Paralysis - Sascha Streich - E-Book

Paralysis E-Book

Sascha Streich

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Beschreibung

Josh und sein Vater Liam sind auf sich allein gestellt und müssen sich in der postapokalyptischen Wildnis Nordamerikas durchschlagen. Notgedrungen hausen sie in einer kleinen Höhle und bestreiten das Dasein von Jägern und Sammlern. Jetzt, da Josh kein kleines Kind mehr ist, packt ihn der Entdeckergeist und er beginnt sich zu fragen, weshalb sie einsam und abgeschieden von anderen Menschen leben. Wo sind seine Mutter, seine Großmutter und seine Freunde? Unversehens treffen sie auf den Wissenschaftler Everard Bendwater, der sich ganz der Erforschung von Träumen verschrieben hat. Zusammen mit Everard besuchen sie gegenseitig ihre Träume und tauchen dabei ein in eine geheimnisvolle, verborgene Welt.

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Seitenzahl: 370

Veröffentlichungsjahr: 2018

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© 2018 Sascha Streich

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback:978-3-7439-5715-2

Hardcover:978-3-7439-5716-9

e-Book:978-3-7439-5717-6

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Sascha Streich

Paralysis

Für meine Mutter Andrea und meinen Vater Rüdiger.

Ich danke euch für alles, was ihr für mich getan habt!

Paralysis

Ein kurzes Vorwort

Wenn der Punkt erreicht ist, an dem gewiss ist, dass es nicht mehr so weitergehen kann wie zuvor, wenn jede Lösung ein neues Problem nach sich zieht, wenn alte Traditionen überholt werden müssen und wenn die Flucht der einzige Ausweg ist, dann ist die Zeit gekommen, neu anzufangen. Dann liegt ein langer, steiniger Weg vor uns, auf dem wir um alles, was wir brauchen, kämpfen müssen. Denn dann ist nichts mehr so selbstverständlich, wie es einmal war, nichts mehr so einfach, wie es einmal fiel, nichts mehr so normal, wie es einmal gewesen ist. Und diesen steinigen Weg werden nur wenige gehen können, wenige, die dann die Verantwortung für unser Schicksal auf den Schultern tragen müssen. Es wird eine Zeit kommen, da dieser Punkt erreicht ist. Nur wann und wie es dazu kommt, haben wir selbst in der Hand.

1

„Josh! Josh, wo steckst du? Jooooosh!“

„Dad? Ich bin hier drüben.“

„Wie oft habe ich dir gesagt, lauf nicht los, ohne mir Bescheid zu sagen? Josh, du weißt was wir besprochen haben.“

„Ich…, ich weiß, was wir besprochen haben Dad, aber ich gehe doch jeden Tag Wasser holen und es ist noch nie etwas passiert.“

„Ich verstehe, dass es hart für dich ist Josh, aber du weißt doch, dass die Sicherheit vorgeht!“

Schmollend trottete Josh zu seinem Vater Liam herüber. Eigentlich ein Segen, dass der Junge nicht ständig an das Schlimme dieser Welt denkt. Diese Sichtweise verliert man wohl beim Erwachsenwerden, dachte Liam in sich hinein. Vielleicht spielte auch die Tatsache, dass Josh die Welt kaum anders kannte, eine bedeutende Rolle. Sein Verhalten wäre sicherlich ein anderes, wenn er nicht von klein auf mit diesen Umständen zu leben gelernt hätte. Oder wäre es das? Die Kindheit konnte Liam in diesem Moment nicht ferner erscheinen. Wie war das noch damals…? Ein sorgenfreies, befreites Leben zu führen?

In Momenten wie diesen schienen ihn Sorge und Angst schier zu übermannen. Ging es Josh anders? Er wirkte niemals ängstlich, ob der Situation, in der sie sich befanden. Konnte er die Auswirkungen von Gefahr noch nicht unmittelbar begreifen? Andererseits könnte Liam sich seinen Sohn auch kaum als einen stets vorsichtigen und der Gefahr bedachten Jungen vorstellen. Das wäre nicht sein Sohn. Liam verspürte einen plötzlichen, unerwarteten Stolz in sich aufsteigen. Sollte man nicht gerade in diesen Zeiten zu schätzen wissen, wie kostbar Familie, Kinder oder einfach nur Gesellschaft waren?

Er beschloss das Eis frühzeitig zu brechen, bevor es für den ganzen Tag undurchdringlich werden würde.

„Hast du gut geschlafen?“

„Jap, ich hatte nur wieder so einen Traum… Du weißt doch, was ich meine, oder?“

Er wusste, was Josh meinte. Schlimme Träume hatte er zu Genüge. Jedoch war er sich nicht sicher, ob sein Sohn sich an das erinnern konnte, was ihm Alpträume bescherte. Liam hatte für heute einen ruhigen Tag geplant, an dem sie sich wie so oft mit dem Sammeln von Früchten und Kiefernnadeln beschäftigen würden. Er hatte jetzt keinen Nerv dafür, die Fragen seines Sohnes zu beantworten und fühlte sich dazu auch nicht in der Lage. Und tatsächlich ereignete sich nichts sonderlich Ungewöhnliches auf ihrem heutigen Rundgang. Sie schritten einen naturbelassenen Pfad entlang, der sie in kurvigen Biegungen an hügeligen, dicht bewaldeten Hängen vorbei, auf eine beschauliche Seenlandschaft zuführte. Besonders jetzt, da der Sommer allmählich in den Spätsommer überging, schwirrten ihnen etliche Mücken und unangenehm penetrante Fliegen um die Nasen. Liam verscheuchte ein leise summendes Insekt und machte einen Vorschlag.

„Hast du Lust ein Lied zu singen?“, fragte er Josh.

Josh nickte und fragte: „Ja sicher, was für eins?“

„Eines, das du kennst!“

Er begann eine langsame Melodie zu summen, die ein wenig wie ein Einschlaflied für kleine Kinder klang, die man wegen des Monsters unter ihrem Bett beruhigen wollte. Josh, der die Melodie sofort erkannte, summte vergnügt mit und auf ein Handzeichen wie es ein Dirigent zum ersten Takt einer Sinfonie gab, sangen sie beide im Chor.

„Care for the world, care for the children, care for yourself!

Have you seen the headlines, which stood out from the news?

Have you realized, what it means for all of us?

Have you noticed he kept talking, despite all the boos?

Today I saw a little boy, carefree playing in the dust.

Care for the world, care for the children, care for us!

I’ve seen all the love, all the joy and all the fun,

I’ve seen all the kindness, all the good things we have done.

I’ve seen all the sadness, all the grief and all the need,

I’ve seen all the cruelty and the doom through our greed.

Care for the world, care for the children, care for them!

Let’s set an example of kindness, let it lead us away from blindness,

let’s make use of our empathy, let’s erase the bloody brutality,

Let’s live a good life full of fun, let it defeat the trigger of a gun.

Let’s work together, it’s now or never, take my advice, or disappear forever!

Care for the world, care for the children, care for our fate!”

