Paradies und Römer - Patrick Findeis - E-Book

Paradies und Römer E-Book

Patrick Findeis

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Beschreibung

Sie sind zusammen aufgewachsen, in der Siedlung Paradiesstraße Ecke Römerstraße: Frankie, Danilo, Ferry und Ellen. Paradies und Römer, zwei Straßen, vier Wohnblocks. Ein Zuhause, aber vor allem ein Stigma. Seit dem ersten Ding, das sie gemeinsam gedreht haben, schien der Weg der vier Freunde vorgezeichnet. Danilo, der heute Schulden eintreibt, zweigt Geld in die eigene Tasche ab, damit die Zukunft seiner Töchter gesichert ist. Er will, dass sie mit Ellen in der richtigen Gegend wohnen, mit guten Nachbarn und guten Kindern. Er will, dass ihre Lehrer sie nicht schon am ersten Schultag abstempeln, weil sie da oder dort wohnen und so angezogen sind und so reden. Der Haken ist, dass Ellen sein schmutziges Geld nicht will. Also muss Frankie Danilo helfen, sie umzustimmen. Mit einem 635er BMW und dreihunderttausend Euro im Kofferraum machen sich die beiden auf die Suche nach ihr. Doch da sitzt ihnen längst die Wettmafia im Nacken ... In seinem intensiven, berührenden Roman schreibt Patrick Findeis über die eine Nacht, in der sich das ganze Leben entscheidet, über Siege und Niederlagen im Niemandsland unserer Gesellschaft und über die Hoffnung, das Leben könnte ein Stück weit besser sein, als man für möglich hält.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 230

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Patrick Findeis

Paradies und Römer

Roman

Sämtliche Figuren und Ereignisse in diesem Roman sind vom Autor frei erfunden. Ähnlichkeiten mit realen Personen oder Geschehnissen wären rein zufällig.

Der Autor dankt der Kulturabteilung der Berliner Senatsverwaltung.

© Patrick Findeis 2022

© Verlagsbuchhandlung Liebeskind 2022

Alle Rechte vorbehalten

Covermotiv: plainpicture / Manuel Krug

Covergestaltung: Robert Gigler, München

eISBN 978-3-95438-145-6

Für Ernst und Dieter

We were angry children then

We were wild and untamed

Now our hearts are stolen gems

And our weapons are all aimed

PAUL K AND THE WEATHERMEN

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Danilos Postkarten

1

In der Nacht, in der Frankie Danilo zum ersten Mal wiedersieht, platzt ein Wasserrohr in der Eisenbahnstraße. Durch die Fenster vom Klubheim blitzen die orangefarbenen Warnlichter des Einsatzfahrzeugs, das Blaulicht eines Polizeiwagens mischt sich darunter, reflektiert in den Schnapsflaschen im Wandregal hinter dem holzvertäfelten Tresen. Es ist die kälteste Nacht des Jahres, das auf die Fahrbahn sprudelnde Wasser gefriert zu einer riesigen Eisfläche und die Straße muss über die gesamte Breite gesperrt werden. Das Kassettenradio im obersten Fach des Regals meldet die Sperrung und den Wasserrohrbruch. Frankie lächelt und brennt sich eine an. Toni dreht am Spülbecken den Wasserhahn auf, aus dem bald ein Rinnsal fließt, das schnell versiegt. Frankie lehnt sich über die Theke und betrachtet den letzten Tropfen, der am Auslass des Hahns zittert, und für einen Moment herrscht vollkommene Stille im Klubheim, keiner spricht, das Rundfunkprogramm scheint unterbrochen, die Spiralen und Pyramiden des Spielautomaten neben der Tür schweigen, kein Geräusch von der Straße. Aber die perfekte Sekunde ist im Klubheim immer schnell vorbei. Draußen startet ein Motor, im Radio das Signal für das Ende der Verkehrsmeldungen, und Toni stellt den Sender leiser und sagt: Ich geb einen aus.

Er nimmt den Apfelkorn aus dem Regal und schenkt drei Schnapsgläser voll. Und während der Eisenbahnstraße das Leitungswasser ausgeht, führen Frankie und Toni und Acki die Gläser an ihre Lippen und trinken, und Toni sagt: Letzte Runde, Freunde.

