Pappel. Die Geschichte eines Herumtreibers - Dalibor Marković - E-Book

Pappel. Die Geschichte eines Herumtreibers E-Book

Dalibor Marković

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Beschreibung

3. Juli 1883. Während in Österreich-Ungarn Julie Kafka der Hebamme fest entschlossen in die Augen sieht und ihren ersten Sohn gebärt, ereignet sich im Gelbachtal ein nicht weniger großes Wunder: Der Spross einer Schwarzpappel erblickt das Licht der Welt. Schon bald löst diese sich von ihren Wurzeln und schreitet fortan als Konrad Pappel durch die Gefilde. Konrad, dessen Leben auf mysteriöse Weise mit jenem Franz Kafkas verbunden ist, nimmt den Leser mit auf einen wahnwitzigen Husarenritt durch die vergangenen 150 Jahre: an den Weltkriegen vorbei, durch den Eisernen Vorhang hindurch, bis in unsere Gegenwart hinein. Dalibor Marković zieht in seinem Debütroman alle Register und erweist sich dabei als großer Erzähler, der es mit dem mikroskopisch Kleinen ebenso wie mit den Weiten des Universums aufnehmen kann.

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Seitenzahl: 358

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Dalibor Marković, 1975 geboren in Frankfurt am Main, wo er auch heute lebt, ist Autor, Lautpoet und Lyriker. Seit knapp zwanzig Jahren ist Marković mit seiner Spoken-Word-Lyrik auf deutschen und internationalen Bühnen unterwegs, außerdem gibt er regelmäßig Workshops zum Verfassen und Vortragen von Poesie. »Pappel«, zu großen Teilen in Mexico City, Markovićs zweitem Lebensmittelpunkt, entstanden, ist sein Debütroman. Ebenfalls bei Voland & Quist erschienen ist der Lyrikband »Und Sie schreiben auf Deutsch?« (2016).

© by Verlag Voland & Quist GmbH, Berlin und Dresden 2021

Lektorat: Jennifer Sprodowsky

Korrektorat: Kristina Wengorz

Umschlaggestaltung: HawaiiF3

Satz: Fred Uhde

ISBN 978-3-86391-301-4eISBN 978-3-86391-310-6

www.voland-quist.de

Auf dem Grund einer dumpfen Finsternis ging er,durch die rote dürre Nadeln rieselten,in der Äste knackten.

Ernst Nowak

Für Amanda

Inhalt

ERSTER TEIL

Die Bäume

Wunsch, Indianer zu werden

In der Strafkolonie

Amerika

ZWEITER TEIL

Auf der Galerie

Beschreibung eines Kampfes

Die Verwandlung

ERSTER TEIL

Die Bäume

Plötzlich tauchte die Sonne auf. Dort, wo die dunklen Umrisse zweier benachbarter Gipfel sich trafen, erschien ein orangefarbenes Pünktchen. Mit bloßem Auge hätte es ebenso gut der Ausläufer eines Waldbrands sein können, der hinter dem Bergrücken herankroch, oder das Signalfeuer eines Försters, das die Rotwildsaison eröffnete. Aber erstens hatte es im Gelbachtal schon seit Tagen geregnet, und zweitens saß der zuständige Förster gerade vor der St. Wendelinskapelle und amüsierte sich über die losen Schnürsenkel seines linken Stiefels. Ab und zu holte er mit dem Mittelfinger aus dem Hals der Kornflasche ein Plopp heraus. Wenn er aufgeblickt hätte, wäre ihm aufgefallen, dass aus dem Pünktchen bereits ein glühendes Kuchenstück geworden war. Bald würde der volle Sonnenkreis am Himmel stehen.

Nur wenig später, als wäre aus dem Nichts eine Treibjagd eröffnet worden, zogen Windböen über die Berge. Wie eine Räuberbande auf Wildpferden stürzten sie sich mit Gebrüll ins Vergnügen. Zwei von ihnen schossen an einem Baumstamm hoch und schlugen im Geäst so lange um sich, bis kein Blatt mehr übrig war. Ein Nachzügler wickelte sich um die kahlen Äste und zerrte an ihnen, sie knackten erbärmlich. Anderswo huschte eine grimmig heulende Böe in ein breites Astloch und pumpte das Holz von innen dermaßen auf, dass ein Bersten unvermeidlich wurde. Die Explosion der umherspritzenden Holzteile ahmte die Parabeln einer Feuerwerksrakete nach. Im Hintergrund wurde eine Fichte von einer Gruppe Jungböen angesprungen und so weit entwurzelt, dass der Stamm schräg im Boden steckend zurückblieb. Vor Freude schlüpften sie gegenseitig durch die jeweils andere hindurch und kehrten flugs zu den ausgewachsenen Böen zurück, die auf ein Plateau zusteuerten. Auf einer Lichtung hatte sich ein Pulk gebildet, aus allen Ecken des Waldes kamen weitere Böen hinzu. Eine rotierende Windhose entstand, die immer mächtiger wurde und turmhoch anstieg. Das Heulen wurde verstörend laut und steigerte sich mit jeder anschwellenden Umdrehung, bis plötzlich alles verstummte. Für den winzigen Bruchteil eines Augenblicks war die Luft erstarrt. Wie auf Kommando stoben die Böen in alle Richtungen auseinander und stiegen nach oben. Ihre Körper wuchsen im Flug wieder zusammen, wurden doppelt bis hundertmal so groß und fügten sich Schicht um Schicht zu einer riesigen Blase aus Windströmungen zusammen, die drohend über dem Berg schwebte. Am Horizont kroch eine Sturmfront heran, ein grau-schwarzes Wolkenmonstrum, von Blitzen durchzogen. Davon unbeeindruckt teilte sich die Blase im nächsten Moment in klitzekleine Verwehungen auf, die in Form und Größe von Bonbonpapieren nach unten fielen. Noch im Sinkflug blähten sie sich zu nach oben gedrehten Tropfen auf und weiter zu handgroßen Luftballons, die aber um den Knoten herum schnell spröde wurden und daher unversehens die Form von Fallschirmen annahmen, die sich nahezu gleichzeitig aufspannten und im Gleitflug mit dem Stoff benachbarter Schirme vermengten. Der Flickenteppich, den sie dabei bildeten, war mindestens einen Hektar groß und trieb gemächlich, mit Auswölbungen hier und da, über die Baumwipfel hinweg. Allmählich begann der Teppich, Risse zu bilden, es lösten sich Fetzen unterschiedlichster Ausprägungen heraus, die kleinsten waren rechteckig, etwa so groß wie ein Küchentuch, und stürzten pfeilschnell ins Grün der Bäume hinab. Manche als Wirbelwind, andere segelten erst auf den Erdboden zu und schossen mit ausgebreiteten Strömungsarmen wieder hinauf. Eine Böe hatte die Form einer menschlichen Hand angenommen, welche die Blüte eines Pappelbaums vom Zweig abzog und mitnahm. Sie entfernte sich von den anderen und rutschte über eine Schneise im Wald den Berg hinunter. Unten angekommen, sprang sie geschwind über einen Bach, der unter ihr aufschäumte, und schob sich durch die angrenzenden Felder, wo sie eine breite Spur aus umgeknickten Weizenhalmen hinterließ. Am Dorfeingang orientierte sie sich eine Weile auf dem Dachfirst der Stallungen des ersten Hofes, schulterzuckend sah sie den in alle Richtungen wehenden Dachziegeln nach und stürmte dann zielsicher eine Straße hinauf. Bevor sie beim Förster landete, drehte sie noch drei Pirouetten um das Messingkreuz der Kapelle. Voller Aufregung stieß sie ihm einen Gruß ins Gesicht, bemerkte aber sofort, dass die Blüte des Pappelbaums unterwegs verloren gegangen war. Der Förster schützte sich mit den Unterarmen vor dem aufkommenden Wind und war sich im Unklaren darüber, ob er beim Betrachten seiner Schnürsenkel kurz mit dem Kopf auf den Knien eingenickt war. Auf dem Rückweg zum Haus entschied er, einen kleinen Abstecher Richtung Dorfeingang zu machen. Vielleicht war Lieselotte schon wach und schlug die Bettdecken auf, während er am Fenster vorbeilief. Einmal hatte sie dabei Unterwäsche getragen, die weiße mit den Spitzen an Hals und Unterarmen. Aber obwohl er zweimal so tat, als hätte er unterwegs etwas verloren, damit er umkehren und wieder in die Fenster schielen konnte, war keine Spur von ihr zu sehen. Er konnte nicht wissen, dass sie hinter dem gehäkelten Vorhang des Stubenfensters stand und sich das Trauerspiel draußen ansah. Als es vorbei war, lief sie zwitschernd zu den Schlafgemächern. Den Arbeitskittel trug sie bis oben hin zugeknöpft.

