Paradis Resort - Chris Beck - E-Book

Paradis Resort E-Book

Chris Beck

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Beschreibung

Thailand 2004. Zwei Frauen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten, fliegen ins Paradies. Denise, souverän und aufbrausend, die schüchterne Maja, die viel zu nett ist, um wahr zu sein. Eine Zweckgemeinschaft, die schnell an ihre Grenzen kommt. Was will die naive Maja nur mit dem Flüchtlingsmädchen Suzie? Was hat es mit dem Hotelmanager und seinem schmierigen Cousin auf sich? Welches Geheimnis hütet Cookie, die umwerfende Transfrau? Denise muss der Sache auf den Grund gehen. Doch dann fegt der Tsunami mit brutaler Wucht über die Insel und alle müssen kämpfen. Oder untergehen? „Ein kurzweiliger Roman in lebendiger Sprache, schöne Bilder, authentische Protagonisten, Humor und Tiefgang machen das Lesen zum Vergnügen. Einmal angefangen zu lesen, muss man unbedingt wissen, wie es weitergeht.“

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Seitenzahl: 362

Veröffentlichungsjahr: 2022

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eBook 2022

Paradise Resort

Alle Rechte an dieser Ausgabe vorbehalten.

Copyright © 2022

2022 Verlag Herz und Gold, Bopfingen

Lektorat:

Gisela Lehmeier; Feinschliff

Umschlags- und Layoutgestaltung:

Projektteam AG Christiane Köhn-Ladenburger

Covermotiv/Satz

Christiane Köhn-Ladenburger

Druck und Bindung:

Projektteam AG

Printed in Germany

ISBN 978-3-949656-05-7

www.herzundgold.com

Chris Beck

Paradise Resort

 herzundgold

Für Elsa, die größte Leseratte von allen.

Inhaltsverzeichnis

Cover

Impressum

Titelblatt

Widmung

Vorwort

Probleme

Schluckspecht

Noch mehr Probleme

Golden Hands

From Heaven to Hell

Krav Maga

Eine Hand wäscht die andere

Rocco

Schicksalsgefährtinnen

Der Flug

Ein verdammter Fehler

Bankok

Nachtzug

Thai Style, baby!

Suzie

Portugal

Das Meer

Piet

Bootsfahrt

Der Streit

Genug!

An der Bar

Holland

Hangover

Der Morgen danach

Coffee to go

Treatment Royal

Piet

Ein langer Tag

Die Pille danach

Recherche

Geheimnisse

Noch mehr Geheimnisse

Die Welle

Bloody farangs

Seaquake

Düsseldorf

In letzter Minute

Die Überlebenden

Ein gutes Team

Life goes on

Blackout

Intrigen

Sonja

Der Traum

Krankenhaus

Erkenntnisse

Klosterleben

Besuch

Heiligenschein

Coco

Rache

Finale

Epilog

Dank

Vorwort

Liebe Leserinnen, lieber Leser,

Ich freue mich sehr, dass du das „Paradise“ in Händen hältst.

Das Schreiben ist mir ein Spiegel, Herausforderung und eine große Bereicherung.

Zum Inhalt des Romans möchte ich vorwegschicken, dass der Tsunami von 2004 darin eine Rolle spielt. Ich war nicht dabei, kenne die Katastrophe nur aus Erzählungen von Augenzeugen, Filmen und Zeitungsberichten, aber ich habe die Überbleibsel in Thailand, Indien und Sri Lanka im Jahr 2005 gesehen. Da ich eine begeisterte Thailandbesucherin bin und war, hat es mich sehr getroffen, wie verheerend die Welle gewütet hat. Mein Mitgefühl gilt allen, die damals Menschen verloren haben oder durch das Beben traumatisiert wurden.

Ich maße mir nicht an, ihrem Schmerz oder ihren Erinnerungen gerecht zu werden.

Meine Geschichte ist frei erfunden. Die beschriebenen Personen gibt es nicht wirklich. Das Paradise Resort stand nie am Strand von Khao Lak.

Probleme

„Verdammt nochmal!! Nimm sofort Deine Pfoten von meinen Sachen!“

Denise ist mit drei Schritten bei dem Jungen. Sie reißt ihm den Ordner aus der Hand. Er taumelt erschrocken zurück und stößt mit der Hüfte gegen den Schreibtisch. Die Finebone-China-Tasse kippt. Grüner Tee ergießt sich über die Tastatur, durchnässt ihre handschriftlichen Notizen und sickert langsam ins Display des Telefons.

„I-di-ot!“, faucht Denise.

Die stressgeröteten Wangen des Jünglings färben sich eine Nuance dunkler. Er hebt die Hände, als wolle er einen Schlag abwehren. Damit liegt er gar nicht so falsch. Denise fantasiert tatsächlich von Ohrfeigen.

Eine rechts, eine links. Klatsch! Patsch!

Es wäre angemessen, findet Denise.

Gerade noch rechtzeitig erinnert sie sich an die goldene Regel. Immer zuerst atmen!

Sie atmet.

Extra lang.

Ein.

Und wieder aus.

Dann, grollend wie ein großer Hund, bevor er zuschnappt:

„Raus hier! Aber dalli!“

Der Junge flieht. Knallt die Tür hinter sich zu.

Denise schaut auf die Sauerei. Ihre Schläfe pocht. Herrgott nochmal! Wie oft soll sie noch sagen, dass ihr Büro tabu ist, wenn sie arbeitet? Es klopft.

„Ja!“

Selma Örcan, die Chefin der Putzkolonne steht im Türrahmen. Normalerweise ist sie die Ruhe selbst, immer höflich und korrekt. Aber jetzt sind ihre Augen schmal und die Stimme klingt gepresst.

„Frau Brixen. Was haben Sie mit meinem Azubi gemacht?“

„Ich?“ Denise ist empört.

„Fragen Sie lieber, was das Bürschchen angestellt hat!“

Sie deutet auf ihren Schreibtisch. Abgesehen von der umgefallenen Tasse zeugt von dem Vorfall nur noch eine kleine Pfütze.

„Rocco ist sechzehn“, konstatiert Frau Örcan kühl.

„Und?“

„Er weint!“

Denise ist noch so geladen, dass sie antwortet, ohne nachzudenken.

„Geben Sie ihm ein Taschentuch und einen Lutscher!“

Die Frau mustert sie. Unter ihrem Blick – eine Mischung aus Ungläubigkeit und Abscheu – steigt Denise tatsächlich Hitze in die Wangen.

„Rocco sagt, Sie wollten ihn schlagen.“

Denise beißt sich auf die Lippen. Sie hat dem Balg nichts getan. Seit wann ist es ein Verbrechen, über Ohrfeigen nachzudenken?

„Wissen Sie, wie schwer es ist, Auszubildende zu finden für diesen Beruf?“ Frau Örcan klingt müde.

Denise zuckt die Achseln und wedelt mit der Hand.

„Wenn ich jetzt bitte weiterarbeiten darf?“

Die Frau seufzt:

„Ich werde mich über Sie beschweren.“

Denise hebt die Augenbrauen.

„War‘s das?“

Die Tür schließt sich.

Der klopfende Schmerz in ihrer Schläfe wird unerträglich. Denise versucht, sich zu konzentrieren. Eine halbe Stunde später gibt sie auf. Sie muss schnellstens nach Hause und eine Tablette nehmen. Sonst liegt sie zwei Tage flach bei heruntergelassenen Rollläden. Und alles wegen diesem Idioten.

