Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Als nicht ganz alltäglicher Vater erlebt man mit seiner allerliebsten Tochter viele peinliche, lustige und schräge Momente. Hier eine Sammlung aus Kurzgeschichten, die das Leben schreibt. Mit viel Witz, Charme und Selbstironie. Peter Draxl hat eine 15-jährige Tochter, die Eltern leben getrennt. Der "alte Sack", der viel zu schnelle Musik hört, ein viel zu lautes Motorrad fährt und sich oft gar nicht wie ein erwachsener Mensch benimmt, erlebt so allerlei mit seinem wohlerzogenen Kinde. Egal ob bei Ausflügen, gemeinsamen Unternehmungen, im Urlaub, im Freibad, bei festlichen Anlässen, Konzert- oder Kinobesuchen, oder einfach nur im alltäglichen Haushaltswahnsinn – irgendetwas geht immer schief. Oft nur kleine, wunderbare Hoppalas, die jeder aus seinem eigenen Leben kennt, manchmal aber auch ziemlich gewaltige Pannen. Denn wir wissen: Die Pubertät setzt dann ein, wenn die Eltern schwierig werden. "Kindergeburtstag. Mein Kind schiebt einen Stuhl in die Mitte des Raums. Scheinbar hat sie etwas zu sagen. Es wird stiller. All eyes on her. Sie klettert auf den Stuhl, mit einem Zettel in der Hand, dem Selbstbewusstsein von Dwight D. Eisenhower und beginnt mit einem 'Bitte alle mal herhören.' Alle Selbstmord oder Fluchtgedanken weichen brennender Neugier. Was bitte hat dieser Stoppel jetzt vor? 'Also, ich hab hier eine Liste vorbereitet und erzähle euch jetzt, wen ich mag, wen ich nicht mag, und wen ich ganz besonders mag.'" (Aus: Peter Draxl, Kindergeburtstag Desert Storm)
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 172
Veröffentlichungsjahr: 2018
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
PETER DRAXLgeb. 1970 in Villach. Erlernte das solide Handwerk des Industriekaufmanns, widmete sich jedoch bald seinem liebsten Hobby: der Musik. Head of Domestic Marketing bei EMI Records. Nach dem Verkauf des Unternehmens setzte er seine Karriere bei Universal Music Austria fort und erklomm die Karriereleiter bis ins Top-Management. Teil der Karriereschmiede großer Stars, von den Rolling Stones bis U2. Vor zwei Jahren verließ er die Konzernwelten und ist seitdem in der Kommunikation tätig, schreibt und fotografiert für sein Leben gern, wenn er nicht gerade auf seiner Harley Davidson die Welt bereist.
PROLOG
DIE HOHE KUNST DER SCHLICHTUNG
TATTOO FOR YOU
KINDERGEBURTSTAG DESERT STORM
HIGHWAY TO HELL
AUSPUFFSNEAKER
MEERSCHWEINCHENLOCKE
ICH BIN DER KÖNIG DER WELT
CON(TRO)VERSE
SABBER RANKS
BITTE, DANKE, AMEN
ESSIGSPAGHETTI
BELLENDER WISCHMOB
ELEFANT IM THEATERLADEN
FRÄULEIN SMILLAS GESCHWÜR AM ZEH
THANK YOU, STEVE?
DARMSPÜLUNG LIGHT
KOFFERKIND
THE GREAT ONE
DER WOLLFILZPULLOVER
UND WIE DU WIEDER AUSSIEHST
MENTALIST IM KÄFER
BLOOD, SWEAT & TEARS
HOLZSCHILDKRÖTE
REQUIESCAT IN PACE
KINDER AN DIE MACHT
SPIEL MIR DAS LIED VOM BROT
DER MEROWINGER
SCHNEEWITTCHEN UND DIE ACHT ZWERGE
MEIN BAC, DEIN BAC
WER IST DER KERL?
DIE OSTERHAUBE
SUMMEN VERBOTEN
NACKTE TATSACHEN
FLYING DACHS
STIRB LANGSAM
BODENLOSE FRECHHEIT
O FICHTENBAUM
GOD GAVE ROCK’N’ROLL TO ME
WASSER MARSCH!
