Paradies der Irren - Mark Stein - E-Book

Paradies der Irren E-Book

Mark Stein

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Beschreibung

Eine Art Rast auf dem Lebensweg, ein kaleidoskopischer Blick. Beobachtungen, Monologe, Dialoge, Notizen aller Art, Tagebuch, Briefe. Eine Collage. Zettel-Schreiberei. Tropische Inselfantasien.

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Seitenzahl: 398

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Sei vielgestaltig wie das Weltall.

(Fernando Pessoa)

Wie mein Geist mäandert, so auch mein Stil.

(Michel de Montaigne)

Für R.

Vor mir die Dunkelheit und das Meer mit seinem Geraune. Hinter mir Musik, Stimmen, Touristen, Lärm. In meinem Kopf ein Dschungel, dazwischen der Satz eines Freundes: «Mit leisen Grüssen auf dem merkwürdigen Weg ins Alter.»

Also, gleichsam dichterisch: Es wird Zeit, zu sammeln und zu sichten, um möglichst alle Illusionen zu vernichten.

Denn: Was soll das alles? Wir werden geboren, ohne gefragt zu werden; ausgeworfen und am Ende in der Erde versenkt oder verbrannt und vielleicht in alle Winde zerstreut. Dazwischen liegt das Leben. Für die einen ein Labyrinth, für andere ein Selbstbedienungsladen, Sinnsuche, Sucht, Krieg, grotesker Zufall, ein Tunnel, Traum oder «ein Törtchen mit Scheisse, das man langsam aufzuessen gezwungen ist», wie Tolstoi sagte; Zwischenstation zum Paradies, biologischer Unfall, philosophisches Rätsel, Abenteuer, Panoptikum, Gottesdienst – oh Gott, dabei ist das Leben doch erst einmal einfach das Leben, und das Leben hat immer recht, wie Vinicus de Moraes schon wusste: A vida tem sempre razão. Oder einfach so: Das Leben ist das Leben ist das Leben ...

«Wieso bist du hier?», fragte mich jemand. «Wieso nicht?», antwortete ich. Ich wollte nicht mein ganzes bisheriges Leben aufrollen. Von meinen hehren Lebenszielen erzählen, meinen Wünschen und Träumen. Ich will die Zusammenhänge des Lebens kennenlernen!, rief ich dir damals zu, als ich jung und überheblich war. Und jetzt sitze ich am Strand, und das Licht all dieser Lampen, Lämpchen und Spots verschluckt das Funkeln der Sterne.

Auch Inseln haben ein Eigenleben.

Eine Art Rast auf dem Lebensweg, ein kaleidoskopischer Blick. Beobachtungen, Monologe, Dialoge, Notizen aller Art, Tagebuch, Briefe. Eine Collage. Zettel-Schreiberei. Tropische Inselfantasien.

Inhaltsverzeichnis

1980

Manila

Boracay

Sieben Jahre später

1988

1989

1990

1992

1993

1994

1995

1996

1997

1998

1999

2000

2001

2002

2003

2004

2005

2006

2007

2008

2009

2010

2011

2012

2013

2014

2015

1980

Manila

Ich trete nach etwa zwanzig Flugstunden aus dem eisschrankgekühlten Flughafen hinaus in die Brutofenhitze. Draussen wogende Wellen leuchtender Farben, Massen von Menschen hinter Absperrgittern warten mit neugierigen Blicken auf ihre Lieben. Eine betörende Fata Morgana! Breite Gesichter mit hohen Wangenknochen nebst schmalen, ausgemergelten, mit krausem Haar, geschwungenen und fleischigen Lippen, grossen Augen. Die Fahrt mit dem Bus in die Stadt. Manila. Meine Pension ist zwei Tage vor meiner Ankunft abgebrannt, also eine neue suchen. Pension Metro. Dämmrige enge Gänge, kümmerliches Neonlicht von der Decke, herumschleichende Gestalten, eine schlafende Filipina auf einem Plastikhocker, mein Zimmer von der Grösse eines Hühnerstalls mit blassblauen, abblätternden Wänden und einer Pritsche zum Schlafen; ein Althippie bietet mir einen Joint an.

Fahrt nach Santa Mesa im Jeepney. Thaft-Avenue, die wahnsinnigen Strassen, total verstopft den ganzen Tag. Pasig, über den Fluss, Quiapo, alles voller Menschen. Der Lärm, der unfassbare Lärm jeden Bruchteil einer Sekunde. Die Strassen wie Schluchten, vergast, Rennfahrer, Dreck.

So viele Huren und Puffs! Oft armselige, zu Stripteaseclubs umfunktionierte Hütten.

Die meisten Filipinos/as sind katholisch, etwa achtzig Prozent der Frauen machen oder haben schon mal «die Strasse gemacht». Was sagt der Papst dazu? Und die Frauen leben im Dreck, sind aber immer sauber. Heilige in ihrer Armut, strahlen Ruhe aus, sind feingliedrig wie Puppen mit Blicken voller Leben, sie gehen in die Kirche, beichten, und dann wieder ab auf die Strasse. Und wenn sie Geld riechen, werden sie manchmal zu Raubkatzen. Der Körper als Ware – dieses andere Bewusstsein für den eigenen Körper! Für sie Notlage, für gewisse Touristen ebenfalls.

Jederzeit könnte man ein Mädchen oder einen Jungen haben!

Der Kleine, der zu mir rennt, «hello» ruft, mich gleich fragt, ob ich mit ihm gehen will, er sei schon 11 Jahre alt, no problem, «ok?!». Ich schätze ihn auf höchstens acht. Als ich nichts von ihm wissen will, trottet er beleidigt davon, versucht es bei anderen Weissen, die das dann mögen.

Aus Mitleid vögeln? So weit kommt es noch, doch als clevere, sozialgefärbte Ausrede mag man das ja hinnehmen und sich seinen Rest dazu denken oder antrinken. Aus Mitleid, weil sie kein Geld für die Schule haben. Oder eine kranke Grossmutter, Mutter, Schwester, was immer. Die sich dauernd wiederholenden rührenden Geschichten, die sie einem auf der Strasse erzählen, mit wenig Fantasie. Hauptsache Geld gegen das Elend.

Zeitungslektüre in einer Aircon-Bar: Zehntausend russische Soldaten stehen nahe bei den iranischen Ölfeldern, in Brasilien sterben beim Karneval ein paar hundert Menschen, in Frankreich wird jemand von einem UFO entführt, in Sibirien ist 40 Grad unter Null, und irgendwo fiel Blutregen vom Himmel.

Busfahrt. Der mächtige Touristenbus braust durch die Landschaft, vorbei an Reisfeldern, durch lichte Wälder mit Bambushütten, kleine Kinder am Strassenrand, rast dahin, hupt, gebückte Gestalten im Sumpf setzen Reispflänzchen, eines nach dem andern, unter der brennenden Sonne, arbeiten für nichts, leben, machen Kinder – und mein Magen krampft sich zusammen ... nein! Ich will nicht in den Reisfeldern arbeiten! Und das im Bus, inmitten der saftig grünen Ebene. Die Angst, sich in jemand anderen zu verwandeln, auf Reisfeldern arbeiten zu müssen. Heimweh – nach wo?

«Melancholie ist zurückgeworfene Inbrunst.» Wer nur sagte das?

Boracay

Die Insel als eben entdecktes touristisches Neuland. Abendliche Feuer am Strand mit dem zusammengewischten Laub des Tages und alten Kokosnussschalen. Ein paar Touristen nehmen dazu frische Bambusrohre, das Resultat: Es knallt wie wild. Sie hocken im Kreis, reden über ihre Reisen, rauchen Joints und haben keine Ahnung vom Feuermachen.

Das nächtliche Konzert der Geckos, sie schreien «fuck you». Es fängt zweimal knarrend an, setzt sich lauter fort, diese Laute gleichen Rülpsern.

