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Als Shane eines Morgens aufwacht, ist seine Erinnerung ein leeres Blatt. Nur eines weiß er mit Sicherheit: er muss fort. In einem übergroßen Oldsmobile macht er sich auf eine Reise quer durch den Kontinent. Was als unspektakuläre Fahrt beginnt, gerät in Begleitung der quirligen Dorothy zu einer psychedelischen Odyssee, in deren Verlauf das ungleiche Pärchen auf religiöse Fanatiker trifft, eine Kellnerin rettet und eine sehr spezielle Art von Schulbusbewohner kennen lernt. Im Verlauf einer nächtlichen Kunstperformance wird klar, dass es nicht Shane ist, der die Kontrolle über sein Schicksal hat. Gleichzeitig handelt Parallels von den Erlebnissen des Ich-Erzählers, ein hypersensibler Mittzwanziger auf der Suche nach einem möglichst eintönigen Job. Als Hilfskraft im Kopierraum seines ehemaligen Colleges erlebt er das Glück der Monotonie - bis zu dem Tag, an dem die Begegnung mit einem Mädchen die gefürchtete Veränderung bringt. Es kommt zu einem ungewöhnlichen Rendezvous. Beide Handlungsstränge verflechten sich im Lauf des Romans mehr und mehr zu einem engmaschigen Handlungsnetz, das die Charaktere so gefangen nimmt wie den Leser.
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Seitenzahl: 372
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Sven Hauth
Parallels
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Inhaltsverzeichnis
Titel
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– 44 –
– 45 –
Impressum neobooks
PARALLELS
Sven Hauth
Parallels
Copyright © 2011 by Sven Hauth
Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil dieses Werkes darf ohne Zustimmung des Autors in irgendeiner Form reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Sämtliche Personen, Orte und Geschehnisse in dieser Geschichte sind frei erfunden.
Shane erwachte vor dem Morgengrauen. Für einen Moment lockerten die Dämonen der Nacht ihre Umklammerung und erlaubten einen diffusen Dämmerzustand. Seine Gedanken waren das Einzige, was sich bewegte. So musste es sich anfühlen, wenn man gerade aus einem langjährigen Koma erwacht war. Tiefstes Schwarz umgab ihn. Er horchte, fühlte, roch. Doch das Einzige, was seine Sinne erreichte, war das Gemurmel entfernter Stimmen. Noch bevor er ihre Quelle lokalisieren konnte, war er bereits wieder eingeschlafen.
Als er das zweite Mal aufwachte, zwängte sich frühes Tageslicht durch die halbgeschlossenen Jalousien und projizierte ein Muster aus staubigen Horizontalen auf die Wand seines Schlafzimmers.
Hartnäckige Überbleibsel eines lebhaften Traumes führten hinter seinen halb geschlossenen Lidern einen stroboskopartigen Tanz auf. Es waren die Bilder eines Ozeans. Angenehm schwerelos trieb Shane auf seiner endlosen Fläche. Meterhohe Brecher türmten sich über ihn auf und brachen zusammen, doch die Wassermassen konnten ihm nichts anhaben. Er tauchte einfach ab, lieferte sich einer türkisfarbigen Welt aus, die warme Geborgenheit gab und keinen Sauerstoff verlangte. Dann öffnete er die Augen, und die Bilder entglitten ihm.
Es waren letztendlich die Reste dieses Traumes, die Shane nach langer Zeit wieder aufstehen ließen.
Die ersten unsicheren Schritte führten ihn in das Wohnzimmer. Benommen sah er sich um, ein Fremder in seinem eigenen Apartment.
Auf der Fensterbank raschelte eine traurige Reihe Topfpflanzen. Fast ausnahmslos waren sie vertrocknet, ein einzelner Kaktus das einzige überlebende Exemplar in diesem Garten der Vernachlässigung.
Gegenüber dem Fenster stand auf dem Boden ein veraltetes Fernsehgerät. Jemand – er selbst? – musste vergessen haben, es auszuschalten.
Wie lange hatte er geschlafen? Nach und nach kehrten Erinnerungen zurück, doch es waren wenig mehr als zusammenhanglose Bruchstücke. Die Vergangenheit war ein scheues Tier, das sich der direkten Beobachtung entzog. Es blieb ein blinder Fleck, etwas, das sich in Regionen seines Unterbewusstseins verborgen hielt, auf die er keinen Zugriff hatte.
Auf dem Bildschirm erschien die Nahaufnahme eines Mannes in schwarzer Robe, der hinter einem Pult auf einem hochlehnigen Lederstuhl saß. Es folgte ein Schnitt auf eine Gruppe von circa zehn weniger wichtig aussehenden Menschen. Einer von ihnen stand auf und las etwas von einem Blatt Papier. Eine Gerichtsverhandlung. Die fehlende Farbe der Bilder ließ sie wie aus einer anderen Zeit wirken.
Shane riss seinen Blick von den flackernden Aufnahmen los. Momentan war es besser, sich auf die Gegenwart zu konzentrieren. Über dem Fernseher war ein mager bestücktes Bücherregal angebracht. Auch hier fand er nur halbe Erinnerungen. Die Namen der Autoren – Thompson, King, Baum, Fowles, Carroll – waren ihm entfernt vertraut. Mehr nicht.
Er betrat die Küche. Erblickte den gefüllten Wasserkessel. Daneben die gefaltete Filtertüte. Und wusste, was zu tun war.
Alles war bereits vorbereitet worden, an einem anderen Tag. Einladend stand der glänzende Kessel vor ihm. Er musste nur noch die Herdplatte anstellen.
Die Idee kam ihm, während er auf das Sprudeln des Wassers wartete. Eben noch roh und abstrakt, wie die meisten guten Ideen ihren Anfang nehmen, formte sie sich nun zu konkreter Gestalt. Die Vergangenheit mochte ein unscharfer Ort sein, doch die Zukunft lag in beruhigender Deutlichkeit vor ihm.
Das schrille Pfeifen des Kessels unterbrach den Gedankengang. Shane goss kochendes Wasser in den Filter und sah zu, wie es von dort als dampfender brauner Saft in den Becher tropfte. Vorsichtig pustend trieb er eine Gruppe kleiner Luftblasen an den Rand. Die Idee verwandelte sich soeben zu einem festen Entschluss.
Er würde eine Reise unternehmen. Einen langen Trip, der ihn an den Ozean aus seinem Traum führen würde. An einen weit entfernten Ort, der sich weniger fremd anfühlte. Momentan konnte er nicht mit Bestimmtheit sagen, was er hoffte, dort zu finden. Oder ob er überhaupt etwas finden würde. Es war, als ob er einem starken Instinkt folgte, dem befriedigenden Gefühl, das Richtige zu tun. Und das war gut genug.
Die letzte Luftblase zerplatzte in winzige Spritzer und hinterließ eine ebenmäßig schwarze Oberfläche. Kurz bevor Shane den ersten Schluck nahm, sah er im dunklen Spiegel die eigenartig verzerrten Konturen seines Gesichts. Die Flüssigkeit berührte seine Zungenspitze. Es schmeckte viel zu bitter. Kurz zögerte er, bereute fast. Dann war der Becher geleert und der unangenehme Geschmack etwas Neuem gewichen.
Die Reise hatte bereits begonnen.
Ich starrte auf einen visuellen Alptraum.