Das Lied endete mit einer eindringlichen, beinahe traurigen Tonfolge, die sie noch einige Minuten lang vor sich hin summten.

„Der sieht doch vielversprechend aus“, sagte Liam und deutete mit dem Finger auf einen gut gefüllten Heidelbeerstrauch zu ihrer Linken.

„Guck aber vorher, ob sich Würmer in die Beeren gefressen haben“, sagte Liam und Josh, der schon eine Handvoll Beeren zum Mund geführt hatte, hielt abrupt inne und sah seinen Vater entgeistert an. Sie waren annähernd eine halbe Stunde damit beschäftigt, die kleinen, süßen Früchte zu pflücken und sie sich nebenbei in den Mund zu schaufeln.

„Zeig mal deine Zunge“, sagte Josh mit verschmitztem Grinsen.

„Ah, sie ist ganz blau“, rief er belustigt und streckte seine eigene heraus.

„Genauso wie deine“, antwortete Liam und strich seinem Sohn über die verstrubbelten Haare. Sie waren dicker und voller geworden, als sie es früher gewesen waren und gleichzeitig fiel Liam auf, dass sie sich auch sichtlich verdunkelt hatten. Als kleines Kind hatte Josh fast ausschließlich hellblondes Haar gehabt. Nur eine ovale Stelle an seinem Hinterkopf war schon früher braun gewesen. Sie war nun kaum mehr zu erkennen und begann Stück für Stück inmitten seiner halblangen Frisur zu verschwinden. Liam sah seinen Sohn gerne an. In seinen Augen hätte die Natur ihre Arbeit nicht besser erledigen können. Und obwohl er stolz darauf war, wie groß und intelligent Josh mittlerweile geworden war, vermisste er den fünf-, sechsjährigen Jungen, der er einst gewesen war.

Als der Tag sich allmählich seinem Ende neigte, schoben sich vereinzelte, teils schneeweiße, teils trübe und graue Wolken vor die Sonne. Sie erklommen ein nahegelgenes Felsplateau, von dem aus sie das weite Tal überblicken konnten, das durch die unregelmäßig verteilten Gebirge nicht eindeutig einzugrenzen war. Das Licht, das durch die löchrige Wolkendecke drang, malte helle Tupfer auf das wellige, grünbraune Meer aus Wäldern, das sich unter ihnen bis hin zum Horizont erstreckte. Sie waren schon oft hier heraufgekommen, um die Aussicht zu genießen und die Magie der unendlichen Weite auf sich wirken zu lassen.

Hier, thronend über allem, was zu ihren Füßen geschah, konnten sie sich groß und überlegen fühlen. Wie so oft stand Josh auch heute mit ausgebreiteten Armen vor der steinigen Kante des Abgrunds, wie ein Schöpfer, der stolz sein gelungenes Werk überblickte. Der Geruch von Moos und harzigen Bäumen lag in der angenehm lauen Abendluft und vollendete das majestätische Panorama in seiner Schönheit und Vollkommenheit. In ihrem Rücken erstreckte sich dichter Wald und dahinter, in der Ferne, glühten die goldenen Strahlen der langsam untergehenden Sonne. Liam genoss die Momente, die er mit Josh an diesem Platz verbringen konnte. Manchmal saßen sie einfach Stunde um Stunde auf zwei ebenen Baumstümpfen, die Liam an den Rand der Felskante getragen hatte und schauten schweigend in die Ferne. Wenn Josh auch sonst viel vor sich hinplapperte, hier passte er sich der harmonischen Ruhe an, ohne sich dazu zwingen zu müssen.

„Nach Ihnen, Sir“, sagte Liam würdevoll und deutete eine Verbeugung an, wie sie ein Diener machen würde, als sie sich auf ihre Baumstämme setzten. Nach einer Weile erhob sich Josh und setzte sich auf den Schoß seines Vaters.

„Fragst du dich auch manchmal, was hinter diesen Bergen ist?“, fragte Josh neugierig und sah Liam mit zurückgelegtem Kopf von unten her an.

„Ja manchmal schon, aber ich denke, da sieht’s genauso aus wie hier. Die Wälder sind riesig und nehmen kein Ende. Da könnten wir tagelang unterwegs sein und nichts Neues finden“, antwortete er etwas kurz angebunden, aber dennoch zugleich beschwichtigend. Er war sich seiner Worte selbst nicht sonderlich sicher. Unendlich weit waren die Wälder natürlich nicht, allerdings fürchtete er das, was er an ihren Grenzen finden könnte und wollte Josh vor diesem Anblick bewahren. Josh rollte sich auf Liams Schoß zusammen und starrte träumerisch auf die prachtvollen Wälder hinab. Wieder überkam Liam ein Gefühl der Zufriedenheit und Dankbarkeit, diese Augenblicke erleben zu dürfen. Es könnte wirklich deutlich schlimmer sein.

Sie passierten einen schmalen, kristallklaren Bach, den selbst Josh mit einem einzigen langen Ausfallschritt überqueren konnte. Er führte längs an dem kleinen Waldstück vorbei, aus dem sie gerade gekommen waren. Ein paar hundert Meter noch, dann würden sie an ihrem „Bunker“, wie sie ihn nannten, angelangen. Ihr Bunker war freilich kein Bunker im eigentlichen Sinne, sondern eine kleine, von außen kaum sichtbare Höhle. Sie war mit Blättern und lianenähnlichen Ästen verhangen, weshalb man erst bei genauerer Betrachtung aus nächster Nähe darauf kommen konnte, dass hinter jenen Ästen nicht einfach nur eine glatte Felswand aufragte. Diese Tarnung war allerdings nur teilweise natürlichen Ursprungs.

Mittlerweile hatte es leicht zu regnen begonnen. Um in die Höhle zu gelangen, drückte Liam die Äste sachte und mit aller Vorsicht zur Seite. Da es sie einiges an Arbeit gekostet hatte, ehe sie ihr Versteck so perfekt vor etwaigen Blicken verborgen hatten, achtete er stets darauf ihre Tarnung nicht zu beschädigen. Gleichermaßen behandelte auch Josh die Lianen mit Sorgfalt, da auch er einen nicht unwesentlichen Teil an ihrem Gesamtwerk beigetragen hatte. Damals war es Joshs Idee gewesen, den Höhleneingang zu verdecken, auf die er auch durchaus stolz war.

Liam schaute aus der Höhle. Er hustete kurz und intensiv, so wie er es sich angewöhnt hatte. Früher war er vorsichtiger mit der Lautstärke seines Hustens gewesen, war bedacht darauf gewesen, von niemandem entdeckt zu werden. Doch mittlerweile konnte er diese plötzlich auftretenden Hustenanfälle nicht mehr unterdrücken und er versuchte es auch gar nicht erst. Zuweilen war es eine Wohltat für ihn, sich aus der Höhle zu lehnen und tief durchzuatmen und zu spüren, wie die frische Luft seinem Körper guttat. Heute jedoch schmerzte das Husten in seiner Brust ungewöhnlich stark und überdeckte das sonst wohltuende Gefühl merklich. Gott sei Dank, so sagte er sich, musste Josh das nicht ertragen, er war jung und gesund und das musste auch so bleiben.