Frankie steht auf und geht zum Fenster und betrachtet die Männer, die in dicken Jacken, Thermohosen und Warnschutzwesten über das gefrorene Wasser schlittern. Die Lichter glänzen und reflektieren auf der Eisfläche, die schwarz wie ein Gletschersee zwischen den Schneehaufen am Straßenrand liegt, und fast wirkt es, als spucke die Nacht verlorene Seelen aus, die auf der Suche nach dem Zugang zur Unterwelt straucheln. Einer von ihnen rutscht aus und fällt hin. Der Mann hält sich den Kopf, nachdem ihm die Arbeiter aufgeholfen haben. Frankie beobachtet ihn, wie er mit den Männern spricht. Er wendet sich ab und kommt auf das Klubheim zu. Noch immer hält er sich den Schädel, sein Gang aber ist sicher und präzise. Und Frankie kennt diesen Gang. Er setzt sich auf seinen Platz am Tresen, erinnert sich, wie wir das erste Mal mit Danilo sprechen an der Parkbank Ecke Paradies und Römer, wie Danilo Jacky-Cola aus der Dose trinkt und sagt: Hirn war aus, als ich an der Reihe war, gab nur noch große Fresse.

Acki hebt die Hand und sagt: Wenn es hier in Stuttgart schon so kalt ist …, und verstummt, als die Tür vom Klubheim sich öffnet und Danilo eintritt. Wortlos zieht er einen Hocker neben Frankie und setzt sich, selbstverständlich wie ein König, zurückgekehrt aus dem Exil. Er klopft eine Camel aus Frankies Schachtel und brennt sie an. Danilo ist dünner als früher, seine Haut gelblich, die Nasenlöcher sind groß und schwarz, seine langen blonden Haare strähnig. Er wendet den Kopf und Frankie sieht, dass Danilos rechtes Auge aus Glas ist.

Pamela ist vor vier Monaten gestorben, sagt er.

Danilo hat keine Jacke an, nur einen kanariengelben Pullover. Er trägt keine Warnweste, hat keine reflektierenden Streifen an der Hose.

Tut mir leid, sagt Frankie.

Muss nicht, sagt er.

Schwer für deine Familie bestimmt, sagt Frankie.

Die sind tot, sagt er.

Alle? fragt Frankie, deine drei Brüder auch?

Besser so, sagt er.

Wohnst du noch Paradies und Römer? fragt Frankie.

Danilo blickt sich im Klubheim um: Erinnert mich ans König-Wilhelm.

Ich komm nicht oft her, sagt Frankie, ich wohn nur gleich gegenüber.

Ich weiß, sagt Danilo, und mit einer Kopfbewegung schüttelt er sich die Haare aus dem Gesicht, wie er es schon immer gemacht hat, und steht auf.

Was sitzt auf dem Baum und macht »Nuk, Nuk«? fragt er.

Halt dein Maul, sagt Frankie.

Danilo lacht und klopft drei Mal auf die Theke und geht. Frankie sieht ihm nicht nach, wie er zurückkehrt ins Eis. Zwölf Jahre, denkt er. Und dass er genauso lange nicht mehr an meinem Grab war. Ob es das überhaupt noch gibt, fragt er sich. Dass ich das auch nicht weiß, würde ich ihm sagen, wenn er mich hören könnte.

Frankie, fragt Acki vom anderen Ende der Theke, was sitzt denn auf dem Baum und macht »Nuk, Nuk«?

Sei still, sagt Frankie.

Ein Kuckuck mit einer Hasenscharte, sagt Toni und lacht und stellt Frankie eine Flasche Bier hin und sagt: Komm, nichts für ungut.

Als Frankie aus dem Klubheim tritt um Mitternacht, blickt er zu den Arbeitern, die um ein Loch in der Straße stehen, das ausgeleuchtet wird mit Scheinwerfern auf Stativen, in deren Licht die Atemwolken silbern und flüchtig glänzen. An seiner Haustür hängt eine Bekanntmachung der EnBW, dass das Wasser abgestellt ist wegen einer Havarie. Als er aufschließt, sieht er Ellen vor sich, wie sie im Regen steht, zart wie Nebel, ohne Jacke, wie immer, das nasse T-Shirt klebt ihr am Körper, die Stiefeletten aufgeweicht, ihr Blick unendlich hinter den tropfenden Haaren. Für einen Wimpernschlag gibt er sich seiner Sehnsucht hin nach unserer wunderschönen Ellen mit dem Gang einer Katze und dem Herz aus Stein.