Ein Kaleidoskop aus Papier. Bunte Zettel, knittrige Blätter, lieblos aus Heften ausgerissene Seiten und schlecht haftende Post–it–Notes, welche die ursprüngliche Korktextur nur noch fleckenhaft erkennen ließen. Bis auf wenige Ausnahmen waren sie achtlos aufgespießt, drängelten dicht an dicht in schlampigen Winkeln, schnitten und überlappten sich ohne irgendeine erkennbare Logik. Aus Platzmangel waren einige auf den Holzrand der Tafel ausgewichen oder dreist über ältere Anzeigen gepinnt.
Jedes Blatt bemühte sich auf eigene Art, seine Nachbarn im harten Wettbewerb um die Aufmerksamkeit des Betrachters zu übertrumpfen. Die meisten von ihnen versuchten es über die Farbe. Vom grellen Pink über Zitronengelb bis Mintgrün waren sämtliche Scheußlichkeiten vertreten, nur hin und wieder kontrastiert von politisch korrektem Umweltpapier im faserigen Recyclinggrau. Dieses glich seine schlichte Erscheinung dafür mit extragroßer Typografie oder ungewöhnlichen Formen aus, wie das zu einer Herzform geschnittene Papier, das für eine „liebevolle Hundebetreuung“ warb.
So unterschiedlich sich die Blätter selbst präsentierten, so waren es auch die Spielarten ihrer Befestigung. Erwartungsgemäß dominierten Heftzwecken und Reißnägel, deren Köpfe sich auf der limitierten Fläche ebenfalls in jedem denkbaren und undenkbaren Farbton versammelt hatten. Dicht gefolgt wurden sie von der Gruppe der Klebestreifen, die auf dem grobkörnigen Untergrund zwar weniger Halt boten, dies aber entweder durch paarweises Auftreten an der Ober– und Unterkante, oder gleich – sicher ist sicher – vierfach diagonal auf alle Ecken des Papiers verteilt wettmachten. Um das Chaos zu komplettieren, waren die meisten Blätter am unteren Rand durch Einschnitte verstümmelt worden, abreißbare Streifen mit Telefonnummern, die sich dem Betrachter entgegenbogen wie ungekämmte Papierbärte. Im Allgemeinen schien hier die Regel zu gelten: Je ungehemmter das Auftreten des Papiers, desto fragwürdiger sein Inhalt.
Ein besonders penetrantes, signalrotes Quadrat fragte in silbrig glänzender Schrift, ob man nicht mit Samenspenden reich werden wollte. Flankiert wurde es von marktschreierischen Vorschlägen wie „3000 $ in Ihrer Freizeit verdienen!!“ und ähnlichen Botschaften, von denen einige in der großen Menge der unablässig vorbeilaufenden Studenten mit Sicherheit willige Opfer finden würden.
Schwindlig von dem Anblick schloss ich die Augen. Dies würde keine leichte Aufgabe werden. Auf fatale Weise fühlte ich mich an meinen letzten Arbeitsplatz erinnert.
Es war gerade einen Monat her gewesen, dass ich mich das erste Mal auf die Suche nach einer monotonen Tätigkeit gemacht hatte. In den wirtschaftlich miserablen Zeiten, die gerade herrschten, war ein abgebrochenes Studium nicht gerade die beste Voraussetzung, einen Job zu finden. Geschweige denn eine Arbeit, die meinen speziellen Bedürfnissen genügte.
Ohne große Erwartungen verbrachte ich die Adventszeit damit, die Stellenmärkte der Tageszeitungen zu durchforsten. Doch das Glück war auf meiner Seite. Schon nach wenigen Tagen stieß ich auf eine Anzeige, die mein Interesse weckte. Gesucht wurden Hilfskräfte für die Nachtschicht in einem bekannten Fotolabor. Mit Nachtarbeit hatte ich keine Probleme, da ich ohnehin schlecht schlief. Die Bezahlung schien angemessen, und die Arbeit in einem Fotolabor stellte ich mir angenehm eintönig vor. Ich vereinbarte einen Vorstellungstermin. Nach einem fünfminütigen Bewerbungsgespräch war ich eingestellt.
Ausgestattet mit einem kreditkartenähnlichen Zugangsausweis, den man bei Arbeitsanfang und –ende durch die moderne Version einer Stechuhr ziehen musste (langjährige Mitarbeiter erkannte man daran, dass sie dies auf betont beiläufige Art im Vorbeigehen erledigten), betrat ich in meiner ersten Arbeitsnacht das turnhallengroße Gebäude.
Begrüßt wurde ich von brennendem Chemikaliengestank, ohrenbetäubendem Lärm und einer schlaksigen Gestalt mit ausgedünntem Blondhaar, die bei meinem Anblick eilig herbeistakste und sich als Schichtleiter vorstellte. Seiner Hautfarbe nach hatte er schon seit Jahren kein Tageslicht mehr gesehen. Er schien sichtlich erfreut, mit mir Verstärkung bekommen zu haben. Ich folgte ihm auf einer Einführungsrunde durch das Labyrinth des Labors.
Die Halle war gefüllt mit einer unüberschaubaren Vielfalt von Maschinen, alle verbunden durch ein sich endlos durch den Raum windendes Band aus ungeschnittenem Fotopapier. Die meisten von ihnen schienen vollständig autonom zu arbeiten. An anderen saßen weiß behandschuhte Arbeiter und führten irgendwelche undefinierbaren Prozeduren an der Fotoschlange durch.
Wir begegneten anderen Menschen. Ähnlich meinem Anführer hatten zu viele Nachtschichten ihnen die Farbe aus den Gesichtern getrieben. Mit der Gleichmut lebender Toter erledigten sie ihre Arbeit – schoben mit Fototüten gefüllte Wagen, schraubten an einer der erwähnten Maschinen oder schlurften ohne erkennbare Aufgabe durch die Hallen. Und das – nach ihrer Ähnlichkeit mit dem Schichtleiter zu urteilen – wahrscheinlich seit einem halben Leben. Mein gegen den Lärm anredender Anführer tat sein bestes, mir Sinn und Zweck der verschiedenen Stationen zu erklären. Doch die Vielzahl neuer Sinneseindrücke machte eine Konzentration auf das, was er sagte, so gut wie unmöglich.
Schließlich beendeten wir unsere Runde und ich wurde an meinen eigentlichen Arbeitsplatz herangeführt, etwas Abseits von Lärm und Gestank. Dieser bestand aus einem schräg gestellten Tisch, über den die omnipräsente Fotoschlange lief. Unter dem Tisch befand sich eine Art Bremspedal, mit dem man das Bilderband kurzzeitig anhalten konnte. Lang genug, um eventuell fehlerhafte Bilder mit einem dicken Fettstift zu markieren, damit sie später von einer Maschine automatisch aussortiert wurden.
Entsprechend der Definition meines geduldigen Einweisers galt ein Bild dann als fehlerhaft, wenn es beispielsweise komplett unscharf war oder nur Schwärze zeigte, man also nichts Gegenständliches mehr darauf erkennen konnte. Mit einem gut gemeinten Schulterklopfen ließ er mich allein.
