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Wir schreiben das Jahr 2069. Nice. Leah ist eine Deichslerin, eine hochspezialisierte Söldnerin auf der falschen Seite eines Gesetzes, das keine richtige Seite mehr kennt. Als Pilotin von "Fybar", einem veralteten Kampfläufer, versucht Leah, sich trotz der schwindenden Auftragslage über Wasser zu halten. Dann geht alles schief, und sie ist bereit, für immer mit dem Job abzuschließen. Bis ein einflussreicher und überhaupt nicht verdächtiger Konzerner ihr einen Neuanfang anbietet, wenn sie im Gegenzug für ihn arbeitet. Doch ihren alten Mech wiederzufinden ist nur der erste Schritt zurück in eine Welt, die Leahs Namen längst vergessen hat...
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Seitenzahl: 556
Veröffentlichungsjahr: 2025
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KAPITEL 1
KAPITEL 2
KAPITEL 3
KAPITEL 4
KAPITEL 5
KAPITEL 6
KAPITEL 7
KAPITEL 8
KAPITEL 9
KAPITEL 10
KAPITEL 11
KAPITEL 12
KAPITEL 13
KAPITEL 14
KAPITEL 15
KAPITEL 16
KAPITEL 17
KAPITEL 18
KAPITEL 19
KAPITEL 20
KAPITEL 21
KAPITEL 22
KAPITEL 23
KAPITEL 24
KAPITEL 25
KAPITEL 26
KAPITEL 27
KAPITEL 28
Der ArtiMeat-Eintopf mit Teriyaki-Aroma war die letzte feste Nahrung, die Leah für zehn Jahre zu sich nehmen würde, und sie kam nicht einmal dazu, ihn ganz aufzuessen.
Sie saß, von der hochgeklappten und abgedunkelten Frontscheibe vor der Sommersonne geschützt, im Cockpit ihres leichten Gen2-Mechs Modell Kakushin LCM-32 Slate und blickte auf die Silhouette von Neumuntingen, die sich am smogverschleierten Horizont abzeichnete wie das geometrische Gerippe eines langsam zerfallenden Raumschiffs. Der Sprawl, ein Monstrum aus Luzoplast und Stahlceton, maß ein paar Dutzend Kilometer im Durchmesser und wirkte mit seinen konzentrisch übereinander angeordneten Ebenen, die nach oben hin immer kleiner wurden, wie eine Etagere, die man zusammengestaucht hatte. Das kreisförmige Fundament der Megastadt saß genau über der Mündung der Elbe in die Nordsee, und trotz des Meeresspiegels, der in den letzten Jahrzehnten erheblich gestiegen war, erreichten die beiden jeweils gegenüberliegenden Stadtgrenzen in nördlicher und östlicher Richtung immer noch das Festland. Rundherum entlang des Stadtrandes war der gewaltige Komplex mit gigantischen Krallen aus Metall im Ufer und Flussbett verankert worden, über der Flussmündung schwebend wie eine Zecke, die sich genau in die Hauptschlagader unter der Haut eines lebenden Wesens gegraben hatte. Um die Spitzen der Wolkenkratzer auf den mittleren Ebenen zogen Schwärme echter und künstlicher Tauben ihre Kreise, die aus dieser Entfernung nicht größer als die Spitze einer Nadel wirkten.
Dass Leah die Stadt überhaupt als Silhouette wahrnahm und nicht nur die hoch aufragenden Mauern von Ebene 1 sah, die vor ihr emporschossen und weiter oben in den Abgaswolken verschwanden, wies darauf hin, wie weit entfernt das Firmengelände von Livingstone International Transport, Abteilung Air Freight von dem eigentlichen Sprawl lag. Sie befand sich viele Dutzend Kilometer außerhalb von Neumuntingen, südlich der Elbe, wo die ehemals grüne Landschaft mit ihren sporadisch verteilten Dörfern einem breiten Streifen ausgedörrten Brachlandes gewichen war. Es roch nach trockener, warmer Erde, Ozon und den Abgasen der entfernten Fabriken. Hier reihten sich die Logistikzentren, Industriegelände und Flughäfen von zahlreichen kleinen und großen Firmen aneinander, voneinander getrennt durch schlichte, geteerte Transportstraßen ohne Markierungen. Der Müll, der beim Bau dieser Anlagen produziert worden war, lag zu großen Teilen noch dort, wo man ihn zurückgelassen hatte: Als meterhohe Haufen Schrott und Bauschutt am Rand der jeweiligen Konzerngelände aufgeschichtet. Dazwischen hatten sich winzige Siedlungen von jeweils zwei Dutzend kleiner Hütten aus versiegeltem Holz oder Wellblech in die Nischen gepresst, wo die Firmengelände aneinander angrenzten. Natürlich waren auch diese Verschläge von ihren eigenen, ebenso winzigen Grundstücken umgeben – man war hier ja schließlich in Deutschland. Die Ausmaße der fast mikroskopischen Flecken von eigenem Grund und Boden waren akribisch mit improvisierten Zäunen oder künstlich gezüchteten Hecken sichtbar gemacht worden, was den strichförmigen Ansiedlungen den Eindruck von altmodischen Schrebergärten verlieh.
Leah verabscheute dieses allgegenwärtige Streben nach klaren Grenzen, Zuständigkeiten und Definitionen. Es blutete aus jedem Aspekt dieser Welt: Normen festlegen und dann alles, was nicht hineinpasste, zwanghaft in Form quetschen.
Wie diese Schablone des idealen Bürgers, damals im Waisenhaus. Kein Wunder, dass wir abgehauen sind.
Leah warf noch einen Blick auf die weit entfernte, über allem thronende Megalopolis, und richtete ihre Aufmerksamkeit dann auf das, was näher lag: ein vielleicht zwölfhundert Meter durchmessendes Feld aus rissigem Ceton, umzäunt von zwei Reihen Gitterzaun und Stacheldraht nach Armeestandard. Jenseits der Begrenzung glitten automatisierte Transportroboter unterschiedlicher Größe wie Ameisen zwischen flachen Lagerhäusern hin und her, wichen einander aus oder veränderten unmerklich ihre Geschwindigkeit, gesteuert von einem komplexen Set von Regeln und Berechtigungen, welches ihr Schwarmverhalten diktierte. Über ihnen kreisten ein Dutzend melonengroße Libellen, unbemannte Überwachungsdrohnen mit Oszillationsflügeln, die mit einer Vielzahl an Scannern und Kameras ausgestattet waren – und natürlich mit einem Satz tödlicher und nichttödlicher Waffen gegen potentielle Eindringlinge. Über den Einsatz der einen oder anderen Variante entschied vermutlich ebenfalls ein programmiertes Regelwerk, oder die Drohnen würden im Falle eines Alarms sofort von bereitstehenden Piloten übernommen werden, die ferngesteuert auf die Jagd nach Dieben, Industriespionen oder anderen Verbrechern gingen.
Technisch gesehen war Leah zu diesem Zeitpunkt noch keines davon. Ihr Mech kauerte, im passiven Modus kompakt zusammengefaltet, inmitten eines Haufens gemischten Schrotts links von der Zubringerstraße, ein paar Meter jenseits des äußeren Überwachungsrings, wo selbst die Kameras, die in regelmäßigen Abständen am Zaun angebracht waren, nicht mehr hinsahen.
„Wenn das hier durch ist, kann ich mir hoffentlich ein paar Monate was besseres leisten als diese Schlotze“, murmelte sie mit vollem Mund, während sie versuchte, auf etwas herumzukauen, das vermutlich im gesamten Prozess seiner Herstellung niemals eine Konsistenz besessen hatte, die Kauen notwendig machte.
„DER TN TABEMONO SUPPLIES ARTIMEAT-EINTOPF MIT DER SORTENNUMMER 21 ENTHÄLT 78% DER EMPFOHLENEN TAGESDOSIS AN BALLASTSTOFFEN, VITAMINEN, MINERALSTOFFEN, UND 45% WASSER, EIWEISS, FETT UND KOHLENH...“
„Ja, danke, Fybar, schmeckt trotzdem wie Teriyaki-Kotze.“
Die durch zweckmäßig kleine Lautsprecher etwas gefiltert klingende Stimme verstummte für einen Moment, und fragte dann: „HAST DU ERFAHRUNG MIT DEM VERZEHR VON TERIYAKI-KOTZE?“
Leah grinste schwach. „Ich hatte eine bewegte Jugend.“
Erneut diese kurze Pause, nur einen kaum wahrnehmbaren Sekundenbruchteil länger, die verriet, dass ihre Aussage eine unendlich kleinteilige Sequenz von Analysen und Wahrscheinlichkeitsberechnungen durchlief, bevor die Antwort kam.
„DU BIST NEUNZEHN JAHRE ALT.“
Sie grinste erneut, und die halbtransparente Reflexion ihrer aufleuchtenden Zahnreihen lenkte ihren Blick auf ihr Spiegelbild in der hochgeklappten Windschutzscheibe. Neunzehn Jahre. Mit ihrem relativ kleinen Wuchs, den dichten, aber kurzen schwarzen Haaren und den blauen Augen, deren unterschiedlich große Pupillen das Ergebnis einer nicht ganz sauber abgelaufenen Irisaugmentierung waren, musste Leah, wenn man ihr auf der Straße begegnete, durchaus jung wirken, beinahe kindlich sogar. Sicher, sie sah aus wie neunzehn. Aber sie fühlte sich nicht so.
„Klar, wie viele Neunzehnjährige stecken auch schon regelmäßig im Cockpit eines Gen2?“, murmelte sie mehr zu sich selbst. Die feinen Innenmikrofone des Mechs schienen ihre Worte dennoch aufgefangen zu haben, denn Fybar erwiderte: „ZU DIESER FRAGE LIEGEN MIR LEIDER KEINE STATISTIKEN VOR.“ Die künstliche Modulation und Betonung ließ eine Spur von Belustigung durchdringen, als unterdrücke die synthetische Stimme ein Lachen.
Leah sagte nichts und nahm noch einen Löffel ArtiMeat. Ihr Blick wanderte mit gewohnheitsmäßiger Aufmerksamkeit über das zugangsbeschränkte Konzerngelände hinter den beiden Zäunen. Dann ein wenig weiter nach rechts, wo die Begrenzung des Grundstücks von einem breiten, automatischen Tor unterbrochen wurde, durch das alle paar Stunden Lieferfahrzeuge ein- und ausfuhren. Dann weiter ins Innere des Komplexes, wo die niedrigen Lagerhäuser aus beigefarbenem Ceton aus den schwarzen Schlünden ihrer Rolltore unendliche Reihen aus Drohnen ausspuckten und wieder auffraßen.
