Paradise Garden - Mara Eve Gardener - E-Book

Paradise Garden E-Book

Mara Eve Gardener

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Beschreibung

Die beiden eng befreundeten Lehrerinnen Lara Forester und Vivien Raleigh begeben sich, nicht lange nach ihrem bestandenen Examen, in einem alten Bulli auf eine Reise ins Unbekannte um sich an einem netten Fleckchen ein neues Leben aufzubauen. Durch eine Panne landen sie in Hope, einem unscheinbaren Städtchen am Fuße der Appalachian Mountains. Eigentlich wäre dieser Ort all das wovon Lara immer geträumt hat, gäbe es da nicht diesen geheimnisvollen Mann mit der einfühlsamen Stimme und den traurigen Augen. Ausgerechnet der entpuppt sich nämlich auf den zweiten Blick als Widerling. Aber gerade dieser Widerspruch hat auf Lara eine Wirkung die ihr immer unheimlicher wird. Und selbst die draufgängerische Vivien findet am Ende etwas ganz anderes als sie ursprünglich gesucht hat.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 386

Veröffentlichungsjahr: 2017

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MARA EVE GARDENER

Paradise Garden – In meinem Innern

ÜBER DIE AUTORIN:

Mara Eve Gardener wurde im Januar 1961 in einem kleinen Bauerndorf an der hessischen Bergstraße als älteste von vier Töchtern geboren. Bereits im Alter von 16 Jahren begann sie Geschichten und Gedichte zu schreiben. Ihre besondere Liebe neben dem Schreiben galt schon immer der Musik. Seit ihrem sechsten Lebensjahr ist sie auf und hinter der Bühne aktiv. Mara Eve Gardener ist verheiratet und stolze Mutter von zwei erwachsenen Söhnen. Sie lebt mit ihrem Mann in der südhessischen Kleinstadt Lampertheim.

MARA EVE GARDENER

Paradise Garden

In meinem Innern

© 2017 Mara Eve Gardener

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN Paperback:

978-3-7345-6784-1

ISBN E-Book:

978-3-7345-6785-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Deine Augen sehen Funken sprühen und du erwartest ein gefräßiges Feuer, das alles verzehrt, was du liebst.

Doch als du näher kommst, leuchten nur Millionen Glühwürmchen und erhellen die Nacht.

Mara Eve Gardener

VORWORT

Meine lieben Leserinnen,

meine lieben Leser,

in unserer heutigen, ausgesprochen hektischen Zeit, in der Begriffe wie Effizienz und Gewinnoptimierung das Denken der Menschheit beschäftigen, sind Wörter wie Geduld, Freigiebigkeit und Gemütlichkeit verpönt und werden in naher Zukunft wohl immer mehr in Vergessenheit geraten. Selbst wenn man nicht zu den Schwarzsehern, was diese Dinge für kommende Generationen betrifft, gehört, so muss man doch zugestehen, dass – ähnlich wie Hai und Kondor – auch Romantik und Liebesgeflüster vom Aussterben stark bedroht sind.

Neue Welten erobern, wenn möglich mit schwer bewaffneten, stahlharte Muskeln präsentierenden Helden, das ist heute angesagt.

Aber macht das die Menschen zufriedener und/oder glücklicher?

Mit meinem Buch möchte ich Sie mitnehmen in eine Zeit, in der Gefühle gelebt werden dürfen, auch von Männern. Wo Wertmaßstäbe gelten, die man in der Welt von heute nur noch in Fremdwörterbüchern findet.

Gestatten Sie sich eine Auszeit. Ein Abheben vom Alltag und dessen alltäglichen Stresspartikeln, die Sie wie Staub umschwirren.

Tauchen Sie ein in eine andere Welt und nehmen Sie Ihre Phantasie mit auf die Reise.

Vielleicht gehören auch Sie bald zu den Personen, die sich ein kleines Stückchen wiedergefunden haben, in einem unscheinbaren Städtchen am Fuße der Appalachian Mountains. In Hope, wo die Hoffnung zu Hause ist.

Wo Menschen noch Menschen sein dürfen.

Wo das Leben gelebt wird.

Wo die Liebe regiert.

Blättern Sie weiter und seien Sie ……… Willkommen, Fremder!

1

Das Ortsschild entlockte ihnen ein gefühlvolles Lächeln. Verheißungsvoll glänzte es im letzten Abendlicht.

HOPE

WILLKOMMEN ZUHAUSE FREMDER

… stand da, in großen Buchstaben, eingeritzt in ein glatt poliertes Stück Holz.

Ganz wie von selbst ratterte der alte Bulli von Laras Großvater die von stattlichen Bäumen gesäumte Straße entlang.

War es ein gutes Zeichen, dass Herby ausgerechnet hier schlappmachte oder bloß ein dummer Zufall? Viele kalte und holprige Meilen hatte er sie jetzt schon durch ihnen unbekannte Landschaften und Städte gebracht. Dabei hatte er tapfer Staub geschluckt, die letzten Reste des im Februar so zahlreich gefallenen Schnees ertragen, sich auf Anhöhen gekämpft und war durch tiefe Täler gestampft, um endlich hier in diesem, wie man auch im Zwielicht des untergehenden Tages deutlich erkennen konnte, idyllischen Fleckchen Halt machen zu dürfen. Irgendetwas krachte schon wieder irgendwo an ihrem fahrbaren Untersatz. Lara konnte es nicht genau lokalisieren.

„Gut gemacht, alter Junge!“, lobte sie ihr derzeitiges Zuhause auf vier Rädern und hielt am Straßenrand an.

Vivien Raleigh, ihre beste und genau genommen auch einzige Freundin, die schon seit der Ausbildung alles mit Lara teilte, vom kleinen Zweizimmerappartement bis zum Lady Shaver, brach neben ihr in ein ansteckendes Lachen aus.

„Deinen Optimismus möcht ich haben. So wie sich dieses Ächzen angehört hat, hat dein Herby gerade seine letzten Atemzüge getan. Und wie geht’s jetzt weiter? Zum Glück sind wir nicht im Nirgendwo gelandet, sondern in einer menschlichen Siedlung.“

„Nun halt mal die Luft an! Du musst nicht immer alles so dramatisch darstellen. Das sieht doch hier sehr einladend aus. Schau mal all die Blumen und die bunten Lichter.“

Eigentlich war Lara diejenige von den beiden Freundinnen, die leicht in Panik geriet und zuerst einmal alles schwarzsah, bevor auch nur ein kleines, buntes Pünktchen durchblickte. Ob es nun um das garantierte Durchrasseln durch die Schlussprüfung ihres Lehrerexamens ging oder um die männliche Präsenz in ihrem Leben, die zugegeben bis jetzt sehr spärlich ausgefallen war. Sehr spärlich!

Sie sah immer erst einmal alles den Bach runtergehen und Vivien hatte alle Hände voll zu tun, um sie wieder in die Spur zu bringen. Meistens gelang ihr das mit einem gemütlichen Mädchenabend, vollgepfropft mit Chips und Sunshine. Was sie natürlich beide spätestens am nächsten Morgen bitter bereuten.