Mit dem Fettstift in der Hand und einem flauen Gefühl in der Magengegend kletterte ich auf einen Hocker, der aussah, als hätten bereits ganze Generationen von Nachtarbeitern darauf fehlerhafte Fotos markiert. Vor mir eilte das endlose Fotoband von rechts nach links, ein einziger verwischter Streifen. Probeweise trat ich auf das Pedal. Die Bilder stoppten augenblicklich und gaben ihre Inhalte preis. Offensichtlich war der Fotograf ein Tiefseetaucher. Ich blickte auf üppige Korallenlandschaften, ein muschelbewachsenes Schiffswrack und Nahaufnahmen von exotischen Fischen. Eine Welt, die in einem surrealen Gegensatz zu dem mich real umgebenden nächtlichen Fotolabor stand. Ohne Zweifel handelte es sich hier nicht um fehlerhafte Bilder. Mein Fuß löste sich vom Pedal und das Band nahm wieder Geschwindigkeit auf. Kurze Zeit später entdeckte ich inmitten der verschwommenen Farben einen hellen Fleck. Gerade noch rechtzeitig schaffte ich den Tritt aufs Pedal, das Bild war schon fast über der Tischkante verschwunden.
Das betreffende Foto war nicht völlig weiß, wie ich zu Anfang geglaubt hatte, sondern von einem blassen Gelb. Zudem liefen zwei dunkle Haarlinien diagonal über das Bild. War dies ein „fehlerhaftes Bild“? Oder handelte es sich um Absicht? Ein experimentelles Fotoprojekt? Zeitgenössische Kunst? Unsicher sah ich mich um. Der Schichtleiter war nicht zu sehen, in meiner näheren Umgebung gab es nur Maschinen. Ich entschied mich dafür, das Foto nicht zu markieren. Die Linien wirkten zu gewollt, um das Ergebnis eines technischen Missgeschicks zu sein.
Das Band lief an, erneut begab ich mich auf Fehlersuche. Meine Augen versuchten, Schritt zu halten. War der graue Fleck eben ein fehlerhaftes Bild gewesen? Oder nur auf mein Blinzeln zurückzuführen? Mir kam es so vor, als ob das Bildband allmählich immer schneller vorbeiraste. Auch hatte es seine ursprüngliche Horizontale verlassen und lief nun in einem leichten Winkel über die Tischplatte.
Vielleicht lag es an dieser Schräglage, vielleicht auch an dem beißenden Gestank, der sich so hartnäckig in meiner Nase festsetzte wie der Krach der Maschinen in meinen Ohren. Doch wahrscheinlich war eine Kombination aus allem der Grund, dass ich irgendwann auf dem Fußboden neben dem Hocker zu mir kam. Über mir schwebte das knochige Gesicht des Schichtleiters.
„Ist schon okay“, sagte sein Mund, „Am ersten Tag kommen viele nicht damit klar. Wir setzen dich woanders ein, kein Problem.“
„Schon wieder so ein Weichei“, sagte sein Blick, „Jetzt bleibt die Arbeit wieder an mir hängen.“
Nach diesem unschönen Ereignis wurde ich an den Anfang der Bilderkette zurückversetzt. Diesmal war der Tisch größer. Statt einer Bilderschlange türmte sich in seiner Mitte ein Berg aus Fototüten. Aufgabe war es, die Tüten zu öffnen und den Inhalt – in den meisten Fällen eine Filmrolle, seltener eine komplette Einwegkamera – passend zur Tütenbeschriftung in eine entsprechende Plastikkiste einzusortieren.
Die neue Arbeit erwies sich als wahrer Segen. Ich genoss die Gesellschaft von drei freundlichen Kollegen, allesamt Studenten, die ebenfalls auf die Anzeige geantwortet hatten. Gemeinsam verbrachten wir die folgenden Nächte an dem runden Tisch, eine lockere Gruppe Pokerspieler, die statt Karten Tüten sortierte. Zu Anfang hatte ich Schwierigkeiten, die unterschiedlichen Kundenwünsche nach Format, Bildoberfläche und diversen Sonderwünschen korrekt einzuordnen. Doch schon zwei Nächte später war ich selber zur Maschine geworden. Ein flüchtiger Blick auf die immer gleichen Ankreuzfelder auf der Tüte genügte. Im Zehn–Sekunden–Takt zog ich Filmdosen aus Tüten und warf sie lässig an ihre Bestimmungsorte. Der Schichtleiter war zufrieden, meine innere Ordnung wiederhergestellt.
Der Segen hielt genau zwei Wochen, bis zum Ende der Weihnachtssaison. Für das Fotolabor bedeutete das weniger Arbeit. Für mich eine beunruhigende Erkenntnis: Ich musste mich nach einen neuen Job umsehen.
So kam es, dass ich wieder zurück zu den Ursprüngen gekehrt war: in mein ehemaliges College. Hergeführt hatte mich die Erinnerung an das „Job Board“, die Pinnwand, vor deren Anblick ich nun die Augen verschlossen hatte.
Sie war berüchtigt dafür, dass an ihr neben einer Unzahl unsinniger Werbebotschaften ebenso viele mehr oder weniger unsinnige Arbeitsangebote aushingen. Da die Zielgruppe zu 100 % aus Studenten bestand, handelte es sich bei den meisten von ihnen um Beschäftigungen, die keinen großen Reichtum versprachen, dafür aber auch keine besonderen Qualifikationen erforderten. Ergo war die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es sich um erfrischend monotone Tätigkeiten handeln würde. Das Schwindelgefühl ebbte ab. Ich öffnete die Augen und ruhte sie auf der Leere der beige gestrichenen Wand aus.
Nur dass diese nicht leer war.
Ein schlichtes Blatt Kopierpapier hatte sich neben die Pinnwand verirrt. Drei Zeilen Text in zurückhaltender Größe, sorgsam zentriert auf 300 Quadratzentimeter Blütenweiß. Ein Augenschmaus, befestigt mit einem einzigen Streifen Tesafilm. In die linke obere Ecke war das Collegelogo gedruckt, das dem Papier etwas würdevoll Offizielles verlieh. Ansonsten bestach die Anzeige durch auffällige Unauffälligkeit. Meine Augen blieben an dem Papier hängen, dankbar für die Erholung.
Ich las.
Aushilfe gesucht
Abteilung Textverarbeitung
Raum 5–205
Weiter nichts.
Textverarbeitung, überlegte ich und stierte auf das Blatt Papier, als würde es dadurch zusätzliche Informationen liefern. Könnte angenehm sein. Schon sah ich mich an einem Computer sitzen, neben mir ein nicht endender Berg von Daten, der in die immer gleichen Felder eingetragen werden musste.
Aus meiner Studienzeit war mir das Nummerierungssystem der Collegeräume gut in Erinnerung geblieben. Die erste Ziffer bezog sich auf das Gebäude, die zweite auf das Stockwerk. Gebäude 5 war nicht weit entfernt, es begann direkt am Ende des Ganges. Und im zweiten Stockwerk befand ich mich bereits. Die Abteilung Textverarbeitung musste buchstäblich um die Ecke liegen. Ich riss den Zettel von der Wand und ging meiner neuen Aufgabe entgegen.
Jede Reise benötigt ein Transportmittel. Shanes Zeigefinger fuhr durch die Bleiwüste der Kleinanzeigen und zog eine Bremsspur aus Druckerschwärze hinter sich her. Bei den Worten „Kombi“ kam er zum stehen.
Die Tageszeitung hatte aufgeschlagen auf dem Küchentisch gelegen. Einen langen Moment hatte Shane sie angestarrt wie ein Relikt aus einer anderen Zeit. Dann gewann Pragmatik die Oberhand. Er zog den Gebrauchtwagenteil aus dem Papierstapel und breitete ihn vor sich aus. Unter den unzähligen Angeboten würde er sicher etwas Passendes finden.
Seine Anforderungsliste an ’etwas Passendes’ war kurz – sie beschränkte sich auf zwei wichtige Punkte. Beide reduzierten die Zahl der in Frage kommenden Fahrzeuge allerdings deutlich.