Dann auf die kleine Diode ihres Interkoms, die schwarz und tot in ihrer Fassung saß.
„Was machen die wohl da drin...?“
Wieder erwachte die gefilterte Stimme zum Leben: „LIVINGSTONE INTERNATIONAL TRANSPORT, ABTEILUNG AIR FREIGHT, REGISTERKÜRZEL LIT-AF, IST EINE AUF WARENTRANSPORT SPEZIA...“
„Fybar, du musst echt aufhören, rhetorische Fragen zu beantworten, weißt du das?“
Ein kurzer Moment der Stille. Sie glaubte beinahe, das leise Klacken von Relais im Korpus der schweren Kampfmaschine zu hören – auch, wenn ihr klar war, dass Technologie wie diese seit ein paar Dutzend Jahren kaum noch mit Relais arbeitete.
„Ich schwöre, wenn du die beantwortest, bau' ich deinen CLM-Kern aus und verkaufe dich als Kaffeetisch.“
Stille. Dann...
„WAS HAT ES EIGENTLICH MIT DIESEM HAGAKURE AUF SICH?“
Jetzt musste Leah doch wieder schmunzeln. Der plötzliche Themenwechsel, um einem unangenehmen Gesprächsverlauf auszuweichen, wirkte so organisch, so menschlich, dass es einfach war, zu vergessen, dass sie hier mit einer künstlichen Intelligenz sprach. Genau genommen war selbst diese Bezeichnung zu hoch gegriffen, denn das personalisierte Bordprogramm des Kakushin LCM-32 Slate war technisch gesehen nichts weiter als ein hochdichter Stochastikalgorithmus mit einem vorgepackten Set an individuellen Merkmalen, der ihre Aussagen aufnahm und anhand einer Unzahl von gewichteten Möglichkeiten eine Antwort gab. Natürlich war das CLM noch mit einem Dutzend kleinerer, spezialisierter Programme unterfüttert, die es dem elektronischen Geist des Mechs ermöglichten, die einzelnen Bauteile und Interfaces seiner robotischen Hülle anzusteuern, situationsbasiert eigene Entscheidungen zu treffen oder kontextsensitiv zu reagieren – aber am Ende waren es eben doch nur Einsen und Nullen. Sehr, sehr, sehr viele Einsen und Nullen.
Nicht alle Einsen und Nullen jedoch, wie seine Nachfrage verriet. Leah seufzte. „Du hörst beim Briefing nie zu, oder? Hagakure? Der Musiker? Kontrovers diskutiert und gefeiert auf der gesamten Hemisphäre, mindestens?“
Sie hörte ein kurzes Knistern im Lautsprecher, und dann rezitierte Fybar ein Fragment aus einem Song, wobei allerdings seine dahinplätschernd gleichbleibende Tonlage den normalerweise stakkatoartigen Sprechgesang in eine leiernde Ode an die Langeweile verwandelte: „UND DIE SONNE TRIFFT DIE SKYLINE / ICH VERLASS' DAS HIGHLIFE / DENN DIE STRASSE RUFT MICH / HERZLICHES BEILEID / AN DIE GANZEN SPACKEN / DIE ES NIEMALS PACKEN / GIB MIR EINEN AUFTRAG UND ICH TRETE IN DEN SCHATTEN?“
Die plötzlich fragend endende letzte Silbe des Textes kam so überraschend und klang so absurd, dass Leah der Teriyaki-Eintopf beinahe wieder aus der Nase herausgekommen wäre. Sie lachte grunzend in den Plastikbecher hinein und nickte bekräftigend.
„Ja, genau der. Prominent, von manchen verdächtigt, von vielen vergöttert, aber vor allem...“ Sie schluckte, räusperte sich und fügte übermäßig deutlich hinzu: „Stinkreich.“
„DARUM ALSO AUCH DIE ÜBERDURCHSCHNITTLICH HOHE BELOHNUNG, WENN WIR DEN KLOTZBROCKEN HELFEN, IHN AUS DEM FIRMENKOMPLEX VON LIT-AF ZU BEFREIEN.“
„Siehste, du hörst ja doch zu.“
Ein Ping in ihrem kybernetischen Augenimplantat, das sie vorsichtshalber mit der passiven Umgebungsüberwachung des Mechs gekoppelt hatte, wies sie auf eine näherkommende Geräuschquelle auf fünf Uhr hin. Aufgrund ihrer Position, versteckt in einem Haufen Schrott, konnte sie den Verursacher zunächst nicht sehen. Das simple Mustererkennungsprogramm, das serienmäßig im Scanner verbaut war, erkannte den Ton jedoch als Motorengeräusch. Kurz darauf sah Leah, wie der abgerundete gelbe Korpus eines alten unbemannten Taxis sich ein paar Dutzend Meter rechtsseits des Trümmerhaufens die Zufahrt zum Firmengelände entlangschob und dann stehen blieb, sobald ihn die Sicherheitskameras erfassten.
„IST DIESER HAGAKURE TATSÄCHLICH EIN OPERATIVES MITGLIED DES ORGANISIERTEN VERBRECHENS? SEINE TEXTE WEISEN EINE HOHE ANZAHL AN GESTÄNDNISSEN BEZÜGLICH DIVERSER STRAFTATEN AUF, WIE ZUM BEISPIEL MORD, DIEBSTAHL, SACHBESCHÄDIGUNG, SOWIE DER INTIME KONTAKT MIT DER NICHT NÄHER DEFINIERTEN MUTTER EINES UNBEKANNTEN...“
Leah rollte die Augen. Sobald sie wieder in der Garage waren, würde sie die Gesprächsfreudigkeit von Fybar im Idle-Zustand um zehn Prozent reduzieren, entschied sie, während sie zusah, wie aus dem parkenden Taxi ein Mann in Vanino-Hosen und Fallow-Kurzmantel stieg. Sie sprach, während sie mit ihrem Auge näher heranzoomte.
„Quatsch, der ist genauso wie alle Künstler mit Gangsterimage nur Schall und Rauch. Wie dämlich wäre denn bitte ein Deichsler, der...?“
Eine schwache Brise wehte durch das offene Cockpit. Irgendein metallenes Bauteil knackte leise, als es abkühlte.
„LEAH?“
Sie war verstummt. Der Löffel mit einem weiteren Happen halbfester Synthetiknahrung kurz vor ihrem offenen Mund erstarrt. Ihr Auge, die Fokuslinse auf Maximalreichweite aufgedreht, klebte am Anblick des Fahrgastes, der sich vom Taxi aus in Richtung des Tores zum LIT-AF-Komplex in Bewegung setzte.
„LEAH?“
Diesmal klang die Stimme des Mechs dringender, das Pilotenschutzprogramm, das eine Abweichung feststellte und in erster Priorität nach mehr Informationen suchte.
Der Plastikbecher fiel ihr aus den zitternden Fingern, landete auf dem feinmaschigen Gitterboden des Cockpits und ergoss seinen Inhalt durch die metallenen Schlitze.
„Manuelle Kontrolle“, flüsterte Leah.
„ICH BIN MIR NICHT SI-“
Ihre Stimme überschlug sich. „Manuelle Kontrolle!“
Das dumpfe Dröhnen und Wimmern anlaufender Servomotoren ertönte aus dem Korpus des Mechs, als ihre Tonlage die Empfehlung des taktischen Analysesystem überschrieb und die Steuerung des Läufers direkt auf ihren Pilotensitz übertrug. Ihre Finger krallten sich in die 3D-Controller, die Beine streckten sich, und das gewaltige metallene Ungetüm um sie herum erwachte zum Leben, spiegelte ihre Bewegung, als es sich aus dem Schrotthaufen aufrichtete. Unter lautem Klirren und Scheppern regneten kleinere Bruchstücke von Metall und Luzoplast von der zerkratzen, rostfleckigen cyanblauen Hülle des Kakushin LCM-32 Slate, und die kurzen, von Erdkrumen und Öl bedeckten Beine des Läufers machten einen Schritt nach vorne. Noch einen. Und noch einen. Mit leisem Zischen klappte die Frontscheibe des Mechs zurück in die Fassung, und auf schwankenden Beinen, die überdimensionierten Arme hin und her schlenkernd, überbrückte das vier Meter hohe Kriegsgerät den spärlich mit Gras bewachsenen Streifen Brachland und hielt auf die Straße zu.
Der Mann mit dem Kurzmantel drehte sich um, hob eine Hand, um sich als geladener Besucher zu erkennen zu geben. Leah riss mit einer Genauigkeit, die nur jahrelanger Übung entsprang, an der Steuerung und brachte den taumelnden Mech genau vor dem Neuankömmling zum Stehen. Ihre Augen, von einem Ausdruck der Ungläubigkeit übermannt, starrten ihn durch die gepanzerte Scheibe an.
Sie sah denselben krausen braunen Schnauzbart wie vor vier Jahren. Dieselben goldbraunen Augen, maßgeschneiderte Xeno-Tech-Implantate. Derselbe wallende Haarschopf, in der Sonne glänzend wie Seide. Sein Mundwinkel wanderte empor, als sich sein Gesichtsausdruck zu einer beinahe amüsierten Grimasse des Wiedererkennens verzog.
Dann schepperte ein kurzer, dumpfer Knall über das Gelände von LIT-AF, und ein 60mm-KEPSLOG-Explosivgeschoss verwandelte das grinsende Gesicht bis hinab zum Bauchnabel in Püree.
Leah ließ einen keuchenden Atemstoß, von dem ihr nicht bewusst gewesen war, dass sie ihn angehalten hatte, aus ihrer Lunge entweichen. Die Stille, die auf den einzelnen Schussknall folgte, zitterte in der angespannten Atmosphäre wie eine überdehnte Bogensehne.
„WAS HAST DU GETAN?“
Dann klappte der noch intakte untere Teil der Leiche in sich zusammen, landete knirschend auf der befestigten Zufahrt, und ein Alarm heulte los. Das Taxi, dessen gesamte vordere Hälfte von einem Schwall rotbrauner Matsche besprüht worden war, vollführte eine hektische Wendung in drei Zügen und raste mit plärrender Hupe die Straße hinab, dabei kurvende Ausweichmanöver unternehmend, als habe es Angst, sich ebenfalls eine Kugel einzufangen.
