¡Paraguay mí amor! - Wiebke Groth - E-Book

¡Paraguay mí amor! E-Book

Wiebke Groth

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Beschreibung

Valeskas und Ramóns Geschichte geht weiter! Obwohl Ramón damit gegen die Regeln der verbotenen Oppositionsbewegung LOPED verstößt, hat er sich für Valeska entschieden. Nach ihrer Versöhnung können die beiden endlich die Dinge tun, die Verliebte zusammen erleben möchten. Höhepunkt einer ihrer gemeinsamen Ausflüge ist der Besuch von Paraguays Hauptstadt Asunción, in der die beiden ein turbulentes Wochenende verbringen. Mit dabei sind auch Ramóns bester Freund Miguel und Valeskas Halbschwester Juanita. Die Partynacht im angesagten Club der Stadt - dem Coyote - läuft allerdings ganz anders als gedacht. Auch die Veranstaltung zugunsten benachteiligter Kinder, die die Freunde gemeinsam besuchen, gerät etwas aus dem Ruder. Trotzdem glauben Ramón und Valeska an ihre Liebe und planen eine gemeinsame Zukunft. Über all dem schwebt aber stetig die Gefahr der Enthüllung von LOPEDs geheimen und verbotenen politischen Tätigkeiten. Als Ramón schließlich verhaftet wird, scheint ihre gemeinsame Zukunft unwiederbringlich zerstört. Aus Gutgläubigkeit und um Ramón zu helfen, lässt Valeska sich auf etwas ein, das sie in große Gefahr bringt. Es liegt an Ramón zu entscheiden, ob er sie vor dem damit verbundenen Leid bewahren kann. Wie wird seine Entscheidung ausfallen, die nicht nur moralisch schwierig ist, sondern die er auch unter großem Druck treffen muss? Wie wird Valeska mit den traumatischen Konsequenzen dieser Entscheidung leben können? Leidenschaft, Drama, Gefahr und Spannung pur erwarten dich im zweiten Teil von ¡Paraguay, mí amor!

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Seitenzahl: 331

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

PROLOG

Montag, 23.8.1999 – Paraguay

Donnerstag, 5.8.1999

RAMÓN

VALESKA

JOST

Freitag, 06.08.99

VALESKA

RAMÓN

VALESKA

Samstagmorgen, 07.08.99

VALESKA

Freitag, 20.08.99 - zwei Wochen später

VALESKA

RAMÓN

VALESKA

RAMÓN

MIGUEL

VALESKA

RAMÓN

VALESKA

RAMÓN

JUANITA

MIGUEL

VALESKA

RAMÓN

MIGUEL

VALESKA

MIGUEL

VALESKA

MIGUEL

RAMÓN

VALESKA

RAMÓN

VALESKA

JORGÉ

JOST

RAMÓN

VALESKA

JOST

VALESKA

RAMÓN

VALESKA

RAMÓN

VALESKA

JOST

VALESKA

HUGO

VALESKA

JAN-HUGO

VALESKA

Zehn Tage später – Estanzia, 01.00 Uhr morgens – Ramóns Zimmer

VALESKA

HUGO

VALESKA

RAMÓN

MIGUEL

Asuncion - Polizeidirektion

EMILIO SALAZAR

Montevideo Flughafen Gate 33, Flug AL208 nach Miami

PILOT REED JOHNSON

Miami Airport, Mitternacht

MIGUEL

05:00 Uhr morgens, Miami, General Hospital - Intensivstation

MIGUEL

WHO IS WHO – Personenverzeichnis

Glossar

Triggerwarnung

Liebe Leser*innen,

dieses Buch enthält Elemente, die potenziell triggern können. Hierbei handelt es sich um:

+ Vergewaltigung

+ Gewalt und Misshandlung

+ Drogenkonsum

+ herabwürdigendes Frauenbild

Bitte bedenkt das, bevor ihr mein Buch zur Hand nehmt.

Eure Wiebke

Vorwort

Kaum zu glauben, aber vor fast eineinhalb Jahren erschien mein Debütroman ¡Paraguay, mí amor! - Teil 1: Das Familiengeheimnis.

Nun liegt euch Teil 2 vor. Beide waren zunächst als ein Buch geplant und geschrieben worden. Aber aufgrund der Länge entschied ich mich dazu, zwei Bücher daraus zu machen.

Seitdem habe ich viel gelernt und ich liebe mein Hobby – das Schreiben – nach wie vor. Gleich einen Tag nach der Veröffentlichung von Teil 1 hatte ich eine Interviewanfrage einer deutschsprachigen Paraguayer Zeitung. Das Interview war sehr aufregend und erschien vergangenes Jahr im Frühling.

Bevor ihr euch in die Fortsetzung der turbulenten Geschichte rund um Valeska und Ramón stürzt und in Gedanken nach Paraguay reist, empfehle ich euch – zum besseren Verständnis der Geschichte – zunächst den ersten Teil zu lesen. Ansonsten ist dieser Teil deutlich rasanter und spannender. Wir erfahren hier viel von LOPED, der verbotenen Oppositionsbewegung, die im Geheimen agiert.

Eine Bitte habe ich noch: Dieses Buch lässt sich meines Erachtens in keine Schublade stecken. Es ist definitiv eine Liebesgeschichte, aber keine einfache, und sie passt weder in die Richtung young noch new adult. Es geht um andere Meinungen, kulturelle Unterschiede und Verantwortung. Es geht um Loyalität und Ideale, die der Liebe und dem Vertrauen entgegengesetzt werden. Ich stelle eine meiner Figuren vor eine große, moralische Frage. Wer leichte Kost und einfache Konstellationen sucht, wird diese hier nicht finden. Mein Buch soll provozieren und zum Nachdenken anregen. Ich stelle vieles absichtlich sehr plakativ und klischeehaft dar. Auch die teils derbe und vulgäre Sprache ist so gewollt. Ich betone das hier, weil ich dazu bei Teil 1 viele Rückfragen hatte.

Paraguay ist ein Land, welches ich einfach faszinierend fand und finde. Daher muss es als Schauplatz herhalten.

Die Geschichte ist rein fiktiv und hätte so vermutlich nicht stattfinden können.

Ich würde dieses Buch erst ab 18 Jahren empfehlen, vor allem wegen der Vergewaltigungsszenen.

Nun aber freue ich mich, wenn ihr mit mir in die Geschichte eintaucht und gerne auch eure Eindrücke mit mir teilt!

