Papierschiffchen am Horizont - Ariane Meinzer - E-Book

Papierschiffchen am Horizont E-Book

Ariane Meinzer

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Beschreibung

Die Berliner Lesebühnenautorin Ariane Meinzer navigiert in ihren kurzen Erzählungen stilsicher durch die Genres: Liebesgeschichte, Märchen, Mystery, Sci-Fi, Lebensbeichte, Fabel und Satire. Am Ruder lösen sich Humor und Melancholie ab, die Segel setzt die Poesie, Kurzweil ist der Kompass. Doch wohin es die Besatzung der 25 Geschichten letztendlich verschlägt – über den Rand der Welt, in die entgegengesetzte Richtung oder in den sicheren Hafen – ist immer erst am Ende abzusehen. Heuern Sie doch auch auf einem der Papierschiffchen an! Dann sind Sie zwar nicht immer in guter, aber in durchweg origineller Gesellschaft. Denn an Bord befinden sich Feuerteufel und Eiskunstfahrer, Widerstandskämpfer und Buchhändler, Bioinformatikerinnen und Träumer, ja sogar der Kaiser von China. Und natürlich sind auch ein paar Ratten mit von der Partie. Aber selbst diese sind etwas ganz Besonderes.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB

Seitenzahl: 208

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Edition Mundwerk
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Ariane Meinzer

Papierschiffchen am Horizont

Erzählungen

periplaneta

ARIANE MEINZER: „Papierschiffchen am Horizont – Erzählungen“ 1. Auflage, Dezember 2021, Periplaneta Berlin, Edition MundWerk

© 2021 Periplaneta - Verlag und Medien Inh. Marion Alexa Müller, Bornholmer Str. 81a, 10439 Berlin periplaneta.com

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, Übersetzung, Vortrag und Übertragung, Vertonung, Verfilmung, Vervielfältigung, Digitalisierung, kommerzielle Verwertung des Inhaltes, gleich welcher Art, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags. Die Handlung und alle handelnden Personen sind erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit realen Personen oder Ereignissen wäre rein zufällig.

Lektorat: Marion Alexa Müller Cover, Satz & Layout: Thomas Manegold Vorwort: Helene Mierscheid print ISBN: 978-3-95996-217-9 epub ISBN: 978-3-95996-218-6

Für meine Mutter,

der ich die Liebe zum Erzählen

und die Ermutigung zum Schreiben verdanke

Vorwort

Ariane Meinzer und ich begegneten uns vor fast 20 Jahren zum ersten Mal im Schatten des Berliner Reichstages. Sie schickte sich damals an, in der Politik zu arbeiten, wo ich schon einige Jahre tätig war. Ich ging dann bald in die Freiberuflichkeit als Autorin und Kabarettistin. Ariane fand hingegen eine gute Stelle, blieb, und obwohl die Arbeit in der Politik mehr als ein Fulltime-Job ist, nahm sie sich die Zeit, Geschichten zu schreiben und mit den Unerhörten eine wunderbare Lesebühne zu gründen und zu leiten.

So fanden wir uns wieder, als sie mich vor einigen Jahren zum ersten Mal einlud, als Gastleserin mit dabei zu sein.

Die Unerhörten nennt Ariane selbst einen »Hidden Champion« der Berliner Lesebühnenszene. Für mich ist diese Lesebühne eher ein Leuchtfeuer, da sie sich in Themen und Vortrag dem typisch schnodderigen Lesebühnensound der Szene entzieht und damit eine eigene Vielfalt lebt.

Es gibt von den Unerhörten bereits einen schönen Sammelband und nun legt Ariane endlich ihr erstes eigenes Buch mit ausgewählten Erzählungen vor. Ich kann nur sagen: Das wurde auch mal Zeit, denn Ariane ist für eine Nebenberufsautorin nicht nur ungeheuer produktiv, ihre Erzählungen sind auch einfach großartig.

Es ist Zeit für dieses Buch, weil ihr Stil einzigartig ist, und genau das macht einen guten Autor, eine gute Autorin aus: der unverwechselbare Stil, die eigene Sprache.