Spaziergang zum Friedhof, einsam am Hang gelegen, auf die andere Seite der Insel und auf die Hochebene. Frauen, Männer und Kinder graben nach Süsskartoffeln, Mais wächst kümmerlich, Wasserbüffel suhlen sich, Ziegen meckern, der Wind pfeift. Karges Leben.

«To the other side of the paradise» weist ein Schild den Weg. Das Paradies, das keine Sünde kennt. Die Frucht der Erkenntnis gibt’s hier nicht. Ich liebe alles. Ich liebe jedes Geräusch, jede Welle, jeden Halm, die Farben, das unendliche Rot im Grün. Das kleine Mädchen mit Pagenschnitt und blauem Kleidchen und leuchtenden schwarzen Augen, eine kleine Fee, nicht von dieser Welt. Knaben wie Kobolde streifen durch die Palmenwälder, bewerfen sich am Meer mit Sand. Einer spielt auf der Veranda einer Hütte Gitarre, er legt seinen Kopf auf sie, hört sich in sie hinein und spielt, singt mit seiner hohen Knabenstimme, völlig versunken in die Musik. Daneben hocken Touristen und warten im Paradies gelangweilt aufs Essen. Die beiden Schweden (Lehrer und Ingenieur), eisern und vernünftig; zwei Schweizer, mürrisch und völlig in sich geschlossen; Alberto, der 60-jährige Frauenarzt aus Parma, der halbjährlich abwechselnd arbeitet und reist; Renate und Pia, die zwei schüchternen Bayerinnen; der dicke Österreicher mit der weinerlichen Stimme und mit Filipina-Freundin, der das Essen dauernd mit Zuhause vergleicht; die sportlich-muskulösen Kanadier, die endlos über ihre Reisen reden. Welten.

Nacht, Feuer am Strand, auch auf der grossen Nachbarinsel Panay. Mafiöse Filipinos schleichen herum, sehen sich vielleicht die Insel genauer an, um eines Tages mit einem Vertrag wiederzukommen, mit dem sie Land kaufen und später Hotelkästen an den Strand stellen. Schmierige Figuren, denen man besser aus dem Weg geht, genau wie auch besoffenen Polizisten.

Die wunderbaren mandarinengrossen Kokosbrötchen: weicher Teig, im Innern Kokospaste.

Spaziergang auf dem Weg nach Manoc-Manoc. Ein vielleicht zwei Meter breiter Mergelweg, bei Angol steigt er sanft an, ein paar Hütten links und rechts und viel Wald, Palmenwald. Blick in die Büsche und hohen Bäume. Farben und Melodien, eine Kuh muht, ein Hahn kräht, ein Kind weint, der Wind rauscht.

Abends wieder dem Strand entlang, die Löcher im Sand, sie werden gefüllt mit den zusammengewischten Zweigen und trockenen Blättern, bald steigt Rauch zum Abendhimmel. Später in der Nacht dann wieder die vielen Feuer am White Beach – paradiesische Romantik. Wir sitzen um ein Feuer, Tourismus global, vereint durch einen Joint mit starkem Gras aus den Bergen. Ich verstehe kein Wort mehr, höre nur noch die Wellen ihrer Sprachen, sie verlieren ihre Konturen, verfliessen, werden Klang. Ich schaue ins Feuer. Mein Bauch wird dick und dicker, schwillt an und scheint nächstens zu explodieren, aber nichts passiert – bis zu einem gigantischen Furz.

Zum Essen gab es im Mila’s Place Erbsengemüse, Reis, Chicken, und zum Dessert Bananenherzen-Salat an Kokosmilch.

Essen unten in Angol, in einem der wenigen Restaurants für Touristen auf der Insel. Bei «Rodscher», wie man Roger, den Frankokanadier (oder was immer er ist) nennt. Ziegeneintopf. Adobo. Später sagt man mir, es sei Hund gewesen. Geschmeckt hat es.

Ein paar Kinder machen ihr eigenes Feuer, springen akrobatisch darüber. Ein Kleiner nimmt ein Bambusrohr, stopft in eines der Enden trockene Palmblätter, hält das Ganze ins Feuer und schon ist seine Fackel perfekt.

Am frühen Morgen bieten einem die Kinder jeweils mushrooms(!) an. Halluzinogene Pilze, die in kürzester Zeit auf den Kuhfladen wachsen. Wer mag, bringt sie dann in die Küche, wo sie einem damit anstandslos Omeletten zubereiten.

Sieben Jahre später.

Landung mit einem Mini-Flugzeug auf der Graspiste von Caticlan. Mit einem Moto-Tricycle (ein dreirädriges Motorrad mit zwei Sitzplätzen im hinteren Teil) zur Bootsstation, mit einem Auslegerboot in zwanzig Minuten über den Kanal nach Boracay, an den White Beach, durchs milde Wasser waten und ab ins Resort eines Freundes, der hier seit ein paar Jahren mit seiner Frau lebt.

Buntes Gästegemisch in den Cottages: Schweizer, Filipinos und ein Deutscher namens Gene. Ein blonder Riese mit stahlblauen Augen, gerne zeigt er den Frauen seinen muskulösen Body. Er raucht und trinkt massiv. Angekommen ist er mit einem Verstärker und einer Gitarre, auf der er oft spielt, aber zum Glück ohne Verstärker, in etwa immer die gleichen fünf Griffe. In Jamaika managte er ein Hotel, in L.A. verliebte er sich in eine Brasilianerin, wegen der er nach Brasilien ging, er segelte um die Welt und machte so ziemlich alles – sagt er. Man sagt hier viel. Ein anderer Gast, ein Italo-Schönling mit Manila-Girl und Pekinesen-Hund, beklagt sich mal lautstark über ein Sandkorn in seinem Shake.

Die neue Bazura-Disco verdrängt Meeres- und Palmrauschen. Weihnachten unter Kokospalmen, mit vielen Knallfröschen, tutenden Kindern und viel Wärme.

Hinter der Küche weiden zwei Pferde. Die Köche lachen, wenn der Hengst mit aller Gewalt, ungestüm und unbeholfen, auf die Stute steigen will und seinen enormen Penis rumbaumeln lässt.

1988

Lektüre in «Nachrichten aus dem Weltdorf» in Umberto Ecos Buch Über Gott und die Welt. Ein Weltdorf auch hier: Eine beeindruckende, vielfältige Palette von Menschen besuchen Boracay: verschiedene Rassen (oder muss man nun politisch korrekt Ethnien sagen?), Kulturen, Religionen, soziale Schichten. Zudem leben hier die Negritos, die Ureinwohner mit ihrer fast schwarzen Haut und den gekrausten Haaren, sowie alteingesessene Filipinos, Zugezogene aus Manila, Cebu, Iloilo und anderen Städten, Ausländer aus Europa und Amerika. Touristen dann, aus der Schweiz, Deutschland, Korea, Frankreich, Israel, den USA, Japan, Italien usw. Verschiedene Generationen trifft man, Säufer und Edelhippies, Abenteuertouristen und Pauschalreisende. Geisterglauben neben Jesus-Kult, traditionelle Handwerker und Discoleben, politische Ränkespiele, Grundstückspekulationen, Abfall- und Abwasserprobleme, Nationalismus und Rassismus, mafiaartige Intrigen unter Familienclans, Korruption, Machthunger, Inkompetenz, Parties und Fiestas usw., dazu Liebe, Heirat, Geburt und Tod. Oder so: Auf Boracay treffen sich informationssüchtige, erholungsbedürftige, neurotische und unerotische, gebildete und versoffene Weisse mit sinnlichen, «abergläubischen», tierhaften (ja!) Filipinos. Die Welt in einer Ecke geballt. Mikrokosmos.