Wiebke Groth

PROLOG

Montag, 23.8.1999 – Paraguay

„¡Arriba las manos!“ Entsetzt blicke ich in die Mündung eines Maschinengewehrs. Automatisch gehorche ich und nehme meine Hände hoch, auch wenn ich nur die Hälfte verstanden habe. Aber die Waffe spricht für sich.

„Jost, was ist los?“ wimmere ich.

„Valeska, hab keine Angst, wir klären das gerade“, antwortet er mir gepresst. Er steht mit seiner Frau Isabella und meinen Halbgeschwistern Juanita und Jorge in einer Ecke des Wohnzimmers. Vor ihnen stehen drei Männer in Polizeiuniform, die ihre Waffen zwar nicht gezogen haben, aber deswegen nicht weniger bedrohlich wirken. „¿Quién es ésta?“, möchte ein weiterer Mann befehlsgewohnt wissen.

„Es mi hija de Alemania“, erklärt Jost eilig.

Der junge Polizist vor mir macht eine ungeduldige Bewegung mit dem Maschinengewehr in Richtung meiner neuen südamerikanischen Familie. Ängstlich gehorche ich und stolpere zu ihnen. „Wo ist Ramón?“, flüstere ich meinem Vater zu.

Der Befehlshaber, des Deutschen zwar nicht mächtig, horcht bei dem Namen auf und verlangt barsch eine Übersetzung von Jost. Ein Lächeln breitet sich über sein Gesicht aus, als er in stark gefärbtem Englisch erwidert:

„Das, meine kleine Señorita, möchten wir auch gerne wissen! Wir haben nämlich einen Haftbefehl für Señor Martinez!“

Donnerstag, 5.8.1999

RAMÓN

Warme Sonnenstrahlen kitzeln mein Gesicht und wecken mich aus einem komatösen Schlaf. Ein scharfer Kopfschmerz zuckt hinter meiner Schläfe und erinnert mich zusammen mit einem schalen Geschmack im Mund an den gestrigen Abend. Ich schlage die Augen auf, und dann ist auch der Rest wieder präsent.

„Ramón, du Idiot!“, sage ich zu mir. „Du hast sehr viel wiedergutzumachen!“ Stöhnend setze ich mich auf. Der Kopfschmerz steigert sich ins Unermessliche. „Und Alkohol wirst du auch erstmal nicht wieder in diesen Mengen anrühren!“, setze ich meine Moralpredigt an mich gewandt fort. Angewidert rümpfe ich die Nase, als ich meine Ausdünstungen rieche.

Schnell begebe ich mich unter die Dusche, wobei ich viel Zeit auf Körperpflege und Rasur verwende, danach ziehe ich mich sorgfältig an. Gleich nach dem Frühstück will ich mit Valeska sprechen, und ich möchte den bestmöglichen Eindruck machen.

Vor der Küchentür zögere ich kurz, ich habe ein bisschen Angst vor dem Gespräch mit Carmen. Da es schon 10:30 Uhr ist, gehe ich nicht davon aus, dass ich Valeska beim Frühstück treffen werde. Ich atme noch einmal tief durch, dann klopfe ich an die Küchentür, öffne sie und trete, ohne die Antwort abzuwarten, ein.

„Ah, Ramón!“, begrüßt sie mich sparsam. „Hast du ausgeschlafen?“

„Carmen“, sage ich nur und schlucke schwer. „Carmen, ich habe mich gestern dir gegenüber sehr schlecht und unmöglich benommen. Ich bitte dich von Herzen um Verzeihung, weil ich so gemein zu dir war. Mein Verhalten war sehr unreif. Julio war ein großartiger und einzigartiger Mann und hat dich aufrichtig geliebt, da bin ich mir sicher. Bitte, sei mir nicht böse!“

„Mí chico“, seufzt sie. “Was soll ich nur mit dir machen?“ Dann tritt sie zu mir und umarmt mich. „Puh!“, sagt sie. „Rami, du stinkst wie ein ganzer Schnapsladen! Ich weiß, diese Geschichte hat dich aus dem Gleichgewicht gebracht. Musstest du dich aber gleich so volllaufen lassen?“

„Oh, entschuldige, Carmen“, sage ich verlegen. „Riecht es noch so schlimm?“

„Oh ja.“

„¡Dios mio! Ich wollte mich doch gleich bei Valeska entschuldigen. Aber wenn ich so stinke, wird sie sich vor mir ekeln, mich abweisen und meine Entschuldigung nicht annehmen wollen!“

„Deine Herzensdame ist sowieso nicht da. Jost hat sie zu einem Ausflug eingeladen, damit sie auf andere Gedanken kommt!“

Ich gucke wohl sehr enttäuscht, denn sie lacht und sagt: „Heute Abend ist sie ja wieder da. Dann kannst du zu ihr gehen. Ich finde es sehr gut, dass du es dir noch mal überlegt hast, ihr würdet ein schönes Paar sein. Ich hoffe aber, dass du dir die andere Sache auch noch mal überlegst, Ramón! Bitte, bringe weder sie noch deine Familie in Gefahr!“ Sie schaut mich dabei so eindringlich an und ihr Blick sagt mir, dass sie alles weiß. Sie kennt mich einfach zu gut, und anders als Isabella und José ist sie ja selbst bei LOPED gewesen.

Aus mir unerklärlichen Gründen hat sie aber beschlossen, mich nicht zu verraten.

„Nein, Carmen“, sage ich also ernst. „Ich bringe niemanden in Gefahr. Meine Familie ist mir heilig, und Valeska bedeutet mir jetzt schon viel.“ Ich trete an den Küchenschrank und hole mir ein Gedeck heraus. Carmen stellt Brot, Butter und Käse auf den Tisch. Dann schenkt sie mir den Kaffee ein, auf den ich schon sehnsüchtig gewartet habe.

VALESKA

„So, Schatz, da sind wir wieder“, sagt Jost, als er seinen Geländewagen vor der Estanzia parkt. „Wie fandst du den Tag? Ich hoffe, er hat dich auf andere Gedanken gebracht.“

„Jost, es war großartig!“, sage ich mit leuchtenden Augen.

„Diese Wasserfälle waren so beeindruckend! Es war ein wundervoller Tag. Jetzt habe ich aber ein bisschen Angst“, fahre ich fort.

„Warum Valeska?“

„Ich … ich habe Angst, ihm zu begegnen“, sage ich leise.