Arianes Geschichten zeichnen sich durch eine genaue Beobachtung, einen klaren Blick unter Oberflächen und die großen Liebe zu Momentaufnahmen aus. Aus diesen entspinnt sich stets eine große Geschichte. Ihre Sprache ist dabei wunderbar poetisch, sodass aus Alltagssituationen kleine literarische Kunstwerke entstehen, die nicht nur für sich existieren, sondern für Hörer und Leser ungeheuer unterhaltsam sind. Die Grenze zwischen Realität und Märchen ist bei Ariane Meinzer fließend und immer fließend schön.

Wer wie ich in seiner Kindheit Märchen kennen und lieben lernen durfte, behält tief in sich den Glauben an das Wunderbare im Leben. Diesem Glauben, dieser Erwartung gibt Ariane Meinzer in ihren Erzählungen Raum – auf leise, lakonische, selbstverständliche und dabei immer auch humorvolle Art.

Dieses Buch ist eine zauberhafte Perle, die – genau wie Arianes Lesebühne – aus dem normalen Literaturbetrieb hervorschimmert. Deshalb möchte ich Ihnen, liebe Leserin und lieber Leser, die Erzählungen von Ariane Meinzer ans Herz legen.

Doch halt – das muss ich ja eigentlich gar nicht mehr, denn Sie haben gerade dieses Vorwort schon fast bis zum Ende gelesen. Damit halten Sie also dieses Buch schon in der Hand. Das ist eine gute Entscheidung!

Damit will ich es hier auch mit den Vorwörtern bewenden lassen und wünsche Ihnen viel Freude bei der Lektüre dieses herrlichen Erzählbandes. Lassen Sie sich verzaubern.

Herzlich

Ihre

Helene Mierscheid

Mademoiselle Milou

Als ich Milou das erste Mal sah, saß sie auf der Bank wie das einzige Wort auf einer weißen Seite Papier. Ich hatte jene Bank bis zu diesem Tag als meine persönliche betrachtet und sie befand sich gegenüber des Eingangs zum Einkaufszentrum. Eine schüchterne Einladung zur Rast, die aber niemand dort bemerkte, weil hier alle Wege am parkenden Auto begannen und im Eingangsschlund des Zweckbaus endeten und umgekehrt. Wege, die keine Ausfahrt in Richtung Ruhe vorsahen.

Genau deshalb kam ich seit Beginn des Frühlings immer wieder dorthin. Um der Bank ihren Sinn zu versichern, um meinen Kaffee zu trinken und über Stunden meine Blicke und Gedanken wie Fische in den Fluss aus Autos, Menschen und Zeit zu werfen. Manchmal brachte ich mir auch etwas zum Essen mit oder Bücher und fühlte mich wie der Wächter über etwas, das dieser Ort schamhaft vor mir verbarg.

Dass manche Menschen wie die Mitarbeiter des Centers mich für einen Obdachlosen hielten, hatte mich anfangs noch etwas gestört. Ich nahm es ihnen aber nicht übel, zumal der Vorbesitzer meiner Bank im Gegensatz zu mir nichts weiter besessen hatte als sein Leben, ein paar wenige Habseligkeiten in einer Plastiktüte und eben die Bank am Parkplatz.

Über die Wochen, in denen das Ab und An meiner ersten Besuche zur Regelmäßigkeit reifte, hatte ich das Gefühl, so sehr mit dem Ort eins zu werden, dass man mich nicht mehr sah. Die Bank und ich existierten nur noch im toten Winkel der Nachmittage und das war mir gerade so recht.

Umso mehr verstörte mich schon von Ferne der Anblick der Frau auf meiner Bank. Sie saß dort so kerzengerade, als hätte sie sich gerade aufgerichtet, um etwas Wesentliches zu sagen. Sie sagte aber nichts, sondern schaute aufmerksam auf einen Punkt irgendwo dort, wo der Himmel über dem Center begann und balancierte auf ihren Knien einen Porzellanteller mit einem Stück Apfelkuchen. Sie war vielleicht 35 Jahre alt, sehr zierlich von Statur und hatte ein hübsches Gesicht, welches ohne das große Feuermal auf der linken Wange engelsgleich gewirkt hätte. Das Kleid, das sie trug, grüßte den fliehenden Sommer, aber ihre Füße versteckten sich vor dem Herbst in alten Gummistiefeln.