Ungeachtet dessen war an dem Morgen der Samen eines Pappelbaums in eine feuchte Erdspalte gerutscht und begann sofort mit der Keimung. Innerhalb weniger Tage bildete sich ein Wust aus Härchen, die prächtig gediehen und sich rasch als junge Wurzeltriebe im Boden verteilten. Dabei stießen die Verästelungen sowohl sternförmig in die Breite als auch tief ins Erdreich hinein und steckten das Territorium für die Versorgung mit Wasser und Nährstoffen ab. Das konnte dem Spross am anderen Ende nur willkommen sein. Er besaß Länge und Form eines Streichholzes und war kurz davor, die Humusschicht zu verlassen. Natürlich genoss er die Sonderstellung, als Einziger geradeaus nach oben zu wachsen, aber er empfand es als ungerecht, dass die Wurzeln viel schneller vorankamen und teilweise schon so dick waren wie Bockwürste. Einmal stieß ein Regenwurm beim Durchwühlen der Erde gegen einen gut ausgeprägten Wurzelarm und änderte daraufhin seine Richtung. Für den Spross, der die Erschütterung mitbekommen hatte, war die Einsicht, dass er aufgrund seiner dürren Statur vom Regenwurm beim Weitergraben einfach zur Seite gedrückt worden wäre, kaum zu fassen. Weil ansonsten nicht viel los war im Erdreich, wartete er sehnsüchtig darauf, sein Köpfchen oben durch die letzte dünne Schicht aus Moos und Flechten zu schieben und etwas vom Tageslicht abzubekommen. Lange musste er darauf nicht mehr warten. Es war an einem Dienstag. Der Förster hatte zum Frühstück ein Graubrot, zwei Speckscheiben und Holunderblütentee mit einem Schuss Brandwein zu sich genommen und fiel beim Brunnen des Dorfes vor Lieselotte auf die Knie, um seinen Verlobungswunsch zu bekunden, woraufhin sie einen der Wassereimer abstellte und ihm den Inhalt des anderen mit vollem Schwung ins Gesicht schüttete. Während außerdem zur gleichen Zeit im weit entfernten Österreich-Ungarn eine Frau namens Julie Kafka der Hebamme fest entschlossen in die Augen sah und ihren ersten Sohn herauspresste, war es endlich so weit. Mit zwei frischen Blattknospen, die sich durch das zarte Türkis vom hölzernen Ockerfarbton des Schaftes absetzten, erblickte der Spross einer Schwarzpappel das Licht der Welt.

Die Sonne, die mal wohlig warm an ihn herandrang, mal durch Wolken gefiltert wurde, aber auch der Schatten der benachbarten Bäume und die Dunkelheit der Nacht, die ganz anders war als jene im Erdboden, faszinierten ihn sehr. Der Sommer war angebrochen, und unzählige Ameisen und Asseln krabbelten über ihn hinweg. Das war auf Dauer etwas lästig. Ganz anders dagegen der Tausendfüßler, der von einem Blatt auf das andere hinübertrippelte und wimpernhafte Berührungen verteilte, ein angenehmes Gefühl. Je höher und breiter die Wuchsachsen des Sprosses wurden, je fester und schützender sich die Borke um ihn herum bildete, desto weniger spürte er aber etwas von Fühlern und Füßchen. Dafür tat der erste seitliche Austrieb eines Astes höllisch weh. Es war, als brennte ihm jemand von außen einen glühenden Hornissenstachel langsam rotierend, vor jeder vollen Drehung die Richtung wieder wechselnd, durch die frisch gebildete Rinde und versuchte dann, einen doppelt so dicken Holzpfropf von innen durchzuschieben. Aber das gehörte dazu, beruhigte er sich. Außerdem sah man deutlich mehr nach einem Baum aus mit dem schräg nach oben stehenden Ast. Schon nach einer Woche war das Resultat unverkennbar. Eine Schnecke hatte ihr Häuschen beim Vorbeikriechen nicht mehr an ihm entlanggeschabt, wie es sonst häufig der Fall gewesen war, sondern machte einen kleinen Bogen. Die Freude darüber hielt sehr lange an. Irgendwann stellte er fest, dass ein Rehkitz sich genähert hatte und kaum den Kopf zu ihm senken musste. Mit waagerechtem Hals schnupperte es an seinen frisch gewachsenen Blättern und den vielen neuen Knospen, als weiter oben im Berg ein Blitz einschlug und das Kitz mit einem Satz ins Gehölz wegsprang. Aus dem Spross war ein junges Bäumchen mit drei Ästen geworden, die ihrerseits schon einen ansehnlichen Haufen Zweige trugen. In dem Moment, als der Regen einsetzte und er spürte, wie die Tropfen auf seine Blätter trafen und ihn entlang der Spreiten in zäh fließenden Bahnen streichelten, fühlte er sich zum ersten Mal wie ein richtiger Baum.