„Das musst du nicht, Süße! Ich werde ihm auch noch mal sagen, dass er dir ganz aus dem Weg gehen soll. Liebes, ich weiß, wie schmerzvoll es für dich ist, aber bitte lass dir dadurch nicht deinen Aufenthalt verderben! Es tut mir so leid!“

Jetzt haben wir das Thema, das wir den ganzen Tag tunlichst vermieden haben, doch noch angeschnitten. Mein Bauch zieht sich schmerzlich zusammen.

„Komm, lass uns aussteigen!“, sage ich, bevor mir die Tränen kommen.

Ich möchte schnell in mein Zimmer und für mich sein, denn der Schmerz, den ich dank Josts großartiger Bemühungen den ganzen Tag beiseiteschieben konnte, ist wieder da. Bildlich gesprochen ist es, als ob sich eine dunkle, wabernde Masse vor mir aufbaut und mich in die Schwärze und Hoffnungslosigkeit zieht.

Ich weiß, es ist Liebeskummer und ich weiß, ich darf mich dem nicht so hingeben, aber es ist sehr verlockend.

„Kleines, bitte, ich möchte nicht, dass du durch ihn so leidest! Das ist kein Mensch wert, auch Ramón nicht!“ Jost nimmt mich tröstend in den Arm, denn ich habe leise zu weinen begonnen.

Aber bald schiebe ich seine Arme zur Seite, wische über mein Gesicht und gehe zum Haus.

Im Flur erwartet mich Juna. „Hallo, Valeska, komm doch mit ins Wohnzimmer.“

„Nein, danke Juna, heute nicht“, sage ich ablehnend und bin schon auf der Treppe.

„Ok, Süße, dann bis nachher zum Abendbrot“, sagt Jost. Unbehelligt erreiche ich die Tür und bin froh, als sie hinter mir ins Schloss fällt.

Ich werfe mich aufs Bett und fange an, leise zu weinen.

Ein kräftiges Tock tock an der Zimmertür lässt mich hochfahren.

„Valeska!“, dringt die angenehme und kräftige Stimme von Ramón durch das Holz.

„Ich möchte mit dir sprechen, bitte!“

Kurz überlege ich, so zu tun, als ob ich nicht da wäre, aber dann beschließe ich, mich ihm zu stellen.

Ich gehe zur Tür und öffne sie, denn ich hatte abgeschlossen. Ich stecke den Kopf zur Tür heraus und sage wütend: „Was willst du, Arschloch? Meinst du nicht, die Beleidigungen von gestern reichen? Du hast mir genug wehgetan. Ich möchte nicht mit dir reden!“ Mit diesen Worten versuche ich, die Tür zu schließen, aber er ist schneller und stellt seinen Fuß dazwischen.

„Querida!“ sagt er eindringlich, „hör mich bitte an! Ich möchte dich für das, was ich getan habe, um Verzeihung bitten. Bitte lass mich rein!“

„Du willst dich entschuldigen?“, frage ich ungläubig. „Und dann? Denkst du, dann ist alles wieder gut?“

„Bitte, wir sollten wirklich reingehen!“, drängt er mich.

„Sag’s mir hier!“, fordere ich ihn energisch auf und blicke ihn fest an.

„Du willst hier reden? Nein, Süße, bitte lass uns drinnen reden.“

„Hier, oder gar nicht!“, beharre ich stur.

Er guckt mich leicht gequält an, dann sagt er: „Liebste Valeska, ich möchte mich für mein unmögliches, gemeines und unreifes Verhalten gestern entschuldigen. Bitte verzeih mir.“

„Und wenn ich dir verzeihe? Das ändert doch nichts an der Situation!“, rufe ich aus und die Tränen schießen mir in die Augen.

Sanft, aber energisch nimmt Ramón meine Hand von der Klinke, schlüpft in mein Zimmer und schließt die Tür hinter uns. „Querida, querida, hör auf zu weinen, bitte. Lass mich zu Ende sprechen, ja? Komm, setz dich aufs Bett.“ Mit diesen Worten zieht er mich zum Bett und drückt mich behutsam darauf. Ich wehre mich nicht, da alle Energie mich verlassen hat und warte auf seine Erklärung.

Er setzt sich neben mich, nimmt meine Hände in seine und beginnt: „Es tut mir unendlich leid, welchen Kummer ich dir mit meinen feigen, egoistischen und hässlichen Worten gemacht habe. Gestern, als du mir deine Gefühle gestanden hast, überkam mich eine riesengroße Panik. Du weißt, dass ich bisher feste Beziehungen eher gescheut habe – außer bei Esma – und so bekam ich Angst – redete mir ein, dass es ganz und gar nicht in meine jetzige Lebenssituation passen würde und eine Fernbeziehung viel zu kompliziert wäre … aber, was ich nicht wahrhaben wollte, waren die Gefühle, die ich längst für dich entwickelt habe. Ja, meine süße Valeska: Ich liebe dich!“

Ich keuche vor Überraschung auf, schaue ihn fest an, kann nicht glauben, dass er diese Worte ernst meint, sehe in seinem Blick aber die reinste Aufrichtigkeit.

„Ich liebe dich“, wiederholt er eindringlich, „und ich möchte mit dir zusammen sein!“

„Oh Ramón“, stammle ich.

„Ramón! Ich … ich liebe dich auch! Ich verzeihe dir.“

Auf seinem Gesicht breitet sich ein erleichtertes Lächeln aus. Immerhin, er war sich nicht sicher, dass ich seine Entschuldigung annehme. „Aber wie soll es weitergehen?“, frage ich. „Wie sollen wir es schaffen, eine Beziehung auf diese Distanz zu führen? In dreieinhalb Wochen bin ich hier weg!“

Er zieht mich eng an sich, und es fühlt sich so gut und so richtig in seinen Armen an, dass ich mich fallenlasse. Er küsst mich, dabei murmelt er zwischendurch. „Wir finden eine Lösung, querida. Für eine aufrichtige Liebe gibt es immer einen Weg.“

Er küsst mich weiter und will mich aufs Bett drücken, aber ich stemme mich dagegen und sage: „Stopp, was wird das jetzt, Ramón? Versöhnungssex?“

Er guckt mich treuherzig an und meint: „Ja, ich hatte es zumindest gehofft, meine Schöne. Nun, wo alles geklärt ist …“

„Moment, geklärt ist noch nichts!“, entgegne ich, vielleicht eine Spur zu scharf, als ich sein enttäuschtes Gesicht sehe. „Ramón, ich kann das nicht! Vor 24 Stunden hast du Schluss mit mir gemacht, und jetzt soll alles plötzlich wieder gut sein? Du musst mir bitte etwas Zeit geben, dass meine Gefühle da nachkommen können.“

Er schaut mich traurig, aber auch sehr verständnisvoll an und sagt: „Du hast recht. Ich verlange zu viel von dir.“

„Geh, bitte!“, flüstere ich. Tatsächlich steht er auf und dreht sich um. Ich hätte nicht gedacht, dass er einfach geht, bin aber froh, denn in meinem Kopf sprudeln die Gedanken wild durcheinander. Leise fällt die Tür ins Schloss. Ich lasse mich auf mein Bett sinken und nehme die Hände vors Gesicht.