„Klotz an alle!“ Die Stimme, die aus ihrem plötzlich aktiven Interkom ertönte, war tief, deutlich und vor allem genervt. „Wir sind aufgeflogen. Shadowstriker II, Bericht!“
Leah blinzelte nicht einmal. Ihr Blick war noch immer auf die Überreste des Besuchers gerichtet, den sie gerade erschossen hatte. Obwohl seine Biomasse nun einen flacheren, aber dafür weitaus breiteren Raum einnahm, ließ sie ihn nicht aus den Augen. Starrte die versprengten menschlichen Überreste an, als rechne sie damit, dass sie sich jederzeit wieder zusammensetzten, Blut, Knochen und Eingeweide, die ineinander flossen, sich wieder verdichteten, und aus den roten und schwarzen Wirbeln würde dasselbe schiefe Grinsen unter dem Schnurrbart herauswachsen...
„Shadowstriker II, kommen... ach, scheiß drauf!“ Die Stimme im Funk gab ein missbilligendes Zischen von sich. „Planänderung! Wir brechen durch den Haupteingang aus! Lena, deck den VIP! K2, töte irgendwas! Shadowstriker II, wenn du mich hörst, beweg deinen Arsch hier rein und mach uns den Fluchtweg frei!“
Sie blinzelte.
„LEAH, WIR MÜSSEN HIER WEG!“, drängte Fybar.
„Ja... Sekunde...“, murmelte sie. Riss sich dann mit überraschend großer Überwindung vom Anblick des zerlegten Besuchers los, straffte die Schultern. Ihr Blick klärte sich.
„Gefechtsmodus an, Hardwarecheck!“
Sofort blitzten direkt hinter der Frontscheibe zahlreiche holografische Anzeigen auf. GPS-Position, Gyro, Funk-IDs, Munition und Zustand der Bordwaffen, eine schematische Übersicht über die Funktionsfähigkeit von Panzerung und Gelenken... Leah sah nicht einmal hin, als eine kurze Liste von Bauteil-Kennnummern über das Panzerglas flimmerte.
„Auf Audio legen! Ich fahre auf Sicht!“, bellte sie gestresst.
Die Liste verschwand und gab den Blick frei auf die Umgebung, als Leah in die Kontrollen griff.
„MEIMEI MARK II MULTISCANNERSYSTEM – BEREIT.“
Sie hob die Hand, und dort, wo sie hingriff, materialisierten sich weitere holografische Eingabefelder in der Luft, angeordnet nach einem individualisierten System, das Leah im Laufe der letzten Jahre immer weiter optimiert hatte.
„ROHOBA MA-2X BETA SCHALENPANZERUNG – BEREIT.“
Sie legte die Finger auf virtuelle Schieberegler, knallte sie auf Anschlag, und hörte förmlich, wie der Mech Energie in sämtliche Systeme drückte, sie überlud, wie ein Organismus, der einen Adrenalinschock durchlitt.
„FLOWMO 'FONTANE' 4 STÖRSYSTEMPAKET – BEREIT.“
Leah riss den Mech herum und ließ ihn auf das schwere Doppeltor zu preschen. Der Boden erzitterte unter den wuchtigen Schritten. Kleine Brocken von Teer und Asphalt spritzten in alle Richtungen davon.
„PAGANI 'ARCHANGEL' V2 PILOTENÜBERWACHUNGSSYSTEM – BEREIT.“
Der stählerne Militärzaun zerfaserte wie ein Spinnennetz in alle Richtungen, als der tonnenschwere gepanzerte Körper hindurchrannte und das Industriegrundstück betrat.
„KIRIL CO7 'KARPFENKILLER' RAKETENPLATTFORM RÜCKEN – BEREIT.“
Der Horizont verwischte unter den resoluten, biomechanisch optimierten Bewegungen der Kampfeinheit. Leah nahm das vorderste der flachen Lagerhäuser ins Ziel und lenkte Fybar darauf zu.
„HENZSCHWORKS D-BOY 80MM GRANATWERFER LINKS – BEREIT.“
Sie sah, wie die unbemannten Transportroboter sich auf ein unsichtbaren Signal hin allesamt umdrehten und zurück in die Lagerhallen fuhren.
Dann stürzten sich sämtliche Libellendrohnen über dem gesamten Komplex auf den Eindringling.
„Komm schon, komm schon, komm schon...!“
„23-12 S.O.U.L. 60MM TRIZYKLON ROTATIONSKANONE RECHTS – BEREIT.“
„Feuer!“
Die automatische Zielerfassung der Bordsysteme sprenkelte ein Dutzend leuchtender Fadenkreuze in das HUD ihrer Windschutzscheibe, die sich an die heranfliegenden Kampfdrohnen hefteten. Binnen einer Sekunde wechselte jedes der Fadenkreuze seine Farbe von rot zu grün, und dann bewegte sich der rechte Arm des Mechs, ohne, dass Leah den Controller berührte. KRAK! KRAK! KRAK! Mit einer Frequenz von zwei Schüssen pro Sekunde schleuderte die sich drehende, dreiläufige Kanone am rechten Arm des Kampfläufers den herumschwirrenden Libellen ihre tödlichen KEPSLOGs entgegen. KEPSLOG stand für „Kinetisch-energetisch perforationsoptimiertes Selbstladungs-Okta-Geschoss“, was im Grunde nur bedeutete, dass die Projektile achtkantig, verdammt schnell waren und durch moderne Panzerplatten brechen konnten wie eine Stanzform durch Plätzchenteig. Die halbe Sekunde zwischen zwei Schüssen reichte gerade so aus, um das automatisierte Zielsystem die nächste Libelle aus dem Schwarm ins Visier nehmen zu lassen. Während um sie herum baugleiche Maschinen in Aufschlagzünderexplosionen zerplatzten, gelang es einigen der Drohnen noch, ihre tödlichen Schusswaffen auf Leah abzufeuern – integrierte 11mm-Maschinenpistolen, deren billige Kugeln gegen die massiven Schutzplatten des Kakushin LCM-32 Slate prallten, sich verformten wie alter Kaugummi und dann zu Boden fielen, ohne auch nur einen Kratzer im Lack zu hinterlassen. Dann rasierte die KEPSLOG-Salve auch durch den Rest des Schwarms, und der Himmel war wieder frei.
Leah klinkte sich endlich in den Funk ein.
„Hier Shadowstriker II, Libellen sind ausgeschaltet, Vorplatz derzeit feindfrei! Ihr könnt!“
Einen Augenblick später flog die schlichte Doppeltür am linken Ende der vordersten Lagerhalle auf. Vier Personen kamen herausgerannt und hielten auf Leahs Mech zu – beziehungsweise auf das zerstörte Tor viele Dutzend Meter hinter ihr.
An vorderster Stelle rannte ein hochgewachsener, vielleicht dreißigjähriger Mann in einem maßgeschneiderten dunkelblauen Zweiteiler mit weißem Hemd. Seine Kleidung schien ebenso modebewusst wie für seine aktuelle Beschäftigung unpassend gewählt zu sein, was sich jedoch über die chromglänzende halbautomatische Pistole in seiner Hand nicht sagen ließ. Er besaß eine breite Stirn, tiefliegende graublaue Augen und eine sehr definierte Kieferlinie, und obwohl keines seiner Gesichtsmerkmale völlig symmetrisch war, wirkte er mit dem verwegen hochgestellten Kurzschnitt seiner braunroten Haare und dem Zweitagebart auf Wangen und dem spitzen Kinn seltsam attraktiv und selbstbewusst.
Einen Meter hinter ihm lief eine Gestalt, die gerade erst sichtbar wurde, als sich die kleinteiligen spiegelnden Facetten und der Refraktionsprojektor eines aktiven Chamäleonanzugs abschalteten und einen schlanken, in engen schwarzen Synthetikstoff gekleideten Körper mit dezent weiblichen Kurven zum Vorschein kommen ließen. Das Gesicht dieser zweiten Person war weich, androgyn und violett, wie auch der gesamte Rest ihrer sichtbaren Hautpartien. Auch ihre Haare, die einen hellen, beinahe weißen Farbton aufwiesen, waren taktisch kurz geschnitten, und sie hielt je zwei kurze Schwerter und zwei Kampfmesser in den Händen. Sie hatte vier davon – Klingen und Hände. Die kurzen Ärmel ihres Tarnanzugs besaßen jeweils zwei Öffnungen, um die direkt übereinander um die Schultergelenke angeordneten Doppelarme hindurchzustecken. An ihrem Gürtel baumelte eine kleine, zerschlissene Munitionstasche, die mit silbernem Gewebeband geflickt war. Darauf stand „SWEETS“.
Die dritte und vierte Person folgten direkt im Anschluss, eine von beiden die andere im Nacken packend und hinter sich her schleifend wie eine Katzenmutter ein aufmüpfiges Kätzchen. Für die gezogen werdende Person – einen mittelgroßen, fast noch jugendlich wirkenden Mann mit gebräuntem Teint, kahl geschorenem Schädel und schwarzem Stoppelbart – war diese Haltung vermutlich besonders deshalb unangenehm, weil die Person, die ihn zog, nur halb so groß war wie er: Ein Mädchen von vielleicht zehn oder elf Jahren, gekleidet in schwarze Schuhe, Strumpfhose und ein grünes Sommerkleid, deren Griff im Nacken des vor sich hin stolpernden Mannes hart wie Stahl zu sein schien. Ihre Haut war blass, ihre Augen von einem ungewöhnlich satten Smaragdgrün, und ihre langen schwarzen Haare flatterten im frischen Wind, der über das Verladefeld wehte. In der anderen Hand hielt sie den Griff einer FN P77-B, einer keramikverschalten Hochgeschwindigkeits-Maschinenpistole mit einem Schrot-Unterlaufwerfer, die normalerweise als leichte Waffe für den Gebäudekampf gedacht war, in den Händen des kleinen Mädchens aber wie ein schweres Sturmgewehr wirkte. Trotzdem hielt sie die Schusswaffe genauso mühelos mit einer Hand, wie sie mit der anderen den wesentlich größeren Mann – Hagakure, der VIP, wie Leah jetzt feststellte – hinter sich her zog.
Der anzugtragende Anführer der Gruppe sprach in sein subvokales Kehlkopfmikrofon, ohne auch nur die Lippen zu bewegen.
