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Es läuft gut für Mark: Seine Freundin ist bildhübsch, er wohnt mit seinem besten Freund zusammen und im Studium befindet er sich auf der Zielgeraden. Bis ein grauenvoller Tag alles auf den Kopf stellt. Jahre später: Mark geht alles ganz anders an. Ohne Rücksicht auf Verluste nimmt er sich das, was er will. Aber parallel zu seinem früheren Leben als Student droht auch hier ein Absturz ungeahnten Ausmaßes...
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Seitenzahl: 190
Veröffentlichungsjahr: 2021
Sascha M. Köhler hatte schon immer eine kreative Ader, die er im privaten Bereich nutzte: Photo-, Video- oder Audio-Bearbeitung sowie kleine Texte erstellte er stets für private Zwecke. Erst nachdem er eine Familie gründete und sesshaft wurde, kam er auf die Idee Kurzgeschichten und Bücher zu veröffentlichen.
Hauptberuflich arbeitet er in der EDV Industrie und betreibt das Schreiben nur nebenbei. Er lebt mit seiner Familie südlich von Stuttgart.
Vielen Dank an meine Familie für alles und an Natalie B. für die Ermutigungen!
Sascha M. Köhler
parallel Fall
Impressum
© 2021 Sascha M. Köhler
Umschlag, Illustration: Sascha M. Köhler
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback
978-3-347-25594-4
Hardcover
978-3-347-25595-1
e-Book
978-3-347-25596-8
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Alle beschriebenen Charaktere sind rein fiktiv. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig.
Hinweis: Der Text enthält sexuell explizite Inhalte und ist nicht für Kinder geeignet!
Arbeitstag
Vorstellungsgespräch
Elternbesuch
Prüfungsvorbereitung
Zielvereinbarungen
Kampfeinsatz
Mittagspause
Dessert
Fußballabend
Heimkur
Überholvorgang
Nachhilfe
Schrankaufbau
Starthilfe
Sturmfrei
Konsumfreude
Controlling
Desaster
Offenbarung
Neubeginn
Epilog
Arbeitstag
Scheißtelefon!, dachte Mark, als sein Apparat klingelte. Genervt schaute er von seinem Computerbildschirm auf, ergriff den Hörer und meldete sich: „Kessler?“
„Ja, Berthold hier. Störe ich gerade?“
Mark lehnte sich im Sessel zurück und seufzte. Zwar war er gerade mit Solitär beschäftigt, aber offiziell war er natürlich immer voll ausgelastet. Den Anrufer, einen gewissen Stefan Berthold mochte er irgendwie nicht. Vor 2 Wochen wurde der durch die Büros geführt. Der war einfach zu nett und glatt. Ein übermotivierter Berufsanfänger, der vielleicht eine große Karriere vor sich hatte. So viel Arbeitseifer war Mark zuwider.
Bügel ihn ab!, dachte er nur.
„Sitze gerade vor der Planung für das Tau-Projekt. Um was geht es denn?“
Gelangweilt blickte er aus dem Fenster seines Büros. Obwohl die Sonne nicht schien, hatte er die Jalousien halb herunter gelassen. Graue Wolken zogen träge dahin. Auf der Straße war der Verkehr schon relativ dicht. Immerhin, da konnte der Feierabend auch nicht mehr so lange auf sich warten.
„Oh, sorry. Wollte nur mal fragen, ob Sie schon Zeit hatten, meine E-Mail zu lesen.“ Berthold war eine gewisse Unsicherheit und Vorsicht anzumerken.
„Ja, natürlich“, war Marks Antwort. Er erinnerte sich vage an den Eintrag in seinem elektronischen Postkorb. Seine rechte Hand lies den Mauszeiger über den Bildschirm huschen und brachte sein E-Mail-Programm in den Fokus. Zwei Mausklicks später hatte er die E-Mail von Berthold vor sich. Er überflog die ersten paar Zeilen, um sich ein Bild zu machen. Es ging wohl um einen Verbesserungsvorschlag für die Fakturierung.
So ein Streber! Ein Veränderungsvorschlag noch in der Probezeit? Hat der kein Privatleben?, schoss es Mark durch den Kopf.