„Yannick“, sage ich schließlich, „ich muss mit Yannick darüber sprechen!“ Ohne lange zu fackeln nehme ich mein Handy und wähle die Nummer meines Cousins. Er ist nur ein Jahr älter als ich und ich kann mit ihm über alles sprechen. Er ist ein echter Frauenversteher.

Es dauert etwas, dann nimmt er das Gespräch mit einem etwas atemlosen „Ja, hallo?“ an.

„Yannick, ich brauche Rat in Liebesdingen!“, schnattere ich aufgeregt los.

„Oh, Leska, Süße, leider ist der Zeitpunkt extrem ungünstig …“, beginnt mein Cousin und plötzlich höre ich eine wohlklingende sexy Männerstimme, die bestimmt sagt: „Hör zu, Valeska König. Dein Cousin braucht dringend eine Auszeit und die hat er gerade mit mir. Es macht dir doch nichts aus, später anzurufen!“ Kim Johannsen, Trainer in einem Hamburger Nobelfitnessklub legt viel Nachdruck in seine Stimme. Er ist seit zwei Jahren mit Yannick zusammen und als dieser mich ihm das erste Mal bekannt machte, hätte ich mich fast in ihn verliebt.

Zum Glück stellte Yannick sehr schnell klar, dass Kim schon an ihn vergeben war und so wurden wir sehr gute Freunde.

„Bitte, Kim, ich habe ausgewachsenen Liebeskummer!“, schreie ich geradezu in den Apparat.

Das hat mein Cousin gehört, denn schon höre ich ihn wieder klar und deutlich sagen: „OMG Leska! Etwa wegen Ramón, diesem Weiberhelden?“

„Äh … ja.“

„Okay, schieß los – Kim massiert mich währenddessen, wenn es dir nichts ausmacht.“

„Solange ihr anständig dabei bleibt“, grinse ich schwach.

„Erzähl, Cousinchen!“

Ich lege los und rede geschlagene fünfzehn Minuten. Schließlich ende ich mit: „… und jetzt hat er gesagt, dass er mich liebt und mit mir zusammen sein will. Es fühlt sich so richtig an, Yanni! Ich fühlte mich seit der ersten Minute gut bei ihm. Auch wenn er manchmal echt den Macho raushängen lässt, ist er einfach ein unglaublich liebevoller Mann, auch klug und …“

„Okay, ich habe es begriffen“, unterbricht er. „Du hast Mister Perfect getroffen. Aber leider, liebste Cousine, sprechen die Fakten gegen deinen Latinoprinzen. Er ist die wandelnde Unzuverlässigkeit und beziehungsscheu. Ich habe mal gehört, wie Oma mit meiner Mutter darüber gesprochen hat. Sie dachten, ich höre nicht zu …“

„Yannick, bitte sag was Positives!“

„Hm, Valeska, du möchtest meinen Rat nicht, kann das sein? Okay, ich sage, versuch es. Was kann noch schiefgehen, außer dass ich mit einer Riesenpackung Kleenex und einer Monstertafel Schokolade in Fuhlsbüttel am Flughafen stehen und dich zwei Tage lang erst mal wieder moralisch aufbauen muss … aber hey, du hast nur ein Leben und du musst deine Fehler machen. Dein Cousin hält dich nicht davon ab!“

„Danke, mein Lieblingscousin!“, rufe ich begeistert aus.

„Hm, schon gut.“ Im Hintergrund höre ich Kim unzufrieden brummeln, also sage ich: „Ich lass euch mal jetzt, danke fürs Zuhören, Yannick, du bist der Beste!“ Lächelnd und erleichtert lege ich auf. Ein Klopfen an der Tür lässt mich ängstlich hochfahren.

„Amor, ich bin es noch mal.“

Ich seufze: „Ramón, ich will keinen Sex!“

Ich höre sein kehliges Lachen und bin plötzlich so glücklich. Er öffnet die Tür und sagt im Türrahmen stehend: „Du bist immer so erfrischend offen! Aber ich wollte fragen, ob du vor dem Essen noch mal kurz zu Black Lightning in den Stall gehen möchtest?“

„Oh, gerne!“, rufe ich und springe schnell vom Bett auf.

Er schenkt mir ein Lächeln, beim dem ich dahinschmelzen könnte und reicht mir seine Hand. Kurz zögere ich, aber dann ergreife ich sie. Schnell gehen wir nach unten und aus dem Haus hinaus.

Nach wenigen Schritten haben wir den Stall erreicht. Ramón öffnet mir die Tür und wir treten ein. Ehe ich mich versehe, hat er mich gegen eine Boxenwand gedrückt, mich fest umschlugen und begonnen, mich sehr fordernd zu küssen. Ich keuche erschrocken auf, dann versuche ich, meinen Mund von seinem zu lösen und ihn wegzuschieben. Erstes gelingt mir, für Zweites ist er zu stark. „Stopp!“, sage ich energisch. Als er nicht reagiert und versucht, mich wieder zu küssen, trete ich fest gegen sein Schienbein.

„Ay!“, ruft er so laut, dass das Pferd in der Box erschrocken wiehert. Zugleich springt er einen Schritt zurück, sodass ich schnell zur Seite trete.

„Sag mal, was fällt dir ein! Ich sagte, kein Sex!“, brülle ich ihn wütend an.

„Du hast eine sadistische Ader“, entgegnet er. „Ich wollte dich küssen, Dummchen. Warum trittst du mich?“

„Weil ich noch nicht Sex mit dir will – vor allem nicht im Stall und kurz vor dem Abendbrot“, sage ich bestimmt.

Er tritt wieder auf mich zu und nimmt mich in den Arm.

