einhalt zu gebieten. Leider trug die bisherige Methode, bei der lediglich ein Verbot zur Fortpflanzung ausgesprochen wurde, nicht dazu bei, die Zahl der unzähligen Neugeborenen zu senken. Bedenkt, dass unsere Nahrungsrationen und der Wohnraum knapp sind. Diese Gesetze sind folglich zu eurem Schutz erlassen worden und dienen dem Fortbestand der Menschheit. Im Namen aller Repräsentanten hoffe ich auf euer Verständnis und eure Kooperation.«
Das Gesicht ihres Vaters verschwand und eine Telefonnummer wurde eingeblendet, die zu einer Hotline für Fragen zur Sterilisation führte.
Phian wandte sich ab.
Sie verstand die Beweggründe der Regierung, schließlich lebte sie in dieser Welt und hoffte, dass dies auch in Zukunft noch möglich wäre. Dennoch missfiel ihr der Eingriff in das Leben der Menschen und vor allem in ihr eigenes.
Mit gesenktem Blick sah sie zu Farin, der sich die nachfolgende Werbeeinspielung anschaute. Er wusste von ihrer Verbitterung, keine Entscheidung selbst treffen zu dürfen. Es gab zwar Beurteilungen, anhand dessen man die Richtung des vorbestimmten Wegs lenken konnte. Durch gezieltes Erlernen bestimmter Tätigkeiten oder bestimmten Wissens war es sogar möglich, die Tests zu seinen Gunsten zu beeinflussen. Dadurch war jedoch der Druck, seine eigenen Vorstellungen und die seiner Eltern zu erfüllen, enorm.
Ungleich schwerer lastete der Druck auf Phian, die als Tochter des mächtigsten Mannes Panteonas eine ehrenvolle und ebenso bedeutende Aufgabe erhalten musste.
Sie schnaubte leise.
»Alles ok?« Farin legte die Stirn in Falten.
Phian nickte. »Musste nur gerade an die morgige Beurteilung denken.«
»Das wird schon alles gut gehen.« Er legte seine Hand auf ihre.
Sie senkte den Blick. »Klar.«
Farin musterte sie einen Moment lang besorgt und entschied, das Thema zu wechseln. »Hast du eigentlich von dem Gerücht gehört?«
Sie zuckte die Achseln. »Welchem?«
»Na, dass die Daten zur Sauerstoffkonzentration gefälscht seien und man angeblich wieder in der Außenwelt leben könne.«
Phian schüttelte ungläubig den Kopf. »Ich habe gehört, wie sich die Dienstmädchen darüber unterhalten haben. Glaubst du daran?«
»Ich denke, dass da etwas Wahres dran sein könnte.«
»Und ich denke, dass es wieder nur bei einem Gerücht bleibt«, erwiderte Phian bissig und ihre eigenen Worte verpassten ihr einen Stich.
Farin lachte kurz auf. »Womöglich hast du recht. Und wenn, es lässt sich sowieso nicht überprüfen. Bis auf die M.A.s kann niemand diese Kuppeln verlassen.« Er schnaubte spöttisch. »Und ich denke nicht, dass die sich dafür interessieren, was sie da draußen neben ihren Wartungsarbeiten zu sehen bekommen.«
»Würden diese Maschinen selbstständig denken können, würden sie mir auch Angst machen«, stimmte Phian ihm auflachend zu, lehnte sich zurück und legte ihren Kopf in den Nacken. Ihr Lachen löste sich in einem seufzenden Atemzug auf und sie blickte nach oben zu den gewaltigen Rotorblättern.
Der gigantische Ventilator in dem Kuppeldach summte dumpf vor sich hin, während er die verbrauchte Luft absog.
»Wie die Welt da draußen wohl riecht?« Sie nahm einen kräftigen Atemzug und dachte dabei an die etlichen Umwandler an den Seiten der Kuppeln, die mit Sauerstoff angereicherte Außenluft in die Stadt pumpten. Doch die gefilterte Luft war geruchlos.
»Das wüsste ich auch gern«, sagte Farin in einem gedankenverlorenen Ton und minutenlanges Schweigen breitete sich zwischen ihnen aus.
»Was für ein albernes Gerücht«, raunte Phian und brummend stimmte ihr Farin zu, worauf sie ihren Blick senkte und über die Stadt schweifen ließ. Auf dem Hochhaus neben ihr flimmerte eine Werbung für länger haltbare Hochleistungsbatterien in Fahrzeugen auf. In den Wolkenkratzern schalteten sich zudem immer mehr Lampen ein. Die rotglühende Sonne tauchte hinter den Sandhügeln ab.
Und in dem Moment sah sie es.
Sie schnellte hoch.
»Phian?« Verstört richtete Farin sich ebenfalls auf. »Phian, ist alles in Ordnung?«
»D-Da vorne.« Mit einer zittrigen Hand deutete sie auf die Hügel am Horizont.
Farin blickte von ihr zu der untergehenden Sonne, blinzelte und drehte sich wieder zu ihr um. »Phian, was …?«
»Da hinten ist gerade ein weißes Licht aufgeleuchtet! Es war ganz nah am Horizont. Genau zwischen den beiden Hügeln dort.« Beharrlich zeigte sie in die Richtung und Farin folgte abermals ihrem ausgestreckten Arm.
Er kniff die Augen zusammen und konzentrierte sich auf die Stelle. »Ich kann nichts entdecken.« Mit angezogenen Schultern richtete er sich zurück an sie. »Möglich, dass sich die untergegangene Sonne in etwas gespiegelt hat.«
»Was soll sich denn dort draußen spiegeln!?«
Farin zuckte erneut die Achseln. »Ich denke, wir sollten zurückgehen.«
Fern einer Regung, blieb Phian sitzen. Den Blick starr auf die sandigen Buckel gerichtet, die in der Nacht verschwanden.
»Phian, du bist angespannt wegen morgen. Da können einem die Sinne auch schon mal einen Streich spielen.«
Sie seufzte. Vermutlich hatte er recht. Sie war heute wirklich nervös.