KEINE FOTOS, BITTE
RHONCHOPATHIE – NEIN, DANKE
WENN DER CHRISTMANN ZWEIMAL KLINGELT
HOW MUCH IS THE FISH?
LOOK, BUT DON’T TOUCH
EINEN HAB ICH NOCH
EPILOG
FÜR DAS BESTE KIND DER WELT
Liebe Leser, die ihr bis jetzt durchgehalten habt, willkommen im Club der erziehenden Erwachsenen. Dieses Buch ist für euch, es soll Spaß und Freude bringen. Ihr werdet euch bestimmt in der einen oder anderen Geschichte wiederfinden. Und das Buch gehört bitte aufs Nachtkastl. Damit die schweren Gedanken am Ende eines harten Arbeitstages einem sanften Grinsen im Gesicht weichen. So schläft sich’s auch besser. Und in gedruckter Form kann man damit ausgezeichnet Gelsen erschlagen.
Nehmt euch selbst und diese Welt nicht zu ernst. Das machen alle anderen schon mit extremer Hingabe. It’s all about having fun.
Schreiben will gelernt sein. Oder man schreibt einfach jahrzehntelang. So lange, bis man es endlich flüssig lesen kann und auch versteht.
Was ich hier mache? Ich schreibe. Ein Buch. Ja, ein Buch! Da gibt’s überhaupt nichts zu lachen, ja, ich schreibe ein Buch. Was heißt, ich kann überhaupt nicht schreiben? Was heißt hier, so gut wie ich eislaufen, reiten oder Schlagzeug spielen kann?! Ich hab schon geschrieben, da hast du Jacke und Hose noch in einem Stück angezogen! Was soll das Gelächter jetzt? Klar erscheint das. Glaubst du, ich mach das, weil mir so fad im Schädel ist? Im März. Natürlich nächstes Jahr, wir haben schon August, Kind Gottes. Da ist der Vertrag, schau, unterschrieben, alles rechtens. Da gibt’s überhaupt nichts zu grinsen.
Um eine unnötige Diskussion mit einer fast schon 15-Jährigen vorzeitig zu beenden, krame ich in alten Zeitschriften herum.
5 Jahre alt, 10 Jahre alt, 15 Jahre alt. Ich hole alte Kinomagazine hervor. Alles schön geschlichtet. Chronologisch.
Da schau, das hat dein Vater geschrieben. Wer? Was heißt hier wer? Na ICH. Logisch steht da ein anderer Name drunter, so etwas nennt man Pseudonym. Das ist so etwas wie ein Künstlername. Nein, ich BRAUCHE keinen Künstlernamen, ich wollte einfach nicht unter meinem echten Namen. Was ist da jetzt schon wieder so lustig? Klar war das ich! Glaubst du, ich erzähle dir hier irgendwelche Märchen?
Ich krame weiter. Tiefer. Älter. Uralt.
Da hier, ein alter Jerry-Cotton. Ich hab den mal eingereicht. Ja, natürlich, nach dem Ersten Weltkrieg … Nein, DAVOR! Wann sonst. Ich hab sogar mal einen Preis bekommen. Ich weiß selber nicht mehr, welchen, und ich finde ihn auch nicht mehr. Das ist überhaupt nicht peinlich, weißt du eigentlich, wie oft ich umgezogen bin? Da verliert man schon mal Zeug. Waas? So wie ich DICH damals beim Rodeln? Ich hab dich nicht verloren, DU bist runtergefallen! Jerry Cotton ist ein FBI-Agent in New York. Der einen roten Jaguar fährt. Ja, fast wie James Bond. Nein, ich hab keinen James Bond, ich hab einen Jerry Cotton geschrieben, hörst du mir eigentlich zu? Nein, veröffentlicht worden ist der nie. Da bin ich noch ins Gymnasium gegangen. Ja, stell dir vor, damals gab’s tatsächlich schon Schulen. Wohl in der Witzkiste geschlafen heute? Weißt du eigentlich, wie jung ich noch bin? Sag jetzt bitte nichts Falsches.
Nein, ich werde nicht bald sterben, ich bin kerngesund und sehe aus wie Mitte 30! Wenn du nicht bald mit der Kuderei aufhörst … ich schwöre dir … (grinst selbst). Okay, okay, irgendwann hör ich sicher mit dem Rauchen auf. Aber heute – nicht. Jaaaa … ich hab’s dir zum 10. Geburtstag versprochen. I know. Ich hab ja auch aufgehört. Fast einen ganzen Tag lang …
Weiter wird gekramt. Irgendwas meiner geistigen Ergüsse werde ich doch wohl noch finden in dieser unnützen Schachtel, die nur noch von Tixostreifen zusammengehalten wird.