„Ach komm, Süße, wir holen uns schnell was von Carmen aus der Küche und entschuldigen uns fürs Abendessen. Komm mit mir - wir verbringen eine Nacht der Lust und Hingabe.“ Er küsst mich, seine Hände wandern meinen Körper hinunter, er drückt mich erneut gegen die Boxenwand und beginnt, am Knopf meiner Jeans zu nesteln. „Komm, wir machen es hier“, flüstert er erregt.

„Nein!“, brülle ich, „was verstehst du daran nicht, Ramón?“

Ernüchtert hält er inne und schaut zu mir herunter.

„Querida, liebst du mich?“

„Ja, sehr, Ramón!“, sage ich voller Inbrunst. „Ich liebe dich.“

„Querida, ich möchte doch nur so viel Zeit mit dir verbringen, weil ich weiß, dass wir uns bald trennen werden. Natürlich solltest du jetzt mit unserer Familie essen. Und ich komme mit und genieße es, neben dir sitzen zu dürfen.“

„Oh Liebling, das hast du schön gesagt. Und mach dir keine Sorgen - vielleicht werden wir uns in drei Wochen trennen. Aber wir werden einen Weg finden, uns wieder zu treffen und dann auch für länger zusammenbleiben können. Ich kann schauen, ob ich meinen Aufenthalt um drei Wochen verlängern kann. Die Uni fängt erst im Oktober an.“

„Würdest du das wirklich machen?“, fragt er.

„Ja klar.“ Wir küssen uns kurz, aber dann erinnere ich ihn an Black Lightning.

„Ach, der hat alles“, sagt er unbekümmert. „Ich wollte dich nur noch etwas für mich haben …“

„Du Schuft“, sage ich empört, „ich habe dir geglaubt!“

Er grinst: „Ich habe halt meine Tricks.“

„Ich bin schon ziemlich naiv“, sage ich ernüchtert.

„Nein, Süße“, sagt er zärtlich und zieht mich eng an sich.

Unter den ungläubigen Blicken von Jost, Isabella und unserer Halbgeschwister betreten wir kurz darauf händchenhaltend das Wohnzimmer.

Ramón erklärt kurz auf Spanisch, dass wir wieder zusammen sind. Ich sitze neben Juanita und Ramón auf der anderen Seite des Tisches mir gegenüber.

„Wie konnte das denn passieren?“, fragt sie mich neugierig. Ich erzähle es ihr knapp. „Ihr seid krass“, sagt sie nur. Dann widme ich mich dem Essen, welches ich mit Appetit zu mir nehme. Jost scheint darüber sehr froh zu sein, da ich seit gestern Mittag praktisch nichts mehr gegessen habe. Ramón ist bestens gelaunt und unterhält uns alle mit lustigen Geschichten - dabei wirft er mir immer wieder schmachtende Blicke zu. Ich überlege auch schon, wie wir uns nach dem Essen unauffällig aus dem Staub machen können, aber da macht mir mein kleiner Halbbruder einen Strich durch die Rechnung.

„Valeska“, wendet er sich in seiner entzückenden Knabenstimme an mich: „Hast du Lust, nach dem Essen mit uns zu spielen? Bitte!“

„Natürlich, Jorge“, erwidere ich spontan, „das können wir gern machen. Wie lange dürft Ihr denn aufbleiben?“

„Bis halb zehn“

„Das ist doch gut, dann machen wir es gleich!“

Als ich Ramóns enttäuschtes Gesicht sehe, wird mir klar, dass er gehofft hat, wir würden nach dem Essen sofort nach oben gehen. Er grummelt aber nur auf Spanisch, dass ihn keiner gefragt hat.

Daraufhin Jorge zuckersüß: „Rami, möchtest du mit uns spielen?“

„Ja, aber ich muss noch mal kurz an die frische Luft“, sagt er, „¿Querida, vienes conmigo?“

„Ja, gerne, Ramón“, antworte ich verblüfft.

„Weißt du, Valeska, du musst nicht gleich springen, wenn Ramón sich was in den Kopf gesetzt hat“, sagt Jost.

„Ist okay, ich würde auch gern etwas frische Luft schnappen. Wir sind gleich wieder da“, entgegne ich.

„Es bringt dir wohl Spaß, mich zu quälen!“, legt er los, kaum, dass wir zur Haustür hinaus sind.

Ich halte inne und schaue ihn forschend und etwas entsetzt an: „Nein, Ramón, warum sollte ich das wollen?“

„Du hast einfach zugestimmt, mit den anderen zu spielen!“, sagt er anklagend. „Dabei möchte ich all die freie Zeit, die wir noch zusammen haben, mit dir verbringen!“

Diese Erklärung rührt mich etwas, aber ich muss auch lachen. „Süßer, das ist lieb, dass du das sagst. Es geht mir doch genauso! Aber trotzdem möchte ich auch Zeit mit meiner neuen Familie verbringen, darum bin ich doch da.“ Er nimmt mich wortlos in den Arm und küsst mich so intensiv, dass ich leise zu keuchen beginne. Schließlich reiße ich mich los: „Okay, Ramón. Wir spielen jetzt mit den anderen und danach komme ich mit auf dein Zimmer, einverstanden?“

„Einverstanden!“, sagt er glücklich.

Als wir ins Wohnzimmer zurückkehren, haben Jorge und Juanita schon Die Siedler von Catan aufgebaut, ein Spiel, welches ich zuhause in Deutschland auch sehr gerne spiele. Jost guckt zwar etwas verwundert drein – er fragt sich wohl, warum wir so schnell zurückgekommen sind – verkneift sich dann aber jeden Kommentar. Wir spielen zu viert und amüsieren uns köstlich. Jost und Isabella schauen fern. Isabella allerdings wirft Ramón und mir immer wieder beunruhigte Blicke zu. Irgendetwas scheint sie sehr zu bedrücken. Jorge gewinnt schließlich triumphierend. Flugs hat Ramón mich vom Stuhl gezogen und seiner Familie eine gute Nacht gewünscht. Ich schaffe es gerade noch, ebenfalls „Gute Nacht“ zu sagen, bevor er mich aus dem Raum zieht.

„Komm, du heiße Frau“, teilt er mir auf dem Weg zur Treppe mit, „jetzt bist du bis Sonntag mein!“ Schnell erreichen wir sein Zimmer, und er wirft mich mehr, als dass er mich legt, auf sein Bett. Er beugt sich über mich und sagt: „Ich werde dich vor Sonntag nicht aus dem Bett lassen!“

„Oh, sage ich, „und wenn ich auf Klo muss?“

„Na gut“, sagt er gönnerhaft, “aber das ist auch alles!“

Dann küsst er mich, und wir versinken in unserer Leidenschaft.