Trotz ihres seltsamen Äußeren und ihrer unverzeihlichen Eroberung meiner einsamen Insel empfand ich auf einmal ein großes Vergnügen bei dem Gedanken, mich neben sie zu setzen, wie zufällig die schimmernde Haut ihres Oberarmes zu berühren und sie zu nötigen, mir etwas von dem Kuchen auf ihrem Teller anzubieten. Aber ich tat nichts dergleichen, sondern nahm im größtmöglichen Abstand zu ihr platz, nickte ihr stumm zu und starrte krampfhaft auf meinen mitgebrachten Becher Kaffee, welcher wie aus Protest gegen mein unhöfliches Gebaren sofort erkaltete.

Lange Zeit saßen wir so nebeneinander und außer meinen verstohlenen Blicken in ihre Richtung passierte nichts. Garnichts. Sie bewegte sich auch kaum und wenn sie es tat, verschwand doch nie die Spannung aus ihrem Körper. Von dem Kuchen aß sie nichts.

Nach vielleicht einer halben Stunde wendete sie sich mir dann zu und flüsterte: »Wären Sie so freundlich und würden etwas Poetisches sagen?«

Ich war zunächst sprachlos und dachte nur: ›Das ist eine Verrückte!‹ Ich wollte aufstehen und gehen, aber ihr Lächeln und die Aussicht auf einen ernsthaften Flirt mit einer hübschen Frau hielten mich zurück. Also sagte ich ihr, dass ihre Anwesenheit auf dieser Bank die bezauberndste Überraschung sei, die mir das Leben seit langem bereitete.

Wie eine Lehrerin, die von einem sonst guten Schüler enttäuscht ist, schüttelte sie den Kopf. »Das war ein ernsthafter, aber vergeblicher Versuch eines Komplimentes, zudem nicht besonders poetisch. Versuchen Sie es nochmal.«

Ihre Abfuhr verletzte mich und stachelte zugleich meinen Ehrgeiz an, ihr einen Funken der Anerkennung zu entlocken. Also schaute ich zum Himmel hinauf, weil dieser per se Inspiration zur Poesie versprach. Nach ein paar Minuten quetschte ich einen Satz aus meinem Mund wie die letzten Reste von Zahnpasta aus einer Tube: »Der Himmel sieht aus, als hätten ihn Schnecken bemalt.« Siegessicher schaute ich sie an und tatsächlich lachte sie wie ein Kind.

»Na bitte, geht doch«, zwinkerte sie mir zu und bot mir mit einer damenhaften Geste ein Stück von ihrem Apfelkuchen an.

Wir saßen an diesem ersten Tag unserer Freundschaft noch eine Stunde nebeneinander, schwiegen zumeist, beobachteten gemeinsam Himmel und Erde und die eiligen Menschen, die sich dazwischen zu zerreiben drohten.

Meinen Fragen, wer sie sei, wo sie herkomme, ob sie hier wohne, begegnete sie mit freundlichem Schweigen. Als ich mich ihr mit Namen vorstellte und natürlich den ihren wissen wollte, sagte sie: »Ich habe meinen Namen gerade gestern verschenkt. Geben Sie mir einen neuen, es wäre mir eine Freude.«

Als ich sie erstaunt fragte, wie man denn seinen Namen verschenken könne, zuckte sie mit den Achseln. »Würden Sie das etwa nicht tun, wenn Sie die Not eines Namenlosen sehen? Sie schenken doch auch Ihr Lächeln einem traurigen Kind oder Ihre Zeit einem einsamen Menschen. Ich habe meinen Namen der mageren Füchsin geschenkt, die fast jeden Abend hierher kommt, wenn der Supermarkt seine Abfälle dort hinten entsorgt.«

So gab ich ihr den Namen Milou. Sie nickte, als hätte sie genau diesen Namen erwartet, dankte, schrieb ihn auf einen blauen Zettel und steckte ihn in den Schaft ihres linken Gummistiefels. Milou verabschiedete sich mit einem Kuss auf meine Wange und bat mich, ihr nicht zu folgen.