Liam machte sich daran, seinen Kieferntee zuzubereiten. Es war immer wieder aufs Neue eine mühselige Arbeit, doch die Linderung, die nach dem Einnehmen eintrat, war für ihn unbezahlbar und allemal die Mühe wert. Aus dem nahegelegenen kleinen Waldstück holte er für die Zubereitung nach Bedarf trockenes Holz, Birkenrinde und vor allem viele Kiefernnadeln. Die Kiefernnadeln trocknete er, indem er sie in ein kleines Handtuch einwickelte und nahe der eigens angelegten Feuerstelle aufbewahrte. Die Feuerstelle zu errichten war damals eine heikle Angelegenheit gewesen, denn in der Höhle gab es nur eine Stelle, an der der entstehende Rauch durch eine Luftzirkulation unterhalb der Decke abziehen konnte. Diese Stelle hatten sie eher zufällig und erst nach geraumer Zeit entdeckt, nachdem sie schon so manchen Tag in einem verqualmten Bunker hatten verbringen müssen.

Die Feuerstelle selbst fertigzustellen, war dann kein größeres Problem mehr gewesen. Sie hatten eine kleine Vertiefung im sandig-erdigen Boden angelegt und dieselbe zu zwei Dritteln mit Sand ausgefüllt. Josh hatte damals die Steine für die Umrandung gesammelt und den Architekten gespielt.

Mit seinem Feuerstick, einem kleinen, schlüsselartigen Gegenstand, an dessen Bund ein Magnesiumstab und ein Metallstreifen befestigt waren, die man zur Funkenbildung aneinander rieb, war Liam mittlerweile so gut geübt, dass das Feuermachen zu einer seiner leichtesten Übungen zählte. Obwohl er früher gar nicht so ein Naturbursche gewesen war, waren überlebenswichtige Prozeduren und Strategien in der Not einfach unentbehrlich zu erlernen gewesen und hierbei profitierte Liam tatsächlich von Joshs Kreativität und Einfallsreichtum. Ohne das „Überleben-in-der-Natur-für-Profis“-Set, welches ihnen gute Dienste erwies, wären jedoch zahlreiche Dinge, wie das Feuermachen, nahezu unmöglich gewesen. Glücklicherweise hatte sich jenes Set neben Decken und ein paar Wechselsachen in seinem Auto befunden, als sie damals geflohen waren.

„Gibst du mir mal das Wasser rüber, Josh?“, fragte Liam, während er sich nach wie vor mit seinem Husten abplagte.

„Hier, alles ok Dad?“ Josh war zwar mit dem Leiden seines Vaters mehr als vertraut, schließlich war das, soweit er sich erinnern konnte, immer schon so gewesen, dennoch versetzte es ihm jedes Mal aufs Neue einen unangenehmen Stich im Bauch, wenn er mit ansah, wie sein Vater mit verzerrtem Gesicht das Wasser aufkochte. Doch dann lächelte Liam unversehens und beruhigte seinen Sohn.

„Josh du kennst das doch, das ist gleich wieder vorbei!“

Während sich Josh in der nächsten halben Stunde damit unterhielt, das gestern gesammelte, trockene Holz zu zerbröseln, brühte Liam den Kieferntee auf. Dabei erhitzte er das Wasser, das Josh aus einem der vielen kleinen Süßwasserseen der Umgebung geholt hatte, und warf die zerriebenen Kiefernnadeln hinein. Dazu stand ihm eine kleine Metallschüssel zur Verfügung, die er in einem leeren Haus inmitten eines kleinen Dorfes hinter den Hügeln gefunden hatte. Laut der Inschrift auf dem hölzernen Schild am Ortseingang, lautete der Name des Dorfes „Josa Creek“. Josh bezeichnete es jedoch gerne als „Die Geisterstadt“, was nicht ganz unpassend war, denn leben tat dort schon seit geraumer Zeit niemand mehr. Auch zu bewohnten Zeiten muss es dort schon recht einsam gewesen sein, dachte Liam sich, denn bei 24 Häusern, die er im Dorf gezählt hatte, konnten dort einst kaum mehr als 50 Personen gelebt haben.

Da es bis zum Dorf gut und gerne zweieinhalb Stunden Fußmarsch von ihrer Höhle aus waren, besuchten Liam und Josh es nur gelegentlich. Alles, was man als noch verwertbar bezeichnen konnte, hatten sie sowieso schon mitgenommen oder war einfach zu schwer gewesen. Besonders hatte Liam es bereut, dass sie den großen Aluminiumgrill hatten zurücklassen zu müssen, aber diese enorm schwere Apparatur über die Hügel bis zum Bunker zu tragen, wäre ein unmögliches Unterfangen gewesen.

„Können wir nicht in eines der Häuser einziehen?“, hatte Josh seinen Vater des Öfteren gefragt und ihm war nie so ganz klargeworden, weshalb sie weiterhin in ihrer Höhle leben mussten. Doch Liam hatte seine Gründe gehabt, seinem Sohn diese Idee bald auszutreiben. Während er eines gewöhnlichen Tages die Höhle in südlicher Richtung verlassen hatte, war ihm eine Gruppe bedrohlich aussehender Gestalten über den Weg gelaufen, die ihn jedoch glücklicherweise nicht entdeckt hatten. Da er allein unterwegs gewesen war, um in den frühen Morgenstunden einige Früchte für das Frühstück zu sammeln, hatte er niemanden zur Unterhaltung dabeigehabt und war folglich beinahe lautlos durch die Gegend gezogen. Als er die Stimmen vernommen hatte, die sich derbe und unvorsichtig laut unterhalten hatten, war es bereits zu spät gewesen, die Flucht anzutreten und einige bange Momente hatte er in der Deckung eines wilden Cranberrystrauches ausharren müssen.

Drei junge Männer waren es gewesen, die mit Messern bewaffnet auf der Jagd gewesen waren und in dieser Situation hatte es Liam vorgezogen, sich im Verborgenen zu halten. Er war sich sicher, dass jene Gruppe von Männern das verlassene Dorf ebenfalls entdeckt haben musste, weshalb er es nicht wagte, das Risiko eines Umzuges in Kauf zu nehmen. Jedes Mal jedoch, wenn sie Josa Creek besucht hatten, war das Dorf verlassen gewesen. Liam konnte sich daher nicht sicher sein, ob die Männer nomadisch lebten oder des Nachts in eines der Häuser zurückkehrten. Er hatte seinen Sohn zwar vor Gefahren gewarnt, es jedoch eher allgemein formuliert und nicht direkt erwähnt, dass sie von Menschen ausgehen könnten.