JOST

Stirnrunzelnd sehe ich den beiden nach. „Sie macht alles, was er sagt!“, sage ich anklagend. Isabella erwidert etwas Besänftigendes, aber sie sieht immer noch sehr beunruhigt aus. Schnell schicke ich die Kinder zu Bett, dann wende ich mich an meine schöne Frau und frage sie besorgt: „Liebling, was ist los? Du bist schon den ganzen Abend so abwesend und du scheinst beunruhigt!“

„Ich mache mir riesige Sorgen wegen Ramón!“, stößt sie hervor.

„Hm … ich mache mir eher Sorgen um Valeska. Sie wird in wenigen Wochen am Boden zerstört sein, wenn sie abreist! Aber entschuldige. Weshalb machst du dir Sorgen?“

„Er hat sich ja schon seit einiger Zeit anders benommen … du hast es doch letzte Woche auch bemerkt, als wir ihn zur Rede stellten, ob er wieder in verbotene Dinge verstrickt sei … er stritt es ja ab … und jetzt sein komisches Verhalten - diese unmögliche, herzlose und knallharte Zurückweisung gestern und heute wieder vereint, als wäre nie was gewesen.“

„Ach komm, Isa, das ist doch typisch Ramón“, versuche ich sie zu beruhigen. „Er hat Muffensausen bekommen, weil Valeska ihn mit ihrem Bekenntnis zu einer Entscheidung zwang, und damit kam er nicht zurecht … dann hat er sich volllaufen lassen, bemerkt, dass sie ihm etwas bedeutet und sich wieder umentschieden. Ich finde daran nichts Ungewöhnliches, wenn man Ramón kennt!“

„José, es gibt Sachen, von denen du nichts verstehst“, antwortet sie heftig. „Kurz nachdem Enrique und ich zusammengekommen waren, stand er eines Tages vor meiner Tür in Asunción, als ich von der Uni nach Hause kam und sagte, dass er nicht mit mir zusammen sein könne, er habe sich geirrt und würde mich nicht lieben. Ich war natürlich sehr schockiert und wollte mit ihm darüber reden. Ich bat ihn herein, aber er meinte, er würde es mir lieber vor der Tür sagen wollen, dann wäre er mich schneller los. Ich flehte ihn an, aber er war unbarmherzig. Enrique erklärte mir, dass ich zwar ein recht hübsches und kluges Mädchen sei und ganz gut im Bett, er aber nicht in mich verliebt wäre. Dann wünschte er mir noch alles Gute und ließ mich einfach so stehen. Ich war am Boden zerstört.“ „Oh Liebling, diese Geschichte kenne ich ja noch gar nicht!“, rufe ich betroffen aus.

„Was war denn in ihn gefahren? Ich dachte immer, ihr wart ganz verliebt ineinander und das Traumpaar schlechthin!“

„Er war natürlich damals schon bei LOPED!“, schnaubt sie. „Als es zwischen uns ernst wurde, befürchtete er, mir könnte etwas zustoßen, oder das Regime würde ihn mit mir unter Druck setzen, sollten sie ihn erwischen. Er beschloss daher, mit mir Schluss zu machen. Natürlich wusste ich das nicht“, fährt sie etwas bitter fort. Schnell schließe ich meine Frau in die Arme, der Kummer von damals steht ihr ins Gesicht geschrieben.

„Am nächsten Tag begab ich mich zu Enriques Wohnung und wartete auf der Treppe auf ihn, bis er von der Uni kam. Als er mich erblickte, fragte er mich gequält, ob er am Vortag nicht deutlich genug gewesen wäre. Und ich sagte Folgendes zu ihm: Ich glaube dir nicht, Enrique Martinez Torres! Du trägst mich seit drei Wochen auf Händen. Ich liebe dich inständig, und wenn wir zusammen sind, ist es, als ob wir erst dann komplett sind. Bis gestern waren wir sehr glücklich! Ich weiß, dass du mich liebst und wir zusammengehören. Ist es vielleicht eine Frau aus deiner Vergangenheit, die dich unter Druck setzt? Sag endlich, was wirklich los ist! Aber er antwortete mir, dass keine andere im Spiel sei, sondern er einfach kein guter Mann für mich wäre und er Unglück über mich bringen könnte. Ich versicherte ihm, dass er der beste Mann wäre, den ich mir vorstellen konnte. Wenn uns je ein Unglück ereilte, würden wir es gemeinsam durchstehen, weil wir zusammengehörten. Und da gestand er mir, dass er mich auch noch liebte …“

Ein lautes, weibliches Stöhnen gefolgt von einem genauso lauten, männlichen unterbricht Isas Erzählung. Genervt blicke ich zur Decke, über der sich Ramóns Zimmer befindet und verdrehe die Augen. „Warum müssen sie immer so laut sein?“

„Ach, José, sie sind jung und leidenschaftlich. Aber du verstehst jetzt, warum ich so beunruhigt bin?“

„Isabella, Liebling“, sage ich und nehme sie beruhigend in die Arme und streichle sanft ihr Haar. „Das war doch eine ganz andere Situation damals. Ich finde, unser Ramón hat sich gestern - und auch heute – ganz typisch verhalten. Valeskas Geständnis hat ihm Angst eingejagt, deswegen hat er ihr diese gemeine Abfuhr erteilt. Er hatte Angst vor Gefühlen und den Komplikationen, die in diesem Fall zwangsläufig auftreten werden. Aber du weißt, wie wankelmütig er manchmal sein kann, und so hat er sich nach einem heftigen Besäufnis wieder umentschieden. Sie schaut mich zweifelnd an: „Jost, ich habe ein schlechtes Gefühl! Es klingt so, wie bei Enrique und mir …“

„Woher wusstest du überhaupt, dass es bei Enrique wegen LOPED war?“, möchte ich wissen. „Er war schließlich auch ein großer Frauenheld!“

„Pedro hat es mir nach der Beerdigung erzählt“, erklärt sie. „Vielleicht sollte ich ihn einfach fragen, ob Ramón wieder für ihn arbeitet?“

„Nein, Isa! Das möchte ich nicht!“, erkläre ich vehement. „Ich möchte nicht, dass du mit ihm Kontakt aufnimmst. Er ist ein Verbrecher – zumindest sieht unsere Regierung es so. Ich möchte nicht, dass man dir eine Verbindung zu ihm oder LOPED nachweisen kann. Komm, Süße, du machst dir zu große Sorgen! Es ist alles gut!“

Widerstrebend gibt sie nach. Um sie vollends von ihrem Kummer abzulenken, ziehe ich sie an mich und beginne, sie zärtlich zu küssen. Erst versucht sie, mich abzuwehren und sagt: „Nicht hier, José, wenn die Kinder noch mal runterkommen!“, aber dann habe ich sie schon auf den Arm genommen und trage sie in Richtung Treppe. Sie schreit leise auf, aber es klingt sehr zufrieden. Sie küsst mich, als ich sie – etwas keuchend – die Treppe hinauftrage und auf unserem Bett angekommen, versinken wir in ein wildes, leidenschaftliches Spiel.