»Sollen wir uns morgen nach deiner Beurteilung treffen?« Farin wartete vor dem Sockel auf Phian, die die letzten Sprossen hinabstieg. »Ich könnte dir das Freizeitzentrum in der Dritten zeigen.«
»In der dritten Kuppel?«, hakte Phian nach, als sie wieder festen Boden unter den Füßen spürte. »Ich weiß nicht.« Sie hob ihren Mantel auf und zog ihn über. Dabei blickte sie nachdenklich auf ihre Hände, während sie an den Knöpfen nestelte.
»Wenn es dir zu riskant ist …«
»Nein, ich …« Phian hob den Kopf. »Ich habe nur so Angst vor meiner Beurteilung.«
»Und deswegen musst du auf andere Gedanken kommen.«
Phian ließ die Schultern sinken.
»Lass uns morgens treffen. Dann bist du auch rechtzeitig zurück.«
Auch wenn Phian vage Zweifel hatte, ob sie der Residenz bei Tageslicht ebenso leicht entfliehen könnte, konnte sie nicht leugnen, dass sie sich trotz der Gefahren nur auf ihren Ausflügen lebendig fühlte. Außerdem hatte sie noch nie eines dieser Einkaufszentren gesehen. »Also gut. Ich werde es versuchen.«
Ein breites Lächeln zog sich über Farins Mund.
Phian schnaubte. »Vielleicht melde ich mich aber auch vorher freiwillig für die Ordnungswacht.«
Farin kniff ihr sanft in die Schulter. »Wag das bloß nicht, hörst du?«
Phian grinste. Sie hatte es zwar zum Spaß gesagt, doch ein Teil in ihr dachte mit einem Mal ernsthaft darüber nach. »Nun, du weißt, dass ich dann nicht zu diesen Tests müsste. Das ist der einzige Sektor, der keine verlangt.«
»Aber dann würdest du auch deine wahren Talente ignorieren. Außerdem würde es dein Vater niemals erlauben.«
Phian senkte den Blick.
»Phian, du brauchst keine Angst vor diesen Tests zu haben.« Er legte einen Arm um ihre Schulter. »Diese Tests sind nicht schwer.«
»Woher willst du das wissen? Du hast deine eigene Beurteilung ja auch noch nicht gehabt.«
»Mach dir nur nicht zu viele Sorgen, will ich damit sagen.«
Sie wich seinem eindringlichen Blick aus. Sie hatte genug von diesem Thema. »Passt dir sieben Uhr?«
Farin runzelte die Stirn. »Klar.«
»Um sieben Uhr also. An der Kreuzung zum Park.« Sie wandte sich zum Gehen um.
Farin setzte an, noch etwas zu sagen, schüttelte dann resigniert den Kopf und folgte ihr.
Schweigend liefen sie zurück, bis sich ihre Wege vor der Gasse zum Gemeinschaftspark trennten. Mit dem Versprechen, morgen früh an dieser Stelle nach ihm Ausschau zu halten, verabschiedete sich Phian. »Morgen früh, sieben Uhr.«
»Sieben Uhr«, bestätigte Farin mit einem Nicken.
Ohne sich noch einmal zu ihm umzudrehen, lief Phian auf die Brücke zu und blieb um die Ecke stehen. Sie hatte keine Ahnung, wie viel Uhr sie hatten. Aber sie war sicher, dass sich ihr nicht der Zufall bot und die Wache gerade zum Schichtwechsel war.
Sie spähte um die Mauer, konnte aber erst niemanden entdecken. Doch sie hörte jemanden summen. Sie wagte einen tieferen Blick. Mit einem Lied durch den geschlossenen Mund singend erleichterte sich der Wachmann in einem Busch. Sie spürte eine Art der Befriedigung in sich ausbreiten und mit leisen Schritten huschte sie an dem Mann vorbei.
Keuchend vor Anstrengung überwand sie kurze Zeit später die Steinwand, hinter der sich der Innenhof befand. Von hier waren es nur noch wenige Schritte. Erleichtert wandte sie sich ihrem Zimmer zu, um dann doch mit einem gewaltigen Schreck hinter einen Strauch zu springen.
Starr blickte sie zwischen den Blättern zu ihrem Fenster, unter dem ein schlaksiger Wachmann stand. Die Uniform bis zu seiner Brust geöffnet und die Mütze schräg auf den roten Schopf gesetzt, schaute er sich ausdruckslos zu allen Seiten um und trank aus einer Flasche mit einer hellbraunen Flüssigkeit. Jedes Mal, wenn er einen Schluck davon nahm, verzog er das Gesicht zu einer Grimasse. Dennoch hörte er nicht auf, dieses Zeug in sich hineinzukippen.
Mist!
Sie konnte auf keinen Fall den gleichen Weg zurücknehmen.
Schweiß rann ihr die Stirn herunter und sie überlegte, an ihm vorbei, hinter das Haus zu rennen. Dort könnte sie über den Balkon hineingelangen. Dieser gehörte zwar zum Büro ihres Vaters und wurde, wie die meisten Türen innerhalb der Mauern, nie verriegelt. Da es nun aber schon so spät war, konnte sie sicher sein, dass es leer war.
Leise schob sie sich zwischen den Ästen heraus, als plötzlich ein Mädchen, kaum älter als Phian selbst, mit langem, braunem Haar hinter dem Pavillon auftauchte und auf den Wachen zutrat.
Der Wachmann grinste und ohne ein Wort der Begrüßung umschlang sie ihn mit ihren Armen und küsste ihn innig.
Seufzend schaute Phian zu ihrem Zimmer hinauf. Ihr blieb nichts anderes übrig. Sie musste es in den Hinterhof schaffen. Ihr Blick schweifte zum küssenden Paar. Mit der freien Hand auf der Hüfte des Mädchens zog der Wachmann es näher zu sich heran. Sie bezweifelte, dass sie jetzt noch irgendetwas um sich herum mitbekamen. Geduckt huschte sie also an ihnen vorbei und blickte über die Schulter. Das Mädchen stöhnte, als der Wachmann nun beide Arme um sie schlang. Phian drehte sich weg und rannte los. Von Gebüsch zu Gebüsch bewegte sie sich vorwärts, um die Außenleuchten und Kameras des Hinterhofs herum und auf die Rosensträucher unter dem Balkon zu. Erleichtert zog sie sich wenige Schritte später auf die erste Strebe des Rankgitters. Da ertönte ganz in der Nähe ein dumpfes Poltern.