Barney steht schon schwanzwedelnd an der Tür, als sie am Empfang ankommt. Sie streichelt seinen großen Kopf. Der Mann vom Wachschutz reicht Denise die Leine.

„Hallo Vasile. War er brav?“

„Drei Runden durch die Hasenheide. Er ist so schnell. Ich muss mir bald ein Rennrad besorgen.“

Denise grinst. Es fühlt sich an, als schieße ein rotglühender Pfeil durch ihren Schädel. Elende Migräne!

„Ich bring ihn morgen, so gegen zwei?“

„Geht klar.“

Vasile jobbt neben seinem Psychologiestudium als Pförtner und Denise findet, er ist – neben ihrem Chef – der einzige vernünftige Mensch in diesem Gebäude. Er versteht sich prächtig mit dem großen Wolfshund und nimmt Barney so oft er kann. Nennt ihn den besten Fitnesstrainer aller Zeiten. Denise ist froh über das Arrangement.

„Also dann.“

Draußen ist es schon dunkel. Leichter Schneeregen graupelt vom Himmel.

„Na los, Barnes.“

Barney schnüffelt ausdauernd an einem Laternenpfahl, der über und über mit Anzeigen beklebt ist. Obwohl sie dringend die Tablette einwerfen und ins Bett müsste, wartet Denise, bis Barney seine Hundebedürfnisse befriedigt hat. Ein greller Zettel fällt ihr ins Auge.

Kopfschmerzen? Verspannungen?

Professionelle Massagen· Triggerpunktbehandlung

Wellness

GOLDEN HANDS SPA

Denise liest die Adresse. Das muss ganz in der Nähe sein. Sie bezweifelt, dass Massage bei Kopfschmerzen hilft, aber die Tabletten sind auf Dauer auch keine Lösung. Sie machen sie müde. Vielleicht ist es einen Versuch wert? Irgendwann. Sie reißt das Blatt ab, faltet es zu einem kleinen Quadrat und steckt es in die Manteltasche.

Schluckspecht

Maja ist müde. Sie steht auf dem Balkon, die klammen Hände um eine lauwarme Tasse Pfefferminztee gelegt. Nok, ihre Kollegin, raucht eine Zigarette. Das ist eigentlich verboten. Aber die kleine Thailänderin schert sich nicht darum. Maja hätte gerne etwas von ihrer Kaltschnäuzigkeit. Sie selbst ist noch in der Probezeit. Hat ständig Angst, etwas falsch zu machen. Der Salon boomt. Im Schnitt steht alle dreißig Minuten ein neuer Kunde auf der Matte. Das ist Schwerstarbeit, wie am Fließband. Manchmal gibt es zwischen den Terminen keine Pause.

Durch die Scheibe der Balkontür erkennt Maja eine muskulöse Silhouette. Sie stellt sich vor Nok und zischt:

„Achtung!“

Ein kantiger Schädel mit ausrasierter Zickzacklinie an der Schläfe schiebt sich in die Nachtluft. Maja kommt Jurassic Park in den Sinn. Die fleischfressenden Raptoren entdecken, dass der Zaun nicht mehr stromführend ist.

„Kundschaft!“

Nok drückt schnell ihre Zigarette aus.

„Ok, Boss.“

Sie zwinkert Maja zu, bevor sie an ihr vorbeischlüpft.

Jetzt ist Maja mit Dimitri allein. Was sie lieber vermieden hätte.

„Majetschka“, sagt er und greift in ihr Haar. Ein winziges Eiskristall hat sich darin verfangen. Beide betrachten, wie das Eis in seiner haarigen Pranke zu einem Tröpfchen schmilzt. Maja kann nicht ausweichen, der Balkon ist eng. Dimitris Geruch steigt in ihre Nase: Hugo Boss und noch etwas Scharfes, Metallisches. Es verursacht ihr Übelkeit.

„Du arrbeitest gutt.“

Der russische Akzent lässt alle Worte klingen wie herabfallende Felsbrocken.

„Danke.“

Maja möchte nur noch fort.

„Entschuldigung, ich …“ Sie weiß nicht, was sie sagen soll. Er hat ihr nie etwas getan. Nichts, was man nicht als Zufall oder Kleinigkeit abtun könnte. Berührungen, ein etwas zu langer Händedruck. Doch Maja ist ständig auf der Hut, wenn er in der Nähe ist.

Die laute, blecherne Version von Eye-of-the-tiger lässt sie zusammenzucken.

„Da?“, Dimitri spricht in sein Handy, ohne sie aus den Augen zu lassen.

Das heißt ja auf Russisch, soviel hat Maja schon gelernt. Sie schiebt sich vorsichtig an ihm vorbei. Wie zufällig macht er eine leichte Drehung und presst dabei seinen Unterleib gegen sie. Aber schon ist sie an der Tür. Als sie noch einmal zurückschaut, blickt sie direkt in Dimitris grüne Raubtieraugen. Er lächelt.

Maja bemerkt erst zuhause, wie angespannt sie die ganze Zeit war. Es ist ein wenig schäbig hier in Alt-Mariendorf, weit und breit keine schicken Geschäfte oder angesagte Lokale. Aber es fühlt sich sicher an.

Sie atmet tiefer und spürt ihre Erschöpfung.

Der Schluckspecht ist noch geschlossen. Sie betrachtet das altmodische Schild, auf dem ein Vogel zu sehen ist, der seinen Schnabel in einem Bierglas versenkt. Anstatt direkt in ihre Wohnung über der Kneipe zu gehen, beschließt sie, in der kühlen Novemberluft auf Paul zu warten. Den müden Rücken an eine Straßenlaterne gelehnt, schaut Maja durch die dunklen Fenster. Sie denkt an ihren bevorstehenden Geburtstag. Dreiundzwanzig wird sie in ein paar Tagen. Dabei ist es noch gar nicht so lange her, dass sie ihre Schularbeiten im Schluckspecht gemacht hat.

Erinnerungen an zahllose Nachmittage, die sie hier verbracht hat, schweben wie Wolken durchs trübe Abendlicht.

Majas Beine baumeln vom Barhocker, das Schulheft liegt auf dem fleckigen, leicht klebrigen Tresen. Es riecht nach Bier. Eine trübe Nachmittagssonne scheint durch die gelben Butzenscheiben, Schwaden von Zigarettenqualm treiben durch den Raum. Maja hat die Zunge zwischen den Zähnen eingerollt und starrt konzentriert auf die Reihe unregelmäßiger Buchstaben, die sie gemalt hat. Ihre Finger sind ganz verkrampft vom Halten des roten Wachsmalstiftes, dessen Spitze schon zweimal abgebrochen ist. Bei der oberen Kurve des Buchstabens L drückt sie immer zu fest auf. Das ist aber auch schwer. Wenn ihre Lehrerin, Frau Hauptmann, das an der Tafel vormacht, sieht es so einfach aus. Majas Kopf ist heiß vor Anstrengung. Der Tresen ist zu hoch, sodass sie sich nicht so über das Blatt beugen kann, wie sie eigentlich möchte. Aber sie gibt nicht auf. Die ganze Seite muss voll sein mit L in Schreibschrift.

Herr Pinares, ein Stammgast, der jeden Nachmittag im Schluckspecht verbringt und immer Punkt halb sieben nach Hause geht, schaut Maja interessiert zu. Er zeichnet mit seiner brennenden Zigarette aufmunternd den Buchstaben in die Luft. Mit einem heiseren Lachen prostet er Maja zu. Dann hält er Paul, der Gläser polierend hinter der Theke steht, sein leeres Glas hin.