Freitag, 06.08.99

VALESKA

„Buenos Dias, mi ricura“, höre ich eine zärtliche Stimme an meinem Ohr, wobei sich gleichzeitig ein warmer, fester und nackter Körper an den meinen presst.

„Oh, hola, Ramón, darling“, murmele ich sehr verschlafen, aber mit einem großen Gefühl der Glückseligkeit, als mir nach und nach die Ereignisse des letzten Tages und der Nacht einfallen. Ich kuschele mich an ihn und sage: „Es ist so schön mit dir!“ Dann halte ich inne, drehe mich zu ihm um und sage fassungslos: „Ramón Martinez Ortega, hast du etwa einen Steifen? Meine Güte, nimmst du etwa Viagra?“

„Hahaha!“, lacht er und kriegt sich kaum ein, „das Zeug werde ich hoffentlich erst in 40 Jahren brauchen! Nein, Süße, das ist nur die Morgenlatte - die haben alle Männer vor dem Aufstehen. Aber wenn du es wünscht, señorita bonita, stehe ich zu deiner Verfügung!“

„Es ist sehr verführerisch, aber wir sollten nun wirklich eine Pause einlegen“, sage ich und küsse ihn leicht auf den Mund.

„Oh, warum küsst du mich dann so anregend?“, beschwert er sich. „Bist du immer so vernünftig?“

„Ja“, gebe ich freimütig zu. „Ich bin ein braves Mädchen.“

Ein breites Grinsen überzieht sein Gesicht. „Ein braves Mädchen? No, chica, du bist alles, aber kein braves Mädchen! Das hast du spätestens diese Nacht bewiesen!“ Er lacht und küsst mich.

Derweil bin ich puterrot geworden, als ich an die letzte Nacht denke.

„Hey, pequeña, du sollst dich nicht schämen. Du bist eine großartige Frau, die weiß, was sie will und es sich nimmt. Die Nacht gestern war außergewöhnlich! Ich werde nicht vergessen, wie du …“ Der Beginn seiner detaillierten Schilderung unserer Nacht wird vom überlauten Knurren meines Magens unterbrochen.

„Oh, du hast Hunger!“, ruft er betroffen aus. „Ich hole uns sofort etwas zum Frühstück ans Bett. Möchtest du Matetee oder Kaffee?“

Ich ordere den Tee, als mir noch etwas einfällt. „Ramón, du wolltest mir doch Blut abnehmen.“

„Ja, sehr gut, dass du mich daran erinnerst!“ Er tritt an ein Regal und zieht aus seiner Schublade eine sterile Spritze, Desinfektionsmittel, Tupfer und Pflaster heraus. Dann reicht er mir ein Glas Wasser. „Hier, trink erst mal.“

Ich gehe dann noch schnell aufs Klo, während Ramón in der Zwischenzeit unser Frühstück holt. Er stellt das Tablett mit köstlich aussehendem Inhalt ab, dann macht er sich schnell und geschickt ans Werk.

„Das hast du super gemacht!“, lobe ich ihn.

„Oh, keine große Sache, ich musste während meines Praktikums so oft Blut abnehmen, und wir üben es auch im Studium regelmäßig“, entgegnet er lässig. „Wir fahren nachher in den Ort, und dann lassen wir es bei meiner Bekannten im Labor testen. Ich bringe es schnell in den Kühlschrank. Du bleibst hier im Bett und ruhst dich aus. Dann frühstücken wir!“

90 Minuten später sitzen wir in Ramóns Golf und fahren in die nächstgelegene Stadt. Wie nicht anders zu erwarten, lenken wir uns gegenseitig so ab, sodass Ramón plötzlich das Steuer verzieht und sich ein wütendes Hupkonzert einfängt, als er kurz auf die Gegenfahrbahn schlingert.

Ich schreie entsetzt auf: „Oh, Gott, Ramón!“

„Alles gut, chica. Es ist nichts passiert!“, beruhigt er mich. Davon will ich nichts wissen: „Oh nein, wir behalten jetzt unsere Finger bei uns!“ Er schaut etwas beleidigt, aber er gehorcht.

Kurz darauf haben wir die Innenstadt erreicht, wo wir vor dem Labor parken. Hand in Hand betreten wir das Geschäft. Ramón hat seine Bekannte schon vorher angerufen und so wartet sie auf uns, als wir eintreten.

RAMÓN

„Hola, Cristina!“, grüße ich die junge Frau mit ausgiebigen Wangenküssen. Cristina legt mir vertraulich einen Arm um die Hüfte. Wir lachen und scherzen, bis sie schließlich sagt: „So, ich soll das Blut von deiner neuesten Flamme untersuchen? Also die Kleine sieht ziemlich brav und unschuldig aus. Sicher, dass sie nicht noch Jungfrau war?“

„Nein, das sicher nicht, Cristina. Sie sieht vielleicht brav aus, aber im Bett ist sie eine leidenschaftliche Frau!“

„Aha. Na gut, ich prüfe auf alle üblichen Krankheiten, mein Hübscher. Wann treffen wir uns zur Begleichung der Rechnung?“ Sie schaut mir dabei sehr verführerisch in die Augen.

„Äh, nein, Cristina, perdon“, sage ich, während ich instinktiv zurückweiche. „Diesmal zahle ich dir Geld, meine Liebe. Die Kleine ist mir sehr wichtig!“

„Also bitte, Ramón! Ernsthaft? Wegen der Kleinen? Das sagt der Mann, der mich so lange gefickt hat, bis ich wund war und eine Woche nicht mehr mit meinem Freund schlafen konnte! Ich bin enttäuscht!“

Gerade will ich etwas entgegnen, als ich merke, wie Valeska von hinten an mich herantritt, mir energisch den Kopf nach unten zieht und mich sehr erregend zu küssen beginnt.