Das Mondlicht fällt durch einen Spalt zwischen den Vorhängen ins Kinderzimmer. Die Heizung rauscht. Silvester liegt quer in seinem Bett und schläft. Er hat die Decke weggestrampelt, ein Bein angezogen, die Faust um sein Spielzeugauto geschlossen. Frankie kennt nichts Schöneres als ihn, wenn er so daliegt und schläft. Die Rundung seiner Schultern, die Füße, die aus dem geringelten Schlafanzug herausschauen, sein gleichmäßiger Atem. Daran versucht er zu denken, jeden Tag, dass diese Schönheit mit einem Preis kommt, dass es nur das ganze Paket gibt oder nichts.

Gute Nacht, sagt Frankie leise, deckt ihn zu und tritt zurück in den dunklen Flur und schließt auch die Tür zum Wohnzimmer, wo Petra auf dem Sofa vor dem Fernseher schläft.

Die Wasserleitung im Bad beginnt zu gluckern. Er öffnet den Hahn und betrachtet die Brühe, die ins Waschbecken spuckt. Nach fünf Sekunden wird der Strahl gleichmäßig und klar. Das Blitzen des Warnlichts hinter dem Milchglas des Badezimmerfensters erlischt. Während er sich Zahnpasta auf die Zahnbürste schmiert, fragt sich Frankie, wie Danilo ihn hier gefunden hat.

Am Morgen stellt sich Frankie schlafend, als Petra Silvester für den Kindergarten fertig macht und der sich weigert, die gefütterten Schuhe anzuziehen, bis sie ihn zwingt und er das Auto durch den Flur wirft, das er die ganze Nacht in der Faust gehalten hat wie einen Schatz. Sie öffnet die Schlafzimmertür und sagt, sie braucht Geld zum Einkaufen. Dass er doch erst kürzlich zweihundert in die Schatulle gelegt hat, sagt Frankie und sie antwortet: Das war vor zweieinhalb Wochen.

Ich habe jetzt nichts, sagt er und Petra knallt die Tür und er ruft ihr zu, dass er ihr seine Karte liegen lässt.

Frankie kommt zu spät zur Arbeit, aber das ist egal. Der Chef dreht sich nicht um, als er sich an seinen Arbeitsplatz setzt. Der Chef steht am Fenster, stößt Rauch durch die Nase aus und winkt jemandem, der die Straße entlanggeht.

Ist ein Rohr geplatzt gestern hier, sagt er, kam im Radio.

War mal was los, sagt Frankie.

Der Chef brennt sich noch eine Zigarette an und sieht weiter aus dem Fenster. Er dreht den Kopf hin und her, als halte er Ausschau nach jemandem.

Ist das alles, was ich heute habe? fragt Frankie und zeigt auf die beiden Arbeitsschalen mit Interimsprothesen.

Ich weiß doch auch nicht mehr weiter, sagt der Chef und geht in sein Büro.

Frankie poliert die Krone, die er gestern gegossen und ausgearbeitet hat, und freut sich über den Glanz, den er auf die minderwertig silbrige Legierung bekommt. Nachdem er die Krone und das Gipsmodell mit dem Dampfstrahler gereinigt und zusammengesetzt hat, legt er beides zurück in die Schale mit dem Auftragszettel und stellt sie dem Chef zur Kontrolle auf seinen Arbeitsplatz. Die Bürotür steht offen. Das Büro ist leer. Mindestens ein Mal am Tag verlässt der Chef wortlos das Labor. Frankie kann ihn manchmal von seinem Platz aus sehen, wie er die Eisenbahnstraße überquert. Er verschwindet dann im schwarzen Loch hinter den elektrischen Schiebetüren der Spielothek, für ein, zwei, selten für drei Stunden. Wenn er wieder auf die Straße tritt, blinzelt er gegen den Tag, die Hände in den Hosentaschen. Seine Augen sind rot, kommt er ins Labor zurück. Oft fragt er Frankie nach Münzen für den Zigarettenautomat. Dann geht er noch mal runter. Manchmal kommt er gleich wieder, stellt sich ans Fenster, reißt das Zellophan von der Schachtel, brennt sich eine an und redet über Geld. Manchmal bleibt er fünf Minuten, zehn Minuten, eine halbe Stunde mit den Münzen fort, ehe er schweigend durch die Tür tritt, sich eine Zigarette aus Frankies Schachtel nimmt und still raucht. Während die Lichterketten blinken an der Fassade des Automatencasinos gegenüber, blicken sie gemeinsam aus dem Fenster auf die Eisenbahnstraße. Und wenn der Chef sich dann abwendet, um in sein Büro zu gehen, legt er Frankie manchmal die Hand auf die Schulter und sagt: Schwermut plus Wermut gleich täglich viel Leergut.