Danach kehrte ich Tag für Tag zur immergleichen Zeit zurück zu der Bank, schon von Ferne Ausschau haltend, ob sie da sei oder nicht. Manchmal war sie es, manchmal nicht, aber nie kam sie, wenn ich bereits dort war. War sie nicht da, empfand ich ihre Abwesenheit greifbarer, spürbarer und damit aufwühlender als ihre Anwesenheit. Denn wenn ich neben ihr saß, mit ihr sprach, entzog sie sich allen Versuchen, sie besser kennenzulernen, sie irgendwie zu begreifen. Zu all meinen Fragen bezüglich ihrer Person schwieg sie oder sagte etwas, ohne zu antworten.

Natürlich redete sie oft mit mir, doch sie zeigte mir ihre Gedanken, wie eine stolze Mutter die krakeligen Malereien ihrer Tochter zeigt: bunt, schräg, wild – etwas, das ihr am Herzen lag, aber dennoch nicht unmittelbar von ihr selbst kam. Sie war eine Frau voller Geschichten, aber sie blieb über all die gemeinsamen Wochen ohne eine eigene Geschichte.

Es mag seltsam klingen, so seltsam, wie Milou es war, aber trotzdem wurden wir Freunde. Wenn wir über Stunden auf unserer Bank saßen und gemeinsam die leeren Einkaufstüten in den Mülleimern mit Gedichten füllten, dann waren wir beide so selbstvergessen wie Kinder, die sich aus nichts im Spiel ihr Königreich erschufen.

Wir spielten Pingpong mit Worten, Tennis mit Noten, liefen Schlittschuh mit unseren Gedanken und lockten mit leisen Gesängen und Stücken vom Apfelkuchen die Ratten und Mäuse herbei, um ihnen – während sie aus unseren Händen fraßen – ihre kleine Geheimnisse aus den Taschen zu stehlen.

Über viel zu viele Jahre meines Lebens hatte ich gedacht, dass allein die Abwesenheit von Unglück ausreicht, um glücklich zu sein. Aber das Geschenk, das Milou mir machte, indem sie einfach auf meiner Bank saß, jenes tiefe Gefühl von Nähe, wenn wir Raum und Zeit miteinander teilten und nicht mehr brauchten als da zu sein, das lehrte mich etwas ganz Neues. Von ihren Worten berührt, von ihren Gedanken und verrückten Einfällen geküsst zu werden – dieses Glück war so vollkommen anders als nur die Abwesenheit von Kummer und Not.

Und eines Tages im Oktober, als ich noch dachte, dass endlich Milous Gummistiefel ihr Wetter gefunden hätten, war sie einfach nicht mehr da. Gewiss, das war sie auch zuvor manchmal nicht, aber an diesem Tag sah ich schon von Ferne statt ihrer Silhouette ein Fragezeichen auf unserer Bank sitzen. Das Zeichen am Ende des Satzes: »Wo bist du?«

Und es war so wahr wie der Schmerz, der über die Tage ohne sie wuchs. Sie war weg und mein Hals wuchs gen Himmel, damit meine Augen von dort oben besser nach ihr schauen konnten und er wuchs und wuchs und ich sah sie nirgends und irgendwann vergrub ich vor Kummer den Kopf in den Wolken und weinte.

Da tippte mir plötzlich ein Kassierer des Supermarktes sacht auf die Schultern. Mein Kopf, mein Blick fuhren schnell wie ein Greifvogel wieder herunter und landeten mit mäßiger Eleganz auf dem Brief, den der Mann mir taktvoll entgegenstreckte. Er war ohne Absender, trug einen Poststempel aus Brüssel und war handschriftlich adressiert an Tim, den Mann ab 17 Uhr 15 auf der Bank am Ende der Allee aus Autos am Einkaufszentrum, 10827 Berlin:

Lieber Tim,

du hast Tag für Tag die Bank gefragt, wo ich denn sei und ich weiß, sie hat das Geheimnis für sich bewahrt, obwohl ich mir sicher bin, dass sie dich mehr liebt als mich.