Immer wenn die Füchse kamen, träumte der Pappelbaum davon, eine frei stehende Linde zu sein, inmitten der Weizenfelder unten im Tal, am Rand des Fußweges, der zwei Feldabschnitte voneinander trennte. Spaziergänger würden ihn schon von Weitem erblicken und in der sengenden Hitze des Hochsommers seinem Schatten entgegenfiebern. An den Stamm gelehnt würden sie beim Schluck aus der Feldflasche mit dem Blick an seinem Blätterdach hängen bleiben, das aufgrund einer Julibrise leicht flatterte. Im Dorf würde man ihm einen Namen geben. Die Große Linde oder sogar Gelbachlinde. Da musst du einfach nur an den Stallungen vorbei, dann durch den Holunder, da geht es bergab, unten am Weizen entlang bis zur Gelbachlinde und dann querfeldein, da kommt ein Bach, wo du deine Flasche mit Wasser auffüllen kannst, bevor es den Berg hochgeht. So würde Lieselotte einem Fremden, der einen Sonntagsausflug machen wollte, den Weg erklären und danach den neuen Stallburschen Jens rufen, damit er ihr beim Aufhängen der Wäsche zur Hand ging. Der Fremde nähme den beschriebenen Weg und würde sogar eine kurze Rast neben dem Pappelbaum machen, aber keine Notiz davon nehmen, dass sich ein erster Pilz darauf breitgemacht hatte.

Im Winter dehnte sich eine unendliche Ruhe aus. Mit Ausnahme der Füchse waren die meisten Bewohner wie von Zauberhand verschwunden. Nur der Nachtfrost und die Schneeschicht, die auf den Ästen lag, waren übrig geblieben und machten den Juckreiz der Pilzflechte erträglicher. Der Pappelbaum vertrieb sich die Zeit mit der Beobachtung von Schneeflockenformen, ohne den blassen Schimmer davon zu haben, dass durch das Aufkommen der Quantenphysik eine neue Sicht auf die Welt entstanden war. Danach waren die kleinsten Teilchen, aus denen die Dinge der Welt bestanden, im Grunde nicht an einen Ort gebunden, sondern unterlagen den Gesetzen der Wahrscheinlichkeit. Das Konzept ließe sich auf das Fallen von Schneeflocken anwenden. Demzufolge hätte jede einzelne Flocke, die auf den Ästen der Pappel gelandet war, ebenso gut woanders landen können. Im Dorf zum Beispiel, auf dem Grundstück eines Hofes, wo sie vielleicht Teil eines Schneemanns geworden wäre.

Der Pappelbaum war mächtig stolz auf seine saftig grünen Knospen, als sie endlich wieder sprossen, aber weder der Bussard, der eine Zwischenlandung machte, um eine Ladung Schiss abzuwerfen, noch der Wespenschwarm, der sich in einer Astgabel angesiedelt hatte, nahmen Anteil daran. Einmal glaubte er, dass ein Specht ihm eine Nachricht ins Holz geklopft hätte, aber nach unzähligen Entschlüsselungsversuchen wurde ihm klar, dass es keinen Sinn hatte, auf ein Kompliment für sein Blätterwerk zu warten. Das war am Abend vor der Walpurgisnacht. Auf dem Hügel wurde ein großes Feuer entzündet. Die Dorfbewohner feierten und tanzten die ganze Nacht hindurch. Im Morgengrauen spürte er die Hände von Lieselotte, die sich um seinen Stamm legten und mit stärker werdenden rhythmischen Stößen gegen ihn drückten. Obwohl ihre Augen aus nächster Nähe auf die Maserung seiner Rinde starrten, sah sie durch ihn hindurch, als wäre er nicht vorhanden. Jens, der Stallbursche, stand hinter ihr und zog lustige Grimassen. Seine Tiermaske, ein geschnitzter Wolfskopf, war zur Hälfte vom Gesicht gerutscht. Zu gerne hätte er ihnen zugerufen, dass der Förster hinter dem Ahorn kauerte und sie beobachtete. Dieser ballte die Fäuste so fest, dass ihm die spitzen Fingernägel blutig ins Fleisch schnitten. Wenn im Unterholz ein abgebrochener Ast gelegen hätte, dick wie ein Tischbein, hätte ihn sich der Förster geschnappt, wäre zu ihnen herübergestapft und hätte so lange auf die Wolfsmaske eingedroschen, bis er völlig ermüdet neben der Leiche von Jens zusammengebrochen wäre. Zum Glück waren im Unterholz nur Brennneseln und der Eingang zum Fuchsbau. Keines der Familienmitglieder traute sich heraus, bis der Förster endlich verschwunden war. Da war es schon Mittag, und vom Dorf her schlug die kleine Glocke der Wendelinskapelle. Üblicherweise kamen die Füchse einmal täglich beim Pappelbaum vorbei. Entlang des Stammes machten sie fünf Pfützen, zwei große und drei kleinere, deren Flüssigkeit langsam im Boden versickerte. Vorbei am Wurzelwerk und dem Tunnelsystem eines allein lebenden Maulwurfs, der sich unfassbar über den Gestank ärgerte. Ob die Füchse einen familieninternen Namen für ihren Toilettenbaum hatten, vielleicht Pullerpappel, hatte der Pappelbaum nicht herausbekommen können. An einem Morgen im Frühherbst, der Fuchsurin versickerte mal wieder im Erdreich, die Pilzflechte juckte höllisch auf der Rinde und oben nahm das Wespensummen kein Ende, gab der Pappelbaum sich kurzerhand selbst einen Namen.