Sie hielt die Luft an und lauschte derben Tritten, die sich ihr vom Balkon näherten.
Ihr Vater konnte es nicht sein. Der arbeitete nie länger als bis acht Uhr abends. Doch schon bald kroch ihr der süße Qualm seiner elektrischen Pfeife in die Nase. Sie rümpfte diese und schaute hinauf.
Ihr Herz setzte augenblicklich einen Schlag aus.
Der massige Mann befand sich direkt über ihr und blickte nach vorne in den Garten. Langsam, um kein verräterisches Rascheln zu verursachen, schlängelte Phian sich zwischen die Zweige der rankenden Sträucher.
»Sie sollten sich das nochmal durch den Kopf gehen lassen, Zenko.« Eine tiefe Stimme erklang von weiter rechts. Phian überlegte, woher sie ihr bekannt vorkam, als ihr ein erneuter Schwall süßlichen Qualms in die Nase stieg. »Ich weiß, wie viel Ihnen das Projekt bedeutet, jedoch zeigt sich immer noch keinerlei Entwicklung und die Experten sind der Meinung, dass dies auch nicht mehr geschehen wird. Es wird Zeit, dass wir unsere gesamte Energie auf die anderen Konzepte richten.«
»Sie verstehen anscheinend nicht, wie wichtig mir der Erfolg dieser Operation ist. Schließlich ist sie mein eigen Fleisch und Blut«, antwortete ihr Vater und ein langes Schweigen folgte.
Phians Kehle schnürte sich schlagartig zu.
»Natürlich verstehe ich Sie. Aber die Repräsentanten erwarten Ergebnisse«, setzte der andere fort, dessen Stimme mit einem Mal zittrig klang.
»Wir Menschen stehen an einem Scheideweg, Hendson«, blaffte ihr Vater und Phian erinnerte sich an das feiste Gesicht des obersten Mitglieds des Kabinetts, genau wie an seine kriecherische Rolle an der Seite ihres Vaters. »Seit Jahrhunderten stagniert unsere Entwicklung.«
»Das muss aber nicht gleich zum Problem werden.«
»Schwäche und Krankheit hat uns befallen, Hendson! Wir können nur stärker werden, wenn wir uns weiterentwickeln. Das wissen Sie ebenso gut wie ich. Die Natur mit ihren fast unüberwindbaren Aufgaben hat uns wachsen lassen, bis unsere Technologien und medizinischen Errungenschaften alle Unannehmlichkeiten aus der Welt geschafft haben. Nun müssen wir unsere Evolution künstlich hervorrufen. Doch selbst das gelingt uns nicht einmal.«
»Nun, das kommt auf die Sichtweise an«, wandte Hendson deutlich vorsichtiger ein.
»Blödsinn!«, blaffte ihr Vater zurück und Phian zuckte zusammen. Sie kannte diesen Ton an ihm. Das war der Ton, der ausdrückte, dass er nicht mehr mit sich diskutieren ließ.
Auch Hendson schien diesen Tonfall zu kennen, denn er widersprach nicht mehr.
»Es gibt da nur eine einzige Sichtweise und das ist die, vor der ich nicht mehr die Augen verschließen werde!«, fuhr ihr Vater aufbrausend fort.
»Es tut mir leid, ich hatte nicht sagen wollen, dass …«
»Ja-ja, natürlich wollten Sie das nicht!« Es folgte eine lange Pause, in der ihr Vater an seiner Pfeife zog, denn abermals kitzelte Phian der süße Geruch. »Zu allem Übel ist da noch die Sache mit Arawn. An ihm hing unsere gesamte Hoffnung.« Seine Stimme verklang zu einem Flüstern. »Ausgerechnet er wandte sich gegen uns. Das ist für mich immer noch unbegreiflich.«
»Immerhin kann er uns nicht mehr gefährlich werden.«
»Ach, was in den Nachrichten berichtet wird, ist Quatsch«, entgegnete ihm ihr Vater.
»D-Das kann nicht sein.«
»Hendson, Sie wissen genau wie ich, dass Arawn nicht wie ein gewöhnlicher Mensch bezwungen werden kann.« Mit einem schweren Schritt nährte ihr Vater sich der Reling und Phian sah, wie sich seine Finger um das Eisen schlossen. Er hätte nur noch hinabblicken müssen, um seine Tochter im Gebüsch kauern zu sehen. »Ich bezweifle sogar, dass er jemals besiegt werden kann. Dafür haben wir schließlich selbst gesorgt.« Er atmete schwer aus. »Meine Tochter hätte die Lösung für unser Problem sein sollen. Wenn sich bei ihr nur endlich …« Er führte den Gedanken nicht aus und obwohl es nicht kalt war, lief Phian ein Schauer über den Rücken.
»Bedenken Sie, dass wir eine besondere Wehrmacht haben, die wir nutzen können.« Hendsons Stimme wurde stetig dünner.
Gewichtige Schritte, die nun wieder zurückgingen, klangen vom Balkon. »Doch nicht, ohne dass die Repräsentanten misstrauisch werden.«
»Das stimmt, nur wenn man uns in die Ecke drängt …?«, warf Hendson beschwichtigend ein.
»Ich weiß, worauf Sie hinauswollen. Nicht mehr lange und wir werden sie in unsere Pläne einweihen müssen. Dann wird sich auch zeigen, wer wirklich auf meiner Seite steht. Doch noch will ich abwarten. Es ist viel schwerer, sie zu kontrollieren, wenn sie erst einmal die Wahrheit kennen.«
Hendson seufzte. »Gut, lassen wir das. Um noch mal auf das vorherige Thema zurückzukommen. Kann ich Ihnen die Unterlagen hierlassen, damit Sie die andere Maßnahme zumindest in Erwägung ziehen?«
Ihr Vater brummte. »Legen Sie sie mir einfach auf den Schreibtisch. Ich werde sie heute sowieso nicht mehr durchlesen. Es ist schon spät. Kommen Sie, ich begleite Sie zur Tür.«
Die Schritte wurden leiser und die Luft wurde wieder frei. Dennoch rührte Phian sich nicht von der Stelle.
›Meine Tochter hätte die Lösung dieses Problems sein sollen‹, hallte es in ihrem Kopf wider.