Ah. Da ist es ja. Das war mein erster Roman, »Nusspalatschinken. Ein Liebesroman«. Eigentlich eine urtraurige Geschichte. Leider ist mir der PC damals verreckt und der Roman war dahin. Es gibt nur diesen einen Ausdruck, und da fehlen ein paar Seiten. Ich finde das jetzt gar nicht witzig. Du kannst ihn ja abschreiben, wenn du Lust hast, dann lernst du endlich das 10-Finger-System. Hahaha. Ja, genau. Du kannst überhaupt alles. Du kannst sogar Gitarrespielen, nur weil du viermal eine Kindergitarre in der Hand gehalten hast. Ich kenne dein 2-Finger-System. Damit wirst du nicht weit kommen. Ich? Ich schreibe blind. Inklusive Nummernblock.
Um was es eigentlich geht? Im Buch geht’s um dich und mich. Lustige Erlebnisse, Kurzgeschichten, alles, was wir so gemeinsam angestellt haben. Okay, wenn du so willst: alle meine Peinlichkeiten. Aber auch deine! Da fallen mir genug ein. Zum Beispiel die Geburtstagsfeier damals, als du deine Schulkollegen öffentlich hingerichtet hast. Oder wie du am Ende der 4. Klasse Volksschule den armen Kerl zusammengeschlagen hast. Hahaha. Brauchst gar nicht so zu schauen. Ich fand’s lustig. Magst du mir bitte helfen? Mein Erinnerungsvermögen ist das beste nicht, ich hab da hin und wieder Lücken. Nein, das ist nicht der Kalk! Das ist einfach weil … ich war halt viel unterwegs … Weißt du eh. Und der ganze Stress. Was heißt hier betrunken, wann war ich bitte in deiner Gegenwart besoffen? Ja. Ich hab laut Musik gehört, na und? Natürlich singt man da auch manchmal dazu, wenn es einem gefällt. Machst du das nie? Na also. Das war kein Getanze, ich hab Luftschlagzeug gespielt. Nicht im Ernst. Du wirst doch wohl wissen, was eine Luftgitarre ist? Und das ist eben Luftschlagzeug. Was lernt ihr eigentlich in dieser sündhaft teuren Schule?
Gut. Ich gebe also auf, Goldlöckchen zu erklären, dass ich hier und jetzt ein Buch schreibe. Die wird sich noch wundern. Ihre handsignierten Exemplare ziehe ich ihr nämlich vom Taschengeld ab! Panem et circenses.
Es gibt keine Midlife-Crisis. Das ist eine Erfindung von Gail Sheehy, einer Autorin, die Mitte der Siebziger ein fragwürdiges Buch schrieb. Alles nur Erfindung! Aus, basta.
Wenn man den Vierziger mal souverän überschritten, die zweite Metabolic-Diät hinter sich hat und zu joggen beginnt, dann ist was faul im Staate Dänemark. Shakespeare, Hamlet. Meint man. Stimmt aber nicht.
Ab einem gewissen Alter erkennt man eigentlich nur, dass das, was man sich mit in jungen Jahren als Leben vorgestellt hat, die letzten 20 Jahre eigentlich nur noch ein Herumgefahre in unsinnigen Klamotten und teurem Auto von einem Hamsterrad zum andern war. Karriere. Geld. Macht. Einfluss. Wie schaffen es andere, sich Netflix-Serien anzusehen? Bücher zu lesen?
Lifestylechange in 5 – 4 – 3 – 2 …
Ich erfülle mir also einen Jugendtraum und forsche den besten Tätowierer der Stadt aus. Sagt man ihm nach. Dort einen Termin zu bekommen, ist schwieriger, als Barack Obama zu einer Sonntagsgrillage nachhause einzuladen. Ich finde einen »Fürsprecher« – ja, so was braucht man, um in die heiligen Hallen (einen finsteren Keller ohne Licht und Luft) vorgelassen zu werden.