„Hallo, Erde an Lara Forester, wo bist du schon wieder?“

Vivien riss Lara aus ihren, ihr schon hinlänglich bekannten Tagträumen. Überrascht meldete sich diese vom Fahrersitz: „Also, wenn Herby uns bis hierher sicher gebracht hat, sollten wir das als Hinweis sehen, hier unsere Zelte aufzuschlagen und unser neues Leben zu beginnen. Sollte es uns dann doch nicht gefallen, können wir immer noch weiterziehen. Großvaters altes Schätzchen braucht auf jeden Fall eine Pause. Und zwar dieses Mal länger als ein paar Stunden.“

Mit großen Augen wurde Lara von ihrer treuen Weggefährtin angestarrt. Okay, dachte Lara, sie ist es nicht gewohnt, dass ich so energisch Pläne äußere und meine Meinung auch noch so bestimmt und deutlich von mir gebe. So ganz ohne „Vielleicht“ und „Könnte“.

Ihre Selbstsicherheit schob Lara auf dieses wahrhaftige Idyll, das sich ihnen bot.

Kleine, schmucke Einfamilienhäuschen, hie und da flankiert von etwas größeren Gebäuden, zeigten sich dem staunenden Betrachter in ihrer vollen Pracht. Denn jedes einzelne Haus war ausgestattet mit einer riesigen Veranda und mindestens einem Balkon aus Holz. Überhaupt schien Holz das bevorzugte Baumaterial in diesem Winkel der Erde zu sein, und jedes noch so kleine Stück war von einem wahren Künstler phantasievoll mit allerlei Schnitzereien verziert worden.

So ziemlich alles, was der Wald an Tieren beherbergte, war im Holz der Häuser verewigt worden. Alle Gebäude waren auch sehr gepflegt, mit regelrecht geschmückten Fassaden, bunte Lichter zierten die Fenster und Eingangstüren, es gab reichlich mit Blumen in allen Formen und Farben bepflanzte Vorgärten und jedes Grundstück war begrenzt durch weiße Gartenzäune.

Wo waren sie hier gelandet? Im Garten Eden? Oder war das vielleicht in Wirklichkeit nur eine Filmkulisse?

Gleich kommen bestimmt mit Feuerwaffen bestückte Securityleute oder Bodyguards – breit wie Schränke – um uns gewaltsam zu entfernen oder sogar ins Gefängnis zu werfen, spekulierte Lara lautlos vor sich hin. Und das bei meinem Glück bestimmt bei Wasser und Brot.

Bei diesem Gedanken begann Laras Magen gefährlich zu knurren.

Schluss jetzt mit diesen negativen Phantasien, ermahnte sie sich selbst.

„Weißt du was, wir suchen uns jetzt erst mal was zu essen. Bestimmt gibt es hier ein nettes Restaurant oder wenigstens ein kleines Bistro. Ich bin am Verhungern“, schlug Lara vor.

Vivien schüttelte nur kurz den Kopf und gab nach. „Na schön, ich bin auch schon nah am Zuckerschock, ich muss Kalorien einwerfen.“

Lächelnd stiegen sie, nach fast zweitausend Meilen am Ziel ihrer Reise, aus dem rotweißen Bulli aus längst vergessenen Tagen aus und Lara schloss sicherheitshalber ab.

Ihr Großvater, Richard der Dritte, wie ihre Großmutter ihren Mann immer liebevoll genannt hatte, da sowohl sein Vater als auch sein Großvater den gleichen Vornamen getragen hatten, hatte ihr diesen Goldschatz und ein altes, gutgefülltes Sparbuch hinterlassen, nachdem er nur ein halbes Jahr nach dem schmerzlichen Verlust seiner einzigen Liebe, Laras Großmutter Lauren, auch von ihr gegangen war. Ihr Großvater hatte ihre Großmutter immer seine zweite Herzhälfte genannt und Lara hörte ihn heute noch sagen: „Herzchen, mit einer halben Leber kannst du leben, aber nicht mit einem halben Herzen.“ Er war nicht an gebrochenem, sondern an halbiertem Herzen gestorben. Er war friedlich in der Nacht eingeschlafen. In seinem Nachttisch hatte Lara sein Testament gefunden, in dem er ihr Herby und seine Ersparnisse hinterlassen hatte.

Und plötzlich war ich allein, dachte Lara jetzt melancholisch zurück. Allein mit Vivien und einem bis dahin noch immer nicht bestandenen Abschlussexamen. Allein Viviens hartnäckigen Bemühungen hatte ich es zu verdanken, dass dieses heiß begehrte Schriftstück jetzt sicher verpackt in meinem Gepäck verstaut war. Sicher, es gab da auch noch Jonathan, meinen zwei Jahre älteren Bruder. Aber der war nicht greifbar. Er war nach langer Suche nach seiner Bestimmung im Outback gelandet. Da er, wie er selbst eingestand, äußerst schreibfaul war und Telefongespräche so gut wie unmöglich waren, war unsere Verbindung zwar sehr innig, aber auf seltene Kontakte begrenzt.

Wieder war es Vivien, die Lara in die Gegenwart zurückholte.

„Meinst du, wir können Herby einfach hier stehen lassen? Ein richtiger Parkplatz ist das ja nicht.“

„Ich bezweifle, dass es hier richtige Parkplätze gibt. Wir sind hier nicht in einer Großstadt, sondern in einem kleinen Ort. In einem malerisch schönen Dörfchen“, wusste Lara es besser.

„Du meinst wohl in einem schrecklich kitschigen Kaff. Schau dir all die Blumen und Girlanden an. Irgendwie hinterwäldlerisch, findest du nicht auch? Hoffentlich sind die menschlichen Wesen anders.“

Zugegeben, dachte Lara, ich bin manchmal echt zu pessimistisch, aber Vivien ist auf jeden Fall eine sehr kritische Person. Aber irgendwie passten wir trotzdem gut zusammen. Da wo ich zu ängstlich war, strebte sie forsch voran. Und wenn sie mal wieder zu nörgeln begann, zählte ich die positiven Aspekte auf. Doch das war dieses Mal gar nicht nötig. Denn leise Musik lenkte die Aufmerksamkeit der beiden jungen Frauen von allem Malerischen und Hinterwäldlerischen ab und sie blickten sich überrascht an. Sofort wandten sie sich nach rechts, woher die Musik zu hören war. Neugierig gingen sie den äußerst harmonischen Klängen entgegen. Diese führten die beiden Freundinnen in einen parkähnlichen, mit alten Bäumen bestückten Teil des Ortes, in dem wohl die ganze Gemeinde versammelt war.

„Ein Jahrmarkt, wie ich ihn immer bei Großvater und Großmutter im Ort erlebt habe. Wahnsinn, du wirst sehen, hier sind wir richtig!“, rief Lara ganz aufgeregt aus.

Nicht nur Lara war total verblüfft. Auch Vivien schaute verdattert drein.

„Das hätte ich in diesem verschlafenen Nest wirklich nicht erwartet. Okay, der köstliche Duft stimmt mich versöhnlich. Komm, lass uns die Fressbuden unter die Lupe nehmen, ich brauch endlich was Nahrhaftes.“

Mit neuer Energie gingen sie an den einzelnen Ständen entlang und belohnten sich nach der langen Fahrt mit Würstchen, Pommes, in triefende Butter getauchte Maiskolben und natürlich mit Zuckerwatte. „Wenn es uns heute schlecht wird, wissen wir wenigstens wovon“, meinte Vivien mit vollem Mund.