„Was soll der Alarm? Wer hat geschossen?“
Leah schluckte schwer, und erwiderte knapp: „Waffenfehlfunktion. Alles klar?“
„Nichts ist klar. Wir haben maximal neunzig Sekunden, bis die Nussecken hier sind. Sorg' dafür, dass wir ohne Verluste zum Tor kommen, mein Wagen ist gleich...“
Er hatte noch nicht ausgesprochen, als Fybar sich neben Leahs Ohr vernehmen ließ.
„ICH REGISTRIERE FEINDBEWEGUNGEN AUF DEM DACH!“
Sie sah nach oben. An der Dachkante der Lagerhalle, die ihre Kumpane soeben verlassen hatten, tauchten zwei, vier, dann acht Silhouetten auf.
„Wird erledigt.“
Mit routinierter Nebensächlichkeit kippte Leah ihren 3D-Controller minimal, um die Front des Kakushin LCM-32 Slate auf die neue Gefahrenquelle auszurichten. Die Trizyklon-Kanone hob sich und begann zu rotieren. Dann sah Leah das Muster von taktischen Tarnanzügen, Handschuhe, die sich um die Griffe von Präzisionsgewehren schlossen – und helle Flecken von Haut hinter Splitterschutzbrillen.
Das sind Menschen! Warum sind das Menschen?!
„Nicht feuern!“, stieß sie hervor.
Der Befehl kam etwas zu spät, aber zum Glück war das Ziel so weit entfernt, dass die Genauigkeit der Kanone ein wenig abwich. Das Projektil kratzte an der Schulter des rechtsaußen stehenden Schützen entlang, riss ihm den Arm aus dem Gelenk, detonierte aber nicht und verschwand am Himmel hinter der Halle.
„Welcher Bastard… Unterdrückungsgas, jetzt!“
Sie hörte, wie das Ladesystem im linken Arm des Mechs mit lautem Klacken die Munition tauschte. Gleichzeitig flammten auf dem Dach die ersten Mündungsfeuerblitze auf, als die Scharfschützen begannen, die flüchtende Gruppe unter Beschuss zu nehmen.
Eine der großkalibrigen Kugeln traf das Mädchen im grünen Kleid zwischen die Schulterblätter. Funken sprühten, und das Kind stolperte, als hätte man ihm eine Abrissbirne in den Rücken gedonnert. Hagakure, der VIP, kreischte panisch auf, als die Kugel direkt neben ihm einschlug, fiel auf die Knie – dann packte das Mädchen ihn wieder am Kragen, zog ihn hoch und lief ungerührt weiter, obwohl ihre gefletschten Zähne zu sagen schienen, dass es schon ganz nett wäre, wenn das nicht noch einmal vorkam.
Mit einem lauten PHLUNK! entlud Fybar den 80mm-Granatwerfer, und ein dicker, dunkelgrauer Metallzylinder sauste in perfektem ballistischen Bogen hinauf zum Flachdach der Halle. Er detonierte mitten in den Reihen der Heckenschützen und spuckte eine dichte Wolke grauroten Gases aus, das sich rapide ausdehnte und die gesamte linke Dachkante verschluckte. Die Gewehre hörten auf, zu feuern.
„Sind in zwanzig Sekunden am Tor!“, funkte der Anzugträger mit seiner tiefen Stimme, die selbst im Rennen kontrolliert klang.
„Easy“, sendete Leah zurück. So langsam bekam sie sich wieder in den Griff.
Das Piepsen der taktischen Umgebungsüberwachung warnte sie schon, bevor sie selbst sah, wie sich unterhalb der tiefhängenden Gaswolke die keilförmige Front eines Panzerfahrzeugs um die Ecke der Halle schob.
„Ein AFV?“, stöhnte Leah.
„DAS IST KORREKT“, stellte Fybar fest, als auch schon mit lautem Rattern eine Maschinengewehrsalve auf die Frontpanzerung des Mechs einhämmerte. Leah hob die rechte Hand und erwiderte das Feuer mit KEPSLOGs, während sie zischte: „Brechermine, niedrig!“
Erneut wurde mit hörbaren mechanischen Geräuschen ein anderes Projektil in den Granatwerfer geladen. Die Perforationsprojektile aus Leahs Primärwaffe stanzten ein Dutzend achteckiger Löcher in die Front des gegnerischen Panzers, aber keines davon schien die kritischen Rechnersysteme getroffen zu haben, denn das Gefährt kam unbeirrt näher und schwenkte nun auch seine Hauptkanone, die einen unangenehm großen Innendurchmesser besaß, in Richtung des Mechs. Es knallte hohl, als Fybar selbstständig die gewünschte Mine abfeuerte. Das runde Projektil klappte im Flug zu einer flachen Scheibe auseinander, schlitterte wie ein Puck beim Glidehockey über den rohen Ceton und verschwand zwischen den Gleisketten des AFVs. Eine Sekunde lang geschah nichts. Dann rumste eine Explosion über das Firmengelände, so heftig, dass sie sämtliche Scheiben der umliegenden Lagerhallen aus dem Rahmen pustete. Der Kampfpanzer hörte auf zu schießen und rollte langsam aus. Dunkler Qualm drang aus den Ritzen seiner Panzerplatten.
Wieder ertönte die Stimme im Funk.
„Hier Klotz, wir sind am Tor. Meine Karre ist in zehn Sekunden da. Du kannst abziehen, Shadowstriker II!“
Leah runzelte die Stirn: „Sekunde, ich will nur sichergehen, dass ihr keine Drohnen am Arsch habt.”
Der Mann im Funk erwiderte: „Mach schnell. Ich will hier keine…“
Der Einschlag war so laut, dass es Leah vorkam, als habe man mit einem Vorschlaghammer direkt neben ihrem Ohr von außen gegen die Hülle ihres Mechs geschlagen. Eines der seitlichen Panzerungssegmente auf dem HUD verfärbte sich gelb.
„EINSCHLAG FESTGESTELLT“, sprach die CLM-Stimme ruhig.
„Ach, echt?“, rief Leah sarkastisch. „Sagst du mir auch, woher?“
Der graurote Nebel auf dem Dach der Halle wurde von wilden Luftverwirbelungen auseinander geblasen, als die riesige geschützmetallgraue Silhouette eines militärischen Truppen-VTOLs mit brausenden Triebwerken herangeschossen kam und sich auf halbem Weg zwischen Leahs Position und der Lagerhalle einpendelte. Auf der Seite des gepanzerten Schwebeflugzeugs prangte das Logo von NuSec, der privatisierten deutschen Polizeitruppe. Mit dem vielfachen peitschenden Knallen sich öffnender Luken spuckte das Fluggerät fünf, zehn, zwanzig Bogatyr-Assaultdrohnen aus, humanoide, aus schwarzem Metall bestehende und hochmobile Fußtruppen, die ihre versiegelten Scanneraugen auf Leah und ihren Kampfläufer richteten und vorrückten, während sie ihre Sturmgewehre in Anschlag nahmen.
„Die Nussecken sind hier! Abgang, allesamt!“, rief die tiefe Stimme im Funk.
Leah schrie zurück: „Haut ab, ich decke den Rückzug…!“
Es krachte erneut laut, und ein Spinnennetz aus gerissenem Glas breitete sich auf der Frontscheibe aus.
„WARNUNG! PANZERUNG NICHT AUSREICHEND!“
„Fybar, rückwärts! KEPSLOGs auf die Drohnen, Aufschlaggranaten auf den Vogel!“
Das hohe, dringende Piepen der Beschusswarnung heulte durch das Cockpit.
„WIR WERDEN ANVISIERT”, informierte Fybar sie, als auch schon die ersten Raketen aus den seitlich angebrachten Werfergruppen schossen und direkt auf sie zu hielten, dabei winzige Schleifen und Kurven flogen, um Gegenbeschuss auszuweichen.
„Täuschkörper!“, brüllte Leah.
Ein vielfaches Knattern begleitete den Abschuss der Gegenmaßnahme, und für einige Sekunden blühte ein Fächer aus brennenden Magnesiumkapseln hinter dem Rücken von Fybar auf, die sich in der Luft ausbreiteten, lange, gekräuselte Schweife aus weißem Rauch hinter sich herziehend. Die Luft-Boden-Raketen des NuSec-VTOL änderten gerade noch rechtzeitig ihre Flugbahn, sausten knapp über Leahs Kopf vorbei und detonierten beim Kontakt mit den weißglühenden Täuschkörpern.
„Das kann ich auch!“, stieß Leah hervor, ihre Stimme aufgepeitscht vom Adrenalin. Während sie den Mech rückwärts laufen ließ, feuerte sie ihr Primärgeschütz auf die schwarz gepanzerten Läuferdrohnen ab; die seltsam dürren, humanoiden Kampfroboter barsten auseinander, metallene Köpfe und hydraulische Gliedmaßen flogen durch die Luft.
„Fybar, nimm den Kiril, hau den Flieger weg!“
„BESTÄTIGT.“ Leah hörte das befriedigende Geräusch, mit dem die Raketenabschussplattform auf dem Rücken des Kampfläufers aus ihrer Warteposition nach oben fuhr und über der linken Schulter einrastete.
Dann knirschte es laut, und das Symbol in ihrem HUD, das den Raketenwerfer darstellte, wurde rot. Ein Overlay blinkte „FEHLFUNKTION“.
„Nein, nein, komm schon, bitte...“
Sturmgewehrsalven prasselten auf ihre Frontpanzerung ein. Die Scheibe wurde zusehends undurchsichtiger, von zahlreichen kleinen Kratzern blind gerieben.
„Auf Radarsicht umschalten!“ Leahs Hände rasten über die holografischen Schieberegler. „Hauptenergie auf den Laufantrieb! Rauch abwerfen, Streugranaten in die Bogatyrs, dann...“
Wieder piepste die Beschusswarnung, und diesmal war Leah zu langsam. Zwar löste Fybar selbstständig weitere Täuschkörper aus, die jedoch nutzlos in der Luft verglühten, als ein scheinbar manuell gelenktes Geschoss die Beine des Mechs knapp unter dem Cockpit traf. Dann ertönte ein lautes Knistern, und Leah wurde in ihrem Pilotensitz hin und her geworfen, als der Läufer um sie herum in die Knie ging.
„EMP-EINSCHLAG FESTGESTELLT. ZENTRALSYSTEM ENTKOPPELT. ICH HABE KEINE KONTROLLE MEHR ÜBER MOBILITÄTS- UND WAFFENSYSTEME.“ Die synthetische Stimme klang seltsam entschuldigend.