Mittags beginnt es zu schneien. Der Wind treibt die Flocken fast waagerecht durch die Häuserflucht und pfeift in den undichten Kassettenfenstern. Frankie stellt die zwei Interimsprothesen fertig, räumt seinen Platz auf und wartet, bis Feierabend ist. Das Ticken der Uhr an der Wand, das Rattern des Thermostats der Gastherme, der Verkehr auf der Eisenbahnstraße, sonst kein Geräusch. Er zieht seinen Arbeitskittel aus und seine Jacke an. In der Packung auf seinem Tisch sind noch zwei Zigaretten. Er brennt sich eine an und lässt die letzte für den Chef, löscht das Licht und aktiviert die Alarmanlage. Draußen sieht er den Chef aus dem türkischen Wettbüro an der Ecke kommen. Der Chef geht langsam den Gehweg entlang. Er ballt die rechte Faust zum Jubel. Er sieht sich nicht um, als er die Spielothek betritt.

2

Sättler trinkt den Tee nicht, den Danilo ihm bestellt hat. Danilo erklärt ihm, dass ihr gemeinsamer Freund die gesamte Summe, die Sättler ihm schuldet, Ende der Woche wiederhaben möchte, schließlich haben sie eine Vereinbarung. Sättler schaut auf Danilos Hände mit den kaputten, knotigen Knöcheln.

Wie kann ich unseren gemeinsamen Freund denn erreichen, fragt er, wenn irgendetwas ist?

Ich bin der Inkasso-Unternehmer, sagt Danilo, du wendest dich ausschließlich an mich.

Aber, sagt Sättler, Mo hat mir doch immer das Geld gegeben.

Er zeigt auf den kleinen Mann hinter dem Wetttresen und Danilo schüttelt den Kopf.

Was denkst du, sagt er, du bist doch ein kluger Mann, in welcher Position soll Mo sein, irgendwelche Kredite zu vergeben an Typen wie dich?

Inkasso-Unternehmer, sagt Sättler, weisen Sie Umsatzsteuer aus?

Danilo blickt ihm in die Augen. Er stellt sich vor, wie er ihm den Zeigefinger bricht im Gelenk, das er so lange überdehnt, bis es Klack macht und der Finger an der Wurzel im rechten Winkel absteht. Dieser absurde Anblick, der ihn und sein Opfer immer wieder gleichermaßen erstaunt. Sättler senkt den Blick auf den Tisch und schiebt ihm einen Umschlag zu: Können Sie sich vorstellen, wo ich überall Schulden habe?

Mich interessieren nur die fünfundfünfzigtausend, die du unserem gemeinsamen Freund schuldest, sagt Danilo.

Sättler schüttelt den Kopf: Der Rest kommt wie vereinbart.

Er steht auf und geht zum Wetttresen und studiert den mittleren Bildschirm mit der Übersicht der Spiele, auf die die Wetten noch offen sind. Er setzt auf eine Partie der Süperlig, fünfzig Euro, Rizespor liegt fünf Minuten vor Schluss eins zu null hinten gegen Besiktas. Die Quote kann Danilo nicht erkennen von seinem Platz aus. Mo schüttelt den Kopf.

Immer dasselbe mit dir, Harald, sagt er, dein letztes Geld?

Sättler nickt. Danilo brennt sich eine Zigarette an und beobachtet ihn, während Rizespor den Ausgleich erzielt. Das Siegtor für Rizespor fällt in der Nachspielzeit. Sättler jubelt nicht. Er rollt das Geld zusammen, das er gewonnen hat, steckt es in die Innentasche seiner Jacke und verlässt das Wettbüro. Draußen erst ballt er die Faust zum Jubel.

Frankie steht in der Tür auf der anderen Straßenseite. Er schaut seinem Chef nach, der zur Spielothek läuft. Dann geht er entgegengesetzt die Eisenbahnstraße runter. Der Wind bläst seine Jacke auf, der Schnee wirbelt um ihn herum. Er verzieht das Gesicht mit der Zigarette im Mundwinkel.

Er hat immer noch den Gang eines Kindes, mehr Fallen als Gehen. Danilo hätte ihm gestern gerne das Gesicht auf die Theke gedrückt, so lange, bis ihm vor Hilflosigkeit und Schmerz Tränen in die Augen steigen. Der Drang, ihm wehzutun, ihn zu erniedrigen, war riesengroß. Aber ich rufe ihm aus der Ferne, von weit über den Dächern zu: Das ist doch unser Frankie, ich hab dir nicht verraten, dass er jetzt hier wohnt, damit du ihm wehtust. Meine Stimme ist leise, der Wind trägt sie draußen am Klubheim vorbei, aber Danilo hört mich.