Punkt eins: Es durfte nicht viel kosten. „Nicht viel“ bedeutete in seinem Fall maximal 1000 $. Für dieses Geld erwartete er keine Schönheit, aber mindestens einen Zustand, der das Auto eine längere Strecke ohne große Aussetzer überleben ließ. Insgesamt standen ihm knapp 1500 $ zur Verfügung – eine Summe, die er sich mühsam von seinen letzten beiden schlecht bezahlten Jobs abgespart hatte. So blieben ihm immer noch 500 $ für Motelübernachtungen, Benzin, Essen und die mit Sicherheit auftretenden unerwarteten Ereignisse entlang des Weges. Falls das Geld ihm vorzeitig ausging, würde er im Auto übernachten. Deshalb – Punkt zwei – musste es geräumig genug sein, um eine Schlafmöglichkeit zu bieten. Vielleicht ein Van oder Ähnliches.
Die Angebote waren nach ihren Verkaufspreis in Spalten geordnet. Unglücklicherweise bewegte sich der überwiegende Teil der Anzeigen in preislich inakzeptablen Regionen. Für Angebote bis 1000 $ war die Auswahl bereits wesentlich begrenzter. Shane zählte zwölf Anzeigen, die preislich in Frage kamen. Doch bei genauerem Hinschauen musste er ernüchtert feststellen, dass die meisten Beschreibungen Aussagen wie „als Teilespender“, „nicht fahrbereit“ oder gar „ohne Motor“ enthielten. Dies traf auch auf den einzigen Van zu, der sich zudem in einem „restaurationsbedürftigen Zustand“ befand. Übrig blieben immerhin noch vier Angebote. Shane verpasste den Anzeigen einen Kugelschreiberkringel. Er griff zum Telefon und wählte die erste Nummer. Klackernd baute sich die Verbindung auf und nach dem dritten Klingeln sagte eine Männerstimme einen unverständlichen Namen.
„Hi.“ Shane räusperte sich. „Ich rufe wegen der Anzeige an.“
„Welche Anzeige?“ Der Mann klang ehrlich erstaunt.
„Das Auto. Der Kombi“
Stille am anderen Ende. Dann „Der ist schon vor drei Wochen verkauft worden.“
Shane schielte auf das Datum in der oberen Ecke der Zeitungsseite, während ihm einfiel, dass er keine Ahnung hatte, welcher Tag gerade war. Sich für die Störung entschuldigend legte er auf.
Der nächste Versuch. Seine zweite Wahl, ein Buick Apollo, Baujahr 1973, hatte laut Anzeige zwar bereits mehr als 150.000 Meilen zurückgelegt, aber mit 800 $ auf jeden Fall bezahlbar. Diesmal wurde sofort abgenommen.
„Ja?“
Wieder eine Männerstimme, und für einen kurzen Moment dachte Shane, dass er dieselbe Nummer versehentlich noch einmal gewählt hatte.
„Äh, ja, ich rufe an wegen – er schielte auf die Anzeige – dem Apollo?“
„Ja?“
Zwei Sekunden peinliches Schweigen, während Shane nach den richtigen Worten kramte. Wie lange war es her, dass er mit einem Menschen geredet hatte?
„Ist der noch zu haben?“
„Jap.“
Zumindest würde dieser Verkäufer ihm nichts aufschwatzen.
„In welchem Zustand ist der denn so?“, fragte Shane, und hoffte, so etwas wie ein Gespräch in Gang zu bringen.
Dumme Frage. Er würde am Telefon wohl kaum etwas Schlechtes über sein Auto sagen.
„Läuft gut.“
„Aha. Ähm, kann ich mal für eine Probefahrt vorbeikommen?“
„Jap.“
Der Mann nannte seine Adresse und Shane legte auf. Geschafft. Zwei von vier. Und weiter. Zwei Anrufe später hatte er insgesamt drei Termine vereinbart. Zuversichtlich blickte er auf die Liste. Drei Probefahrten. Eine gute Trefferchance. Der Plan nahm Gestalt an.
A, B, C, ... Alphabetisch bewegte sich Shane auf sein Ziel zu, unter dem Arm einen durchgeschwitzten Stadtplan, in seiner Jeanstasche das Bündel Geldscheine. Allmählich machte ihm die Hitze merklich zu schaffen. Der Fahrtwind brachte nur wenig Kühlung.
Obwohl er das klapprige Fahrrad im Höchsttempo durch die Straßen trieb, hatte er das Gefühl, stillzustehen. Die Wege dehnten sich ins Unendliche, ein urbaner Zerrspiegel, späte Nachwirkungen seines kargen Frühstücks.
Trotzdem fühlte er sich fantastisch. Lange verloren geglaubte Energie war zurückgekehrt und mit ihr neue Perspektiven und der unbezwingbare Drang, sein Vorhaben Wirklichkeit werden zu lassen. Von Euphorie beflügelt trat er noch stärker in die Pedale.
Das Viertel, durch das er fuhr, war in der Mehrheit von Latinos bewohnt, was man schon daran erkannte, dass die Avenues hier „Avenida“ hießen. Offensichtlich hatten die Stadtplaner dieser Gegend keine große Lust gehabt, sich sinnvollere Straßennamen auszudenken. Auf die Avenida A folgte Avenida B. Der inserierte Apollo wartete neben dem Haus in der Avenida E. Auf Shanes Klingeln öffnete ein schwarzhaariges Mädchen die Tür und blickte mit neugierigen Murmelaugen an ihm hoch.
Shane rang sich ein Lächeln ab. „Hi, ist dein Papa da?“
Statt zu antworten, lief die Kleine zurück ins Haus und rief etwas auf Spanisch. Kurz darauf erschien aus der Dunkelheit ein muskulöser Mann, lediglich mit schwarzer Trainingshose und Goldkette bekleidet.
„Wegen dem Buick hier?“, nuschelte er.
„Ja, wir hatten heute Morgen telefoniert. Kann ich den mal ansehen?“
„Da“, nickte er in Richtung des Wagens. „Ist offen.“
So gesprächig wie am Telefon, dachte Shane. Er ging um den Buick herum und versuchte dabei auszusehen, als ob er etwas von Autos verstand.
Leider war der Wagen deutlich kleiner, als Shane gehofft hatte. Auf den ersten Blick sah das Fahrzeug so normal aus, wie man es sich nur vorstellen konnte. Mittelgroß, mittelbraun, ein paar Dellen und Rostflecken, ansonsten nichts Auffälliges. Shane stieg in einen spartanischen Innenraum.
Der halbnackte Mann tauchte an der Wagentür auf, kramte ein vergoldetes Zippo aus der Hosentasche und zündete sich auf komplizierte Art eine Zigarette an. „Läuft gut. 800 $“, zitierte er die Anzeige und brachte die Zigarette in seinem Mundwinkel zum Wippen.
„Kann ich eine Probefahrt machen?“
„Meinetwegen. Schlüssel ist im Handschuhfach.“
Der Wagen sprang sofort an und lief scheinbar so, wie er es sollte.
„Ich fahr nur einmal um den Block, okay?“
„OK“ sagte das Plappermaul und nestelte an seiner Goldkette herum.