Schon wieder mit den Gedanken ganz woanders, ließ Lara ihren Blick über das Festgelände wandern. Was sie sah, faszinierte sie. Um den Park schien so etwas wie eine alte Stadtmauer zu führen, die an vielen Stellen mit Pflanzen bewachsen war. Schön beschnittene Hecken teilten den Teil des Parks, den Lara betrachten konnte, in unterschiedliche Parzellen ein. Es gab einen großen Grillplatz rechts von ihnen, gemütliche Plätzchen zum Verweilen mit schön geschnitzten Tischen und Bänken aus Holz und weiter hinten konnte Lara einen Spielplatz erkennen. Überall wuchsen die unterschiedlichsten Büsche, von denen Lara bei Weitem nicht alle kannte, und es erblühten auch hier geradezu verschwenderisch viele Blumen in allen Farbschattierungen. Es war, als wäre in diesem kleinen Tal der Frühling früher eingekehrt. Tatsächlich fiel Lara jetzt auf, dass es außergewöhnlich mild für die Jahreszeit war. Hope, am Rande von Maine, musste ein ganz besonderes Fleckchen sein.

Unzählige bunte Lampions und glitzernde Girlanden tauchten das Geschehen in ein märchenhaft anmutendes Licht. Lara konnte unsichtbare Insekten zirpen hören und alles war von einem herrlichen Duft erfüllt, der größtenteils von den Pflanzen ausging.

Mitten auf dem Platz gab es auch ein riesiges Festzelt, das aber noch fast leer war. Dafür war das Treiben auf dem Festplatz umso lebendiger.

Auch einige Karussells waren aufgebaut worden, auf denen immer noch etliche Kinder lachend ihre Runden drehten. Das Festgelände war durchflutet mit Lachen und Fröhlichkeit.

Fast zu schön, um wahr zu sein. Hätte Lara es nicht mit ihren eigenen Augen gesehen, sie hätte es wohl nicht geglaubt. Es war, als wäre die Zeit stehen geblieben. Nicht wenige der Leute, die an ihnen vorbeigingen, grüßten sie freundlich. So, als wären wir alte Bekannte, dachte Lara und grüßte jedes Mal lächelnd zurück. Wieder einmal suchte sie klammheimlich nach dem Filmteam mit ihren Kameras.

Plötzlich begann der Platz sich zu leeren. Gleichzeitig hörten sie aus der Richtung, wo das Festzelt aufgebaut war, einzelne Töne, so als würden Musiker ihre Instrumente einstimmen.

„Jetzt sag nicht, hier gibt es eine Liveband, ich flipp aus. Wer weiß, vielleicht gefällt es mir hier doch noch“, insistierte Vivien neben Lara und war schon im Begriff, auf das Zelt zuzustürmen.

„Hey warte, ich komm natürlich mit. Livemusik lass ich mir bestimmt nicht entgehen“, rief Lara und rannte ebenfalls los.

Das Zelt war proppenvoll. Alles was Ohren hatte, war vertreten. Bis ins hohe Alter.

Hoffentlich ist das keine Seniorenband, dachte Lara im Stillen und richtete ihren Blick nach vorn auf die kleine Bühne.

Was sie da sah, verschlug ihr die Sprache. Neben einem Schlagzeug lehnte auf einem Gitarrenständer eine sagenhaft teure Gitarre. Das heißt, eigentlich gab es drei davon und ein Keyboard, von dem manche Band nur träumen konnte.

„Wow, kneif mich mal, ich glaub ich träume.“

Vivien hatte den Grund erfasst, warum in diesem Augenblick ein ohrenbetäubendes Klatschen begann, das schnell in ein rhythmisches Geklatsche überging. „Los, wir müssen weiter nach vorne, die will ich mir aus der Nähe ansehen. Das sind echte Leckerbissen“, stammelte sie und zog an Laras Sweater, so dass ihr nichts anderes übrig blieb, als Vivien zu folgen.

Natürlich war Lara völlig klar, dass ihre liebevolle Freundin nicht von den Instrumenten gesprochen hatte. Sie kannte Vivien schon lange genug, um zu wissen, dass das Objekt ihrer Begierde männlich war. Und in diesem Fall war es sogar in vierfacher Ausführung vertreten. Vivien schaffte es tatsächlich, sie in die dritte Reihe zu bugsieren, was nicht ganz ohne Geschubse vor sich ging.

„Morgen hab ich bestimmt einige blaue Flecken“, beschwerte sich Lara.

„Dafür wirst du mir dankbar sein“, versicherte ihr Vivien und sah sie an.

„Was suchst du auf dem Boden? Auf der Bühne stehen die vier neuesten Weltwunder.“

Vivien tippte Lara mit ihrem Zeigefinger einige Male auf die Schulter und zeigte dann unmissverständlich in Richtung der von ihr entdeckten Weltneuheiten.

Lara war gerade dabei gewesen, ihre Schuhe zu begutachten, die total verstaubt waren und nach dem Muster zu urteilen, das sich jetzt darauf abzeichnete, wohl einige Tritte abbekommen hatten. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass ihr jemand auf den Fuß getreten war. Kopfschüttelnd richtete sie endlich ihre Augen dahin, wo alle gespannt und in großer Erwartung hinschauten. Und es wurde ihr mit einem Schlag klar, warum es so still geworden war.

Wenn ihr die Gegenstände auf der Bühne auch die Sprache verschlagen hatten, so war das nichts im Vergleich zu den Exemplaren der Gattung Mann, die jetzt vor ihren Augen ihre Instrumente zur Hand nahmen.

Eine Frau betrat die Bühne und begab sich an ein einzelnes, etwas im Vordergrund stehendes Mikrofon. Neidlos musste Lara zugeben, dass sie auf eine anziehende Art schön war. Ihr brünettes Haar war kurz aber sehr elegant geschnitten. Sie war schlank, fast dünn, aber sie wirkte trotzdem weiblich, ja fast mütterlich. Sie war Lara sofort sympathisch, obwohl sie noch kein Wort gesagt beziehungsweise gesungen hatte. Es war allein die Art, wie sie dastand. Herzlich, so als wollte sie gleich alle umarmen.

Irgendein Geräusch im hinteren Teil der Bühne lenkte Laras Aufmerksamkeit von der jungen Sängerin ab und sie erhob sich auf die Zehenspitzen, um besser sehen zu können. Ein leises Raunen ging durch die Menge, so als würden alle gemeinsam den Atem anhalten. Dann wechselte das Licht auf der Bühne und ein einzelner Strahler leuchtete hell auf. Leise, fast zaghaft begann die Band eine Melodie zu spielen, die Lara unter die Haut ging. Sie fühlte es ganz deutlich, gleich würde etwas Bedeutsames geschehen.

In diesem Augenblick betrat behutsam ein weiterer Mann die Bühne und als er ins Licht kam und das Gesicht erhob, passierte irgendetwas mit der einen Hälfte ihres Herzens.

2

„Bitte, sag Ja, was ist das Frühlingsfest ohne Musik?“, bettelte Jim.

„Das ist wie ein Männerabend ohne Bier!“, mutmaßte Frank.

„Oder wie eine Hochzeitsnacht ohne Sex!“, konterte Melanie frech grinsend.

Sie hatten es geschafft. Endlich ließ Samuel Graham den Strohballen fallen, den er eigentlich in die Pferdebox bringen wollte. Er hob langsam den Kopf und schaute einen nach dem anderen an. Seine Lippen waren zu einem schmalen Strich zusammengepresst und er zog die Luft tief in seine Lungen.

„Also schön, und wann legen wir los?“, gab Sam nach.