Betrachtete man Pappeln im Vorbeigehen, hatten diese dreieckig geformte Blätter mit kleinen gewellten Einkerbungen an den Rändern. Es bedurfte schon einer genauen Beobachtung, um zu sehen, dass an den Blättern der Pappel Veränderungen eintraten, genauer gesagt, dass die Einkerbungen dabei waren zu verschwinden, in etwa so, als erlangte in Unruhe geratenes Wasser in einem Aquarium seine glatte Oberfläche wieder. Gleichzeitig schob sich neues Blattmaterial spitzförmig in die Ecken. Am Ende des Vorgangs, der kaum mehr Zeit in Anspruch nahm, als eine Wespe benötigte, um vom Nest zur Blumenwiese im Tal zu flirren, hingen perfekt gezogene Dreiecke im Geäst der Pappel, die sich an der Größe des ursprünglichen Blattes orientierten. Ihre biegsame Struktur hatten sie eingebüßt und durch eine ungewöhnlich feste Substanz ersetzt. Nur ein geschultes Auge hätte sofort erkannt, dass es sich um ausgehärtetes Licht handelte, eine uralte Materie, die im Universum nur noch selten vorkam. Als die Farbe der Dreiecke daraufhin von einem Blattgrün in ein strahlendes Silbergrau wechselte, wäre auch einem Eichhörnchen aufgefallen, dass da etwas in der Luft lag. Aber es reckte der Pappel seinen Hintern entgegen und grub weiter. Vom Wipfel her, in einer schnell abwärtsführenden Wischbewegung, verschoben die Dreiecke ihre Position zueinander, wobei sie sich vorerst noch schuppenhaft überlappten, aber schon bald wurden die Abstände akkurat angepasst und um den Baum herum entstand ein gigantischer Zylinder aus Dreiecken, mit dem Stamm als Mittelachse. Von Weitem wirkte es, als hätte sich die Pappel ein riesenhaftes Handtuch umgewickelt. Sobald die letzten haarfeinen Korrekturen abgeschlossen waren, kein noch so winziger keilförmiger Spalt mehr zu sehen war, verschmolzen die Fugen zwischen den Dreiecken, und eine lückenlose Hülle war hergestellt. Augenblicklich verlor die silbergraue Färbung ihren Glanz. Transparente Punkte, noch stecknadelkopfgroß, verstreuten sich und erreichten schon bald den Umfang von Fingerabdrücken. Als Gucklöcher erlaubten sie zu Abertausenden einen Blick in das Innere des Zylinders, wo nebelhafte Schlieren in dampfender Bewegung schwerfällig zirkulierten. Nur wenig später, die Gucklöcher waren bereits zu faustgroßen Klecksen auseinandergestoben, die sich miteinander verbanden und in chaotischen Flechten um die Hülle wucherten, überwog der durchsichtige Anteil des Zylinders, und hinter den Nebelschlieren wurden die Umrisse einer menschlichen Gestalt erkennbar. Die Arme, beide seitlich nach oben gereckt, ließ sie langsam herabsinken und sah sich die Hände an, wobei sie die Finger wie ein Tonleitern übender Klavierspieler bewegte. Nach mehreren Fingerläufen zog sie die Hände zur Seite und warf einen prüfenden Blick über den Unterleib auf die Beine, berührte nach einiger Bedenkzeit sogar beide Kniescheiben. Der rechte Fuß wurde vorsichtig angehoben, danach der linke. Zwischenzeitlich hatten sich die Nebelschlieren verflüchtigt, die Zylinderhülle als solche war nicht mehr vorhanden, sie hatte sich fast vollständig zersetzt. Nur ein kurz anhaltendes Knistern ließ noch verlauten, dass die letzten Reste gerade dabei waren, mit der Luft zu verschmelzen, woraufhin winzige Ascheflocken in Zeitlupentempo auf den Erdboden schwebten und einen kreisrunden Bereich, dessen Mittelpunkt die Menschengestalt einnahm, hauchdünn mit steinkohleartigem Staub bedeckten.

Das Auffälligste an Konrad Pappel waren die grünen Augen. Sein schwarzes Haar wäre wohl gescheitelt gewesen, hätte er einen Kamm dabeigehabt, aber er hatte nicht mal eine Tasche umhängen, in der ein solcher Kamm oder eine Feldflasche stecken könnten. Mit dem Wasser aus der Feldflasche hätte er sich wenigstens die Asche aus dem Gesicht waschen können. Allerdings wirkte es mit der dunklen Staubschicht, die über den ganzen Körper verteilt war, als wäre er gar nicht splitternackt. Falls er in diesem Aufzug zufällig einer Dame des Landadels begegnet wäre, hätte ihr der Anblick mit Sicherheit einen Schrei des Entsetzens entlockt, mit anschließendem Ohnmachtsanfall. Anders jedoch bei Lieselotte. Die hätte einmal interessiert geguckt und wäre zwitschernd weitergelaufen. In diesem Teil von Hessen-Nassau kam es allerdings selten vor, dass Damen morgens alleine durch den Wald spazierten, und Lieselotte schlug in den Schlafgemächern ohnehin gerade die Betten auf. Konrad bemerkte eine Verhärtung in seinem Schritt, stark wie eine Wurzel. Er sah sich um. Im Tal konnte er den Lauf des Bachs nachverfolgen, der sich irgendwann in einem Waldstück verlor. Daneben lag das Dorf. Ein Baumstamm versperrte ihm die weitere Sicht. Die Möglichkeit, die Position des Kopfes zu verändern, kam ihm wie eine Sinnestäuschung vor. Das Dorf wurde sichtbar, klar und deutlich lag es vor ihm. Sobald er den Kopf in die vorherige Stellung zurückzog, verschwand das Dorf wieder hinter dem Baumstamm. Er wiederholte dies mehrere Male, bis er sicher war, dass alles mit rechten Dingen zuging. Im Gegensatz dazu erwies sich das Fortbewegen mithilfe eines Körpers schwieriger als erwartet. Er stolperte oft und schlitterte unbeholfen umher, bis er zur Schneise gelangte, wo er endgültig den Halt verlor und zum Ufer des Baches mit ungelenk eingestreuten Purzelbäumen hinunterstürzte. Blutige Risse und Schürfwunden an Armen und Beinen waren die Folge. Er tunkte den Zeigefinger in eine Wunde, verschmierte das Blut mit der Asche und war überrascht, wie zähflüssig es war. Danach ließ er sich in den Bach plumpsen und planschte herum. Bewegungen machten ihm Spaß. Am meisten war er von seinen Händen fasziniert. Insbesondere von den Fingern, aus denen man im Bruchteil einer Sekunde zwei Fäuste machen konnte, oder eine Schale, die man ins Wasser tauchte, um sich einen Schwall ins Gesicht zu werfen. Die Ascheschicht war weggewaschen. Beim Herauswaten, als seine Füße die Wasserlinie verließen, bemerkte er, dass er ein Feuermal am linken Knöchel trug. Es zeigte die Umrisse eines herkömmlichen Pappelblattes, wie er sie zu Hunderten an seinem Holz getragen hatte. Die Spitze zeigte zur Ferse, der Stiel wand sich leicht gebogen an der Wade entlang nach oben. Ein Windstoß ließ ihn frösteln. In gebücktem Gang überquerte er die abgeernteten Weizenfelder und kletterte auf die Gelbachlinde, wo er sich im Schutz der Blätter einen besseren Überblick verschaffte.