Als der Tee trinkfertig war, nahm Liam als erster einen Schluck davon. Es war natürlich kein Wunderheilmittel und Tee aus den Packungen, wie man sie früher im Supermarkt hatte kaufen können, wären qualitativ sicherlich hochwertiger gewesen. Trotzdem verspürte Liam immer nach einer gewissen Zeit eine deutliche Linderung seiner Schmerzen. Im Anschluss griff auch Josh zur Schüssel und trank ein paar Schlucke. Hätte Liam früher diese Brühe trinken müssen, als es noch Cola, Apfelsaft oder Bier an jeder Ecke zu kaufen gab, hätte er sie wahrscheinlich nicht mit dem kleinen Finger angerührt. Doch jetzt war dieses Getränk das einzig geschmackvolle, das ihnen zur Verfügung stand. Ob Josh sich noch an den Geschmack von Apfelsaft erinnern konnte oder war er zu klein gewesen? Immerhin, den Geschmack von Äpfeln kannte er. Hier in ihrem kleinen Tal gab es viele Apfelbäume, die im Spätsommer und Herbst eine ordentliche Ernte einbrachten.

„Dad?“

„Hmm?“

„Können wir morgen mal über die Wiese hinter dem Wald gehen und gucken, was dahinter ist?“, fragte Josh seinen Vater.

„Nein Josh, ich habe dir doch gesagt, dass wir da nicht hingehen sollten. Was, wenn wir ihnen da begegnen?“

Liam merkte schnell, dass er gerade einen Fehler begangen hatte. Früher hatte Josh noch großen Respekt vor ihnen gehabt, aber das gehörte mittlerweile der Vergangenheit an.

„Na und, ich will sie sehen!“, sagte Josh nun mit Spannung in der Stimme und schaute Liam aus kugelrunden Augen an. Ein Blick, bei dem Liam niemals hätte nein sagen können. Er war sich des Risikos natürlich vollauf bewusst, nur war es schwierig, diesem kleinen Abenteuerhelden die Sache plausibel zu erklären. Liam hatte die weiten Wiesen, die sich hinter dem Wäldchen auftaten bisher immer gemieden, da es hier keinerlei Deckung gab und es vorgezogen, entweder in der Nähe ihres Verstecks zu bleiben oder sich in die entgegengesetzte Richtung nach Josa Creek aufzumachen, wo ihnen die bewaldete Umgebung Sicherheit bot. Man konnte von ihrem Versteck aus tatsächlich das umliegende Areal in jede Himmelsrichtung überblicken und war gleichzeitig von Bäumen und Sträuchern geschützt. Das genaue Gegenteil stellte die Wiese dar, für die der Ausdruck „Präsentierteller“ quasi erfunden worden war. Liam setzte erneut an.

„Sieh mal Josh, ich weiß ja…“. Doch da unterbrach ihn der Junge schon.

„Dad, was soll denn passieren? Wir sind hier jetzt schon so lange und immer muss ich deine blöden Sicherheitsregeln einhalten. Ich verstehe nicht, warum wir das immer tun müssen. Und ich weiß auch nicht, was schlimm daran sein soll, wenn sie kommen. Wir könnten doch mit ihnen reden. Ich meine, könnten wir das?“

Liam wollte ihm gerade widersprechen, da dachte er daran, wie er sich früher gefühlt hatte, wenn seine Eltern ihm Vorschriften gemacht hatten. Er konnte sich noch lebhaft an seine Smartphoneverbotszeiten erinnern oder an das eine Mal, als er ein Footballspiel seiner Lieblingsmannschaft nicht zu Ende hatte sehen dürfen, weil es angeblich zu spät für ihn gewesen war, um weiter aufzubleiben. Ja, er kannte das Gefühl nur zu gut.

„Na schön mein Sohn, ich gehe mit dir dahin. Aber nur unter der Bedingung, dass du auf mich hörst, wenn wir da draußen sind. Wenn ich dir sage, du sollst etwas nicht anfassen, dann tust du‘s auch nicht. Und wenn ich dir sage, bleibe auf dem Weg, dann tust du das auch!“

„Alles klar Dad“, sagte Josh in hörbar zufriedenem Ton und nahm noch einen Zug aus der Schüssel. Liam konnte das Grinsen im Gesicht seines Sohnes nicht mit einer Unschuldsmiene verwechseln, die Josh geschwind aufgesetzt hatte, als er den Blick seines Vaters bemerkt hatte und musste ebenfalls kurz in sich hineinlächeln. Waren nicht alle Jungen in diesem Alter gleich?

Er schaute aus der Höhle und in die Ferne. Von seinem Standpunkt aus konnte er den kleinen Bach und das Wäldchen erkennen, hinter dem sich die weite Wiesenlandschaft auftat. Zur linken sowie zur rechten Seite erstreckten sich mehr oder minder mit Büschen und Sträuchern bewachsene, hügelige Ebenen. In seinem Rücken auf der anderen Seite des Bunkers befand sich die dicht von Wäldern bewachsene Seenlandschaft, von der man gar nicht erwarten würde, dass sich dort kleine, glitzernde Seen wie schimmernde Farbtupfer unter der grünen Baumdecke in die Landschaft einfügten. Sie lagen durch den Wald gut versteckt und waren aus der Ferne nicht zu erkennen.

Hatte man diesen Wald komplett durchquert, gelangte man an den Fuß der Bergkette, an dem sich auch Josa Creek befand. Die Bergkette durchzog das, vom Bunker aus gesehen westliche Gelände, während die offene Wiese jenseits des kleinen Wäldchens in östlicher Richtung lag. In nördlicher wie südlicher Richtung waren die beiden nach langem Fußmarsch schließlich umkehrt, da kein Ende in Sicht gewesen war und sie es bis zum Abend wieder zum Bunker schaffen wollten.

Ein lauwarmer Tag neigte sich nun seinem Ende zu und Liam dachte sich im Stillen: „Im Allgemeinen müsste ich dankbarer dafür sein, dass wir so gut davongekommen sind“, und kehrte wieder in den Bunker zurück. Der Lianenvorhang war in kalten Nächten unersetzlich für sie und mit der Zeit war er so dicht geworden, dass er ganz brauchbar isolierte und auch bei stürmischem Wetter stabil blieb.

„Ok Buddy, es wird Zeit fürs Bett. Wenn wir das Abenteuer morgen auf uns nehmen wollen, müssen wir gut ausgeruht sein.“

„Alles klar Dad“, kam eine gähnende Antwort aus dem hinteren Teil der Höhle zurück, in dem sich ihre kuschlige Ecke befand. Hier hatten sie einige Decken und Kissen auf einen Haufen geworfen und konnten sich, wenn es nötig war, dick einmummeln. Joshs Kopf lugte aus dem Berg von Kissen gerade noch hervor und er hievte sich mit einem langgezogenen Seufzen hoch. Beide krochen in ihre Schlafsäcke, die schon etwas ausgebeult waren, und deckten sich zu.

Liam überlegte, wie es ihm wohl an diesem heutigen Abend ergangen wäre, wenn all dies nicht geschehen wäre. Wäre es vielleicht ein Samstagabend und würde er sich zusammen mit Josh ein Footballspiel ansehen? Wahrscheinlich nicht, im Sommer hätten sie wohl nicht gespielt. Dennoch statt eines warmen Betts daheim und einer Pizza auf dem Tisch, lagen sie hier auf dem Höhlenboden und ernährten sich zum Großteil von Beeren und gelegentlich von kleinen Tieren, für die ihre Jagdkünste ausreichend waren.