Shane lenkte den Buick auf die Straße und reihte sich in den dünnen Mittagsverkehr ein. Die Probefahrt ergab keine Auffälligkeiten. Alles fühlte sich normal an. Trotzdem störte etwas. Nicht nur, dass der Wagen ein paar Nummern zu klein war, um darin eine komfortable Nacht zu verbringen. Er war auch eigenartig eigenschaftslos. Die Fahrt hinterließ nichts außer dem irrationalen Gefühl, dass dieses Fahrzeug nicht das richtige war. Wäre es ein Mensch gewesen, hätte in seinem Pass „Besondere Kennzeichen: keine“ gestanden.
Zurück in der Avenida E stand der Verkäufer noch immer in derselben Haltung in der Auffahrt und beendete seine Zigarette. Shane gab ihm die Schlüssel.
„Ich denke darüber nach“, log er.
Mit einem gleichgültigen Achselzucken verschwand der Mann in seinem Haus.
Der nächste Versuch befand sich günstigerweise nur einige Blocks entfernt. Laut Anzeige handelte es sich um einen 79er Cadillac Eldorado. An der beschriebenen Adresse fand Shane ein Gebäude, das aussah, als sei es in besseren Jahren einmal eine Tankstelle gewesen. Dem Banner über der Einfahrt nach war er bei „Honest Hank – Ehrliche Gebrauchtwagen“ angekommen. Der Hof war mit einer ganzen Sammlung alter Cadillac–Modelle zugeparkt. Bevor Shane abgestiegen war, tauchte unter einer der geöffneten Motorhauben ein schwergewichtiger Mann auf. Er streckte Shane eine ölverschmierte Hand hin und entblößte zwei perfekte Reihen perlweißer Zähne zu einem freundlichen Grinsen.
„Hi, ich bin Hank. Du kommst wegen dem Eldorado?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, angelte er aus seiner Overalltasche ein Schlüsselbund und klingelte damit vor Shanes Gesicht. Mit der anderen Hand deutete er in Richtung der aufgereihten Caddys.
„Der Gelbe da, Zweiter von links.“
Shanes Blick folgte dem Zeigefinger und fand den Eldorado. Von Gelb konnte keine Rede mehr sein, der Lack war von der Sonne so ausgebleicht, dass er an die Finger eines langjährigen Kettenrauchers erinnerte. Nicht dass die Farbe irgendeinen Einfluss auf seine Kaufentscheidung gehabt hätte. Der Verkäufer verschränkte seine breiten Arme und betrachtete den Cadillac mit einem Blick, als würde er ihn selber gerne kaufen.
„Auspuff und Bremsen sind gerade gemacht. Caddys sind das Beste, Mann. Die halten ewig. Setz dich mal rein und dreh ’ne Runde.“
Das Volumen des Innenraums war beeindruckend. Eine Übernachtung auf der Rückbank würde wahrscheinlich nicht weniger komfortabel sein als in einem King–Size–Hotelbett. Shane startete. Acht Zylinder wurden lebendig, was man lediglich an einem subtilen Vibrieren der Karosserie spüren konnte. Selbst das Ticken der Uhr im Armaturenbrett war lauter als der leerlaufende Motor. Vorsichtig zog Shane am Lenkradhebel der Automatik–Schaltung, bis der rote Zeiger auf den Buchstaben „D“ rutschte. „Ka–lunk“ sagte das Getriebe, und der Wagen schüttelte sich kurz. Dann setzte er sich schwerfällig in Bewegung. Dabei hatte Shane das ungute Gefühl, dass der Wagen eher ihn kontrollierte als umgekehrt. Wie der Kapitän eines Supertankers kurbelte er an dem monströsen Lenkrad. Folgsam schwenkte der Cadillac seine lange Nase in einem ausladenden Winkel in Richtung Straße. Die Hälfte des Eldorados hatte bereits den Hof verlassen, als Shane hinter sich ein metallisches Knirschen hörte. Erschrocken trat er auf die Bremse und blickte in den Außenspiegel, in dem ein durch den Lärm aufgeschreckter Hank herbeigeeilt kam. Der Wagen musste an irgendetwas hängen geblieben sein. Shane stieg aus und betrachtete das Unglück. Die Ecke der hinteren Stoßstange hatte sich am Pfosten des Eingangstores verfangen, war halb aus ihrer Halterung gerissen worden und stand jetzt in einem 45°–Winkel ab wie ein geknicktes Streichholz. Wenigstens schien der stabile Zaun die Aktion unbeschadet überstanden zu haben. Das Grinsen war aus Hanks Gesicht verschwunden und einem erschrockenen O gewichen.
„Hey, Mann, was machst du denn?“ Er kniete sich vor dem Heck nieder und versuchte eine Weile erfolglos, die Stoßstange wieder in ihre alte Form zu drücken.
„Tut mir leid. Bin wohl nicht an so große Autos gewöhnt.“ Beides entsprach der Wahrheit.
Hank gab seine Reparaturversuche auf und blickte traurig auf das Hinterteil seines verunstalteten Wagens. Ratlos kratzte er sich am Hinterkopf.
„Eigentlich müsstest du den jetzt kaufen.“
Etwas in der Richtung hatte Shane befürchtet.
„Aber ich sag dir was. Honest Hank ist kein Unmensch. Ich mach da morgen ’ne neue Stoßstange dran, dann kommst du noch einmal wieder und wir machen gemeinsam eine Probefahrt.“
Shane akzeptierte das Angebot und radelte erleichtert vom Hof. Zwanzig Minuten später erreichte er sein letztes Ziel und bog in die Einfahrt eines schmucken Einfamilienhauses.
Ein buntes Blütenmeer trennte den kurzen Weg zur Haustür vom frisch gemähten Rasen, auf dem sich ein ganzes Arsenal kitschiger Vorgartenobjekte ausgebreitet hatte. Noch bevor Shane die Klingel erreicht hatte, sprang die Haustür auf. Ein grauhaariger Mann, Typ zerstreuter Professor, eilte hinaus, als hätte er hinter dem Fenster gewartet. Er musste bereits an die 70 Jahre alt sein, bewegte sich aber mit einer für sein vermutetes Alter erstaunlichen Agilität. Während sein hellwacher Blick keine Sekunde von Shane wich, schnappte er sich ohne zu zögern dessen Hand und schüttelte sie begeistert. „Matthew Carpenter ist der Name. Herzlich Willkommen.“
Alte Schule, kam es Shane in den Sinn. Fehlte nur noch, dass er einen Diener machte.
„Du bist hier, um das Oldsmobile zu kaufen.“ Mehr Feststellung als Frage.
Auf eine gewisse Art wurde der Kauz Shane sympathisch.
„Weißt Du“, holte Carpenter aus, „dieses Auto hat noch nie einen anderen Besitzer gehabt. Der Wagen hat mir immer treue Dienste geleistet. Die Winter verbringe ich mit meiner Frau im Süden, und mit dem Oldsmobile sind wir jeden November dorthin gefahren – und im April wieder zurück. Aber jetzt werden wir alt und die Fahrt zu anstrengend. Wir werden uns wohl dauerhaft in der Sonne einrichten. Es wird Zeit, dass das Olds in gute Hände kommt. Tja, hier steht das gute Stück.“ Mit einer theatralischen Geste öffnete er das Garagentor. Eine gleißende Helligkeit blendete Shane. Vor ihm stand ein strahlendweiß lackierter Wagen, rein wie eine unbefleckte Leinwand, ein gewecktes Schneewittchen. Die Farbe schien von einer selbstleuchtenden Intensität, welche die Konturen des Blechs zu einer einzigen hellen Fläche verschwimmen ließ. Es war, als hätte Shane Jahre in der Dunkelheit verbracht und schaute nun auf eine sonnige Schneefläche. Dann gewöhnten sich seine Augen an den neuen Reiz und vor ihm stand ein gewöhnliches weißes Auto.