Was hat er nur damit gemeint?
Und Arawn ist nicht tot?
Den Kopf umnebelt von verworrenen Gedanken schreckte Phian am Frühstückstisch auf, als die archaische Standuhr zu sieben Uhr schlug. Mit ihren penetranten Schlägen erinnerte sie Phian daran, dass sie für diese Zeit eine Verabredung hatte. Abwesend blickte sie zu den Zeigern. Doch ihr Ausflug war nicht mehr wichtig. Zu laut hallten die Worte ihres Vaters in ihrem Kopf nach.
Sie wandte sich ihrem Vater zu, der seine Kaffeesoda schlürfte. Dabei rang sie mit sich selbst, ihn nach der Bedeutung seiner Unterredung zu fragen. Doch wie sollte sie ihm erklären, woher sie diese kannte, ohne ihren Aufenthalt außerhalb der Residenz und somit sich selbst zu verraten?
›Meine Tochter hätte die Lösung dieses Problems sein sollen.‹
Sie schüttelte unmerklich den Kopf. Die Frage brannte zu sehr und sie entschied, dass sie es darauf ankommen lassen musste.
Sie öffnete ihren Mund, doch ihr Vater kam ihr zuvor.
»Heute findet deine Beurteilung statt.« Seine Augen wanderten von dem Tageblatt auf seinem Propad, einem gläsernen Tablett, zu ihr rüber.
»Ja«, antwortete sie knapp.
»Ich möchte, dass du dein Bestes gibst.« Er legte seine Hand auf die ihre und lächelte ihr ermutigend zu.
»Das werde ich.« Sie schluckte und schaute auf die schwere Hand, die ihre Finger umschlossen.
»Hör zu, ich weiß, dass du dir Sorgen machst. Du hättest die Tests auch schon längst hinter dir. Doch mir blieb keine andere Wahl, als es für dich zu verschieben.« Er holte tief Luft. »Du bist schließlich meine Tochter und ich habe gespürt, dass du noch nicht bereit warst. Aber noch länger kann ich es für dich nicht hinauszögern. Das verstehst du doch?«
Phian hob den Kopf und nickte.
»Wenn du das geschafft hast, wartet eine ganz besondere Aufgabe auf dich«, fügte er dann mit einem Leuchten in seinen Augen hinzu.
»Eine besondere Aufgabe?«, wiederholte Phian und für einen flüchtigen Moment herrschte eine unbehagliche Stille zwischen den beiden.
»Natürlich, du bist schließlich meine Tochter!«
Verwirrung zeichnete sich auf Phians Gesicht ab. »Aber wird meine Aufgabe denn nicht von meiner Beurteilung bestimmt?«
Er zog seine Hand zurück. »Hak nicht weiter nach, Phian. Konzentriere dich nur auf deine Tests.«
Ehe Phian dem etwas erwidern konnte, stand ihr Vater auf. »Du wirst alle Antworten bekommen. Aber erst nach deiner Beurteilung«, erklärte er und sah auf seine Armbanduhr.
»Ich weiß, die Arbeit ruft«, murrte Phian und wandte sich von ihm ab. Die Beziehung zu ihrem Vater war noch nie einfach gewesen. Als Präsident einer Stadt dieser Größe hatte er so viele Verpflichtungen, dass er kaum Zeit für sein einziges Kind hatte. Nachdem ihre Mutter gestorben war, ist es sogar weit schwieriger geworden. Die Hausangestellten und Kindermädchen wurden zu ihrem Familienersatz. Und die Bindung zu ihrem Vater wurde stetig brüchiger. Selbstverständlich liebte sie ihn, doch das änderte nichts an der Distanz zwischen ihnen beiden.
»Ich werde dieses Gespräch nicht noch einmal mit dir führen, Phian.« Zenkos harscher Ton jagte Phian einen Schauer durch die Glieder.
»Es tut mir leid.« Sie senkte den Blick.
»Ich weiß, Phian. Wir sehen uns nach deiner Beurteilung. Dann können wir reden.«
Phian nickte und ohne weitere Worte verließ ihr Vater hallenden Schrittes den Raum. Gleichzeitig nahm er auch die vermutlich wichtigste Antwort mit, nach der Phian sich zuvor nicht getraut hatte zu fragen.
Eines der Dienstmädchen kam zu ihr. »Noch etwas Tee, Liebes?« Sie griff nach der Kanne, die in der Mitte des Tisches stand.
»Nein, danke«, murmelte Phian, nahm rasch den letzten Schluck aus ihrer Tasse und eilte hinaus.
Auf dem Weg in ihr Zimmer blickte sie auf die Uhr. Sie war bereits eine halbe Stunde zu spät. Farin würde nicht ohne sie gehen, dessen war sie sich sicher. Dennoch wollte sie ihn nicht zu lange warten lassen.
Kurz Zeit später schloss Phian die Tür hastig hinter sich, legte ihren weißen Mantel mit dem goldenen Emblem Panteonas an dessen Ärmel ab und steuerte auf ihren Kleiderschrank zu, wo sie den Überwurf eines Dienstmädchens unter ihren Unterröcken hervorzog.
Wieder stieg sie über ihr Fenster nach draußen.
Bei Tageslicht war es zwar, wie sie erwartet hatte, schwerer, unentdeckt durch den Innenhof zu gelangen. Doch sobald sie im Gemeinschaftspark war, konnte sie sich mit dem blauen Kapuzenmantel ohne Schwierigkeiten unter die Menschen mischen, die auf dem Weg zu ihrer Arbeit waren.
»Phianola!«
Phian schreckte hoch. Es war Farin, der auf der anderen Straßenseite stand. »Beeil dich. Wir sind schon spät dran.«
Mit ihren grünen Augen funkelte sie ihn zornig an und trat auf ihn zu. »Wehe, du nennst mich noch einmal so.«
»Ok, Phiiiaaan.« Mit einem Grinsen zog er die Kurzform ihres Namens in die Länge.
Am liebsten hätte sie ihm dafür einen Hieb verpasst, aber sie wollte erwachsener wirken, als er es war. Also schnalzte sie mit der Zunge und drehte sich von ihm weg.