Leah stöhnte und hob den Kopf. Aus einer Platzwunde an der Stirn lief ihr Blut über das Gesicht.
Es knisterte im Funk. „...dem Weg... Sicherheit... derhole, sind in Si... verschwindest besser auch, Shadowst... te Arbeit...!“
Sie schüttelte den Kopf, wischte die Benommenheit mit einem unwirschen Knurren hinweg. „Wir sind noch nicht am Ende...“, keuchte sie.
„ICH EMPFEHLE DRINGEND, DICH IN SICHERHEIT ZU BRINGEN, LEAH“, kommentierte der Mech mit scharfem Tonfall.
„Von wegen...“, murmelte sie. Sie schlug sich mit der Faust auf die Brust, um den Fünfpunkt-Sicherheitsgurt zu lösen, und stolperte in den winzigen freien Raum zwischen ihrem Sessel und der Frontscheibe. Eine weitere Rakete explodierte irgendwo unter ihr, und die Kabine kippte, sackte zur Seite und schlug mit lautem Dröhnen auf dem Boden auf.
„FLIEH, LEAH!“, drängte Fybar.
Sie ignorierte ihn. „Frontscheibe absprengen auf mein Kommando!“ Ihre rechte Hand griff nach der Maschinenpistole, die in einer kleinen Nische rechts von der Panzerscheibe hing, und lud sie durch.
„Drei, zwei, eins... jetzt!“
Binnen einer Sekunde raste eine Reihe winziger Explosionen rund um die Einfassung der Frontscheibe herum, trennte die Scharniere vom Rahmen und pustete dann die gesamte, ehemals transparente und jetzt völlig zerschundene Panzerscheibe in die warme Sommerluft hinaus. Leah sprang aus dem Cockpit, kam hart auf dem Cetonboden auf, und sah sich einer Reihe von Polizeidrohnen gegenüber, die im Gleichschritt auf sie zu kamen.
„Fresst Scheiße!“, brüllte sie und zog den Abzug ihrer MP durch. Funken sprühten von den Köpfen und Torsos der schwarz gepanzerten Assaultdrohnen, als Leahs Kugeln einschlugen, aber sie gingen unbeirrt weiter.
„LEAH!“, ließ sich Fybar in ihrem Ohr vernehmen. „LEAH, LAUF!“
Dann schlug eine weitere Rakete in die Seite des Mechs ein.
Die Explosion hob den Kampfläufer trotz seiner schweren Panzerung tatsächlich für eine Sekunde von den Füßen, bevor er noch weiter kippte als zuvor und dann, beinahe seitlich liegend, wieder auf den Boden krachte.
Etwas flog durch die Luft, von der Explosion vom Korpus des schweren Mechs gerissen, und Leah sah einen Schatten, der die Sonne verdunkelte, warf sich beiseite...
Dann landete eine halbe Tonne Panzerstahl auf ihr, und sie brach schreiend zusammen.
Der Schmerz nahm ihr für einen Moment jegliche Sinneswahrnehmung, als er wie ein Übelkeit erregender Blitz durch ihre Wirbelsäule direkt in ihr Gehirn sauste und alles unter einem Nebel aus Pein erstickte. Sie glaubte, dass sie immer noch schrie, obwohl sie ihre eigene Stimme nicht hören konnte. Sie konnte nichts sehen. Nichts spüren. Nicht atmen.
Dann wusch das Bewusstsein wieder über sie hinweg wie eine eiskalte Woge, und alles war wieder da, das Grollen der VTOL-Triebwerke, die skeletthaften Metallformen, die sich ihr näherten, der Geruch von Öl und Feuer, der rissige Ceton unter ihrer Wange...
Und der Schmerz, dieser unerträgliche Schmerz, der ihren gesamten Körper zu durchfluten schien. Sie versuchte, die Beine zu bewegen, sich freizukämpfen. Ohne Erfolg. Jede Körperspannung wich aus ihren Gliedmaßen, und sie fiel auf den Rücken. Etwas riss ihr die Maschinenpistole aus den Händen. Dann richteten sich ein halbes Dutzend Sturmgewehrläufe auf ihr Gesicht, und ein Kopf, der kein Gesicht hatte, nur einen winzigen, strichförmigen Mund und einen leblosen, verspiegelten Scannerstreifen, wo die Augen hätten sein sollen, beugte sich zu ihr hinab, bis sie ihre eigenen verzweifelten Züge in der Kopfpanzerung der Nu-Sec-Drohne sehen konnte.
Die Stimme, die aus dem Mundlautsprecher drang, klang blechern, mechanisch und gefühllos.
„Identität: Unbekannt, Sie sind verhaftet.“
Zehn Stunden zuvor...
Die Nacht hatte begonnen wie jede andere.
Leah war in ihrem Bett in einem der kleinen ehemaligen Hallenbüros aufgewacht. Durch die Löcher in den aus Lagerplanen improvisierten Vorhängen hatte das kalte Licht der Werkstatt unter ihr seine staubigen Finger nach ihr ausgestreckt. Sie war im Halbschlaf in das winzige Badezimmer gegangen – gefallen hätte es wohl besser getroffen – und fünf Minuten später mit zerzaustem Haar und Resten von Zahnpasta im Mundwinkel wieder herausgestolpert. Sie hatte sich einen fleckigen Pullover übergeworfen und ihre Stahlkappenstiefel angezogen – selbst in ihrem schlaftrunkenen Zustand hatte sie keine Lust, sich Metallspäne in die Fußsohlen zu treten.
Nun wankte sie die schmale Gittertreppe hinab, die von den auf Stahlsäulen ruhenden Büros in die Haupthalle führte. Wobei die Bezeichnung „Halle“ eine gewisse Weiträumigkeit versprach, die hier eigentlich gar nicht gegeben war; der Raum maß in beide Richtungen kaum mehr als fünfzehn Meter und in der Höhe vielleicht sechs oder sieben. Die ohnehin beengten Verhältnisse wurden dadurch noch auf die Spitze getrieben, dass in dem Lager mit den rostigen Metallwänden und den mit schwarzer Folie abgedunkelten Oberlichtern diverser Kram herumstand. Während die meterhohen Schwerlastregale an den Wänden, die mit Transportkisten, Öl- und Chemietonnen, mechanischen und elektronischen Bauteilen und zahlreichen undefinierbaren Überresten von Technologie befüllt waren, noch relativ geordnet schienen, musste der Rest des Raumes auf einen uneingeweihten Besucher so wirken, als versinke er zusehends im Chaos: Werkbänke, Rollwägen, Gitterkisten und beladene Paletten voller industrieller Rohmaterialien standen in einem losen Muster aus mehreren kleiner werdenden Ringen um den Mittelpunkt der Halle herum. Dazwischen schlängelten sich Schläuche, Drahtseile und Stromkabel wie Ansammlungen riesiger schwarzer Nudeln über den von getrocknetem Öl und Metallspänen bedeckten Boden.
Genau im Zentrum des Raumes aufgebaut, so dass die kreisförmig angeordneten Arbeitsstationen wie Kirchenbänke wirkten, die einem Götzenbild zugewandt waren, stand Fybar. Jedes Mal, wenn Leah die Treppe von ihrem Schlafraum zur Werkstatt herunterging, erinnerte sie der Mech mit seinen langen Armen, den Stummelbeinen und der leicht vornüber gebeugten Haltung (sowie der Tatsache, dass er mit dem Rücken zu ihr stand) an einen Gorilla, den man zum Schämen in die Ecke geschickt hatte.
Über seiner rechten Schulter schwebte, an einem kettengeführten Flaschenzug von der Decke baumelnd, ein Mann, der ein paar klobiger alter Kopfhörermuscheln auf den Ohren trug und vor sich hin summte, während er mit einem Acetylenbrenner das Gelenk des Mechs bearbeitete.
„Kurt!“, rief Leah, aber sie ahnte schon, dass die Augen hinter den dunklen Gläsern der Schweißerbrille wie hypnotisiert auf die aktuelle Arbeit gerichtet waren. Sie griff einen Schraubenschlüssel von einem naheliegenden Tisch und warf ihn zielgenau nach oben, so dass er klirrend mit der Rückenpanzerung des Mechs kollidierte und dann zu Boden fiel. Kurt schrak grunzend zusammen, schaltete seinen Schweißbrenner aus und zog sich die Brille vom rußverschmierten Gesicht, hinter der ein paar kleiner, grauer Augen zum Vorschein kamen, eingerahmt von hellerer Haut, wo die Gummifassungen der Brille sie abgedeckt hatten.
„Lass den Quatsch“, brummte er, während er auch die Kopfhörer abnahm. Aus den kleinen Lautsprechern drang leise der Refrain von AC/DC's „Thunderstruck“.
„Beim nächsten Mal säg' ich deinem Fybar vielleicht den Arm ab“, fügte er hinzu.
Leah schnalzte unbeeindruckt mit der Zunge. „Dir auch einen guten Morgen. Und vielleicht solltest du dann nicht diese antiken Kopfdinger benutzen, um Musik zu hören. Besorg' dir endlich einen Resonator.“
Kurt murmelte: „Die klingen scheiße. Zu sauber. Kein analoges Klangbett. Kein Charme.“
Er griff nach dem gelben Plastikbedienfeld an seinem Gürtel und zog an dem winzigen Joystick, der daraus hervorlugte. Unter lautem Dröhnen schwang der Flaschenzug erst zur Seite, um seine menschliche Last von der Hülle des Kampfläufers weg zu bewegen, und dann ratterte die Kette langsam durch die Fassungen unter der Decke, um den Mechaniker wieder zu Boden sinken zu lassen. Als er auf Augenhöhe ankam, musterte Leah ihren Mitbewohner skeptisch.