Ich weiß auch, dass du irgendwann in den letzten Tagen nach Einbruch der Dunkelheit zu den Sternen schautest und dich gefragt hast, ob ich wie der kleine Prinz zu meinem Heimatplaneten zurückgekehrt bin. Die Bank hat mir das geschrieben, weil sie sich inzwischen sehr um dich sorgt.

Ich will nicht, dass du die verschwiegene Bank weiter bedrängst und ich will nicht, dass du mich größer oder kleiner machst, als ich bin. In der Welt, deren Wellen sich an den Ufern unserer kleinen Insel brechen, trage ich einen Namen, den ich nicht verschenken kann. Kein Fuchs will ihn und auch kein Hase. Ich muss ihn er-tragen wie das Feuermal in meinem Gesicht und ich habe vor einiger Zeit mit diesem Namen einen Arbeitsvertrag unterzeichnet. Mein Beruf führt mich seitdem durch halb Europa und die Wochen in Berlin waren dank unserer Freundschaft die schönsten seit Jahren.

Ja, lieber Freund, auch verrückte Hutmacherinnen können bürgerliche Berufe haben und Mademoiselle Milou kann zugleich Mrs. Miller oder Frau Schmidt sein.

Bist du noch immer traurig? Nein, das glaube nicht. Denn du hast erkannt, dass jeder Mensch niemals nur ein einziger ist, sondern der, der ist – der, der war – und der, der bleibt. Und ich bin für dich die, die bleibt. Bleibt, bis aus der Betonwüste vor dem Einkaufszentrum wieder ein Garten wird; bleibt, bis die Bank in der Erde wurzeln kann und eines Tages Äpfel trägt.

Sie hatte den Brief nicht unterschrieben, aber in dem Umschlag lag auch ein Kranich aus blauem Papier. Der Kranich kicherte verlegen und flüsterte leise: »Hallo!«

Ich brauchte ihn nicht zu entfalten, um zu wissen, dass der Name Milou in ihrer Handschrift darauf stand und das Papier roch nach Sommer, nach Glück und natürlich nach Apfelkuchen.

Feuer und Flamme

Kalt. Es ist so entsetzlich kalt hier. Draußen 11 Grad, ich kann das nich’ glauben. Hier drin sind’s doch fast null. Decke noch holen? Ne, dann muss ich aufstehen, durch den Flur, viel zu kalt dafür. Vielleicht schlafe ich ja gleich ein. Wäre so schön. Einschlafen, nicht mehr aufwachen und sie haben, was sie wollen. Und ich habe meine Ruhe vor denen. Endgültig Ruhe. Das wäre auch schön. Frieden, Stille, keiner mehr, der hier reinkommt und mir sagt, dass ich raus soll. Raus. Ich. Wohin denn, ihr Arschlöcher. Habe doch nicht 39 Jahre lang geschuftet, um jetzt hier raus zu gehen und nüscht zu haben. Wenn die Anne noch da wäre, die wüsste, was tun. Wohin gehen und überhaupt. Aber jetzt bin nur ich noch da. Ich und die, die mich weghaben wollen.

Kündigung. Ha. Denken die sich so. Denkt sich auch der Anwalt. Meiner. Toller Anwalt. Tolle Gesetze. Mit den scheiß Schreiben von denen könnte ich mir ja morgen ein Feuer hier machen. Dann is’ wieder warm. So richtig warm. Sanierung, Energieeffizienz, Eigentümerwechsel, blablablaba. Armselige Idioten, mir auch noch die Heizung abzustellen.

Ach, Anne! Mensch, Mädchen, warum bist du nicht mehr hier ... Es ist so bitterkalt und ich bin so müde auf einmal ...