Farin lachte auf, was Phian das Gefühl gab, dass ihr Verhalten doch kindisch war. »Wollen wir los?«, fragte sie schnippisch.
»Ja, komm. Wir müssen zur Haltestelle.« Er wandte sich nach rechts zur Hauptstraße, auf der sich der Verkehr staute.
»Farin, warte!« Sie hielt ihn zurück. »Zur Haltestelle? Das heißt, wir fahren mit der Bahn?«
»Natürlich. Hast du etwa gedacht, wir gehen zu Fuß?«
»Ja … nein … aber wenn ich meine Kennkarte nutze, wird mein Vater sofort wissen, dass ich hier war.«
»Entspann dich.« Er holte eine Kennkarte aus seiner Tasche, auf dem eine Frau mittleren Alters mit dunkelblonden Haaren abgebildet war. »Von meiner Mutter. Sie braucht sie heute sowieso nicht.« Er reichte ihr die Karte und Phian betrachtete das winzige Abbild genauer. Das Lächeln der Frau schien ihr einen Vorwurf zu machen, dass sie ihren Ausweis nutzte, um gegen die Regeln zu verstoßen.
»Steck sie gut ein. Sie bringt mich um, wenn ich sie verliere.«
Phian verstaute die Karte in ihrer Manteltasche. »Ich hoffe, es geht alles gut.«
»Was soll denn schon schief gehen?« Farin zuckte mit den Schultern und ging los.
Phian sah sich noch einmal zur Residenz um und folgte ihm schließlich.
Eine Brise wehte ihnen von den Ventilatoren entgegen und Phian atmete tief ein. Obwohl sie Farin vertraute, konnte sie ihr Herzklopfen vor Spannung auf das, was sie erwartete, aber auch vor Sorge, dass sie erwischt werden könnte, nicht beruhigen. Und dann waren da noch die Worte ihres Vaters. Sie musste mit jemandem darüber reden.
»Farin, ich muss dir etwas erzählen«, begann sie und ihr Freund sah sich zu ihr um. Doch ehe sie weitersprechen konnte, hielt ihr Freund sie mit einer Hand zurück.
»Was ist los?« Nervös sah sie sich zu allen Seiten um.
»Dir hängt eine Strähne heraus.«
»Oh!« Sie hob ihre Hände, doch Farin war schneller. Vorsichtig steckte er ihr silbrigblondes Haar hinter das Ohr und zog die Kapuze tiefer in ihr Gesicht. Jemand drängte sich dabei an ihnen vorbei und knurrte etwas Unverständliches.
»Danke.« Sie lächelte und richtete ihre Kapuze gerade, damit sie wieder mehr sehen konnte. Zum Glück wusste niemand, wie die Tochter des Präsidenten aussah. Trotzdem war einmal durchgesickert, dass sie hellblondes Haar hatte, dass ungewöhnlich silbrig glänzte.
»Ist doch klar«, erwiderte Farin und wandte sich wieder nach vorne, als Phian dieses Mal ihn aufhielt.
»Was ist?«, stieß jetzt er überrascht hervor.
»Farin ich muss dir unbedingt etwas erzählen.« Weitere Panteoner schoben sich murrend an ihnen vorbei und Phian trat näher an Farin heran. »Es ist wichtig. Ich habe gestern etwas mitbekommen, dass ich hätte gar nicht hören sollen. Und nun geht es mir nicht mehr aus dem Kopf. Aber schlimmer ist, dass ich es nicht einmal verstehe.« Sie schluckte. »Mein Vater …«
»Immer diese jungen Leute!«, schimpfte ein Passant in dem Moment, lief um sie herum und hetzte zur nächsten Bahn.
Farin schürzte die Lippen und drehte sich zum Gehen um. »Im Zentrum kenne ich ein Fleckchen, wo wir ungestört reden können.«
Phian nickte und setzte den Weg mit ihm fort.
In der unterirdischen Station reihten sie sich in die Massen von Panteonern ein, als eine stählerne Hochschwebebahn summend vor ihnen zum Stehen kam. Geräuschlos glitten die Türen auf und Farin hielt seine Kennkarte an den Scanner der Bahn. Phian tat ihm mit der Kennkarte seiner Mutter gleich und stieg hinter ihm in das sich füllende Abteil ein.
Zusammengedrängt blieben sie am Fenster stehen, als die führerlose Bahn sich langsam wieder in Bewegung setzte. Phian packte nach der Halterung vor ihr und schaute gespannt hinaus. Immer schneller schossen die Tunnellichter an ihr vorbei. Ihr Magen rebellierte. Scheinbar von der ungewohnten Bewegung des Bodens.
›Alles in Ordnung?‹, formte Farin mit dem Mund.
Phian nickte und zwang sich zu einem Lächeln, als die Sonne sie im nächsten Moment blendete. Sie blinzelte und erkannte, dass sie den Tunnel hinter sich ließen. Mit aufgerissenen Augen blickte sie in die Ferne. Hochhäuser, Stahlgerüste, Autobahnbrücken und Parks rasten an ihr in einer bunten Mischung aus Farben vorbei. Sie kniff die Augen zusammen, versuchte, mehr zu erkennen, und da erfasste sie auf der gläsernen Fassade eines Hochhauses das Abbild einer menschlichen Gestalt mit Flügeln – die Schwingen von einer unsichtbaren Kugel zusammengehalten. In roter Farbe prangte es an der Außenwand und rief in Phian die Erinnerung an die Rebellen des gestrigen Abends zurück.
Eine quälende Unruhe überkam sie und erneut zerstoben die Worte ihres Vaters jeden anderen Gedanken. Ihr Blick huschte zu Farin, der gedankenverloren aus dem Fenster sah. Sie biss auf ihre Unterlippe.
Später, ermahnte sie sich und schaute wieder hinaus, als sie gerade den Verbindungstunnel zur nächsten Kuppel erreichten.
Sie seufzte. Durch das Panzerglas der Tunnelwand erblickte sie die Welt vor Panteona. Eine endlose Wüste, an die das graue Meer grenzte und dessen Wasser sich in hohen Wellen in den ehemaligen Panamakanal ergoss. Eine trostlose Außenwelt.