Carpenter klopfte mit der flachen Hand viermal auf das Dach. „Oldsmobile. Delta. 88. Royale.“ Jedes Wort ein Befehl, ein Staccato des Besitzerstolzes. „Sieht aus wie gerade vom Fließband gelaufen, nicht wahr? Dabei ist das schon 15 Jahre her.“
Shane ging langsam um das Oldsmobile herum. In der Tat machte der Wagen einen neuwertigen Eindruck. Nicht die kleinste Spur von Rost. Neue Reifen. Eine spiegelartige Lackierung. Anscheinend hatte er die letzten Jahre liebevolle Pflege genossen.
„Einen minimalen Schönheitsfehler hat er allerdings“, sagte der Mann, als Shane gerade an der Motorhaube angekommen war. „Die Kühlerfigur ist nicht komplett“.
Auf dem breiten Chromrand des Kühlers thronte das glänzende Oldsmobile Logo. Shane verglich es mit dem Emblem auf den Radkappen. Carpenter hatte recht. Es fehlte der rechteckige Rahmen. Übrig geblieben war eine Art Pfeil mit Flügeln, der senkrecht nach oben zeigte wie ein vertikales Flugzeug.
„Das ist schon okay“, sagte Shane. Nichts interessierte ihn an diesem Auto gerade weniger als der Zustand der Kühlerfigur.
Carpenter hob einen warnenden Finger. „Pass nur auf, dass sich niemand daran verletzt.“
Meinte der Alte das ernst? Shane rang sich ein zustimmendes Lächeln ab, nur für den Fall.
„Steig ein“, drängte Carpenter und öffnete die Fahrertür. Shane sank tief in das weiche Velourspolster. Eigentlich handelte es sich nicht um einen Sitz, sondern um eine durchgehende Bank, auf der bequem drei Personen Platz finden würden. Sitze, Teppich, Dachhimmel – der komplette Innenraum präsentierte sich in königsblauem Velours. Auch die mit Kunstleder überzogene Armaturentafel trug denselben Blauton, hier und da abgesetzt durch spiegelnde Chromzierleisten und polierte Flächen aus dunkelbraunem Holzimitat. Ein altmodisches Radio dominierte die Mitte des Armaturenbretts. Seine beiden überdimensionalen Drehknöpfe funkelten, als seien sie noch nie benutzt worden. Alles wirkte wie neu.
Behände glitt der Alte neben Shane auf die Beifahrerseite und steckte gleichzeitig einen Schlüssel ins Zündschloss.
„Auf geht’s. Fahren wir ein Stück.“ Er klatschte auffordernd in die Hände.
Shane drehte den Zündschlüssel ein Stück im Uhrzeigersinn. Das Armaturenbrett erwachte zum Leben. Kleine Lichter flammten auf, und ein leiser Gongton mahnte höflich zum Anlegen des Sicherheitsgurts. Den Schlüssel noch eine Stufe weiter gedreht, und aus dem Motorraum erklang ein tiefes Blubbern.
Fast lautlos rastete der Rückwärtsgang ein. Shane nahm den Fuß von der Bremse und das Oldsmobile setzte sich sanft in Bewegung. Den Vorfall bei Honest Hank noch frisch in Erinnerung, dirigierte er das breite Fahrzeug äußerst sorgsam aus der Garage.
Unter Mr. Carpenters Führung erkundeten sie die schmalen Vorortstraßen. Das Oldsmobile war nicht ganz so ausladend wie der Cadillac, besaß aber immer noch respektable Maße. Trotzdem ließ es sich buchstäblich mit dem kleinen Finger lenken. Die weiche Federung vermittelte das Gefühl, in einem Boot zu sitzen. Jede Unebenheit der Straße wurde mit einem verzögert gedämpften Schwanken beantwortet. Shane kniff ein Auge zu und peilte über die Spitze der verstümmelten Kühlerfigur den Straßenrand an. Während er sich unbewusst in den Wagen verliebte, redete sein Besitzer unablässig auf ihn ein.
„..., es war eine schöne Zeit. Aber nun bin ich schon einige Zeit pensioniert. In meinem Alter hat man das meiste schon hinter sich, du verstehst. Die Kinder sind längst aus dem abbezahlten Haus. Keine Verpflichtungen mehr. Da kann man sich ganz auf die schönen Seiten des Lebens konzentrieren. Bisher hatten wir unser Gärtchen und bald haben wir den Süden. Was brauchen wir noch zum Glücklichsein?“
Shane nickte abwesend. Er hatte nur halb hingehört, zu gefesselt von dem Fahrerlebnis.
Carpenter zeigte auf ein grünes Straßenschild. „Bieg dort auf den Expressway. Und gib mal ordentlich Gas, sonst merkst du ja nie, wie der Wagen wirklich fährt.“
Shane folgte dem Befehl, beschleunigte, und das Oldsmobile schoss mit 60 Meilen pro Stunde über den Asphalt. Sie waren bereits 20 Minuten unterwegs. Die Probefahrt wurde allmählich zu einem vollwertigen Ausflug.
„Läuft gut, nicht wahr?“
Der Wagen lief nicht nur gut, vor allem fühlte er sich gut an. Er fühlte sich richtig an. Den Blick über der kleinen Pfeilspitze auf der Motorhaube schweifend, das gepolsterte Lenkrad in den Händen und das beruhigende Geräusch des Achtzylinders in den Ohren glitten sie dahin. Aus den Polstern strömte der süße Duft der Vergangenheit. Das Oldsmobile belegte sämtliche Sinne, ließ vergessen und versprach Geborgenheit. Für den Hauch einer Sekunde blitzte ein tiefes Gefühl verlorenen Glücks auf. Von einem weit entfernten Ort konnte Shane beobachten, wie er den Wagen durch den Verkehr dirigierte. Er beschleunigte, überholte, bremste, lenkte, ohne sich darüber bewusst zu sein, kontrollierte das Fahrzeug rein intuitiv wie ein Rockstar seine langjährig gespielte Gitarre, verwachsen zu einer harmonischen Symbiose aus Mensch und Maschine. Alles im Fluss, alles Intuition, ein weißer Rausch.
Die Stimme von Mr. Carpenter fügte ihn wieder zusammen.
„Fahr da vorn raus. Wir müssen tanken.“
Das Oldsmobile kam gemächlich neben einer Zapfsäule zu stehen. Während sich Carpenter am Tankdeckel zu schaffen machte, strich Shane ehrfürchtig über das narbige Kunstleder und traf eine Entscheidung. Er hatte das passende Transportmittel gefunden. Oder es ihn. Es war mehr Wissen als bewusste Entscheidung – der große Weiße sollte seiner sein.
„Hat ein Weilchen gedauert“, entschuldigte sich der Alte, als er sich wieder in den Wagen schwang. „Großer Tank. Ideal für lange Fahrten“, fügte er zwinkernd hinzu.
Nach zehn Minuten, in denen Carpenter unablässig die Vorzügen des Olds angepriesen und gleichzeitig bedauert hatte, dass er es verkaufen musste, waren sie wieder bei ihm zu Hause angekommen.
Shane stellte den Motor ab. Als wäre dies ein Signal, verwandelte sich Matthew Carpenter in einen abgebrühten Geschäftsmann. Sein Gesicht nahm den verschmitzten Ausdruck eines Fuchses an. Nichts war mehr übrig von der kumpelhaften Großvaterfigur.