„Noch eins“, raunzt er.

Paul zapft schweigend und reicht die Tulpe rüber. Herr Pinares schlürft das frische Bier in einem Zug. Majas Mutter bringt ein leeres Tablett.

„Vier Kurze und vier Schulties.“

Paul nickt. Dann beugt Mama sich zu Maja und betrachtet ihre Hausaufgabe.

„Schön, meine Süße. Kannst du mal eben zum Kiosk laufen für Mama und Zigaretten holen?“

Maja rutscht vom Hocker, nimmt das Zwei-Mark-Stück, das Elena ihr hinhält, und will losgehen. Sie weiß genau, welche Marke sie holen muss für Mama. Dunhill Menthol, die raucht sie am liebsten. Wenn es die nicht gibt, dann auch Eve. Maja gefällt die Packung mit den hübschen Blumen. Herr Pinares raucht Lord Extra. Paul die Marlboro mit dem Cowboy.

Paul ruft sie zurück. Er gibt ihr ein Fünfzig-Pfennig-Stück, es ist Majas absolute Lieblingsmünze. Sie findet, die Figur sieht aus wie eine Meerjungfrau.

„Hol dir was Schönes.“

Als Maja zurückkommt, steht jemand neben ihrem Hocker. Ein großer Mann mit einem dicken Bauch. Sein schwerer Arbeitsstiefel blutet, aber dann sieht Maja, dass er auf ihrem Heft steht. Die roten Ls quellen darunter hervor wie Blutspritzer. Was wird Frau Hauptmann sagen, wenn sie den schmutzigen Schuhabdruck sieht? Maja weiß, dass sie es nicht schaffen wird, heute noch einmal eine ganze Seite zu malen. Sie schleicht zu Paul hinter den Tresen, was er ihr eigentlich verboten hat.

„Kinder gehören nicht hinter den Tresen“, das ist eine feste Regel. Genauso wie „Ab achte biste raus“ und „Bleib ma bloß weg von dit Herrenpissoir“.

Sie zupft an seinem Hosenbein und flüstert:

„Mein Heft. Der Mann steht auf meinem Heft.“

Paul beugt sich schnaufend zu ihr herab.

„Was denn Maja-Kind, was denn?“

Maja nimmt Paul an der Hand und führt ihn um den Tresen zu ihrem Hocker.

„Da!“ Maja zeigt auf ihr Schreibheft am Boden.

Der Dicke bemerkt, dass sie auf seinen Schuh schauen und blickt an sich herab. Dabei dreht er den Fuß und die obere Seite zerreißt.

„Nein!“, Maja schreit auf.

Sie bückt sich, zerrt an dem Heft. Sie zieht es unter dem schmutzigen Stiefel hervor, presst es an ihren Bauch und rennt damit zu ihrer Mutter. Elena steht gerade an einem Tisch und lacht mit den Gästen.

„Mama, meine Hausaufgaben sind kaputt!“

Maja weint jetzt.

„Gleich, Majalein. Mama muss doch arbeiten.“

Ihre Mutter schiebt Maja fort und sammelt leere Gläser ein. Maja steht da, reibt sich die Tränen von den Wangen und sieht ihr zu. Wie sie Paul eine neue Bestellung zuruft, wie sie den Ausschnitt ihrer Bluse tiefer zieht, wie die Hand eines Mannes auf ihrem Po liegen bleibt. Wie Mama laut lacht, einen Schnaps mittrinkt. Bald ist es acht und Paul zeigt auf die Uhr.

„Bring die Kleine ins Bett, Ella.“

Ihre Mutter riecht, so wie sie immer riecht. Scharf nach Alkohol und Menthol, zuckersüß nach dem Parfüm aus der Sternenflasche. Es heißt „Angel“ und ihre Mutter ist ganz stolz auf diesen Duft, der ihr Markenzeichen ist. Sie hat Maja erklärt, dass Engel so riechen und dass sie ihre Flügel spürt, wenn sie es aufsprüht.

„Ich kann dann fliegen“, sagt Elena. „Irgendwann fliege ich davon.“

Maja hat Angst davor, dass ihre Mutter wegfliegt, sie allein zurücklässt. Elena schickt Maja ins Bad zum Zähneputzen.

„Mach schnell, Süße, Mama muss wieder zur Arbeit.“

Maja findet ihre Mutter auf dem Kinderbett, als sie im Nachthemd zurückkommt. Sie schmiegt sich an sie, macht sich ganz klein. So liegen sie eine Weile. Maja wünscht sich, dass sie so einschlafen könnte, an Mama geschmiegt. Dann setzt Elena sich auf und stöhnt.

„Oje! Meine Kopfschmerzen.“

Maja läuft schnell ins Bad. Ihre Mutter hat schon die Bluse ausgezogen und die Augen geschlossen. Maja tropft vorsichtig etwas Baby-Penaten-Öl in ihre Hände und reibt Nacken und Rücken kräftig, so kräftig ein, wie es ihre kleinen Hände schaffen.

„Fester, Schätzchen, ja, so ist das gut. Du bist Mamas Beste.“

Maja lächelt. Sie weiß ganz genau, dass nur sie allein Mama helfen kann. Mama würde es gar nicht schaffen ohne sie. Das sagt sie oft.

„Na Kleene, wie war‘s?“

Maja zuckt zusammen. Paul tätschelt ihre Schulter. Sie küsst ihn rechts und links auf seine Bartstoppeln. Er schließt die Kneipe auf. Der „Schluckspecht“ riecht vertraut nach Bier und kaltem Rauch, genau wie immer. Maja folgt ihm ins dunkle Innere, hilft, die Stühle aufzustellen und schaltet die schummrige Beleuchtung an. Paul zapft ein kleines Helles für sich und eine Cola für Maja. Sie klettert auf einen Barhocker, Paul steht am Tresen. Ein eingespieltes Team.

„Und? Allet jut?“

„Ach, Onkel Paul.“

Maja spielt mit ihren Haaren. Er hat ihr gesagt, dass er stolz auf sie ist. Dass sie so schnell eine Stelle gefunden hat. Und noch dazu in einem richtig schicken Salon. Maja ist die zweite Woche dort. Sobald der Chef zurück ist, soll sie einen Festvertrag bekommen. Mit Urlaubsanspruch, Wochenendzuschlag, volles Programm. Paul sagt auch, sie soll den Vertrag nach Hause mitnehmen, bevor sie unterschreibt. Er weiß von ihren Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben, aber er spricht es nie direkt an.

Paul hustet. Zündet sich eine Marlboro an und hustet noch mehr.

„Meine Kleene.“

Sein liebevoller Blick treibt ihr Tränen in die Augen.

„Du machst dit schon.“

Maja trinkt ihre Cola. Auf keinen Fall wird sie Paul erzählen, wie Dimitri sie behandelt. Sie will den Job behalten. Das ist sie Paul schuldig, der ihre Massageausbildung bezahlt hat. Der an sie glaubt. Maja hatte drei Tage Blut und Wasser geschwitzt, bevor sie es überhaupt wagte, im Golden Hands anzurufen. Sie war felsenfest davon überzeugt, dass die schicke Adresse mit ihrem großzügigen SPA-Bereich im fünfzehnten Stock sie gar nicht in Betracht ziehen würde, so ganz ohne Berufserfahrung.