Nach dem Lokalaugenschein meiner Person und ein paar prüfenden Fragen, die meiner ernsthaften Absicht und Zurechnungsfähigkeit gelten, gestattet mir der Künstler, eine Handvoll Termine mit ihm auszumachen. Gnädigsten Dank, Euer Durchlaucht. Endlich kann ich meinen verwelkenden Körper mit Kunst verzieren.
Der erste Termin verläuft erstaunlich entspannt. Ich bin vorbereitet wie Robbie Williams auf eine Stadiontour. Weiß ganz genau, was ich will, habe ein Konzept, einen Plan, Ideen, ich habe gegoogelt, gepinterest, gefacebookt, geinstagramt, alles ausgedruckt, alles mit, eine Mappe voller Ideen. Der Meistertätowierer findet zwar 99,8 % meiner Mappe zum Schmeißen, aber meine Ansätze super und zeichnet mir mit Lippenstift grob, aber elegant eine Skizze auf die Schulter. Mit der Selbstverständlichkeit und Zielsicherheit eines Michelangelo.
Beeindruckt unterwerfe ich mich dem genialen Geist. Obgleich das Werk ganz anders aussieht als geplant, fühle ich mich verstanden wie selten zuvor.
Die Naglerei dauert Stunden, in der Halbzeit stellt sich so was wie eine Schmerztrance ein, vielleicht liegt’s auch am Luftmangel, an den Rauchschwaden, die nicht von Trafikwaren herrühren, ich bin auf jeden Fall nur noch halb anwesend und durchlebe derweil die Oberstufe Realgymnasium noch einmal. Lustig war’s, bis auf den einen Vollspacko, dem ich nach ewigem Getrieze leider einen Vorderzahn ausschlagen musste. Der just in meiner Faust stecken blieb.
»So!«, meint der Meister nach Ich-weiß-nicht-wie-langer-Zeit, wischt mir das Blut und den Lippenstift von der Schulter und stützt mich etwas knieweich zu einem Spiegel. Herr im Himmel, ist das schön! Das hätte ich mir selber nie vorstellen können! Ich zahle, was immer er verlangt, werde eingecremt und foliert und trolle mich Richtung Heimat. Stolz. Erfreut. Blutend. Schmerzerfüllt. Das ist das Leben! Ein Jugendtraum wird wahr.
Und jetzt bitte noch das beeindruckte Gesicht einer 13-Jährigen, die mich als coolste Vatersocke aller Zeiten bewundert. Glück, ich komme.
Daheim angekommen, dringe ich ins Kinderzimmer vor, packe mich aus, rupfe mir Folie samt Klebestreifen vom Schulterstück und präsentiere stolz die Sixtinische Kapelle des ungarischen Michelangelo auf meiner linken Schulter.
Nach kurzem Interesse zerfällt das kleine Gesicht meines Kindes in seine Einzelteile, die Gesichtszüge entgleisen ihr schlagartig, und anstatt Lob und Anerkennung als Ausdruck wiederzufinden, erspähe ich blankes Entsetzen.
»Ist das ein echtes Tattoooo …?«, werde ich mit leicht genervter Stimme gefragt.
Nanonaned. Das ist ein Abziehtattoo aus der Bravo, das ich mir mit Spucke auf die Schulter geklatscht hab.
»Klar«, antworte ich etwas verunsichert vorsichtig. »Voll echt. Und das ist erst der Anfang, die andere Schulter wird noch besser!«
Aus dem Entsetzen wird unheilvolle Ablehnung. Ich höre mir an, was ein Drittklässler, Unterstufe einer katholischen Privatschule, von echten Tätowierungen, Piercings, generell von Alkohol- und Nikotinkonsum und lautem Musikhören eigentlich hält.
»… und das in DEINEM Alter!«
In MEINEM Alter? Wie bitte? Mein Leben fängt doch grad erst an, du Halbling, Hobbit, du Spießer aus einer »Klosterschule« mit Schuluniform und Vollkornbrotjause. Was soll eigentlich mal aus DIR werden, wenn du groß bist?
Jetzt nicht nachdenken. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Und nach der zweiten Schulter kommt der Rücken auch noch dran. Bis der Exorzist der Ursulinen ausrückt. Ende der Diskussion!