Kurt musste mittlerweile fast siebzig sein. Der japanischstämmige Teil seiner abenteuerlich gemischten Herkunft hatte sich vermutlich einmal Mühe gegeben, ihn während des Alterungsprozesses wie einen traditionellen Samurai aussehen zu lassen, bevor er von allem, was auch immer da sonst noch im kollektiven Genpool seiner Vorfahren herumfuhrwerkte, gnadenlos überrannt worden war. Er trug einen nachlässig rasierten, ergrauten Viertagebart und hatte seine fettigen schulterlangen Haare mit einem ausgeleierten Dichtungsgummi zu einem kurzen Pferdeschwanz gebunden. Sein gesamter Unterkiefer bestand aus einer mit grünspanigem Kupfer beschichteten Augmentierung, deren oberes Ende auf Höhe der Ohren mit chirurgischen Klammern in seine Gesichtshaut überging. Auch einer seiner Ellbogen war durch eine Prothese ersetzt worden, deren schlichtes Chrom im Laufe der Jahre mattgerieben worden war. Er trug nur eine zerschlissene, dunkelgrüne Cargohose, so dass sein dicht behaarter Oberkörper unter dem Trageharnisch des Flaschenzugs sichtbar war – genauso wie zahlreiche Wunden, die von Verätzungen bis hin zu Durchschüssen reichten und sich über Rücken, Brust und Arme des gealterten Mannes zogen wie eine Geschichte all seiner Erfolge. Und seiner Fehler. Die einstmals muskulöse Statur war dabei, von Tag zu Tag mehr in sich zusammenzufallen. Schuhe trug er keine; die Fußsohlen seiner hageren unteren Extremitäten waren mit formangepasstem schwarzem Flexigrid-Kunststoff verschalt, auf dem Kurt auch ohne Schutzkleidung problemlos über Glassplitter hätte laufen können.
Er spuckte die blassrosa Überreste eines BamTaste!-Kaugummis in hohem Bogen in eine Ecke der Halle. Leah verzog angewidert das Gesicht.
„Du hast dem armen Kerl ordentlich was zugemutet bei eurem letzten Einsatz“, stellte der alte Mechaniker fest und wies mit dem Daumen über die Schulter auf die reglos im Raum stehende Form von Fybar. „Ich bin schon seit drei Stunden damit beschäftigt, seinen Arm wieder hinzukriegen.“
Leah zuckte die Schultern, aber ihre Stimme klang trotzdem unfreiwillig rechtfertigend, als sie antwortete: „Konnte ich doch nicht wissen, dass der Gen1 von dem Penner mit 'ner Monofilamentklinge hochgerüstet war. Wir können froh sein, dass er mir den Arm nicht direkt abgehackt hat.“ Sie warf einen Blick an Kurt vorbei auf die Stelle, wo dieser einige der dicken Panzerungssegmente abmontiert hatte, um an das beschädigte Gelenk zu kommen. Leah war selbst nicht ganz ungeschickt als Mechanikerin, aber für sie war es eher ein Hobby, gelegentlich an Fybar herumzubasteln und seine Hardware zu verbessern. Die Reparaturen übernahm meistens Kurt – das war sein Beitrag zu ihrer kleinen Wohngemeinschaft.
„Du machst das schon, Kurt.“
Der ergraute Mann warf seinen Lieblingsschraubendreher – ein Exemplar mit Perlmuttgriff, auf dem ein Sticker mit dem Abbild einer Anime-Figur prangte – auf die Werkbank, kniff die Augen zusammen und musterte Leah missbilligend.
„Du solltest mal ein Bad nehmen“, sagte er.
Sie blinzelte. Warf einen Blick auf seine Haut, die mehr aus Ruß- und Ölflecken zu bestehen schien als aus sonst etwas.
„Das musst du gerade sagen. Außerdem ist mir schon beim Zähneputzen das Wasser ausgegangen.“ Sie stöhnte. „Ich hab so was von keinen Bock, schon wieder den Filter zu zerlegen.“
„Der Filter ist in Ordnung“, meinte Kurt. „Sascha hat uns das Wasser abgestellt.“
Leah, die gerade nach einem Lappen auf einer der Werkbänke gegriffen hatte, um ihren Mundwinkel zu säubern, hielt inne. Hob eine Augenbraue, als sie zu Kurt hinüberblickte.
„Was? Wieso?“
Ihr Mitbewohner erwiderte den Blick ungeduldig. „Weil der gute Mann uns nur so lange Strom und Wasser von seinem Laden abzweigt, wie wir ihm jeden Monat die Miete zahlen.“
Leah begriff. „Und das haben wir nicht“, ächzte sie.
„Nein, haben wir nicht“, nickte Kurt. „Wovon auch?“
Leah warf hilflos die Hände in die Luft und ließ sie wieder herabfallen. Das Klatschen, als sie gegen ihre Oberschenkel schlugen, echote durch die jetzt stille Lagerhalle.
„Was kann ich denn dafür, dass Miyako und Walter noch nicht gezahlt haben? Er hat, soweit ich weiß, gerade Nachwuchs bekommen, und sie...“
„Ja, ja“, unterbrach Kurt ihren immer noch sehr nach Rechtfertigung klingenden Redeschwall. „Weißt du, Leah, jeder hat irgendwo seine Probleme. Deine Rücksicht ehrt dich, aber ganz im Ernst, die können wir uns nicht leisten. Gutmütigkeit zahlt kein Wasser. Oder Strom. Oder Essen.“
Sie grinste: „Ich hab noch ein paar Nutripax unter meinem Bett.“
Kurt lächelte schwach, aber seine Stimme blieb ernst.
„Wirklich, Leah. Du weißt, dass es so nicht weiter geht. Kleinstaufträge, beschissenes Verhältnis von Bezahlung zu tatsächlichem Risiko, Klienten, die erst gar nicht zahlen... Das Geld ist knapp, besonders, seitdem Miron...“ Der Blick in seinen kleinen Augen war bedauernd, als er weitersprach: „Wir kommen niemals auf einen grünen Zweig, wenn uns keiner ernst nimmt. So, wie die Dinge stehen...“
Er zögerte, doch dann sprach er es aus: „Ist Shadowstriker II ein Witz.“
Leahs Lächeln schwand. Sie sah ihn an, konnte aber dem Vorwurf, den sie in seinem Gesicht wahrzunehmen glaubte, nicht standhalten, und senkte den Blick. Für einen Moment schwiegen beide. Kurt räusperte sich und wandte sich ab, griff nach seinem Werkzeug.
„Ich weiß das, Kurt, okay?“
Ihre Stimme klang jetzt heiser. Bedrückt.
„Ich weiß, dass ich keine Legende unter den Deichslern bin, kein James Dark oder Chamaeleo oder Jasper Klotz, und das auch nie sein werde. Aber es kann doch nicht so schwer, oder zumindest nicht unmöglich sein, dass ich mir... uns... irgendwann etwas aufbaue. Wenigstens genug, um dein Material und die Reparaturen und diesen Laden hier zu bezahlen...“ Sie atmete tief durch. Verstummte, und fügte dann, noch leiser, hinzu: „Wenigstens genug, dass ich nicht bei jedem Auftrag, wenn ich im Cockpit sitze, mir schon Sorgen um den nächsten machen muss.“
Kurt nickte. Er schien plötzlich sehr müde zu sein.
„Keiner erwartet von dir, der nächste Superdeichsler zu werden.“ Seine raue Hand legte sich auf ihre Schulter und drückte sie, ein wenig zu fest. Als sie ihn ansah, waren da in seinem Blick gleiche Anteile von Verständnis und Drängen.
„Aber wenn du nicht endlich lernst, auch mal an dich zu denken, geht dir irgendwann das Glück aus. Du bist keine Heilige, Leah. Du bist eine Söldnerin, wie wir alle. Also...“
Er löste sich von ihr, und drehte sich wieder zu dem reglosen Stahlriesen um.
„Mach nicht nur die Arbeit, sondern treib' auch die Bezahlung ein“, rief er, ohne sie noch einmal anzusehen, und dann zog ihn der Flaschenzug wieder in die Höhe.
Leah nickte stumm. In Gedanken versunken. Während ihre Füße sie fast ohne ihr Zutun zum Tor der Halle trugen, erwachte hinter ihr fauchend die Acetylenflamme wieder zum Leben.
Die quietschende Tür, die man nachträglich aus dem wesentlich größeren Tor der Laderampe herausgesägt hatte, knallte scheppernd hinter ihr in den Rahmen. Leah trat hinaus in einem Hinterhof, der kaum größer war als die Werkstatt, aus der sie gerade gekommen war. Auf dem uneben asphaltierten Boden hatten sich vereinzelte Pfützen alkalischen Wassers angesammelt. Rundherum ragten die glatten, von Regenwasser oberflächlich ausgeblichenen Stahlcetonwände von Wohnblöcken empor. Hinter der voraus und rechts liegenden Ecke war trotz der nachtschlafenden Zeit gedämpfter Verkehrslärm zu hören, der darauf hinwies, dass sich dort eine schmale Ausfahrt zum Straßennetz der Stadt befand. Der Innenhof war leer bis auf einige überquellende Müllcontainer und den schweren, kastenförmigen Lastwagen, auf dessen abblätterndem braunem Lack seitlich das Logo eines Lieferdienstes namens „L. Phex Deliveries“ aufgedruckt war. Es gab keine anderen Türen zum Hof außer der, durch die sie gerade getreten war – aber ab dem dritten Stock über ihr begannen Reihen von Fenstern, sich ringsherum in regelmäßigen Abständen um den Innenhof zu ziehen, und zwischen ihnen waren an rostigen Haken und Führungsrädern Wäscheleinen gespannt, die den Himmel jenseits der Dächer mit ihren kreuz und quer verlaufenden Bahnen in ungleichmäßige Fragmente zerhackten. Den Himmel, der kein Himmel war, sondern nur die von Flutlichtern beleuchtete und im nächtlichen Smog fast zur Unsichtbarkeit verblassende Unterseite von Ebene 3.
Ein Anblick, der Leah wie immer daran erinnerte, dass sie zwar nicht in der Hölle war...
Aber sie war auf jeden Fall noch weiter vom Himmel entfernt.
„Oh nein, hast du etwa Kummer?“
Leah seufzte: „Ach, weißt du...“
„Sorry, geht mir eigentlich am Arsch vorbei.“
Sie blickte nicht einmal auf, als die Stimme irgendwo über ihr an der Fassade des winzigen Innenhofs ertönte. Einige Sekunden später landete ihre Quelle mit einem grazilen Sprung erst auf dem Dach des Lieferdienst-Lasters und dann auf dem feuchten Asphalt. Ein orangefarbener Britisch-Kurzhaar-Kater mit leuchtend gelben Augen, dem das linke Ohr fehlte, tapste näher und strich in engen Schleifen um Leahs Knöchel herum.