Boracay – die Insel ist nur 13 Hektaren gross, ein Mückenschiss auf der Weltkarte, ein Taubendreck auch auf der philippinischen Landkarte, so klein und doch auch wieder gross. Zu entdecken gibt es sehr viel ...

Ein Knabe spaziert mit seinem Freund vorbei, hört ein weiches, rhythmisches Sambalied von der Bar her, wo ich sitze, die Sonne steht schon niedrig, goldenes Licht überflutet die Insel, und der Kleine beginnt im Tanzschritt zu gehen, im Takt der Musik tänzelt er vorbei, schaut zurück, strahlt, tänzelt weiter und ist plötzlich weg. – Frauen mit ihren geflochtenen Körben auf dem Kopf, Kleider darin, manchmal ein buntes Gemisch von Knallkörpern (vor Neujahr), Hamburgern, Shorts, Tiger Balm. – Mitvierziger, braungebrannt, mit Kettchen und Ringen, aalglatt frisiert. Sie haben den «Magischen» drauf, reden gescheit, doch es geht vor allem ums Sich-Präsentieren. Beruflich arrivierte Späthippies der Achtziger. – Werner präsentiert seine riesige deutsche Dogge. Er zeigt, wie der Hund dressiert ist, nämlich auf «Heil-Hitler», dabei kusche er.

Paradiesische Insel, wer sich die Touristen wegdenkt, deren Anzahl sich in den letzten acht Jahren sprunghaft erhöht hat. Mit dem seemuschelfarbenen Sand, dem kilometerlangen White Beach, dem sich ständig neu verfärbenden Meer, den wesenhaften Wolken, den Kokospalmenwäldern, krähenden Hähnen, den einfachen Bambushütten, zerklüfteten Korallenküsten auf der anderen Seite, Sumpflandschaften mit unheimlichen Fledermaushöhlen und dem dead forest mit den toten Mangrovenbäumen in einer dunklen Brühe, oder dem Dorfplatz von Yapak, wie auf einer fernen Insel, weit ab von jeder Zivilisation. Warum nur denke ich an Borowczyks Film Goto, l’ile d’amour?

Ein grosse Auswahl an Discos, alle mit einer Tanzfläche unter freiem Himmel: Bazura, Beachcomber, Sanctuary, Sandbar. In der Bazura ist der Boden aus Sand. Die gedeckte Bar erinnert mit den riesigen vergammelten Ledersesseln an einen in die Jahre gekommenen englischen Pub in einem Schweizer Nobelort in den Bergen, Bildchen an den Wänden, Fotos von Stars, amerikanischen natürlich. Dunkle Holzgarnituren geben dem Ganzen einen seriösen Anstrich – versuchen es zumindest, im Dämmerlicht sieht man alles nicht so gut. Ein Puff. Zu den Toiletten nach hinten geht’s über einen gartenähnlichen Hof, mattes Licht begleitet einen, uriniert wird allüberall, der Geruch ist entsprechend. Um die Bartheke breitet sich die local scene aus, die Besseren, die Söhne der Boracay-Eltern, die ihr Land verscherbelt haben, trinken Carlsberg, hochnäsig, in grell-bunten Hemden und modischen Shorts. Boyer etwa, der Sohn der Sandbar-Besitzer, ein grosser bildschöner Typ mit erstaunlich gerader Nase und langen Beinen. Er weiss, wie gut er aussieht.

Beachcomber dann, eine Openair-Disco am Strand. Halb sitzen, halb liegen wir in den Bambusstühlen, vor uns das Meer, dahinter eine Wolkenwand, gigantische Saurier kämpfen als Schattenbilder miteinander, zerfliessen und formieren sich neu zum Angriff, und der Mond wühlt sich durchs Getümmel, er will untergehen, knallrot und blutend vom Gezänke der Wolkenungeheuer verschwindet er. Gene braust mit seinem Motorrad knatternd den Strand entlang, nähert sich uns, der Friede ist vorbei. Er dreht eine Kurve, schmeisst das Motorrad in den Sand und stolziert an die Bar. Er weiss, dass man ihn beachtet.

Die Sandbar in der Krise. Drei Parteien haben Streit. Die erste besitzt das Land, die zweite das Restaurant, beide von hier. Die dritte besteht aus dem bayrischen Edelcoiffeur Hans, der das Geld gab und die an den Felsen gebaute Disco einrichtete. Jetzt wollen die Filipinos ihn rausschmeissen. Sie haben realisiert, dass man da Geld macht. Diskussionen vor dem WC über Gras, Haschisch, Shabu (eine hier verbreitete Speed-Variante), Drogen aller Art. Preis und Lieferung stimmen anscheinend nicht. Herumlungernde Typen, ein deutscher Narziss mit germanisch-perfektem nacktem Oberkörper tanzt wie eine Maschine zu Techno, ganz für sich, die Musik ist dumpf, schwarz, aggressiv, laut. Weg hier! Wetterleuchten auf dem Rückweg, ein Blitz-Theater seltener Güte!

Sanctuary ist ein Zwischending von amerikanischer Hamburger-Fritten-Bude und hinterwäldlerischer Openair-Disco. Hier verkehren vor allem die Angestellten, oft hübsche Burschen, etwa Jonathan, der am Strand gerne seine Schäferstündchen abhält und jetzt mit einem Weissen streichelnd an der Theke sitzt. Ein Neonschild hängt an der rückseitigen Holzwand und verkündet bleich die Preise von Coke und Hamburgern, erbärmlich zuckt das Licht, wenn der Generator kurz vor dem Absterben ist. Glanz und Elend einer Beleuchtungstafel auf Boracay. Die Filipinos, welche die Gegenwartsleere der Amerikaner kopieren.

«Der krampfhafte Wunsch nach dem Quasi-Echten entsteht immer nur als neurotische Reaktion auf Erinnerungsleere ...» (Umberto Eco)

Schlechter Magen. Am Strand kotze ich mich aus, sehe mich kotzen, denke, wie gut das tut, und weine eine Kotzträne. Ich gehe ans Wasser, um mir das Gesicht zu waschen, da fällt mir mein Notizblock aus der Hemdtasche und plumpst ins Wasser – na ja, nun denn. Zu Hause ist alles verschlossen, ich muss in der Hängematte auf der Veranda schlafen und bin dann am nächsten Morgen von Moskitos verstochen ...

Ich sitze in einem Gärtchen, trinke ein Bier und betrachte die Hütte, bei der sich jede Wand windschief in eine andere Richtung neigt, das Dach ist weg, das Überbleibsel der Türe offen, und in der Hütte steht für sich alleine eine nackte Toilettenschüssel. Ich sehe Blumen mit blutroten Muschelblüten und orangefarbenen Blättern wie feurige Schwerter, und ich höre eine grunzende Sau, bellende Hunde, lärmende Kinder, zwitschernde Vögel, ein brummendes Flugzeug weit oben und das Gerede der Bäume.

Ich trinke ein Bier im 8-Balls, einer richtigen Knille. Zwischendurch gibt’s da eine Messerstecherei, ein Bootsmann war letzthin das Opfer, heute scheint alles friedlich. Das «Gebäude» ist ein Dach, das auf zwölf starken Holzpfosten liegt. Davor ein ausgestopfter Riesenlizzard, auf Holzbänken sitzen ein paar alte Männer und schauen schweigend und gebannt den Jungs beim Spiel zu. Dumpfes Licht der Hongkong-Lampen mischt sich mit dem metallenen Schein der Neonröhren an der Decke, dem privaten Stromgenerator sei Dank. Ein Rindergehörn hängt an der Wand, daneben das Bild eines spanischen Stierkampfes, Angie von den Rolling Stones läuft und wirft mich fünfzehn Jahre zurück nach Brasilien, Rio, wo der Song gerade der grosse Hit und im Radio jeden Tag hundert Mal zu hören war. Brasilien! Ständig bewegtes, endlos fliessendes – goldene Farben des Mittelalters – verkauftes wildes Brasilien! Jemand klopft mir auf die Schultern: Hello. Jowel, betrunken, auf dem Heimweg.