Er hatte längst erkannt, dass es keinen Sinn machte, stundenlang zu diskutieren. Sie würden eh keine Ruhe geben, bis er zugestimmt hatte. So konnte er wenigstens seine Stallarbeit zu Ende bringen. Die neuen Einjährigen kamen in zwei Tagen, bis dahin musste der erst kürzlich neu errichtete Stall noch fertig ausgestattet werden.

Und jetzt auch noch ein Auftritt mit der Band. Das bedeutete, mindestens einen Abend für die Probe zu reservieren und außerdem kostete es ihn zwei halbe Tage, bis alles auf der Bühne auf- und später wieder abgebaut war. Aber schließlich waren die Mitglieder der Band seine besten Freunde und außerdem liebte er die Feste auf der alten Wiese in Hope schon, seit er als Kind extra länger aufbleiben durfte, nur um ja alles mitzubekommen. Seine Eltern hatten immer aktiv bei den Festen mitgewirkt und wie stolz war sein Vater gewesen, als er zum ersten Mal mit der Band dort aufgetreten war. Missmutig erkannte er, dass ihn diese Augenblicke vor einem Auftritt immer wieder sentimental werden ließen.

„Es reicht, wenn wir um acht anfangen, da ist die Stimmung schon auf dem Höhepunkt. Und wir zünden dann das Feuerwerk“, bestimmte Jim.

„Keine Ahnung, von welchem Höhepunkt du sprichst, oder von welchem Feuerwerk du träumst, aber um acht sind doch schon alle besoffen“, meinte Melanie lauthals.

„Quatsch, wenn klar ist, dass wir spielen, bleiben alle nüchtern. Wir sind schließlich die Sensation des Abends“, berichtigte Jim die brünette Sängerin der Band.

„Da könntest du recht haben und wir werden echt gut bezahlt für den Spaß“, mischte sich Frank wieder ein.

Er war schon seit ihrem ersten Auftritt der Manager der Truppe, auch wenn Sam die Lieder schrieb und der eigentliche Boss war. Denn Sam war es gewesen, der die Instrumente gekauft und die Freunde zusammengetrommelt hatte. Schon seit einiger Zeit hatte er in seinem Keller einen Probenraum eingerichtet. Extra schallgedämpft wegen der Gäste und mit allem ausgestattet, was ein Musikerherz höherschlagen ließ. Der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten, denn sie waren gut. Echt gut!

„Acht Uhr ist gut, schließlich muss vorher alles vorbereitet werden und ihr kennt ja meine Einstellung“, beendete Sam das Wortgeplänkel.

„Erst die Menschen, dann die Tiere und zum Schluss die Gitarre!“, zitierten ihn seine Freunde einstimmig. Wie oft hatten sie das schon gehört.

Dafür ernteten sie einen ernsten Blick vom Boss ihrer Band.

„Wundert mich, dass du daraus noch keinen Song kreiert hast“, meinte Melanie und begab sich zu ihrem Auto. „Bye!“, rief sie noch über die Schulter, stieg ein und war auch schon verschwunden.

„Also dann ist ja alles klar. Probe wie immer, Mittwoch um neun. Gib es an alle weiter, Jim. Ich muss dann auch los. Bye, Männer!“

Das war grundsätzlich Franks Art, sich zu verabschieden. Kurz und knapp fasste er noch einmal die Fakten zusammen und weg war auch er.

Ohne sich noch weiter um jemanden zu kümmern, nahm Samuel Graham den fallengelassenen Strohballen wieder auf und begab sich in den Stall. Er wusste, dass Jim alle informieren würde, dafür war er verantwortlich bei der Gruppe. Und man konnte sich blind auf ihn verlassen.

So war es auch, wenn es um seine Arbeit auf der Ranch ging. Sam vertraute ihm und zeigte ihm das auch oft. Manchmal nur mit einem Schulterklopfen oder sogar nur mit einem Blick.

Jim fühlte sich nicht zuletzt wegen dieses rückhaltlosen Vertrauens, das Sam in ihn setzte, auf Paradise Garden wie zu Hause. Für ihn war Sam nicht wie ein Boss, sondern wie sein großer Bruder. Und Sam würde auch wie für einen kleinen Bruder alles für ihn tun, wenn er Hilfe bräuchte. Es gab nichts, worüber sie nicht miteinander reden konnten. Und sie hatten schon manche Nacht durchwacht und sich gegenseitig zugehört, wenn Sorgen oder Ängste in einem von ihnen wie Feuer brannten.

Jim war auch schon mal dabei, wenn Sam mit seinem Vater über den Büchern saß, um neue Investitionen zu kalkulieren und seine Tipps wurden durchaus in die Überlegungen miteinbezogen. Bei der Umsetzung ihrer Idee, noch weitere und wesentlich größere Gebäude auf Paradise Garden zu errichten, hatte Jim wesentlich zum Gelingen beigetragen, indem er einen ehemaligen Schulfreund kontaktiert hatte, der sich mit biologisch unbedenklichen Baumaterialien auskannte. Der Menschen und Tiere wegen hatten sie sich nämlich entschlossen, zukünftig nur noch mit umweltfreundlichen Stoffen und Farben zu arbeiten. Natürlich konnten sich Sam und Jim auch gehörig streiten, wenn es nötig war, aber böse war das nie gemeint, das wussten beide. Und es dauerte nie lange, bis sie wieder die Köpfe zusammensteckten und neue Pläne schmiedeten. Wenn nicht für die Ranch, dann für die Band.

Außerdem hatten sie eine gemeinsame große Liebe mit sonnenblonden Locken.

„Kannst du mir mal sagen, wie ich das alles machen soll? Keine Ahnung, wie du dir das vorstellst. Ich weiß jetzt schon nicht mehr, wo mir der Kopf steht. In einer halben Stunde erwartet mich Will auf der alten Wiese und zum Friseur muss ich auch noch. Rose weigert sich hartnäckig, mit mir zu tanzen, wenn ich mit diesen Haaren aufkreuze. Ganz davon zu schweigen, dass sie sich endlich mal mit mir fotografieren lässt“, gab Peter Graham deutlich zu bedenken und fuhr sich verzweifelt durch sein schwarzes Haar, das mit seinen achtundfünfzig Jahren noch längst nicht so ergraut war, wie bei vielen anderen Männern seines Alters.

Das ließ Sam hoffen, der jetzt seinen Vater leicht grinsend ansah. Er hatte die Schimpftirade seines Vaters stumm über sich ergehen und sich seine Überraschung nicht anmerken lassen. Normalerweise ließ sich sein Erzeuger nicht so leicht aus der Fassung bringen. Aber wenn Rose King im Spiel war, lernte er seinen Vater tatsächlich noch einmal von einer ganz neuen Seite kennen.

Wer hätte gedacht, dass Peter Graham noch einmal den Schritt ins Eheleben wagen würde? Sam auf jeden Fall nicht und wahrscheinlich noch nicht mal sein Vater selbst. Bis diese nette, kleine Lady namens Rose, gemeinsam mit ihrer Schwester Elisabeth, in Hope aufgekreuzt war. Rose war verwitwet, Elisabeth hatte nie geheiratet, also waren jetzt beide alleinstehend, aber zu ihrer großen Freude durchaus gut situiert. So kam es, dass sie, ohne lange darüber nachzudenken, ein kleines Hotel mitten in Hope eröffneten und fortan bei allen Aktionen des Städtchens kräftig mitmischten.