„Wie wollen Sie denn eine Effizienzsteigerung genau erreichen?“, fragte er. Die Frage schien die richtige zu sein. Sofort hörte man eine Veränderung in Bertholds Stimme, der nun mit Eifer seinen Vorschlag erklärte. Mark hatte Schwierigkeiten den Ausführungen zu folgen und gleichzeitig noch mehr von der E-Mail zu lesen. Irgendwann hatte er den roten Faden verloren und das Gespräch wurde richtig anstrengend.
„Ok, das klingt ganz gut“, fiel Mark in den Vortrag von Berthold ein, „Können Sie das mal genauer ausführen? Vielleicht in einem Konzept? Das wäre eine gute Diskussionsgrundlage.“
Mark war froh über seine Idee und in Gedanken hatte er das Telefonat schon abgehakt.
„Ja, na klar!“, war Bertholds Antwort. Er schien Marks Desinteresse nicht zu bemerken. Im Gegenteil, seine Antwort schien ihn noch zu ermutigen.
„Also, ich muss dann mal weitermachen“. Mark beendete das Gespräch und widmete sich seinem Rechner. Er schloss die E-Mail und brachte wieder das Kartenspiel hervor.
Nach einer weiteren Viertelstunde unproduktiver Zeit verriet ihm ein Seitenblick, dass sein Kaffee kalt geworden war. Angesichts der fortgeschrittenen Stunde – es war halb Fünf am späten Nachmittag – lohnte eine neue Tasse nicht mehr. Er fuhr seinen Computer herunter und schaltete das Licht in seinem Büro aus.
Das Bürogebäude hatte einen dicken mausgrauen Teppich, der die Geräusche dämpfte. Es roch leicht muffig, obwohl jeden Tag die Putzkräfte aktiv waren. Jedes Büro hatte eine Tür mit Milchglas. So konnten Kollegen zwar Bewegungen erkennen, aber etwas Privatsphäre war trotzdem vorhanden. Just als er seine Bürotür schloss kam in diesem Moment seine Kollegin Astrid um die Ecke des Flurs. Wie immer, wenn er sie sah, begann sein Herz merklich schneller zu klopfen. Das lag nicht nur an der speziellen Beziehung, die er zu ihr hatte, sondern auch an Ihrer Erscheinung: sie trug meistens ein eng geschnittenes Kostüm oder einen modischen Hosenanzug und sah darin einfach sagenhaft aus.
„Hallo Frau Fuhrmann!“, begrüßte er sie.
„Na, Herr Kessler!“, lächelte sie ihn an.
Die ist bald wieder fällig!, schoss es ihm durch den Kopf.
Er grinste zurück und musterte ihr hübsches Gesicht. Sie hatte einen bronzefarbenen Teint und brünette Locken. Dazu noch braune Augen, dass man sie glatt für eine Südeuropäerin halten könnte. Aber der Name Astrid Fuhrmann verriet ihre Herkunft ziemlich eindeutig. Im Prinzip war Mark der Name auch egal, wenn er einem so bezaubernden Wesen gehörte. Sie stellte sich recht dicht vor ihn – nicht zu dicht fürs Büro, aber dicht genug, dass er ihr Parfum riechen konnte und schaute zu ihm auf.
„Bin gerade erst zurück, hatte einen Termin“, flötete sie.
„Ich wollte gerade Feierabend machen“, stellte er das offensichtliche fest. „Vielleicht können wir Morgen ja mal zusammen essen gehen?“
„Sehr gerne! Ruf mich einfach an!“
Nach einem weiteren verführerischen Blick und einer gehauchten Verabschiedung schwebte sie zu ihrem Büro. Am liebsten hätte er sie geküsst, aber hier im Büro mussten sich beide zurückhalten. Mark überlegte, ob er Morgen wieder eine lange Mittagspause einlegen konnte. Alle seine Projekte mussten in der Vergangenheit schon unter dieser Affäre leiden, aber das war ihm egal.
Mark grinste in sich hinein, als er sich ausmalte, was er Morgen mit Astrid anstellen würde. Gedankenverloren nahm er den Lift ins Erdgeschoss und marschierte Richtung Parkplatz.