«O-o» meint hier Ja. So einfach ist es manchmal. – Nachts oft das dumpfe «Bumm» einer herunterfallenden Kokosnuss. Tod durch Kokosnuss, welch eine Schlagzeile. – Ein Generator brummt unter einer Kokospalme lautstark in die Nacht. Nur wer es sich leisten kann, hat einen Generator, die anderen behelfen sich mit Petroleum- und Kerosinlampen. – Sie schleppen wieder Eisblöcke herbei. Sie bringen sie von Kalibo auf dem main land, etwa drei Stunden von hier entfernt. Man bewahrt sie auf in Styropor-Kisten, darin, um das Eis herum Reisspelz: Die Hülsen der Reiskörner dienen als zweites Kühlhaltemittel. – Nachts die vielen Stände entlang dem Strandweg mit Fleischspiesschen. Auf geschältem Bananenstamm stecken die Spiesschen, der Rost besteht aus Drähten. – Zwei Männer sägen am Strand von Hand einen Kokospalmenstamm längs entzwei. Hin und her, schweigend zueinander gebeugt im Takt. Eine Palme weniger für ein neues Cottage. – Bahala ka – «It’s up to you». Das sagen sie immer. Selber entscheiden, das können sie nicht. – Fast täglich kommen ein paar Männer mit furchigen Gesichtern direkt aus dem Busch, so machen sie den Eindruck. Beladen mit Bambuskäfigen stehen sie herum, warten, den Blick ins Nirgendwo, und wenn jemand einen ihrer Vögel kaufen will, erwachen sie abrupt und handeln. – Man lernt hier anders lachen: mit geöffnetem, entspanntem Mund. Wie die Filipinos. – Wird ein Haus gebaut, muss man ein schwarzes Schwein und ein weisses Huhn mit schwarzen Füssen opfern. Über Geister redet man nicht, aber fast alle glauben an ihre Macht. Ein anderes, verschlungenes dschungelhaftes Bewusstsein.

Ich treffe den Deutschen Werner und frage ihn, wie es ihm geht. Er: «Another shity day in the paradise.» Er klagt über seine Probleme. Er hatte Geld zur Seite gelegt, das er sich als Söldner im Busch verdient hatte. «Doch dann kam der Tag, an dem ich kein Grün mehr sehen konnte und am liebsten alle Palmen rot angestrichen hätte. Und dann begab ich mich aufs Glatteis.» Und jetzt hat er kein Geld mehr. Er sieht aus wie ein angeschossener Bär, seine Augen triefen, doch der Schalk ist ihm geblieben. Seine Probleme ersäuft er im Alkohol. Das Land für die Eisfabrik an der Mainroad (Hauptstrasse der Insel, aber in Wirklichkeit ein Mergelweg) hat er von Jackie gemietet, einem Franzosen, der schon seit der Entdeckung der Insel durch die Touristen 1979 hier lebt. Jackie wolle ihm dann immer wieder den Strom abstellen, einen Vertrag gab er ihm auch nicht, er bescheisst alle, so sagt nicht nur Werner. Jackies bildhübsche Frau hat ihn längst verlassen. Bekannt ist zudem, dass er seine Tochter schlägt, und er habe sie zur Strafe auch mal in einen Seesack gesteckt, den er an die Decke zog und sie so umgekehrt hängen liess.

Besuch im Bamboo-Resort. Päuli sitzt wie immer auf einem erhöhten Hocker (Bar-Thron) hinter der Theke, die Stammgäste stammen wie er meist aus der Schweiz und diskutieren gerade über Bratwürste. Man nörgelt auch gerne oder flucht über die dummen Filipinos. Der kleine Päuli erinnert mit seiner kantigen Brille, dem Wangenbart, den Maulwurfsaugen und dem spitzen Kinn an einen Giftzwerg aus einem geschniegelten Schweizer Vorgärtchen.

Fritz. Ein Schweizer wie im Buch der Clichés. Gestalt wie eine Vogelscheuche, 70. Er verdiente viel Geld mit einem Chemisch-Reinigungs-Unternehmen. Fritz ist hier erstmals auf Besuch und nörgelt dauernd, das Essen, die Leute, die Hitze, das Hotel, alles. Seine Frau nimmt’s gelassen. Er hat eine Sonnenallergie und oft starke Kopfschmerzen, er bleibt meist zuhause, heute kommt er uns besuchen, freut sich das erstemal, setzt sich wie ein junger Pfadfinder fröhlich unter eine Palme, doch plötzlich springt er auf, schreit wie am Spiess und zeigt seinen Rücken, der voller roter Ameisen ist. Statt ins nahe Meer zu rennen, flüchtet er ins entfernte Hotel.

Walter. Ein weiterer Schweizer, Freund von Werner, der einige Jahre in Belgisch-Kongo beim Strassenbau tätig war und nun ständig den Job wechselt. Ein halbes Jahr verkaufte er teure Backofenanlagen, die er auch einrichtete. Er hat auch schon Polizeihunde gezüchtet und dressiert. Und wie er dies sagt, sieht man in ihm den typischen Polizisten: kalter Blick aus blauen Augen, die Lippen ein Strich, Schnauz, polternde, rechthaberische Stimme, die keinen Widerspruch duldet. Ein strammer Eidgenosse, der die Fremde sucht, aber nur, um sich bestätigen zu können, dass die Gelben und Braunen und Schwarzen nur Unterhunde und Taugenichtse sind. Abfall. Zwei Bier hat er getrunken, Werner offeriert ihm ein drittes. Er: «Ja, aber nicht bis zum bitteren Ende, hä!» Oft reise er ein halbes Jahr hier herum, aber, schreit er jetzt in einem plötzlichen Wutanfall, dies sei das letzte Mal gewesen, denn: «Die Fipsen sind alles falsche Hunde!!! Faul und falsch!» Man müsse ihnen den Tarif angeben, sie hart anpacken, immer dahinterstehen, bei «diesen gewitzten Affen». Sein Vater sagte ihm schon: «Hüte dich vor Spielern, Säufern und Einschmeichlern.» Walter, einer der vielen Weissen, die man trifft und dann am besten gleich wieder vergisst.

Ricardo. Ich treffe viele Leute, Weisse, die hier leben, Touristen, Einheimische, doch ein näherer Kontakt will sich kaum einstellen. Entweder langweilen mich die banalen Plappereien oder ich kann das Kolonialistengeschwätz nicht ertragen oder ich kann mich nicht ausdrücken, da ich kaum tagalog spreche (tagalog ist eigentlich die Sprache der Tagalen, einer philippinischen Volksgruppe auf Luzon. Nur 18% der Bewohner der Philippinen sind Tagalen, tagalog ist aber längst offizielle Nationalsprache der Philippinen). Doch eines Abends begegne ich Ricardo, der vielleicht knapp zehn Jahre jünger ist als ich. Wir haben uns immer wieder mal kurz gesehen in irgendeiner Bar oder am Strand und mit Kopfnicken begrüsst. Heute ist alles anders. Wie ein Déja-vu, denke ich. Wir kommen am Strand ins Gespräch und verstehen uns auf Anhieb, erzählen einander. Seine Mutter ist Französin, sein Vater Spanier-Filipino, er spricht auch englisch, tagalog hat er fast vollständig verlernt, die Familie wohnte hier und dort, momentan lebt Ricardo in Manila und malt. Gerne kommt er zwischendurch hierher auf die Insel, um sich auszutoben. Gross, mit ungewöhnlich hellem Teint, schwarzen gelockten Haaren, einer spitzen Nase, oft ironischem Blick; einnehmend, keine Schönheit aber von einer umwerfenden Offenheit. Er hat ein erstaunliches Mitteilungsbedürfnis und erzählt freimütig aus seinem Leben, das mich an mein eigenes erinnert. Ich höre ihm gerne zu.