Es ist eigentlich unglaublich, wie gut Josh all das hier wegsteckt, dachte er bewundernd. Seine Laune war früher meistens schon im Keller gewesen, wenn er eine Stunde weniger hatte fernsehen dürfen oder noch sein Zimmer hatte aufräumen müssen.

„Josh?“, sagte Liam in die Stille hinein.

„Ja Dad?“, kam eine schläfrige Antwort zurück.

„Auch wenn ich manchmal streng mit dir bin, glaube mir, es gibt Gründe dafür. Aber ich bin unheimlich stolz, wie gut du damit umgehst. Du hast dir unser kleines Abenteuer morgen verdient!“

„Danke Dad. Wir passen schon auf. Bisher ist doch noch nie etwas passiert.“

Da hatte er recht und dieser Gedanke gab Liam auch ein besseres Gefühl für ihre morgige Unternehmung. Nun fühlte auch er sich bereit und verspürte ein Fünkchen des Abenteuerdranges, den er von früher her kannte. Wie viel von diesem Drang musste Josh wohl in sich haben?

2

Es war ein schöner, sonniger Frühlingstag. Der Garten glich einer Idylle und die vereinzelt vorbeiziehenden Wolken trübten seine Laune kaum. Liam drehte sich um und da stand sie. Annie, seine Frau, hatte die Arme vor dem kleinen Josh verschlungen und lächelte im Sonnenschein. Liam ging auf die beiden zu und umarmte sie nacheinander. Sein Glück schien perfekt.

„Daddy, fahren wir heute ins Schwimmbad? Fahren wir?“, fragte Josh aufgeregt herumhüpfend.

„Aber sicher mein Großer, das haben wir doch gestern so abgemacht!“ Auch Liam freute sich auf den kleinen Ausflug, darauf mal wegzukommen von der Arbeit und die Zeit mit der Familie zu genießen. Was konnte es schöneres geben?

„Ich packe schon mal den Ball und die Frisbee ein, die brauchen wir nachher!“, rief Josh mit Übereifer und war schon im Haus verschwunden. So aufgeregt ist er doch sonst nicht, dachte Liam, aber freute sich gleichzeitig über die Begeisterung, die in Joshs Augen glühte.

„Hast du die Handtücher und die Badesachen schon zusammengepackt?“, fragte Liam an Annie gewandt.

„Alles schon seit gestern gepackt, Schatz. Entspann dich und lass vor allem mal dein Handy zu Hause! Du kommst ja gar nicht mehr weg von der Arbeit“, antwortete Annie und sah Liam mit leicht besorgtem Blick an. Dieser Blick gefiel ihm nicht und um einer Diskussion aus dem Wege zu gehen, ließ er sein Gegenargument unausgesprochen und legte sein Smartphone auf den Küchentisch.

„So, da bleibt es heute“, sagte er mit entschlossener Stimme und warf ihr einen siehst-du-ich-brauche-das-Ding-nicht-andauernd-Blick zu. Eine Nachricht poppte auf dem Bildschirm auf. Liam schenkte dem Ganzen nur kurze Beachtung, irgendetwas aus den Nachrichten. Josh kam ins Wohnzimmer gelaufen und fragte mit verwunderter Miene: „Seid ihr immer noch nicht fertig? Ich hab‘ den Ball gefunden, Dad.“

Er grinste breit, umarmte die Hüfte seines Vaters und konnte seine Vorfreude nicht im Ansatz verbergen.

„Junge, junge, du hast es ja eilig, so schnell schließt das Freibad schon nicht.“

„Ja, aber sie machen den Sprungturm doch um 18 Uhr zu. Da haben wir nicht mehr viel Zeit!“

„Bis 18 Uhr haben wir noch fünf Stunden Zeit Josh“, sagte Liam mit einem Glucksen in der Stimme, aber er konnte seinen Sohn verstehen. Wieso dauert das denn so lange, hatte er sich früher auch immer gefragt und es nie verstehen können, wenn seine Mutter gesagt hatte: „Geh doch noch kurz spielen. Ich brauche noch ein bisschen, bis ich fertig bin.“

Josh war zum Auto gelaufen und versuchte nun immer wieder, eine der hinteren Türen aufzubekommen. Damit drückte er unmissverständlich seine Ungeduld aus und Liam beeilte sich zum Wagen zu kommen.

„Ach verdammt, die Schlüssel sind noch im Haus“, sagte er etwas kleinlaut und so, dass nur Annie ihn hören konnte. „Ich bin sofort wieder da“.

Er ging durch die hohe mit einem silbernen Metallrahmen eingefasste Eingangstür und befand sich in dem weitläufigen Flur, der linker Hand zur gefliesten Küche führte und an seinem Ende in ihrem Wohnzimmer mündete. Schnellen Schrittes ging er hinein und schaute sich um. Kein Autoschlüssel in Sicht. Er sah auf den Kaminsims, auf den Fernsehtisch, ließ seinen Blick über die Fensterbänke schweifen und kroch sogar auf dem Boden herum.

„Verflucht nochmal“, murmelte er leise, als er auch unter dem Sofa nicht fündig wurde. In der Küche lag eine Menge Krimskrams verstreut, besonders in der Nähe des Kühlschranks. Dutzende Zettel mit Magneten an den Kühlschrank gepinnt, luden seinen Blick auf sich. Inmitten dieser Papierflut stach ein unordentlich abgerissenes, kariertes Blatt heraus, das mit zackigen Figuren bemalt worden war. Drei schiefe Gesichter lachten ihm entgegen. Zwei etwas größere und ein kleines in der Mitte. „Für Mum und Dad“, stand dort in recht krakeligen, ungleichen Buchstaben geschrieben. Er durchstöberte hektisch die zwei Taschen, die zum Teil noch mit den Resten des letzten Einkaufs gefüllt waren, doch auch hier wurde er enttäuscht.

„Das gibt es doch nicht“, fluchte er vor sich hin, als er wieder ins Wohnzimmer und anschließend die Wendeltreppe hochrannte. Hier in der ersten Etage befand sich neben den Schlafzimmern des Hauses auch das Bad und eine Abstellkammer. In ihrem Schlafzimmer war kein Schlüssel aufzufinden, weder auf dem Nachttisch noch auf oder unter dem Bett. Oder war es möglich, dass Josh den Schlüssel aus Jux weggenommen und ihn irgendwo in seinem Zimmer versteckt hatte? Er stürmte in das kleine, gemütliche Kinderzimmer. Neben dem Hochbett, in dem Josh oft Pirat auf seinem uneinnehmbaren Schiff spielte, gab es einen Stuhl und einen Schreibtisch in kindgerechter Höhe, wenn es bisher auch eher ein Maltisch gewesen war. Eine gesamte Seite des Zimmers nahm ein gut gefüllter Kleiderschrank ein. Auf dem weichen Teppich kniete Liam sich hin und lugte unter das Bett, den Schreibtisch und den Schrank. Keine Spur von einem Autoschlüssel. Allmählich verlor Liam die Geduld. Wie lange mochte er schon suchen? Der Schlüssel war doch sonst nicht zu übersehen. Neben dem elektronischen Autoschlüssel baumelten daran auch diverse Schlüssel seiner Arbeitsstelle und des Sportvereins, weshalb diese Ansammlung klimpernden Metalls nicht allzu unauffällig und leicht zu verlieren war, wie ein einzelner Schlüssel.