„Kommen wir zum Geschäftlichen. 1000 $, wie es in der Anzeige stand.“
Anscheinend war es keine Option, dass Shane den Wagen gar nicht kaufen wollte. Trotzdem schien es in solchen Fällen angebracht, noch etwas zu handeln.
„Wie wäre es mit 800?“
„Nein. Der Wagen ist 1000 $ wert. Nicht weniger.“
„900 $?“
„1000 $“
Handeln gehörte sicher nicht zu Shanes Stärken, und dass der Alte in dieser Beziehung so stur sein würde, hatte er nicht erwartet. Er wollte das Oldsmobile haben. Es war die richtige Entscheidung. Erwartungsvoll sah Mr. Carpenter ihn an.
„Also gut. Einverstanden.“
„Wunderbar“, rief Carpenter, klatschte erfreut in die Hände und zog gleich darauf einen vorbereiteten Kaufvertrag aus dem Handschuhfach. „Ist schon alles vorbereitet. Bitte hier unterschreiben.“
Shane schrieb seinen Namen auf die gestrichelte Linie. Aus seiner Tasche kramte er die 1000 $, die er die ganze Zeit bei sich getragen hatte, und übergab sie an Mr. Carpenter, der das Geld gewissenhaft zählte. Das Oldsmobile gehörte ihm.
„Das Oldsmobile gehört dir“, bemerkte Carpenter, als hätte er seine Gedanken gelesen. „Hier ist alles, was du brauchst“
Mit diesen Worten überreichte er den Fahrzeugbrief und ein Schlüsselbund, an dem neben drei unterschiedlichen Schlüsseln auch noch ein kleines Oldsmobile–Emblem hing.
„Einen für die Türen, einen für das Zündschloss und einen für den Tankdeckel. Und jetzt zeig ich dir mal was!“
Carpenter stieg aus und kniete sich vor dem linken Vorderrad auf den Boden.
„Fühl mal, hier hinter dem Kotflügel.“
Shane führte seine Hand von unten in den Motorraum und ertastete den Draht einer seltsamen Schleife. Fragend blickte er Mr. Carpenter an.
„Zieh dran.“
Shane zog und die Motorhaube sprang aus ihrer Verriegelung. Carpenter öffnete sie komplett und deutete auf eine versteckte Nische hinter der Batterie. Dort fand sich in einem Plastikbeutel ein weiterer Schlüsselbund mit allen drei Schlüsselarten.
„Das habe ich mir eingerichtet, nachdem ich mich einmal ausgesperrt hatte. Danach musste ich keine Angst mehr haben, dass mir das noch einmal passiert. Raffiniert, nicht wahr?“
Der Alte mochte skurril sein, war aber offensichtlich nicht blöd. Shane streckte ihm die Hand entgegen und suchte nach passenden Abschiedsworten. „Tja, dann also vielen Dank.“
Ein Handschlag besiegelte das Geschäft. Die Finger des alten Mannes übten einen unerwartet kräftigen Druck aus. Shane wollte loslassen, doch Carpenter hielt seine Hand über die für einen durchschnittlichen Händedruck übliche Zeit.
„Eine Sache noch“, sagte er und sah Shane ernst in die Augen.
Im Stillen hatte Shane es befürchtet – es gab noch etwas. Irgend etwas, das mit dem Wagen nicht stimmte, oder irgendwelche versteckten Zusatzkosten. Der sprichwörtliche Haken an der Sache.
Doch Carpenter zerstreute seinen Anfangsverdacht.
„Du musst gut zu dem Wagen sein. Dann wird er auch gut zu dir sein. Versprichst du mir das?“
Meinte der Alte es ernst? Er suchte nach einem Anflug Ironie in dem starren Blick, doch nicht einmal ein Blinzeln verdeckte das durchdringende Augenpaar. Dafür schien der Händedruck mit jeder Sekunde stärker zu werden.
„Sicher“, sagte Shane und war sich gar nicht sicher.
Die Antwort schien Carpenter dennoch zu befriedigen. Er lockerte seinen Griff. Das warme Lächeln kehrte so schnell in sein Gesicht zurück wie das Blut in Shanes pochende Hand. Gemeinsam verfrachteten sie das Fahrrad in den großzügig bemessenen Kofferraum, wo es beinahe verloren wirkte. Als Shane das Oldsmobile aus der Einfahrt fuhr, ließ er einen zum Abschied winkenden Matthew Carpenter im Rückspiegel zurück. Erleichterung stellte sich ein. Ein wichtiger Schritt zur Umsetzung seiner Reise war geschafft.
Vom ehrlichen Hank hörte er nichts mehr. Wahrscheinlich war er den Caddy in der Zwischenzeit an jemanden losgeworden, der damit besser umgehen konnte.
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Eine Sequenz aus weinroten Plastikrechtecken, Bürotüren und Milchglasscheiben des Licht–reinlassen–aber–neugierige–Blicke–aussperren–Typs begleitete mich auf meinem Weg durch die Korridore des Colleges. Mit weißen Steckbuchstaben informierten die Türschilder über Zimmernummer, Abteilung und Namen der jeweiligen Person, die sich hinter den immer gleichen Türen verbarg. Die leeren Flure strahlten eine beruhigende Regelmäßigkeit aus; kein Vergleich zu dem aufwühlenden Zettelmosaik des Job Boards.
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Textverarbeitung
P. Norris
Der Raum war nicht zu verfehlen. Obwohl etwas unscheinbar in die Ecke gedrängt, zwischen den öffentlichen Toiletten und einem weiteren unbeschrifteten Raum, aus dem ein mechanisches Rattern kam, nicht unähnlich den Geräuschen, die ich aus dem Fotolabor kannte, fiel 5–205 aus dem Rahmen. Es war der einzige Raum, dessen Tür horizontal geteilt war, sodass sich obere und untere Hälfte separat bedienen ließen.
Die Eingangstür war nicht zu verfehlen, denn sie unterschied sich von allen anderen auf dem Gang dadurch, dass sie zweigeteilt war. Neben ihr versperrte dasselbe undurchsichtige Glas wie am Nebenraum den Blick, doch durch die geöffnete obere Türhälfte konnte man einen Teil des Raumes sehen. Das einzige Möbelstück darin war ein grauer Tisch, auf dem ein ebenso grauer Computer und Drucker standen. Auf der Fensterbank verrichtete eine verkalkt röchelnde Kaffeemaschine ihren Dienst und verströmte dabei einen eigentümlichen Duft. Niemand war anwesend.
Ich wollte eintreten, doch die Tür, besser gesagt ihre untere Hälfte, war verschlossen. Auf Zehenspitzen streckte ich meinen Oberkörper über die Türhälfte und sah, dass sich der Raum noch ein gutes Stück nach links fortsetzte. Dort gab es einen Durchgang in ein zweites Büro.
Noch ein Schreibtisch, noch ein Computer. Nur dass hinter diesem Monitor eine dunkelhaarige Frau saß – P. Norris? – und eifrig auf der Tastatur klapperte. Ihr Blick wechselte ständig zwischen dem Monitor und einer Art Greifarm, der ein Blatt Papier hielt.
„Hallo?“
Die Frau warf mir einen flüchtigen Blick über den Rand ihrer Brille zu.
„Was kann ich für dich tun?“, fragte sie, und es klang nicht so, als ob sie es wirklich wissen wollte. Sie fing bereits wieder an, weiterzuschreiben.