«Ich bin vielseitig ungebildet», schrieb Robert Musil. Genau!

Im Neonlicht spielen junge Filipinos Billard zu Songs von den Beatles, von Crosby, Stills, Nash & Young und von Pink Floyd. Sie trinken Bier, sind stolz, ungewöhnlich gross, sehnig und muskulös, mit pechschwarzem Haar und dunklem, festem, jugendlich stolzem Blick. Aber auch Zärtlichkeit schwingt da mit, das Aufkeimen von Hingabe und wilder ängstlicher Lust, die nach ein paar Bier nachts dann oft ausgelebt wird.

Zeitungs-News: In Pangasinan, einem Touristenort nördlich von Manila, haben sie einen Pädophilenring ausgehoben. Ältere Herren aus Australien, den USA und Europa hielten sich zu Hause eingeschlossen 8- bis 16-jährige Knaben für Lustspiele. Zu vermieten waren die Jungs auch. – Im «Star» ein Artikel über den Kampf gegen die Drogen. «Girlscouts say no to drugs». «I recognize that life and health are God’s gift to me ... I pledge not taking drugs ... so help me God.» Ein gutes Mittel, Gott bzw. der Kirche näherzukommen. Ein gutes Instrument, Jugendliche zu vereinen, zu instrumentalisieren, ihnen das Verantwortungsgefühl zu nehmen. Weitere Zeitungsnotiz: Alleine in Manila inhalieren schätzungsweise 20’000 Sieben- bis Siebzehnjährige Leim, meist von der Marke Rugby.

Hier gehen nur noch die Negritos, die Ureinwohner, barfuss. Und einige Althippies. 99 Prozent der Filipinos und Touristen tragen Flip-Flops (wir sagen hier Slippers). Schlapp-Schlapp-Schlapp, und den aufwirbelnden Sand hat man an den Waden und in den Kniekehlen, wenn man nicht weiss, wie damit richtig zu gehen ist.

«Eine Menschheit, die in Schuhen herumzulaufen gelernt hat, hat ihr Denken anders orientiert, als sie es getan hätte, wenn sie barfuss geblieben wäre.» (Umberto Eco in Lendendenken)

Die Hemden-, T-Shirt- und Hosenverkäufer kommen meist Mitte und Ende Monat, wenn die Angestellten ihren Lohn erhalten haben. – Typisch: Wenn Filipinos etwas nicht verstehen, öffnen sie den Mund, wie wenn sie gähnen müssten, eine Art Kieferstarre tritt ein und man weiss, dass sie nicht wissen, was man mit dem Gesagten meint. Das Mundaufsperren erinnert mich immer an Urmenschen: ein Urschock beim Anblick von etwas Schrecklichem, vielleicht von einem feuerspeienden Drachen, und dieser Schock hat sich über viele Generationen weitervererbt. – Wie die Jungen und Männer gerne Händchen haltend spazieren, wie Verliebte. Verspielte Tierchen. – Auf den Rücken mancher Babys die Stoffsäckchen mit Knoblauch, Ingwer und anderen Ingredienzen gegen böse Geister. – Kinder jonglieren gerne mit einem kleinen, fast rechteckigen, aus Palmblättern geflochtenen «Ball», dabei schwingen sie ein Bein seitwärts nach aussen, dass mir schon beim Anblick die Hüfte schmerzt. – Gewisse Filipinos kommen mir hier vor wie verstockte tropische Bauern, die das Geld der Weissen riechen. – Im APA-Guide steht treffend über Filipinos: «Er vereint in sich malayische Herzenswärme und Grosszügigkeit, lateinamerikanisches Temperament, Gemütsschwankungen ... Dreistigkeit und Anmut.» – T-Shirts in allen erdenklichen Design-Variationen, die aufzuzählen Seiten bräuchte. Mode? Wohl eher ein Lebensgefühl oder eine Gewohnheit, man trägt es einfach, von Geburt bis zum Tod, Mann und Frau, Städter und Junge vom Land. – Dumont-Reiseführer: Die Hälfte der Filipinos sind unter 15 Jahre alt; laut Statistik hat ein Filipino 300 Verwandte; Carabaos dürfen vom Gesetz her nicht geschlachtet werden. – Die Filipinos, so scheint es mir, können nie aus sich heraus, ausser im Zorn. Sie sind mit Scheu und Scham imprägniert. Hiya heisst das. Es ist schwer zu erfassen, und vielleicht kann man das als Europäer auch nicht. Wobei uns manchmal ein bisschen mehr Scheu nicht schaden würde. – Die Handwerker auf dem Bau (carpenters) essen bei ihrer merienda statt Reis und Fisch pan de sal (gesalzene Brötchen), dazu gibt es Kaffee. – Im Buch Frauen auf den Philippinen steht: «... Allerdings ist es auf den Philippinen schwerer, sein Leben selbst zu gestalten. Immer sollte eine ältere Person gefragt werden.» – Der Intellekt zumindest der ländlichen Filipinos beschränkt sich auf aneinandergereihtes Handeln. Koordination ist hier eine unbekannte Grösse. Wo kein Intellekt, ist auch kein Wille, frei nach Schopenhauer («... unserm Intellekt, diesem blossen Willenswerkzeug ...»). Dies ist eine Feststellung, nichts weiter, denn «an sich ist nichts gut oder böse, das Denken macht es erst dazu» (ich weiss nicht mehr, wer dies wieder gesagt hat). – Ein kleiner Junge sitzt im Schatten einer Palme am Strand. Vor ihm liegt ein schnitzförmiges Stück Kokosnussschale. Darauf befestigt stehen zwei fein geschnittene Bambusstäbchen, die durch ein Stück Palmblatt gestossen sind: die Segel des simplen Segelschiffchens, mit dem der Junge leidenschaftlich beschäftigt ist. – Die Jungen haben hier oft die dünnen, langen, geschmeidigen, starken Beine, Palmstämmen ähnlich.

Morgenspaziergang zum Friedhof am sanften Hang. Es herrscht absolute Ruhe, nur der Wind saust geräuschvoll durch Palmen und Gestrüpp und von weither krächzt ein Hahn. Todesruhe am nördlichen Rande des White Beach, unhörbare Seelengespräche. Schlangenförmige, von der Sonne verbogene Kerzen liegen herum. Verwitterte Grabsteine, die an Betonbunker erinnern, zerbrochene Bierflaschen, Menschenknochen, Schädel, Büchsen, Papierfetzen. Gestorben sind die meisten Menschen sehr früh. Ich sitze auf einem Grabstein im Schatten. Das Gedicht von Bertold Brecht fliegt mir durch den Sinn: «Als ihr Leib im Wasser verfaulet war / Geschah es, dass Gott sie allmählich vergass ...» Ein Hund schläft auf einem weissen, stolzen Grab von Angeline L. Langton. Born: July 14, 1944. Died: May 31, 1985. Age: 40 years old. «Here sleeps a wonderful mother and wife, taken suddenly, loved by all», steht eingraviert. Blick nach Westen: die Unendlichkeit des Meeres.

Ein Bier im Sanctuary. Der Chef der Müllabfuhr sitzt auch an der Theke, winkt mir kurz und lässig mit seinem goldbereiften Arm zu. Ein schwammiger kleiner Schweizer kommt auf mich zu, er kennt mich anscheinend, ich ihn nicht. Ein Jüngling steht daneben. Der Schweizer fragt, ob das ein Junge oder Mädchen sei. Und fährt gleich weiter, mit Geifer um den Mund: «Ich fuhr mal auf eine Frau ab, und im Bett merkte ich, dass es ein Mann war.» Transvestiten hat es immer wieder, manchmal wimmelt es, nachts beim Strand kommen sie wie Gespenster aus den Büschen geschlichen. «Von jetzt an muss jede Frau, bevor ich sie nehme, einen Strip machen.» Seine Augen blicken dumpf und entsprechen so ganz dem Cliché von den Weissen, die wirklich nur auf die Philippinen (oder nach Thailand) fliegen, um zu vögeln, was das Zeug hält. «Und wehe, wenn sie unten was hat. Ich bring ihn gleich um, das mache ich mit der linken Hand, auch hier auf den Philippinen.» Dann geht er schwankend weg.