„Was, erst rummotzen und jetzt willst du Streicheleinheiten?“, murrte Leah. Der Kater sah im Laufen zu ihr auf. An der linken Flanke seines Halses war ein winziger, dreieckiger Metallknopf angebracht, aus dem erneut die stark komprimierte Stimme ertönte: „Ist so 'ne Instinktsache. Du darfst mich streicheln, aber du gehst mir trotzdem auf den Sack.“
Leah runzelte die Stirn, aber sie streckte gedankenverloren die Hand aus und kraulte dem Tier den Nacken. Ein zerhacktes Lachen rauschte aus dem kleinen Lautsprecher.
„Echt, das machst du jetzt noch?“
„Ist so 'ne Instinktsache“, wiederholte Leah die Worte der Katze. Sie trat an den Rand der knapp bemessenen Laderampe und setzte sich hin, ließ die Beine über die von absplitterndem gelbem Lack markierte Kante baumeln. Die Katze ließ sich neben ihr nieder, rollte sich auf den Rücken und streckte alle Viere von sich, mit einem Gähnen, das zu sagen schien: Ey, check mal aus, wie gut es mir geht!
Leah schmunzelte wehmütig. „Wie machst du das, Darth Mau?“
„Ich bin eine Katze, wir haben halt ein derbe flexibles Rückgrat.“
„Das meine ich nicht. Wie bleibst du so... zufrieden?“ Sie wies mit der flachen Hand nach oben in Richtung der unpersönlichen grauen Hauswände.
„Eine Stadt, die dich auffrisst, wenn du einen Moment in deiner Wachsamkeit nachlässt. Kaum Luft zum Atmen. Niemand blickt dich an, niemand will deinen Namen wissen. Und die Ratten streiten sich um die letzten Reste.“
Der Kater miaute, und der Chip an seinem Hals übersetzte es als hysterisches Kichern.
„Mädel, hast du 'ne Nase Failsafe genommen?“ Darth Mau streckte sich lasziv aus und begann, die Rückseite seiner Pfote sauber zu lecken.
„Ich hab einen Platz zum Schlafen, der immer da ist, wenn ich zurückkomme, aber mich nie aufhält, wenn ich rausgehen will. Mehr leckere Essensreste, als ich wegschnabulieren kann. Und einen alten Knacker und seine drollige Untermieterin, die mich kraulen und ins Haus lassen und manchmal sogar meine Kacke wegmachen...“
Leah stöhnte gedämpft in ihre Handflächen.
„Ja, aber das war doch nicht immer so, Darth Mau!“, rief sie, tatsächlich aufgebracht. Das Tier setzte sich unvermittelt auf und bog den Kopf zurück, mit großen Augen, als wolle es sagen: Alter, wer hat dir denn in die Misosuppe gepisst?!
„Du warst doch auch mal eine Straßenkatze. Konkurrenz überall. Mangelnde Ressourcen... wie hast du überlebt, bevor dir der große Durchbruch gelungen ist?“
Die Katze keckerte. „Der große Durchbruch? Weil ich jetzt bei euch wohne?“, lachte die knisternde Stimme aus ihrem Halschip. „Bescheidenheit ist nicht wirklich deine Stärke, Leah...“
Leah starrte ihn mit dringlichem Gesichtsausdruck an, und Darth Mau verstummte. Erwiderte den Blick, schien von der verzweifelten Bedeutsamkeit darin überrumpelt zu sein. Dann senkte er den Kopf, so dass seine großen, schlitzförmigen Pupillen halb unter den Augenlidern verschwanden, und schielte zu Leah auf.
„Wie ich überlebt habe?“
Seine Lefzen zogen sich zurück und offenbarten die Fangzähne, als der Kater lautlos fauchte.
„Indem ich mir klar gemacht habe, was ich wert bin. Getan habe, was getan werden musste. Ich sehe bei euch... Menschen...“ Es klang angewidert. „...immer wieder dieses seltsame Verhalten. Wie nennt ihr es...? Gnade?“ Darth Maus Nacken sträubte sich, als er um Leahs Rücken herumschlich, sein Schweif spielerisch über die Hand seiner menschlichen Gesprächspartnerin gleitend.
„Darin sind wir euch einfach voraus. Du musst einfach nur erkennen, dass es nichts gibt – nichts – das wichtiger ist als du selbst. Und entsprechend handeln. Jede. Einzelne. Sekunde.“ Das zirpende Keckern aus dem Übersetzungsgerät klang so seltsam, so falsch, dass Leah sich sicher war, dass der Chip versuchte, eine Emotion zu transportieren, die sein menschlicher Programmierer nicht gekannt hatte.
„Stehlen. Lügen. Töten.“ Die Katze kroch in ihren Schoß und blinzelte zu ihr empor, setzte einen Blick völliger Unschuld auf, samt tiefer dunkler Kulleraugen, die die Größe von Golfbällen zu erreichen schienen.
Dann grinste sie wieder: „Und dann weg sein, bevor dich jemand zu fassen kriegt.“
Darth Mau sprang wieder auf den Transporter, und grub dabei die Krallen seiner Hinterpfoten so tief in Leahs Oberschenkel, dass es wehtat.
„Au!“, beschwerte Leah sich.
Doch wieder antwortete ihr nur das seltsam unmenschliche Kichern vom Dach des Lieferwagens. Dann war sie alleine auf dem verlassenen Hinterhof.
Sie saß immer noch dort, wo die Überlebenskünstlerkatze sie zurückgelassen hatte, als die Tür hinter ihr sich mit dem lauten Kreischen verrosteter Angeln öffnete, und Kurt in den Rahmen trat.
„Leah. Rein, sofort. Wir haben eine Anfrage.“
„Ach ja?“ Sie gab sich nicht einmal Mühe, Begeisterung zu schauspielern, während sie sich mit herabhängenden Armen erhob. „Was gibt's dieses Mal? Soll ich einen Konvoi zum Klärwerk eskortieren? Oder ein Waisenhaus zerbomben?“
Der gealterte Mechaniker schien ihre Worte gar nicht wahrzunehmen.
„Ein Job Stufe 4“, sagte er nur. Leah hob die Augenbraue, und fühlte sich plötzlich so wach wie seit Tagen nicht.
„Stufe 4?“
„Ja. Eine Exfiltration. Start in zehn Stunden, Zusage bis spätestens in fünf Minuten.“
Sie runzelte die Stirn. „Fünf Minuten? Was soll der Stress? Wer ist der Vermittler?“
Kurt schüttelte den Kopf. „Kein Vermittler. Subcontract. Du sollst ein bestehendes Team bei einer Geiselrettung unterstützen.“
„Äh... okay? Und wer ist das Team?“
Sie sah, dass Kurt sich bemühte, keine Miene zu verziehen. Es gelang ihm nicht ganz.
„Die Klotzbrocken.“
Zehn Jahre später...
Das menschliche Gehirn war zwar nicht mehr der schnellste Rechner auf dem Planeten, aber immer noch der kreativste.
Dieses Wissen hätte den Anblick dessen, was sich in den Hallen auf Level B3 der unterirdischen Gefängniskolonie Langenmoor-Dornsode befand, nicht weniger grauenvoll gemacht – aber ihm zumindest einen sinnhaften Kontext gegeben.
Wie Larven in einem Bienenstock lagen sie dicht an dicht in länglichen, sechseckigen Kammern, eingebettet in neuronales Leitungsgel. Männer, Frauen und alles, was dazwischen existierte, reglos im Dunkeln schwebend, während die Elektroden auf ihren kahlrasierten Schädeln ihre Gehirne unter einem nie endenden Dauerfeuer aus kodierten Informationen hielten. Es waren Problemstellungen, die von irgendwo außerhalb des Gefängnisses per High-Speed-Link gesendet wurden, mehrfach verschlüsselt und dann in Häppchen zerlegt, gerade so groß, dass ein menschlicher Verstand, der auf Autopilot lief, nicht an einem Overload zugrunde ging. In den Köpfen der komatösen Strafgefangenen arbeiteten ihre Synapsen auf Hochtouren, um die angelieferten Rätsel in Bitform mit eben jener unkonventionellen, unnachahmlichen Kreativität zu lösen, die auch im Jahr 2069 das menschliche Gehirn zu Leistungen beflügelte, die selbst der schnellste Superrechner nicht imstande gewesen wäre, zu reproduzieren. Sie selbst bekamen davon freilich nichts mit. Lediglich leichte Kopfschmerzen mochten sie verspüren, wenn sie alle zwei Wochen aus ihren Tanks geholt wurden, die Gliedmaßen ein wenig steif trotz der elektrischen Impulsmanschetten, die durch künstliche Stimulation den Muskelapparat der Gefangenen auch während ihrer Schlafphasen an der Atrophie hinderten. Dann bekamen sie Essen – in flüssiger Form, denn mehr hätte ihr an Nährlösung gewöhnter Magen nicht verkraftet – und einige Stunden frische Luft. Sie saßen in einem ummauerten Innenhof, überwacht von Mikrodrohnen, zahllosen Kameras und einigen wenigen Wärtern, die in isolierten Wachtürmen weit über ihnen saßen, jederzeit bereit, sich manuell in Unterdrückungsgeschütze oder Jagddrohnen einzuklinken, um einen Aufstand zu verhindern.
Aber den hatte es, zumindest in diesem Teil von Langenmoor-Dornsode nie gegeben. Die Gefangenen der Bio-Neuro-Prozessor-Kategorie saßen nur herum, ins Leere starrend, die Hände lasch im Schoß gefaltet. Manche von ihnen hoben gelegentlich den Kopf, um zum Himmel zu blicken, und schlossen die Augen, wenn doch einmal, gnädigerweise, die Sonne für eine Minute hinter den dicken Smogwolken hervorblitzte, die vom weit entfernten Neumuntingen herangeweht wurden.
Dann gingen sie wieder in ihre Kapseln, und versanken für weitere zwei Wochen in der Bewusstlosigkeit unter blinkenden Schädelelektroden. Diese Gefangenen waren der Grund, warum die Strafvollzugseinrichtung Langenmoor-Dornsode landläufig auch als „Der Komposthaufen“ bezeichnet wurde – ein Ort, an dem passives Gemüse langsam vor sich hin gammelte. Die Insassen stellten Kalkulationen an, deren Zweck und Inhalt sie niemals kennen würden, wie ein billiges, aber hochgradig potentes Rechenzentrum. Für viele von ihnen war das mehr Leistung, als sie jemals zuvor im Leben erbracht hatten, und Steineklopfen war ja so 2030. Die Ergebnisse ihrer Arbeit wurden auf demselben Weg zurückgesendet, wie sie hereingekommen war, und landeten auf den Servern und Mainframes der Megakonzerne, die im Gegenzug an Richwein Security & Containment Concepts, die Betreiber der Langenmoor-Dornsode-Einrichtung, einen monatlichen Pauschalbetrag zahlten. Irgendwie musste man schließlich dafür sorgen, dass das Licht weiterbrannte.