Aber dann sollte sie sofort anfangen.

Mit der kleinen Thailänderin Nok verstand sich Maja sofort. Die anderen Kolleginnen sind ausnahmslos Russinnen, die sehr schlecht Deutsch sprechen. Mit ihnen hat Maja wenig Kontakt. Die Arbeit ist anstrengend, das ist wahr. Aber sie macht auch Spaß. Die Kunden geben gutes Trinkgeld. Die meisten sind nett. Alles prima.

Bis auf Dimitri, der eigentlich im Fitnessstudio ein Stockwerk darüber als Trainer arbeitet. Er ist der Cousin vom Chef, aber er spielt sich so auf, als gehöre ihm das „Golden Hands“. Nok sagt, Maja muss nur die nächsten zwei Wochen irgendwie überstehen. Dann kommt Dariusz zurück und alles wird gut. Maja hofft, dass sie recht hat.

Paul wienert den Tresen. Macht die Musikbox an. Es ist eine original Wurlitzer Jukebox aus den fünfziger Jahren, sein ganzer Stolz. Die alten Vinyl–Platten sind noch durch eine milchige Scheibe zu sehen. Aber die Musik kommt inzwischen von CDs. Roland Kaiser knödelt „Santa Maria“. Paul bewegt die Lippen, singt lautlos mit. Maja sieht ihm zu, bis ein Hustenanfall das Lied unterbricht. Wenn er doch nur mit dem Rauchen aufhören würde! Sie macht sich Sorgen um ihn, aber davon will Paul nichts hören.

Als sich der Schluckspecht langsam füllt - alles Stammkunden, geübte Trinker - und der Zigarettenqualm dichter wird, geht Maja nach oben in ihre Miniwohnung. Paul hatte dafür gesorgt, dass sie bleiben konnte, nachdem ihre Mutter gestorben war. Wenn Maja jetzt richtig Geld verdient, kann sie vielleicht sogar nach Kreuzberg ziehen oder nach Friedrichshain. Paul findet, es sei an der Zeit, dass sie mehr unter junge Leute kommt. Maja ist sich da nicht so sicher. Sie lässt sich auf ihre durchgesessene Couch plumpsen und starrt auf die Tapete. Kleine rosa Röschen. Die Lieblingsblumen ihrer Mutter.

Noch mehr Probleme

Verschlafen!

Was für ein beschissener Tagesanfang. Die Tabletten hatten dann doch irgendwann gewirkt. Gerade noch rechtzeitig, aber sie musste drei davon nehmen. Jetzt fühlt sie sich, als hätte ihr jemand auf den Kopf geschlagen.

Barney sitzt wie ein Zen-Mönch vor seinem Napf, als Denise barfuß in die Küche schlurft. Mechanisch gibt sie ihm Frühstück: Nassfutter aus der Dose und Haferflocken mit Vitaminzusatz. Der Geruch ist furchtbar auf nüchternen Magen. Aber essen kann sie jetzt sowieso nichts. Die Tabletten nehmen ihr den Appetit. Obwohl sie spät dran ist, joggt sie eine Runde mit Barney. Dann duschen und ab ins Büro.

Es ist kurz nach neun, der Jour Fixe der Führungskräfte hat schon begonnen. Denise hasst es, zu spät zu kommen. Viel besser, die erste zu sein. Mitleidig auf die Uhr zu schauen, wenn die andern hereinhetzen. Ein paar Minuten allein mit Lagrange, ihrem Boss. Jetzt sehen alle auf, als sie den Raum betritt.

Schweigen.

„Ah, Denise. Einen Tee?“ Lagrange deutet auf den freien Stuhl neben sich. Sie nickt. Eigentlich mag sie keine Teebeutel. Aber weil sie weiß, dass die Chefsekretärin Paula es hasst, sie zu bedienen, nimmt sie - aus Prinzip - immer ein Getränk. Paula serviert mit höflicher Todesverachtung. Sie trägt heute einen tief ausgeschnittenen Mohair-Pullover in Rosé und erinnert Denise an die Freundin der Cartoon-Figur Popeye. Olivia? Olive? Egal. Paula und sie werden niemals Freundinnen werden. Lagrange schaut seine Mitarbeiter einen Moment lang schweigend an, bevor er die Bombe platzen lässt.

„Ich habe schlechte Nachrichten.“

Alle blicken betreten.

„Herr van Aust hat sich den Knöchel gebrochen.“

„OhmeinGoooott! Der Ärmste.“

Paulas Augen sind kugelrund, ihre pinkfarbenen Lippen bilden ein fleischiges O. Auf der Schleimspur ausgerutscht, denkt Denise.

„Golf“, sagt Lagrange und sieht sie strafend an, als könne er ihre Gedanken lesen.

„Zu viel Schwung beim Abschlag. Und der Schneematsch. Der Kollege ist momentan in der Klinik und wird eine ganze Weile ausfallen.“

Denise gibt sich Mühe, nicht zu grinsen. Christoph van Aust, genannt Der Graf, ist zweiter Geschäftsführer bei Explore and Relax. Er zieht sich zwar besser an, aber sie kann ihn noch weniger ausstehen als Paula.

„Wir haben ein Problem.“

Lagrange macht eine Pause.

„Wie Sie wissen, stehen wir kurz vor einer Expansion.“

Allgemeines Gemurmel. Südostasien. Denise weiß Bescheid. Schließlich hat sie die Verträge vorbereitet, die van Aust höchstpersönlich in Thailand abschließen wollte. Ihre Firma bietet anspruchsvollen Kunden hochwertige Unterkünfte an den schönsten Orten der Welt. Die Hotels sind eher klein, gut geführt, mittleres bis oberes Preissegment. Im Programm sind Ausflüge, die etwas Besonderes haben, etwas, das nicht jeder beliebige Tourist zu sehen bekommt. Landestypische, gehobene Küche, dezent an den europäischen Geschmack angepasst. Perfekter Service. Bisher hat sich ihre Reichweite auf Europa, die USA und Südafrika beschränkt. Doch der Graf will schon länger einige asiatische Länder ins Angebot aufnehmen.

„Christoph sollte nach Bangkok fliegen. In einer Woche.“ Wieder murmeln alle durcheinander. Es ist bekannt, dass Lagrange jeden Moment Vater von Zwillingen werden wird. Er kann also auf keinen Fall einspringen.

„Einer oder eine von Ihnen wird übernehmen müssen.“

„Ich kann nicht. Meine Thrombose ist noch nicht ausgeheilt.“ Martha Petri, die Personalchefin, klingt sehr entschieden. Der rotgesichtige Marketingleiter ihr gegenüber sieht aus, als würde er gleich explodieren.

„Ich muss zu einer Hochzeit.“

„Wer heiratet denn an Weihnachten?“ fragt der IT-Beauftragte.

„Meine Tochter. Einen Chinesen. Das Datum wurde extra von einem Feng-Shui-Fuzzi bestimmt. Die glauben, das bringt Glück.“

Lagrange wedelt ungeduldig mit der Hand.

„Na, na, meine Herrschaften. Wir verkaufen Reisen. Man könnte meinen, Thailand sei eine Strafe? Es soll sehr schön sein dort. Also bitte?“

Lagranges Blick fällt auf Denise, die sich ganz klein macht.