In dem Umschlag sind nur achttausend Euro und nicht zehntausend, wie vereinbart. Danilo überlegt. Ein junger Türke bringt ihm ein Glas Tee. Er klimpert nach einer Münze in der Hosentasche, der junge Türke schüttelt den Kopf, hebt abwehrend die Hände. Danilo betrachtet den Tee. Acht statt zehn, denkt er, Umsatzsteuer, denkt er.

Sättler sitzt in der Spielothek vor einem Automaten in der hinteren Ecke. Die Aufsicht kocht Kaffee, sagt etwas, Sättler lacht und antwortet: Drei Stück Zucker, wie immer.

Zwei andere Spieler an der Tür, die sich nur für ihre Automaten interessieren. Sonst ist niemand hier. Danilo tritt hinter Sättler, der zwei Euro pro Linie gesetzt hat. Zehn Linien hat der Automat. Sein Geld rasselt nur so durch. Danilo klemmt Sättlers Ohrläppchen zwischen Zeigefinger und Daumen, zieht ihn vom Hocker und hinter sich her zum Klo. Der Hocker fällt um, Sättler schreit, schlägt nach Danilo, der dreht fester am Ohr, dass Sättler sich nicht mehr wehren kann. Die Aufsicht nimmt ihr Handy und Danilo schüttelt den Kopf und sagt: Das willst du gar nicht tun, und sie legt das Telefon wieder hin. Er lässt Sättler mit der Stirn gegen das Waschbecken laufen, schließt die Toilettentür und lehnt sich dagegen. Es stinkt auf dem Klo. Lüftung defekt, Bitte hier nicht rauchen, steht auf einem Zettel, der am Spiegel klebt. Sättler hat Tränen in den Augen. Er reibt sein Ohr, die Stirn.

Danilo senkt den Blick und betrachtet seine knotigen Hände, die abgenagten Fingernägel. Ohne den Blick zu heben, sagt er: Ich dachte, du bist ein kluger Mann.

Er gibt Sättler eine Ohrfeige. Das Klatschen hallt laut in der bis zur Decke gefliesten Toilette. Er ohrfeigt ihn noch mal. Diesmal mit links.

Ich nehme das persönlich, sagt Danilo.

Ich brauche doch bisschen, sagt Sättler und Danilo schüttelt den Kopf und gibt ihm noch eine Ohrfeige: Ich brauche, sagt er, ich!

Er genießt diesen Moment. Er sucht nach der Verzweiflung im Blick von Sättler, wie er den Kopf einzieht, wie er die Hand ausstreckt. Doch Danilo spürt den Schmerz kommen in sich drin, wie man einen Zug hört auf offener Strecke. Er hat vergessen, seine Tablette zu nehmen. Er beißt sich auf die Unterlippe und seine Nieren singen: Wir klingeln gleich! Wir klingeln gleich! Sättler lächelt. Danilos Innereien singen und klingeln wie ein Bäumchen. Er will ihn noch mal ohrfeigen. Aber ihm fehlt jetzt die Kraft.

Morgen komm ich wieder, sagt er, wir zwei sind noch nicht fertig.

Er verlässt die Toilette und die Spielo. Er läuft den Gehweg hinab, drückt eine Oxycodon aus der Packung und schluckt sie trocken auf dem Weg zur Pension. Er legt den Kopf in den Nacken, der Schnee fühlt sich gut an auf seinem Gesicht. Er atmet ein. Er atmet aus. Er sieht das Bett in seinem Zimmer. Wie er darauf liegt. Er schwitzt.

Den Tumor stellt er sich wie die Knospe einer Blume vor, die an seiner Niere wächst. Wenn er die Augen schließt, kann er sie sehen, wie sie aufblüht. Sie wird schön und rot und fleischig sein und groß wie eine Pfingstrose und duften wie der Frühling.

Er ist zum Arzt gegangen, nachdem er zwei Mal hintereinander Blut gepinkelt hat. Dr. Demsky tastete ihn ab und sagte: Spüren kann ich nichts, schwitzen Sie viel in der Nacht, fühlen Sie sich abgeschlagen?

Verschreiben Sie mir ein Schmerzmittel, sagte Danilo.