Aus dem Dorf stieß bei den Holunderbüschen ein Männertrupp auf den Fußweg. Der Förster lief vorneweg. An seiner Brust baumelte ein Klemmbrett, von den Ecken der Schmalseite ausgehend, hing es mit einer Kordel um seinen Hals. Er hatte seine Försterkluft an, die anderen trugen weiße Hemden und mit Lederstreifen verstärkte Cordhosen. Äxte, aber auch Spitzhacken ragten neben den Köpfen auf. Einer von ihnen hatte eine riesige Schieblehre schräg über den Rücken gebunden. Am Ende des Trupps schleppten zwei Männer eine Baumsäge in ihrer Mitte, ähnlich einem Elternpaar, das ihr Kind an den Händen hielt. Den Abschluss bildete ein Pferd, das mit etwas Abstand an einer auf dem Boden schleifenden Leine trottete. Als sich alle um den Stamm der Gelbachlinde verteilt hatten, zeigte der Förster auf den Teil des Waldes, der abgeholzt werden sollte. Alles im Umkreis des flachen Hangstücks in der Mitte, rechts von der Schneise, etwa dreißig Schritt in Breite und Länge, sagte er. Der Mann mit der umgebundenen Schieblehre erteilte Befehle, und der Trupp setzte sich in Bewegung, wobei der Förster mit dem Befehlsgeber wieder zum Dorf zurückkehrte, um die Sammelstelle vorzubereiten. Die Holzfäller schwärmten aus und verteilten sich in Grüppchen auf dem Hang. Junge Bäume mit dünnem Stamm wurden mit Äxten entfernt, bei größer gewachsenen Exemplaren kam die Baumsäge zum Einsatz. Zu zweit sägten sie den Stamm entlang der dem Tal zugewandten Seite so weit an, bis sie zu einem Drittel durch waren, dann schlugen sie auf gleicher Höhe von hinten eine tiefe Kerbe hinein. Es war nur eine Frage der Zeit, bis der Baum nachgab und einknickte. Äste und Zweige wurden abgeschlagen und mit keilartigen Breitschneiden das weißfaserige Holz zutage geschabt. Die kahlen Stämme wurden hangabwärts gestoßen. Mit schlingernden Drehungen entlang der Stammachse und spektakulären Überschlägen landeten sie im Tal und sammelten sich kreuz und quer am Ufer des Baches. Unten räumten Männer mit Spitzhacken, die seitwärts ins Holz gerammt wurden, das Durcheinander auf und brachten die Stämme ruckartig, Meter für Meter, an der schmalsten Stelle des Bachlaufs in Position, wo das Pferd mit Ketten am Geschirr wartete. Den ganzen Tag wanderte es von dort zu einer wettergeschützten Stelle bei den Holunderbüschen am Fuße des Dorfes und wieder zurück. Der Mann mit der Schieblehre vermaß die Durchmesser der Baumstämme, die vom Förster akribisch auf das Papier am Klemmbrett gekritzelt wurden. Wenn er längere Zeit auf die nächste Ziffer warten musste, ließ der Förster den Blick über das Tal schweifen, in dessen Mitte die Gelbachlinde thronte.

Konrad Pappel verließ sein Versteck erst, als es Nacht geworden war. Er sprang aus dem honiggelben Herbstlaub der Linde auf den Feldweg und steuerte auf das Dorf zu. Einmal blieb er stehen und drehte sich langsam um die eigene Achse, während er den Sternenhimmel ansah. Ein Meisterwerk aus Lichtpunkten und dem fleckigen Halbkreis drehte sich mal im Uhrzeigersinn, dann wieder dagegen, je nachdem, welche Richtung er einschlug. Irgendwann wurde ihm schwindelig. Er versuchte noch, das Gleichgewicht zu halten, driftete aber unkontrolliert nach links und fiel unsanft zu Boden. Die Sterne zogen Linien, und die Welt schaukelte wie bei hohem Seegang. Hellauf begeistert wiederholte er die Drehungen gleich noch einmal. Als sich sein Blick wieder beruhigte, entdeckte er am Dorfrand den Stapel, der tagsüber dort aufgeschichtet worden war und auf den Abtransport wartete. Jedem Baumstamm klopfte er mit Fäusten einen Gruß auf die Schnittfläche. Vor Einsetzen der Dämmerung waren die Holzfäller singend unter ihm vorbeigelaufen. Ein Lied über die Kraft der Sägen, die den Rhythmus ihrer Herzen besäßen oder so ähnlich. Konrad konnte es nicht ausstehen, aber ertappte sich dabei, dass er die Melodie summte, als er bei einer Wäscheleine ankam. Neben den Stallungen des ersten Hofes hingen ein paar Kleidungsstücke zwischen einer großen Anzahl Küchentücher. Er schnappte sich eine Hose und ein Hemd, die ihm beide zu groß waren. Das Hemd war an einigen Stellen geflickt worden, im Gegensatz zu der Hose, die schäbig aussah, verschlissen und abgetragen. Konrad war das vollkommen egal, und er lief die Dorfstraße entlang, bis er bei der Kapelle stehen blieb. Von dort hatte man einen guten Blick über das Gebirge, auch auf das flache Hangstück, auf dem er aufgewachsen war und das im Mondlicht als kahler Fleck deutlich ins Auge stach. Hinter sich hörte er jemanden schnauben. Der Förster saß auf dem Boden, an die Außenwand der Kapelle gelehnt, und grummelte etwas vor sich hin. Zwischen seinen Oberschenkeln war eine Flasche Korn festgeklemmt. Konrad beugte sich zu ihm hinunter. Sie liebt dich einfach nicht, sagte er leise. Um ehrlich zu sein, sie kann dich auf den Tod nicht ausstehen, fügte er hinzu. Der Förster hob den Kopf und schien mit den Augen nach der Quelle zu suchen, aus der die Worte zu ihm drangen. Und das ist fürs Abhacken, sagte Konrad. Seine weit ausgeholte Ohrfeige, ein Volltreffer auf die linke Wange, blies dem Förster augenblicklich die Lichter aus. Er rutschte seitwärts an der Außenmauer entlang und blieb mit angewinkelten Beinen liegen. Aus der Flasche pinkelte ein dünnes Rinnsal auf den staubigen Weg. Die Schuhe des Försters passten Konrad deutlich besser als das Hemd und die Hose. Wie maßgeschustert fügten sie sich um seine Füße. Als er sich die Schnürsenkel zugebunden hatte und wieder aufrecht stand, warf er einen letzten Blick auf die Landschaft. Ein eigenartiges Gefühl hatte sich in seinem Mund breitgemacht. Er hatte Durst.

Wunsch, Indianer zu werden

Etwa die Hälfte des Holzstapels aus dem Gelbachtal war Feuerholz für die Dorfbewohner. Der Rest kam auf Zweispänner und wurde über die Landstraße nach Holzappel und weiter nach Balduinstein gekarrt, wobei ein Teil davon in die Lahn abgeladen und mit der Strömung nach Westen geflößt wurde, an Nassau vorbei, bis Lahnstein, wo das Holz in den Rhein gelangte. Den anderen Teil verfrachtete man auf Güterwagen, die ostwärts entlang der Lahntalbahn bis Wetzlar rollten und dann nach Frankenberg umgeleitet wurden. In der Schiffermühle von Frankenberg zerkleinerte eine Gattersäge die Stämme mit der Kraft eines Wasserrades in lange Bohlen, die daraufhin zur nächstgelegenen Papierfabrik gebracht wurden. Dort hatte man sich auf die Herstellung von hüfthohen Rollen aus schier endlos aufgewickeltem Zeitungspapier eingerichtet sowie auf scheunentorgroße Kartonagen und Pappen. Der Verschnitt wurde zu Bierdeckeln verarbeitet. Nur ein geringer Teil ging als Bogenpapier an Druckereien, um dann abschließend in Buchbindemaschinen zu landen. Das änderte sich jedoch im Laufe der Zeit, das Wasserrad der Schiffermühle war längst durch eine dampfbetriebene Turbine ersetzt worden, als sich die Bestellungen für derartiges Druckpapier förmlich überschlugen.