„Hier steht, dass Sie eine Aushilfe suchen.“ Ich schwenkte den Zettel von der Pinnwand. „Ich wäre interessiert.“
Damit schien ich einen Bruchteil an Interesse geweckt zu haben. Sie unterbrach ihr Tippen ein zweites Mal, blies sich eine schwarze Locke aus der Stirn und musterte mich genauer.
„Komm rein. Musst die Tür von Innen aufmachen.“
Ich tastete nach dem Türknopf und schaffte es schließlich, den unteren Türteil umständlich von Innen zu entriegeln. Mit einem energischen Heranwinken beorderte mich Mrs. Norris in ihr Reich.
Das Büro, das ich betrat, hätte in keinem größeren Kontrast zum kargen Vorzimmer stehen können. Zwei seiner Wände waren von Boden bis Decke verglast. Die grifflosen Fenster boten eine spektakuläre Aussicht auf den betriebsamen Campus und ließen den Raum am üppigen Frühlingslicht teilhaben.
Das Weiß der beiden übrigen Wände war größtenteils verdeckt von einem großen Terminplaner, einer Sammlung von aus Zeitungen ausgeschnittenen politischen Karikaturen und diversen Postern. Eines zeigte die dramatische Großaufnahme eines Footballspielers im Moment der Ballannahme. Ein anderes das scherenschnittartige Profil eines Mannes vor einem Wachturm. Darunter der kryptische Satz „POW*MIA – You are not forgotten“.
Unter dem Terminplaner befand sich ein ähnlicher Tisch wie im Vorraum, dieser jedoch komplett in Beschlag genommen von einem zweiten, größeren Drucker, daneben ein Mikrowellenherd, Plastikbesteck, eine geöffnete Schachtel Filtertüten, Servietten und eine Monatspackung Kaffeeweißer. Kein Wunder, dass die Kaffeemaschine ins Vorzimmer ausquartiert worden war. Dies war kein einfaches Büro, eher eine randvolle Kombination aus Küche, Wohn– und Arbeitszimmer. Überall stand, hing, lag etwas. Das Zimmer eines Menschen, der viel Zeit in diesen Räumlichkeiten zubrachte, über die Jahre seine Spuren hinterlassen und ihn zu einer Alltagsoase umdekoriert hatte. Das Zimmer von
„Patricia Norris.“ Sie streckte mir ihre Hand entgegen. Ich schüttelte sie. „Ich lass die untere Hälfte immer zu“, erklärte Mrs. Norris mit einem Nicken in Richtung Tür. „Damit hier nicht jeder Trottel rein– und rauspaziert. Nimm Platz.“
Ich zog einen klapprigen Drehstuhls vor Mrs Norris’ Tischkante, an der eine Begrenzung aus benutzten, mit dem Logo des College verzierten Kaffeebechern, einem blühenden Kaktus und einem Halbkreis vergoldeter Fotorahmen den Beginn ihrer Privatzone markierte. Dahinter spiegelte der Schreibtisch eine verkleinerte Version des Büros wieder; seine Oberfläche war kaum noch sichtbar, begraben unter den Utensilien globaler Bürokultur – Tastatur, Telefon, Büroklammern, Locher, Bleistifte, Kugelschreiber, Radiergummis.
Durch die neuartige Situation ohnehin mit einer irritierenden Unruhe vorbelastet, suchten meine Blicke Halt im Chaos, einen einzelnen Fixpunkt, irgendetwas. Ich entschied mich für die Fotorahmen.
Mrs. Norris bemerkte meinen starren Blick und verwechselte ihn mit Neugier.
„Meine Kinder.“
Wie zum Beweis drehte sie einen Jungen und ein Mädchen um, typische Jahrbuchfotos typischer Teenager. „Daddy hat sich schon vor einer Weile aus dem Staub gemacht. Gott sei Dank.“
So unvermittelt wie der Ton ihrer Stimme von mütterlichem Stolz zu zynischer Verachtung wechselte, wurden aus den typischen Teenagern Scheidungsopfer. Mehr als ein verlegenes Nicken fiel mir zu dieser unerwartet persönlichen Information nicht ein.
„Wie auch immer...“ Mrs. Norris lehnte sich zurück und schaute leicht amüsiert. „...du willst also wirklich hier arbeiten?“ Irgendwie schaffte sie es, die Wörter ’wirklich’, ’hier’ und ’arbeiten’ gleichermaßen zu betonen.
Ich nickte ein zweites Mal, doch diesmal war es ein entschlossenes Nicken, keines der Wortlosigkeit.
„Ich hoffe, dir ist klar, dass diese Stelle ziemlich schlecht bezahlt wird? Nur der Mindestlohn. Und der Job ist nicht besonders aufregend.“
Nicht besonders aufregend. Das klang gut.
„Das macht nichts, Mrs. Norris, ich ...“
„Nenn mich Pat, wenn du mit mir klarkommen willst.“
Sie zeigte auf die geöffnete Tür zu ihrem Büro. Darauf klebte ein kopiertes DIN A4–Blatt mit der comichaften Zeichnung eines Mannes. Mit weit aufgerissenen Augen und abstehenden Haaren saß er vor einer Kaffeetasse, aus der ein Blitz direkt in seine Nase fuhr. „Kaffee ist meine Liebingsdroge“, stand in großen Blockbuchstaben unter dem Bild.
„Das ist die Wahrheit“, sagte Pat, nur halb im Spaß. „Ich hoffe also, du bist Kaffeetrinker, sonst kann ich mit dir nicht viel anfangen.“
Ich war keiner. War nicht einmal im Besitz einer Kaffeemaschine. Würde es meine Chance auf den Job reduzieren, wenn ich es zugeben würde?
„Um ehrlich zu sein...“
„Kein Problem. Ich bringe dich schon auf den Geschmack.“ Sie prostete mir mit einem der Becher zu. „Ohne Kaffee geht hier gar nichts.“
Ich versuchte, das Gespräch wieder auf Kurs zu bringen und lieferte eine Schnellfassung meines bisherigen Werdegangs, der hauptsächlich aus einem abgebrochenen Studium der Kunstgeschichte bestand.
„Und eine anspruchslose Aufgabe würde dich nicht langweilen?“
„Im Gegenteil.“
„Dann habe ich vielleicht genau das Richtige für dich. Ich brauche jemanden dafür“. Sie deutete mit dem Daumen rechts neben sich, wo sich nur die Wand mit dem Wochenplaner befand. Suchte Pat jemanden, der ihre Termine organisierte? In die kurzzeitige Stille trat ein gedämpftes Rumpeln, wie ein weit entferntes Gewitter. Dann verstand ich, dass sie den Raum auf der anderen Seite der Wand meinte. Den Raum schräg gegenüber ihres Büros, aus dem ich bei meiner Ankunft die mechanischen Geräusche gehört hatte.
„Der Kopierraum“, sagte Pat, und löste das Rätsel um die Geräuschquelle. „Hier ist das Problem. Offiziell bin ich für die Kopierer da drin verantwortlich. Gleichzeitig muss ich aber meine Schreibjobs abarbeiten. Und du kannst wetten, sobald ich anfange, was zu schreiben, geht einer der blöden Maschinen das Papier oder der Toner aus. Dann darf ich hier alles stehen und liegen lassen und den Mechaniker spielen.“
Pat pausierte kurz, als eine Studentin mit einem Stapel Papier unter dem Arm auf dem Gang vorbeiging. Nur wenig leiser fuhr sie fort.
„