Herr Rabanser, ich muss einen Ultraschall machen und Ihnen Blut abnehmen, sagte Demsky und legte ihm die Manschette des Blutdruckmessgerätes an.

Oxycodon, sagte Danilo und öffnete den Klettverschluss der Manschette wieder, es fängt an, wehzutun.

Ich mach Ihnen einen Termin, sagte Demsky, ich ruf den Radiologen für Sie an, dann geht es schnell.

Wir verstehen uns bestimmt, sagte Danilo und wusste, dass Demsky ihn verstand, weil er ihn früher schon oft verstanden hatte, und der Arzt nahm den Rezeptblock aus der Schublade und schüttelte den Kopf. Seitdem träumt Danilo fast jede Nacht denselben Traum von einem gelben, lichten Raum, in dem er auf einer Pritsche sitzt und wartet. Alles ist schön in dem Traum. Nur kann er sich nicht bewegen. Vor der Tür zu dem Raum stehen Fremde ohne deutlich erkennbare Gesichter. Sie stehen nur da und schauen. Er will weglaufen, kann aber nicht. Dann wacht er auf. Immer. Vor dem Fenster fällt weiter der Schnee. Das Oxycodon wirkt. Es wird dunkel draußen.

Der ist nicht schwer zu deuten, dein Traum, flüstere ich ihm ins Ohr.

Ich hab keine Angst, sagt er.

Das ganze Schweinefleisch, flüstere ich, hab ich nicht immer gesagt, du isst zu viel Schweinefleisch?

Was, Schweinefleisch, sagt er.

Ich kenne alle Wahrheiten, sage ich und Danilo weiß, dass das stimmt. Er bleibt still. Weiter fällt der Schnee. Die Geräusche von draußen gedämpft, durchdrehende Reifen irgendwo.

Frankie ist gesund, rufe ich durch den Schnee, der ist wie neu und ganz rein, außen wie innen.

Was steht auf der Wiese und macht »Fuh«? fragt Danilo.

Ohne Hasenscharte wäre er doch nicht unser Frankie, rufe ich, der wird hundert Jahre alt.

Vorher bringe ich ihn um, sagt Danilo und ich lache, das steht nirgends geschrieben.

Ich tu ihm richtig weh, sagt Danilo.

Du wirst ihn noch brauchen, flüstere ich.

Was willst du überhaupt bei mir? sagt Danilo, er war dein bester Freund.

Überleg mal, sage ich, überleg einfach mal.

3

Hast du den Schlitten mitgebracht? fragt Silvester.

Am Wochenende gehen wir, sagt Frankie, ich muss den erst aus dem Keller holen. Er sucht die Kleider zusammen, die auf dem Heizkörper im Verabschiedungs- und Begrüßungsbereich im Kindergarten trocknen. Er zieht Silvester an.

Holen wir ihn jetzt aus dem Keller, sagt Silvester.

Ist doch schon dunkel fast, sagt Frankie.

Alle anderen Kinder sind schon abgeholt. Die Erzieherin Karla wischt den Tisch ab, an dem sie bis eben mit Silvester gesessen hat. Er isst den Pick-up-Riegel, den Frankie ihm wie jeden Nachmittag mitgebracht hat.

Alle anderen Kinder haben einen Schneeanzug, ruft Karla, das ist blöd für den Silvester, so nass zu werden.

Ja, sagt Frankie.

Ich kauf die für meine beiden immer bei C&A im Schlussverkauf zwei Größen größer schon für den nächsten Winter, sagt sie.

Ja, sagt er.

Ein bisschen heiser ist er auch, sagt sie.

Wir haben noch was Wick MediNait, sagt er, reib ich ihm ein vor dem Schlafen.

Ich schwöre auf Manuka-Honig, sagt Karla, und Ingwer.

Ja, sagt er.

Ist ganz natürlich, sagt sie, und ohne Zucker.

Bis morgen, sagt er.

Ich höre da ein bisschen auf den gesunden Menschenverstand, sagt Karla, und Frankie nimmt Silvester an der Hand und öffnet die Tür und sie treten nach draußen in den Schnee.

Was gab es denn zum Mittagessen im Kindergarten? fragt Frankie, als sie über den Kirchhof gehen.

Weiß ich noch gar nicht, sagt Silvester.

Nudeln? fragt er und brennt sich eine Zigarette an.

Ja, Nudeln, sagt Silvester.

Oder Suppe, sagt Frankie, war heute nicht Suppentag?

Wo ist Mama? fragt Silvester.