Man fragt sich, was einem lieber ist. Einen Kindergeburtstag durchzustehen oder in den Irak einberufen zu werden, um Kuwait zu retten. Ich kann mich ernsthaft nicht entscheiden.
Drehen wir das Rad der Zeit doch ein wenig zurück und den Spieß um. Es gibt auch Momente im Leben eines Vaters, wo nicht ER ein Glanzstück zum Gaudium oder Entsetzen seines Nachwuchses hinlegt, sondern wo das Töchterlein aufzeigt und sich binnen weniger Sekunden disqualifiziert. Und zwar radikal.
Kindergeburtstag.
Wer kennt das nicht? Die Einladungsliste ist elendiglich lang, die ganze Schule muss kommen, nein, der ganze Bezirk, es wird runtergestrichen, zusammengestrichen, diskutiert, gemault, verhandelt. Was tun mit den Eltern? Manche liefern ihren Balg nur ab, manche wollen dableiben, wer bleibt, wer geht? Man weiß es nicht, muss aber vollständig vorbereitet sein.
Getränke, Essen, Wegwerfgeschirr, keine spitzen Gegenstände, Haustiere in Sicherheit gebracht, bunte Girlanden, Luftballons, die Wohnung komplett umgeräumt, um eine Mischung aus Heurigenbuffet und Kinderspielplatz zu errichten. Die Nerven liegen blank. Vor meinem geistigen Auge tauchen Horden randalierender Kinder auf, die eine Schneise der Verwüstung durch die gesamte Behausung ziehen.
Darauf ein Fläschlein Bachblütentropfen, weg mit der Pipette, ex rein damit. Die Wirkung ist etwas kärglich, aber spürbar.
Es klingelt. Es geht los, die Ersten treffen ein. Es klingelt andauernd, es hört nicht mehr auf zu klingeln, warum hält sich denn keiner an die Uhrzeit auf der Einladung, sie strömen in Massen zur Geburtstagsparty, und die meisten der Eltern wollen auch noch bleiben. Bitte, wo sind die Bachblütendragees? Ich hab doch noch welche!
Man labt sich an Schnitzel, Frankfurter, Weißbrot, an Säften und Wasser. Die Geräuschkulisse ist ohrenbetäubend, ein Rammstein-Konzert ist angenehmer. Die Kinder fetzen durch alle Räume, wo sie keinen Zutritt haben, die Erwachsenen unterhalten sich, und ich will bitte jetzt und gleich in den Golf einberufen werden. Ruhe, Frieden (?), Wüste. Auch wenn ich mit einem Hammer Landminen entschärfen muss, bitte holt mich gleich einer ab.
Der Gabentisch quillt über vor lauter Mitbringsel, die kein Mensch braucht, es ist alles zu viel, im Hintergrund plärrt noch der CD-Spieler irgendwelche stumpfsinnigen Kinderlieder mit ewig gleichen Reimen und Refrains, doch bevor ich endgültig zum Handy greife und die US Navy Seals um Rekrutierung bitte, passiert etwas Wunderbares. Etwas Einzigartiges.
Mein Kind schiebt einen Stuhl in die Mitte des Raums. Scheinbar hat sie etwas zu sagen. Es wird still. All eyes on her. Sie klettert auf den Stuhl, mit einem Zettel in der Hand, dem Selbstbewusstsein von Dwight D. Eisenhower und beginnt mit einem: »Bitte, alle mal herhören!«
Alle Selbstmord- oder Fluchtgedanken weichen brennender Neugier. Was bitte hat dieser Stoppel jetzt vor?
»Also, ich hab hier eine Liste vorbereitet und erzähle euch jetzt, wen ich mag, wen ich nicht mag, und wen ich ganz besonders mag …«
In diesem Moment einen Schluck vom O-Saft zu nehmen, ist keine gute Idee, ich verschlucke mich, ich ersticke fast daran, ich pruste das Gebräu lautstark auf die Wand hinter mir. Ernst jetzt?
Ja.
Sie zieht das durch und liest mit der Ruhe einer Literatin ihre Like- und Unlike-Liste vor. Als ich wieder halbwegs Luft bekomme, beginne ich schallend zu lachen, die vorher aufgestaute Anspannung potenziert sich zu fassungsloser Hysterie, kann bitte jemand »Klappe, Take im Kasten« rufen? Die Coen-Brüder zum Beispiel wären jetzt passend.