Phian senkte den Blick. Von ihrer Mutter wusste sie, dass die Welt nicht immer so war, wie sie sich ihr jetzt darbot. Als die Erde vor etwa eintausenddreihundert Jahren noch vollständig vom Menschen besiedelt war, speiste Süßwasser einen Wald, der Heimat von Papageien, Gorillas und Faultieren. In den Geschichten ihrer Mutter kamen zudem schneeweiße Bären vor, die oben im eiskalten Norden gelebt haben sollen. Sie hatte Phian auch von gigantischen Schiffen und Flugzeugen erzählt, mit denen man die Welt umrunden konnte. Die Vorstellung der Freiheit, überall hingehen zu können, wohin man wollte, hatte Phian besonders gefallen. Sie konnte den Geschichten ihrer Mutter stundenlang zuhören. Ihre Mutter selbst hatte diese Geschichten schon von ihrer Mutter erzählt bekommen und diese von ihrem Großvater. So wurden die Erinnerungen an die längst vergangene Zeit von einer Generation an die nächste weitergegeben.
›Damit wir nie vergessen, woher wir kommen und niemals den gleichen Fehler noch einmal begehen‹, hatte ihre Mutter immer wieder betont.
Phian schloss ihre Augen und stellte sich vor, wie dieser Wald mit all seinen Tieren ausgesehen haben muss – der Geruch der Pflanzen und das Kitzeln von Insekten auf ihrer Haut. Da hörte sie plötzlich jemanden ihren Namen flüstern und ein Schauer durchfuhr sie.
Sie riss ihre Augenlider auf und sah hastig zu Farin. Mit verträumtem Blick sah er aus dem Fenster.
Phian schluckte, als sich jedoch hinter ihm jemand regte und zwischen den anderen Reisenden tiefschwarze Augen zum Vorschein kamen, die sie unverhohlen anstarrten.
Hektisch flackerte ihr Blick wieder zu ihrem Freund, der sich in dem Moment zu ihr wandte und lächelte. Sie erwiderte sein Lächeln zögerlich und sah zurück zu dem Mann. Doch er war verschwunden. Sie nahm einen tiefen Atemzug und drehte sich zum Fenster um. Vergebens versuchte sie, die starren Augen des Mannes zu ignorieren, die sie noch immer deutlich auf sich spüren konnte.
»Wir sind gleich da«, sagte Farin und strahlte sie an.
Phian atmete auf, sah der Erlösung entgegen, dieser unheimlichen Situation zu entkommen. Da erschien ein Hologramm mit einer hochgewachsenen Frau an allen Fenstern.
»Geehrte Panteoner, wenn Sie sich eine schnelle und einfache Sterilisation wünschen, dann kommen Sie doch zu Doktor Ellan Foe im hundertsiebzigsten Stock des Somiagebäudes der fünften Kuppel. Wir freuen uns auf Sie.« Ein leises Grollen rauschte durch die Abteilung der Hochschwebebahn. Doch niemand wagte es seine Stimme lauter zu erheben als zu einem Flüstern. Phian schaute hinauf zu den Kameras.
›Vertrauen ist niemals gut, nur die Kontrolle fruchtet‹, betont ihr Vater ständig.
Phian begann von einem Fuß auf den anderen zu treten.
»An der nächsten Haltestelle steigen wir aus.« Farin streckte sich und sah über die Köpfe der anderen nach vorn zur Tür, als die Bahn ihre Geschwindigkeit drosselte und langsam in eine unterirdische Station steuerte.
FREIZEITZENTRUM/DRITTE KUPPEL las Phian über der Haltestelle und ihr Magen machte einen Satz.
»Bleib in meiner Nähe.« Farin griff nach ihrer Hand und die Bahn kam zum Stehen. Phian nickte, auch wenn sie nicht verstand, warum er sie darauf hinwies.
Da glitten die gläsernen Schiebetüren auf und sie wurde in die überfüllte Station gedrängt. Ihre Finger entglitten Farins Hand. Sie versuchte, erneut nach ihnen zu greifen, doch ein Insasse nach dem anderen drückte sich an ihr vorbei und schob sie dabei immer weiter fort.
»Farin!«, rief sie, als ein stämmiger Mann sie mit seiner Schulter grob wegstieß. »Pass doch auf!«, schimpfte er und lief weiter.
Panisch huschten Phians Augen durch die graue Masse an Panteonern, die sie umzingelte. Da sie immer nur nachts draußen gewesen war, hatte sie noch nie so viele Menschen an einem Ort erlebt. Und so griff mit einem Mal ein Gefühl, in diesem Getümmel zu ersticken, nach ihrem Hals und drückte zu.
Da packte jemand Phians Handgelenk und zog sie zu sich.
»Was hatte ich gesagt?«, fragte Farin mit einem erleichterten Lächeln, das sofort von seinen Lippen schwand, als er Phians Ausdruck sah. »Hey, es ist alles gut.« Er legte den Arm um sie.
Phian wischte sich den Schweiß von ihren Händen und blickte um sich. »Wo wollen die denn alle hin?«
»Zur Arbeit oder wie wir auf die Plateaus der Dächer.« Farin zuckte die Achseln. »Komm, dort oben wird es dir besser gefallen.« Mit einer Hand an ihrem Rücken schob er sie vor sich die Treppe hinauf, auf der sich das Gewimmel allmählich lichtete. Oben erblickte Phian bereits eine Parkanlage, die an die Station grenzte. Sie hielt den Atem an, während sich ihr Blick weiter hob. Über den künstlichen Wipfeln der Pappeln und Tannen zog sich eine mehrspurige Straße hinweg. Sie hatte diese gewaltigen Straßenbrücken noch nie aus ihrer Nähe betrachtet. Sprachlos schaute sie zu Farin, als ein Krankenwagen lautstark über ihnen hinwegfuhr.
»Wenn dich das schon umhaut, dann warte erstmal das Freizeitzentrum da oben ab.« Er deutete zum Panamagebäude.
Wie die meisten Bauten in der Stadt war auch dieses komplett aus Glas und Stahl. Phian folgte mit den Augen die Fassade hinauf. Auf halber Höhe flackerte eine Werbeprojektion, die sie noch klar erkennen konnte, doch bei dem Versuch, die Spitze des Gebäudes zu erfassen, wurde ihr schwindelig.