Frankie schließt die Wohnungstür auf und Silvester rennt ins Wohnzimmer.

Ich will was anderes, sagt er und Petra schaltet von Pro7 auf den Kinderkanal.

Ich hab Fischstäbchen und Rahmspinat gekauft, ruft sie, und Vier-Käse-Nudeln.

Was ist dir lieber? fragt Frankie und macht sich ein Dinkelacker auf.

Egal, ruft Petra.

Die Tüte Penne mit Vierkäsesauce und die Fischstäbchen nimmt er aus dem Eisfach. Er heizt den Backofen vor für die Fischstäbchen. Die Nudeln mit den kleinen, gefrorenen Käsepellets schüttet er in die Pfanne, dazu vier Esslöffel Wasser, einen Schuss Olivenöl. Petra und Silvester lachen im Wohnzimmer. Er raucht eine Zigarette und blickt runter auf die Straße.

Da unten hat er Petra zum ersten Mal gesehen, am Ende eines langen, heißen Sommertages, in seinem ersten Jahr hier, als es noch richtig brummte bei Sättler im Labor. Er sitzt auf den Stufen vor dem Haus und trinkt sein Feierabendbier. Sie geht vorbei im Gegenlicht der untergehenden Sonne. Sie trägt nur eine Shorts und ein Feinrippunterhemd. Ihre Nippel stechen darunter hervor, ihre Schultern sind knochig, die Haut pellt sich leicht und glänzt vom Schweiß. Er verspürt den Drang, sie zu beißen, ganz leicht nur, aber lang. Sie ist fast ein bisschen zu jung für ihn. Aber schon so schön. Sie sieht ihn an und er sieht sie an und blinzelt und sie strahlt für den Moment. Und am nächsten Abend kommt sie wieder vorbei. Sie bleibt vor ihm stehen, hinter ihr der Himmel rot und leuchtend, er kneift die Augen zusammen und sagt: Trinkst du ein Bier mit mir? Und sie nickt und setzt sich neben ihn auf die Stufe, und er öffnet ihr die Flasche Dinkelacker, die er für sie mitgebracht hat, und sie stoßen an. Auf der anderen Straßenseite lacht ihre Freundin hell und klar, steigt auf ihr Rad und fährt davon. Ich bin Frankie, sagt er. Ich bin Petra, sagt sie. Und sie schweigen und trinken und rauchen eine Weile und betrachten die Autos und Busse, die anhalten und losfahren und bremsen und Gas geben, bis er sagt: Manchmal hab ich das Gefühl, die Eisenbahnstraße ist eigentlich nur dazu da, dass der Verkehr durchfahren kann. Petra lacht. Die feinen, blonden Härchen auf ihren Unterarmen, die glatte Haut an ihren Ellbogen. Nächste Woche fange ich eine Ausbildung zur Altenpflegerin an, sagt sie, dann muss ich auch manchmal spätabends oder nachts arbeiten. Da gewöhnst du dich schnell dran, sagt er. Dann kann ich abends hier vielleicht nicht mehr vorbeilaufen, sagt sie. Dann warte ich auf dich, sagt er und ihre Hände berühren sich kurz, als sie nach ihren Zigarettenschachteln greifen.

Jetzt breitet Frankie das Backpapier auf dem Backblech aus, legt die Fischstäbchen darauf und schiebt es in den Ofen. Er stellt die Herdplatte auf 3. Er beobachtet, wie die Käsepellets schmelzen. Frankie dreht die Fischstäbchen um, er rührt die Nudeln durch, streut ein wenig Oregano darauf und hört Silvester lachen und rufen: Ninjago!

Er stellt die Teller mit dem Essen auf den Couchtisch. Silvester isst die Fischstäbchen mit den Händen, den Blick auf den Fernseher gerichtet.

Nimm die Gabel, bitte, Silvester, sagt Petra.

Silvester nimmt die Gabel, spießt das Fischstäbchen auf, beißt ab, legt die Gabel zurück auf den Teller und isst mit den Händen weiter.

Nimm die Gabel jetzt, sagt Petra, und hör auf zu schmatzen.

Er schmatzt doch gar nicht, sagt Frankie.

Die Folge Ninjago ist zu Ende. Petra schaltet um. Erst Bares für Rares im Dritten, dann SOKO Köln auf dem Zweiten.

Da war früher eine Schauspielerin aus Heidenheim dabei, sagt Frankie.

Wenn der jetzt nicht gleich die Gabel nimmt zum Essen, dreh ich durch, sagt Petra.