Er steckte sich eine Zigarette an und nahm die Fahrt nach Hause nur teilweise wahr. Trotz Stau und vieler Ampeln war er mit den Gedanken bei Astrid. Er wunderte sich, als er in die Straße einbog, wo seine Mietwohnung lag – vom Nachhauseweg hatte er gar nichts mitbekommen. Erst als er vor seiner Haustür stand, wurden seine Gedanken auf etwas anderes gelenkt: Am Wochenende würden seine Eltern zu Besuch kommen und das war kein Termin, der bei ihm Vorfreude auslöste. Das waren immer anstrengende Stunden für ihn, die er am liebsten im Zeitraffer erleben würde.
Mit einem Seufzer öffnete er die Tür und trat ein. Deutlich hörbar lief der Fernseher. Veronika war also schon da und sah irgendeine Seifenoper.
Muss die immer schon zu Hause sein?, ärgerte er sich.
Noch in seinen Straßenschuhen betrat er das Wohnzimmer und spähte hinein.
„Hallo Schatz! Wie war Dein Tag?“, wollte Veronika wissen. Sie trug eine blaue Jogginghose und ein einfaches weißes T-Shirt.
„Geht so.“
„Hast Du Hunger? Ich habe uns einen Salat gemacht.“
„Danke, aber ich habe keinen Hunger!“, entgegnete er. Das entsprach nicht ganz der Wahrheit. Aber Mark hatte einfach keine Lust auf gesunde Rohkost.
Er ließ sich aufs Sofa fallen und starrte geistesabwesend auf die Mattscheibe.
„Hast Du schon bei der Arbeit gegessen?“
Mark erinnerte sich an die Mittagspause, die er mit der neuen Auszubildenden verbracht hatte. Ewig musste er dafür herum graben, nur um beiläufig herauszufinden, dass die „sehr glücklich“ mit ihrem Freund war. Na großartig!
„Ja, mit ein paar Kollegen war ich beim Italiener.“
„Na schön, dann esse ich eben allein.“
Ihre Stimme klang etwas enttäuscht. In der Werbepause stand sie auf und ging in Richtung Küche. Mark saß immer noch in seiner Jacke und in Schuhen vor dem Fernseher. Obwohl sich nichts sonst regte, nahm er die Fernsehbilder kaum wahr. Kaugeräusche von links sagten ihm, dass Veronika wieder ihren Platz eingenommen hatte. Es roch nach Gewürzen und frischen Salatblättern. Mark schaute herüber und musterte seine Partnerin. Sie war wieder ganz in die Flimmerkiste versunken und stach blind mit der Gabel in den Salat. Ihre dunklen Haare waren hinten zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden und sie trug ihre bequeme Wohlfühl-Kleidung. Ihr Teint war sehr hell und ihr rundlicher Körper wurde von der Kleidung gut versteckt. Vor langer Zeit war er mal verrückt nach Ihr gewesen. Aber jedes Mal, wenn er sie ansah, verglich er sie nur mit Astrid oder anderen Frauen, die er kannte. Dabei zog Veronika stets den Kürzeren.
„Gehst Du heute Abend zum Training?“, wollte sie wissen.
Mark überlegte kurz: ein Abend mit Veronika vor dem Fernseher gegen einen Abend mit den Trainingskollegen, einem Ball hinterher jagend. Eigentlich hatte er auf beides keine Lust.
„Ja, auf jeden Fall!“, erwiderte er.
Kurze Zeit später stand er auf und ging ins Schlafzimmer, um seine Sporttasche zu packen. Früher war er ein passabler Volleyballer, aber mittlerweile hielt sich seine Motivation in Grenzen. Durch sein merklich gestiegenes Körpergewicht war er auch nicht mehr so spritzig und hatte deutlich mehr Mühe, dort zu stehen, wo der Ball hinkam. Egal, Hauptsache es machte ihm noch Spaß und sorgte für etwas Ablenkung.
Nachdem er seine Tasche in Zeitlupentempo gepackt hatte, kehrte er ins Wohnzimmer zurück. Auf dem TV-Schirm lief ein Boulevardmagazin. Veronika wollte ihn in ein Gespräch verwickeln, aber Mark wollte einfach nur seine Ruhe haben. Er stahl sich in die Küche und naschte ein paar Stücke Schokolade. Obwohl die Küche kein gemütlicher Raum war, setzte er sich an den kleinen Tisch dort. Er las etwas Zeitung, um die Zeit zu erschlagen.