Hastig senkte sie den Blick und schaute zum Eingang, der sich über das gesamte Erdgeschoss erstreckte.
Hinter den gläsernen Toren war das Gebäude weit eindrucksvoller, als sie es aus den Filmen und Nachrichten kannte.
Überall waren künstlich begrünte Flächen, unzählige Springbrunnen und weiße Parkbänke, die zum Verweilen einluden. Noch imposanter waren aber die milchig verglasten Böden, durch die sie in den Etagen unter ihr wie auch über ihr die Passanten sehen konnte, die ihren Einkäufen nachgingen.
Farins Augen leuchteten, als er Phians staunenden Blick sah. »Warte, es wird noch besser.« Er lotste sie zu einem der Aufzüge, deren Schächte sich entlang der transparenten Außenfassade befanden.
Einladend öffneten sich die Türen, sobald sie vor ihm zum Stehen kamen. Trotz der beachtlichen Größe wurde es schnell beengend, als den beiden etwa dreißig Panteoner hineinfolgten.
Phian sah sich in den fremden Gesichtern um, als sie erneut das Gefühl überkam, beobachtet zu werden.
Nervös schaute sie hinter sich und blickte in das faltige Gesicht einer Frau, die mit bitterem Ausdruck zurück starrte.
Phian zog ihre Kapuze tiefer über die Augen und sah wieder nach vorne.
Im obersten Stockwerk des Gebäudes – achthundert Meter über der Erdoberfläche – blieb der Aufzug schließlich stehen und öffnete seine Türen. Farins Versprechen wurde Wirklichkeit.
Umzäunt von einem zehn Meter hohen Glaszaun hatte man einen kolossalen Park mit künstlichen Pappeln, Rosensträuchern, Brunnen, mehreren Cafeterien und Restaurants sowie einem Vergnügungspark mit Fahrgeschäften, Schaubuden und Spielplätzen errichtet. Auch eine Leinwand, auf der soeben ein Spielfilm gezeigt wurde, fehlte nicht.
Überwältigt von den Attraktionen folgte Phian ihrem Freund, der rasch aus dem Fahrstuhl drängte und den Hauptweg mit seinen Leuchtreklamen ansteuerte.
Doch sie kam keine zwei Schritte weit, ehe sich ihr etwas Hartes in ihren Rücken bohrte.
Sie stöhnte auf und wollte nach vorne ausweichen, da hielt sie jemand an ihrem Oberarm zurück. »Begib dich direkt zu dem Lokal rechts von dir oder du kannst deinem Freund ›Lebe wohl‹ sagen«, zischte ihr eine heisere Stimme ins Ohr und ließ ihren Arm wieder los.
Phian blieb starr vor Schreck stehen.
»Hast du verstanden, was ich gesagt habe?«, wollte die Stimme daraufhin wissen.
Phian nickte widerwillig.
»Dann beweg dich!«, fauchte der Fremde und drückte das Ding in ihrem Rücken so fest hinein, dass sie einen Aufschrei unterdrücken musste. Augenblicklich begriff sie, dass es sich bei dem Gegenstand um den Lauf einer Waffe handeln musste.
Sie presste die Lippen aufeinander und zwängte sich weiter durch die Menge. Ihre Augen huschten dabei von links nach rechts, auf der Suche nach Farin.
»Komm bloß nicht auf dumme Ideen.« Der fremde Mann fuhr mit dem Lauf ihren Rücken hoch. »Du willst doch nicht, dass jemand verletzt wird, oder?«
Phian schüttelte heftig den Kopf und da entdeckte sie ihren Freund.
Er war nur wenige Meter vor ihr stehen geblieben. Sein Lächeln wich einem verwirrten Ausdruck, als er sie zwischen den Passanten erblickte.
»Na los, nach rechts!« Die Stimme hinter ihr wurde schärfer.
Phians Rücken begann zu brennen und sie drehte sich in Richtung des Lokals.
»Hey, wo willst du hin?«, rief Farin und schob sich zu ihr vor.
Phian blickte vorsichtig über ihre Schulter. Doch der fremde Mann zog die Kapuze tiefer vor sein Gesicht und wich zwei Schritte zurück.
»Hast du plötzlich andere Pläne?« Mit einem fragenden Gesichtsausdruck blieb Farin vor ihr stehen.
Phian schluckte. Wie sollte sie ihm begreiflich machen, dass sie in Gefahr war, ohne dass der Fremde es bemerkte?
»Was ist los?« Farin zog seine Augenbrauen höher.
»Farin …« Sie griff nach seiner Hand und sofort schloss der unbekannte Mann zu ihnen auf.
Farins Augen verengten sich und blieben an dem Unbekannten hängen.
Phian blickte zurück und beobachtete, wie der Fremde ein Mini-Propad hervorholte und es sich ans Ohr hielt. »Wo bleibst du!?«, schrie er hinein.
Farin nahm Phian sachte zur Seite. Phian sah, wie der Fremde zuckte, sich aber nicht weiter rührte. Doch der Lauf seiner Waffe beulte seine Innentasche aus. In diesem Augenblick schoss ihr das Bild von Farin durch den Kopf, der von mehreren Kugeln durchbohrt vor ihr lag. Die Vorstellung trocknete ihr die Kehle aus und sie blieb abrupt stehen.
»Phian, was ist los?« Frust schwang dezent in Farins Stimme mit.
»Ähm …« Sie sah nochmals über ihre Schulter und entdeckte neben dem Fremden zwei Torbögen, die zu den Toilettenräumen wiesen. »… ich muss sofort auf die Toilette.«
Farin deute mit dem Daumen hinter sich. »Du hast auch auf der anderen Seite die Möglichkeit dazu.«
»Ich kann aber nicht länger warten«, antwortete sie in einem, wie sie hoffte, frechen Ton. Doch ihre Stimme zitterte und das schien ihrem Freund nicht entgangen zu sein.
Sie musste jetzt schnell reagieren. »Das verstehst du nicht, weil du keine Frau bist«, warf sie mit einem kurzen Auflachen ein. »Warte einfach hier auf mich.« Mit diesen Worten und ohne eine Reaktion von ihm abzuwarten, drehte sie sich hastig um und ging in Richtung der Toilettenräume, in deren direkter Nähe sich auch die Tür zu dem Restaurant befand.