Von draußen hörte er Annie rufen: „Liam, wo bleibst du denn?“

Er eilte zum nächstgelegenen Fenster in ihrem Schlafzimmer, das zur Straße hinzeigte. Er bedeutete ihr mit einer schulterzuckenden Geste, dass er bisher nicht fündig geworden war und eilte wieder nach unten. Da traf es ihn wie ein Schlag. Er konnte seinen Augen nicht trauen, denn der Schlüssel lag mitten auf dem Boden im Flur. Wie konnte Liam ihn die ganze Zeit übersehen haben? Na jetzt aber los.

Er lief zur Tür und riss sie auf. Zumindest wollte er das tun. Die Tür war verschlossen. Was zum Teufel ging hier vor sich?

„Annie, die Tür ist zu. Mach mir auf!“ Doch bevor Annie antworten konnte, geschah es. Liam sah ein helles Licht durch die Fenster scheinen. Er rannte aus dem Wohnzimmer, durch die Schiebetür und durch den Garten, bis er das kleine, schon etwas ältere, hölzerne Gartentor erreichte. Er machte sich nicht die Mühe es aufzudrücken, sondern sprang mit einem Satz darüber hinweg. Durch das helle Licht waren Josh, Annie und das Auto schon fast nicht mehr zu erkennen. Er schrie auf, schrie, wie er nie zuvor geschrien hatte. Er wollte schneller rennen, immer schneller, doch bevor er sie erreichen konnte, verschlang das Licht sie alle in dem unwirklichsten aller Dünste.

Er ging barfuß auf der warmen Straße. Andere Kinder hätten dies sicher nicht geschafft, doch ihm machte es nichts aus, mit brennenden Sohlen über den beinahe zu heißen Asphalt zu schlendern. Eine grandiose und wahrscheinlich einmalige Fähigkeit, wie er stolz in sich hineindachte.

„Jooosh, Schatz, komm rein. Ich habe dir einen kalten Kakao gemacht.“ Er drehte sich auf der Stelle um und rannte los. Kalten Kakao im Sommer unter dem Sonnenschirm in Grandmas Garten zu trinken, war wahrlich das Beste an den fünf Tagen, die er zusammen mit seiner Großmutter Gwendolyn verbrachte. Seinen Großvater hatte er nie kennengelernt und irgendwie konnte er sich ihn auch gar nicht vorstellen. Seine Grandma war für ihn perfekt, auch wenn sie allein lebte. Heute war sein erster Tag bei Grandma und beide waren auf ihre Art aufgeregt und freuten sich schon auf den Abend. Sie hatte Josh versprochen, dass sie viele Spiele spielen würden und was er noch nicht wusste, seine Grandma hatte ein wunderbares, rotes Feuerwehrauto für ihn gekauft. Das perfekte Geschenk für einen fünfjährigen, abenteuerlustigen Jungen. Er würde große Augen machen, wenn er das Auto entdeckte, das sie in der Mitte seines Schlafzimmers platziert hatte.

„Wie war deine erste Ferienwoche?“, fragte Gwendolyn ihren Enkel, als sie beide vor Wärme leicht schwitzend unter dem schönen, blauen Sonnenschirm auf dem Rasen saßen. Echte Ferien hatte er zwar noch nicht, schließlich ging er noch in den Kindergarten, doch er störte sich nicht weiter an dem Ausdruck.

„Es war echt lustig, Patrick hat seiner Schwester ein Kaugummi in die Haare geklebt“. Josh gluckste vor sich hin und auch Gwendolyn, der das kleine Mädchen, das sie gar nicht kannte, leidtat, lächelte ihn an. Sie war froh, ihren kleinen Liebling wiederzuhaben. Es war eine lange Zeit gewesen, in der sie sich mit Kreuzworträtseln, Fernsehen und Bingo spielen abgelenkt hatte.

„Kommst du denn mit allen deinen Freunden gut aus?“, wollte sie wissen.

„Naja, Corby ist manchmal echt gemein zu mir. Aber das ist er zu allen und deshalb hab‘ ich mit ihm auch keine Murmeln getauscht!“

Die Kinder von heute spielten also noch mit Murmeln. Das hatte Gwendolyn in ihrer Kindheit schon gerne gespielt. Eigentlich schön, dass die Kinder vor lauter Technik noch nicht die Spielzeuge zum Anfassen vernachlässigten. Zumindest noch nicht in seinem Alter.

„Was möchtest du denn heute als erstes spielen, mein Schatz?“, fragte sie mit einem einnehmenden Grandmalächeln. „Erinnere dich, wir haben doch heute einen wahren Marathon vor uns“.

„Was ist das, ein Marathon?“, fragte Josh mit einem etwas skeptischen Gesicht.

„Marathon kannst du zu Dingen sagen, die du ganz lange durchhalten musst. Und weil ich dir versprochen habe, dass wir heute ganz viele Spiele spielen, ist das ein Spielemarathon“. Josh sah sie ein paar Sekunden mit fragendem Blick an und rief schließlich: „Ich will Mikado spielen!“

Sie gingen auf die gepflasterte Terrasse und Gwendolyn stellte zwei Stücken herrlich anzusehenden, sahnigen Kirschkuchen auf den Tisch. Josh hatte plötzlich und völlig unerwartet nur noch Augen für seinen Teller. Sie grinste in sich hinein und freute sich über das Funkeln in seinen Augen.

„Warte Schätzchen, ich mache dir noch einen Kakao.“

Während Josh drauflos löffelte, durchquerte sie ihr Wohnzimmer und ging zur Küche. Sie schaltete den Ton des Fernsehers ab, der noch eingeschaltet war und zauberte die nächste Tasse duftenden Kakao. Das absolute Highlight für Josh war die dünne Schicht Schokostreusel auf dem Schaum der Tasse, mit der Gwendolyn ihre Kakaokreationen garnierte. Sie ging zurück durch das Wohnzimmer und warf einen nervösen Blick hinüber zum Fernseher.

„Auja, noch ein Kakao.“ Josh strahlte. Er hatte offenbar gar nicht mitbekommen, dass sie eine neue Tasse holen gegangen war und nun wusste sie auch, womit er so sehr beschäftigt gewesen war.

„Wo ist denn der Kuchen hin, Schatz?“ Josh tauchte aus den Tiefen der Micky-Mouse-Tasse auf und gurgelte durch seinen Milchbart ein: „Öhm, was für ein Kuchen?“

Beide lachten nun laut auf und man hätte nicht mit Sicherheit sagen können, welcher der beiden in diesem Moment glücklicher gewesen war.