*

Tom und Finn waren zufrieden. Die Geschäfte gingen seit einem Jahr mehr als nur bestens. Hatte aber auch lange gedauert, sich ein Netzwerk von Kunden aufzubauen in einem Geschäft, für das sie die Werbetrommel nicht allzu laut rühren konnten. Aber Qualität, Diskretion und absolute Zuverlässigkeit sprechen sich eben herum. Und sie beide verstanden nun wirklich etwas von dem, was sie taten.

Schon seit ihrer gemeinsamen Schulzeit hatten sie ihre Spitznamen weg: Pech und Schwefel, weil man nie den einen ohne den anderen traf. Unzertrennliche Freunde durch dick und dünn. Sogar die Mädchen teilten sie sich, hieß es. Ob das stimmte, konnte niemand genau sagen, aber es hätte gepasst und die beiden Jungs grinsten nur frech, wenn die anderen beim Feiern und Saufen versuchten, ihre Geheimnisse zu erjagen.

Wenn Pech und Schwefel damals nachts loszogen, war es ihnen ganz recht, dass alle dachten, dass sie als echte Teufelskerle die Weiber so ernten wie die Winzer die Reben. Niemand konnte ahnen, dass sie einer ganz anderen Leidenschaft nachgingen. Niemand wusste, dass Tom und Finn des Nachts mit dem Feuer spielten und so eine Kunst erlernten, die jener der Verführung in ihren Augen in nichts nachstand. Ob es die Scheune zwei Dörfer weiter beim Gellerhof war. Ob der Schuppen beim Baumrucker-Jupp. Ob das Moped vom Klassensprecher oder der Briefkasten an der alten Post. Egal. Das waren alles Dinge ohne Belang – bis zu jenem Tag, an dem Tom und Finn ihre kleinen und großen Kathedralen aus Feuer damit erbauten.

Die Tatsache, dass sie nie bei den Brandstiftungen erwischt wurden, war gewiss kein Teil ihrer großen Kunst. Nur Handwerk, nicht mehr. Solide, ja. Aber nur Handwerk.

Vor und nach der sorgfältig vorbereiteten initialen und zugleich finalen Zündung gingen sie mit der Präzision von Uhrmachern zu Werke. Doch wenn sich die Flammen dann anscheinend ihrem Willen und Können gehorchend gen Himmel streckten, spürten die beiden unter den Schweißperlen die Kraft genialischer Kreativität. Sie waren Schöpfer und Zerstörer, Künstler und leider ihr einziges Publikum. Denn wenn erst die Feuerwehr oder die panisch schreienden Besitzer der vorher wertlosen Dinge herbei geeilt kamen, dann neigte sich die große Inszenierung meist schon dem sanften Abklingen zu.

Tom und Finn hatten schon damals in der Schule gewusst, dass Pech und Schwefel niemals das treffend beschreiben konnten, was und wer sie in Wirklichkeit waren, nämlich Feuer und Flamme.

*

Anne, warum kann ich nicht schlafen, obwohl ich so müde bin? Ham’ se mir auch noch den Schlaf geraubt, was? Anne ... Was bist du bloß damals mit dem Franz weg. Der hat doch nichts getaugt. Und taugt jetzt noch weniger. Bestimmt. So ein Kerl ändert sich nie, wird doch eher noch schlimmer im Alter. Wenn du Glück hast, is’ er krepiert an seinen Selbstgedrehten und dem vielen Schnaps. Wünsche ich dir. Ehrlich, mein Engel. Hast mich betrogen, hast mich verlassen, aber Engel wie du verlieren auch im Schmutz nich’ die Flügel. Hättest dich ruhig mal melden können, aber na, ich hab’s ja auch nicht. War zu schwach, dich zu halten, bin zu schwach, dir zu verzeihen. Dabei brauch ich dich doch so. Und weiß noch nicht mal, wo du heute steckst und ob du überhaupt meine Vergebung willst.

Aber ich verschwinde eh jetzt, Anne, egal wohin, aber weg von hier. Morgen passiert was, dann ist Schluss. Irgendwie Schluss. Auf die Straße geh’ ich nicht, will nicht im Stadtpark enden. Dann lieber direkt unter den Rasen, da is’ bestimmt warm, Anne. Da kann ich viel schöner auf dich warten. Hier is’ so sterbenskalt, vielleicht schlafe ich ja doch noch ein. Vielleicht doch endlich Schlaf. Will noch einmal von dir träumen, bevor ich weggehen muss.