Ich kannte die über einen Freund, sagt Frankie und Petra beugt sich vor und gibt Silvester einen Klaps auf den Kopf.

Gabel, sagt sie, wir wollen hier anständig zu Abend essen.

Danilo kannte die, sagt er, hab ich dir von Danilo mal erzählt?

Der mit dem Diabetes, der tot ist? fragt Petra.

Das war Ferry, sagt er und Petra sieht ihn an und sagt: Ist das zu viel verlangt, wenn ich einfach möchte, dass das Kind anständig isst?

Nein, sagt er.

Silvester nimmt die Gabel und spießt ein Fischstäbchen auf. Werbung. Silvester lacht, nimmt das Fischstäbchen mit den Fingern von der Gabel und beißt hinein.

Mann, sagt Petra und steht auf. Sie stellt ihren halb vollen Teller auf den Tisch und geht aus dem Wohnzimmer in die Küche. Ihr Feuerzeug schnappt.

Guck mal, sagt Silvester und lacht und zeigt mit dem Fischstäbchen auf den Fernseher, ein Stück Panade bricht ab und fällt zu Boden. Frankie isst seinen Teller leer und dann Petras. Er trinkt sein Bier aus und steht auf. Silvester sieht ihn von unten herauf an, den mit Ketchup verschmierten Teller auf seinem Schoß, und hält Zeige- und Mittelfinger vor den Mund, als rauche er eine Zigarette. Frankie nickt. Silvester greift die Fernbedienung vom Couchtisch und schaltet um, während Frankie auf dem Weg in die Küche seine Camels aus der Hosentasche fummelt.

Wir reden gar nicht mehr, sagt Petra, als er seine Zigarette anbrennt.

Der Fernseher läuft ja immer, sagt er.

Ich weiß, sagt sie.

Wir könnten morgen Abend hier in der Küche essen, sagt er.

Wir haben gar keinen Stuhl für Silvester, sagt sie.

Irgendwo haben wir einen Tripp Trapp, sagt er, im Keller, glaub ich.

Ich hätte Silvester nicht auf den Kopf hauen sollen, sagt Petra und blickt zu Boden.

War doch nur ein Klaps, sagt Frankie.

Ständig will ich einfach nur schlafen gehen, sagt sie.

Das ist die Dunkelheit im Januar, sagt er.

Ist im Juli auch nicht besser, sagt sie.

Silvester kommt mit seinem Teller in die Küche, stellt ihn auf die Arbeitsplatte und sieht Frankie an.

Gibt’s Nachtisch? fragt er.

Frankie zeigt zum Kühlschrank. Silvester öffnet das Eisfach, zieht die mittlere Schublade heraus, nimmt sich ein Kaktuseis und läuft ins Wohnzimmer zurück.

Aber nicht kleckern, ruft Petra.

Als wir das erste Mal zusammen Eis essen waren, sagt Frankie, hast du ein Magnum Mandel genommen.

Ich dachte immer, sagt sie, weil es das teuerste ist, ist es das beste.

Silvester lacht im Wohnzimmer. Er ruft irgendetwas, das sie nicht verstehen können.

Wo warst du gestern eigentlich? fragt Petra.

Im Klubheim, sagt Frankie.

Seit wann gehst du da wieder hin? fragt sie.

Mir war danach, sagt er.

Geh da nicht mehr hin, sagt sie, der Toni füllt doch bestimmt immer noch die jungen Mädels ab.

Ich weiß, sagt er.

Ich hab überlegt, mit Silvester für eine Zeit zu Mama und Matthias in den Schwarzwald zu gehen, sagt sie.

Warum denn das? fragt er.

Die frische Luft tut Silvester gut, sagt sie, der hustet seit Monaten.

Für ein, zwei Wochen, sagt Frankie.

Die Einliegerwohnung in Matthias’ Haus wird frei zum Februar, sagt sie, da kann ich mit Silvester rein und muss nicht mal was zahlen.

Du kannst doch in das Gästezimmer für die zwei Wochen, sagt er.

Ich hab nicht von zwei Wochen gesprochen, sagt sie.

Was willst du denn da? fragt er.

Und ich könnte bei Matthias in der Firma arbeiten, sagt Petra, der braucht eine Halbtagskraft fürs Büro.

Seit wann plant ihr das denn schon? sagt Frankie.

Wir planen gar nichts, sagt sie.

Das klingt aber nach einem Plan, sagt er, einem ziemlich fertigen Plan.

Das Ganze hier, sagt sie, macht mich fertig.