Oh, denke ich, wie nett. Dann geht mir auf, dass sie eifersüchtig ist! Mein Blut schießt sofort nach unten und beschert mir eine prächtige Erektion, so sehr erregt es mich. Ich küsse sie noch mal sehr fest zurück, dann löse ich mich von ihr und sage etwas atemlos: „Valeska, te presento Cristina, una amiga vieja – Cristina, te presento Valeska, la hija alemana de José!“

„Freut mich, Kleine!“, sagt Cristina gönnerhaft auf Englisch. „Ich wünsche dir viel Spaß mit Ramón, solange es geht. Irgendwann wirst du ja nach Deutschland zurückkehren, oder?“

„Ja, danke“, antwortet Valeska kurz angebunden.

Ich beschließe, die Angelegenheit abzukürzen, um peinliche Szenen zu vermeiden. Also strecke ich Cristina schnell das Geld und die Blutröhrchen entgegen, die diese mit einem „Gracias, du kannst Montag anrufen“, annimmt.

Ich verabschiede mich schnell und ziehe Valeska aus dem Laden. Draußen presse ich sie gegen die nächstbeste Hausmauer und küsse sie ausgiebig. Meine Erektion kommt sofort wieder, aber verschwindet unsanft, als meine Schöne mich zurückstößt und empört fragt: „Was war das eben? Was läuft zwischen dir und Cristina?“

Den Namen spuckt sie so verächtlich aus, als wäre meine gelegentliche Bettgefährtin eine Schwerverbrecherin.

„Querida mía“, sage ich besänftigend, „beruhige dich, bitte!“

„Dieses Flittchen hat doch offen mit dir geflirtet! Dir schien es auch sehr zu gefallen! Was läuft da zwischen Euch? Sie testet dein Blut und das deiner Gespielinnen, und dafür schläfst du mit ihr?“

Hochempört und rot im Gesicht steht sie vor mir. Ich muss fast lachen, weiß aber, dass ich das jetzt absolut nicht darf. „Äh, ja, querida“, gebe ich also zu. „Aber du hast doch gesehen, dass ich sie diesmal bezahlt habe!“, setze ich flehend hinzu. „Ich habe nicht mit ihr geflirtet, Valeska, ich schwöre es dir!“

„Hm“, sagt sie zögernd, „du bist trotzdem ein schlimmer Junge.“

„Ja“, grinse ich. „Dafür musst du mich unbedingt bestrafen. Ich mag es manchmal, wenn die Frau die Domina spielt!“

Sie tritt dicht an mich heran, küsst mich und beißt mir spielerisch in die Unterlippe. Ich zucke leicht zusammen, weil es etwas weh tut. Dann sagt sie: „Chico, sag das nicht zu oft. Es könnte sein, dass ich Lust habe, es eines Tages auszuprobieren und dann wirst du eine Woche lang nicht sitzen können, weil du so ein ungezogener Junge bist.“

„Oh. Süße, du bist so geil!“, stöhne ich. „Das macht mich echt an!“

„Hm, möchtest du, dass ich dir heute Abend zeige, wo es lang geht?“, fragt sie interessiert.

„Ähm – vielleicht sollten wir damit warten, bis wir in Asunción sind“, meine ich abwehrend. „Die … ähm … Geräusche könnten Jost alarmieren, und das ist vielleicht doch etwas peinlich, okay?“

„Oh, absolut!“, sagt sie schnell. „Das geht auf keinen Fall!“ Sie gibt mir einen erstaunlich festen Klaps auf den Hintern und sagt: „Aber ich vergesse es nicht! Du kommst mir nicht ungestraft davon!“

„Ja, Herrin!“, sage ich gespielt demütig. “Aber jetzt lass uns noch das schöne Wetter genießen. Wir können was essen gehen und dann noch ein bisschen am Fluss spazieren, wo wir neulich waren. Da ist doch diese versteckte, reizvolle Ecke …“ Ich ziehe sie an der Hand mit und lachend folgt sie mir.

VALESKA

Wir verbringen einen wundervollen Nachmittag. Zum Essen führt Ramón mich in ein typisch paraguayisches Restaurant, und ich genieße ein wundervolles Mahl.

Wir flirten, schauen uns verliebt an, lachen, küssen uns und unterhalten uns über alles Mögliche. Noch nie habe ich einen Menschen getroffen, mit dem ich mich so rückhaltlos offen und einfach über alles austauschen kann. Wir flanieren verliebt an der Uferpromenade entlang. Unser Versteck ist tatsächlich besetzt. Schnell treten wir den Rückzug an, als wir dort ein junges Pärchen, fast jünger als wir, überraschen, die sich sehr eingehend befummeln.

Als wir zurück auf dem Gehweg sind, fangen wir an zu lachen und laufen eine ganze Weile prustend über die Promenade. Schließlich setzen wir uns an einer hübschen Stelle direkt an den Fluss und sonnen uns, Ramón legt sich rücklings hin und ich lege meinen Kopf in seine Armbeuge. Es ist so schön, diese Zweisamkeit, und ich wünschte, es kann immer so sein.

Am späten Nachmittag geht es nach Hause. Dort entschuldigt Ramón sich, da er sich etwas um Black Lightning kümmern und ihn bewegen muss. Ich bin froh über die Atempause und telefoniere mit meinen Eltern in Deutschland. Dort ist nun später Abend – 22:00 Uhr - und so erwische ich nur Papa bei uns zuhause. Wir reden eine Weile, bis ich sage: „Du, Papa, ich möchte meinen Aufenthalt noch um drei Wochen verlängern. Ich käme dann zwei Wochen vor Beginn der Uni zurück.“

„Aha, Warum das denn, Valeska?“, möchte er wissen.

Natürlich könnte ich ihm erzählen, ich möchte noch mehr Zeit mit Jost verbringen, aber ehrlich, wie ich bin, sage ich: „Isabellas Sohn und ich haben uns ineinander verliebt. Wir möchten noch etwas mehr Zeit miteinander verbringen.“

Auf der anderen Seite des Atlantiks ist es erstmal still, dann dringt Papas Stimme energisch durchs Telefon: „Reden wir von Ramón? Leska, das finde ich überhaupt nicht gut! Ramón ist ein Frauenheld, der sich nie verliebt oder bindet. Er wird dir wehtun, über kurz oder lang. Überhaupt, wie stellst du dir so eine Beziehung über 6000 Kilometer vor? Das funktioniert nicht, Leska! Nein, Fräulein, schlag dir den jungen Mann ganz schnell aus dem Kopf!“