Einige Zeit später war er unterwegs auf der Straße und fuhr den altbekannten Weg in einen anderen Stadtteil zu der großen Schulsporthalle. Viele Bäume umrahmten das Gelände, das Mark so gut kannte. Als er selbst früher hier zur Schule ging kam ihm alles viel größer vor. Das Gefühl, was diese Schule bei ihm auslöste war ein Merkwürdiges: teilweise war ihm heimelig und er fühlte sich zu Hause. Andererseits beschlich ihn eine gewisse Beklommenheit, weil er nach so vielen Jahren immer noch dieselbe Institution besuchte – wenn auch aus einem anderen Grund als früher.
Auf dem Parkplatz standen schon zwei Autos, die er kannte: die Fahrzeuge von Thorsten und Erika. Beide standen rauchend neben der Eingangstür. Thorsten war ein sympathischer Kerl, Mitte Dreißig und eigentlich zu gut für diese Mannschaft. Wenn er den Ball halbwegs gut zugespielt bekam, dann machte sein Team häufig den Punkt. Mit seiner imposanten Größe von Eins Neunzig war er gefürchtet am Netz und doch unheimlich beweglich. Erika stellte den kompletten Gegenentwurf dar: sie wirkte eher klein und plump. Im Spiel stellte sie sich tapsig an. Nach spätestens drei Ballwechseln erkannte das auch sofort jede gegnerische Mannschaft. Das einzig spritzige an ihr waren die kurzen, roten Haare. Sie stellte so etwas wie die Seele der Mannschaft dar – oder spöttisch ausgedrückt das Maskottchen.
Als er den Motor abstellte bemerkte er überrascht eine weitere Person neben den beiden. Dieser unterhielt sich angeregt mit Erika.
Hat Erika etwa einen neuen Freund? Es geschehen doch noch Wunder!, dachte er.
„Hallo Leute!“, begrüßte Mark die Runde. Er gesellte sich zu den Dreien und wollte ebenfalls noch eine Zigarette vor dem Training rauchen.
Mit einem Lächeln wurde er empfangen und alle schüttelten einander die Hände.
„Darf ich vorstellen: das ist Eymen!“, verkündete Erika mit ihrer mädchenhaften Stimme.
Als er ihm die Hand reichte, musterte Mark den Unbekannten genauer. Er sah nicht so hochgewachsen aus wie Thorsten, wirkte aber sehr drahtig und energiegeladen. Er hatte dunkles Haar und dunkle Augen. Äußerlich passte er überhaupt nicht zu Erika, fand Mark.
„Hallo Mark!“, trompetete Eymen.
Seine Hände waren trotz des kalten Herbstwetters warm und sein Händedruck sehr fest. Er grinste über beide Ohren. Dabei zeigte er strahlend weiße Zähne.
„Möchtest Du mal ein Probetraining mitmachen?“, wollte Mark wissen.
„Ja, genau. Ich arbeite mit Erika zusammen und sie hat mir von Eurem Verein erzählt.“
Also doch nicht ihr Stecher, dachte Mark.
„Hast Du schon einmal gespielt?“
„Nur während des Studiums. Mal sehen, ob ich es noch kann“, erwiderte der Neue bescheiden.
Als die Zigaretten aufgeraucht waren setzte sich der kleine Trupp Richtung Umkleiden in Bewegung. Mark erfragte noch ein paar weitere Informationen und Eymen gab bereitwillig Auskunft über Job, Familiensituation und weitere sportliche Aktivitäten. Demnach war er erst seit einem halben Jahr in der Stadt. Gleich nach dem Studium fing er im Labor an zu arbeiten, bei dem auch Erika beschäftigt war. Er war Single und hielt sich mit Laufen und Schwimmen fit.
Kaum hatten sie sich in der Kabine umgezogen hatte Mark schon die komplette Lebensgeschichte von Eymen gehört. Er hatte sich noch kein abschließendes Urteil gebildet, obwohl er Eymen nicht unsympathisch fand. Vielleicht hatten sie ja Glück und Eymen erwies sich als der Typ Spieler, der der Mannschaft noch gefehlt hatte. Nachdem die anderen Spielerinnen und Spieler eingetroffen waren, wurden die Netze aufgebaut und es ging los.