In der Nähe des Bahnhofs von Balduinstein, genauer gesagt vor der Auslage einer Konditorei, glotzte Konrad gebannt auf ein Teilchen, das mit Schokoglasur überzogen war. Aber auch das Stück Donauwelle daneben hatte seinen Reiz. Er konnte sich nicht entscheiden. Wenn er das linke Auge zukniff, sah er die Donauwelle, beim Zukneifen des rechten Auges war das Teilchen sichtbar. Welle oder Teilchen, überlegte Konrad und zwinkerte hin und her, sodass er Tom erst bemerkte, als er von ihm angerempelt wurde, nachdem dieser schon dreimal he, Kollege quer über die Straße gerufen hatte. Konrad sah ihn an und bekam ohne Umschweife erklärt, wie man bequem an Klimpergeld herankäme. Dabei rasselte Tom mit der rechten Hand in seiner Hosentasche und lächelte schief, als hätte er einen Grashalm im Mund. Tom war etwas älter als Konrad und konnte sehr gut spucken. Außerdem besorgte er ihm das Teilchen, das Konrad an Ort und Stelle verputzte. Und schon ging es los, die staubigen Straßen entlang, mit dem vollen Stoffbeutel auf dem Rücken, den er von Tom bekommen hatte. Anfangs noch unsicher, bemerkte Konrad mit der Zeit, dass er mit lautem Klopfen oder nervigem Rufen besser durchkam. Warte vor den Häusern, bis die Bewohner von der Arbeit zurückkehren, hatte Tom gesagt, während sie hinter den Bahnhof liefen, sieh in den Hinterhöfen nach, ob dort Wäsche hängt, erkundige dich bei den Nachbarn, wann die Leute wiederkommen, ohne eine Antwort abzuwarten. Ich hätte nämlich auch ein Angebot für Sie, mein Herr, sagte Konrad mit einem zuvorkommenden Grinsen und entschied, je nach Bauchumfang oder Pfeifenlänge, Bartgeflecht oder Haaresdichte, welches der Titelbilder er als Erstes vorzeigen würde. Die Dicken sind ganz scharf auf Indianergeschichten, klärte Tom ihn auf, als sie bei einer Holzhütte angekommen waren, die er Zentrale nannte. Vielleicht, weil sie die durchtrainierten Pferde sehen und die muskulösen Oberarme der Reiter, die aufrecht im Sattel sitzen, den Pfeil tief in den Bogen gespannt, sagte Tom und drückte die Tür auf. Konrad glaubte, es könnte auch an den Federn liegen, die als Kopfschmuck dienten und so leicht waren, wie die im Türspalt stehenden Männer mit ihren Wampen gerne wären. Pfeifenrauchern hatte ich anfangs nur Detektivkram angeboten, verriet Tom und reichte Konrad ein paar Hefte, die sich in der dunklen Hütte stapelten. Egal, ob in der Hocke über eine vom Nebel verhüllte Leiche gebeugt oder sich einem wilden Tier unbekannter Herkunft mit glühenden Augen entgegenstellend, Detektive pafften in jeder Lebenslage an ihrer Pfeife, während im herrschaftlichen Landgut, das weit im Hintergrund abgebildet war, stets ein einzelnes Licht brannte. Aber Pustekuchen, die Reihe mit dem schwarz maskierten Meisterdieb dort hinten, Tom zeigte auf einen Stapel, während er sprach, die kommt bei den Pfeifenheinis hundertmal besser an, glaub mir. Vielleicht stellen die sich vor, wie sie den Dieb anhand einer atemberaubend hergeleiteten Beweiskette selbst zur Strecke bringen, sagte Tom und lachte. Wenn sie nur genug Mumm in den Knochen hätten, fügte er leise hinzu und spuckte. Der Rotz flog zwei Kutschenlängen weit und landete im Staub. Konrad waren die Beweggründe der Kunden egal. Hauptsache, ein Abonnement für die wöchentlich erscheinenden Zehn-Pfennig-Hefte wurde abgeschlossen, und er bekam seinen Anteil jeden Montag in Toms Zentrale ausgehändigt, zusammen mit dem Stapel Neuerscheinungen. Genügend Pfennige beisammen zu haben bedeutete, mit breiter Brust in die Konditorei zu marschieren und etwas aus der Auslage zu bestellen. Dafür war er bereit, hartnäckig an den Türschwellen stehen zu bleiben. Ein älterer Herr mit zu Kreisen hochgezwirbelten Schnurrbartenden, dem er eine Abenteuerserie angedreht hatte, die irgendwo in Arabien spielte, unterschrieb nur, damit der junge Mann hier keine Wurzeln schlage, und wusste ja gar nicht, wie doppeldeutig die Redewendung in Konrads Ohren klang. Manchmal wandten sich Kunden, in der Regel solche mit schütterem Haar und dunklen Ringen unter den glasigen Augen, nach innen ins Haus, um zu prüfen, ob sie ungestört reden konnten, und flüsterten Konrad zu, ob es noch etwas anderes gebe, du weißt schon, mein Junge, wurde dann herumgedruckst. Tom nannte es die Spezialhefte, und Konrad zog sie bei Bedarf aus der Tiefe des Beutels hervor. Wenn die Dame des Hauses dir die Tür öffnet, sagte Tom, beginnst du am besten mit den Liebesschmonzetten und arbeitest dich ungefragt zu den Spezialheften durch, was auch tatsächlich, ganz gleich, wie groß das Kreuz war, das im Halbdunkel der Stube an der Wand hing, sehr gut ankam. Als er so ein Ding zum ersten Mal, von einem Hügel aus, in einer Turmspitze stecken sah, hielt er es für ein Schwert, das mit der Klinge nach unten zeigte, als hätte ein Herrscher es nach einer gewonnenen Schlacht in den Turm gerammt, um ein für alle Mal klarzustellen, wem das Land von nun an gehörte. In den Stuben hing manchmal ein bärtiger Mann mit ausgestreckten Armen an dem Kreuz, manchmal auch nicht. Das musste man nicht auf Anhieb verstehen, und er gab sich auch nicht allzu viel Mühe damit. Menschen waren im Allgemeinen recht seltsam. In letzter Zeit wird das Soldatenzeug immer gefragter, sagte Tom mit verheißungsvoller Stimme und pustete sich eine Strähne aus dem rechten Auge. Er las ihm manchmal aus den Heften vor, was Konrad ziemlich großartig fand. Diesmal ging es um einen jungen Gefreiten, der sich heldenhaft ins Kriegsgetümmel warf. Mit einer Uniform führt man ein edleres Leben, sagte Tom und legte eine Hand auf Konrads Schulter, nicht mehr lange, und dann macht es Kawumms, fügte er hinzu und grinste, als rollte eine Jahrmarkttruppe über die Straße in die Stadt. Ein paar Monate später war es dann so weit. Von allen Seiten hörte Konrad vom Großen Krieg, der endlich gekommen war. Die Menschen waren außer sich vor Freude, wenigstens einige Wochen lang. Die Mobilmachung griff flächendeckend um sich, und junge Männer liefen haufenweise zum Bahnhof, wo sie jubelnd in Güterzüge stiegen. Kurz danach gab niemand mehr Geld für Groschenromane aus. Die Abonnements versiegten, Türen knallten im Sekundentakt zu, von Tag zu Tag wurde Konrad aufgrund seines wehrfähigen Alters misstrauischer beäugt. Auch Tom war eines Tages verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Kein Klimpergeld mehr für schokoglasierte Teilchen, überhaupt war es besser, nicht mehr unter Leute zu kommen. In den Wäldern war man ungestörter. Die Hefte, auf denen er sitzen geblieben war, benutzte er als Zunder für seine Lagerfeuer. Nur die Spezialhefte behielt er noch bei sich und starrte gebannt, bis spät in die Nacht hinein, auf die schwarz-weißen Illustrationen.