Rose und Elisabeth hatten immer ein Lächeln auf den Lippen, obwohl sie rein äußerlich nicht verschiedener hätten sein können. Elisabeth war für eine Frau sehr groß, einsachtundachtzig, und eher matronenhaft gekleidet. Sie hatte etwas Gouvernantenhaftes an sich, wozu nicht zuletzt ihr dunkelbrauner, streng aus dem Gesicht frisierter Dutt beitrug. Sie war aber von ihrem Naturell her zu allen Menschen, ob groß oder klein, sehr freundlich, hilfsbereit und packte, ohne viel zu reden, kräftig zu, wenn sie gebraucht wurde. Allerdings war sie von sich aus eher ein bisschen zurückhaltend.

Ganz anders ihre Schwester Rose. Was noch nicht perfekt war, wurde von ihr sofort in Angriff genommen, um es zur Vollendung zu bringen. Keine Frage, ging es dabei einzig und allein um ihre phantasievollen Vorstellungen von Perfektion und Vollkommenheit.

Ihr hellbraunes Haar, das ihr durch eine moderne, richtig pfiffige Kurzhaarfrisur eine fast jugendliche Nuance verlieh, wurde durch ihre meist bunte, frische Aufmachung noch unterstrichen und ließ sie wesentlich jünger erscheinen. Ihr ebenmäßig geschnittenes Gesicht war zwanzig Zentimeter weiter vom Himmel entfernt als das ihrer Schwester, was sie allerdings in keiner Weise einschränkte. Denn ihre geringere Körperhöhe ließ sie im Vergleich zu ihrer Schwester flinker und geschmeidiger durchs Leben gehen.

Sie war ein quirliger Wirbelwind, der immer einen flotten Spruch auf den Lippen hatte. Sie ging stets auf die Leute zu und mischte sich auch gern mal ungefragt ein. Rose war einfach der Meinung, was man zu einer herzlichen, gut funktionierenden Gemeinschaft beitragen konnte, das hatte man auch gefälligst zu tun. Und wenn irgendwo etwas im Argen lag und ihr das schneller auffiel als anderen, dann machte sie eben den ersten Schritt. Es erübrigt sich fast zu erwähnen, dass es nach ihrer Ankunft in Hope keinen Monat dauerte, bis sie auch im Gemeinderat mitmischte. Einstimmig gewählt.

So waren die beiden Schwestern schnell jedem bekannt und überall beliebt und es dauerte nur ein paar Wochen, bis Rose auf Sams Vater aufmerksam wurde.

Was Sam nicht verwunderte. Sein Vater war groß und stattlich, auch wenn er einen leichten Bauchansatz hatte. Der machte ihn nur gemütlich und er war ein Vorbild, was Geduld und Ehrlichkeit betraf. Sam konnte sich nicht vorstellen, dass sein Vater jemals etwas versucht hätte, um Rose näher zu kommen. Aber als Rose schließlich den ersten Schritt machte und ihn kurzerhand zu Kaffee und Kuchen einlud, war sein Vater wie ein frisch verliebter Junge ihren Reizen erlegen.

Sam mochte Rose auch sehr. Er hatte sie gerne im Haus und konnte sie sich gut als Großmutter vorstellen. Im Grunde gehörte sie schon richtig zur Familie. Und wenn Not am Mann war, war auch auf Rose immer Verlass. Sie packte mit an, ohne dass man sie bitten musste. Sie erkannte einfach, wo sie gebraucht wurde. Sam war davon überzeugt, dass sein Vater mit ihr genauso glücklich sein würde, wie er es mit seiner Mutter gewesen war.

„Also schön, ich überleg mir was anderes. Aber heut Abend brauch ich dich, Großvater“, gab Sam nach.

Er musste sich eben etwas einfallen lassen, wie er alles bis um acht auf die Reihe kriegen konnte. Vielleicht konnte Jim einspringen. Ein Glück war für den Auftritt schon alles aufgebaut. Roman und Kenny hielten abwechselnd Wache. Als Mitglieder der „Six Friends“ waren sie ebenso wie der Rest der Truppe daran interessiert, dass an ihrer musikalischen Ausrüstung nichts passierte.

„Klar bin ich heut Abend zur Stelle, unsere Abmachung gilt, wie immer. Wenn du spielst, musst du dich um nichts anderes kümmern“, erinnerte Peter seinen Sohn.

Und so war es auch. Immer. Die Augen seines Vaters glänzten jedes Mal, wenn Sam die Gitarre in die Hand nahm.

Wenn Rose King versprach, sich um ein Kuchen- und Salatbuffet zu kümmern, dann war es angebracht, zwei Tage vorher auf jegliches Essen zu verzichten.

An die fünfzig leckere Kuchen und Torten präsentierten sich auf den herrlich frühlingshaft geschmückten Tischen der Kuchentafel. Und gerade waren auch noch die Ladies des gemischten Chors von Hope im Anmarsch. In ihrem Gepäck, wie man deutlich sehen konnte, weitere Kuchenschachteln und Ofenbleche, voll der allseits beliebten Hefekuchen mit unterschiedlichstem Belag. Für die Beerenkuchen und Torten war Hope weit über die Grenzen des Countys hinaus bekannt.

Rose wollte gar nicht anfangen daran zu denken, was das für ihre Hüften bedeuten würde, denn Kuchen und Torten konnte sie grundsätzlich nicht widerstehen. Das war in der Tat eine ihrer wenigen Schwächen. Was sie durchaus jedem mitteilte, wollte ihr Gegenüber es nun wissen oder nicht.

Ein Glück, dass ihr Hochzeitskleid nicht zu eng auf Taille gearbeitet war, sonst hätte sie bestimmt am Tag ihrer Hochzeit ein ernsthaftes Problem bekommen. Die umfunktionierten Tapeziertische, die für das Buffet mit bunten Papiertischdecken überzogen und reichlich mit Blüten und Efeuranken verziert waren, waren schier am Zusammenbrechen. Ebenso viel Platz wie die Kuchen nahmen die köstlichsten Salate in Anspruch. Schwere Glasschüsseln in den unterschiedlichsten Größen und Farben strömten Aromen aus, die einem jetzt schon das Wasser im Mund zusammenlaufen ließen.

Wenn nichts Gravierendes mehr passierte, dann hatte Rose wieder einmal ihre Aufgabe bravourös erledigt. Mit weniger gab sie sich auch nicht zufrieden.

Da zum Frühlingsfest in Hope wieder viele Gäste aus den umliegenden und auch weiter entfernten Städten erwartet wurden, hatte ihre Schwester Elisabeth im Hotel alle Hände voll zu tun.

Es war ein eisernes Gesetz, dass niemand in angetrunkenem Zustand in ein Auto steigen und Hope verlassen durfte. Sheriff Ben Pensley war geradezu berühmtberüchtigt dafür, dass er akribisch Alkoholsünder aufspürte und einkassierte. Er ließ den Delinquenten stets die Wahl, ob sie im Gefängnis oder im „Hopes Nest“ ihren Rausch ausschlafen wollten. Die meisten entschieden sich trotz der Kosten für Roses und Elisabeths Hotel. Auch wenn der gemütliche Aufenthalt dort nicht von der Stadtkasse übernommen wurde.

Alles, was im Hotel zu tun war, konnte Rose beruhigt ihrer vier Jahre älteren Schwester überlassen. Das Hotelgewerbe war Elisabeth wie auf den Leib geschrieben. Und sie blühte jeden Tag von Neuem darin auf.