Knapp anderthalb Stunden später war Mark fertig. Das Trainingsspiel hatte seine Hälfte des Teams knapp gewonnen. Marks Vermutung hatte sich bestätigt: Der Neue war super! Zufrieden und erschöpft plumpste er nach der Trainingseinheit auf die Bank in der Umkleide. Immer noch triefte der Schweiß aus allen Poren. Er konnte praktisch die Glückshormone in seinem Inneren spüren.
„Kommst Du noch mit auf ein Bier?“, wollte Thorsten wissen.
Mark wollte Morgen topfit sein und brauchte seinen Schlaf. Andererseits hatte er Bierdurst und konnte mit dem Umtrunk die Chance erhöhen, dass Veronika bei seiner Rückkehr schon schlief.
„Warum nicht?“, entgegnete er.
Fast die halbe Mannschaft kam mit und sie saßen dann noch bis kurz vor Mitternacht zusammen, bevor der erste auf die Uhr schaute. Mark war bettreif und leerte sein drittes Bier. Er verstand sich gut mit Eymen, der von allen wunderbar akzeptiert wurde. Der Neue war auch neben dem Platz eine gute Ergänzung der Mannschaft. Wenn er wirklich dabei blieb, könnte er das Team gut verstärken. Mark malte sich aus, wie er mit Hilfe von Eymen die Mannschaft aus dem Tabellenmittelfeld in die oberen Plätze der Liga führen könnte. Das war ein schönes Gedankenspiel. Er stieß auf und war hundemüde. Nach der Zeche verabschiedete er sich und ging. Auf der Fahrt nach Hause musste er sich richtig auf den Verkehr konzentrieren, um nicht einzuschlafen. Weit nach Mitternacht fiel Mark todmüde ins Bett.
Vorstellungsgespräch
Noch einmal durchatmen! Du schaffst das schon!, motivierte Mark sich.
Er wartete 5 Sekunden vor der Tür des Büros, aber es fühlte sich wie eine halbe Ewigkeit an. Mit einem tiefen Seufzer öffnete er die Tür. Vor ihm tat sich ein nüchterner Raum ohne Überraschungen auf: ein Schreibtisch, zwei Stühle, ein Aktenschrank und ein weiterer, kleiner Tisch mit zwei Stühlen. An der Wand hing ein Poster der Firma mit motivierenden Sprüchen.
Eigentlich also ein harmloses Büro – Mark fühlte sich jedoch wie vor der spanischen Inquisition. Und der Inquisitor, ein Herr Greiner von der Personalabteilung, stand gerade auf, um ihn zu begrüßen.
„Ah, Herr Kessler! Kommen sie doch herein“. Herr Greiner hatte eine tiefe, ruhige Stimme. Er war untersetzt und trug einen Vollbart. Sein gemütliches Äußeres beruhigte Mark irgendwie. Er betrat den Raum und schüttelte dem Personaler die Hand.
Nach den üblichen Floskeln setzten sich beide an den kleinen Tisch. Eine dampfende Kaffeetasse verbreitete angenehme Gerüche. Marks Gegenüber hatte die Bewerbungsunterlagen vor sich. Mark bemerkte, dass es eine Kopie war und sah einige handschriftliche Notizen auf dem Dokument.
Nach kurzer Zeit merkte er, dass er langsam ruhiger wurde. Herr Greiner setzte ihn nicht unter Druck und er fühlte sich gut vorbereitet: Geschichte der Firma, Niederlassungen, Geschäftsfelder – alles hatte er sich vorher gut eingeprägt. Sogar die Unternehmensphilosophie hatte er sich aufgeschrieben und verinnerlicht. Nichts davon wurde abgefragt. Stattdessen erkundigte sich sein Gegenüber nach Marks Vorlieben, was er als seine Stärken sah und wo er sich in fünf Jahren wähnte. All das hatte er mit Benjamin mehrfach geprobt. Wollte ihn sein Gesprächspartner lediglich in Sicherheit wiegen? Das Gespräch ging in dieser Richtung weiter. Aber auch nach gefühlt vielen Minuten kam keine überraschende Frage.