Sie haben wieder einmal die Abfallhalde neben der Mainroad angezündet, stinkende Rauchschwaden verpesten die Umgebung im Paradies. – Im «Manila Bulletin» sagte ein Minister, wenn weiterhin so abgeholzt wird, gibt es im Jahre 2020 auf den Philippinen keine Bäume mehr. Gilt auch für Boracay. Eine Palme kostet 50 Pesos, etwa acht Dollars. – Unser Resort-Nachbar hat einen Bambusgartenzaun um «sein» Land gebaut, gleich auch hinter der Küche, obwohl die Landvermesser errechnet hatten, dass das Land eben nicht ihm gehört. Nun geht die Sache vor Gericht, wie so oft. Also hat auch das Zeitalter der Gartenzäune und Mauern begonnen: einzäunen, einmauern lautet nun die Devise.

Ricardos Tropenträume. Den ersten Zwischenstopp, erzählt mir Ricardo lachend in der Sunshine-Bar am südlichen White Beach, machte er im Sanctuary. An der Bar sieht er ein Licht vom Strand her, Signale. Da sitzt einer, der auf das Boot seines Bosses aufpasst und nun etwas mit jemandem auf die Schnelle haben will. Nichts für mich, sagt Ricardo. Er spazierte, so erzählt er weiter, eine Viertelstunde den Strand entlang zur Sandbar im Süden, wo ein Junge bei zwei geschminkten Schwuchteln sitzt und der einen das Kinn krault und wohl hofft, sich etwas Geld dazuzuverdienen. Später trifft er ihn auf dem Weg zurück. Der Junge sagt, dass er ihn doch kenne, und Ricardo ist perplex: «Ich realisierte wieder einmal, dass Gott Boracayaner ist und alles sieht: die hunderttausend Augen von Boracay, entsprechend schnell verbreiten sich Gerüchte. Ja, die Insel hat wirklich unendlich viele Augen, die dich dauernd beobachten, auch wenn du in Manila lebst. Eine Art lieber Gott, wie ich ihn aus meiner Kinderzeit her kenne, als es hiess, Gottes Aug’ sei überall, allgegenwärtig und er beobachte einen immer und bei jeder Handlung.» Ja, mir geht es genauso wie Ricardo. Und wie er mag auch ich lieber fröhliche Spielereien statt öden Sex gegen Bezahlung.

Wir fragen uns, wie lange die Sonne zum Untergehen braucht, vom Moment an, wo sie mit ihrem unteren Rund auf den Horizont aufsetzt bis zu ihrem totalen Verschwinden. Die Meinungen variieren zwischen einer und drei Minuten. Es dauert zweieinhalb.

Spaziergang nach Manok-Manok am Südende. Der Mainroad entlang, die die Insel von Süden nach Norden entzweischneidet, vorbei am Sumpfgelände mit den dürren Mangrovenstämmen und halbversunkenen Strünken. Gedankenblitze lösen sich in bunter Folge ab, nichts Spezielles, und als ich zum Himmel hinaufschaue, weil es eben etwas kühler geworden ist am frühen Morgen, sehe ich da eine riesige Wolke, die sich mit ihrem ganzen Gewicht auf die Sonne gesetzt hat, und die Wolke fragt mich: «Was willst du vom Leben?» Ich bin verwirrt, gehe weiter, und da biegt ein kraftstrotzender, atemberaubend schöner Jüngling wie aus dem Märchen auf seinem Fahrrad aus dem Grün in die Mainroad ein. Meine Beine werden weich wie Butter und ich denke scheinheilig an die Wolke, was ich denn eigentlich will vom Leben. Keine neue Frage, aber ich kann sie mit meinen zittrigen Knien nicht beantworten, und so sage ich zur Wolke: «Erfüllung!» So ein Quatsch, ich weiss es, und von oben donnert es auch gleich herunter: «Rede keinen Unsinn, du weisst, was du vor allem willst!» Der Jüngling ist weg. Durch die Hohle Gasse nach Angol gelange ich auf die Anhöhe, und danach geht’s einen kleinen, gewundenen Weg, der diesen Namen gerade noch verdient, an Buschwerk und einzelnen Palmen vorbei und an einer Hüttengruppe, ein unsichtbares Radio plärrt ins Grün. Etwas abseits vom Weg entdecke ich eine weitere Kirche, die Treasure Island Foursquare Church. Danach folgt die Elementary School, ruhig ist es da, die Kleinen haben nur Montag, Mittwoch und Freitag Schule. Einige Knirpse sind auf und unter einem Baum mit mächtigem Stamm dabei, die Früchte herunterzuholen und einzusammeln. Sie schenken mir kichernd eine grüne Frucht. Ich kenne sie nicht.

Werner kommt mit seinem Motorrad den Strandweg entlang gefahren. Er will ein Bier, wohl nicht das erste. Es schmeckt ihm nicht. «Du», sagt er, «zahle tu i das scho, aber trinke nit.» Es schmecke sauer, und ist es auch. Werner, der «schwangere Hüne», wie man ihn auf der Insel nennt, mit seinem enormen Bierbauch und den treuherzigen, gewitzten Augen, hat Durst. Und er will klagen, jammern. Das Eis seiner iceplant habe zu viel Chlor. Walter kommt dazu, er trinkt Tee und meint, der Werner solle halt mal weniger saufen, dann gehe das auch mit dem Eis richtig. Nach ein paar weiteren Bieren erzählt er von Chinesen, die bei ihm waren, an einem der nächsten Strände Richtung Norden. Vertreter, die ein 30-Millionen-Dollar-Projekt hätten. Bungalows, alle mit Aircon – «musst dir mal vorstellen, was die für einen gigantischen Generator brauchen» – das Ganze auf drei Hektaren. Nun brauchen sie sein Land, sagt Werner, der dort wohnt. «Wenn sie genug zahlen, können sie es haben, dann wäre ich endlich meine Geldprobleme los.» Ob dieses Projekt das Ende Boracays bedeutet? Jedenfalls beginnt damit ein neuer Abschnitt auf der Paradies-Insel.

Otto hat Probleme, seit seine Frau sich mit einer anderen Filipina heftig stritt. Die habe dem Otto gesagt, er werde die Insel nicht lebend verlassen. Otto steht am Fenster von Werners Eisfabrik und zuckt mit den Schultern, Werner sei in Manila, er habe keinen Schlüssel für die Räume, den hätten ein paar Filipinos, und Eis gäbe es keines mehr für Weisse. «Die sollen jetzt selber schauen, wie sie weitermachen, ich verschwinde», klagt er. – Ein Israeli, der sich als Mexikaner ausgibt und täglich unzählige Tequilas trinkt, trägt jetzt einen Adler auf seinen Schultern. Er wohnt ganz im Süden bei den Felsen am Strand und flippt immer mehr aus. – Edouard vom Schweizer Konsulat in Manila sieht die Zukunft des Landes düster. «Bürgerkrieg!», raunt er. Die nationalistische Bewegung würde zunehmen, die Weissen hätten dann Probleme. Und in den Zeitungen liest man tatsächlich vermehrt von den gierigen sexhungrigen Weissen und den armen Opfern, den sündigen, aber armen Nutten.