*

»Feuer und Flamme – Pyrotechnik und mehr!« So stand es auf den selbstgedruckten Visitenkarten von Tom und Finn. Sie kamen seit Anmeldung ihrer Selbständigkeit ganz ordentlich über die Runden mit den Einnahmen aus Feuerwerken und Feuershows bei privaten und öffentlichen Festen, denn derer gab es viele in der Region. Doch der große finanzielle Erfolg war neu, war jung und war nicht gebaut auf knallender, bunter Volksbelustigung bei Kirchweihen im Tal.

»Das MEHR macht’s halt, Finn!«, sagte Tom und lachte seinen Partner breit an. Tom war es auch gewesen, der als erster einen Kunden mit Sonderwunsch und viel barem Geld angebracht hatte. Ein Kunstliebhaber war das aber nicht, dafür einer, der das Handwerk teuer zu schätzen wusste, ein überaus gründliches Feuer nicht nach Brandstiftung aussehen zu lassen.

Es folgten weitere und diesen noch mehr. Qualität setzt sich durch. Feuer und Flamme staunten oft selber, wie viele Versicherungen noch immer nicht in die Knie gegangen waren – trotz der mittlerweile unerklärlich hohen Anzahl verheerender Brände im Landkreis.

Profis wie sie verletzten niemals Menschen bei ihrer Arbeit. Nie. Es sei denn, es war ausdrücklicher Teil des Auftrags und der Preis stimmte. Aber das war bislang erst zweimal passiert und Tom wie auch Finn staunten wie dumme und dabei sehr böse Kinder über das Ausbleiben der Reue nach der Tat.

»Was liegt heute wieder für den Welker an?« Finn spielte lässig mit dem Zippo-Feuerzeug, das ihm Tom nach dem ersten Feuerwerk als frischgebackene Selbständige geschenkt hatte. Um die eingravierten Initialen FF rankte sich ein Ornament aus Flammen und Finn trug es seitdem immer als Talisman bei sich. Für die eigentliche Arbeit nutzten Feuer und Flamme selbstentwickelte, vollkommen rückstandsfreie Brandbeschleuniger und Zünder, die selbstverständlich ohne Benzin oder Gas funktionierten. Finn gefiel sich sehr als eine Art Bogart-Verschnitt, Füße auf dem Schreibtisch, das Feuerzeug in der Hand, auf den Lippen ein Haifischlächeln, das kaum mehr gespielt wirkte. Dazu hatten er und Tom einfach schon zu viel Schuld auf sich geladen.

Tom blickte weiter aus dem Fenster und es schien, als rede er mit der Kastanie vor ihrem gemeinsamen Büro. »Welker, tja, rate mal. Was er immer will. Heiße Sanierung, wie er es so nett nennt. Dreifamilienhaus in der Auenstraße, zwei Wohnungen sind sauber, in der dritten ganz oben haust noch so ein Kerl, der sich nicht rausklagen lässt. Zieht den Kampf gegen Welker nun sogar ohne Anwalt durch und hat schon wieder ’ne Fristverlängerung um vier Monate bekommen. Welker hat die Heizung abgestellt, Strom schon vor vier Wochen, der Typ is’ immer noch da. Hat mit der BILD gedroht. Jetzt wird’s dem Welker zu heikel. Wir sollen heute Nacht loslegen, tragischer Personenschaden darf sich nicht vermeiden lassen. Wenn der renitente Mieter unsere Sanierungsmaßnahme überlebt, hat Welker mehr als nur die Versicherung auf dem Hals. So sieht’s aus. Bereit, Partner?«

Sieben Stunden später, es war schon dunkelste Nacht, gingen Feuer und Flamme gemeinsam mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerkes in der Auenstraße ans Werk. Jeder Handgriff saß und ohne ein gesprochenes Wort arbeiteten sie das Brandkonzept für den heutigen Auftrag ab. Klappte alles. Erdgeschoß – perfekt. 1. Stock – perfekt. Doch dann, auf der Treppe zum dritten Stock, in dem der renitente Mieter vermutlich gerade schlief, glitt Tom auf einem Absatz aus, stürzte, zwar nicht tief, doch in der Stille des Hauses hörte Finn das dumpfe Knirschen eines brechenden Knochens.