Oder war der Typ nur nett? War etwa schon längst ein Bewerber ausgesucht worden? Mark grübelte und wischte diese destruktiven Gedanken beiseite. Vielleicht sollte er noch mehr Initiative in dem Gespräch zeigen? Er hatte sich offene Fragen überlegt und brachte nun ein paar davon vor. Auch in dieser Phase wirkte der Interviewer entspannt und nicht aggressiv. Als schon alles gesprochen war, stellte Mark dann die Gehaltsfrage. Er wusste, dass er sie bringen musste, um ein gewisses Selbstbewusstsein zu demonstrieren. Der Personaler äußerte sich vage und faselte etwas von Bandbreiten und marktangepassten Vergütungen. Schließlich neigte sich das Gespräch dem Ende zu. Herr Greiner stand auf und Mark gab artig die Hand.
Beim Verlassen des Büros wurde ihm freundlich zugenickt und dann schloss er die Tür hinter sich. Mark pustete übertrieben die Luft aus seinen Lungen. Ihm fiel ein Stein vom Herzen. So viel hatte er sich über das Gespräch Gedanken gemacht, aber es war bei weitem nicht so schlimm, als er erwartet hatte. Ein Blick auf seine Uhr verriet ihm, dass es tatsächlich fast fünfundvierzig Minuten waren, die er eben erlebt hatte. War das zu kurz oder genau die richtige Länge? Der Mann hatte sich mit einem Lächeln verabschiedet. Das war sicherlich ein gutes Zeichen. Allerdings hatte er keine Ahnung, ob das Gespräch jetzt eben gut oder nur normal gelaufen ist. Was hieß schon „normal“?
Draußen vor dem Bürogebäude sog Mark tief die Luft ein. Es war ein kalter Apriltag und die Sonne kämpfte sich durch die Wolkendecke. Er überlegte kurz, ob er sich ein Taxi gönnen sollte, schlenderte aber dann doch zur nahen gelegenen Bushaltestelle. Die Kälte machte ihm heute nichts aus, denn er war noch ganz aufgeheizt durch das Vorstellungsgespräch. Immer noch konnte er sich keinen Reim darauf machen: war es jetzt gut oder nicht gut gelaufen? Immerhin hatte er keine katastrophalen Fehler gemacht oder gar eine peinliche Situation heraufbeschworen. Dies war erst das dritte Bewerbungsgespräch gewesen, welches er absolviert hatte. Beim ersten Mal lief alles schief: nur mit Mühe war er pünktlich erschienen und der Anreisestress damals wirkte sich nicht gerade positiv aus. Das Unternehmen war in einer anderen Stadt und sein Zug hatte Verspätung. Also musste er in den sauren Apfel beißen und ein Taxi bemühen, was ihn ein Heidengeld kostete. Das Interview lief dann sehr kühl ab und Mark rechnete sich schon nach wenigen Minuten keine Chancen auf den Job mehr aus. Die Absage kam dann auch überraschend prompt ein paar Tage später in seinen Briefkasten geflattert.
Interview Nummer zwei lief dagegen schon etwas besser. Dieses Mal hatte er genügend Zeit eingeplant und war schon eine halbe Stunde eher vor Ort. Das Gespräch führte die Personalverantwortliche und ein Abteilungsleiter. Die Frau war sehr charmant und der Typ sagte fast nichts. Als er damals das Gesprächszimmer verließ, hatte er ein ganz gutes Gefühl gehabt. Zumindest so lange, bis er im Warteraum einen Mitbewerber um die Stelle erblickte. Dieser war wohl direkt nach ihm an der Reihe, denn er saß auf demselben Stuhl wie Mark eine knappe Stunde zuvor. Ein braungebrannter riesiger Typ. Als sie sich kurz begrüßten, erkannte Mark einen österreichischen Akzent. Er erfuhr nie, ob dieser Mann die Stelle bekommen hatte, aber er hielt es für nicht unwahrscheinlich. Die Absage jedenfalls kam ein paar Wochen später und er stand wieder mit leeren Händen da.