Selbst im Schlaf, wenn Konrad im Schutz eines Erdhügels ein Nickerchen machte, schob der Hunger alles beiseite und prügelte auf seinen Bauch ein wie ein Boxer, gegen den man auf dem Jahrmarkt antrat und nicht den Hauch einer Chance hatte. Nach dem Aufwachen, Konrad hätte schwören können, dass die Tannenzapfen, die im feuchten Gras herumlagen, eben noch mit Karamell überzogene Birnen gewesen waren, ging die Suche nach etwas Essbarem weiter. Je nach Jahreszeit gab es Beeren und Bucheckern, aber er war schließlich kein Mensch geworden, um sich wie Federvieh zu ernähren. Manchmal kam er an Bauernhäusern vorbei, die am Ende eines Waldstückes auftauchten, mit schrägen Holzbalken in den Mauern, aus den flachen Schornsteinen stieg Rauch auf. Die Hunde waren kein Problem, sie bellten nie, wenn er sich den Höfen näherte. Sie schnüffelten an ihm herum, hoben ein Bein und kümmerten sich nach dem kurzen Strahl nicht mehr um ihn. Anscheinend roch er immer noch nach Baum. Auf den Zehenspitzen oder sich eine Kiste unterschiebend, warf er einen Blick durch die Fenster, wo er die Familien am Tisch sitzen sah. Eine Bauersfrau, dunkles Kopftuch und alte Gesichtszüge, war meistens allein mit drei bis fünf Kindern, die wenigsten davon erwachsen. Ab und zu war noch ein Opa zu sehen oder eine bucklige Großtante, die niemand heiraten wollte, noch nicht einmal der bekloppte Bruder der Bauersfrau, der im winzigen Holzverschlag hinter der Küche eingesperrt wurde. Nach dem Amen des Tischgebets tauchten sie schweigsam ihr Maisbrot in einen Teller Kartoffelsuppe. Zum Nachtisch gab es warme Ziegenmilch mit einem Klecks Marmelade aus Johannisbeeren, wenn Konrad sich diesmal nicht in der Farbe geirrt hatte. Er stieg von der Obstkiste und schlüpfte durch eine schmale Öffnung, die in Kniehöhe neben der Stalltür eingelassen war und an der eine Hühnerleiter mit drei kleinen Sprossen lehnte. Daraufhin kroch er durch den dusteren und leeren Stall hindurch, bis er eine Klappe fand, die zur Speisekammer führte. Dort stopfte er einen Mehlsack mit Maiskolben, Kartoffeln und Marmeladengläsern voll. Etwas anderes gab es auch nicht. Auf dem Boden klebten schmutzige Federn in ausgetrockneten Blutlachen fest. Er hob den Kopf, und vor seinen Augen schwebten einzelne Staubkörner aberwitzig langsam durch die schmalen Lichtbalken, die von oben hereinfielen. Die laute Stimme der Bauersfrau drang zu ihm, sie schrie ihren Kindern ins Gesicht, dass es morgen nur vergammeltes Brot und Regenwasser gäbe, wenn sie weiter so halbherzig im Feld arbeiten würden wie heute. Im Leben könne man sich eben nicht alles aussuchen, sie hätte es auch lieber gehabt, wenn der bekloppte Bruder in den verdammten Krieg gezogen wäre und nicht der Vater, Gott habe ihn selig. Das Klatschen danach hörte sich an wie das Abtrennen von Hühnerköpfen, aber es war eine Rute, die hintereinander auf drei bis fünf ausgestreckte Kinderhände flirrte, da war sich Konrad sicher. Durch die Ritzen der Bretterwand konnte er sowohl ins Innere der Küche als auch in den Holzverschlag linsen. Der Nachwuchs stand nebeneinander aufgereiht in der Küche und verschränkte die linke Hand hinter dem Rücken, während der Bruder, er war ungefähr Mitte zwanzig und hatte einen wild abstehenden Vollbart, auf dem Boden hockte und sich mit den Händen die Ohren zuhielt. Seine schmutzigen Fingernägel erinnerten an gebogene Hühnerkrallen. Irgendwann wurde ihm ein Napf hineingeschoben, der Bruder griff sprungartig danach und tauchte drei Finger in einen Brei aus Essensresten. Nicht so schlingen, wollte ihm Konrad zuflüstern, aber es wurde höchste Zeit, dass er aus der Speisekammer verschwand. Die Hunde dösten mit der Schnauze im staubigen Boden neben ihren Hütten oder im Schatten des Gebäudes und verfolgten den sich rennend vom Hof entfernenden Konrad nur mit den Augen. Das Klackern der Marmeladengläser war noch lange im Halbdunkel des Waldes zu hören. Seit einiger Zeit gab es keine Hühner mehr, stellte Konrad fest, als er auf einem Erdhügel eine Pause einlegte und die süße Johannisbeermasse mit zerkauten Maiskörnern vermischte. An Tagen, an denen er nichts erbeutete, stopfte er sich Blätter von einem niedrig wachsenden Strauch in den Mund und kaute auf ihnen. Das half gegen den Hunger. Außerdem kam er sich dadurch eben nicht wie Federvieh vor. Blätter passten besser zu ihm.