„Wie steht es mit Ihnen, Denise?“

„Äh, mein Hund. Ich kann ihn nicht allein lassen. Er dreht durch. Die Knallerei …“

Das ist alles, was ihr einfällt und es ist wahr. Barney hasst Silvester. In Kreuzberg wird schon ab Weihnachten geböllert, was das Zeug hält. Aber das ist natürlich nicht der einzige Grund. Sie will nicht fliegen. Sie fliegt nie. Bisher konnte sie sich immer erfolgreich drücken.

„Nun, ich bin sicher, da findet sich eine Lösung.“

Lagrange klopft mit den Knöcheln auf die Tischplatte.

„Meine Herrschaften.“

Das Meeting ist beendet. Die anderen erheben sich geschäftig.

„Denise, kommen Sie bitte noch in mein Büro.“

Der wuchtige Schreibtisch aus der Gründerzeit steht wie ein prähistorisches Ungeheuer in dem ansonsten ganz im Bauhaus-Stil eingerichteten Raum. Das Möbelstück muss noch vom Urvater der Firma stammen. Sein Enkel scheint daran zu hängen. Der Kontrast passt zu ihm, findet Denise. Konservativ, aber mit Stil. Jetzt sieht Lagrange sie durchdringend an. Denise blickt haarscharf an seinem linken Ohr vorbei und studiert ein Foto an der Wand. Jean-Paul Belmondo, Lagrange Senior und eine fette Yacht an der Croisette in Cannes 1964.

Die sehr junge Version ihres Chefs, eine viel zu große Kapitänsmütze auf dem blonden Schopf, sieht zu ihnen auf. Daneben eine Aufnahme zwanzig Jahre später, derselbe Ort: Lagrange junior zwischen Catherine Deneuve und Robert de Niro. Die Männer rauchen fette Zigarren, Deneuve sieht aus, als halte sie die Luft an. Genau wie Denise. Die Stille dehnt sich zwischen ihnen wie Kaugummi.

Denise räuspert sich. Es ist ihre sechste Stelle in fünf Jahren. Und die erste, bei der sie länger als ein Jahr durchgehalten hat und wirklich gerne arbeitet. Das liegt vor allem an Lagrange. Er ist großzügig, intelligent, kein Klugscheißer. Ein guter Boss. Denise gibt sich ernsthaft Mühe. Leider kommt es immer wieder zu kleinen Aussetzern.

Das Telefon klingelt. Lagrange nimmt ab, hört zu.

„Sagen Sie meiner Frau, ich rufe zurück. In zehn Minuten. Bitte keine Störung bis dahin. Merci, Paula.“

Das klingt nicht gut. Denise wappnet sich innerlich. Die Migräne klopft sachte an ihre Schläfe.

„Die Reinigungsfirma hat angerufen.“

Denise schweigt.

„Der junge Mann hat gekündigt.“

Die Botschaft steht im Raum. Was erwartet er von ihr?

„Er hat meine Sachen durchwühlt.“

„Frau Brixen!“

Beim Nachnamen nennt er sie nur, wenn es ernst wird.

„Frau Örcan überlegt, eine Klage anzustrengen. Wegen Mobbing.“

Denise wird flau.

„Aber …“

Lagrange schneidet ihr das Wort ab.

„Kein Aber! So geht das nicht! Ich schätze Sie wirklich, das wissen Sie. Aber es ist nicht das erste Mal, dass sie aus der Rolle fallen, eh?“

Der französische Akzent wird stärker, wenn Lagrange sich aufregt. Denise denkt an den blöden Zwischenfall bei der Betriebsfeier. Paula war nach einem kleinen Rempler von ihr ins Buffet gefallen. Sie hatte einen Aufstand gemacht, als wäre sie einem Mordversuch entgangen. Dann der Streit mit dem Kollegen aus der Marketingabteilung. Und van Aust, der sie sowieso lieber heute als morgen entlassen würde, weil sie ihm nicht die Stiefel leckt wie die anderen.

Denise seufzt. Lagrange sieht sie streng an.

„Sie schaden der Firma.“

Eine dramatische Pause.

„Und meinen Nerven.“

Wut wallt in Denise auf. Was kann sie denn dafür, dass dieser dämliche …? Das schlechte Gewissen überwiegt. Sie hat es verbockt.

„Tut mir leid.“

De Niro zwinkert ihr zu. Er hat offensichtlich Spaß an ihrer Pein. Lagrange wartet, bis sie ihn ansieht.

„Zwei Bedingungen.“

Jetzt hat er ihre volle Aufmerksamkeit.

„Sie entschuldigen sich bei dem jungen Mann. Versprechen ihm alles, damit er seine Kündigung zurücknimmt und die Firma nicht klagt. Wie Sie das machen, ist Ihre Sache.“

Denise nickt, obwohl sie nicht die geringste Ahnung hat, wie sie das hinkriegen soll.

„Die zweite ist diese Reise. Ich würde selbst fliegen, aber Annette … die Zwillinge …“ Er zuckt die Achseln. „Es geht nicht.“

Denise hört zu. Behält ihre Gesichtsmuskeln unter Kontrolle.

„Ich weiß, dass es Ihnen nicht gefällt, Denise. Aber als Spezialistin für Vertragsrecht sind Sie ideal für den Job. Ich möchte, dass Sie sich von Ihrer besten Seite zeigen. Sie checken die Hotels, überprüfen, ob sie unseren Standards entsprechen, schließen die Verträge ab und kommen anschließend gut gelaunt und entspannt zurück.“

Schweigen.

„Ein paar Tage Strand. Sie dürfen sogar jemanden mitnehmen. Betrachten Sie es als Urlaub.“

Schweigen.

„Denise?“

Sie schaut ihn an.

„Ich brauche Sie.“

Die absolute Trumpfkarte. Der „Ich-brauche-Sie-Superjoker“.

Denise wägt ihre Optionen ab. Sie könnte kündigen. Wieder einmal alles hinwerfen. Neu anfangen. Oder sie überwindet sich. Bringt es in Ordnung.

„Ich … muss nachdenken.“

„Bien. Bis Montag brauche ich Ihre Antwort.“

Er steht auf und hält ihr die Hand hin. Sein Gesichtsausdruck ist ernst.

„Es wäre mir wirklich lieber, wenn Sie bleiben, aber ich bin nicht bereit, Ihre Eskapaden weiterhin zu tolerieren.“ Denise versucht zu lächeln. Es misslingt.

„Und das mit Thailand …“, Lagrange klingt jetzt milder,

„Sie tun mir einen großen Gefallen.“

Der Puls hämmert in ihren Ohren. Es fühlt sich an, als werde ihr Gehirn von einer Saugglocke an die Schädeldecke gesogen.

„Bis Montag“, presst sie hervor.

„Lassen Sie sich von Paula die Adresse des Jungen geben. Sie gehen am besten persönlich hin.“

Denise macht Riesenschritte. Schließt sich in ihrem Büro ein. Presst die Finger an die Schläfen. Sie kann nicht fliegen. Es geht nicht. Schon bei dem Gedanken an ein Flugzeug verkrampft sich ihr Magen.

Was für ein Alptraum!