Leah dachte jeden Abend darüber nach, sich nach B3 versetzen zu lassen. Und jeden Abend dauerten die Gedanken länger an, bevor sie endlich einschlief.
„Jo, Hackbraten!“
Die tiefe, krächzende Stimme riss sie aus ihrer Trance. Sie saß in dem trostlosen Raum auf Level B1, der laut des verblassten Metallschilds über dem Eingangskorridor die Kantine war. Wirklich unterscheiden konnte man ihn von anderen Räumen – dem Aufenthaltsraum, Trainingsraum oder Verhörzimmer – nur anhand der Einrichtung: Die schon seit einer Stunde wieder von Luzoplastlamellen verschlossenen Ausgabefenster in der Stirnwand des Saales und die mit neutraler Effizienz im Raum verteilten Reihen von Tischen und Bänken. Ansonsten war hier alles, wie auch im Rest des Komplexes, aus sterilem Ceton, bemalt mit einer fast mikroskopisch dünnen Schicht Versiegelungslack, um Blut und andere Flüssigkeiten einfacher wegwischen zu können. Leah hatte an einem der langen Tische gesessen, und außer ihr waren nur vier andere Inhaftierte in der Kantine gewesen.
Als die raue Stimme ertönte, verließen auch diese den Raum, und Leah war alleine mit den beiden Neuankömmlingen.
Eine der beiden Frauen war ein fast drei Meter großer Berg aus Muskeln, Sehnen und Aggressionsbewältigungsproblemen. Ihre Schultern, Arme und der Nacken waren zu derart festen Paketen hochgezüchtet worden, dass sie wirkten wie die fleischgewordenen Segmente eines Schildkrötenpanzers. Der vergleichsweise kleine Kopf der Strafgefangenen wies einen militärisch anmutenden Zentimeterhaarschnitt auf. In ihrer kantigen Nase steckte ein Ring aus Titan. Sie hatte den orangefarbenen Gefängnisoverall halb ausgezogen und um die Hüften zusammengeknotet, so dass das weiße T-Shirt darunter – so eng, dass es wie eine Vakuumverpackung an ihrem Torso festgeschweißt schien – ihre Bauch- und Brustmuskeln durchscheinen ließ.
Ihre Begleiterin war eine Elfe, wie unschwer an den spitzen Ohren, dem schlanken Körperbau und den Augen mit den riesigen Pupillen erkennbar war. Die sichtbaren Narben an der Stelle, wo künstlich gezüchtetes Knorpelgewebe aufgetragen worden war, um die Ohrmuscheln nach oben zu verjüngen, wies darauf hin, dass die kosmetische Operation in einer billigen Klinik ausgeführt worden war. Die fast grell türkisfarbenen Augen der Elfe musterten Leah von oben bis unten, die chirurgisch begradigten Lippen zu einem spöttischen Ausdruck der Geringschätzung verzogen. Der Overall hing an ihrem halb kurvenreichen, halb hageren Leib wie die sich ablösende Haut eines verschimmelnden Kürbisses.
„Ey, Hackbraten, ich rede mit dir!“, grunzte die größere der beiden Frauen. Leah seufzte und erwiderte ihren Blick.
„Was gibt's, Korn?“, fragte sie. Ihre Stimme klang müde.
Die muskelbepackte Frau verzog das Gesicht zu einem befriedigten Grinsen. Einer ihrer Zähne war, vermutlich mithilfe eines Lasermeißels, zur Miniaturversion eines Totenkopfs gefräst worden. Es war einer der oberen, so dass der Schädel falschherum hing.
„Ich hab' gehört, du hast noch was für mich, Hackbraten!“, feixte Korn.
„Ach ja?“ Leah machte sich nicht die Mühe, aufzustehen. Es hätte sie ohnehin nicht in eine bessere Position gebracht. „Sorry, da hat dir wohl jemand Müll erzählt. Mein Schutzgeld für diese Woche hast du doch schon bekommen.“
Korn verschränkte die massigen Unterarme. „Tja, aber mir hat ein Vögelchen gezwitschert, dass du 'ne Extraportion bekommen hast. Gute Führung, und so. Also schuldest du jetzt mir eine Extraportion, macht Sinn?“
„Macht Sinn“, wiederholte Leah murmelnd.
Immer wieder dieselben Sprüche. Dieselbe Gier, immer mehr, mehr, mehr... Ihre Sorte hab ich schon im Waisenhaus gehasst. Ich dachte, ich wäre solche Typen endlich los.
Sie griff nach ihrer Hüfte, hielt dann inne und blickte wieder zu den beiden Frauen auf. „Oh. Krass. Diese Overalls haben ja gar keine Taschen. Ist mir in den letzten zehn Jahren gar nicht aufgefallen. Tja, ich schätze, dann hab ich wohl doch keine...“
Die Hand, die sie an der Kehle packte, hatte die Ausmaße und Kraft eines industriellen Schraubstocks, fühlte sich aber wesentlich persönlicher an.
Korn brachte ihr von Nanoboostern entstelltes Gesicht bis auf wenige Zentimeter an das von Leah heran. Sie spürte, wie ihr Hintern von der Bank gehoben wurde.
„Hab dir schon tausendmal gesagt, mich verarschst du nicht, Hackbraten!“
Kann ja so wahr nicht sein, wenn du es mir immer wieder sagen musst, dachte Leah, aber sie bekam natürlich keinen Ton heraus. Beim Schlucken prallte ihr Kehlkopf schmerzhaft gegen den Mittelhandknochen der hünenhaften Mitinsassin. Sie warf einen Blick nach oben in Richtung einer der zahlreichen dreiachsigen Kameras, die unter der Decke der Kantine angebracht waren.
„Was?“, knurrte Korn belustigt. „Denkst du, die knipsen meinen Chip aus? Träum weiter, Hackbraten. Kein Zuschauer, kein Finger am Knopf. Keine Sau interessiert es, wenn ich dich hier komplett zerlege.“
„Sieh mal, Kleine, Korn hat doch nur dein Bestes im Sinn.“
Das war die säuselnde, von akribisch begradigten Stimmbändern herrührende Stimme der dünneren Frau. Obwohl sie scheinbar nicht das nötige Kleingeld gehabt hatte, um sich die melodiöse Zweistimmigkeit zu leisten, auf die die Reichen und Schönen bei einer Elfen-OP so abfuhren, klangen ihre Worte dennoch unmenschlich sauber und harmonisch.
„Sie ist doch so etwas wie deine Mutter hier drin. Sie tut alles, um dich vor den wesentlich unangenehmeren Zeitgenossen zu beschützen...“ Die Elfe lehnte sich so abrupt vor, dass Leah befürchtete – hoffte – dass ihre Wirbelsäule einfach unter der unerwarteten Bewegung abknicken würde wie ein billiger Ramen-Spieß.
„Und im Gegenzug erwartet sie nur, dass ihre Mädchen ihr ein bisschen vom Kuchen abgeben“, hauchte sie. Leah spürte, wie die feingliedrigen Finger der Frau ihren Overall abtasteten, nach verstecken Reserven suchten. An ihrem unteren Rücken verharrte sie. „A-ha!“ Der glockenhelle Ausruf klang beinahe verspielt. Sie grub die Fingernägel unter den Stoff und zog ein in transparente Folie gehülltes Päckchen von der Größe ihres Augapfels aus Leahs Gefängniskleidung hervor.
„Honigsoja“, grinste die Elfe. „Da hat wohl jemand in der Küche was für dich übrig.“ Ihr Gesicht war so nahe, dass Leah sich sicher war, ihr mit einem schnellen Handkantenschlag den Kehlkopf zertrümmern zu können, wenn sie nur gewollt hätte. Stattdessen zwang sie ihre Kiefer über Korns unnachgiebigem Würgegriff auseinander und presste hervor: „Gönn's dir, Juli... kannst ein paar Pfund extra gebrauchen, bei deinen knochigen Hüften...“
Die fast armdicken Finger schlossen sich fester um ihren Hals, bis sie das Knirschen von komprimiertem Gewebe durch ihre Knochen vibrieren hörte. Ihre Lunge brannte. Ihre Augen verdrehten sich nach oben, starrten in die von schimmligen Konturen umgebenen Rechtecke aus Licht in der Cetondecke und ertranken darin.
Los. Tu es. Bring es zu Ende.
Die prankenartige Hand ließ sie so plötzlich los, dass Leah rückwärts von der Bank fiel. Der Boden gab keinen Millimeter nach, sandte einen Schock durch ihre Schulterblätter. Keuchend zwang sie einen einzelnen, krächzenden Atemzug in ihre Lunge.
Der Schatten von Korn fiel auf sie. Der Muskelberg, vornübergebeugt wie ein prähistorisches Monstrum, verdeckte das Licht – der Schein der Deckenleuchten umrahmte ihre Silhouette mit einer staubigen Gloriole.
„Wir sehen uns nächste Woche, Hackbraten“, grollte sie.
Dann waren sie verschwunden. Leah blieb auf dem Rücken liegen. Es schien ewig zu dauern, bis sie aufhören konnte, manuell ihre Lunge mit Luft zu füllen, weil irgendetwas in ihrem zentralen Nervensystem entschieden hatte, diese Arbeit nicht mehr automatisch ausführen zu wollen.
Als die Welt endlich aufhörte, vor ihren Augen zu verschwimmen, drehte sie sich auf die Seite und stemmte sich mit den Händen vom Boden hoch. Ihr Blick fiel auf die Hosenbeine ihres Gefängnisoveralls, der ausgewaschene orangefarbene Stoff unterhalb der Oberschenkel verdreht, lasch und leer wie eine ausgepresste Wursthülle. Die Stümpfe, wo die staatlichen Chirurgen ihre vom Mech zerquetschen Knie abgetrennt und die Gefäße versiegelt hatten, pochten, als würde das Blut immer noch versuchen, einen Ausgang zu finden, der nicht mehr da war.
Sie lachte tonlos, schmerzverzerrt.
„Bis nächste Woche dann...“
Stützte die Hände auf den Boden, und schob sich nach vorne.