Ein Sperling war im Schilf gelandet und stierte in der Art, wie nur Vögel es konnten, in eine unbestimmte Richtung. Im Uferbereich des Flusses stand Konrad über das matte Grau des Wassers gebeugt und zog den rechten Fuß aus dem Fluss, um ihn vorsichtig, mit den Zehenspitzen voran, etwas versetzt wieder einzutauchen. Seine Augen fixierten die sich kräuselnde Wasseroberfläche. Als er wieder sicheren Stand hatte, hob er langsam beide Arme in Kopfhöhe, im Ellenbogen angewinkelt. Der Sperling zuckte zweimal ruckartig mit dem Kopf, als verfolgte er ein Tennismatch in der Mitte des Flusses. Konrad verharrte stocksteif in seiner Position. Er atmete tief ein, scherte die Hände auseinander und hielt die Luft an, bis der richtige Moment gekommen war. Blitzartig schossen die Hände hinab, packten nach etwas, das sich wehrte und für einen Augenblick zu entkommen schien. Er musste einen Ausfallschritt machen und noch einmal nachfassen. Wasser spritzte in alle Richtungen. Er spannte die Oberarme an und wurde ein wenig zur Seite gezogen, woraufhin alles ruhig wurde. Grinsend zog er eine dunkelbraune Kröte heraus, die kopfüber zwischen seinen Händen klemmte und beharrlich mit den glänzenden Unterschenkeln strampelte. Der Lärm des Spritzwassers hatte den Sperling aufschrecken lassen, er flog in einem Bogen am bewölkten Himmel entlang zur anderen Flussseite, wo er in einem Busch landete. In der Nähe kauerte eine dunkel gekleidete Gestalt am Ufer und applaudierte. Konrad erschrak und geriet für einen Moment aus dem Gleichgewicht. Fast wäre er rücklings ins Wasser gefallen, aber er nutzte den Schwung geschickt für eine halbe Drehung und lief, seinen Fang vor der Brust schützend, mit schnell staksenden Schritten auf das Schilf zu, worin er Sekunden später verschwand.

Konrad war zu faul, um aufzustehen. Er fummelte den Spieß, so gut es ging, ein halbes Mal um die eigene Achse und ließ ihn schräg auf die in den Boden gesteckte Astgabel zurückfedern. Die zwei Schenkel am anderen Ende waren noch nicht knusprig genug. Er blieb an den grasbewachsenen Erdhügel gelehnt und starrte weiter in den Abendhimmel. Wenn man gewisse Sterne mit einer Linie verband, kamen ein Kinderdrachen oder ein Bügeleisen zum Vorschein. Konrad presste seine Handflächen aneinander. An den Handgelenken ließ er einen kleinen Spalt offen, den er über die Spitze des Drachen rauf und runter schob. Dazu stöhnte er, bis er kichern musste, und fing wieder von Neuem an. Allmählich übermannte ihn ein Gähnen, seine Augenlider senkten sich mit einer Leichtigkeit, die Beruhigung versprach und ihn erfolgreich einlullte. Ein Geräusch ließ ihn wieder ein Auge öffnen, dann das andere. Erst nach dem dritten Blinzeln erkannte er eine Gestalt, die sich neben dem Feuer über den Spieß beugte. Mensch, das verbrennt doch noch alles, sagte sie mit hoher Stimme und riss die brutzelnden Schenkel in die Höhe. Konrad griff neben sich, jedoch ins Leere, dein Beutel ist hier, bemerkte die Gestalt, ohne ihn anzusehen, und roch am Krötenfleisch. Im Feuerschein erahnte Konrad die knusprig ausgehärtete Haut mit der saftigen Schicht darunter. Die Gestalt schlug ihren Umhang zur Seite und zog eine dolchartige Klinge hervor. Mit der Breitseite schob sie den unteren Schenkel vom Spieß, der klatschend zu Boden fiel. Damit du nicht verhungerst, murmelte sie, spießte den Schenkel auf und schleuderte ihn zielsicher vor Konrads Füße. Ein Lächeln blitzte auf, dein Feuer hast du gut versteckt, sagte sie und wischte mit der Klingenspitze durch die Luft, wobei ihre schulterlangen Locken golden schimmerten, aber du schnarchst wie ein vollgefressener Dachs, man hört dich noch in Friedberg, fügte sie hinzu und lachte. Bevor er etwas antworten konnte, hatte sie sich umgewandt und war leichtfüßig in die Dunkelheit des Waldes getaucht. Konrad schnappte sich den Schenkel und lief hinter die Feuerstelle, wo sein Beutel wie eine zusammengerollte Katze lag. Seine Sachen waren alle noch da. Er horchte in die Dunkelheit, in der sich nichts mehr regte, und prüfte mit der Oberlippe, ob der Schenkel genügend abgekühlt war für einen ersten Biss. In ihren goldenen Locken, da war sich Konrad sicher, hatte etwas gesteckt, ein dünner Zweig vielleicht.

Einen Ast beiseiteschiebend kam Bruno Blancknagel, seines Zeichens Wachtmeister im Großherzoglichen Hessischen Gendarmeriekorps, zur Mittagsstunde an der abgebrannten Feuerstelle vorbei, klatschte seinem Pferd zweimal stramm auf die rechte Flanke und leitete mit der Bemerkung, wer ein Feuerchen im Wald macht, meine liebe Schneeflocke, der macht sich verdächtig, sein Absitzen ein. Beim gebückten Abschreiten des wunderschönen Hains unweit des Flussufers murmelte er hier und da unverständliche Satzfetzen, teilweise einem im Mund sitzenden Birkenzweig geschuldet, um abschließend, nicht ohne den Anflug prahlerischen Selbstlobs in der Stimme, lauthals festzustellen, dass aufgrund seiner Kenntnisse im Spurenlesen eindeutig festzustellen sei, dass wahrscheinlich zwei Personen die Nacht hier verbracht hätten. Oder es war jemand mit Schuhen an Händen und Füßen, sagte er und legte eine kurze Pause ein, der auf allen vieren herumläuft, um eine falsche Fährte zu legen. Ein kleiner Witz, den er sich, an den eigenen Bierbauch fassend, erlaubte, und er warf den Kopf vor Lachen derart heftig nach hinten, dass die Pickelhaube kurz in Schieflage geriet. Augenblicklich korrigierte er den Sitz des Helms und wies mit der Hand hinter eine Baumgruppe, sie sind heute Morgen in diese Richtung aufgebrochen, sagte er in einem Ton, als hätte er alles seinem Pferd diktiert, welches die Tatbestände mitschreiben sollte wie ein Hilfssheriff. Die Zügel aufnehmend schwang er sich in den Sattel zurück, in dessen Lederknauf ein doppeltes B geritzt war, was insgeheim für seinen Spitznamen stand, Buffalo Bruno, den außer ihm selbst niemand benutzte, und gab Schneeflocke die Sporen. Einen halben Tag Vorsprung, zischte er am Birkenzweig vorbei, wenn du nicht so herumkriechst wie üblich, dann erwischen wir sie spätestens heute Abend, diese gottlosen Banditen.

Ein schmaler Trampelpfad führte durch hohe Gräser am Fluss entlang. Konrad kaute Blätter und war unterwegs zu einem Bauernhaus, das er länger nicht mehr aufgesucht hatte. Die nächste Windung des Flusslaufs verschwand hinter einem aus dem Gras aufragenden Steinhügel, der von Weitem wie eine riesige Tatze aussah. Drei fast senkrechte Einkerbungen, in ähnlichem Abstand