Roger de Paris, der früher in Angol, im Süden der Insel, ein Restaurant betrieb, kommt auf ein Bier. Er ist mehr als angeheitert von seinen Pausen auf seinem Nord-Süd-Spaziergang (und umgekehrt). «Salut!!! Ja, ein Bier, pourquoi pas.» Mit seinen glänzenden Äuglein. Sein Englisch ist kaum mehr verständlich. Roger, ständig in schmutzigem Weiss, klein, gedrungen, behaart wie ein Gorilla, schlau wie ein Fuchs, Stirn und Nase bilden eine Gerade. Seine Augen erinnern an einen Pekinesen, sein Schnauz an einen Seelöwen. Ein wandelnder Zoo. Eine wundersame, weitgereiste Erscheinung. Ein Lebensdiplomat. «Ich war im Kongo, und eines Abends hielt der total besoffene Präsident eine Fernsehansprache und sagte: Schiesst auf alle Ausländer. Am andern Tag hat er, wieder nüchtern, widerrufen.»

«Hier ist’s Spiel, / dort nur Ziel.» Der kleine Reim zeigt den Unterschied im erotisch-sexuellen zwischenmenschlichen Bereich zwischen den Philippinen und USA/Europa. In China kenne ich mich nicht aus.

Kleine Menschenstudie auf dem «Boulevard». So nenne ich den Strandweg entlang des White Beach, so eine Art Mini-Champs-Elisée von Boracay: die älteren Männer mit ganz kurzem oder bürstenartig geschnittenem Haar, den Burschen fällt das Haar in den oft langen Nacken, die Ohren bleiben frei, stirnseitig oft grosse Welle oder zurückgekämmt. Viele haben zu kurze Beine und lange Arme. Nebst dem muskulösen, im Alter (ab 25) vierschrötig wirkenden Mann auch die eher grossen, drahtig-muskulösen Typen mit malayischem Einschlag. Die Frauen häufig mit einer Frisur, die an altmodische Nachttischlampen erinnert: nach unten fächerartig in den Nacken gehend, offen, oft dann zu einem Rossschwanz gebunden. Sinnliche Lippen haben fast alle, die Frauen teils mit breiten Gesichtern, kurzem Kinn. Und allgemein: viele Stupsnasen. Gang: Kerzengerade, die Jungs mit oft leicht nach aussen gedrehten Füssen. Wie vom Wind gebeugte Palmen schlurfen die Alten. Die älteren Frauen erinnern manchmal an Elefanten: hier komme ich, lächelnd, aber bestimmt, und vergessen tu ich nichts. Und dies mit ihrer ganzen Leibesfülle betonend. Die Mittelschicht oft schnell verfettend.

Alle wollen Kleingeld, eine Bank sucht man vergebens.

Ein grosser Typ mit Schmerbauch aus Romblon, bleich, mit schwammigem Gesicht und klugen, leicht verschlagenen Äuglein, die da listig hinter grossen Brillengläsern die Welt und Gesprächspartner beobachten. Aus seinem schwülstigen Mund vernimmt man Eigenartiges. Er sei Besitzer einer Marmorfabrik auf der Insel Romblon (die für ihren Marmor berühmt ist), er vertreibe aber auch Aids-Tabletten, ein deutsches Präparat, das seit 1983 existiere. Er vertrieb das bereits in Australien, nun auch auf den Philippinen. Das Mittel muss man vor dem Geschlechtsverkehr einnehmen, dann sei man sicher geschützt und könne kein Aids kriegen. Er habe Selbstversuche gemacht, alle Huren der berühmt-berüchtigten M.H.-del-Pilar-Strasse in Manila durchgebumst, und wir könnten ja sehen, dass er bei bester Gesundheit sei. – Am Strand steht ein blonder älterer Herr zwischen spielenden Kindern und umherstrolchenden Hunden und zeichnet mit seinen langen dürren Armen geheimnisvoll anmutende Kreise in die Luft, er meditiert vielleicht. – Max, der indische Jude mit Ziegenbärtchen, der aussieht wie ein Bettelmönch, kommt alle paar Tage vorbei, holt sich drei Flaschen des starken Red-Horse-Biers, bezahlt (Trinkgeld ist ihm fremd) und verschwindet grusslos wieder. – Auf dem Strandweg gehen zufällig zwei nebeneinander her, ein Weisser mit einer Hightech-Kamera in der linken Hand, auf gleicher Höhe ein junger Filipino mit einem grossen schillernden Fisch in der linken Hand. – In den mondlosen Nächten entsteht ein Dorf am Horizont, Licht an Licht leuchtet es aus dem fernen Dunkel: Fischerboote. – Bazura: Sie tanzen, die Weissen, Schönen, die Obenohne-Frauen und Tanga-Männer. Sie tanzen in der Art «Wir wollen hier nackt sein, also sind wir nackt, unsere Sitten sollen eure Sitten sein». – Grösster je erlebter Absturz. Ich tanzte und trank Rum-Coke in der Bazura-Bar. Am Morgen erwachte ich eingerollt auf einem kleinen runden Tisch, als die Angestellten mit ihren Palmwedelbesen – «sch-sch-sch» – den Platz putzten. Jemand hatte mir wohl etwas in meinen Drink gemischt, mein Geld war weg und ich hatte einen dröhnenden Kopf.

Werner ist aus Manila zurück. «Strengstes Alkoholverbot vom Arzt», sagt er. Rauchen tut er weiter. Er muss wegen seinem Herz aufpassen, dazu ist er zuckerkrank. «Ich schwör dir, du, da rumpelt mein Magen schon nachts, ich kann nicht schlafen, möchte am liebsten zwei Carabaos verschlingen – und am Morgen stellen sie mir ein Spiegelei und Bananen hin.» Die Eisfabrik ist fertig und produziert Eis, manchmal. Der Geldgeber von Werners Eisfabrik heisst Erich und ist Schweizer. Er ist Alkoholiker, hat ein Nervenleiden, das ihn dauernd mit den Mundwinkeln zucken lässt, und er sieht aus wie eine dürre Stangenbohne. Den linken Arm trägt er zurzeit in Gips, weil er besoffen hinfiel. Seine philippinische Freundin sitzt neben ihm und lächelt. Sie lächelt meistens. Er blättert in seinen undurchsichtigen Buchhaltungsheften und murmelt vor sich hin. Er verspricht, dass es mit dem Eis nun funktioniere und man auf ihn zählen könne.

Der Wassermangel wird jetzt im trockenen April akuter. Immer wieder sieht man die einfachen Leute mit Kanistern bei den Restaurants Wasser holen. Sie haben aber selber auch Probleme. Der Grundwasserspiegel ist empfindlich gesunken. – Es wird gebaut wie wahnsinnig, gehämmert, gesägt, geklopft ... Wenn das so weitergeht, wird die Insel in einigen Jahren total überbaut sein. Doch auf der anderen Inselseite bei Bulabog stehen verloren ein paar schiefe Bambushütten in den Büschen, der Rest ist Meer und Sand und angeschwemmter Dreck. Das wird sich bestimmt bald ändern. – Den Abfall holen sie mit einem türkisblau gestrichenen, von einem Carabao gezogenen Holzkarren. Negritos, passend zu ihrem sozialen Status, erledigen den dreckigen Job. – Die Abfalldeponie liegt gleich neben der Mainroad in einer Wiese, nahe beim Grundwasser. In der Halde schnüffeln Tag und Nacht Schweine in der Grösse von Nilpferden. Auch Negritos-Frauen und -Kinder fleddern in den Brettern, Büchsen, Glas- und Plastikbehältern nach Brauchbarem. – Der Insel-Arzt kommt jeweils am Montag, Mittwoch und Freitag hierher, aber auch dann muss man ihn suchen. – Statistik im Touristenbüro: 1980 lebten 3975 Menschen auf der Insel, heute seien es etwa 6000.