Am Ende ihrer Liste steigt sie selbstbewusst von ihrem Sesselthron und tut auf völlig normal. Es ist leise geworden. Um nicht zu sagen gespenstisch ruhig. Nur langsam setzen wieder zaghafte Gespräche ein, die Verwunderung ob dieses meisterhaften Kommuniqués ist den Gästen mit Hammer und Meißel ins Gesicht gehauen. Das Geburtstagskind beginnt zu erkennen, dass vielleicht irgendetwas nicht stimmen könnte. Ich gehe sanft zu ihr hinüber und bringe mich auf Augenhöhe.
»Kind, das kannst du doch nicht machen, das ist doch urpeinlich, du kannst doch nicht deine geladenen Gäste öffentlich hinrichten.«
Ich ernte ein Nasenrümpfen gepaart mit einem aufblitzenden Funken der Erkenntnis in diesem kleinen Gesicht.
»Das Einzige, was peinlich ist, ist, dass DU die Wand angespuckt hast.«
Sie dreht mir den Rücken zu und fort ist sie. Sind wir quitt? Nein, ich glaube nicht. Zwischen sich verschlucken mit einer nachfolgenden kleinen O-Saft-Explosion und einer öffentlichen Anprangerung ist ein feiner Unterschied. Aber Respekt, kleines Fräulein, diesen Mut wünschte ich mir bei so mancher Parlamentssitzung.
Jeder braucht ein Hobby. Auch wenn es noch so sinnentleert, peinlich, unnötig und unpassend ob des hohen Alters scheint. Hauptsache, Spaß.
Es war einmal in einer lauen Sommernacht. Zwei wohlgelaunte Ritter saßen zu Hofe in einem Lustgärtchen und frönten ihren Schoppen. Und es ward nicht einer, nein, es waren derer viele. So geschah es, dass die stolzen Edelmänner bei Anbruch der Dunkelheit in allerlei lustig Gedankenspiel eintauchten, um am Ende einen goldenen Plan zu schmieden. Medievale Musik solle gemacht werden, auf dass sie das Ohr erfreue und das Auditorium juchzend und jubilierend Beifall zölle.
Wir waren an diesem Abend zwar hackedicht, konnten uns aber am nächsten Tag trotzdem noch erinnern, einen Studiotermin vereinbart zu haben. Mein Freund spielt seit circa 3 Monaten Gitarre, und ich bin etwa seit 25 Jahren nicht mehr vor einem Schlagzeug gesessen. Und damals war ich schon ziemlich schlecht. Autodidakt. Im Keller eines Schulfreunds haben wir wild auf Becken, Bass Drum, Snare, Hi-Hat und Tomtom eingeprügelt und versucht, Songs von Genesis nachzuspielen. Um der Selbstüberschätzung noch die Krone aufzusetzen, entstand anschließend eine Band, die es wie keine andere verstand, einen Turnsaal in Sekundenbruchteilen leerzuspielen. Ich war Phil Collins, by the way. Drums und Gesang … (Punkte, sehr viele Punkte jetzt).
Ausgemacht ist ausgemacht, und so treffen wir uns an besagtem Wochenende im Tonstudio unseres Vertrauens und versichern uns schnell, dass die Kammer im Keller hundertprozentig schalldicht und auch nicht videoüberwacht ist.
Ha! Ich richte mich auf dem Platzerl hinter den Trommeln ein. Bis die Hockerhöhe passt, die Pedale der Bass Drum (das ist die große dicke auf dem Boden, die man mit dem rechten Fuß spielt) richtig liegen, die Becken (diese goldenen, verkehrten Riesenteller) meinen Schwung auf die Snare (die Rhythmustrommel) nicht mehr stören und das Hi-Hat (das Auf-und-zu-Dingens, das mit dem linken Fuß bedient wird) in der richtigen Höhe festgeschraubt ist, vergeht schon mal die erste halbe Stunde. Diese Zeit braucht mein Kollege auch, um den richtigen Stecker in das richtige Loch des richtigen Marshall-Verstärkers zu stopfen, damit die Gretsch (ein Gitarrenmodell, u. a. auch von Malcolm Young von AC/DC verwendet) auch richtig fetzt. Rasieren muss so eine Gretsch! Wenn man das Gesicht vor den Verstärker hält, müssen die Bartstoppeln fliegen, erst dann ist es gut.