Rose war mit sechsundfünfzig Lebensjahren ein außergewöhnliches Energiebündel mit ausgezeichnetem Organisationstalent. Das würde ihr am Ende des Tages wieder jeder Mitbürger von Hope bestätigen. Alle wussten, sie scheute sich vor keinerlei Arbeit, auch wenn dies bedeutete, sich die Hände schmutzig zu machen.

Zurzeit achtete sie allerdings peinlichst genau auf ihre rosa lackierten Fingernägel. Der Hochzeit wegen selbstverständlich. Denn künstliche Nägel kamen für Rose nicht in Frage. Peter sollte mit ihr hundert Prozent an Natürlichkeit und Lebensfreude bekommen. Sie hatte sich geschworen, diesen Mann so glücklich zu machen, dass man es in hundert Meilen Entfernung noch erkennen konnte. Nie zuvor war sie so einer Kreation des starken Geschlechts begegnet. Sie liebte ihn von ganzem Herzen und seine Familie ebenso.

Heute hatte sie ihren Auserwählten allerdings noch nicht zu Gesicht bekommen. Was seltsam war, denn eigentlich wollte er schon längst hier sein.

Der Chief, wie Will Simmons, der Bürgermeister von Hope, von allen genannt wurde, hatte Rose schon nach Peter gefragt. In Wills üblicher, humorvoller Art drang in diesem Augenblick die durchaus ernst gemeinte Frage an ihre Ohren: „Was hast du eigentlich gestern Abend mit Peter angestellt? Oder sollte ich eher fragen, was heute Nacht passiert ist? Peter ist doch sonst immer überpünktlich. Muss ich mir Sorgen um meinen Pokerbruder machen?“

Der spinnt wohl, dachte Rose. Jeder im Städtchen wusste, dass für Rose Liebesnächte außerhalb eines gültigen Ehegelübdes absolut undenkbar waren. Schließlich hatte sie ihren guten Ruf zu verlieren. Und außerdem wollte sie nicht, nach ein paar Jahren in Hope, mehreren Männern tagtäglich auf der Straße begegnen, deren Bettwäsche sie hätte beschreiben können.

In diesem Moment kam Peter Graham auf Hopes alte Festwiese geschlendert und bewahrte damit Will vor einer scharfen Antwort, die Rose bereits auf den Lippen lag.

„Mann, wo hast du gesteckt? Ich warte schon eine Ewigkeit auf dich. Weißt du, was noch alles zu tun ist?“, begrüßte Will seinen um zehn Jahre jüngeren Freund.

Doch Peter Graham wusste wie immer, was sich gehört. Den Chief nicht weiter beachtend, ging er geradewegs und mit einem herzerweichenden Lächeln auf sein Herzblatt zu, umarmte sie liebevoll und küsste sie leicht auf ihre ebenfalls rosa geschminkten Lippen.

Passend zu ihrem Namen ist rosa einfach ihre favorisierte Lieblingsfarbe, dachte Peter. Früher hätte er solche Dinge gar nicht bemerkt. Aber seit Rose in sein Leben getreten war, war so vieles anders.

„Du siehst umwerfend aus, meine Liebe“, platzte es auch schon aus ihm heraus.

Rose schmolz dahin. Kam es nur ihr so vor, als würde in diesem Moment die Sonne noch ein bisschen heller scheinen?

„Danke, du aber auch, Liebster. Du warst beim Friseur.“

Peter drehte seinen Kopf ein wenig nach allen Seiten, damit Rose ihn ausgiebig betrachten konnte. Er genoss ihre wohlwollenden Blicke und ihr Lächeln, das ihr ganzes Gesicht erfasste, bestätigte ihm, dass der Stress, den er heute Morgen schon gehabt hatte, sich jetzt auszahlte.

„Ich werde heute ganz schön mit dir angeben, Peter Graham. Ich weiche dir den ganzen Tag nicht mehr von der Seite, sobald ich hier fertig bin. Und tanzen will ich auch, damit du es weißt.“ Rose zwinkerte Peter zu und streichelte seine rechte Wange.

„Es wird mir ein Vergnügen sein, mit dir zu tanzen, meine Liebe. Und wer hier mit wem angibt, das wird sich noch zeigen.“

Jetzt erst drehte sich Peter um und blickte dem zweiten Stadtoberhaupt ins Gesicht. Dieser wollte schon wieder anfangen zu lamentieren.

„Will, halt die Luft an. Bei mir zu Hause geht alles drunter und drüber. Ich bin froh, dass ich überhaupt hier bin. Sissi gefiel ihr neues Kleid plötzlich nicht mehr. Ein Drama, sag ich euch. Sam ist kurz vorm Durchdrehen.“

Peter sah Rose und Will kopfschüttelnd und mit ratlosem Gesichtsausdruck an, als würde er händeringend nach einer Lösung suchen. Diese lächelten aber nur mitleidig.

„Also von mir aus kann Sissi auch im Schlafanzug kommen. Ich bin eben regelrecht geflüchtet, sonst hätte ich mich noch mit meinem Sohn in die Wolle gekriegt. Jetzt lass uns loslegen, womit fangen wir an?“, fragte Peter an Will gewandt. Sanft streichelte seine rechte Hand noch kurz über Roses leicht gerötete Wangen, dann entfernten sich beide Männer in Richtung des gerade fertig aufgebauten Festzeltes.

„Manchmal hat der Tag einfach nicht genug Stunden“, murmelte Sam leise vor sich hin.

Um Lampenfieber zu kriegen hatte er keine Zeit gehabt. Melanie allerdings tanzte wie eine Primaballerina vor ihrer Premiere neben ihm herum.

„Mensch Mellie, krieg dich wieder ein. Du machst mich wahnsinnig. Erst Sissi und jetzt du. Ihr Weiber seid echt manchmal wahre Nervensägen.“

„Vergleich mich nicht mit einer halben Portion, ich hab Brüste“, maulte Melanie beleidigt.

Sam warf ihr einen tadelnden Blick zu.

„Ihr Männer habt gut reden. Kein Mensch, der uns heute Abend zuhört, interessiert sich dafür, wie gut die Haare der fünf Typen auf der Bühne aussehen. Und nach eurem Outfit guckt auch keiner. Ihr könntet in Badeshorts und Schwimmflossen auftreten. Nichts davon würde morgen in der Zeitung stehen. Aber ich werde millimetergenau unter die Lupe genommen.“

„Du kennst meine Badeshorts nicht“, entgegnete Sam schon ein wenig besänftigt. So ganz unrecht hatte Mellie da nicht.

„Los geht’s, auf die Bretter mit euch! Und habt Spaß!“ Frank gab wie immer das Signal, wenn es Zeit war, die Bühne zu stürmen.

Jeder Einzelne von den „Six Friends“ hatte sein ureigenes Ritual vor einem Gig.

Sam verzog sich immer in eine stille Ecke, um sich zu sammeln. Es hatte Zeiten gegeben, da war er in keinem noch so stillen Kämmerchen zur Ruhe gekommen. Viel zu viel hatte ihn aufgewühlt und drohte ihn zu zerstören. Diese Phase lag zum Glück hinter ihm. Heute ging er in einer Ecke noch mal die Noten durch. Manchmal las er auch gemütlich die neusten Nachrichten von Hope und der Welt in der Zeitung. Oder er dachte auch an seine Lieben und seine Pferde.

Nervös machten ihn eigentlich nur die anderen.