Als er seinen Kakao ausgetrunken hatte, rauschte Josh an seiner Grandma vorbei, durch die Pforte aus etwas wüst gewachsenen Hecken hindurch, zu einem Windspiel, das er, seit er sich erinnern konnte, faszinierend gefunden hatte. Er beobachtete gerne die, sich schlängelnden tiefblauen Spiralen, die in der leicht wogenden Brise das Sonnenlicht reflektierten. Ganz in der Nähe hatte Gwendolyn ein Vogelhäuschen aufgestellt und wenn er ruhig und geduldig war, konnte er sowohl das Windspiel als auch die Vögel von seiner Position aus beobachten. Ganz plötzlich und ohne das geringste Anzeichen wurde der Himmel von einem gleißend hellen Licht erfüllt. Er hörte seine Grandma rufen: „Josh, komm ins Haus, schnell!“

Er stand auf und musste sich die Hände vors Gesicht halten um eine vage Orientierung zu haben, in welche Richtung er laufen sollte. Alles war auf einmal verwirrend für ihn. Was passierte hier? Das Licht wurde heller und intensiver und seine Augen schmerzten, obwohl er sie nur einen Spalt weit geöffnet hatte. Jemand packte ihn am Arm und zog ihn mit sich. Völlig unvermittelt stand er in Grandmas Wohnzimmer. Er wäre wohl am Haus vorbeigelaufen, wenn sie ihn nicht gepackt hätte.

„Komm mit, wir müssen nach oben!“, hörte er die Stimme seiner Großmutter schreien. Ein entferntes Grollen ließen Josh die Haare zu Berge stehen und er verspürte mit einem Mal eine unbändige Angst. Er klammerte sich an seine Grandma, als sie die Treppe hinaufliefen. Die Wand zu ihrer Linken bekam tiefe Risse und spaltete sich im Bruchteil einer Sekunde. Sie erreichten gerade noch das obere Ende der Treppe, als ein Donnerschlag unvorstellbarer Gewalt auf sie einbrach. Er sah noch, wie die Brille seiner Grandma durch die Luft flog, wie die einzelnen Teile des Dachs in alle Richtungen geschleudert wurden und ein rotes Feuerwehrauto sanft und friedlich an ihm vorbeischwebte. Im nächsten Moment verschlang das gleißende Licht alle dagewesenen Konturen und Farben, ja sogar den Lärm und hüllte seine Welt in ein grenzenloses Nichts.

Es war schwer zu sagen, wer von ihnen zuerst erwachte. Beide schienen zunächst etwas verwirrt und blickten sich um. Draußen tobte ein Gewitter und ein Donnerschlag jagte den anderen, ohne dass es bisher angefangen hatte, zu regnen.

„Guten Morgen, Josh“, sagte Liam und ging, nachdem er sich kurz gestreckte hatte, zum Höhleneingang hinüber und schaute durch den flatternden Vorhang.

Ein dunkler, fleckiger Himmel blickte ihm entgegen. Er verhieß eine Mischung aus Kälte und Nässe und Liam verspürte keinen Drang, sich weiter draußen umzusehen. Josh war indes hellwach geworden und erzählte seinem Vater aus etwas verängstigten Augen: „Dad, ich hatte wieder diesen Traum von dem Licht. Ist das das Zeichen, dass sie kommen?“

„Nein Josh, das ist Vergangenheit, sie werden nicht mehr wiederkommen.“

„Woher willst du das wissen, sie waren doch bloß einmal hier, richtig? Warum sollten sie nicht wiederkommen? Das Licht war doch damals auch da, als sie gekommen sind, oder nicht?“

„Ok Josh, du hast recht, ich kann natürlich nicht hundertprozentig sagen, ob sie nicht vielleicht doch wiederkommen, aber ich halte es für unwahrscheinlich. Was hast du denn geträumt, dass du heute Morgen so neugierig bist?“

„Ich habe geträumt, dass ich bei Grandma war und dann ist dieses Licht gekommen und es war auf einmal ganz stürmisch“, fasste Josh sehr knapp zusammen.

„Großer, das war nur ein Traum. Ich weiß, dass du ihn öfter hast, aber das heißt doch nichts. Träume sind doch immer etwas verwirrend und durcheinander.“ Josh schwieg. Es hatte keinen Sinn mit seinem Vater weiter darüber zu diskutieren. Liam versicherte ihm immer wieder aufs Neue, dass er nicht so viel auf seine Träume geben sollte. Für ihn fühlte es sich nur so nah, so real an. Er konnte sie nicht einfach ignorieren. Vor allem, wenn dies tatsächlich ein Zeichen ihrer Rückkehr war. Wie konnte sein Vater sich so sicher sein, dass sie nicht zurückkehren würden? Mit welchem Argument wollte er diese Aussage stützen?

Liam begann einen ordentlichen Haufen Heidelbeeren für das Frühstück zu zerstampfen. Ein geringer Rest des Tees war noch vorhanden, sodass sie einigermaßen satt werden würden und ihren Durst stillen konnten, ohne den Bunker verlassen zu müssen. Liam dachte erneut an Joshs Frage. Sein eigener Traum hatte einen beängstigend ähnlichen Ausgang gehabt. Doch wie sollte er mit Josh vernünftig über das Thema reden, ohne zu konfus zu werden oder ihn zu verwirren? Es war wahrlich ein schwieriges Thema und Liam wüsste selbst nicht, wie er das Ganze an Joshs Stelle aufnehmen würde.

„Dad, in meinem Traum hat es auch gedonnert“, setzte Josh erneut an. „Sie würden doch vom Himmel kommen oder etwa nicht?“

„Willst du etwa, dass sie wiederkommen? Sie sind gefährlich, Josh. Was meinst du, weshalb wir geflohen sind?“

„Das verstehe ich eben nicht, Dad. Woher weißt du denn, ob sie gefährlich sind, wenn wir von Anfang an vor ihnen geflohen sind.“ Josh schaute seinen Vater mit siegessicherer Miene an, erwartete, dass er dieses Argument nicht ausschlagen konnte und ihm beipflichten würde. Liam überlegte genau, was er seinem Sohn antworten sollte und verfluchte innerlich diese anstrengende kindliche Logik. Die gesamte Wahrheit kannte er ja auch nicht, kannte wohl inzwischen niemand mehr. Letztendlich entschied er sich dazu, mit einem kurz angebundenen: „Wir reden später darüber“, zu antworten, was für Josh mehr als unbefriedigend war.

Er schmollte die nächste Stunde in einer Ecke der Höhle und würdigte seinen Vater keines Blickes. Liam konnte ihn ja verstehen, doch diese unsinnige Diskussion nun weiter fortzuführen, brachte Josh keine neuen Erkenntnisse und ihnen beiden keinen Nutzen.