Sie konnten den Auftrag jetzt nicht abbrechen, das Haus war fast vollständig präpariert für den perfekten Brand, eine Flucht ging also nur nach vorne, zurück führte der Weg direkt in den Knast. So biss Tom, der verdammt hart im Nehmen war, die Zähne zusammen und schleppte sich auf Finns Schulter gestützt die Treppen hinunter ins Erdgeschoss, von dort vor zur nächsten Straße, wo ihr Firmenwagen sich unauffällig in die Reihe der anderen parkenden Autos einreihte.

Finn musste den Job also alleine zu Ende bringen und das war okay für ihn. Als sei nichts passiert, steuerte er zielstrebig die Räume an, in denen er tatsächlich einen schlafenden Mann in seinem Bett vorfand. Bevor es galt, den Brandbeschleuniger aus dem ersten Stock hochzuholen und in dieser Wohnung auszubringen, wollte er zumindest noch in das Gesicht des Mannes schauen, um sicher zu sein, dass dieser auch tief genug schlief, um nicht mehr aufzuwachen, bevor die Rauchvergiftung das böse Werk vollenden sollte.

Im Schein des Handydisplays hatte das Gesicht des alten Mannes fast die Aura eines Pilgers, der nach langem, mühevollem Weg selige Ruhe gefunden hatte. Finn war gewiss nicht sentimental, geschweige denn religiös, aber dieses alte, zerfurchte Gesicht berührte etwas in ihm, das er seit seiner frühen Kindheit nicht mehr gespürt hatte. Die Kerze auf dem Nachttisch brannte nicht mehr. Sie sah noch nicht einmal weihnachtlich aus, aber sie verstärkte trotzdem das Sakrale an dem Tableau. Regungslos stand er am Bett des Schlafenden und schaute ihn einfach nur an. Eine Minute. Zwei Minuten. Drei Minuten.

Nach der gefühlten Ewigkeit von vier Minuten zog Finn das Zippo-Feuerzeug aus seiner Tasche. Mit einem »Klack«, das die Stille der Nacht zerschnitt, öffnete er es und die Flamme stieß heiß und hungrig hervor.

*

Mensch, hab ich wohl doch irgendwie geschlafen. So schöne Träume gehabt, ich kann’s nich’ glauben. Aber kalt is’ immer noch. Na, wird ja mein letzter Tag hier sein. Und gestorben wird noch nicht, was, Anne? Hast so lieb geschaut in meinem Traum, wie ein Engel. Werde noch heute loslegen und dich suchen, kann doch nicht so schwer sein, dich zu finden. ’N paar Leute anrufen und dieses Internet-Dings fragen. Ich weiß, du wartest auf mich, jetzt weiß ich es, haste mir ja selber gesagt heute Nacht.

Komisch, warum brennt denn da die Kerze auf dem Tisch? Ja, is’ Advent, aber ich hab doch gestern Abend die Kerzen ausgemacht, als ich zu Bett bin. Ganz bestimmt. 100%ig ... Ach ne, war anders, hab’ ’se gestern gar nicht angehabt, gab ja auch kein’ Grund, sich auf Weihnachten zu freu’n. Ja, schon seltsam.

Ach, is egal – warum auch immer die Kerze brennt – ich muss wohl einen richtigen Schutzengel ham, dass mir da nich’ die Wohnung überm Kopp abgebrannt ist. Aber einen ganz dollen. Nicht wahr, Anne?

Der alte Mann richtete sich mühsam auf, wendete sich der Kerze auf seinem Nachttisch zu und blies sie mit einem glücklichen Lächeln aus.

Das perfekte Geschenk aus dem Land der aufgehenden Sonne