Der PC funktioniert tadellos. Denise sieht sich die beiden Hotels in Bangkok an. Die Baumhäuser im Khao Sok National Park und schließlich das Strandresort. Paradise Resort. Die Website ist professionell. Schöne Fotos. Geschmackvolle Bungalows stehen im Abstand von jeweils zwanzig Metern direkt am Wasser an einem Traumstrand. Das Hauptgebäude mit Rezeption und Wellnessbereich ist etwas zurückgesetzt und wird von Postkarten-Palmen beschattet. Türkisblaues Meer, pinkfarbene Blüten, tiefgrüne Pflanzen, der Himmel wolkenlos. Eine grazile Schönheit mit lackschwarzem Haar lächelt einem europäisch aussehenden Pärchen selig zu. Die beiden scheinen gerade den Tag ihres Lebens zu genießen. Bestimmt mit Photoshop bearbeitet, denkt Denise. Aber gut gemacht. Sieht sehr echt aus. Sie scrollt weiter. Ein Buffet mit Meerestieren und Früchten, zum Anbeißen verlockend. Der luftige Patio aus Bambus steht direkt am Wasser. Schneeweiße Vorhänge wehen in einer unsichtbaren Brise. Auch das Interieur der Bungalows - zierliche Teakholzmöbel, Vasen mit Orchideen - hat Stil. Es gefällt ihr. Richtig gut sogar.

Aber es ist unmöglich.

Denise schließt die Augen. Ein Presslufthammer pocht hinter ihrer Stirn. Sie hat noch eine Gnadenfrist. Vielleicht fällt ihr irgendetwas Geniales ein? Sie geht zum Waschraum und macht ein Taschentuch nass. In der Kabine setzt sie sich für einen Moment auf den Toilettendeckel, legt den Kopf an die Wand und kühlt ihre Schläfen. Der Schmerz mäandert wie ein neugieriger Tourist durch die Windungen ihres Hirns. Jetzt hat er seinen Wanderstock in etwas gebohrt, das irgendwie mit ihrem Sehnerv verbunden ist. Denise sieht wolkige Schleier. Stöckelnde Schritte nähern sich. Mindestens zwei Frauen.

„Dieses Miststück! Jetzt fliegt sie auch noch nach Thailand! Und unsereins muss mit der Ostsee Vorlieb nehmen!“ Paula. Ihre unangenehm schrille Stimme ist unverkennbar. Denise beißt die Zähne zusammen, steht auf und öffnet die Tür. Paula und eine Kollegin aus der Buchhaltung starren sie entsetzt an. Denise würdigt sie keines Blickes, geht zum Waschbecken und lässt kaltes Wasser über ihre Hände laufen. Die beiden Klatschtanten verziehen sich in die Toiletten. Zurück im Büro greift Denise blind nach ihrem Mantel und tastet in der Tasche nach den Tabletten. Außer einem alten Taschentuch und ihren Schlüsseln findet sie nur noch den grellen Werbezettel vom Vorabend.

„Kopfschmerzen?“

Es ist viel zu früh für die Mittagspause, aber arbeiten geht heute sowieso nicht mehr. Denise schnappt ihren Mantel.

Golden Hands

Ein langer, üppig mit Strasssteinchen besetzter Fingernagel in der Farbe getrockneten Bluts weist auf die Tür gegenüber.

„Nummer Drei, Sie können sich schon ausziehen. Kollegin ist gleich bei Ihnen.“

Denise hofft, dass ihre Masseurin nicht vom gleichen Kaliber ist wie das wasserstoffblonde Kunstprodukt am Empfang. In der Kabine ist das Licht gedämpft, leise Musik rieselt aus einem verborgenen Lautsprecher. Denise drapiert ihr hellblaues Businesskostüm auf einem Hocker. Sie schlüpft unter die flauschige Decke auf der Massageliege und dreht sich auf den Bauch. Keine zwei Minuten später betritt jemand mit leisen Schritten den Raum.

„Frau Brixen?“

„Mhhh.“

„Ich bin Maja und werde Sie mit einer balinesischen Ölmassage verwöhnen.“

Die Stimme klingt unsicher, irgendwie kindlich. Bestimmt eine Anfängerin. Denise knirscht mit den Zähnen. Jede Bewegung tut weh. Sie hebt den Kopf.

„Ich brauche eine Massage gegen Migräne. Keinen balinesischen Streichelquatsch!“

„Oh.“

„Fangen Sie an. Keine Musik.“

Es raschelt leise, die Musik verstummt. Als jemand neben die Liege tritt, verbreitet sich ein feiner Duft nach Rose und Zimt. Viel zu lieblich für Denises Geschmack. Eine Hand legt sich sanft auf ihren Nacken, die andere auf den unteren Rücken. Der Druck wird langsam stärker, während sich die Hände in Richtung Körpermitte bewegen. Sehr gemächlich, aber bestimmt. Nun geht die Bewegung von beiden Schultern bis hinab zu den Fersen.

Sicherheit und Intensität. DAS ist keine Anfängerin. DIE Frau weiß, was sie tut. Überraschendes Wohlgefühl durchflutet Denise. Ein Seufzer entfährt ihrer Kehle. Die Masseurin summt leise vor sich hin und legt Denises Rücken frei. Mit traumwandlerischer Sicherheit finden ihre Hände alle Knoten und Verspannungen. Die feinen, kreisenden Berührungen mit wechselndem Druck lösen Widerstände so leicht, als hätte es sie nie gegeben. Beine, Arme und auch der Kopf existieren nicht mehr. Denise spürt nur noch den Rücken. Es ist, als wüchsen ihr Flügel. Gleich wird sie abheben. Sie denkt nicht mehr nach. Ist ganz im Gefühl. Das geschieht so unerwartet, dass Denise nicht einmal auf die Idee kommt, dagegen anzukämpfen. Sie verliert jegliches Zeitgefühl.

„Könnten Sie sich jetzt umdrehen?“

Mit Gliedern, die einer anderen zu gehören scheinen, rollt sich Denise auf den Rücken. Ihr Kopf schwebt in einem anderen Sonnensystem. Einem, in dem die Worte Schmerz oder Verspannung nicht existieren. Mit geschlossenen Augen liegt sie da und wartet. Ihre Fußsohlen werden mit einem warmen, feuchten Tuch abgerieben. Danach die Handflächen. Ein zart duftendes Läppchen materialisiert sich auf den geschlossenen Augenlidern und es fühlt sich an, als verschmelze es augenblicklich mit ihrem Gesicht. Zwei kleine, aber kräftige Hände schieben sich unter Denises Nacken und heben den Kopf leicht an. Die Wärme, die von diesen Händen ausgeht, ist nahezu vulkanisch. Sie fließt durch die Halsmuskeln, den Rücken hinunter, durchströmt ihre Beine, verteilt sich im gesamten Raum. Denise spürt ihre Körpergrenzen nicht mehr. Sie lösen sich auf. Irgendwann öffnet sie die Augen. Sie weiß einen Moment lang nicht, wo sie ist. Am Fußende der Liege steht eine dunkelhaarige junge Frau. Ihr Lächeln lässt zwei Grübchen in dem niedlichen Gesicht entstehen. Sie ist klein, zierlich und doch kurvig. Das schwarze T-Shirt mit dem kitschig-goldenen Aufdruck ‚Golden Hands SPA‘ ist etwas zu eng, die pinkfarbene Elastikhose betont ihre runden Formen.

Diese Frau gehört in weiche, fließende Kleider, Musselin, Seide … Denises Gesichtsmuskeln machen sich selbstständig und lächeln breit zurück. Sie setzt sich auf, erwartet die Rückkehr des Kopfschmerzes, eine jähe Verbannung aus diesem unwirklichen Wohlfühlkosmos. Aber da ist nichts.

„Danke.“

Selbst ihre Stimme klingt weicher als sonst.

„Das … war gut.“

Die Kleine lächelt noch immer. Denise nimmt das Tuch, das die Masseurin ihr anbietet, steht auf und hüllt sich darin ein.