Roman hatte die Angewohnheit, immer und immer wieder irgendwelche Gedichte aufzusagen, eigentlich waren es richtige Zungenbrecher. Er behauptete, dadurch würde er dann deutlicher singen. Er entspannte angeblich so seine Gesichtsmuskulatur.

Kenny konnte das gar nicht leiden. Er wiederum behauptete fest und steif, bei ihm würde dieses Geschwafel ganz andere Muskulaturen lockern. Er saß die letzten Minuten vor einem Auftritt regelmäßig auf der Toilette.

Frank und Jim brachten es tatsächlich fertig, bis kurz vor Beginn ihres Auftritts Karten zu spielen. Angeblich, um sich von ihrem Lampenfieber abzulenken. Dabei gerieten sie nicht selten aneinander. Sie waren nämlich beide Meister im Schummeln.

Es war so weit. Sie konnten hinter der Bühne das auffordernde Geklatsche der wartenden Konzertbesucher hören.

Frank gab das Startzeichen, indem er „Und Action“ rief und einige Male in die Hände klatschte. Sofort gingen Jim Jefferson, Roman Riffle und Kenny Simmons die wenigen Treppen empor und begaben sich an ihre Instrumente.

Lautes Klatschen setzte ein, sobald der Erste von ihnen die Bretter betreten hatte und es war wahrscheinlich bis weit über Hope hinaus zu hören. Als auch Frank Cast hinter seinem Schlagzeug Platz genommen hatte, betrat wie immer als Letzte Melanie Molton den Ort des abendlichen Konzertes und begab sich an ihr Mikrofon.

Von wegen als Letzte, wo war Sam abgeblieben? Fragend schauten sich alle Anwesenden der „Six Friends“ um und Frank entschied spontan, mit einem Instrumentalstück zu beginnen, bei dem Sam nicht unbedingt gebraucht wurde. Allzu lange sollte sich der Leader der Band allerdings keine Zeit mehr lassen, sonst ging hier einiges schief. Schließlich hatten die Freunde keine zehn Songs einstudiert, bei denen der eigentliche Sänger der Truppe keine Rolle spielte. Was war da hinter der Bühne in letzter Sekunde noch passiert? Diese Frage stand allen ins Gesicht geschrieben, während sie ihre Instrumente eine herzergreifende Melodie spielen ließen. Eben war Sam doch noch neben ihnen, jetzt war er wie durch Zauberhand verschwunden.

Gerade wollte Sam die erste Stufe der Treppe erklimmen, da packte ihn jemand hart am Arm und zog ihn zur Seite. Vor ihm stand sein Vater mit vor Wut verzerrtem Gesicht und knurrte: „Sag was!“

Daneben stand eine süße, weibliche Erscheinung mit nicht weniger erzürnten Gesichtszügen.

„Ich seh doof aus!“, ertönte die ihm so vertraute Stimme. „Hast du mich so lieb?“

„Schätzchen, du weißt, dass ich dich ganz doll lieb hab. Du bist wunderschön. Ich schwöre es.“ Sam legte seine rechte Hand auf sein Herz, um seine Worte zu bekräftigen. Was ihn anging, konnte Sissi eingewickelt in einen Kartoffelsack vor ihm stehen, seiner von Herzen kommenden Liebe konnte sie sich immer sicher sein. Schon seit fast drei Jahren gehörte ihr all sein Denken und Streben. Nach ihr richtete er seine Wünsche und Pläne aus. Sie verfügte sogar über seine Nächte. Und wenn sein Motto lautete: „Zuerst die Menschen, dann die Tiere und zum Schluss die Gitarre“, galt das in erster Linie ihr.

„Nicht böse sein, aber ich muss jetzt auf die Bühne. Okay?“

Ein strahlend blondes Kopfnicken entließ ihn zu seinem Instrument. Natürlich konnte Sam jetzt nicht im Laufschritt die Bühne erstürmen, also ging er so leise und gemächlich, wie es ihm im Dunkeln möglich war, auf die Bühne.

Wieso war es hier eigentlich auf einmal so dunkel? O nein, nicht auch noch ein Stromausfall! Sam war kaum in das Blickfeld der Zuhörer getreten, da erfasste ihn ein grelles Licht und stellte ihn in den Mittelpunkt des Geschehens.

„Welcher Idiot macht denn so was?“, fragte er sich ganz leise.

Ein Glück hatte er zu Boden geblickt, um sicher zu gehen, dass er nicht über irgendwelche herumliegende Kabel stolperte, sonst hätte er direkt in das grelle Spotlight geschaut und wäre für die nächsten ein oder zwei Lieder so gut wie blind gewesen. Er erhob seinen Blick und begab sich zu seiner elektrischen Gitarre, sein musikalisches Herzstück. Ein Geschenk seines Vaters. Und ihm war auch das erste Lied gewidmet. Als Sam jetzt davon sang, wie oft er in seinem Leben schon gespürt hatte, dass sein Vater unterstützend hinter ihm stand, waren es nicht nur die Augen seines Vaters, die nicht mehr so genau sehen konnten, was auf der Bühne vor sich ging.

3

Jim hatte noch nicht richtig zu spielen begonnen, da erspähte er etwas im rechten Augenwinkel, was er nicht einordnen konnte. Feuer!? Das war sein erster Gedanke. Aber die unzähligen Zuhörer auf der alten Wiese von Hope würden niemals ruhig stehen bleiben, wenn es hier irgendwo brennen würde. Egal wie super sie spielen würden. Also musste das ganz was anderes sein. Aber was?

Sobald er im Song eine kleine Pause hatte, erhob er den Kopf um nachzusehen, was es da Merkwürdiges gab.

Oh nein, hätte er doch bloß nicht hingeschaut. So etwas hatte er ja noch nie gesehen. Das ist doch nicht echt, überlegte er und hätte fast seinen Einsatz verpasst. Wer um alles in der Welt läuft freiwillig mit solchen Haaren herum?

Auch wenn er es nicht wollte, irgendetwas drängte ihn, noch einmal hinzusehen. Und diesmal etwas genauer. Wow!

Prompt verpatzte er seinen Einsatz und spielte auch noch einige falsche Töne. Der Blick, den Sam ihm daraufhin zuwarf, würde ihn nächtelang im Schlaf verfolgen. Das würde gewaltigen Ärger geben. Okay, geschah ihm recht. Was musste er auch gleich zweimal eine Tussi anglotzen, die aussah wie ein Feuerlöscher.

Aber rot war nun mal seine absolute Lieblingsfarbe. Das wusste Sam und deshalb musste der Boss doch verstehen, dass er dieses Objekt mit seiner Lieblingsfarbe hatte genauer begutachten müssen. Quatsch, Sam würde sagen, dies sei nur eine billige Ausrede, und er hätte recht damit.

Mist, was war plötzlich mit ihm los. Endlich war der von ihm verunglimpfte Song zu Ende. Das Publikum schien nichts gemerkt zu haben, denn der Applaus war frenetisch.

Sofort suchten Jims Augen wieder nach dieser unbekannten Erscheinung. Das Herz rutschte ihm augenblicklich eine ganze Stufe tiefer, denn dieser sicherlich künstlich hergestellte Rotschopf schaute ihm unverblümt in die Augen. Auch das noch! Wie sollte er den Rest des Konzertes heil hinter sich bringen, wenn er ununterbrochen von einem garantiert außerirdischen Wesen mit brennendem Haar und grasgrünen Augen angestarrt wurde. Er nahm sich fest vor, gar nicht mehr in ihre Richtung zu sehen.