Ricardos Tropenträume

Er ist aufgewühlt, schwelgt: «Stundenlange Zärtlichkeiten im Dunkeln, erst schien der Vollmond durch die Bambusritzen, danach tropfte Regenwasser durchs Dach auf unsere erhitzten Körper.» Später: «Ein drahtiger Jüngling kommt im Sanctuary auf mich zu, hebt einen Sekundenbruchteil seine Augenbrauen, weist unmerklich Richtung Strand und ist verschwunden. Er wartet auf einem Baumstrunk am Meer, sitzt dort wie Buddha, vom Beinahe-Vollmond versilbert, und schenkt mir ein feines Filipino-Lächeln. Wir suchen uns ein dunkles Plätzchen in den Büschen am Strand. Diese Schönheit, die natürliche Veräusserung der Jünglinge – atemberaubend. Ich nehme sie in mir auf.»

Ich sitze am Strand, als ein Junge daherkommt. Er setzt sich gleich zu mir. Roland heisst er. Er ist mit einem Australier hier, der ihm den Flug bezahlt hat. Aber eigentlich will er gar nichts von ihm wissen. Er plant, nach Australien zurückzugehen und eine 68-jährige Frau zu heiraten, sagt er, als sei gar nichts anderes möglich. Ich staune immer wieder. Später spaziere ich nach Angol im Süden. In einer etwas schlampigen Bar sitzen zwei Franzosenpärchen und ein Jüngling wie aus dem Märchen, sein nackter Oberkörper gleicht einem jungen Gott. Er kommt zu mir, fragt, was ich trinken möchte. Wir kommen ins Gespräch, als würden wir uns schon lange kennen. Wie ich heisse? Er sitzt hinter einem Rum sling, vier Bier habe er bereits getrunken. Der Generator stinkt zuerst und gibt dann den Geist auf, Kerosinlampen sorgen für Ersatz. Er arbeitet seit einer Woche hier, räumt auf, bedient, Mädchen für alles, Hilfe für seine Kusine. Aus der Kleinstadt Kalibo auf der grossen Nachbarsinsel Panay kommt er wie so viele hier. Er sei 18 und habe in Kalibo einen Freund und der zahlt ihm 50 Pesos, «when he uses me». Plötzlich schlägt der Alkohol durch, er weint, sagt, er sei ein pure boy, er wolle zurück nach Kalibo. Er beruhigt sich wieder, kommt mit mir an den Strand, betont erneut, er sei ein pure boy, er mag nur Frauen, aber – im gleichen Satz – er möge es auch mit Männern gerne. Wie oft ich das schon gehört habe. Man macht alles in einem gewissen Alter plus Alkohol, so zwischen 17 und 20, danach kommt meist die eigene Familie schneller als wirklich gewünscht, Unfall. Wir plaudern ein bisschen, danach gehe ich nach Hause. – Ich treffe Jon, der mit seinem Schweizerfreund hier in den Ferien weilt. Jon sagt, dass er heute keinen Sex mit seinem Freund haben konnte, weil Karfreitag ist.

«Höchster Schmerz grenzt an Wollust und tiefste Perversion an die mystische Energie; äusserste Banalität gewährt einen Blick aufs Erhabene.» (Umberto Eco)

Markus-Tag. Markus, Schweizer, Bäcker, mit dem Gesicht eines Aasgeiers. Ich trete durch Hinterhof, Zwischenwände aus Sperrholz, Chaos und Dreck, gelange in die dunkle Backstube, wo der Gehilfe Walmir Törtchen aus dem Teig sticht. Markus ist nicht hier, Walmir will nach ihm schauen. Ich warte neben dem Ofen, ein Alter sitzt zittrig auf einem schiefen Holzbänkchen, Markus kommt. Hallo, Hände schütteln. Ich fühle mich wie ein Reporter, der ein exotisches Revier auskundschaftet. Man hatte mir gesagt, dass er Brot aus Maniokmehl macht, also frage ich ihn. «Ja nein!!!» ruft er aus. «Nur mit Weizenmehl. Das wird importiert aus Kanada, Australien und sogar aus Ostdeutschland.» Sein Ofen ist aus einem alten Blechtank gebaut, rundherum ein Freiraum, damit die heisse Luft zirkulieren kann. Darum herum dann Beton, der in vier Jahren rissig geworden ist. Geheizt wird mit Holz, aber auch mit den vielen Blechresten seiner Dosen. Die stampft er zusammen und schichtet sie unten rein. Sie zerfallen durch die Hitze zu Staub. Er fragt mich, ob ich Zeit auf ein Bier habe. Es ist zehn Uhr am Morgen. Doch warum auch nicht, ein Bier. Wir gehen durch den Hof zum anschliessenden Hang und klettern die Sandtreppe zum Hump hinauf, einem kleinen japanischen Restaurant. Schwitzend sitzen wir am Tisch und blicken aus den geöffneten Fenstern hinunter auf Palmen, Bambushütten, das schillernde fleckige Meer und die Postkarten-Segelboote. Jojo, der Kellner, kommt, ruft mir «hello KGB» zu, er ist für mich der CIA-Agent, unser Spielchen seit wir uns kennenlernten, vor ein paar Monaten, als er noch in der Bazura arbeitete. Seit sechs Jahren ist Markus hier. Alkoholiker, Asket, Eremit, Menschenverachter. Aber auch Herzensgüte strahlt aus seinen braunen Schlitzaugen, Schalk stiehlt sich hinter seinem schütteren Backenbart hervor. Er lebt mit seiner Frau Lovel und wie ein Filipino. Er reiste viel, zuerst Malaysia, zurück in die Schweiz, doch seine Stelle war weg, und so verreiste er eben wieder, und blieb in Boracay hängen. «Ich kam im Juli, im November eröffnete ich die Bäckerei.» Er wurde im Clan aufgenommen, einige Verwandte arbeiten bei ihm. Wir sind bei Bier Nummer 4. Unter uns ertönt irgendwo lautes Discogehämmer. Wir plaudern weiter, die Post, wo ich eigentlich einen Brief aufgeben wollte, kann warten, meine Pläne haben sich geändert. Über Weltpolitik-Geschwafel landen wir bei der Natur: bei lästigen Ameisen, fliegenden Hunden, die am Aussterben seien, weil sie zu viele abschiessen (und essen), Schlangen, es gäbe auch Würgeschlangen. Das erste Paket Camel ist zu Ende geraucht, Bier Nummer 5. Eine Segelyacht hatte er, die grösste auf der Insel, doch eines Tages war sie weg. Nach Bier Nummer 6 gehen wir, schweben die Treppe hinunter. «Komm, ich will eine rauchen», meint er. Sein Zimmer: eine Bastmatte als Bett, Vorhang, Schweizer Bauernschrank (er komme von Selg), Kommode, Heftchen, Papierchen, Aschenbecher, Büchsen, alles durcheinander. Die Frau liegt dort, lächelt mir zu, sie stillt eben ihre Tochter. Wir gehen und essen in der Küche zwischen riesigen Pfannen, Steinhaufen, Büchsen und am Boden verstreuten Bierdeckeln in Essig eingelegte Sardinen und ein Bürli (Weissbrötchen). Der Boy holt Bier … Markus muss schnell weg mit seiner Frau, er drückt mir das Baby Caroline in die Arme, sagt ihr, ich sei der Tito (Onkel), und so sitze ich mit ihr auf der Holzbank hinter dem Haus, schaue in den Hof, zeige ihr die Hühner und die Sau, ich grunze, sie lacht, aber nicht lange, dann beginnt sie zu schreien und ich drücke sie einem Angestellten in die Arme. Später spazieren wir weiter, trinken im Plaza Café weitere Biere, ich kotze zwischendurch mal an eine Palme, niemand achtet sich darauf. Markus bekommt den hypnotischen Blick, auch er ist randvoll. Irgendwann verabschieden wir uns.

Warten.