Er schaute an sich herunter, während er auf den Bus wartete. Sein Anzug saß gut und man sah ihm nicht sofort an, wie billig er war. Das hellgrüne Hemd passte dazu und setzte einen farblichen Akzent. Allerdings kratzte die dünne Hose und war kein wirklicher Schutz vor der Kälte, die sich langsam bemerkbar machte. Als der Bus endlich ankam war Mark erleichtert. Kurzerhand kaufte er ein Ticket in den Stadtteil, wo Kerstin ihre Wohnung hatte. Sie belegte zwar denselben Studiengang wie Mark, hatte aber zwei Semester später angefangen als er. Im Moment bereitete sie sich noch auf Ihre Zwischenprüfung vor.
Kerstin hatte er klassisch auf einer Studentenparty kennengelernt. Schon die Art wie sie tanzte hatte ihn damals völlig elektrisiert. Als er sie ansprach konnte er gar nicht fassen, wie leicht alles war. Die ausgelassene Stimmung damals trug sicherlich dazu bei, dass sie nur eine halbe Stunde später knutschend vor dem Wohnheim landeten. Sie nahm ihn dann mit in ihre Wohnung und die darauf folgende Liebesnacht war die bisher schönste seines Lebens gewesen.
Genau vor dieser Wohnung stand er nun und klingelte ungeduldig. Nichts regte sich und das verwunderte Mark doch etwas. Hatte er nicht ihr rotes Auto im Vorbeigehen erspäht? Er seufzte und probierte es noch einmal. Zum Warten war es ihm zu kalt, so dass er schweren Herzens in die Richtung stapfte, aus der er gerade erst gekommen war, um den Bus zum Wohnheim zu nehmen.
Endlich zu Hause angekommen zog er sich bequeme Sachen an und schaute erst einmal in den Kühlschrank nach etwas essbarem. Leider gab das Kühlmöbel nicht viel her und Mark musste sich mit einem abgelaufenen Joghurt begnügen. Kaum hatte er sich in das winzige Wohnzimmer gesetzt, stürmte schon sein bester Freund Ben ins Zimmer.
„Wie lief es?“, wollte er wissen.
„Ich weiß nicht genau. Ich glaube es war ganz gut!“, erwiderte Mark unsicher.
„Hat er Dich nicht auseinandergenommen?“, grinste Ben ihn an.
„Iwo, der hat mich behandelt wie ein rohes Ei.“
Mark erzählte Ben in allen Einzelheiten von dem Gespräch und dieser lauschte interessiert. Das war eine seiner vielen, großartigen Eigenschaften: Ben konnte sehr gut zuhören und freute sich auch wirklich über den Erfolg des anderen. Während Mark erzählte nickte Ben zustimmend und grinste dabei.
„Das klingt doch ganz vielversprechend!“, meinte er, nachdem Mark seinen Vortrag beendet hatte, „Wann wollen die sich melden“?
„Hat der Typ nicht genau gesagt“, erwiderte Mark.
Ben erhob sich und klopfte Mark auf die Schulter.
„Gut gemacht! So, ich muss jetzt zu Marit.“
Er grinste schon wieder und seine Freude war ihm deutlich anzusehen. Ben war seit Kurzem mit Marit zusammen und verhielt sich immer noch wie ein Teenager. Für sie ließ er sogar sein Studium im Stich – wenn auch nur für ein paar Stunden. Denn für das Studium tat Ben einfach alles. Egal ob gutes Wetter draußen war oder eine tolle Party stattfand – Ben saß in den meisten Fällen an seinem Schreibtisch und lernte. Oder er war in der Vorlesung zu finden. Oder in der Bibliothek. Mark schätzte sich glücklich, dass er zu dem auserwählten Personenkreis gehörte, der Ben immer stören durfte.
Schließlich hörte er die Haustür ins Schloss fallen und war wieder allein. Draußen war es dunkel geworden und ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass es mittlerweile nach Acht war.
Er griff zum Telefon und wählte auswendig die Nummer von Kerstin. Erst nach dem vierten Klingeln hob sie ab.
„Jaa?“, meldete sie sich mit gedehnter Stimme.
„Hallo Süße, wie geht es Dir?“
„Gut, danke. Du, meine Freundin ist gerade hier. Können wir Morgen telefonieren?“