Der Fremde kam ihr augenblicklich nach und sie drehte sich noch einmal nach Farin um. Mit einem ungläubigen Ausdruck stand er da, schüttelte dann den Kopf und ging zu einer Parkbank. Erleichtert, dass er ihr nicht folgte, blickte sie wieder nach vorne.
Er ist in Sicherheit und das ist die Hauptsache.
»Los, weiter!«, fauchte der Mann.
Phian gehorchte und trat in einem Bogen an den Toiletten vorbei auf das Lokal zu.
Ein schlaksiger Mann mit grüner Schürze über seiner grauen Einheitskleidung stand davor und begrüßte die beiden. »Herzlich willkommen beim wilden Panteoner!« Flink drückte er Phian eine Plastikkarte mit Abbildern exotischer Gerichte in die Hand. »Hier gibt es das aromatischste Gemüse der ganzen Stadt. Grün und saftig, angerichtet mit einer süßen Soße und dem würzigsten Haferersatz, den Sie je gegessen haben, und auch je essen werden. Das verspreche ich Ihnen.« Der Fremde hinter ihr schob Phian an, doch der Kellner drückte ihr eine weitere Karte in die Hand. »Und hier sehen Sie, wir bieten auch ein Zehn-Gänge-Menü mit …«
»Die brauchen wir nicht«, brummte der Fremde, entriss Phian die Karten und warf sie dem Mann vor die Füße. »Und jetzt rein da.« Er griff über Phian hinweg und stieß die Tür des Lokals auf. Hilfesuchend schaute Phian zu dem Kellner, während dieser die Karten vom Boden auflas und beleidigt von ihr wegsah. Sie wollte etwas sagen, doch da legte sich die schwere Hand des Fremden auf ihren Nacken und schob sie hinein.
Ein Schwall von verbranntem Kaffee vermengt mit anderen künstlichen Aromen schlug ihr entgegen. Dumpfe Housemusik mischte sich zudem mit dem Kratzen von Besteck auf gläsernen Tellern und den lautstarken Unterhaltungen von Freunden und Kollegen, die zusammen aßen.
Phian sah sich um, doch nicht ein Einziger nahm Notiz von ihr.
»Na los, weiter!«, schnauzte der Fremde und seine Aufforderung ging in dem unerträglichen Stimmengewirr beinahe unter.
Mit einem Schritt Abstand zu ihrem Entführer lief Phian durch den mittleren Gang, vorbei an den vollbesetzten Tischen.
Was würde wohl passieren, wenn sie jetzt laut um Hilfe schreien würde?
Sie schaute sich nach allen Seiten um, da trat der Fremde ganz nah an sie heran.
»Glaub nicht, dass du mir entwischen könntest«, wisperte er ihr ins Ohr und drückte sich so nah an sie heran, dass sie das Heben und Senken seiner Brust an ihrer Schulter spürte. »Wenn es nach mir ginge, wärst du bereits tot.« Er machte eine Pause und auch wenn sie nicht aufsah, wusste sie, dass er sie gerade anfunkelte. »Dieser Situation entkommst du nicht mehr, Prinzessin.«
Phian riss die Augen auf und sah zu dem Mann hoch. Unter der tiefhängenden Kapuze schaute nur sein Mund hervor, der eine einzige verbissene Linie war.
»Ja, ich weiß, wer du bist«, zischte er weiterhin kaum hörbar. »Du wirst den heutigen Tag noch verfluchen, an dem du den Schutz der Residenz verlassen hast.« Seine Lippen formten sich zu einem spitzen Lächeln. »Und wenn du kein Loch in deinem Bauch haben willst, dann hältst du besser dein Maul!« Phian fuhr zusammen, als er plötzlich den versteckten Lauf in ihre Seite drückte. »Und jetzt, beweg dich!« Er packte ihre Schulter und stieß sie vorwärts.
Vorbei an den Gästen, von denen kein Einziger aufblickte, bugsierte Phians Entführer sie zu einer Tür hinter der Bar. Er klopfte mit der Faust und dahinter fiel etwas polternd zu Boden.
Phian hielt den Atem an und dann schwang die Tür auf.
Ein schwerer Mann in einem verschmierten Kittel stand röchelnd vor ihnen. Seine Augen huschten zu Phian, ehe er ihrem Entführer wortlos zunickte. »Los!«, brummte er und trat zur Seite.
Hinter ihm befand sich die Küche des Restaurants. Töpfe und Pfannen pendelten von Haken herab, Stapel von Tellern und Gläsern türmten sich neben einem Waschbecken und Arbeitsbesteck hing wild angeordnet an den Wänden. Emsig bereitete ein zweiter Koch die Speisen zu, während zwei Küchengehilfen die Zutaten herrichteten und die Berge an dreckigem Geschirr spülten.
Der beleibte Koch vor ihnen hustete in seine Hand, auf der eine Tätowierung zum Vorschein kam. Dann winkte er die beiden herbei und stampfte ans andere Ende des Raumes.
Starr auf ihre Aufgaben konzentriert, bemerkten die Küchenmitarbeiter Phian mit dem Fremden nicht einmal, als diese sich an ihnen vorbeizwängten, um dem Koch zu folgen. Vor der Stahltür eines Aufzugs blieb er stehen, holte eine Kennkarte aus der von Schmutz verfärbten Seitentasche seines Kittels hervor und hielt sie vor den Scanner.
Knarrend glitt die Tür auf und der säuerliche Gestank von verfaulten Vorräten stieg Phian in die Nase.
Wie betäubt verharrte sie vor der Tür. Eine düstere Vorahnung überkam sie. Als ob nur noch dieser Aufzug sie davor trennte, für immer von der Bildfläche zu verschwinden.
»Es ist zu spät, sich jetzt noch zu zieren.« Ihr Entführer drückte ihr den Lauf in die Wirbelsäule, bis sie aufstöhnte und nach vorne ausweichen musste. »Na also, geht doch.« Gefolgt vom dicken Koch trat er hinter ihr ein.
Der Koch räusperte sich mehrmals, was mehr wie ein Gurgeln klang, und betätigte den Knopf für das Parkhaus im dritten Untergeschoss. Scheinbar endete der Weg hier noch nicht für sie.