„Triggerpunktbehandlung habe ich mir anders vorgestellt.“

Die Kindfrau senkt die Lider. Ihre Wimpern sind dicht und lang. Der leicht olivfarbene Teint verleiht ihr zusammen mit den dunklen Locken einen exotischen Touch. Ihre Wangen nehmen einen leichten Rotton an.

„Haben Sie Triggerpunkt gebucht?“, fragt die Masseurin.

„Tut mir leid. Das war die balinesische Ölmassage.“

Denise ist einen Moment lang versucht, zu maulen, rein aus Prinzip. Schließlich hat sie für etwas anderes bezahlt. Aber diese Maja sieht so erschrocken und schuldbewusst aus, dass sie es nicht übers Herz bringt.

„Was immer es war, es hat auf jeden Fall funktioniert.“ Die Kleine lächelt wieder.

„Danke. Ich lasse Sie dann allein.“

Denise zieht sich an und summt dabei leise vor sich. Sie legt ein dickes Trinkgeld auf die Liege.

From Heaven to Hell

Weder Dunja, die Empfangsdame, noch Dimitri sind in Sicht. Erleichtert durchquert Maja den Flur und schlüpft in die viel zu kleine Personal-Umkleide. Vom Fenster im fünfzehnten Stock sehen die weihnachtlichen Lichter der Geschäfte wie Glühwürmchen aus. Majas Berlin mit seinen engen Straßen und den grauen, schlecht renovierten Mietblöcken hat so gar nichts zu tun mit der schicken, weitläufigen Stadtmitte, den Baustellen, der nervösen Energie. Selbst die Menschen sehen anders aus, sprechen schneller, wirken selbstbewusster, sind besser angezogen. Kaum zu glauben, dass die Stadtteile nur wenige Kilometer auseinanderliegen. Maja zieht die Schultern hoch und lässt sie mit einem Seufzer wieder los. Die Massage hat sie angestrengt. Diese Frau Brixen war furchteinflößend. Sie verströmte eine Aura von Ungeduld und Spannung, die noch jetzt auf Majas Haut prickelt wie Sandkörnchen in einem Sturm.

Mittlerweile hat Maja genug Routine, um nicht mehr über Griffe und Abläufe nachdenken zu müssen. Wenn sie sich komplett auf das Erfühlen und Wahrnehmen einlassen kann, macht es ihr Freude, die Schwingung, die Spannung des jeweiligen Körpers zu erforschen. Es ist leicht, in einen Rhythmus zu kommen. Massage ist für Maja wie ein Tanz mit vertrauter Choreografie. Am Anfang geht es um Langsamkeit und Erdung. Im Mittelteil locker und leicht, dann tiefer mit viel Spielraum für Experimente. Das Ende ein Ankommen, die Auflösung, pures Sein. Ganz einfach. Normalerweise.

Womit sie weniger Erfahrung hat, ist die Anspruchshaltung zahlender Kunden.

„Balinesischer Quatsch.“

Maja war nahe dran gewesen, in Tränen auszubrechen. Es kostete sie große Überwindung, Kontakt zu diesem neuen Körper aufzunehmen. Sie legte ein Selbstvertrauen in die Berührung, das sie nicht empfand. Nicht in diesem Moment. Sie wusste einfach, dass es wichtig war, fest und ruhig zu wirken. Maja tat einfach so, als sei es die freundliche Nok, die da lag. Ein Trick, den sie oft anwendet. Gott sei Dank ist ihre Vorstellungskraft so ausgeprägt. Dann, plötzlich, war es leicht geworden. Die ganzen Aversionen, wie weggeblasen. Maja konnte aufatmen. Sie macht sich nie Gedanken darüber, wie das funktioniert. Es genügt ihr völlig, wenn die Energie sich verändert. Dann kann sie ganz in der Berührung aufgehen. Die Massage selbst war intensiv und fordernd. Noch selten hatte Maja eine Kundin mit derart verspannten Nackenmuskeln gehabt. Bretthart. Einen kurzen Moment der Angst gab es, als die Frau ihr am Ende gegenüberstand und mit diesem kühlen, forschenden Blick auf sie herabsah.

Maja war im ersten Moment verwirrt, wusste nicht, was sie mit Triggerpunktbehandlung meinte. Aber dann verstand sie. Denise Brixen musste eine andere Anwendung gebucht haben. Triggerpunkt-Massage hat Maja nicht im Repertoire. Sie hatte mit Dunja sogar darüber gesprochen, dass sie vielleicht eine Fortbildung machen könnte, um es zu lernen. Das war kein Versehen.

Maja ist es nicht entgangen, dass die Kollegin Dimitri anhimmelt. Sie glaubt womöglich, dass er und Maja …? Maja geht zur Tür. Sie muss mit Dunja reden, klarstellen, dass sie nicht interessiert ist. Als sie nach der Klinke greift, öffnet sich die Tür ruckartig und trifft Maja mit Wucht am Kopf. Bevor sie begreift, was geschehen ist, schiebt ein kräftiger Körper den ihren zurück in den Raum. Maja versucht zu schreien, aber Dimitri hat das vorhergesehen. Die eine Pranke presst er so fest auf ihr Gesicht, dass sie kaum Luft bekommt. Die andere fährt geschickt unter das T-Shirt, greift nach ihrer Brust. Zerrt an ihrem BH. Mit dem Fuß schiebt er die Tür zu. Maja hat keine Chance. Dimitri wiegt dreimal so viel wie sie und er strotzt vor Muskeln. Der Geruch seines metallischen Schweißes ist so ekelerregend, dass sie glaubt, sich übergeben zu müssen. Sie windet sich, als er an ihrer Brustwarze zieht. Er grunzt wie ein Schwein, das einen Trüffel gefunden hat.

Maja befürchtet ohnmächtig zu werden. Sie hört auf, sich zu wehren. Die Hand verschwindet von ihrem Mund und zerrt an ihrer Hose. Maja schreit.

Krav Maga

Denise hört eine Frau schreien, ganz kurz nur. Fast könnte sie glauben, sie habe es sich nur eingebildet. Gleich darauf ein dumpfes Poltern. Ist da jemand von der Liege gefallen? Sie geht ein paar Schritte aus der Tür und horcht.

Nichts. Ihre Sinne sind durch die Entspannung eingelullt, aber der Instinkt funktioniert. Obwohl es völlig still ist, weiß Denise, dass etwas vorgeht. Leise passiert sie mehrere Türen, bis sie am Ende des Flures angelangt ist. „Personal“ steht auf einem Plastikschild. Sie pirscht sich an.

Lauscht. Da! Ein Geräusch, das von einem brünstigen Eber stammen könnte. Denise streift in einer fließenden Bewegung ihre Pumps ab, zieht den engen Rock hoch und stößt die Tür auf. Sie scannt den schmalen Raum. Anscheinend eine Umkleide. Metallschränke, zwei Bänke. Der kräftige Rücken eines kurzgeschorenen Muskelpakets. Strampelnde Beine in pinkfarbenen Leggins. Denise denkt keinen Moment nach.

„Hey Arschloch!“

Der Typ erstarrt. Er stößt die Frau – es ist ihre Masseurin – gegen einen Metallspind und dreht sich zu Denise um. Seine Pupillen sind winzig. Kokain, denkt Denise. Und dann ist er schon bei ihr. Holt aus, seine Faust fliegt ihr entgegen.