Das gelang ihm genau zwanzig Sekunden. Ihm wurde übel.

Alles was ihn interessierte, waren Pferde, Pferde und nochmals Pferde. In allen Größen und Farben. Keine Frauen! Und schon zehnmal nicht in dieser Farbe.

Nicht, dass er grundsätzlich etwas gegen die Weiblichkeit auf der Erde hatte. Bevor er für immer zu den Grahams gekommen war, hatte er sich so manches Abenteuer geleistet, was das andere Geschlecht anging. Selbstverständlich spielte er nicht mit Frauen und gebrochene Herzen hatte er auch nie zurückgelassen. Er war anständig, was das betraf. Es war keineswegs immer er gewesen, der eine Geschichte beendet hatte, ebenso oft wie er, hatten auch seine Partnerinnen Schluss gemacht. Es war damals einfach nicht die Richtige dabei gewesen.

Und wenn er jetzt so über dieses fremde Ding auf zwei Beinen nachdachte, welches da unten vor der Bühne lauerte, gab es da etwas sehr Wesentliches zu bedenken. Er stand einfach mehr auf schwarzhaarige Exemplare mit greifbaren Rundungen. Und nicht auf rotes Gemüse mit …… okay, zugegeben, sie hatte echt viel Greifbares zu bieten.

Nein, Frauen passten einfach nicht in seine Lebenspläne. Wer den größten Teil seines Tages in Stall und Stroh verbrachte, dem haftete doch irgendwie auch der Geruch von Stall und Stroh an. Und welche Frau würde so etwas oder so jemanden mögen? Und eine Frau mit feuerroten Haaren würde die Pferde in Panik versetzen. Denn Feuer und Pferde, das passte nun mal nicht zusammen.

Aber warum musste er auf einmal daran denken, wie es wäre, mit ihr im Stroh ……

„Sag mal Jim, träumst du? Warum stehst du immer noch mit der Gitarre in der Hand auf der Bühne herum? Wir machen fünfzehn Minuten Pause. Hast du das überhaupt mitgekriegt?“, riss ihn Melanie aus seinen Überlegungen.

Hilfe, es musste etwas geschehen.

Jim brauchte nur wenige Sekunden, um klar zu erkennen, was da heute Abend passiert war. Er stand in Flammen.

Irgendetwas hatte sich tief in Lara verändert. Sie hätte beim besten Willen nicht sagen können, was es war. Aber es war etwas mit ihr geschehen. Vielleicht waren es die Songs, die von gebrochenen Versprechungen, enttäuschtem Vertrauen und gestorbener Liebe handelten, aber auch von ersehntem Glück, erfüllten Erwartungen und von einer Zukunft, die Besseres brachte. Die Texte hatten Lara tief im Inneren ihres Herzens berührt.

Oder war es viel mehr, als die Worte, die Stimme, welche diese Worte so gefühlvoll hervorbrachte, als hätte der Mann, der da sang, all diese Dinge selbst erlebt?

Nein, es war auch nicht nur die Stimme. Es waren auch seine tief dunklen Augen. Lara schien es, als könnte sie all die Gefühle, von denen dieser Mann sang, in seinen Augen wiederfinden. Ja, seine Augen ließen erkennen, was er tief im Herzen fühlte. Und Lara fühlte es mit ihm.

Es war wie …… Magie.

Konnte jemand, der so gefühlvoll von seinen innigsten Gefühlen sang, eine Frau belügen und betrügen, der er einmal ewige Liebe geschworen hatte? Niemals. Oder war das doch nur Wunschdenken?

So sehr sie sich auch dagegen wehrte, Lara hatte sich in dieser Nacht in eine Stimme und zwei dunkle Augen verliebt. Sollten Vivien und sie an diesem, ihnen noch unbekannten, romantischen Ort, ein neues Leben finden, hatte es heute Abend auf wundervolle Weise begonnen. Nach all dem Trubel und den Aufregungen der letzten Tage war Lara auf einmal ganz still geworden.

Vivien dagegen hüpfte wie ein angezündeter Knallfrosch neben ihr herum. Sie war felsenfest davon überzeugt, dass der eine Gitarrist nur für sie gespielt hatte. Das hatte sie nun schon mindestens zehnmal erwähnt. Tatsächlich, wenn Lara genauer darüber nachdachte, musste sie zugeben, dass dieser sympathische junge Mann mit den wilden, braunen Locken auffallend oft in ihre Richtung geblickt hatte. Und er hatte in seinen ausgewaschenen Jeans und dem blütenweißen Hemd wirklich sehr anziehend ausgesehen. Für Lara war völlig klar, dass ihre Freundin sofort ihre Antennen in seine Richtung ausgerichtet hatte. So einem Exemplar konnte Vivien höchstens einige Sekunden widerstehen.

Wer weiß, vielleicht waren ja tatsächlich zwischen den beiden unsichtbare Funken geflogen.

Lara würde es ihrer besten Freundin auf jeden Fall von ganzem Herzen gönnen. Mit ihren sechsundzwanzig Jahren, waren sie es beide satt, allein durchs Leben zu gehen. Was sich ihnen allerdings bis jetzt an potenziellen Ehemännern und Vätern ihrer zukünftigen Kinder geboten hatte, konnte man schlicht und einfach nur als verheerend bezeichnen.

Lara träumte von einer wahren, abgrundtiefen und nie endenden Liebe, wie sie sie zwischen ihren Großeltern erlebt hatte. Es war ihr mittlerweile allerdings klar, dass es so etwas nur noch in kitschigen Romanen und Liebesfilmen gab.

Oder sollte dieser Fremde mit den schwarzen, traurigen Augen so ganz anders sein?

„Ich hätte ihnen noch stundenlang zuhören können“, schwärmte Vivien verträumt.

„Das Konzert war wirklich einsame Spitze“, stimmte Lara ihr zu.

Und mit dieser Meinung waren sie keineswegs allein. Alle Anwesenden hatten die Band mit frenetischem Applaus gefeiert. Immer wieder hatten sie lautstark nach einer weiteren Zugabe gerufen. Und die jungen Musiker hatten sich nicht lange bitten lassen. Aber irgendwann war dann der letzte Song zu Ende gewesen und die Band hatte die Bühne verlassen.

Es dauerte gar nicht lange, da hatte sich das riesige Zelt geleert und das Licht war erloschen. Fast gleichzeitig war es auch auf dem ganzen Festplatz still geworden.

Lara und Vivien standen nun ganz allein auf der Wiese.

Jetzt mussten sie zuerst nach einem Platz suchen, wo sie Herby stehen lassen konnten.

Und ein richtiges Hotelzimmer wäre zur Abwechslung auch mal schön gewesen, dachte Lara etwas wehmütig. Vielleicht hätten sie sich doch zuerst um die wichtigeren Dinge kümmern und erst danach das Konzert besuchen sollen. Nein, nicht um alles in der Welt hätte Lara auch nur eine Sekunde von diesem Abend verpassen wollen.

Sie sahen wohl sehr verloren aus, wie sie da von allen verlassen auf dem nur spärlich erleuchteten Festplatz standen, denn plötzlich näherte sich ihnen vorsichtig ein älterer Herr. Sicherlich war er bestrebt gewesen, sie nicht zu erschrecken, doch das gelang ihm nicht ganz.