Mittlerweile war das Gewitter weitergezogen, geregnet hatte es nur kurzzeitig. Wenn er Josh nun wieder enttäuschen musste, indem er ihm erklärte, es sei aufgrund des schlechten Wetters zu gefährlich, um ihren kleinen Ausflug zu starten, konnte er für den Rest des Tages nicht mehr mit einem ausgeglichenen und fröhlichen Josh rechnen.

„Wann wollen wir aufbrechen?“, fragte Liam unvermittelt und sah wie sich Joshs Miene etwas aufhellte.

„So bald wie möglich“, kam eine doch etwas trotzige Antwort aus dem hinteren Teil der Höhle.

„Dann ist ja alles klar zum Entdecken!“, rief Liam mit einer Stimme wie ein Pirat, der sich mit seiner Crew auf den Weg machte, einen Schatz zu suchen und über Joshs Gesicht huschte ein kurzes Lächeln. Sie traten aus dem Bunker und ins Freie.

„Ich finde, wir sollten den direktesten Weg durch den Wald nehmen, dort finden wir mit etwas Glück auch ein paar Beeren oder sogar Äpfel als Wegproviant“, sagte Liam und Josh nickte kurz, um seine Zustimmung kundzutun.

Sie stiegen den kleinen Hügel hinunter, auf dem sich der Bunker befand und überquerten den schmalen Bach. Nun, da der Spätsommer angebrochen war, führte das Gewässer deutlich mehr Wasser, als in den kälteren Jahreszeiten und das Plätschern, welches die seichten Wogen verursachte, verlieh der gesamten Kulisse, im Zusammenspiel mit dem Zwitschern der Vögel und den allmählich aus der Wolkendecke durchbrechenden Sonnenstrahlen einen wahrhaftig idyllischen Gesamteindruck. Liam stellte sich vor seinem inneren Auge den Lärm, den Smog und die Fülle einer asiatischen Großstadt im Kontrast zu dieser friedlich anmutenden Landschaft vor und kam erneut zu dem Schluss, dass es sie schlimmer hätte treffen können.

Während sie das kleine Wäldchen gen Osten durchquerten, konnten sie tatsächlich einen Himbeerstrauch ausfindig machen und stopften ihre Taschen randvoll mit den gut gewachsenen Früchten. Das Wäldchen war zu dieser Jahreszeit buchstäblich eine Oase. An den Wurzeln der dicht stehenden Bäume, die an einigen Stellen nur wenig Licht durchließen, blühte eine große Vielfalt an Blumen, Sträuchern, Kräutern und Ranken, die sich ihren Weg an den Bäumen hoch zur Sonne bahnten. Auch eine beträchtliche Anzahl Tiere lebte in und um diesen grünen Fleck herum.

In all der Zeit hatten sie Füchse, Hasen, Eichhörnchen und einmal sogar ein Rudel Wölfe gesehen. Obwohl sie ihr Jagdgeschick stetig hatten verbessern können, war es ihnen nur einmal gelungen, ein Wildschwein zu erlegen. Liam erinnerte sich an das anschließende Festessen. Es hatte sie viel Arbeit gekostet, die bekömmlichen Teile von den weniger genießbaren zu trennen und das Fleisch in der Schüssel zu garen. Als sie den Dreh einmal herausgehabt hatten, hatten sie es mit Kräutern und Gewürzen verfeinert.

Beinahe eine komplette Woche hatten sie damals davon zehren können, erinnerte sich Liam zurück.

Deutlich öfter gelang es ihnen allerdings unachtsame Eichhörnchen oder Truthähne zu erlegen, sodass sie nicht ausschließlich von vegetarischer Kost leben mussten. Zu Beginn war es ihnen schwergefallen, die Tiere zu töten, doch der Nutzen des Fleisches hatte ihre Hemmungen mit der Zeit beiseitegeschoben. Man konnte die beiden als Jäger und Sammler bezeichnen, die aber keineswegs nur auf gut Glück und ohne Ausrüstung auf die Pirsch gingen. Auch hierbei half ihnen das „Überleben-in-der-Natur-für-Profis“-Set. Es stellte mehrere Messer, ein Netz, einen Kompass, drei Seile in verschiedenen Maßen, einen langen, zusammenschraubbaren Metallstab und den Feuerstick zur Verfügung. Mit dem Netz hatten sie es schon so manches Mal geschafft, Vögel und Eichhörnchen einzufangen.

Der Stab eignete sich ideal dazu, das Fleisch anschließend gleichmäßig zu garen. Und er bot noch einen weiteren Vorteil. Er hatte eine Art Aufsatz an beiden Enden, an welchen Liam eine aus Holz geschnitzte Spitze befestigt hatte. Somit war der Stab auch als Speer gut zu gebrauchen, um kleine Tiere aus der Entfernung aufzuspießen. Sie erreichten den Rand des Waldes und Josh ging ohne zu zögern weiter auf die ersten Ausläufer der Wiese zu. Liam schaute sich suchend um, konnte aber keinerlei Bedrohung ausfindig machen. Die Wiese war eine flache, weitläufige Ebene, die höchstens an einigen Stellen, an denen vereinzelte Bäume gewachsen waren, Deckung bot. Sie passierten einen schmal aufragenden Felsen und Josh kletterte hinauf, um Ausschau zu halten.

„Da hinten ist ein Wald, Dad“, rief Josh von der Spitze des Felsens hinunter. Auch Liam konnte die grünbraune Wand in der Ferne erkennen. Er schätzte, dass sie bis dorthin noch ungefähr eine Stunde Fußmarsch vor sich hatten.

„Meinst du, wir können ihn uns mal ansehen?“, fragte Josh, als er mit einem Sprung wieder auf dem grasbewachsenen Boden der Wiese landete. Liam wägte das Risiko ab. Sich noch eine weitere Stunde Fußmarsch vom Bunker zu entfernen, stellte schon eine gewisse Gefahr dar.

Falls irgendetwas Unvorhergesehenes geschah, konnten sie nicht in kürzester Zeit wieder zu Hause sein. Andererseits konnte er Josh nun kaum begreiflich klarmachen, dass sie doch lieber umdrehen sollten. Er würde sicher erwidern: „Aber Dad, wir sind doch gerade erst losgegangen.“

„Ja, warum nicht. Wir sollten uns allerdings beeilen, damit wir wieder am Bunker sind, bevor es dunkel wird“, antwortete Liam seinem Sohn, dem die Neugier ins Gesicht geschrieben stand. Er freute sich, das Abenteuer noch ein wenig ausweiten zu können und vor allem, dass sein Vater nichts einzuwenden hatte. Vorbei an grasbewachsenen Hügeln, auf denen kleine Baumgruppen standen, marschierten sie der langsam näherrückenden, hoch aufragenden Wand entgegen.

„Dad? Was meinst du, wie es Mum und Grandma geht?“, fragte Josh ganz nebenbei. Liam lief es kalt den Rücken hinunter. Auf diese Frage war er so spontan nicht vorbereitet gewesen, aber die Antwort hatte er in der Vergangenheit schon so oft gegeben, dass sie ihm fast von selbst über die Lippen kam.