Sie geht mit dem Schlag mit, beugt sich weit nach hinten. Seine ganze Wucht, zusammen mit dem Überraschungsmoment, ist mehr als genug. Denise greift beidhändig den tätowierten Unterarm, dreht sich, nutzt dabei seinen Schwung. Einen Moment stehen sie Rücken an Rücken. Dann bückt sie sich abrupt. Natürlich ohne den Arm loszulassen. Es knirscht hässlich. Der Kerl kreischt wie ein junges Mädchen bei einem Popkonzert und sinkt zu Boden. Denise ist in den Flur ausgewichen und kommt jetzt in einem langen Schritt zurück. Noch bevor er sich irgendetwas überlegen kann, packt sie ihn an beiden Ohren und knallt seine Nase gegen ihr Knie. Ein Geräusch von brechenden Zweigen. Die Strumpfhose kann sie vergessen. Es gelingt ihr geradeso, dem herausschießenden Blutschwall auszuweichen, ein paar Spritzer landen trotzdem auf dem hellblauen Kostüm-Rock. Wolle. Das wird schwer zu entfernen sein. Ohne den am Boden kauernden Mann aus den Augen zu lassen, winkt sie der Masseurin, zu ihr zu kommen. Maja versteht sofort. Sie zieht das T-Shirt über die entblößte Brust, nimmt Anlauf und ist mit einem Satz, der einer Hochspringerin alle Ehre gemacht hätte, im Flur. Denise sieht sich um. Mehrere Türen haben sich geöffnet. Die Wasserstoffblonde kommt aus der Toilette. Sie schreit hysterisch.

„Dimi!“

Stößt Maja zur Seite und beugt sich über ihn. Der Muskelmann hält mit einer Hand seine gebrochene Nase und nuschelt etwas, das Denise nicht versteht. Maja steht mit großen Augen bleich und zitternd an der Wand.

„Wo sind deine Sachen?“, fragt Denise.

Maja deutet auf die Kammer, aus der sie gerade geflohen ist. Denise kickt den Kerl in die rechte Niere. Sein aufgepumpter Körper blockiert den Eingang.

„Aus dem Weg!“

Er stöhnt erbärmlich, rollt sich ein wie ein Embryo. Blondie will sich auf Denise stürzen, aber die fängt ihre zum Schlag erhobene Hand mühelos und dreht den Arm unsanft auf den Rücken.

„Du willst doch nicht deine Fingernägel ruinieren?“, fragt sie ganz ruhig. Die Frau starrt sie böse an. Denise hebt die Augenbrauen. Sie dreht eine winzige Nuance mehr. Die Blonde quiekt.

„Wenn ich dich loslasse, gehst du zu deinem beschissenen Freund und verhältst dich ruhig. Kapiert?“

Ein Nicken.

„Sag, dass du verstanden hast.“

„Okay.“

Denise behält die beiden im Auge. Man könnte glauben, der Scheißkerl liege im Sterben. Er stöhnt ununterbrochen. Eine zierliche Thailänderin, die das Ganze gelassen aus der zweiten geöffneten Tür beobachtet hat, nickt Denise zu. Ein winziges Lächeln auf den Lippen, das sofort wieder verschwindet. Denise findet, es ist an der Zeit zu gehen.

„Los, Maja, hol deine Sachen.“

Eine Hand wäscht die andere

Die Masseurin steht wohl noch unter Schock. Sie folgt Denise stumm, steigt ins Auto. Ihre Bewegungen wirken ungelenk.

„Ist es okay, wenn wir meinen Hund abholen, bevor ich dich nach Hause bringe?“

Denise will die blutbespritzten Klamotten loswerden, fühlt sich von dem Widerling besudelt. Außerdem baut sie auf Barneys beruhigende Ausstrahlung. Maja ist mit allem einverstanden. Still und blass wartet sie in Denises altem Cabrio. Danach fahren sie schweigend zusammen nach Alt-Mariendorf.

In Majas winziger Wohnung sieht der irische Wolfshund noch größer aus als sonst. Sie sitzen auf einer abgeschabten Couch und trinken Tee. Maja ist einsilbig. Nur mühselig lässt sie sich die Vorgeschichte aus der Nase ziehen.

„Wie kann man so naiv sein? Du musst doch gewusst haben, was kommt?“

Maja nippt an ihrer Tasse, betrachtet ausführlich ihre Zehenspitzen. Nach längerem Schweigen legt Barney seinen Kopf auf Majas Knie. Das scheint tatsächlich zu helfen.

„Es ist wegen Paul, meinem Onkel.“

Maja streichelt das struppige Fell.

„Er hat sich so gefreut, dass ich einen Job gefunden habe. Verstehst du? Nach allem, was er für mich getan hat.“

Sie lässt die Schultern hängen.

„Was mach ich jetzt bloß?“

„Du könntest den Arsch anzeigen. Wegen sexueller Belästigung.“ Denise würde gerne noch ein paar Nasen brechen. Sie fühlt sich auf eine Art großartig, die ihr selbst nicht ganz geheuer ist. Aber das darf sie natürlich nicht laut sagen.

„Versuchte Vergewaltigung. Ich kann das bezeugen.“ Maja schüttelt den Kopf.

„Dunja, die Blonde - ich glaube, sie macht alles, was Dimitri ihr sagt. Er wird behaupten, ich hätte es gewollt. Sie wird es bezeugen. Und Dimitri …“, Majas Finger krallen sich in Barneys Fell.

„Er war … wie ein Verrückter. Ich will ihn nie wiedersehen.“

Denise lächelt finster.

„Im Moment kann er dir nichts tun.“

Maja stellt den Tee ab und schiebt Barney von sich.

„Warum kannst du sowas? Ich meine, diese Kampfsachen. Du hast ihm den Arm gebrochen, oder?“

„Und die Nase.“ Denise kann den zufriedenen Unterton nicht verbergen.

„Krav Maga, das mach ich seit fünf Jahren. Mein Trainer behauptet ständig, ich sei zu emotional.“

„Kravmaga“, wiederholt Maja andächtig.

„Die israelischen Soldaten werden darin ausgebildet. Ist echt effektiv.“

„Das habe ich gesehen.“

Maja gibt ein glucksendes Geräusch von sich.

„Ich bin wirklich froh, dass du da warst. Er hätte …“

Das altmodische Festnetztelefon klingelt. Maja hält geistesabwesend den Hörer ans Ohr. Denise spricht für sie weiter.

„… dich vergewaltigt. Ich weiß!“

Denise springt auf und schlägt die geballte Faust in ihre Handfläche.

„Dieser widerliche Sack!“

Maja keucht. Erst jetzt bemerkt Denise, dass etwas nicht stimmt. Maja lauscht mit riesengroßen Augen in den Hörer. Denise nimmt ihn ihr aus der Hand. Sie hört ein Schnaufen, eine näselnde Stimme mit russischem Akzent grunzt:

„Ich krieg dich, du Hure. Und die blonde Schlampe ist tott! Tottt!!

Denise legt auf.

Maja schlingt die Arme um sich.

Denise setzt sich wieder.

Beide starren eine Weile vor sich hin.

Denise muss irgendetwas tun, um die Spannung zu lösen, aber ihr will nichts einfallen. Schließlich sagt sie:

„Dein Tee schmeckt grauenhaft.“

Maja sieht sie ungläubig an.

„Was …?“

Denise hebt die Augenbrauen.

„Im Ernst. Der ist furchtbar.“