Eingerichtet. Jetzt noch das iPad mit dem Playback drauf zum Nachspielen in den richtigen AUX-Eingang gepfriemelt, und es kann losgehen.
Es geht auch los, aber so was von.
Meine motorischen Fähigkeiten haben in den letzten Jahren anscheinend etwas nachgelassen. Vier Gliedmaßen einzeln zu koordinieren und aus dem Cortex praefrontalis heraus anzusteuern, ist schwieriger als gedacht. Die Schienbeinmuskulatur, nötig für eine satte, treibende Bass Drum, habe ich leider zuhause vergessen. Es ist ein Desaster! Ich finde weder Rhythmus noch Technik noch Tempo. Derweil das E-Gitarrengeschrumpel aus der anderen Ecke des Studios einer Kreissäge gleicht, die permanent schreiende Katzen durchschneidet. Immer und immer wieder, eine nach der anderen.
Effektgerät justieren. Rauchpause. Wir starren uns mit hochroten, verzweifelten Gesichtern an. Ich hab meinem Goldlöckchen gesagt, länger als 1-2 Stunden wird’s hier nicht dauern, sie soll nachkommen, dann gehen wir gemeinsam auf den Markt bummeln. Bitte, die darf mich so nicht sehen, ich entmaterialisiere mich, ich verstecke mich im Marshallturm, ich lasse sie blitzdingsen, whatever, bitte nicht in dieser erbärmlichen Selbstdeklassierung. Wir reißen uns jetzt zusammen, das darf doch nicht wahr sein!
Zwei Männer, ein Wort. Und wir reißen uns. 90 Minuten lang höchste Konzentration. Ein und dieselben zwei Minuten, immer und immer wieder. Wie Maschinen, RoboCops, Terminatoren, Rambos. Wir haben eine Mission, ein Ziel, einen Auftrag. Eine Minute mit erträglichem Sound werden wir doch wohl schaffen. 30 Sekunden? Oder? Die Kleidungsstücke werden weniger, die Rauchschwaden mehr. Es ist heiß, es ist stickig, aber es liegt ein unbändiger Willen zum Sieg, zum Erfolg in der Luft.
Und da. Endlich! Es ist so weit! Wir haben UNS gefunden, wir sind im Takt, jeder spielt (in etwa) dasselbe, es klingt verkraftbar, keine groben Schnitzer, nur leichte Aussetzer. Eine halbe Minute, eine Minute, eineinhalb Minuten – bis mir ein Wadenkrampf den Heureka-Moment zerstört.
Stille. Ich höre ein mir sehr vertrautes Lachen dumpf aus dem Hintergrund. Prüfender Blick zur Tür. Aus einem kleinen offenen Spalt lugt das Gesicht meines Lieblingszwergs hervor, es grinst wie Enrico, der Clown, und kudert wie ein kaputter Lachsack.
»Das nennt ihr Musik? Hahaha … das ist einfach nur … hahahaha.«
So. Jetzt hau dir mal die Tür vor der Nase zu. Frechheit! Du wartest jetzt draußen, dort beim Automaten gibt’s ein Fanta, und Pause jetzt.
In meinem geistigen Ohr höre ich sie immer noch durch die schalldichte Tür kreischend lachen. Zur Hölle, das darf doch nicht … Wir machen jetzt weiter, und zwar so lange, bis wir klingen wie das verdammte Playback. Und wenn wir am Dienstag noch da sitzen.
Zwei Männer, ein Wort – auf dem Highway zur Hölle. Zeitsprung – Dienstag. Nein, Scherz.
Schuhe muss man hin und wieder putzen. Dr. Martens sind irgendwie selbstreinigend, die Sneakers meiner Prinzessin jedoch nicht.
Bei Vans denke ich sofort an einen Auspuff. Vans & Hines. Die Auspuffmarke für Harley-Davidson-Fahrer. Die mit dem satten Klang und dem höllischen Knattern, wenn man die Dämpfer entfernt. Die man kilometerweit hört und die erst so richtig geil klingen, wenn man durch einen Tunnel fährt. Dann brummt einem unter dem schalldichten Helm selber der Schädel. Vor Freude.
